Dienstag, 29. Dezember 2020

Der Höhepunkt im "Hohlspiegel" 2020.

 

"RTL zeigt die Leidensgeschichte Jesu live aus Essen" verkündete das 'Hamburger Abendblatt', ein Taufkirchner Gymnasium bot eine "Fördersetunde" für "Retschreibuang und Grammatik" an, die 'Schweriner Volkszeitung' beschäftigt eine Mitarbeiterin, die "Tochter eines 14-jährigen Sohnes" ist, eine "reitbegeisterte Enkelin", so melden die 'Westfälischen Nachrichten', möchte "in die Fußstapfen und Hufabrücke ihres Großvaters treten". Tröstlich, dass laut 'tag24.de' ein Angeklagter seine Unschuld "bedauert", tragisch dagegen, wie die 'Lippische Landes-Zeitung' vermeldet, dass für einen ebenfalls bedauernswerten Zeitgenossen im März "jede Hilde zu spät" kam. 'Web.de' war alarmiert, weil Rüstungsexporte neuen Sprengstoff liefern, der sympathische Dickmopsdiktator aus Nordkorea dagegen wohl eher nicht, er feuerte laut dem 'Standard' aus Wien "zwei Flugkörper ab und trifft Maßnahmen gegen Coronovirus." 

 

Von solchen vergänglichen Tagesereignissen hält sich der BMW-Konzern fern, wenn er seinen Kund*innen und eigentlichen allen Menschen guten Willens in geradezu philosophischer Weitsicht in einer Betriebsanleitung zu seinem 1er-Gefährt, wie im 'Spiegel' 33 vom 08.08.2020 nachzulesen, folgende bemerkenswerte und verblüffende wie auch viele Probleme endlich lösende Erkenntnis verschafft:

 "Um ein mögliches Einschließen des Fahrzeugschlüssels zu vermeiden, den Fahrzeugschlüssel beim Verlassen des Fahrzeugs mitnehmen."

 


 

     

Dienstag, 15. Dezember 2020

Kleine Presseschau zu den "Lost & Dark Places Franken".

Maineck, Landkreis Lichtenfels - die alte Malzfabrik.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der "Frankenpost" aus Hof erschien ein Artikel von Dieter Ungelenk (nur für Abonnenten): 

https://www.frankenpost.de/inhalt.hof-schwarzenbach-an-der-saale-der-mann-fuer-die-unheimlichen-orte.c28406cf-ea37-49fc-85e1-f8561a18c76d.html 


Von Adriane Lochner stammt ein ausführlicher Bericht für die "Bayerische Rundschau" (Kulmbach) und auch zu finden auf infranken.de, der sich insbsondere mit den Kapiteln über die Stätten der Kulmbacher Region auseinandersetzt (frei lesbar): 

https://www.infranken.de/freizeit-tourismus/ausflug/lost-places-dark-tourism-gruseliger-reisefuehrer-durch-franken-art-5112378

 

Ein längeres Interview geführt von Diana Fuchs für den "Fränkischen Sonntag" und ebenfalls frei zugänglich auf infranken.de, findet sich hier: 

https://www.infranken.de/freizeit-tourismus/ausflug/lost-places-fuer-dark-tourism-in-franken-art-5103800 

 

Die "Süddeutsche Zeitung" konzentrierte sich vor allem auf die oberfränkischen Lost Places. Redakteur Olaf Przybilla hebt die Ambivalenzen eines solchen Buchprojektes hervor (nur für Abonnenten):

https://www.sueddeutsche.de/bayern/oberfranken-franken-1.5134661?reduced=true

 


 

Benedikt Grimmler: Lost & Dark Places Franken. 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte. München: Bruckmann 2020.

 

 

 

 


Dienstag, 8. Dezember 2020

Lektüremonat November 2020.

 

Martin Walser: Tassilo – Hilfe kommt aus Bregenz.

