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Mittwoch, 20. März 2024

Lektüremonat Februar 2024.

 


Jean Rolin: Joséphine.

Bekannt wurde Jean Rolin (geboren 1949) auch hierzulande für seine Reportagen aus den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre, die in der nur sehr kurzen Erzählung „Joséphine“, der Hommage an eine Freundin, im Hintergrund eine letztlich nicht unbedeutende Rolle spielen. Rolin ist aber auch ein gewiefter Schriftsteller, was sich schon in der Struktur des Büchleins bemerkbar macht, es sind chronologisch nur grob strukturierte kurze Erinnerungstexte, anekdotische Fetzen, die aber gleichwohl ein Gesamtbild ergeben. Raffiniert ist dabei auch das sehr langsame Preisgeben alles andere als unwichtiger Fakten fast nebenher. So erfahren wir erst nach einiger Zeit, dass Joséphine tot ist – was naturgemäß gleichzeitig die Spannung nach dem Wie und Warum erhöht – oder dass sie schwer drogensüchtig war. Oder noch immer ist, beziehungsweise wieder. Auch die Kennenlerngeschichte wird erst später nachgereicht. Der Erzähler, selbst nicht ohne Erfahrung mit Drogen, glaubt Joséphine auf dem Weg der Besserung, doch darüber täuscht er sich vermutlich ebenso sehr wie über die Intensität ihrer Beziehung. Zumindest sieht er sich nicht in der Lage, sie vor dem erkannten Verfall nach einem Tod im Bekanntenkreis zu bewahren, im Gegenteil, gewissermaßen sehenden Auges reist er wider seine Intuition nach Bosnien. Er wird Joséphine nicht mehr lebend wiedersehen. Melancholische Betrachtung über den Tod der Freundin, aber auch über das eigene Nicht-Handeln. Eine traurige Amour fou, wie sie – fast schon dem Cliché nach – wohl nur französische Schriftsteller:innen ohne Kitsch und Larmoyanz zu schreiben vermögen.   

 

James White: Das Prometheus-Projekt. 


Astronomen beobachten ein Objekt in der Ferne, das sich bald als fremdes Raumschiff herausstellt. Es hält an einem Planeten an, ohne sich weiterzubewegen. Für die Menschen scheint dies endlich eine Gelegenheit, mit Außerirdischen in Kontakt zu treten, zugleich möchte man etwas über ihre Absichten und technischen Möglichkeiten erfahren. Allerdings ist man auf der Erde noch in einem frühen Stadium der Raumfahrt, man muss zwei winzige Forschungsschiffe umbauen, in die nur ein Team von je drei Leuten hineinpasst, die sich nun auf eine wochenlange Reise zu dem Objekt begeben müssen. Immerhin dürfte das Unternehmen, wie sich die Raumfahrtbehörde erhofft, endlich wieder Interesse an der vernachlässigten Erforschung des Alls wecken, weshalb man sich entschließt, das gesamte Projekt Prometheus nach Ankunft bei dem fremden Schiff live zu übertragen. Nur einer von vielen Fehlern, die noch gemacht werden würden. Nachdem die Besatzung manche Anzeichen von Lagerkoller überwunden hat und endlich an ihrem Ziel angekommen ist, reagiert das außerirdische Objekt weder auf Licht- noch akustische Signale. Wurde es verlassen oder ist es defekt? Ist es ein Hinterhalt? Oder sind die Fremden einfach so sehr von uns verschieden, dass sie diesen Versuch zur Kontaktaufnahme nicht verstehen oder vielleicht überhaupt nicht wahrnehmen können? Den Astronauten bleibt nur, sich vorsichtig Zutritt zu dem Raumschiff zu verschaffen. Doch das führt nach und nach in die Katastrophe – die gleichzeitig auf der Erde übertragen wird. Dort führt das Verhalten der Raumfahrer zu heftigen Kontroversen, die auch die Zentrale auf der Erde beeinflusst. Diese droht schließlich, die dezimierte Mannschaft im Stich zu lassen. Alles hängt nun davon ab, ob die Theorien des Arztes, der nach dem Tod des Missionschefs die Leitung innehat, sich als richtig erweisen. Doch das bleibt zweifelhaft und ohnehin muss der mit den restlichen Raumfahrern erst einmal darum kämpfen, überhaupt zu überleben. Erst dann wird sich beweisen, ob er und seine Leute als aggressive Massenmörder zu Sündenböcken werden oder sie ein außerirdisches Leben in Bedrängnis retten können. Erstaunlicher Science-Fiction Roman des Iren James White (1928 bis 1999), der anders als viele Zeitgenossen der 1960er Jahre sich nicht dystopischen Endzeitszenarien widmet, auch wenn das Buch selbst lange Zeit einen äußerst negativen Verlauf zu nehmen scheint, sondern ein letztlich sogar versöhnliches, wenn auch offenes Ende präsentiert. Sehr spannend erzählt, ohne allzu viel verwirrendes Technobabble, schreibt White auch gegen das damals noch vorherrschende Cliché des bösartigen Alien an – indem er dieses Cliché erst lange Zeit zu bestätigen scheint.     

 


Aleksandar Tisma: Die wir lieben.

