Sonntag, 23. August 2020

Das Zitat zum Wochenanfang.

 

 "'Am Anfang ist es immer am Schlimmsten', sagt sie, als ich ihr nicht antworte.

'Das glaube ich nicht', erwidere ich. 'Ich glaube, dass es immer am schlimmsten ist.'"

 

Maria Scherer: Silbertrompete

(mehr zur Autorin und dem Roman gibt es in Kürze).

 

 

  


Sonntag, 16. August 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (21) - Djuna Barnes: Nachtgewächs.

Djuna Barnes: Nachtgewächs. st 2817

 

Es ist ein zu schönes Zitat, als das irgendein Text über Djuna Barnes (1892-1982), somit auch dieser nicht, ohne es auskommen könnte, stammt es doch zudem von ihr selbst. Sie sei „die berühmteste Unbekannte ihrer Zeit“, ihre Zeit, das waren die 1930er Jahre, als die US-Amerikanerin in Europa weilte und mit dem Nachtgewächs 1936, dem gleichen Jahr wie Brechts Dreigroschenroman, die Verehrung der zahlreichen Schriftstellerkolleg*innen bestätigte. Unter ihnen war sie tatsächlich eine Berühmtheit, ihre Bekanntschaften und vor allem die ihr wohlgesonnenen Lobspender lesen sich wie ein Who’s Who der klassischen literarischen Moderne, von Faulkner über Joyce, von Pound über Dylan Thomas, von William Carlos Williams bis T.S. Eliot, der ein Vorwort zu Barnes’ Nachtgewächs schrieb. Berühmt war sie innerhalb dieser Zirkel, ein klassischer writer’s writer, doch außerhalb dieses fest verankerten Platzes in der Literaturgeschichte wurde sie kaum wahrgenommen, wie auch ihre gewissermaßen nicht vorhandene Nachkriegskarriere beweist.

Schon Eliot warnt im Vorwort – und nimmt sich selbst als mahnendes Beispiel –, dass der kurze Roman kein Buch sei, das sich einem bei einmaligen Lesen erschließe. Die zugrundeliegende Handlung ist von fast schon banaler Einfachheit, zugleich natürlich, von der Geschlechterthematik – zumindest 1936 –  abgesehen, klassisch. Robin, der Name schon uneindeutig, entflieht ihrer Ehe mit dem österreichischen Pseudo-Baron Felix Volkbein zu einer Frau, Nora Flood, verlässt diese allerdings ebenso wieder zugunsten einer oberflächlichen Amerikanerin, Jenny. Zurück bleiben allerhand äußerst unglückliche Personen und die einprägsamste Figur des Textes, der Doktor – ebenso wenig Doktor wie Felix Baron – ein ewiger Kommentator und Erklärer im Stil eines gealterten Oscar-Wilde-Dandys, der gern paradoxe aphoristische Erkenntnisse aneinander reiht – unter denen sich verbirgt, was alle Protagonisten des Romans bestimmt, eine tiefgehende Verzweiflung. Das Geschehen rückt darüber in den Hintergrund, es liefert zumeist nur den Anlass für Zusammentreffen, für die Möglichkeit des Gesprächs, die Dialoge bilden die eigentliche Grundlage des Buches, sind aber weit davon entfernt, sich selbst zu erklären.

Der so geistreiche und joviale Doktor, irischer Katholik, scheint um ein Bonmot nie verlegen. Die Armee: die Familie des Ehelosen! (32), Lachen ist des armen Mannes Geld! (46) und ähnliche Kalendersprüche gibt er ohne Unterlass zum Besten, doch selbst Felix, alles andere als ein von Intellekt durchdrungener Analytiker glasklaren Blicks, erkennt hinter der Fassade des Connaisseurs und Weltmenschen, dieser Doktor sei ohne Zweifel ein großer Lügner, aber ein wertvoller Lügner. Seine Gespinste schienen das Gerippe eines vergessenen aber groß angelegten Plans zu sein; irgendeiner Lebenshaltung, deren einzig überdauernder Gefolgsmann er war (44). Ein Relikt, Diener eines ausgestorbenen Adelshauses (44), eben ein Überbleibsel des bohèmehaften Dandytums, noch immer unterhaltsam, sprachlich brillant, aber aus der verlorenen Zeit, wer wüsste das besser als der dem untergegangenen K.-u.-k-Reich hinterhertrauernde Felix, dessen Familie jüdischer Herkunft sich eine blaublütige Vergangenheit zusammengebastelt hat, die nun ebenso wenig wert ist wie des Doktors scheinbar dem Alltag enthobenes Snob-Gehabe, im Gegenteil. Felix spürte den Ernst, die Melancholie, verborgen unter all dem Spaß und Fluch, den der Doktor äußerte (54). Und hinter dieser Kulisse entlarvt sich noch viel mehr als nur ein falscher Lebenslauf. Dass er kein Mediziner ist, geschenkt, dass er im falschen Körper geboren ist dagegen treibt ihn in den Wahnsinn – und die Armut.

