Mittwoch, 12. Oktober 2022

Lektüremonat September 2022.

  


Ilija Trojanow: Macht und Widerstand.

Zwei parallele Lebensläufe. Metodi und Konstantin, Klassenkameraden, der eine eher unbedarft, der andere intelligent, aber unangepasst, was für ersteren zur Karriere im kommunistischen und Nachwende-Bulgarien führt, für letzteren zu Haft, Folter und windmühlenartigem Kampf gegen das Vergessen. Der Blick geht zurück auf ihre parallelen, sich später hin und wieder kreuzenden Leben – diese Wiederbegegnungen verlaufen stets zum Nachteil von Konstantin – in denen der eine sich dem stalinistischen System angedient hat und im Geheimdienst hoch aufsteigt, da er völlig skrupellos ist. Er übersteht Rückschläge und Krisen, Intrigen und Denunziationen, und dank seines Wissens hat er auch keinerlei Probleme, sich in der neuen Demokratie unentbehrlich zu machen, er ist noch immer ein angesehener und gefragter Mann, die Partei hält weiter ihre schützenden Hände über ihn – und er über sie. Konstantin dagegen ist dem anarchistischen Gedanken verpflichtet, begeht mit einer Jugendgruppe ein Attentat auf eine Stalin-Statue, wird jedoch nicht, wie von allen erwartet, zum Tod verurteilt, sondern zu zwanzig Jahren Haft. Zur Erpressung von Geständnissen über Mittäter wird er gefoltert, nach seiner Entlassung verschwindet er in der Provinz, um nicht mehr aufzufallen. Mit dem Umsturz könnte die Gelegenheit gekommen sein, abzurechnen, Konstantin will die Opfer und damit auch sich selbst, nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen. Aber er will auch, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Nur stößt er mit diesen Anliegen auf wenig Gegenliebe, selbst unter seinen ehemaligen Mitgefangenen gibt es Zweifler, vor allem aber sitzen an den entscheidenden Stellen entweder noch immer – oder wieder – Personen des alten Systems oder solche, die um des gesellschaftlichen Friedens Willen kein Interesse am Aufwühlen alter Schuld haben. Konstantins Recherchen sind fast manisch, noch dazu entpuppt sich manch alter Freund durch die wenigen Akten, in die er dann doch Einsicht erhält, als Verräter. Und auch Metodi hat weiter seine Hand im Spiel, um Erfolge Konstantins zu verhindern. Dabei hat der Ex-Geheimdienstoffizier eigentlich noch ganz andere Sorgen, da eine vermeintliche Tochter, hervorgegangen aus einer Vergewaltigung im Lager, aufgetaucht ist. Ein Unsicherheitsfaktor; und nichts weniger liebt Metodi als Unsicherheit. Ilija Trojanows (geboren 1965) Roman, angereichert mit echtem Dokumentarmaterial und Einschüben zu wichtigen Ereignissen der bulgarischen Geschichte, bringt uns einerseits dieses vielen unbekannte Land in den letzten Jahrzehnten näher, gleichzeitig sind die Schilderungen exemplarisch für die osteuropäischen Sowjetregime. Das gilt sicher auch für Metodi, der den nicht sadistisch-bösartigen Typus, sondern den an sich ideologiefreien Perfektionisten des Terrors verkörpert, ohne den kein Regime überleben könnte. Er ist stolz auf das, was er tut, moralfrei, gewandt und opportunistisch genug, um alle Wechsel zu überstehen. Konstantin dagegen ist innerlich verhärtet, das schützt seine Integrität, bewahrt ihn vor Zugeständnissen in der Haft und danach, lässt ihn aber nicht mehr zur Ruhe kommen, vor allem, da er nur mit Widerständen zu kämpfen hat – und mit seiner Gesundheit. Ist sein Kampf um absolute Aufklärung zu viel? Ist er angesichts der Umstände – öffentliches Desinteresse, kafkaesker Behördenwillkür, persönlicher Anfeindungen und insbesondere der Entlarvung früherer Freunde – gar sinnlos? Metodi lebt gut, ist reich, agiert hinter den Kulissen, Konstantin findet kaum noch Zuhörer:innen, spart sich den Zugang zu den Archiven vom Mund ab. Aber er gibt nicht auf – und der Anarchist in ihm verschafft ihm doch noch einen spektakulären Triumph. Interessante und auch spannende Reflektion über das, was der Titel verspricht: „Macht und Widerstand“.  