Dass wir Aleksandar Tisma (1924 bis 2003) lieben, ist natürlich völlig klar. Aber wer wird in dem kurzen Büchlein eigentlich geliebt? Und wer ist das „wir“? Denn sonderlich liebenswert sind die Protagonist:innen von Tismas Episodenerzählung eigentlich nicht. Und dies, obwohl es sich nicht um eines der düsteren Werke des Schriftstellers handelt, sondern um eine ironische Hommage an die Prostituierten der Stadt Novi Sad. Die sind allerdings allerdings alles andere als professionell, es handelt sich fast ausschließlich um Nebenerwerbsnutten, sozusagen. Die Armut, die familiäre Situation, selten auch die Frivolität oder die Sehnsucht nach schnellem, scheinbar leicht verdientem Geld, lässt die Mädchen und Frauen sich an Kupplerinnen wenden, die ihnen Männer zuführen oder auch nur Zimmer bereitstellen. Ein Vergnügen ist all das nicht: Das eigene Leben ist für gewöhnlich armselig in jeder Beziehung, die Unterkünfte sind ebenso schäbig wie die heimlichen Zimmerchen, das Verhältnis der Frauen zueinander ist selten geprägt von Wohlwollen, die Aussichten auf das große Geld sind utopisch wie die auf das große Glück, dazu kommen die gelegentlichen moralischen Anfälle der Miliz, falls sie von einem enttäuschten Kunden auf ein Lokal der Frauen aufmerksam gemacht werden. Mißgunst herrscht vor allem unter den Kupplerinnen, die sich die attraktivsten Frauen und Freier gegenseitig abspenstig machen wollen, aber gleichzeitig doch alle in derselben Misere stecken. Die Männer kommen in dem Buch nicht besser weg, sie sind getrieben von ihrer gedankenlosen Notgeilheit, handeln insgesamt verantwortungslos und nur in ihrem Eigeninteresse. Oberflächlich geht Tisma mit leichtem Tonfall an sein Thema heran, ein liebevoller Sarkasmus, der aber die triste Trostlosigkeit dieses Lebens am Rande und doch inmitten der Gesellschaft nicht verdeckt. Deshalb dürfte die Frage auf die Antwort, wen wir lieben, kaum sehr freundlich ausfallen.  

 

Laurent Gaudé: Die Sonne der Scorta.


Es wird seine Rache sein – und zugleich, wie er weiß, sein Ende. Doch er hat fünfzehn Jahre auf diesen einen Moment gewartet. Jetzt, nach Verbüßung seiner Haftstrafe, reitet der Kleinganove Luciano Mascalzone zur Siesta-Zeit auf einem Esel in Montepuccio ein, dem abgelegenen Dorf, das er ebenso hasst wie die Menschen dort ihn. Er kennt nur ein Ziel und er erreicht es mühelos, das Häuschen seiner früheren Geliebten. Er klopft, sie öffnet ihm, scheint ihn fast erwartet zu haben, obwohl sicher niemand mit seiner Rückkehr gerade hierher rechnen konnte. Widerstandslos gibt sie sich ihm hin. Es folgt, was kommen musste, Luciano wird entdeckt, triumphierend gibt er sich den Dorfbewohnern zu erkennen, die prompt über ihn herfallen, fast schon glücklich lässt Luciano die Steinigung über sich ergehen: Er hat es ihnen allen noch einmal gezeigt, beruhigt kann er sterben. Doch er täuscht sich, nicht nur, weil ihn der Pfarrer zu retten versucht und dadurch seinen Tod qualvoll hinauszögert, sondern weil er aufgrunddessen in seinem buchstäblich letzten Moment noch erfährt, dass seine Geliebte bereits vor Jahren verstorben ist. Ihre jüngere Schwester, somit von einem Toten schwanger, begründet damit die Linie der Scortà, stolze Außenseiter im Dorf, verachtet und doch respektiert, denn die nächste Generation kann sich durch ihre Gaunereien Macht im Ort verschaffen. Deren Kinder sind ein eingefleischter Bund, der unter sich bleibt und sich doch Anerkennung verschaffen möchte, auf den verschiedensten Wegen, ehrlichen und unehrlichen, gescheiterten und in bescheidenem Rahmen erfolgreichen. Was jedoch immer gleich bleibt, ist der Zusammenhalt der Familie und die schwierige Bindung an Montepuccio. Immerhin, Laurent Gaudés (geboren 1972) Roman wurde übersetzt und in einem großen deutschen Verlag (dtv) veröffentlicht. Die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt, hat er hierzulande – anders als in der französischen Heimat – trotzdem leider nicht erhalten. Ganz anders als Familienromane à la Buddenbrooks oder Les Thibaults schuf Gaudé die Saga einer ärmlichen und zwielichtigen Dynastie mit wunderbaren Einfällen, zweideutigen, aber doch auch liebenswerten Charakteren in einer kräftigen, kargen Sprache. Ein Leseerlebnis. Meisterlich.                                                                          

 

Donnerstag, 8. Februar 2024

Lektüremonat Januar 2024.



Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt.

Jeden Jahresbeginn steht man wieder vor der Herausforderung, nicht mit einem enttäuschenden Buch starten zu wollen. Natürlich gibt es einfache Wege, dies zu umgehen, etwa den Griff zu einer längst bekannten geliebten Lektüre, was auf – eine leicht selbstbetrügerische Art – vor bösen Überraschungen bewahrt. Eine Variante ist ein bewährter Autor oder eine bewährte Autorin, aber ein bislang ungelesenes Werk, was naturgemäß aber bereits Risiken mit sich bringen kann, wobei sich dieses minimieren lässt. Zum Beispiel mit Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973). Der 2000 erschienene Band versammelte bisher unbekannte Gedichte aus dem Nachlass, die erst kurz vorher aufgefunden worden waren. Ein Sperrvermerk der Dichterin wie für andere Texte lag laut den Herausgebern, ihren Geschwistern, nicht vor, trotzdem ist es natürlich eine heikle Frage, wie sehr es im Sinne Ingeborg Bachmanns sein kann, teils von ihr offenbar nicht zur Veröffentlichung vorgesehene, nicht korrigierte oder unvollständige Gedichte in Druck zu geben. Das Dilemma wird durch diesen Akt auf die Leser:innen übertragen beziehungsweise an diese weitergereicht, eine Diskussion die kürzlich anhand des Briefwechsels mit Max Frisch neulich intensiv geführt wurde, wobei hier zusätzlich der Aspekt privatester Details eine wichtige zusätzliche Rolle spielt. Dass es in Bezug auf die im Buch nun veröffentlichte Lyrik, größtenteils aus der späten Schaffensphase Bachmanns, sehr schade wäre, bliebe sie für ein breiteres Publikum unzugänglich, ist die eine Seite der Medaille, dass der Wille der Autorin damit – womöglich – ignoriert wurde, die andere.         

