Mittwoch, 26. November 2014

Friedrich von Spee: O Heiland, reiß die Himmel auf.

Nahe am Advent ist es durchaus angebracht, sich einmal mit einem Klassiker des Kirchenlieds und dessen Autoren zu beschäftigen. Den dieser, der Jesuit Friedrich von Spee, war weitaus aktiver als nur als Dichter von Messgesängen. Dies zeigt sich exemplarisch in seinem kleinen Meisterstück O Heiland, reiß die Himmel auf:

Der Text des Liedes

O Heiland, reiß die Himmel auf,/Herab, herab, vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tür und Tor,/Reiß ab, wo Schloß und Riegel für.
O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,/Im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus/Den König über Jakobs Haus.
O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,/Dass Berg und Tal grün alles wird.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,/O Heiland, aus der Erden spring.
Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt,/Darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,/Komm tröst uns hier im Jammertal.
O klare Sonn, du schöner Stern,/Dich wollten wir anschauen gern;
O Sonn, geh auf; ohn Deinen Schein/In Finsternis wir alle sein.
Hier leiden wir die größte Not,/Vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand/Vom Elend zu dem Vaterland.

Ein Klassiker der Adventsmusik

Wer sich zu diesem schlicht erscheinenden Text noch die tiefe und leicht melancholische Melodie hinzudenkt, dem wird das Lied einen tiefen Eindruck hinterlassen. Worin besteht nun die Besonderheit dieses Adventsgesangs, die ihn in eine Reihe stellt mit Tauet, Himmel den Gerechten, Es kommt ein Schiff geladen und dem leider etwas überstrapazierten Macht hoch die Tür’ und ihn doch von diesen völlig unterscheidet?
Mehrerlei Dinge fallen auf. Spees Sprache ist recht drastisch, teilweise gewaltsam, in jedem Falle sehr dynamisch: reiß, brecht, schlag, spring. Kein geruhsames Öffnen von Toren, kein gemächliches Herabtropfen des Taues (eine Metapher für den Gottessohn, vgl. in der römischen Liturgie die so genannten Rorate-Messen), kein Heranfahren eines schwer beladenen Schiffes.

Hexenverfolgung, Pest, Krieg – aber wo ist Gott?

Noch mehr Hintergrund in:
Karl-Jürgen Miesen: Friedrich Spee.
Priester, Dichter, Hexenanwalt.
Düsseldorf: Droste 1987.
Die Welt des Dichters Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635), eines Jesuitenpaters, ist völlig undurchschaubar geworden. Hineingeboren in eine bereits konfessionell völlig verfeindete Gesellschaft, erlebte er die Hochzeit der deutschsprachigen Hexenverfolgung, die ihn zutiefst entsetzte, im Alter von 27 Jahren brach der Dreißigjährige Krieg aus, Spee wird zur Pflege Pestkranker eingesetzt. Der junge Novize wollte diesem Chaos entfliehen, doch seine Gesuche, in der indischen Mission seinem Orden zu dienen, wurden abgelehnt.

Gegen die Hexenverfolger...

Spee stellte sich seinen Aufgaben in der Heimat und hat ein beeindruckendes Werk hinterlassen. Berühmt ist er noch heute für die einflussreichste Schrift wider die Hexenverbrennungen, Cautio Criminalis, anonym veröffentlicht, doch der Autor wurde bald bekannt – nicht gerade zur Freude seiner Vorgesetzten. Der junge Pater hatte selbst den Prozessen beigewohnt, in Würzburg, einer der Metropolen des ausufernden Wahns. Vorsichtig formulierte er, er könne bei keiner der Beschuldigten mit Sicherheit behaupten, er sei von ihren angeblichen Taten überzeugt. Dezidiert sprach er sich gegen die Anwendung der Folter aus.

... aber für die Gegenreformation

Er wurde in eine kleine rheinische Gemeinde versetzt, um dort gegenreformatorisch zu wirken, auch dieser Aufgabe widmete er sich – nicht ohne Härte aus Überzeugung – mit ganzem Einsatz und Erfolg. Hierdurch machte er sich wiederum keine Freunde, auf dem Weg zwischen den Dörfern seiner Pfarrei wird er eines Tages überfallen und schwer verletzt. Für Friedrich Spee gab es letztlich keinen passenderen Tod, als bei der Pflege von Pestkranken in Kriegszeiten sich selbst zu infizieren, er starb im Alter von 44 Jahren in Trier.

