Mittwoch, 9. Juni 2021

Lektüremonat Mai 2021.

  

Franz Kafka: Die Briefe.

Briefsammlungen zu lesen ist, ähnlich wie die Lektüre von Tagebüchern, eine heikle Angelegenheit. Natürlich gibt es, manche Epochen waren – etwa der Humanismus – berühmt dafür, Schreiber, die ihre Korrespondenz bewusst auf eine öffentliche Mitleserschaft bereits anlegten, für Tagebuchautor:innen gilt das zumeist sogar noch mehr, was jedoch für Kafka (1883-1924), der bekanntlich selbst seine literarischen Werke nur ungern der Allgemeinheit zugänglich werden ließ, kaum gelten dürfte. Wir lesen also tatsächlich die rein privaten Briefe, ein voyeuristischer Akt, der nur durch die Prominenz – und den Tod – des Autors leidlich legitimiert ist. Und im Nachhinein wird man sich fragen, ob man sich damit einen Gefallen getan hat. Denn der Kafka der Briefe ist nicht unbedingt eine angenehme oder liebenswerte Person. Insbesondere der Austausch mit seiner mehrfachen Verlobten Felice Bauer, aber auch mit Milena Jesenská-Polak hat oft etwas zutiefst Quälendes, Kafkas Besessenheiten gehen über das übliche – anfangs ebenfalls vorhandene – und für Außenstehende ja nicht immer leicht erträgliche Liebesgesäusel weit hinaus. Der selbstmitleidige, hypochondrische Kontrollfreak, der stets in seiner Schuld und seinen Schmerzen watet, für die er aber in subtiler Manipulation sein Gegenüber mindestens mitverantwortlich macht, er, der sich nie festgelegen möchte, der oft Vorschläge macht, die er dann sofort selbst wieder zu sabotieren beginnt, ist ein exzessiver Schreiber, nicht selten, besonders in den frühen Phasen einer neuen Beziehung, werden zwei nicht gerade kurze Briefe am Tag – beziehungsweise eher: mitten in der Nacht – zu Papier gebracht. Und dann sofort geklagt, wenn nicht in ähnlichem Tempo geantwortet wird. Es gibt auch den Ironiker, den Beobachter und den hilfsbereiten und freundlichen Kafka, doch gerade gegenüber den Frauen zeigt sich eher der Monomane, der auf uns heute bedrückend wirkt. Die bittere Ironie ist, dass der ständig exzessive Schmerzen ausmalende Kafka schließlich tatsächlich schwer erkrankt und schließlich früh stirbt. Die Sonderausgabe von Zweitausendeins versammelt auf über 1200 Seiten – in kleiner Schrift – alle Briefe Kafkas. Jedoch nur seine. Es fehlen die Korrespondenzpartiner:innen, was naturgemäß dem Platz oder dem Nichtmehrvorhandensein geschuldet, aber eben doch ein großes Manko ist. Vielleicht erschiene Kafka in manchem doch wieder menschlicher, würde man die Antworten auf seine Schreiben kennen. Etwas fragwürdig ist allerdings auch die Auftrennung der Briefe in fünf Abschnitte, das erste Kapitel versammelt hauptsächlich Briefe an Freunde und Verleger, ein Sammelsurium, das wohl unter dem Kriterium ‚alles, was übrigblieb‘ zusammengestellt wurde. Hier haben wir den am wenigsten fremden Kafka vor uns. Es folgt das Kapitel Felice Bauer – das längste und zugleich schwer erträglichste – dann die Korrespondenz mit Milena Jesenska und schließlich, reichlich kurios, erst ein Abschnitt mit Briefen an die Schwester Ottla, gefolgt von einem mit Briefen an die Familie allgemein, wobei die Trennung hier nicht einmal konsequent durchgehalten wird. Nun, irgendeine Lösung musste bei der Masse gefunden werden, ob diese wirklich gelungen ist, sei dahingestellt. Sprachlich sind die Briefe zweifellos den Abdruck wert, als Charakterbild sind sie aufschlussreich, sympathisch dadurch, dass aufgezeigt wird, welche komplexe, schwierige Persönlichkeit hinter dem literarischen Genie Kafka liegt, das er unzweifelhaft war.    