 

Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft.


Der scheinbar paradoxe Nebentitel von Swetlana Alexijewitschs (geboren 1948), Nobelpreisträgerin des Jahres 2015, Text über Tschernobyl wird verständlich durch das 2011 hinzugefügte Vorwort, kurz nach der Katastrophe von Fukushima geschrieben. Was als teils verharmlosende Erklärungen für den GAU von Tschernobyl angeführt wurde, marode Sowjettechnik, inkompetente Strukturen, korrupte Funktionäre und vertuschende Propaganda leugnet sie zwar keineswegs – ganz im Gegenteil – doch der japanische Unfall zeigte zugleich, dass auch hochtechnisierte westliche Gesellschaften nicht gefeit sind, viel mehr noch aber, wie wenig aus dem Ereignis von 1986 gelernt beziehungsweise an Konsequenzen gezogen worden war. Und viele weiterhin nicht bereit sind zu ziehen. In der ihr eigenen Form des Augenzeugenberichts präsentiert Alexijewitsch ihre Nachforschungen, ihre Befragungen von Überlebenden aus allen Bereichen: Kraftwerksmitarbeiter:innen, Soldat:innen. Feuerwehrleute, Behördenmitarbeiter:innen, Dorfbewohner:innen, Kinder, aber auch durch Kriege Vertriebene, die freiwillig in die verseuchten Zonen gezogen sind, weil sie dort wenigstens Ruhe, eine paradoxe Freiheit genießen können, da der Staat diese Gebiete meidet. Die Vertuschung und Verharmlosung, aber auch das zynische Verschweigen, das tatsächliche Unwissen selbst bei zuständigen Behörden, die erwähnte Korruption und unhinterfragte Hierarchien verstärken die an sich ohnehin gewaltige Katastrophe, bringen gewollt und unbewusst den Tod. Heroismus steht neben Feigheit, und beides wird missbraucht. In den zahlreichen Anekdoten spiegeln sich Furcht und Fatalismus, absurde Sorglosigkeit und fanatischer Glaube, schreckliche Folgen und selbst dann noch hin und wieder sogar ein resignativer Humor. Am häufigsten aber ist der Vergleich mit dem Krieg, nur das viele sich noch wehrloser fühlen. Eine Chronik der Zukunft wird Alexijewitsch Buch bleiben, solange der Glaube an die bannbare Nutzung des Atoms weiterlebt – oder, wie in unseren Tagen, sogar wieder mehr und mehr Befürworter findet. Menschen, die dieses Buch sicher nicht gelesen haben.    

 


Heinz Strunk: In Afrika.

Die Voraussetzungen sind nicht sonderlich gut: Heinz Strunks (geboren 1962) Freund C. – ein österreichischer Kabarettist und Fernsehmoderator – fordert ihn am Telefon auf, mit ihm den Weihnachtsurlaub zu verbringen. In Kenia und in knapp vier Wochen. Strunk findet die Aussicht nicht gerade erbaulich, das Land kennt er nicht, er würde lieber zuhause bleiben, bittet sich darum Bedenkzeit aus. Doch da sich ihm zwischenzeitlich keine Alternativen bieten, sagt er schließlich zu. Allein dass sein Flug in Frankfurt startet, gibt ihm jedoch wieder schwer zu denken. Erwartungsgemäß setzt dort das Chaos auch ein, ein Wintereinbruch verzögert die Abreise, dem in Wien vor ähnlichen Problemen stehenden C. wird gar der Flug gestrichen. Allein in Mombasa angekommen, checkt Strunk im Hotel ein, das wiederum eher nicht den Erwartungen entspricht. Von C. hört er längere Zeit nichts, es besteht Aussicht, den Urlaub nun auch noch ohne den Freund verbringen zu müssen. Dabei ist deren beider Konzept von Urlaub genaugenommen sehr schlicht: Nichtstun und am Spielautomaten zocken. C. trifft schließlich doch ein, leider krank. Und täglich wird er kränker, was seine ohnehin angeschlagene Stimmung nicht hebt. Strunk ist fortan viel damit beschäftigt, den Freund bei Laune zu halten, was angesichts der Zustände in und um das Hotel so leicht nicht ist. Als eine zwischenzeitliche – und wie bald festgestellt wird, nur kurzzeitige – Besserung des Gesundheitszustandes C.s eintritt, wird endlich das vorgesehene Programm angegangen: Besuch in der Stadt, anschließend Casino, anschließend „Girls“. Das klappt so leidlich, wird aber in der Folge zum täglichen Standard, bis es zum Wahltag in Kenia kommt. Der bringt dann eine Katastrophe mit sich, die für so ganz sicher nicht gewollte Abwechslung sorgt. Gewohnt launiger Urlaubsbericht aus der Feder Strunks, natürlich in vielem ins bös Sarkastische übertrieben, darum sehr unterhaltsam. Nicht mehr, sicher nicht weniger.   

 

Klaus Mann: Distinguished Visitors.


