Sonntag, 1. November 2015

Gedenktage im November - Die Nackten, die Toten und die Lebenden.


November ist’s; und während sich die Bäume und Sträucher in blattlose Gerippe verwandeln und der erste Schnee sich als Bahrtuch über die braunfauligen Wiesen legt, gedenken Staat und Kirche der Toten.

Lasset die Toten die Toten begraben?


(c) B.Grimmler
In André Téchinés Film Alice et Martin gibt es eine schöne Szene auf einem Friedhof, in der Alice ihrer Schwiegermutter in spe vorwirft, sich nicht ihrem kranken Sohn zu widmen. Der alten Frau, die am Grabe ihres Mannes steht, sagt sie empört: „Ach Sie, Sie lieben ja nur noch ihre Toten!“ Woraufhin diese leicht erstaunt und mit resignativem Tonfall antwortet: „Aber…irgend jemand muss sie doch lieben.“

Der „nekrotrope Mensch“ 

Wer liebt die Toten? Karl von Hentig hat in seiner bisher immer noch recht einmaligen Untersuchung über die Fälle von Liebe zu Leichnamen und Friedhöfen etc. in Justiz und Literatur dafür ein Wort kreiert, dass vom pathologischen Fall der Nekrophilie abgrenzen sollte: Der nekrotrope Mensch, so der Titel der Arbeit, der dem Tod sich Zuneigende, besser dem Toten - um keine Verwechslung mit Freuds Todestrieb zu provozieren. In Verdacht geraten da natürlich die schwarzen Romantiker, aber auch die alltäglichen alten Frauen, die man auf jeder Beerdigung antreffen kann.

Aus den Augen, aus dem Sinn

(c) B.Grimmler
Davon scheint der modern denkende Mensch jedoch weit entfernt. Es gehört zu den Topoi einer oft pessimistischen Kulturtheorie, dass der Tod aus der neuzeitlichen Gesellschaft immer mehr verdrängt wird. Seit dem Barock mit seiner Todeszentriertheit verschwinden die Toten und alles was mit ihnen zu tun hat, erst aus der Wahrnehmung, dann aus dem Bewusstsein.
(c) B.Grimmler
 
Philippe Ariés verdeutlichte dies in seinem Klassiker Die Geschichte des Todes im Abendland u.a. an der Wanderung der Friedhöfe vom Zentrum (i.e. die Kirche) hin an die Peripherie - eine Entwicklung, die längst nicht abgeschlossen ist; die Einrichtung sogenannter Waldfriedhöfe oder Friedhofsparks dient natürlich der Kaschierung des eigentlichen Zwecks. Der Tote wird folglich ausgelagert, das Unangenehme der Erinnerung an den eigenen Tod zunehmend übertüncht.

Gedenken ohne zu denken: Allerheiligen, Totensonntag und Volkstrauertag

Die Nackten und die Toten hatten eines gemeinsam, sie waren tabuisiert. Doch das mysterium fascinosum et tremendum, das allem Tabuisierten zu eigen ist, scheint sich in diesen Fällen aufzuspalten. Die Nackten sind längst fast ausschließlich fascinosum, die Toten dagegen immer mehr tremendum. Daran ändern auch die allgemeinen Gedenktage des Novembers sicher nichts, sie richten sich an abstrakte Tote, die keiner kennt und die keinen ernsthaft berühren. Sie lösen allenfalls Betroffenheitsrituale aus wie armenische Erdbebenopfer oder getötete Geiseln in Afghanistan. Eine Ausnahme mögen die katholischen Gedenkmessen bilden - diese wiederum wenden sich jedoch an konkrete Verstorbene, die noch Angehörige besitzen.

Der Tod ist ein Problem der Lebenden...


(c) B.Grimmler
 
Die These von der Verdrängung des Todes und noch viel mehr des Sterbens aus der angeblich zivilisierten Welt steht nicht unwidersprochen, doch prüfe sich jeder selbst, wann er das letzte Mal einen Toten gesehen, am Bett einer Sterbenden gestanden - oder über seinen eigenen Tod nachgedacht hat. „Der Tod ist ein Problem der Lebenden“, wie Norbert Elias so banal wie wahr erkannte. Kohelet, der biblische Philosoph, liebt die Toten, vielmehr beneidet er sie sogar, wenn er in Anbetracht des menschlichen Konkurrenzkampfes klagt: „Da preise ich immer wieder die Toten, die schon gestorben sind, und nicht die Lebenden, die noch leben müssen“ (Kohelet 4,2).

...also von uns

Die Unerträglichkeit des modernen Lebens scheint aber größtenteils auch gerade mit dem Wissen zusammenzuhängen, sterblich zu sein - sonst gäbe es keinen Grund zur Ignoranz. Dabei unterscheidet uns dieses Bewusstsein gerade vom Tier, welches unreflektiert dahin lebt. Und darum lohnt es sich ein weiteres Mal, über den Tod nachzudenken. Und wem dies als ein zu depressives oder gar unangebrachtes Thema erscheint - der wurde gerade ertappt.

Die Aufnahmen entstanden auf dem Alten Friedhof in Kulmbach, Oberfranken.

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