Katholische Barockdichtung

Dieser kurze biographische Abriss erhellt die Sprachverwendung eines Dichters, der neben Angelus Silesius als der einzige bedeutende deutschsprachige Barockdichter des Katholizismus gilt, was ihm einen Auftritt in Günter Grass’ Treffen in Telgte verschafft, einer imaginären Zusammenkunft der deutschen Lyriker des Barock. Spee bedient sich einer Sprache der Gewalt, die ihm aus dem Alltag vertraut ist. Doch versucht er sie gerade gegen diese Welt umzukehren, wie ihm überhaupt daran gelegen ist, der momentanen bekannten und zerbrochenen Ordnung einen Entwurf gegenüberzustellen, der jedoch derzeit unerreichbar weit entfernt scheint.

Aus der Zeit der Verzweiflung

Informative Kurzbiographie:
Walter Rupp: Dichter und Kämpfer
gegen den Hexenwahn. Mainz: Topos 2011.
Was an dem Lied so tief berührt, ist die darin spürbare quälende Sehnsucht, auch sie bedingt die starken Verben und die mehrfachen Aus- und Anrufe, besonders eindrücklich das mehrfache ach. Das ist mehr als die Jenseitspose der vielen anderen bekannten Gedichte dieser Zeit. 1622, zur Zeit der Entstehung, herrscht seit fünf Jahren ein Krieg, der seinen Höhepunkt längst noch nicht erreicht hat, Frieden ist nicht abzusehen.
Was Spee so sympathisch macht, ist auch die spürbare Verzweiflung. Hier spricht nicht ein von sich überzeugter Kleriker, der schalen Trost spenden will, besonders in der vierten Strophe ist zu spüren, dass Spee nicht frei war von Gefühlen der Gottverlassenheit, kaum verwunderlich bei den allgemeinen und persönlichen Niederschlägen, die er erleben musste. Beim Lesen und Hören des Liedes hat man oft das Gefühl, der Autor steht auf einer Kippe zwischen absoluter Verzweiflung und einem winzigen Rest von Hoffnung. Der ewig Tod, den er vor Augen sieht, die Angst, ist der Sturz in die ‚Krankheit zum Tode’, wie es Kierkegaard nannte, die Verzweiflung. Spee hofft; vielleicht weil er sich selbst nicht mehr sicher war.
Alle Bewegung geht auf das lyrische Ich zu, gehandelt wird nur von der Seite des angerufenen Gottes – bzw. wird dessen Handeln erwünscht. Das Kommen des Erlösers, es wird nur noch passiv erwartet, in einer Gesellschaft, die versagt hat. Unterschwellig kritisiert Spee auch die Politik, König und Vaterland haben bei ihm nur noch jenseitige Qualität, der Mensch hat sich dieser schutzverheißenden Obrigkeit als nicht würdig erwiesen.

Ein Ausweg?

Friedrich Spee ist einer großen Kleinen, die kaum ins allgemeine Bewusstsein vordringen. Auch die Amtskirche hat daran ihren Anteil: bis heute kam das Seligsprechungsverfahren des Jesuitenpaters nicht zu einem Abschluss. O Heiland, reiß die Himmel auf mit seiner verzweifelten Sehnsucht ist aktueller denn je. Und auch die Antwort, die es geben kann. Wie Spee nicht dem Nihilismus verfallen ist, weil er als gläubiger Katholik darauf vertraute, dass das Versprechen eingelöst wird.

Montag, 24. November 2014

Buchtipp: Kobo Abe "Die Erfindung des R 62".