Während des Exils in den Vereinigten Staaten verfasste Klaus Mann (1906 bis 1949) eine Essay-Sammlung über „den Amerikanischem Traum“ – so der Untertitel – europäischer Besucher der USA verschiedener Couleur. Überwiegend handelte es sich hierbei um Künstler aller Sparten, von Schriftstellern über Komponisten bis Schauspielerinnen, dazu Politiker und Revolutionäre. Ausnahmen bilden Madame von Riedesel, Gattin eines Offiziers der Unabhängigkeitskriege – als Deutscher auf der englischen Seite kämpfend – und ein schwedischer Großindustrieller und Hochstapler, Ivar Kreuger, zugleich wohl heute die unbekanntesten der aufgeführten USA-Reisenden. Ansonsten kennt man die Genannten, die mal im Triumph wie Sarah Bernhardt oder Antonin Dvorak empfangen werden, sich als Neugierige und Forscher wie Chamisso oder Clemenceau dort aufhalten, ihren Aufenthalt dort lediglich imaginieren wie Karl May oder Kafka oder sogar ungewollt dort weitab der Heimat sterben wie Eleonore Duse. Mann hatte das Buch auf Englisch verfasst, fand aber keinen Verleger, der Großteil der Kapitel blieb unveröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe wurde schließlich aus dem Nachlass vom Englischen in Manns Muttersprache rückübersetzt. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum das Buch letztlich nicht so recht zündet. Die Biographien sind durchaus interessant, und dort, wo Mann am wenigsten, wenn man so möchte, als Schriftsteller fungiert, das heißt, er sich einfach auf das Berichten beschränkt, ist er am überzeugendsten. Allzu oft aber stilisiert er die Kapitel ins Literarische, als Gedankenfluss oder wie eine kleine Erzählung, und dies gelingt – trotz seiner unzweifelhaft großen Fähigkeiten, die er in vielen Werken bestätigt hat – hier nicht sonderlich. In jedem Fall alles andere als sein bestes Buch, trotzdem lesenswert aufgrund des Themas.                                                                  

                                                                                    

Freitag, 12. Januar 2024

Lektüremonat Dezember 2023.

 


Bret Easton Ellis: Unter Null.

Aus heutiger Sicht gilt „Unter Null“ – Bret Easton Ellis, Jahrgang 1964, ist inzwischen schließlich auch schon knapp 60 – als Frühwerk und vor allem als Vorstudie zum späteren Meisterwerk „American Psycho“. Gänzlich verkehrt ist das natürlich nicht, aber solch eine Klassifizierung im Nachhinein mindert gleichzeitig den Eigenwert des Romans, was ihm sicher nicht gerecht wird. Clay kommt von seinem ersten Semester an der Ostküste in seine Heimat Los Angeles zurück, hängt in dieser Zeit mit seinen Freund:innen ab, nimmt etwas – leichte – Drogen – und reist nach gut vier Monaten wieder ab. Mehr passiert nicht, dazwischen herrscht reinste Inhaltsleere. Was Niemanden wundert, Niemanden stört und genaugenommen Niemandem auffällt. Die häufigste Antwort auf die Frage, was man die letzten Tage so gemacht habe, lautet – völlig zurecht: „Weiß nicht.“ Und auch sonst weiß man eigentlich nichts: Ist man noch mit seiner Freundin zusammen? War man es überhaupt? Wo sind die eigenen Eltern? Woher kennt man den oder diejenige, die einen auf der Party grüßen? War man gestern überhaupt auf dieser Party? Woher soll man die nächsten Drogen bekommen? Wohin heute Abend? Oder nach den Ferien? Alles verdämmert, hat kein Ziel, berührt einen nicht. Snuff Videos, die man nachstellt, Leichenfunde, heroinspritzende Freundinnen, sich gegen Geld prostituierende Kameraden? Nirgends mehr ein Kick, keine Verantwortung, kein Interesse. Zeigen sich bei Clay in diesem Dauerüberdruss hin zum Ende des Romans leichte Risse? „Weiß nicht“.             

 

Jonathan Lee: High Dive.


„Moose“ Finchs Leben verlief bisher nicht unbedingt verheißungsvoll, nicht nur seine an sich durchaus erfolgversprechende Sportlerkarriere, auch seine Ehe ist gescheitert. Aus den USA als alleinerziehender Vater einer spätpubertierenden Tochter nach England zurückgekehrt, fristet er nun mit Mitte Vierzig ein wenig spektakuläres Dasein als stellvertretender Direktor eines Hotels in Brighton. Doch dann zeichnet sich ein möglicher Wendepunkt ab, die echte Chance auf einen Coup. Die Tories wollen ihren 1984er Parteitag im Hotel abhalten, mit dem Höhepunkt einer programmatischen Rede der politisch stark angeschlagenen Premierministerin Margaret Thatcher. Moose tut alles, um diese Veranstaltung ins Haus zu locken und sie nach der Zusage zum Glanzpunkt werden zu lassen, der ihm endlich den längst versprochenen Posten des Direktors verschaffen soll. Damit möchte er seiner Tochter, die an der Rezeption jobbt, den Aufstieg über ein Universitätsstudium ermöglichen – auch wenn die sich gegen eine solcherart bereits vorgezeichnete Zukunft noch wehrt. Dass Moose unter dem selbstaufgebürdeten Stress und der familiären Sorgen schließlich einen Herzinfarkt erleidet, wird ihn nicht bringen, sich diesen Höhepunkt seiner Karriere von solchen unschönen Nebenereignissen vermasseln zulassen. Was er nicht ahnt: Längst haben Aktivisten der irischen IRA sich im Hotel eingenistet und dort eine Bombe versteckt, die während der Anwesenheit Thatchers und eines Großteils ihres Kabinetts explodieren soll. Das Attentat ist perfekt vorbereitet, der Sprengsatz geht zum vorgesehenen Zeitpunkt in die Luft. Jonathan Lee (geboren 1981) schildert den historischen Anschlag aus der Sicht dreier fiktiver Charaktere: Des stellvertretenden Direktors Moose, dessen Tochter Freya und des IRA-Terroristen Dan, der das Hotel auskundschaftet und am Bau der Sprengsätze beteiligt ist. Das ist der große Pluspunkt des Romans, der diesen Charakteren viel Sympathie verleiht und sie mit Leben füllt, während die sonstige Dramaturgie in eher erwartbaren Bahnen verläuft. Naturgemäß ist der Ausgang durch die historischen Ereignisse ohnehin vorgezeichnet, bei Lee läuft er jedoch auf eine etwas schwache Es-gibt-keine-Gewinner-Moral hinaus. Das ändert aber wenig an der sonst gekonnten und spannenden Umsetzung.      