 

Andreas Gryphius: Leo Armenius.


Gryphius‘ (1616-1664) ‚fürsten-mörderisches Trauerspiel‘, so ein früherer Untertitel des Dramas, nimmt sich einer Episode der byzantinischen Geschichte an, was allein das Stück schon interessant, aber auch schwieriger macht, denn Ostrom war und wird seltsamerweise in unseren Breitengraden recht stiefmütterlich behandelt, seine Historie ist überwiegend Expertenwissen. Ob dies zu Gryphius‘ Zeiten viel anders war, darf bezweifelt werden. Andererseits wird für das Drama nicht unbedingt tiefste Kennerschaft der Konstantinopler Verhältnisse vorausgesetzt, gut barock hat Gryphius sein Thema aufgrund seiner Beispielhaftigkeit ausgewählt, um ein aktuelles Problem diskutieren zu können. Michael Balbus, ein sehr erfolgreicher Feldherr, hat um sich einen Kreis von Verschwörern versammelt, der ein Attentat auf den amtierenden Kaiser Leo Armenius plant. Leo war einst selbst als Offizier durch eine Usurpation an die Macht gekommen und fürchtet nun, zurecht, ähnliches für seinen Thron, so dass er das Reich mit harter Hand führt. Doch die Verschwörung des Balbus‘ wird aufgedeckt, Leos Berater fordern die sofortige Hinrichtung, der Kaiser ist allerdings unschlüssig und lässt sich von seiner Frau Theodosia zur Milde umstimmen. Balbus landet im Gefängnis, womit die Revolte nicht beendet ist. Als Priester verkleidet dringen seine Mitverschwörer in die kaiserliche Burg ein und ermorden Leo am Altar. Michael Balbus kann Kaiser werden. Die Monologe und vor allem Dialoge zwischen Balbus und seinen Anhängern, ihm und dem Kaiser und letztlich zwischen ihm und der Witwe Theodosia verhandeln das im Barockzeitalterstark diskutierte und hochaktuelle Thema des Tyrannenmordes. Michael Balbus glaubt sich durch die diktatorische Herrschaft Leos gerechtfertigt, diesen zu beseitigen, er ist jedoch selbst womöglich nur ein machtgieriger Usurpator, dem jedes Mittel recht ist man denke an die frevelhafte Tötung des Kaisers in einer Kirche. Leo wiederum ist zwar der offiziell rechtmäßige Herrscher, aber selbst durch unlautere Methoden und Verrat an die Macht gekommen – und er kann sich nur durch Unterdrückung an eben dieser halten. Theodosia verkörpert die Vernunft und die christliche Milde, aber dadurch beschwört sie wiederum nur das Unglück mit herauf. Angesichts der ihn umgebenden Zeitumstände sich bis aufs Äußerste bekämpfender Fürsten im Dreißigjährigen Krieg breitet Gryphius ein Exempel aus – das etwas wie Ratlosigkeit vor Augen führt. Klar ist nur eines, das spätere Ende Konstantinopels vor Augen: Sich gegenseitig bekämpfende Herren im eigenen Land fördern nur den Untergang desselben.   

 

Anne Bronte: Agnes Grey.