Literatur aus Japan hat es nicht ganz leicht in deutschsprachigen Ländern - abgesehen von der Mangakultur für Jung und Alt und internationalen Autoren wie Kazuo Ishiguro ("Was vom Tage übrigblieb"), die auf Englisch schreiben hat vor allem Haruki Murakami dieses Feld quasi monopolisiert. Selbst ein Nobelpreisträger von 1994 wie Kenzaburo Oe ist nur Eingeweihten bekannt. So verwundert es kaum, dass ein in Japan hochangesehener Schriftsteller wie Kobo Abe bei uns kaum Bekanntheit aufweisen kann, noch dazu, wenn er sich auf ein Genre wie das der Phantastischen Literatur konzentriert. Der Suhrkamp-Verlag hatte 1997 den Versuch unternommen diesen Missstand etwas zu beheben und Abe auch den deutschen Lesern und Leserinnen schmackhaft zu machen und den Erzählband "Die Erfindung des R 62" aufgelegt. Ein kleiner Einblick in das Schaffen Abes.

Die Erfindung des R 62

Ein Ingenieur möchte seinem Leben ein Ende setzen, nachdem er seine Arbeit verloren hat. Doch ein Student hält ihn davon ab, jedoch nicht aus menschlichem Mitgefühl, sondern um ihn zu bitten, sein Leben doch einem Projekt zur Verfügung zu stellen, da er doch gewissermaßen sowieso bereits tot sei. Und so wird aus dem lebensmüden Menschen der Roboter R 62, dessen Aufgabe es sein wird, eine unglaubliche Maschine herzustellen. Das tut er auch, nur in ganz unerwarteter Manier.

Das Ei aus Blei

Ein Mann lässt sich in ein eiförmiges Gebilde einschließen, um darin 100 Jahre lang zu schlafen und anschließend frisch konserviert wiederzukehren. Doch das Ei wird verschüttet und erst nach 800 000 Jahren wiedergefunden. Der Mann lebt noch immer, doch die Menschen dieser Zeit haben sich völlig verändert - sie leben jetzt auf pflanzlicher Basis, durch ihre Adern fließt Chlorophyll, dementsprechend sind sie auch grünfarbig. Essen ist ihnen ebenso ungeheuer wie Arbeit, ihr größter Wunsch ist es, zu sterben, aber das ist ihnen erst nach 500 Jahren erlaubt. Der "Altzeitmensch" findet sich in dieser neuen Welt nicht zurecht - er flieht hinter die große Absperrung in die Welt der "Sklaven"...

Biographie einer Nixe

Ein Berufstaucher findet in einem Wrack eine eingeschlossene Nixe. Völlig fasziniert und in Bann gezogen von ihren hypnotiesierenden Augen will er sie an Land bringen. Dass sie sich offenkundig von Fleisch ernährt, sie hat die Wasserleichen aufgegessen, kommt ihn nicht seltsam, sondern hilfreich vor, denn so lockt er sie ans Ufer, wo er ihnen beiden bereits eine Wohnung gemietet hat. Fortan lebt sie bei ihm in der Badewanne, doch benimmt sich zunehmend seltsam. Und dann taucht da ein Nebenbuhler auf, der dem Taucher wie auf's Auge gleicht.

Menschengleich

Ein Radiomoderator, dessen satirische Sendung "Guten Morgen, Marsianer" von der Absetzung bedroht ist, da die Japaner gerade dabei sind, eine Mission zum roten Planeten erfolgreich umzusetzen, bekommt eines Tages Besuch von einem seiner treuen Zuhörer. Dummerweise hat dessen Frau kurz vorher angerufen, um dem Autor mitzuteilen, dass ihr Mann leider erst aus der Nervenanstalt zurück sei und zu Tobsuchtsanfällen neige. Für den Gastgeber gilt nun, den Besucher möglichst ruhig zu halten, bis dessen Frau ihn abholt. Nicht ganz einfach, denn der Gast ist überzeugt, er sei ein Marsianer. Als der Moderator auf sein Behauptung eingeht, wird der vermeintliche Marsianer erst recht mißtrauisch - womöglich hält man ihn für verrückt? Ein Geduldsspiel beginnt - und die Frau kommt und kommt nicht.