Das alte Europa ist somit ein absterbendes, in der Scheinblüte befindliches. Robin, Felix’ Frau und Mutter des gemeinsamen Sohnes, der bei ihm verbleibt, sucht ihr – neues – Glück in den Vereinigten Staaten und bei einer Frau, Betreiberin eines Salons. Nora hatte das Gesicht all derer, die das Volk lieben. Ein Gesicht das böse wurde, als sie entdeckte, dass Liebe ohne Kritik Verrat am Liebenden wurde. Nora beraubte sich selbst für jeden Menschen. Unfähig sich selbst zu warnen, sah sie ständig um sich und fand sich verringert (65f), eine buchstäblich fatale Eigenschaft, als sie Robin nicht halten kann, die sich mit der bereits etwas ältlichen, überspannten Jenny einlässt, einer Frau ohne Eigenschaften. Die Worte, die aus ihrem Mund fielen, schienen ihr nur geliehen; wäre sie gezwungen gewesen, ihren eigenen Wortschatz zu prägen, so wäre es ein Wortschatz von zwei Wörtern gewesen: ‚ah’ und ‚oh’ (80), In Ihrer Versessenheit, etwas darzustellen, entweihte sie den wahren Begriff der Persönlichkeit (81), auch sie wird die unstete Robin nicht dauerhaft in ihren Bann ziehen können. Diese, selbst eine kaum greifbare Gestalt, hinterlässt verwüstete Menschen. Liebe wird zur Ablagerung des Herzens, analog in allen Graden den ‚Funden’ in einem Grab. Wie darin der vom Körper eingenommene Platz genau bezeichnet wird, das Gewand, das zu seinem anderen Leben notwendige Gerät, so wird ins Herz der Liebenden als unvergänglicher Schatten das eingeprägt, was er liebt (70), so bleibt es für immer erhalten, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es tot ist.

Oder eben doch. Felix erzählt dem Doktor eine amüsante Anekdote, scheinbar eine leicht sarkastische Geschichte zur Partyunterhaltung, Ich mag diesen Prinzen so gern, der gerade in einem Buch las, als der Henker ihn an die Schulter tippte, um ihm zu sagen, dass sein Stündchen geschlagen habe. Er stand auf, legte ein Buchzeichen zwischen die Seiten, um die Stelle nicht zu verlieren, und klappte es zu (36). Er selbst, wie auch der Kommentar des Doktors, das ist nicht der Mensch, wie er mit seinem wie er mit seinem Augenblick lebt, sondern der Mensch, wie er mit seinem Wunder lebt (36), nehmen Felix’ – und Noras – spätere eigene Situation vorweg, eine hoffnungsvolle Hoffnungslosigkeit. Beide, von Robin verlassen, blicken in Abgründe von tiefster Verzweiflung. Im Gespräch mit dem Doktor fallen Sätze von auswegsloser Eindringlichkeit, hart und erschütternd, schwer zu ertragen auch für die Leser*innen. So Felix: Wissen Sie, Doktor, ich empfinde den Gedanken, dass mein Sohn vielleicht früh sterben könnte, als eine Art schreckliches Glück. Denn sein Tod wäre das Furchtbarste, das Grauenhafteste, was mir zustoßen könnte. Das Unerträgliche: damit beginnt die Kurve der Freude. Ich habe mich in den Schatten einer ungeheuerlichen Angst verstrickt: mein Sohn. Er ist der Mittelpunkt. Leben und Tod kreisen auf ihn hin; wenn sie aufeinandertreffen, so wird mein letztes Ziel erreicht sein! (132). Und Nora auf die Frage des Doktors, ob Robin ihr nicht wenigstens manchmal lästig gefallen sei, ob sie sich nicht manchmal gewünscht, dass der Augenblick ihrer Rückkehr niemals käme? (160): Niemals und immer. Mir bangte davor, dass sie wieder sanft sein würde. Das […] ist eine schreckliche Angst. Angst vor dem Augenblick, da sie ihre Worte umwenden würde, so dass sie etwas zwischen uns bilden würden, an dem kein andrer teilhaben könne (160). Man entzieht sich nur schwer dem Eindruck, das kaum jemand schrecklichere Worte für das Grausame in der Liebe gefunden hat. Djuna Barnes’ Fähigkeit, in der Sprache bislang Unerhörtes ausfindig zu machen, hat Wolfgang Hildesheimer im Nachwort treffend zusammengefasst: Das als einleuchtend sich anbietende Bild kennt sie nicht, sie kennt nur ihre eigene Metaphorik, die aus scheinbar ungereimten Elementen sich in einer tieferen Schicht des Lesers zu exakter Tektonik aufbaut (192). Diese sprachliche Bergwerksarbeit ist anstrengend, aber wird mit wunderbaren Funden belohnt.
 