Die jüngste der drei Bronte-Schwestern veröffentlichte – unter männlichem Pseudonym – ihren kurzen Romanerstling gemeinsam mit der „Sturmhöhe“ Emilys, was ihrem Buch zuträglich war und auch nicht. Einerseits wurde es dadurch mitwahrgenommen, andererseits jedoch eher als nettes Anhängsel zum wesentlichen durchschlagenderen Erfolg der „Wuthering Heights“ betrachtet und bald aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verloren. Was nicht nur schade ist, sondern dem Text auch nicht gerecht wird. Wer Angst vor ‚großer‘ Lektüre und insbesondere derer des 19. Jahrhunderts hat, mit der er oder sie womöglich schwulstige Sprachungetüme verbindet, dem sei „Agnes Grey“ wärmstens empfohlen. Nüchtern und schnörkellos erzählt Anne Bronte ihre größtenteils autobiographische Geschichte, die genaugenommen keine sonderlich spektakuläre Handlung hat und einen doch sofort für sich einnimmt. Die junge Agnes, jüngste Tochter in der Familie eines Pfarrers, der mit einer ehemaligen Adligen verheiratet ist, die ihm zuliebe ihren Stand aufgegeben hat, möchte etwas zur Verbesserung der Situation beitragen und sich, da sie durch ihre Eltern eine gute Bildung vermittelt bekommen hat, als Gouvernante verdingen. Mutter, Vater und Schwester sind äußerst skeptisch, halten sie noch für unreif und der Aufgabe nicht gewachsen. Doch Agnes setzt sich durch und kommt so in den Dienst einer neureichen Kaufmannsfamilie. Deren Kinder sind nicht gerade die Engel, als die sie ihre Mutter betrachtet – im Gegenteil. Die beiden nicht zu bändigenden Egoisten, Junge und Mädchen, machen Agnes das Leben schwer, die sich extrem beherrscht, auch weil sie an die Möglichkeit zur sanften Veränderung glaubt – Unterstützung findet sie bei ihren Auftraggebern hierfür nicht, die die Fehler ihrer Kinder nicht sehen wollen oder sie Agnes zuschreiben. Nach einiger Zeit wird sie entlassen. Gedemütigt, aber nicht entmutigt kehrt sie nach Hause zurück, jedoch nur, um einen zweiten Versuch zu starten, diesmal bei Landadeligen. Hier hat sie sich bald nur noch um die Mädchen zu kümmern, die standesbewusst verzogen, in ihren Mitmenschen hauptsächlich Spielzeuge zur Manipulation sehen. Doch dieses Mal kann Agnes ihren Einfluss wenigstens unterschwellig geltend machen, ihr Tun bleibt nicht völlig wirkungslos, wenn sich dies auch erst spät herausstellt – und letztlich an den Um- und zuständen nichts ändern wird. Agnes kehrt nach einigen Jahren nach Hause zurück, um nach dem Tod ihres Vaters mit der Mutter eine Schule zu gründen. Dort trifft sie auch den Hilfspfarrer des Landortes wieder, der ihr nun ihre Liebe gesteht. Wenn es je eine unschwülstige Liebeserklärung in der Literaturgeschichte gab, dann ist es diese. Erzieherinnen werden dieses Buch wohl mit einem Extravergnügen lesen, vermutlich erkennen sie viele Charakterzüge ihrer Schützlinge und vor allem von deren Eltern wieder. Doch Häme ist Bronte (1820-1849) fern, das Schicksal des ältesten adligen Mädchens, das Agnes nach deren Heirat noch einmal besucht, ist ein tragisches – wie sie es vorhergesehen hatte, ohne dies verhindern zu können.  

 

Sophie von La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim.