Niemand Geringeres als Bruno Ganz verkörperte Anfang der 1990er Jahre Martin Walsers (geboren 1927) halbseidenen Friedrichshafener Privatdetektiv Tassilo S. Grübel in den Verfilmungen des ZDF. Kuriosum dabei, dass die Vorlagen für ein anderes Medium gedacht waren – und auch dort ausgestrahlt wurden –, denn die Tassilo-Geschichten waren ursprünglich Hörspiele. So auch „Hilfe kommt aus Bregenz“, wo es Tassilo gelingt, mit Hilfe einer frustrierten jungen Frau seinen Intimfeind, dem neureichen Unternehmer James Blickle, der wenig von Privatdetektiven allgemein und noch weniger von der Friedrichshafener Ausführung im Speziellen hält, den er gern in aller Öffentlichkeit demütigt, hereinzulegen. So zumindest der Plan. Er überzeugt die von Männern der Art Blickles enttäuschte Evi, diesen zu verführen und für ein Wochenende in den Bergen abzulenken, während Tassilo bei dessen Ehegattin anruft, diese als vermeintlicher Linksterrorist um 55000 DM erpresst, am Ende wird mit einem noch beteiligten Freund, der die Geldübergabe inszeniert, geteilt. Tatsächlich läuft die Sache gut an, doch rechnet Tassilo nicht damit, dass Frau Blickle, soeben selbst von ihm mit verstellter Stimme erpresst, ausgerechnet bei ihm Hilfe sucht. Die Geldübergabe geht zwar noch gut, aber dann hat sich Evi auch noch in ihr ‚Opfer‘ Blickle verliebt… Ganz amüsant, allerdings ohne wirklich so richtig zu zünden.  

 

A.L. Kennedy: Das blaue Buch.


Ein junges Pärchen wartet vor einem Kreuzfahrtschiff, für das sie eine Reise geschenkt bekommen haben, in der sich kaum fortbewegenden Schlange. Ein Mitpassagier redet sie an, etwas aufdringlich, um ihnen ein paar Zahlentricks vorzuführen, Spielereien, mit denen er dann auch andere Wartende beglückt. Auf dem Schiff taucht er scheinbar zufällig wieder in ihrer Nähe auf, überredet sie zum gemeinsamen Essen. Als Derek, Beths Freund, kurz abwesend ist, spricht der Fremde, der sich als Arthur Lockwood vorgestellt hatte, sie auf eine äußerst vulgäre und intime Art an. Derek wird, die See ist stürmisch, kurz darauf seekrank, er muss in der Kabine bleiben, unleidlich, wenn er nicht gerade schläft. Beth trifft auf Deck wieder Arthur Lockwood – und es stellt  heraus, dass die beiden eine lange gemeinsame Geschichte haben. Lockwood verdient sein Geld – nicht wenig Geld – als moderner Spiritist. Früher trat er in Sälen auf, seine stark entwickelte Fähigkeit nutzend, seine Gegenüber gut einschätzen zu können, aus vagen Andeutungen und mit suggestiven Fragen Lebensläufe und meist traumatische Ereignisse zu erschließen. Seine Assistentin und damalige Freundin: Beth. Zwar hatte man sich vor längerer Zeit getrennt, Lockwood hat seine Methode weiterentwickelt, um sich Einzelpersonen als eine Art psychologischer Therapeut mit Hilfe des Jenseits anzudienen, doch nun verfällt Beth bald wieder der Anziehung des Manipulateurs. Auch sie hat einiges von ihm gelernt und glaubt selbst, Herrin der Lage zu sein. Ein Ausweichen und Anziehen beginnt. Klingt spannender, als es ist. A.L. Kennedy (geboren 1965) gestaltet ihre männlichen Figuren so unsympathisch, dass selbst ihre Protagonistin darunter leidet, weil man sich fragen muss, was sie wohl an dem betrügerischen, das Leid anderer Menschen ausnutzenden Arthur – der immerhin so halbe Gewissensbisse entwickelt – oder an Derek findet, der, auch ohne krank zu sein, mürrisch und egozentrisch ist und sofort in den übelsten Beschimpfungsjargon wechselt, wenn ihm etwas nicht passt. Beides sind zudem äußerst larmoyante Personen, insbesondere aber Arthur, stets wird betont, wie schlecht man füreinander sei, wie man sich Schmerz zufüge, gerade auf das Ende hin gerät der Ton immer näher ans Kitschige. Dies retten weder die leicht prätentiösen postmodernen Spielereien (etwa mit den Seitenzahlen) noch die überraschende – den Titel erklärende – Schlusspointe, die reichlich unmotiviert daherkommt. Kennedy kann unzweifelhaft auf hohem Niveau klug und spannend schreiben, aber in diesem Fall war das Talent verschenkt.    

 

Halldór Laxness: Das wiedergefundene Paradies.