 

Italo Calvino: Der Baron auf den Bäumen.


Wie gewohnt basiert auch dieser Roman Italo Calvinos (1923 bis 1985) auf einem grundlegenden bizarren Einfall: Der ältere Sohn, Cosimo di Rondò, eines italienischen Adeligen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschwindet nach einem Streit beim Abendessen in den Geästen der benachbarten Bäume. Doch was anfangs als kurzzeitige Trotzreaktion eines 12jährigen angesehen wird, ist fortan das Lebenskonzept des Jungen, der sich – und dem herausfordernden Mädchen eines Nachbargartens – schwört, zeit seines Lebens keinen Fuß mehr auf den Boden zu setzen. Das erscheint noch immer als eine exaltierte Kinderidee, doch Cosimo setzt das Leben auf den Bäumen konsequent fort, was seine Familie notgedrungen bald akzeptiert. Aus Sicht der Landbewohner gilt er den einen als verrückt, den anderen als gefährlich, wieder anderen als verbündet. Hilft er doch nicht nur herumziehenden Vagabunden oder Obstdieben, sondern auch den Bauern beim Anlegen von besserer Bewässerung, schließlich hat er den Überblick und weiten Zugang, da er von Ast zu Ast fast das gesamte Land über-queren kann. Im Laufe der Zeit begegnet er spanischen Flüchtlingen, Kriegsvertriebenen, seiner großen Geliebten – dem Mädchen aus dem Garten – und ihn verfolgenden Jesuiten, zwischenzeitlich scheint er tatsächlich dem Wahn nahe, auf der anderen Seite vergisst er das Wohl seiner Unter-tanen nicht, auch wenn er das Regieren seinem jüngeren Bruder, dem Erzähler, überlässt. In ganz Europa hat sich das Gerücht vom Baron in den Bäumen – in verschiedenen Formen – bereits verbreitet, selbst Napoleon kommt persönlich zur Stippvisite vorbei. Cosimo wird alt – und so stellt sich die Frage, was mit dem Todkranken geschehen soll, wird ihn doch am Ende die Erde wieder aufnehmen? Nach einiger Zeit fragt man sich, ob der erwähnte Einfall – ein Mann verbringt sein Leben auf den Bäumen – wirklich für einen gesamten Roman trägt, ob nicht eine Kurzgeschichte oder Novelle angemessener gewesen wäre. Und doch wird dieser Punkt überwunden, obwohl Calvino gar nicht versucht, extrem bizarre Vorfälle zur Spannungserhaltung zu erzeugen, er verlässt sich einfach auf sein Erzähltalent. Es mag nicht der beste von seinen Romanen sein, aber, angereichert mit historischem Kolorit und politischem Hintergrund, bietet er intelligente Unterhaltung.   

 


Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische.