 


Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste.

Nicht nur im Titel schien Bernd Cailloux (geboren 1945) an seinen Überraschungserfolg „Das Geschäftsjahr 1968/69“ anknüpfen zu wollen, was ihm, bedingt, mit der Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 zumindest auf der Kritiker:innenseite auch gelang. Vermutlich zehrte er bei der Jury vom Wohlwollen des Vorgängers, denn so richtig erschließt sich diese Ehre nicht. Anekdotisch erzählt das stark autobiographische Ich von seiner Ankunft in Berlin, den Gestalten aus der Stammkneipe, verflossenen Liebschaften, der Rechtfertigung der eigenen Aktivitäten während der Revoltenjahre um und nach 1968 und der Stimmung jener Zeit generell, auch der Auseinandersetzung um die Deutung nun fünfzig Jahre später. Nebenher gilt es noch eine wiederausgebrochene Krankheit und eine sehr wechselhafte Beziehung mit einer einige Jahre jüngeren Frau zu bewältigen, wobei auch hier Altlasten der Nach-1968er-Zeiten eine Rolle spielen. Was anfangs noch wie eine etwas erwachsenere nüchtern, aber auch mit leichtem Humor bilanzierende Version von „Herrn Lehmann“ daherzukommen scheint, plätschert bald mehr und mehr dahin, eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, die Charaktere bleiben blass, sprachlich ist manches missglückt, irgendwann ist das Buch zu Ende. Eine Bilanz zieht man dann besser nicht.      

 

Jean Ray: Harry Dickson – La Bande de l’Araignée.


Als Verfasser Phantastischer Literatur müsste man sich mit dem Namen Raymundus Joannes de Kremer (1887 bis 1964) eigentlich, so möchte man meinen, keine Pseudonyme ausdenken. Doch de Kremer, der es ohnehin liebte, seine eigene Biographie völlig zu verschleiern, schuf eine ganze Palette an Aliasen, von denen Jean Ray und John Flanders lediglich die geläufigsten waren. Dass hinter dem effektiven Dauerproduzenten von Spannungsliteratur ein vermeintlich biederer belgischer Beamter steckte, blieb deshalb lange verborgen und würde de Kremer genaugenommen selbst zu einer passablen Hauptfigur eines seiner Romane machen. Neben der Phantastik – wir durften ihn bereits kennenlernen – verlegte sich der Vielschreiber auch auf die Schaffung einer Detektivfigur, die zwar als „Le Sherlock Holmes américain“ angepriesen wurde, mit dem britisch-aristokratischen Kollegen aber nur wenige Züge gemein hat. Zwar ermittelt auch er in London und Anspielungen auf die Baker Street werden hin und wieder in die Texte gestreut, doch mit den Subtilitäten Conan Doyles hat Jean Ray nichts am Hut. Seine Harry Dickson-Erzählungen sind Kolportage reinsten Wassers, nichts kann groß, gefährlich oder blutig genug sein, um die Leser:innen bei Laune zu halten. An Einfällen hat es de Kremer/Ray ohnehin nie gemangelt. Und so erhält Dickson in der Titelgeschichte täglich eine Spinne, die in sein Büro geschmuggelt wird, ohne dass er den Grund, die Methode und schon gar nicht den Überbringer identifizieren kann. Zehn Tage am Stück geht das trotz verschärfter Überwachung so, sehr zum verständlichen Ärger des düpierten Meisterdetektivs. Die Auflösung ist wenig beruhigend, hinter dem Arrangement steckt eine neugegründete Verbrecherbande, die nach eigenem Bekunden Menschen beseitigen will, die nach ihren Vorstellungen der Menschheit schlecht dienen. Dickson sieht sich herausgefordert, dieser Selbstjustiz entgegenzutreten. Doch muss er bald erkennen, dass die Methoden der Bande alles andere als leicht zu durchkreuzen sind – und er selbst zum Hauptziel wird. Dabei agiert der Kopf der Organisation ganz offen. Der ist auch Rays beste Innovation: Der kongeniale Gegner Dickson ist nämlich eine junge französische Internatsschülerin. Und sie ist Dickson durchaus gewachsen, bald schuldet man sich nicht nur gegenseitigen Respekt, sondern auch das Leben. An der tödlichen Feindschaft ändert das aber nichts. Für Liebhaber:innen sehr rasanter Spanungslektüre, über deren Realitätsgehalt man nicht den entferntesten Gedanken verlieren sollte.                                          

                                             

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Lektüremonat November 2023.

 

Ellery Queen: Japanische Kriminalgeschichten.