Sonntag, 9. August 2020

Lektüremonat Juli 2020.

 

George Eliot: Daniel Deronda.

Man könnte fast meinen, ähnlich wie mit der Wahl eines männlichen Pseudonyms habe George Eliot (1819-1880) einen Titelhelden gewählt, um das Publikum anzulocken beziehungsweise nicht allzu sehr zu verunsichern – allerdings waren weibliche Protagonistinnen in der Literatur schon immer akzeptabel, anders als Autorinnen. Daran kann es also nicht gelegen haben, dass Daniel Deronda auf den Titel gehoben wurde und nicht Gwendolen Harleth, die gar nicht so heimliche und auch viel interessantere Figur von Eliots letztem Roman. Wir begegnen ihr in Baden-Baden am Spieltisch, wo sie erst gewinnt, dann aber wieder verliert, was weniger überraschend ist als die ungerührte Hinnahme des launischen Spielglücks durch die junge, gutaussehende Engländerin. Noch dazu bekommt sie den verlorenen Schmuck anonym zurück – von ebenjenem Landsmann Daniel Deronda, dem sie nur flüchtig begegnet ist, wie sie (richtig) vermutet. Erst später bemerken wir beim Lesen den Zeitsprung, die Episode in Baden-Baden ist eine nachgereichte. Gwendolen ist hierher vor einem Verehrer geflüchtet, der ist zwar eine extrem gute Partie, ein schon etwas älterer gut situierter Adeliger, aber nicht nur ist er