Wilhelm Weitling, kein Revolutionär, sondern pensionierter Richter, verbringt die letzten Sommertage am Chiemsee, in einem früheren Wohnhaus seiner Eltern, verbunden mit allerlei Kindheitserinnerungen, denn er ist hier aufgewachsen. Dazu verleiten ihn auch die Gedanken an die Zukunft, wie die Rentnerzeit nutzen, die bevorsteht, abgesehen von der Vollendung eines seit Jahren im Wartestand befindlichen Buchprojekts? Vorerst dringlicher ist allerdings die Frage, wie diesen Tag noch nutzen, bevor seine Frau – sehnlichst erwartet – in Kürze eintreffen wird. Weitling entschließt sich nach anfänglichem Zögern doch noch, eine kurze Segelfahrt mit seinem Schiffchen zu unternehmen, eine fatale Entscheidung. Denn wie einst schon in der Jugend gerät er in einen Sturm, das Boot kentert, damals kam er knapp mit dem Leben davon, aber diesmal? Doch, auch diesmal gelingt es ihm, das Ufer zu erreichen. Aber er ist nicht mehr allein. Der ältere Weitling, der pensionierte Richter, ist seinem jungen Ich als Begleiter beigegeben, er ist an sich selbst im Gymnasiastenalter gebunden, sieht nun auf sich herab, bzw. mit den Augen des Jüngeren, ohne Eingreifen zu können. Ist er also tot? Wie auch immer, er erlebt nun seine Jugend noch einmal, nicht unbedingt zu seiner Freude. So richtig sympathisch findet er sich nämlich im pubertären Alter nicht, zu antriebslos, zu uninteressiert an allem. Was ihn aber noch mehr erschreckt, sind die kleinen Veränderungen, die nicht mit seiner Erinnerung übereinstimmen. Und diese werden größer: So bleibt der Erfolg, den sein Vater als Schriftsteller hatte, aus. Als Weitling dank des dementen Großvaters, der sich als zugänglich für Einflüsterungen und Fragen erweist, erfährt, dass es einen Ausweg aus seinem Zustand zu geben scheint – ohne genaue Angabe, wie das möglich ist – bangt ihm vor der an sich ersehnten Rückkehr. Wird es überhaupt noch seine Zukunft sein? Oder ist er ohnehin längst tot und wird nur noch als Leiche ans Ufer angeschwemmt? Nun, urplötzlich ist er zurück, mitten im Sturm, er wird erneut gerettet, aber irgendetwas stimmt tatsächlich nicht. Zwar stellen sich die Verletzungen als weniger gravierend heraus, anders dagegen die Veränderungen um ihn herum. Die junge Dame am Krankenbett erweist sich nicht als seine Frau, sondern seine Tochter – im alten Leben war Weitling kinderlos. Immerhin, seine Gattin ist sehr zu seiner Freude die „echte“, auch wenn sie einen anderen Beruf hat. Er übrigens auch: er ist Schriftsteller. Weitling muss nun mit seinem neuen Leben zurechtkommen, ist es die bessere Variante des alten? Oder existiert irgendwo ein zweiter Wilhelm Weitling, der pensionierte Richter? Sten Nadolny (geboren 1942) präsentiert eine neue Variante des bekannten Themas von der zweiten Chance. Wie das alles genau zustandekommt, dies zu erklären macht er sich – zum Glück – gar nicht die Mühe. Dafür verändert er das Motiv leicht: Schließlich hat Weitling keine Möglichkeit, in seine Jugend aktiv einzugreifen, er ist für die Veränderungen in der Zukunft – oder seiner Parallelexistenz – zumindest bewusst nicht verantwortlich. Er bleibt Beobachter. Und auch sein neues Leben ist zwar in der Zukunft, aber nicht der Vergangenheit veränderbar, also größtenteils vorbestimmt. Anders als in den sonst üblichen Versionen dieser Art Geschichten war also weder das vorherige Dasein schlecht, auch hat er nicht aktiv eine Entscheidung getroffen, die sein Leben ab einem Punkt in die ein oder andere Richtung lenkt, noch hat Weitling im Anschluss die Wahl zur einen oder anderen Existenz zurückzukehren. Mehr als nur eine literarische Spielerei, liest sich Nadolnys Roman zudem – gewohnt – gut.    

 

Konstantin Paustowski: Kostbarer Staub.