Raffinierte Gedankenwelten mit Überraschungen

Abes Erzählungen bewegen sich zwischen Phantastik und Science Fiction, im Mittelpunkt stehen aber menschliche Konfrontationen. Das eigene Menschsein wird im Aufeinanderteffen mit Robotern, Nixen, Neumenschen und Marsianern plötzlich ungewiss. Obwohl mit feiner Ironie und Liebe zu Skurillem und Groteskem sind Abes Geschichten aber doch geprägt von einem eher pessimistischen Grundgefühl, die überraschenden Wendungen am Ende der Texte haben oft etwas Drastisches. Fast schade, dass man Abe einen westlichen Autor nennen könne, so manches Mal vergisst man gar, dass wir in Japan sind - den Zugang nach Europa hätte ihm dies allerdings erleichtern können. Erleben wird er dies jedoch nicht mehr, Kobo Abe, geboren 1924, starb bereits 1993.

Kobo Abe: Die Erfindung des R 62. Erzählungen. Frankfurt/Main: 1997.

Freitag, 7. November 2014

Die Bezahlbarkeit der Welt: Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop".


Ein Roman von Rainald Goetz, erhältlich in jeder halbwegs gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung, jahrzehntelang schien sich dies auszuschließen – knapp dreißig Jahre nach seinem Debüt Irre (1983) war es dann doch so weit, mit Johann Holtrop gelang ihm der unerwartete und relative Bestseller, allseits gelobt als Dokument des Zeitgeistes – was schon absurd genug ist, da sich Goetz immer mit seiner sehr eigenen Kommentierung des Zeitgeistes beschäftigt hat. Einzige Konzession an eine größere Leserschaft seitens des Autors ist allerdings ein etwas konventioneller Realismus – gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die ständigen Gedankensprünge und Bewusstseinsströme seiner sonstigen Werke – nicht jedoch die Aufgabe eines unverhohlen subjektiven Standpunkts. Ergo muss der Erfolg des Buches daher rühren, dass Goetz’ Standpunkt derjenige ist, den – derzeit – auch viele Leserinnen und Leser einnehmen.

Wovon handelt dieser laut Untertitel doppeldeutige Abriss der Gesellschaft also? Diese so legitime wie banale Frage ist entweder kurz oder gar nicht zu beantworten. Die drei Abschnitte des Romans berichten aus dem Leben des Konzernchefs Johann Holtrop: erst die Ausübung seiner Macht an der Spitze eines Medienkonglomerats, dann sein plötzliches Scheitern und am Ende im Dauerlauf seinen endgültigen Abstieg. Was er da genau tut, wie es zu all den Dingen, die ihm widerfahren, kommt, wie er sich an der Spitze halten kann und warum er plötzlich abstürzt – ein Rätsel. Selbst eine akribisch-analytische Lektüre würde nicht schlauer machen. Womöglich würde mancher hierdurch frustrierte Leser dies der Inkompetenz des Autors ankreiden, läge damit jedoch völlig daneben.

Goetz bedient sich einer Methode, die schon H.G.Wells in seinem Klassiker The Time Machine gekonnt angewandt hat. Eben jene Zeitmaschine genauestens und mit Heraushebung von Details beschreibend, täuscht Wells raffiniert darüber hinweg, dass er eigentlich gar keine nachvollziehbare Schilderung des gesamten Gerätes liefert. Wie auch? Schließlich existiert die Zeitmaschine nicht. Entsprechend verfährt auch Goetz. Er beschreibt akribisch zahlreiche Vorgänge, Transaktionen, Verschwörungen und Theorien des Geschäftslebens, ohne dass sich ein klares und nachvollziehbares Gesamtbild ergibt. Fügt man die zahlreichen Episoden zusammen, bleiben sie in der Luft hängen. Wie auch nicht? Schließlich existiert hinter all dem Vordergründigen schlicht und einfach nichts. Autor und Leser sind gleich ratlos, wie jeder Laie – und Goetz’ Roman nach selbst die vermeintlichen „Insider“ – angesichts der Vorgänge in einer real nichts produzierenden Wirtschaft.

Der Protagonist jedenfalls hat selbst nie wirklich den Durchblick – bei nichts. Ihn leitet einige Zeit der Instinkt und zynische Skrupellosigkeit. Letztere besitzen allerdings alle seine Geschäftspartner und Kollegen, ersterer ist etwas, das sich naturgemäß nicht konservieren lässt. Irgendwann dreht sich der Wind, Holtrop bekommt dies nicht mit – was ihm nicht vorzuwerfen ist, da es hierfür keinen ausmachbaren Grund gibt – und aus der Präzisionsmaschine wird ein Absteiger, der am Ende so aus dem Tritt gerät, dass er versehentlich Selbstmord begeht; nur konsequent in einer Welt, in der jede absurde Folge eintreten kann.