phlegmatisch und undurchschaubar, er besitzt eine illegitime Zweitfamilie. Seine langjährige Geliebte spricht Gwendolen darauf an und bittet sie, Grandcourt nicht nachzugeben und sie und ihre Kinder damit ins Unglück zu stürzen. Gwendolen reist ab. Doch ihre alleinstehende Mutter und ihre vier Schwestern geraten durch finanzielle Fehlspekulationen in Geldnot und Gwendolen, dass verwöhnte eigentliche Oberhaupt muss mit der Aussicht auf eine Zukunft in Armut zurückkehren. Da andere Auswege nicht fruchten und obwohl sie sich anfangs vehement dagegen sträubt, bleibt die Heirat mit Grandcourt der einzige Ausweg aus der Misere. Sie redet sich ein, dem Versprechen der Geliebten gegenüber nicht verpflichtet zu sein und ihren Zukünftigen ohnehin in der Hand zu haben. Beides erweist sich als falsch – die Geliebte schreibt ihr einen heimlichen Brief, indem sie sie verflucht, was Gwendolen schwer auf dem Gewissen lastet, und Grandcourt erweist sich keineswegs als steuerbarer Pantoffelheld, sondern als subtiler Unterdrücker, der die einst lebenslustige junge Frau in seine Vorstellungen hineinzwängt. Ach so, Daniel Deronda gibt es auch noch. Er stellt sich als eine entfernter Verwandter aus der Nachbarschaft heraus, der als vermeintlicher Waise bei seinem Onkel aufgewachsen ist, nun eine junge Frau vor dem Selbstmord rettet, deren Bruder und seine eigene jüdische Vergangenheit findet und die von ihm Gerettete schließlich heiratet. Gleichzeitig dient er als moralischer Berater der immer mehr verzweifelten Gwendolen. Grandcourt stirbt schließlich bei einem Bootsunfall, für den sich seine Ehefrau verantwortlich fühlt, weil sie gegen ihn Mordgedanken hegte. Auch hier kann sie Deronda beruhigen. Eliots Roman hat nicht unbedingt einhelliges Lob erfahren und man kann aus dem Geschilderten schon ungefähr entnehmen, woran das liegt – jedenfalls nicht an der literarischen Könnerschaft. Aber die beiden Hauptstränge, Gwendolens und Derondas Leben, klaffen zu sehr auseinander. Derondas Suche ist so sehr von konstruierten Zufällen geprägt und von einen eher schwach motivierten Psychologie und auch unklaren Zielrichtung, dass sie mit dem Wandel und der Verzweiflung der eigentlich so selbstbewussten, sogar verzogenen Gwendolen in der plötzlich aussichtslosen Lage einer grausame Ehe nicht mithalten kann. Hier ist Eliot meisterlich, bei der anderen Geschichte zu bemüht. Deronda ist ein zu offensichtlich auf reine Güte hin angelegter Charakter, ihm fehlen die Ambivalenzen Gwendolens – oder auch die seiner dann doch auftauchenden Mutter, die wiederum ist ein gelungenes Portrait einer Frau, die gegen äußere Klischees und ohne liebenswert erscheinen zu wollen ihren Willen durchsetzte. Nicht Eliots bester Roman, aber als „Gwendolen Harleth“ durchaus mit Gewinn lesbar.



Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 1.

Mitte der 1990er Jahre kam mit Catherine Millets „Das sexuelle Leben der Catherine M.“, Christine Angots „Inzest“ und Virginie Despentes

„Baise moi – Fick mich!“ eine Reihe von Büchern französischer Autorinnen heraus, die mit expliziten bis rein pornographischen Inhalten, aber zugleich einem feministischen – und umstrittenen – Anspruch für Furore sorgten. Nun werden solche Werke, noch dazu, wenn sie als eine scheinbare Welle auftreten, medial gerne aufgegriffen, am besten noch skandalisiert, was als Aufmerksamkeitslenkung nicht unbedingt unerwünscht sein dürfte. Jahre später wundert man sich dann über die Aufregung, manchmal auch über die damals oft als Verteidigung vermeintlich erkannte literarische Qualität. Die genannten Autorinnen sind hiervon nicht unbedingt betroffen – eher schon ihre deutsche Schwundform à la Charlotte Roche – und gerade Virginie Despentes (geboren 1969) hat sich längst als bissige Kommentatorin des französischen Zeitgeistes im Verbund mit guter Lesbarkeit und damit großer Reichweite etabliert. Und so baute sie „Das Leben des Vernon Subutex“ mittlerweile zur Trilogie aus. Der erste Band, erstmals 2015 erschienen, schildert den Abstieg des einst beliebten Plattenladenbesitzers, der, obwohl inzwischen Mitte 40, keineswegs so altbacken wirkt – und aussieht – wie es sein längst pleitegegangenes Geschäft erwarten ist. Musikalisch ist er noch immer auf dem Laufenden und er besitzt noch immer einen großen Bekanntenkreis vor allem in der Kulturszene. Doch persönliche Tiefschläge – der Tod seiner besten Freunde – dazu und dadurch verstärkt eine gewisse Trägheit führen letztlich dazu, dass Vernon seine Wohnung mitsamt Großteil der Ausstattung verliert. Es gelingt ihm jedoch anfangs, dank seiner guten – buchstäblichen – Vernetzung, immer wieder Unterkunft bei Freunden und Bekannten zu finden. Doch dies ist noch weniger Lösung, als ohnehin gedacht. Das kurze Eintreten oder Wiederauftauchen in die Leben der Anderen, den Etablierten und ähnlich Gescheiterten, auf ihre eigene Weise ebenso reichlich Kaputten, führt ihn bizarre Welten des modernen Lebens der 2010er Jahre, und mit jedem Schritt tiefer bis er letztlich doch auf der Straße landet und ihm selbst nicht mehr der Sinn nach Unterkunft bei dem oder nächsten Verrückten zu suchen. Despentes‘ Panorama ist keineswegs durchgehend bösartig und auch nicht auf plumpe Art verurteilend, sie präsentiert allerlei Lebensentwürfe, die versuchen, mit den Anforderungen der Gegenwart zurechtzukommen – was keinem so wirklich gelingen will. Dabei ist sie zu ihrem Vorteil extrem nah an der Aktualität – was sicher mit die Attraktivität der Reihe ausmacht, die in Frankreich Bestsellerstatus hat.