Es sind Erzählungen aus der zweiten Hälfte des schriftstellerischen Schaffens Konstantin Paustowskis (1892 bis 1968), die dieser dünne Band versammelt. Der Ruhm des russischen Autors, ohnehin nicht so groß wie der manches Zeitgenossen, ist inzwischen etwas verblasst, obwohl er einst zu den ganz heißen Nobelpreiskandidaten zählte und Wertschätzung sowohl in seiner Heimat als auch im Westen genoss. Am literarischen Können liegt diese geschwundene Aufmerksamkeit sicher nicht, die skizzenartigen Geschichten Paustowskis, die charakteristischerweise mit einer kurzen Naturschilderung eingeleitet werden, stellen jeweils einen Menschen in den Mittelpunkt, meist der unteren Schichten, jemanden, der sich irgendwie durchschlagen muss, sei es im Dorf, sei es an der Front, sei es in Paris. Mit viel Sympathie, aber zugleich ohne Verklärung der Umstände, aber auch ihrer Verwirrungen, schildert Paustowski seine Figuren, die wenig Heldenhaftes haben, sondern sich mit den Widrigkeiten des zumeist ärmlichen Alltags herumplagen müssen. Wirkt weniger angestaubt, als man vielleicht vermuten könnte, lohnt sich also, um Paustowski wieder in Erinnerung zu rufen.   

 

Gerbrand Bakker: Der Umweg.

Die Flucht endet in Wales. Im Haus einer kürzlich verstorbenen Witwe, abgelegen in der Landschaft, zur Miete ausgeschrieben. Die junge Frau lässt ihren ursprünglichen Plan, nach Irland überzusetzen fallen, der kleine Hof scheint die bessere Alternative, um der eigenen Vergangenheit – und der Zukunft, wie sich noch herausstellen wird – zu entkommen. Die gezwungenermaßen aufgegebene Stelle als Dozentin für Englische Literatur ist immerhin hilfreich, ansonsten ist das Landleben jedoch Kontrast zum etablierten Amsterdamer Dasein – das allerdings ohnehin schon mächtig am Zerbröseln war. Vorerst aber gilt es sich mit weidenden Schafen, aggressiven Dachsen, widerspenstigen Gänsen, die immer weniger werden, knorrigen Dorfbewohnern und aufdringlichen Nachbarsbauern auseinanderzusetzen – und Garten und Haus in Schuss zu halten beziehungsweise wieder zu bringen. Und da sind noch die mitgebrachten, keineswegs verschwundenen Probleme, in die wir nur peu à peu Einsicht erhalten. Die Frau ist verheiratet, ihren Mann hat sie zurückgelassen, ohne Angaben, wohin ihre Reise gehen soll. In einem Anfall von blinder Wut zerstört er daraufhin ihr ehemaliges Büro an der Uni, was ihm immerhin die Freundschaft des Polizisten einträgt, der den Fall bearbeitet und ihm bei der Suche nach seiner Frau helfen wird, die ihn, wie er bereits wusste, vor der Flucht mit einem Studenten betrogen hat. Doch war dies nicht der Hauptgrund ihres überhasteten Aufbruchs. Derweil taucht auf ihrem Grundstück ein junger Mann mit seinem Hund auf, ein Wanderer, der Routen inspiziert. Er ist nett, aber er weigert sich wieder zu gehen. Er ist auch nicht, wofür man ihn hält. Während ihr Mann zufällig immer mehr über ihre möglichen Motive erfährt, macht er sich auf, seine Frau zu finden, kündigt aber sein Kommen – ihren möglichen Aufenthaltsort hat er ausfindig machen können – vorher an. Da ihr auch der Vermieter gekündigt hat, drängt die Zeit. Die Frau fasst einen Entschluss. Gerbrand Bakker (geboren 1962) zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren der Niederlande und „Der Umweg“ gehört mit Sicherheit dank seiner ruhigen Art, seiner einnehmenden Charakterschilderungen, aber auch einem trotz wenig erbaulichem Grundthema sanften Humors zu dem Besten aus seiner Feder bisher. Einfach nur sehr, sehr gut, absolute Leseempfehlung.