Was dieser Band im Jahr 1983 versucht hat, lässt ihn immer noch sehr aktuell erscheinen: Die japanische Krimikultur in Europa – und ursprünglich natürlich in den USA – bekannt zu machen. Denn dass dieser damalige Versuch sehr erfolgreich war, kann nicht behauptet werden. Während sich viele andere Aspekte der japanischen Kultur auch bei uns längst großer Beliebtheit erfreuen, genannt seien und Comics und Horrorfilme, führt der Krimi aus Fernost noch immer ein Nischendasein. Die Anthologie, nun auch schon ihre vierzig Jahre alt, versammelt Kurzgeschichten, die eher von europäischen Vorbildern inspiriert sind. Dank der hilfreichen Einführung zur Geschichte des Genres – das tatsächlich keine sehr lange Vergangenheit aufweist – stellt sich die Frage, ob diese offensichtliche Nähe nun ein Vorteil oder ein Hindernis für eine hiesige Leser:innenschaft darstellt. Von den Schauplätzen und ein paar kulturellen Besonderheiten abgesehen trifft man auf bekannte Schemata des „kriminellen“ Erzählens, hier existiert keine wahrnehmbare Barriere – vielleicht ist dies aber wiederum der Grund, warum die japanische Kriminalliteratur keinen zusätzlichen Extrareiz ausstrahlt. Wobei natürlich gleich gefragt werden muss, ob das heute noch immer so ist – und wie sehr damals schon die Auswahl im Hinblick auf westliche Leser:innen vorsortiert hat. Wie auch immer, spannend ist das Bändchen in jedem Fall und als Ausgangspunkt für weitere Expeditionen in dieses nur spärlich besuchte Reich der Literatur Japans durchaus gelungen.      

 


Caritas Führer: Die Montagsangst.

Womöglich hat auch manchne:r Arbeitnehmer:in Montag Angst, vermutlich jedoch eher ein Gefühl starker Unlust. Das wird nicht selten auch für Schüler:innen gelten, aber die Protagonistin von Caritas Führers (geboren 1957) kurzer Erzählung hat allen Grund, sich vor dem Betreten der Lehranstalt zu fürchten. Doch es sind weder schlechte Noten – ganz im Gegenteil – noch mobbende Mitschüler:innen, sondern, wenn man so möchte, ein mobbendes System. Denn das Mädchen entstammt einer protestantischen Pastorenfamilie und geht auf eine Schule in der DDR. Dort wird sie in allem als Außenseiterin markiert und von den üblichen Aktivitäten ausgeschlossen, worauf sie einerseits mit Bedauern, zumeist aber mit stolzem Trotz reagiert. Am Beispiel ihrer Schwestern, die jeweils mit sehr guten Leistungen brillieren, denen aber stets im letzten Moment das Weiterkommen, also zum Beispiel ein Studienplatz, verweigert wird, kann sie ihr eigenes Schicksal bereits ablesen. Zuhause herrscht eine Stimmung der Resignation – immer von neuem versucht der Vater vergebens, durch Eingaben seinen Kindern Zugang zur Universität zu verschaffen – und des möglichst unauffälligen Stillhaltens. Als das Mädchen in einem Anfall von Wut über eine verlogene Propaganda-Aussage an der Wandzeitung ein Blatt abreißt, worauf einige Mitschüler:innen in einem Taumel von Zerstörungswut den Rest der Plakate zerstören, scheint sie endgültig abgestempelt – denn natürlich wird sie als Urheberin ausgemacht und als bequemer Sündenbock von ihren Schulkamerad:innen im Stich gelassen. Dann trifft auch noch ein Brief aus einem Berliner Ministerium ein. Mit Bangen öffnet der Vater das Schreiben. Anknüpfend an das Schülerromangenre, in der die Perspektive des Kindes eingenommen wird, weicht die Erzählung aber durch das spezifische Thema der DDR-Erziehung vom Üblichen ab. Am bedrückendsten ist dabei der Opportunismus – ist er bei den Mitschüler:innen noch erwartbar, so zeigt er sich bei den Erwachsenen, insbesondere den Lehrer:innen, in all seiner duckmäuserischen Grausamkeit, der hilft, das System aufrechtzuerhalten.

 

Siri Hustvedt: Die Verzauberung der Lily Dahl.


In dem schäbigen Hotel gegenüber hat sich ein Maler einquartiert, der sonst wenig Umgang mit den Städtern pflegt, aber Lily fasziniert, die ihn von ihrer kleinen Wohnung aus bei der Arbeit beobachtet. Sie selbst stammt aus dem Ort, arbeitet im selben Haus unten in der Kneipe, und hat keine richtige Vorstellung von ihrer eigenen Zukunft. Sie ist hier verwurzelt, engagiert sich in der lokalen Theatertruppe, hat Freunde und Freundinnen, aber kann es das gewesen sein? Aus einem ihr selbst nicht unbedingt bewussten Drang heraus präsentiert sie sich eines Nachts nackt an ihrem Fenster, als der Maler zufällig in ihre Richtung blickt. Kontakt ist damit hergestellt – und Lily geht kurz darauf eine Liebesbeziehung mit dem etwas älteren, wohl auch verheirateten Mann ein, der psychologische Portraits manch ihrer Mitbewohner malt. Ihr macht er dieses Angebot nicht, stattdessen ihrer alten Zimmernachbarin, mit der sie sich langsam angefreundet hat. Währenddessen gebärdet sich einer ihrer Stammkunden aus der Kneipe immer seltsamer. Auch er hat eine Rolle in dem Theaterstück und lässt ihr rätselhäfte Hinweise zukommen, von denen er offenkundig meint, dass sie sich Lily erschließen würden, was jedoch nicht der Fall ist. Trotzdem ist ihre Neugier geweckt, je weniger sie sich einen Reim darauf machen kann. Das gilt mehr und mehr auch für das Verhalten des Malers. Gibt es gar einen Zusammenhang? Sehr spannender Roman Siri Hustvedts (geboren 1955), der von der Zeichnung der einzelnen Charaktere lebt und natürlich dem Rätselcharakter. Dass die vielen Fragen keineswegs alle beantwortet werden, versteht sich von selbst.