Urs Widmer: Das Buch des Vaters.

Wenn man mit einem Buch über die Mutter – Der Geliebte der Mutter – sehr erfolgreich war, warum dann nicht eines über den Vater nachreichen? Ob Urs Widmer (1938-2014) – oder sein Verleger – so profan und zielstrebig dachte, wissen wir natürlich nicht. Als guter Sohn könnte er schließlich auch rein paritätisch gedacht haben. Unbestritten ist, dass er das Talent zur Beschreibung mitbringt und die Leben seiner Eltern einer solchen würdig sind. Mit der Väterliteratur hat es allerdings so seine Bewandtnis – spätestens seit den 1960ern hat sie Tradition in der deutschsprachigen Literatur, damals erwachsen aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der vorherigen Generation. Die damals entstandenen Texte sind oft teils Abrechnungen, teils Versuche, den Vater im Nachhinein zu verstehen. Nun steht Widmer als Schweizer ohnehin nur bedingt in dieser Linie, er gehört aber auch so zu der zweiten Richtung, die ihrem Vater ein liebevolles Denkmal zu setzen versucht. Das ist naturgemäß ebenso legitim, verführt aber oftmals dazu, durch eine Aneinanderreihung von Anekdotischem die Hauptperson zu einem skurrilem Kauz zu machen. Widmers Vater, eigentlich Lehrer, wird so zum seltsamen weltfremden Stubengelehrten, der in seinen Übersetzungen lebt, zwar sogar der kommunistischen Partei – in der Schweiz! – beitritt, aber an dem Geschehen um ihn herum nur bedingt Interesse zeigt. Er verkehrt in Künstlerkreisen und verbleibt in der Tradition seines Heimatdorfes mit seinen Riten verhaftet – mit 12 wurde er in dem Bergdorf initiiert, wo nicht nur jeder bei Geburt seinen Sarg bekommt, sondern bei genanntem Initiationsritus ein Buch, in das er fortan sein Leben zu schreiben hat. Dass die Mutter dieses eng beschriebene Lebenswerk sofort nach dem Tod des Vaters achtlos und ungelesen in den Müll wirft, weist auf die Verletzungen hin, die das Buch meist nur andeutet, obwohl sie sogar zu einem Aufenthalt in der Psychiatrie führten. Widmer ist ein großer Autor und beweist einmal mehr seine literarischen Fähigkeiten, etwa wenn er scheinbar redundant Episoden wiederholt, die sich bei der zweiten Erzählung um kleine Nuancen unterscheiden, aber sein Versuch, das verlorene Tagebuch des Vaters zurückzuholen, krankt gleichzeitig an seiner Liebenswertigkeit; das ist wunderbar zu lesen und hinterlässt doch ein unbefriedigendes Gefühl.



Victoria Thérame: Die Pianistin.