Es ist eine glückliche Kombination mit einem kleinen Makel, der allerdings für die Betroffenen selbst keinerlei Rolle spielt: Der langjährige Freund des Barons von P., Oberst von Sternheim, aufgrund seiner Verdienste jüngst in den Adelstand erhoben, zog nicht nur auf eine kleine Herrschaft in unmittelbarer Nachbarschaft, sondern bat schließlich auch um die Hand der Schwester, die darin ebensowenig ein Problem sah wie der freudig einverstandene Baron noch dessen Mutter, obwohl der Oberst dem Rang nach nicht den Ansprüchen ihrer Stellung in der höfischen Hierarchie entsprach. Das Paar lebt glücklich, eine Tochter wird geboren, den ersten schatten wirft der Tod der Mutter, doch der Oberst sorgt für eine exzellente Erziehung seiner Tochter, insbesondere durch den örtlichen Pfarrer, wie er auch vorbildlich sein kleines Land verwaltet. Schließlich jedoch sterben nach und nach die Verwandten aus: der Vater, der Baron, dessen Mutter. Das Fräulein von Sternheim kommt in die Obhut ihres Schwagers und ihrer Schwägerin, Traditionalisten, die einst nicht mit der unstandesgemäßen Heirat einverstanden waren. Nun aber glauben sie, die ihnen Anvertraute für ihre Zwecke einspannen zu können – ohne deren Wissen. Sie führen sie am Hof des Fürsten ein, dem sie andeuten, die junge Frau sei gewillt, seine nächste Mätresse zu werden. Doch nicht nur von dort droht Gefahr: Der intrigante Engländer Lord Derby nimmt sich vor, das Mädchen durch seine Verführungskünste in seine Gewalt zu bringen. Während das Fräulein von Sternheim, durch ihre Tugend gewappnet, völlig ahnungslos in diese Fallen tappt, sich dadurch ihren eigenen Freunden entfremdet, kommt es schließlich zum Skandal: Durch Lord Seymour, ebenfalls Engländer und seit langem in das Mädchen verliebt, aber wie alle Höflinge glaubend, die Sternheim habe sich längst dem Fürste hingegeben, wirft ihr öffentlich ihre Scheinheiligkeit vor, die Tugendhafte zu spielen und hinterrücks dem Fürsten zu gefallen zu sein. Entsetzt und überstürzt lässt sich sie sich auf den bereits wartenden Lord Derby ein, der auf diese Gelegenheit zugearbeitet hat. Nach einer heimlichen Vermählung flieht sie mit ihm. Im zweiten teil des Buches geht die Entwicklung noch weiter bergab: Derby verliert schnell das Interesse an seiner ehrenhaften Pseudo-Gattin (die Hochzeit hatte er getürkt) und verlässt sie. Sie zieht sich unter falschem Namen zurück und widmet sich der Bildung junger Mädchen, wofür sie letztlich nach England geht. Dort trifft sie zufällig auf Derby wieder, der sie entführen lässt und in einer entlegenen Gegend gefangen hält. Erst als er im Sterben liegt, verrät er Lord Seymour seine Untaten und den Aufenthaltsort der Sternheim. Doch als dieser dort mit seinem Bruder ankommt, scheint es zu spät. Man merkt schon, es geschieht so einiges in diesem berühmtesten Roman einer deutschsprachigen Schritftstellerin des 18.Jahrhunderts, erschienen 1771 und sogleich große Aufmerksamkeit erregend. Dank der Form des Briefromans mit viel Einsicht in das Innenleben der Protagonist:innen, auch der dadurch möglichen raffinierten Überlappung der Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven mitsamt Suspense – also der Frage, ob und wie jemand in die gestellte Falle geht – ist der Text noch immer sehr gut zu lesen. Natürlich ist hier die Sprache der Gefühle etwas überschwänglicher, die Heldin tatsächlich noch eine Heldin in ihrer naiven Tugendhaftigkeit, aber wer Freude am gepflegten Intrigenspiel hat, dem wird Sophie von La Roches (1730-1807) Roman noch immer Freude bereiten.  

 

Morton Rhue: Give a Boy a Gun.


