Freitag, 11. November 2022

Lektüremonat Oktober 2022.

  

Simon Stone: Stücke.


Spätestens seit Mitte der 2010er Jahre mischt Simon Stone (geboren 1984), Engländer mit Schweizer Wurzeln, insbesondere die deutschsprachige Bühnenwelt auf. Hausregisseur in seiner Heimatstadt Basel, wurde er mit zahlreichen Inszenierungen u.a. nach Wien ans Burgtheater und, größte Ehre der hiesigen Theaterszene, zum Theatertreffen eingeladen, zudem mit unzähligen Preisen überhäuft, auch international sind seine Stücke erfolgreich. Auf den ersten Blick könnte man dies für den Ausdruck einer problematischen Kreativitätskrise des Theaters halten, denn bei Stones Dramen handelt es sich ausschließlich um Adaptionen von Klassikern, sozusagen Coverversionen erfolgreicher Bühnenreißer. Verwerflich ist das an sich ohnehin nicht, große Autoren haben dies immer schon getan, haben ältere Stücke angepasst, umgeschrieben oder auf einer Metaebene kommentiert, von Rainer Werner Fassbinder bis Max Frisch. Doch Stones Methode ist eine andere, er orientiert sich für gewöhnlich nur am Plot der Vorgänger, greift nur einzelne Aspekte heraus oder die Haltungen der Personen – oder des ursprünglichen Autors. Seine Werke sind fast rein dialogisch, zumindest in der Textform gibt es so gut wie keine Bühnenanweisungen oder Kommentare, einzig in seiner Variante der Orestie spielt die Struktur eine größere Rolle, da die Geschichte in drei Abschnitten rückwärts erzählt wird. Die Dialoge sind zeitgenössisch wie die Stücke selbst, es ist unsere Sprache und es ist die Gegenwart, und zwar konsequent, es gibt nicht die oft reichlich aufgepfropfte und künstlich wirkende Vermischung der Zeitebenen, schließlich werden Probleme vorgestellt, die überzeitlich sind, deshalb ohne Abstriche von der Antike oder Ibsens Norwegen übertragen werden können. Naturgemäß liegt ein großer Reiz der Stücke im Kontrast zu den Originalen, sie setzen somit einiges voraus, obwohl man sie auch ohne Kenntnis des zugrundeliegenden Werks verstehen kann. Wie immer ist das reine Lesen von Dramen – insbesondere, da es, wie erwähnt, keine Hinweise auf die Aktivitäten auf der Bühne gibt – sozusagen nur das halbe Vergnügen, jedoch sind die Dialoge Stones allein bereits so fesselnd, dass man den Band mit sechs seiner Stücke kaum noch aus der Hand legt.  

 


Rainer Erler: Die Kaltenbach-Papiere.  