Wie immer hat Goetz überhaupt keine Lust, so zu tun, als würde er objektiv beschreiben. Schon auf der ersten Seite wird durch die Charakterisierung des Unternehmens klar, wie wenig er von dieser ökonomisch geprägten Kultur hält, so kaputt wie Deutschland in diesen Jahren, so hysterisch kalt und verblödet [...] wie die Macher, die hier ihre Schreibtische hatten, sich die Welt vorstellten, weil sie selber so waren, gesteuert von Gier, der Gier, sich dauernd einen Vorteil zu verschaffen. Dieser Beschreibung der Jahre 1998 bis 2010 stimmen inzwischen viele zu, viele, denen dies – im Gegensatz zu Goetz – vorher nicht auffiel. Dieser war schon immer polemisch, nun könnten sich zahlreiche seiner Sätze auch in diversen Manifesten finden; nur nicht in dieser Schönheit. Herausgestellt sei lediglich ein Beispiel von vielen für Goetz’ Beherrschung der Sprache – darum ist dies auch Literatur und kein Pamphlet: „Gott sei mit denen, die ihn brauchen“, sagte Binz, „und so auch mit mir. Das war Binz’ Schnellnovene an den Gott der Frankfurter Börse. Präziser – und auch lustiger – kann man ethische Pervertierung kaum zusammenfassen; dass solch eine sich selbst widersprechende Schnellnovene zu nichts führt, ist so klar wie tröstlich.

Goetz nutzt auch das alberne Idiom der Wirtschaftseliten, krude Anglizismen, Platitüden mit Sehnsucht nach Tiefgang, ebenso unverständliche wie inhaltsleere Wissenschaftlichkeitsanmutung, geht darüber sogar noch eine Ebene hinaus. In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff des Fiktionsvertrages, das heißt der stillen Übereinkunft zwischen Autor und Leser, das Geschriebene nicht für die Beschreibung des empirisch Realen zu halten. Weniger kompliziert ausgedrückt, wer Johann Holtrop im Telefonverzeichnis sucht oder den Firmensitz Krölpa vergeblich googelt, ist offenbar ungeeignet, Fiktion und Fakten zu unterscheiden. Auch Goetz schließt naturgemäß diesen Fiktionsvertrag, nimmt dies jedoch noch buchstäblicher. An nicht gerade auffälliger Stelle findet sich nämlich eine sehr, sehr kleingedruckte Schutzschrift noch vor Beginn des Romans und sie ist für den Leser ähnlich kryptisch wie manche Vertragsklausel: Natürlich basiert dieser Roman auf der Realität des Lebens auch wirklicher Menschen. Aber es ist ein Roman, Fiktion, fiktiv in jeder Figur, alles hier Erzählte auch: Werk der Literatur. Dies entspricht einer alten Literaturtradition, ist zugleich tatsächlich Schutz vor einer allzu plumpen Lesart als Schlüsselroman; dass in die Figuren des Buches Personen der Zeitgeschichte – manche mit ihren echten Namen – eingeflossen sind, dürfte auch dem oberflächlichsten Querleser bald auffallen. Der Stolperstein dieser Anweisung liegt ohnehin in dem unscheinbaren Wort auch  auch: Werk der Literatur. Also: nicht nur. Doch erschöpft sich dies nicht in der rein literarischen Verschiebung echter Biographien, sondern verweist auf die Beschreibung des Zustandes. Leider – immerhin handelt es sich um den Zustand unserer Gesellschaft, wie ihn Goetz sieht. Man möchte ihm gern immer mal wieder widersprechen, lässt es nach längerem Nachdenken jedoch besser sein. Kurzum: Johann Holtrop ist ein Roman, der anders ist als der Protagonist, der ihm den Titel verleiht, nämlich: klug.     

 Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss einer Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp Verlag 2014.  

Siehe auch: http://bene-a-rebours.blogspot.de/2014/12/rainald-goetz-kontrolliert-ein-anderer.html