Berühmt geworden durch sein Buch „Die Welle“ widmet sich der Jugendbuchautor Morton Rhue (geboren 1950) – eigentlich Todd Strasser –in diesem 2000 erschienen Roman einem damals durch den Amoklauf an der Columbine High School wieder einmal und noch viele Male danach akuten Themas des Töten von Schüler:innen und Lehrer:innen durch ihre Mitschüler:innen. In Form einer Doku-Fiction kombiniert Rhue zahlreiche Zeugenaussagen der verschiedenen Beteiligten, begleitet von Meldungen aus Zeitungen und Untersuchungsberichten über weitere Amokläufe, über Waffengesetze und -verkäufe in den USA und Statistiken. Seine beiden Protagonisten, die späteren Amokläufer – wobei Rhue es in vernünftiger Zurückhaltung nicht zu einem Massaker kommen lässt – sind gemobbte Außenseiter, in der Hierarchie ihrer Highschool, wo die von Mitschüler:innen und Personal gehätschelten Sportstars ganz oben stehen, die sich schließlich unerwartet dafür entscheiden, eine Schulparty in der Turnhalle zu überfallen und die Gäste als Geiseln zu nehmen. Ihr Plan sieht – vermutlich – vor am Ende die gesamte Halle mit Insassen, inklusive Täter, in die Luft gehen zu lassen. Doch der akribisch vorbereitete Ablauf wird durch nicht vorausgesehene Ereignisse durcheinandergebracht. Rhue unternimmt durch seine Methode den Versuch, möglichst allen Seiten gerecht zu werden – während er zugleich durch die beigegebenen Kommentare eindeutig Stellung gegen die leichte Zugänglichkeit von Waffen bezieht (wobei die Waffen in dem Buch jedoch nicht selbst besorgt, sondern inkonsequenterweise beim Nachbarn gestohlen werden). Letztlich wirkt der Roman aber ähnlich hilflos wie alle Erklärungsversuche des Phänomens Schulamoklauf. Gerade der Einblick in die beiden Protagonisten geht recht nahe ans Verständnisaufbringen, verstärkt dadurch, dass Rhue, wie erwähnt und was bei einem an Jugendliche gerichteten Buch auch sinnvoll erscheint, die übliche Konsequenz, nämlich ein Blutbad auslässt und damit selbst am Ende bewusst und explizit offenlässt, ob es überhaupt zum Äußersten gekommen wäre, bleibt ein schaler Geschmack von Täter-Opfer-Umkehrung. Der Text entkommt folglich den Dilemmata des komplexen Geschehens nicht und streift immer wieder an üblichen Klischees entlang (böse Sportler, Gewalt durch Computerspiele etc.), bleibt aber nützlich als Grundlage für eine offene Diskussion, die nicht nach einfachen Antworten verlangt.  

 

H.D. Everett: The Crimson Blind & Other Stories.


Endlich mal wieder ein Band aus der schon mehrfach gerühmten Reihe „Tales of Mystery & The Supernatural“, in diesem Fall aus der Abteilung Entdeckungen schwer zugänglicher Texte. Und es lohnt sich, diese Entdeckung zumachen. H. D. Everett (1851-1923) – die Kürzel stehen für Henriette Dorothy – muss leider zu den schwer vernachlässigten Autorinnen gezählt werden, die selbst profunden Kenner:innen der englischen Literaturgeschichte nur ein grüblerisches Stirnrunzeln entlocken dürften. Leider. Die vorliegende Sammlung ihrer Schauergeschichten erweist sie als einerseits klassische Vertreterin des Genres in viktorianischer Tradition, die jedoch gleichzeitig einen ganz eigenen Ton gefunden hat. Und dieser zeichnet sich durch eine, für phantastische Literatur ziemlich ungewöhnliche Abgeklärtheit aus. Das mag man erstmal für eine eher unpassende Eigenschaft auf diesem Sektor halten, schnell wird jedoch klar, wie sehr die schaurigen Geschichten dadurch gewinnen. Zwei Vorteile bietet diese vordergründige Nüchternheit. Everett erspart sich die typische überzogene adjektivgeschwängerte Entsetzensrhetorik, in der ständig von nie gefühltem Terror, unglaublichem Erschrecken, lähmender Angst etc. die Rede ist. Ihre Protagonist:innen sind zwar durchaus keine geistergläubigen Spiritisten, akzeptieren jedoch das Vorhandensein übernatürlicher Erscheinungen sozusagen anstandslos. Dies wiederum erspart uns – zweitens – die sonst oft üblichen langen Vorläufe des Unglaubens mit ihren wenig fruchtbaren Debatten um ein Ereignis, dass wir als Leser:innen natürlich längst als übernatürlich erkannt beziehungsweise akzeptiert haben. Everett umgeht beides, wodurch die Geschichten keineswegs an Grusel verlieren, im Gegenteil, das Eintreten des Irrealen sorgt für Umbrüche im Leben der Betroffenen und hat nicht selten gravierende Folgen. An die Tradition knüpft dabei das häufige Thema des Haunted House an, hier wird noch einmal das viktorianische Milieu mit seinen Landhäusern, Villen und Dienerschaft vorgeführt, aber auch in oft subtiler Form dem Untergang geweiht. Besonders die späten Geschichten sind geprägt von vielen jungen Menschen, die verwundet aus dem Krieg zurückkommen, dem einen Schrecken entronnen, zuhause dem nächsten ausgesetzt. Seien dies sich verformende Taschentücher, titelgebende rote Vorhänge, Zettelchen im Ferienhaus oder Telefonanrufe. Das Grauen liegt manchmal in den einfachen Dingen.  