 


Davide Longo: Die jungen Bestien.

Bei Bauarbeiten werden Skelettreste gefunden. Da sich schnell herausstellt, dass es sich nicht um archäologische Zeugnisse, sondern um gleich mehrere Tote jüngeren Datums handelt, wird die örtliche Kriminalpolizei unter Commissario Arcadipane erst hinzu-, dann bald wieder abgezogen. Eine Sondereinheit nimmt sich des Falls an, der als Fund im Umfeld des Zweiten Weltkrieges deklariert wird. Solche verscharrten Leichen von hingerichteten Partisanen, massakrierten Juden oder gelynchten Wehrmachtssoldaten sind keine Seltenheit, weshalb diese Spezialtruppe eingerichtet wurde. Doch Arcadipane geht das alles zu schnell, ohne genau sagen zu können warum, macht ihn das Vorgehen stutzig. Statt froh zu sein, den Fall los zu werden, lässt er heimlich und illegal eine Analyse von ihm entwendeter Knochen durchführen, die seinen Verdacht bestätigt. Die Überreste stammen aus den 1970er Jahren und sind von jungen Menschen. Der Commissario bringt sie mit einem nie aufgeklärten Fall eines Brandanschlages auf den Sitz einer rechtsextremen Partei in Verbindung, bei dem ein Mann, vermutlich entgegen der Absicht der Täter, in den Flammen starb. Zwar schien die Polizei damals kurz davor, das Verbrechen aufzuklären, die vermuteten Täter waren aber spurlos verschwunden. Mit Hilfe seines pensionierten Lehrmeisters, der einst an den Ermittlungen beteiligt war, und einer strafversetzten  jungen Kollegin, macht sich Arcadipane auf die Suche nach den Hintergründen. Bald werden sich Abgründe damaliger Politik auftun, deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht. Obwohl auch dieser Roman dem inzwischen etwas arg durchgekauten Klischee des psychisch angeknacksten Kommissars mit zerrütteter Familie huldigt – was nebenbei für den Verlauf der Handlung wenig Bedeutung hat –, ist dies aufgrund der ansonsten spannenden Geschichte mit viel Hintergrundkolorit und der sprachlichen Kunst Davide Longos (geboren 1971) vernachlässigbar und dem Buch nicht sonderlich abträglich. Somit auch für nicht Krimi-Liebhaber:innen eine Entdeckung!                                  

 

                                                                                                                                                                                                                        

Donnerstag, 30. November 2023

Lektüremonat Oktober 2023.

 


Eduardo Mendoza: Die unerhörte Insel.

Der Unternehmer Fabrégas fühlt sich angewidert von seinen Geschäften und verlässt fluchtartig Spanien, alle Verbindungen kappend. Er landet in Venedig, doch wird er dort von seinem Anwalt aufgefunden, der ihn drängt, zurückzukehren, um eine Pleite seines Unternehmens zu verhindern. Fabrégas weigert sich, doch auch der Aufenthalt in der Lagunenstadt befriedigt ihn nicht, er ist bereits entschlossen, diese zu verlassen, als er einer Frau wiederbegegnet, die er beim ersten kurzen Zusammentreffen an der Hand eines Bekannten für eine Prostituierte hielt. Das ist sie offenkundig nicht, wie sich bald herausstellt, doch was will sie von ihm – und er von ihr? Die Beziehung bleibt lose und auf zufällige Wiedersehen beschränkt, Fabrégas ist zwar einerseits fasziniert, andererseits ekelt ihn auch Venedig immer mehr an, er ist mehrfach entschlossen, die Koffer zu packen. Doch immer wieder taucht die Frau unvermutet doch wieder auf, führt ihn durch die Stadt an verborgene Orte und schließlich sogar in den labyrinthischen Palast ihrer kuriosen Familie. Immer noch aber ist Fabrégas nicht klar, worauf sie hinauswill. Erst spät wird bewusst, dass hinter ihrem erratischen und undurchschaubaren Verhalten von Anfang an ein ausgeklügelter Plan steckte. Cleverer Venedigroman Eduardo Mendozas (geboren 1943), der diesem Genre durch zahlreiche Verweise von Thomas Mann bis Nicolas Roeg und dank des Spiels mit dem makaber-geheimnisvollen Ruf der Stadt, aber auch ihrem Untergang doch noch Neues abgewinnt. Und der zugleich sehr spannend und unterhaltsam ist.

 

Oskar Maria Graf: Reise in die Sowjetunion 1934.


Auf Einladung der Sowjets reiste Oskar Maria Graf (1897 bis 1967) mit zahlreichen weiteren dem Sozialismus zugeneigten Schriftstellern Europas in das Rote Reich, für viele noch immer eine unbekannte Größe. Graf war, wie nicht wenige seiner deutschsprachigen Kolleg:innen, zu jener Zeit bereits im Exil, in seiner Heimat war er persona non grata, in der Sowjetunion dagegen noch immer hoch angesehen. Die Reise mit dem Zug, die Treffen auf dem großen Schriftstellerkongress und die für die Gäste durchgeführten Reisen durch das Land beschreibt er mit gewohnt bissigen Kommentaren, die sich allerdings hauptsächlich auf seine deutschsprachigen Kolleg:innen beziehen. Graf selbst gefällt sich in der üblichen Rolle des klugen Schlitzohrs in Lederhosen, die er zur allgemeinen Verwunderung und Begeisterung der Russ:innen – selbst bei offiziellen Anlässen trägt. Grafs fragmentarischer Bericht, der zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurde, krankt mitunter an zwei Punkten: Seiner zwar satirisch verbrämten Überheblichkeit gegenüber vielen Kolleg:innen – etwas, was er genau diesen nicht selten vorwirft – und seinem verschleierten Blick auf die Sowjetunion. Unkritisch ist Graf keineswegs, er sieht durchaus Defizite, aber im Großen und Ganzen blickt auch er nicht hinter die Kulissen des Stalinschen Terrorstaates, lässt sich zu leicht beeindrucken von offensichtlicher Kulissenschieberei. Ganz unverständlich ist dies naturgemäß nicht: Selbst einem Terrorstaat entflohen, musste Graf durch Alternativen die Hoffnung wahren. Endgültig emigriert ist er schließlich jedoch nicht nach Russland – sondern in die USA.  