Eines Tages wirft die Stute des Bauern Steinar vollkommen unerwartet ein wunderschönes graues Pony, von solcher Vollkommenheit, dass die Familie dahinter höhere Machte vermutet. Das Tier ist nicht nur der Liebling seiner beiden Kinder, sondern auch bald begehrtes Objekt der bessergestellten Elite. Doch Bauer Steinar lehnt das Angebot des liberalen Bezirksvorstehers ebenso ab wie das des reichsten Mannes der Region, Björn von Leirur. Er hat anderes mit dem Tier vor. Wie viele Isländer, selbst wenn sie nur, wie er, verarmte Bauern sind, ist er stolz auf seine vermeintlich hohe Abkunft von halbmystischen Königen und ehrt die Traditionen, noch dazu ist Steinar jemand, der hinter seiner scheinbar naiven Unfähigkeit, ja oder nein zu sagen, doch genau weiß, wonach er strebt. So reist er mit dem Pferd zu einem Empfang des dänischen Königs auf Island, der die Insel in jener Zeit – wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – beherrscht. Auf dem Weg dorthin trifft er auf einen Mormonenprediger, der von den Einheimischen nicht angehört, sondern verprügelt wird. Für Steinar ist das nur eine Episode, zwar gelingt es ihm tatsächlich, zum König vorzudringen und diesem das Pferd zu schenken, doch außer freundlichem Dank erwächst hieraus vorerst nichts. Auch als er ein geheimnisvolles Kästchen mit versteckten Fächern und kaum zu öffnenden Schließmechanismen baut, das er auf Einladung des Königs in Kopenhagen vorführt, geht sein Plan nicht auf. In seiner Vorstellung, geprägt von uralten Mythen, hätte ihm der Herrscher hierfür mindestens große Menge Land und den Grafentitel schenken müssen. Doch Steinar trifft nur den Mormonenprediger wieder und schließt sich diesem an, um letztlich in dessen verheißenen gottgewollten Staat das Glück in den USA zu finden. Seiner Familie gibt er nur Bescheid, dass sich seine Rückkehr verzögert. Mit fatalen Folgen. Björn von Leirur ruiniert seinen Hof und schwängert seine Tochter. Tochter, Sohn und Frau sinken verstreut in der Region zu Gemeindearmen herab. Steinar etabliert sich zwar in Utah als Ziegelbauer, doch muss er feststellen, dass auch hier keineswegs das vollendete Paradies herrscht, bedroht vom säkularen Staat außen und Zwistigkeiten im Inneren. Er holt die Reste seiner Familie herüber – seine Frau stirbt auf der Überfahrt – doch selbst reist er als Prediger zurück nach Island. Um dort vor den überwachsenen Grundmauern seines einstigen Hofes zu stehen. Ein klassischer Laxness (1902-1998): Der Nobelpreisträger verknüpft wahre Ereignisse der isländischen Geschichte in ganz eigener, leicht altertümelnder, aber unangestrengt schöner Sprache mit den großen Themen der Heimatlosigkeit, der Verankerung in und der Lähmung durch die Tradition, der Religion und der Toleranz, die man für sich erhofft und anderen nicht gönnt.   

 

Anni Ernaux: Die Jahre.


Mit etwas Verzögerung wurde Annie Ernaux (geboren 1940), vorher nur Liebhaber*innen der zeitgenössischen französischen Literatur bekannt, aber bei diesen längst ein Geheimtipp, nun auch der breiten deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt. Der ‚Türöffner‘ war erstaunlicherweise ein sehr französisches Buch, „Die Jahre“, eine Autobiographie vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen unseres Nachbarlandes aus der Alltagssicht einer Frau. Man könnte meinen, dass solch ein Buch, das nun mal zumindest halbwegs profunde Kenntnisse der französischen Innenpolitik, von hierzulande kaum bekannten Personen und auch der von der deutschen sehr verschiedenen Pop- und Konsumkultur voraussetzt, nur bedingt – bei besagten, immerhin doch recht zahlreichen Frankophilen – auf breiteres Interesse stößt, sowie in Frankreich vermutlich kaum jemand die beklemmend steife  Atmosphäre der Adenauer-Jahre genauer nachvollziehe könnte. Doch stellt man einerseits beim Lesen schnell fest, dass die Unterschiede oft weit oberflächlicher sind, vor allem aber andererseits, was Ernaux immer wieder betont, wiederum eine solche Oberfläche existiert, die ein tieferes Nachdenken oft gar nicht erlaubt. Die Ereignisse kommen und sie erscheinen uns im Nachhinein wichtig und bedeutend, aber in der damaligen Wahrnehmung herrscht anderes vor, was das Geschichtsbuch als großen Einschnitt und Umbruch festhält, wird privat kurz oder gar nicht registriert und verschwindet dann wieder, mitsamt dem dazugehörigen Engagement. Und dies ist schließlich kein Frankreich-spezifisches Phänomen. In ihrer Nüchternheit, ausgedrückt durch das distanziert verallgemeinernde „man“ oder das von sich selbst Abstand nehmende „sie“ beim Betrachten von Aufnahmen, die sie selbst zeigen, hält Ernaux insbesondere am Anfang und Ende ihres Textes Erinnerungsfetzen und -sätze fest, die für sie Bedeutung haben, Bruchstücke, die zumeist äußerlich banal sind. Nostalgie ist ein zwiespältiges Gefühl, es verklärt oder deprimiert, und für gewöhnlich wertet es die Gegenwart ab. Ernaux‘ Buch ist natürlich nostalgisch, aber auf eine sehr ungewöhnliche, ständig reflektierte Weise, eine Sehnsucht nach der Vergangenheit entsteht nicht, allenfalls der Versuch, einzelne Momente festzuhalten, die persönliche Bedeutung haben. Die Frage – für jede*n – bleibt dann, was man mit diesen anfängt. Ein großartiges Buch, jetzt schon ein Klassiker.