 

Else Lasker-Schüler: Ich suche allerlanden eine Stadt.

Man muss Else Lasker-Schüler (1869-1945), sicher die bedeutendste deutschsprachige Dichterin des 20. Jahrhunderts, allein schon aufgrund solcher Formulierungen wie der titelgebenden dieser Anthologie mögen. Das Buch versammelt einen Querschnitt durch die Lyrik, durch Prosa und Briefe, stilisierte, aber auch die resignierenden, geradezu hilflos wirkenden der letzten Jahre, es fehlt folglich nur das dramatische Werk, dafür gibt es ein paar Zeichnungen – dazu kommen kurze Erläuterungen, Zeugnisse von Zeitgenossen und ein ausführliches Nachwort. Unzweifelhaft ist das hilfreich. Denn niemand wird behaupten, dass die Literatur der Lasker-Schüler leicht zugänglich sei. Während sich die ersten Gedichte noch im Rahmen eines traditionellen Expressionismus bewegen, dominiert bald der Lasker-Schüler eigene Ton ihrer sprachlich verklausulierten Eigenwelten, die autobiographisch untermauert und sprachlich brillant eine Art persönlichen Exotismus entwickeln. Die verwendete Sprache ist dabei nicht kompliziert, aber komplex und vor allem stark codiert. Dies wird in der Prosa, aber auch den vielen Briefen nicht weniger deutlich. Bekannt ist Lasker-Schülers Vorliebe zum Vergeben kreativer Namen und Titel, aber darin erschöpft sich ihre Lust am Sprachspiel keineswegs. Dabei sollte der scheinbar fröhlich-experimentierende Ton auch nicht über manche Härten hinwegtäuschen, Lasker-Schüler war durchaus auch kämpferisch, was Kritik an Verlegern, Einsatz für Freunde oder das Auftauchen der Nazis anging. Doch hinter dem exzentrischen Wesen verbirgt sich auch viel Tragik. Als Dichterin war Else Lasker-Schüler hochanerkannt in ihren Kreisen, aber das waren eben nicht die großen Kreise des Publikums, ständig plagten sie immer größer werdende Geldsorgen, sie lebte mehr oder weniger in Armut. Der Tod ihres Sohnes erschütterte sie tief, später kamen die Vertreibung aus Deutschland, die ständige Angst vor der Ausweisung aus der Schweiz, die schließlich auch erfolgte und das anschließende einsame Leben in Palästina hinzu. Inzwischen muss sie fast schon wiederentdeckt werden – die Anthologie wäre ein nicht einfacher, aber guter Anfang.                                                   

                                                                             

                         

                             

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