 

Jack London: Das Mordbüro.

Natürlich klingt das verführerisch: Der große Jack London (1876 bis 1916), viel zu früh verstorben, hat in seinem Nachlass ein unvollendetes Manuskript hinterlassen, dessen Idee ebenso spannend wie bizarr erscheint: „The Assassination Bureau Ltd.“, eine Agentur, die gegen Geld Mordaufträge ausführt. Geschmacklos, zynisch – ausgerechnet der stets politisch stark engagierte London mit einer menschenverachtenden Idee? Oder doch nur eine Satire, gewissermaßen der Kapitalismus zum Äußersten getrieben? Weder noch. Londons Roman handelt keineswegs von irgendwelchen mafiösen Strukturen noch von skrupellosen Oligarchen, im Gegenteil, die Herren des Mordbüros sind hochgebildete und angesehene Akademiker mit oft abseitigen Spezialgebieten – eher Numismatiker denn Forensiker – und außerdem streng abwägende Idealisten. Wer sich an ihre Organisation wendet, muss sich einer Prüfung unterziehen, die seinen Auftrag rechtfertigt, die Beseitigung des Opfers muss aus nachvollziehbaren, bestätigten und vor allem moralisch einwandfreien Gründen erfolgen – je nachdem wird auch der Preis festgesetzt. Das Mordbüro tötet nur Menschen, effizient und ohne Spuren, die der Menschheit Schaden zugefügt haben, korrupte Polizeichefs, ausbeuterische Unternehmer, Mafiapaten. London flicht dies in eine private Geschichte ein, in der ein junger Mann feststellt, dass ausgerechnet der Vater seiner Geliebten der Oberboss des Mordbüros ist. Durch einen paradoxen Auftrag versucht er ihn und seine Verbündeten von ihrem Treiben abzubringen, in dem er ihm den Auftrag erteilt, sich selbst als Kopf einer menschenfeindlichen Organisation von seinen Gehilfen umbringen zulassen. Die Jagd beginnt. Wie gesagt, es klingt verführerisch und natürlich konnten sich die Verleger diese Chance nicht entgehen lassen, obwohl der Text nicht vollendet war. Ein Kollege Londons wurde beauftragt, den Roman zu vollenden. Das Ergebnis ist nicht gerade der Reißer, denn man nach all dem soeben Beschriebenen vielleicht erwarten könnte. Liest man im Anhang die Skizzen Londons zur Weiterführung seines Buches, wundert man sich ohnehin, wie sehr der Vollender von diesen abgewichen ist, aber ob dies zum Besseren oder Schlechteren war, bleibt offen. Bereits grundsätzlich handelte es sich um keinen Thriller, sondern einen klassischen Thesenroman, in langen, sehr gebildeten Dialogen wird über die Frage verhandelt, ob und wann es gerechtfertigt ist, ein Menschenleben aus vermeintlich guten Gründen zu beenden. Das ist natürlich eine sehr spannende und durchaus wichtige Diskussion – in einem Essay. Als Roman dagegen liest sich das sehr, sehr zäh. Die Handlung – immerhin eine typische Verfolgungsjagd – rettet den Text nicht, da sie immer wieder ausgebremst wird und oft auch redundant wirkt. Vielleicht wäre der Text besser ein Schubladengeheimnis geblieben.

 


Ilija Trojanow: Meine Olympiade – Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen.

Der Titel verrät an sich bereits alles. Schriftsteller Ilija Trojanow (geboren 1965) nimmt sich mit Mitte Vierzig nach den Spielen in London vor, in der nun folgenden Olympiade bis Rio selbst die diversen Disziplinen professionell zu erlernen und im Kurzdurchlauf zu absolvieren. Zwar fallen naturgemäß die Mannschaftsarten weg, aber es bleiben genug, um das ehrgeizige Unterfangen utopisch erscheinen zulassen. Doch Trojanow ist bestens motiviert, gut international vernetzt, um an ausgesuchten Sportstätten mit hervorragenden Spezialtrainer:innen arbeiten zu können und natürlich Schriftsteller, weshalb er all dies dokumentiert. Obwohl auch die meisten Trainer:innen verständlicherweise zumeist erst einmal reagieren wie Laien und Freunde: „Unmöglich zu schaffen“, lassen sie sich auf das Experiment ein. Der Erfolg ist je nach Disziplin – wenig überraschend – durchwachsen. Spitzenleistungen erbringt Trojanow erwartungsgemäß selten, aber er findet Sportarten, die ihn begeistern, andere, die er vermutlich für immer abhakt. Lesen wollen würden wir das vermutlich alles nicht, wäre Trojanow eben nicht Trojanow, ein guter, sympathischer Berichterstatter über sich selbst – und die Sportarten, über die man einiges erfährt, was einem vermutlich sonst nie aufgefallen wäre. Von amüsant bis lehrreich, auch dank der Ehrlichkeit des Autors, der sich in keiner Hinsicht schont, unterhält das Buch bestens. Es motiviert vielleicht nicht unbedingt zum Nachahmen des gesamten Projekts, aber womöglich zum Aufraffen, es mit der ein oder anderen faszinierenden Sportart einmal zu versuchen – oder diese zumindest intensiver im Fernsehen zu verfolgen.