Istvan Kaltenbach hat sich zur Ruhe gesetzt. Äußerlich beneidenswert, in einer historischen Villa an der portugiesischen Küste, versorgt durch jahrelange gute Geschäfte, ist sein Leben doch vom Schicksal gebeutelt: Seine Frau starb bei einem Flugzeugabsturz, sein Sohn wurde in jungen Jahren entführt und tauchte nie mehr auf. Geblieben ist ihm nur seine Tochter, einst abgeschoben in Internate, doch nun bei ihm wohnend, da er das Gefühl hat, er habe an ihr einiges gutzumachen. Das misslingt. Sharon war nie klar, womit ihr Vater sein Vermögen verdient hat. Als sie einem jungen Mann begegnet, der sich nicht nur als nett, sondern auch als investigativer deutscher Journalist herausstellt, gerät sie in immer mehr Dilemmata. Schon der vorherige Besuch eines steifen Herrn hatte ihr durch die aufgefangenen Satzfetzen ein seltsames Unbehagen verursacht, doch da Tom, der Journalist, ihr nun eröffnet, dass ihr Vater ein skrupelloser Waffenhändler ist, sogar Zweifel am Unfalltod ihrer Mutter bestehen, bricht für die 20jährige eine Welt zusammen. Aber wem ist überhaupt noch zu trauen? Ihrem Vater, der vom BKA erpresst wird, das Beweise für seine Geschäfte mit dem Irak in Händen hält, oder Tom, der sich womöglich nur an sie herangemacht hat, um seine nächste große Story abliefern zu können? Sharons Loyalitäten werden mehrfach auf die Probe gestellt, sie lässt sich auf einen Deal mit ihrem Vater ein, der für das BKA die Spuren eines Geschäfts mit Atomsprengköpfen nachverfolgen soll, wofür ein Pakt mit Tom geschlossen wird. Ein gefährliches Spiel beginnt, indem zahlreiche Rollen undurchschaubar bleiben – und das tödliche Folgen für nicht wenige der Beteiligten hat. Wieder ein Erler (geboren 1933), diesmal aus den frühen 1990er Jahren, der noch stärker dem Thrillergenre verhaftet ist. Der typischen Erler-Figur des unschuldigen Mädchens, das in eine Intrige hineingerät, aus der es mit Hilfe eines Mannes entkommen kann, setzt er dieses Mal, abgesehen davon, dass Tom ein zwielichtiger Charakter ist, eine zweite, starke Frauenfigur gegenüber, die auf eigene Faust handelt und die Angelegenheiten – entgegen dem Rat der Männer – selbst in die Hand nimmt. Das ist ein Fortschritt, ansonsten ist der Roman eher solide Spannungsunterhaltung, der nicht ganz das Tempo früherer Bücher wie „Fleisch“ oder "Die letzten Ferien" hat. Für Mario Adorf dürfte der skrupellos-charmante, aber auch teils larmoyante Istvan Kaltenbach in der Verfilmung eine Paraderolle gewesen sein.  

 

Manfred Kluge (Hg.): Das Zeitsyndikat. 


Der Band versammelt laut Untertitel „Die besten Stories aus The Magazine of Fantasy and Science Fiction“; in der einstigen SF-Reihe des Heyne-Verlages erfolgte regelmäßig solch eine Anthologie mit Geschichten des renommierten US-‚Fachblattes‘ für die Leser:innen des deutschsprachigen Raumes. Der Begriff Fantasy ist hierbei irreführend, während bei uns darunter eher ein Genre mit (pseudo)mittelalterlichem Ambiente, Elfen und Gnomen verstanden wird, sind die im Buch versammelten Texte eher der phantastischen Literatur zuzuordnen, sprich dem Bereich des Unheimlichen. Der Science-Fiction widmen sich die beiden langen Geschichten zu Beginn und zum Ende, wobei es sich um gegenwartsbezogene SF handelt, nicht um Raumschiffe oder fremde Planeten, sondern in ersterem Falle um eine zufällig erfundene Zeitmaschine und im zweiten um einen Krieg in einer nahen Zukunft, in der die Staaten der Erde dem Verfall preisgegeben sind. Leider handelt es sich beiden Texten um die schwächsten des Bandes. Während „Das Zeitsyndikat“ anfangs noch durch seine Sprache in der hard-boiled-Tradition bei Laune hält, überzeugt ihre grundlegende Idee – Verbrecher nehmen sich Urlaub von der Verfolgung in einem Luxusressort der Urzeit – schon von Beginn an kaum. „Die Schlacht am Abaco Riff“ unterschreitet das Niveau noch einmal deutlich. Die wirre Grundkonstellation, der reichlich plumpe Anti-Amerikanismus, vor allem aber die Lust am Krieg und die unverhohlene Bewunderung für ‚originelle‘ Arten der Tötung des Gegners, gekoppelt mit einem unglaublich billig-kitschigen Ende sind eher unter- statt außerirdisch. Versöhnlicher stimmen da die kürzeren Geschichten des Mittelteils, die sind zwar ebenfalls nicht brillant, aber hier findet sich zumindest manch interessanter, gut erzählter Einfall, etwa der des erbschleicherischen Pflegers, der schließlich von Yucca-Palmen in den Tod getrieben wird. Insgesamt sehr durchwachsen.  

 


Horst Lauinger (Hg.): Über den Feldern.

Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges hat der Manesse-Verlag 2014 einen monumentalen Band herausgebracht, der zahlreiche Erzählungen versammelt, die sich diesem Ereignis widmen. Es sind Zeitgenoss:innen aus aller Herren Länder, die hier sozusagen ihre Zeugenschaft literarisch verarbeiten. Das Besondere dieser sehr gut ausgewählten Anthologie ist nicht nur die Internationalität, sondern die Konzentration auf Texte, die nicht im eigentlichen Sinn autobiographisch sind, sondern eindeutig Literatur, also Fiktion, die naturgemäß gleichwohl in vielen der Texte autobiographische Elemente in sich aufgenommen hat. Der zweite große Pluspunkt dieser Sammlung ist nicht die Konzentration auf das Kampfgeschehen, die Schilderung blutiger Schützengrabenerlebnisse, die nur sehr vereinzelt im Mittelpunkt stehen, sondern der Einfluss des Krieges auf das alltägliche Leben, manchmal prominent im Vordergrund, manchmal nur am Rande, hin und wieder sogar kaum merklich oder nur als Stimmung. Dadurch wird der Einbruch und der Einfluss des Kriegsgeschehens in allen Schichten und, wie erwähnt, in allen Ländern erfasst. Hinzukommt, dass jene Tage mit zahlreichen Autor:innen der klassischen Moderne auch über ein extrem hohes Qualitätspotential verfügten. Und so finden sich Proust, Kafka und Hemingway, Stefan Zweig, Céline und Bertolt Brecht, Joseph Roth, Gertrude Stein und Ivo Andric und viele, viele mehr aneinandergereiht. Es gelten auch hier die Regeln für alle Anthologien, nicht alles kann und muss einem gefallen, aber insgesamt ist dies eine hervorragende Auswahl auf hohem Niveau mit sehr vielen ungewohnten und unbekannteren Texten.  

 

Marcel Bisiaux, Catherine Jajolet (ed.): À ma mère.


Und gleich noch eine Anthologie. Der französische Verlag Horay bat fünfzig internationale Schriftsteller:innen, einen kurzen Text über ihre Mutter zu verfassen. Die namhafte Auswahl an Autor:innen bändigt dabei die durchaus berechtigte Angst vor einem Band voller Muttertagsprosa, obwohl diese nicht völlig fehlt, aber doch glücklicherweise nur ein Randphänomen darstellt. Natürlich möchte man jedoch gleichzeitig nicht ins andere extrem verfallen und auf zahlreiche böse Mütter hoffen, obwohl wiederum auch diese auftreten, wenn auch ebenfalls selten. Das Verhalten der Frauen zu ihren Kindern überrascht eher weniger, es spiegelt einfach die Bandbreite möglicher Elternliebe, warum sollte das bei Schriftsteller:innen auch anders sein. Von der besorgten Übermutter bis zur gleichgültigen Lebedame, von der völlig Abwesenden bis zur verklärten Frühverstorbenen, der harten Erzieherin bis zur frivolen Exzentrikerin, dem Heimchen bis zur aufgeklärten Emanzipierten, alles ist vorhanden, was der Zeitraum von etwa 1870 bis 1950 an Frauen hergibt. Ob es auf suggerierte Vorgaben des Verlages zurückgeht oder einfach um Themen handelt, die Autor:innen am Herzen liegen – oder sie glauben, es ihren Leser:innen schuldig zu sein – einige Motive kehren stets wieder, unter anderem die Frage, wie die Mütter auf das Schaffen ihrer Söhne und Töchter reagiert haben. Im Allgemeinen – was wohl nur Außenstehende überrascht – vergleichsweise gleichgültig. Einige wenige sind offen stolz, viele nur heimlich, manche fürchten familiäre Bloßlegungen, die Mehrheit zeigt aus den verschiedensten Motiven nur geringes Interesse. Anthropologisch – oder psychologisch – stutzig macht der des öfteren explizit erwähnte Hinweis nicht weniger Autor:innen, dass sie das Grab ihrer Mutter – bewusst – nie besuchen. Insgesamt abwechslungsreicher als man beim immergleichen Thema erwarten könnte, ist die Anthologie ein durchaus spannender Einblick, weniger in das Mutterdasein als eben auf Frauenleben des genannten Zeitraumes. Auch wenn sich die Auswahl auf den französischsprachigen Raum konzentriert, kommen konsequent Vertreter:innen zahlreicher Literaturen von Japan bis Afrika, von der Karibik bis Nordamerika zu Wort, deutscher Gastautor ist Hartmut Lange.