 

Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2.


Ein Gedichtband vom Anfang der 1970er Jahre aus der Feder des sicherlich bedeutendsten Lyrikers jenes Jahrzehnts, Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), der seine Meisterschaft auch mit diesem Band noch einmal, kurz vor seinem Tod, mehr als untermauerte. Brinkmann war streng in der Form und hat sie doch aufgelöst. Das kurze Gedicht war seine Sache nicht, seitenlang gehen oft die Strophen, die auch untereinander auseinanderfallen, formal und inhaltlich. Das zugrundeliegende Thema fächert sich auf in scheinbar Unzusammenhängendes, auf den ersten Blick Disparates wird kombiniert, Fetzen zusammengestellt, was dann wiederum die sich verzweigende Form widerspiegelt. Wörter fallen auseinander wie Satzenden – und doch sind die Gedichte von klarer Struktur. Cut-Up steht neben schönen vierzeiligen Strophen. Auch die Titel sind oft so banal wie paradigmatisch: „Ein Gedicht“, „Bruchstück Nr.3“, „Eine Komposition“. Aber allein das erwähnte „Gedicht“ ist von so überwältigender Großartigkeit in dem Versuch, kein Gedicht zu sein, dass allein dieses Brinkmanns Gedächtnis gesichert hätte. Brinkmanns Lyrik ist manchmal – wie er es im Vorwort gewünscht hat – sehr eingängig, ohne anbiedernd zu sein, manchmal sehr hermetisch, anstrengend, allerdings auf angenehme Art, die einen doch in den Sog der Texte hineinzieht. Hinzugefügt hat Brinkmann dem Band eigene Fotos von ähnlicher Natur: banal und doch geheimnisvoll, unzusammenhängend und doch verwandt. Noch einmal ein Höhepunkt deutscher Lyrik.    

 

Hubert Selby: Letzte Ausfahrt Brooklyn.


Es ist kein Roman, sondern eine Reihung sehr unterschiedlich langer Erzählungen, die lose durch den Ort – ein ‚Problemviertel‘ in Brooklyn – und einige Personen verbunden sind, 1964 erstmals erschienen, in einigen Ländern, darunter Großbritannien, umgehend verboten, heute ein Klassiker. Eine fast typische Geschichte. Allerdings hat „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ von seinem Skandalcharakter kaum verloren, es gehört nicht zu den Büchern, wo man sich im Nachhinein wundert, was die Menschen einst so aufgeregt hat. Möglicherweise haben wir uns inzwischen an Selbys (1928-2004) unverblümte Ausdrucksweise gewöhnt, vielleicht, aber hoffentlich eher nicht, auch an die ungeschönte Darstellung von Brutalität, verstörend bleibt die äußerst nüchterne, sich völlig der Wertung enthaltende Erzählweise, in der Jugendliche aus Langeweile Menschen zusammenschlagen, das Interesse der Männer oft nur auf den nächsten Sex konzentriert ist, Kinder nichts als schwer erträglicher Ballast zu sein scheinen, moralische, aber auch die ganz banale Korruptheit Alltag ist, aus dem auch niemand so recht den Willen aufbringt, auszusteigen. Dass Selby solche Gegenwelten ohne jegliche Romantisierung – darunter das homosexuelle Transvestitenmilieu oder seine Schilderung des Innenlebens von Sozialwohnungen – in die Literatur eingeführt hat, brachte ihm das Lob der Schriftstellerkollegen ein und den Hass der bürgerlichen Kritik. Verfilmt wurde das Buch übrigens Ende der 1980er Jahre unter deutscher Regie (Uli Edel), produziert von Bernd Eichinger. Der Erfolg war überschaubar, ganz anders als beim späteren Selby-Klassiker „Requiem for a Dream“ (2000, Darren Aronfosky), in beiden Adaptionen hatte der Autor einen kurzen Auftritt. Nicht unbedingt das Buch für einen gemütlichen Winterabend, aber unbedingt lesenswert.