In der Autowaschanlage einer Tankstelle arbeiten und sich in der Freizeit die selbstmitleidigen Probleme von Freundinnen anhören, die einen umgekehrt keinen einzigen Satz sprechen lassen, der sich nicht auf sie selbst bezieht, damit muss Schluss sein, denkt sich Jaki, eigentlich Musikerin, und läuft nach einem Streit mit solch einer Bekannten in den Straßen von Paris erst einem kuriosen Handtaschenräuber über den Weg, der ihr das Geraubte nach und nach wieder zuwirft, und folgt später einem blonden Mann, der ihn einem höheren Tanzetablissement verschwindet. Jaki biete sich dort als Klavierspielerin an und wird bald zum festen Bestandteil des Hauses, das verschiedene Abteilungen vom renommierten Tanzsaal über ein gediegenes Restaurant bis zur Transvestitenshow und einem Lesbenbordell unter einem Dach vereint. Dementsprechend vielfältig sind auch Personal und Gäste, Jaki fügt sich gut ein und wird selbst bald zur Attraktion mit ihren Eigenkompositionen. Gut integriert in die neue Umgebung bleiben aber immer noch einige Geheimnisse offen, die Jaki nach und nach ergründen möchte. Was hat es mit dem Blonden, dem sie einst in das Lokal folgte, auf sich, stets gut gekleideter Stammgast, der aber nie spricht? Und was verschweigt Jean, der Chef, der im Keller hausiert, wo bald täglich ein Bewusstloser abgefunden wird? Und warum fühlt sie sich von Agatha, der kratzbürstigen lesbischen Prostituierten gleichzeitig genervt und doch angezogen? Und da ist ja noch der Handtaschenräuber, der aus den Niederlande ihren Personalausweis zusendet. Victoria Thérame (geboren 1937) portraitiert eine lebenslustige junge – und plötzlich erfolgreiche, sie bekommt sogar Plattenverträge – Frau, die sich sozusagen selbst emanzipiert und einfach komplett neu anfängt. Die skurrilen, aber nicht übertriebenen Figuren um sie herum schließt man ebenso schnell ins Herz wie die Protagonistin, wozu der locker-naive Erzählton seinen Gutteil beiträgt, aber auch die atmosphärische Schilderung des Nachtlokallebens im Verbund mit den Geheimnissen, die übrigens keineswegs alle geklärt werden…



Louis Begley: Ein Leben für ein Leben.

Es ist nachvollziehbar, dass es einen renommierten Autor reizt, sich einmal komplett in einem anderen literarischen Genre zu versuchen. Es ist nicht gesagt, dass dies funktioniert, genausowenig wie umgekehrt. Nun, Louis Begley (geboren 1933) hat sich schon im Vorgängerroman „Zeig Dich, Mörder“ weg von seinen Anwaltsgeschichten hin zu einem Thriller reinsten Wassers begeben – oder dass, was er darunter versteht. „Ein Leben für ein Leben“ bildet nun die Fortsetzung mit dem Irak- und Afghanistan-Veteranen Captain Jack Dana im Mittelpunkt, der sich für den Mord an seinem Onkel Harry gegen dessen – und nun seinen – großen Widersacher, den rechten Multimilliardär Abner Brown auf Rachefeldzug begibt. Begley fügt gewissermaßen dem legalistischen Teil seines früheren Schaffens – der in Form von Anwält*innen und US-Behörden weiter existiert – einen privaten selbstjustitiellen hinzu, was etwas überrascht beim ihm als gelerntem Juristen. Ansonsten überrascht bei dem Roman eher wenig, er bewegt sich sehr eng in den Grenzen des Genres, Begley erweitert es nicht, im Gegenteil, er hält sich sehr exakt und äußerst uninnovativ an die Regeln, selbst ironische Brechungen sucht man vergebens. Überraschende Wendungen gibt es kaum, und wenn, dann sind sie äußerst schlecht motiviert, wie etwa das ausschweifende sexuelle Doppelleben seiner Ex-Freundin, dessen Schilderungen fast schon an Spießigkeit grenzen. Alles an der Geschichte ist von äußerster Glätte: die Bösen sind völlig böse, die Guten völlig gut, die Helfershelfer von Dana sind irgendwie immer tolle Supertypen – und zwar in allem, was sie machen, einfach top Kriegs- und Kochhelden. Leider sind sie dadurch so hölzern wie manche der Dialoge. Das Ganze ist so leidlich spannend, dem uramerikanischen Genre des einsamen Rachefeldzuges wird ein neuer Text hinzugefügt, erstaunlich unreflektiert und literarisch eher unterdurchschnittlich, so dass er vermutlich nicht einmal Liebhaber*innen des Genres wirklich begeistern dürfte. Von manchen Ausflügen kommt man eben enttäuscht zurück.