Mittwoch, 25. November 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (23) - Franz Kafka: Der Prozeß.

 

Franz Kafka: Der Prozeß. st 2837

 

‚Kafkas Prozeß’ ist fast eine stehende Wendung, ein Markenzeichen für einen Roman der Superlativen und der Widersprüche. Er dürfte das international bekannteste Werk der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts sein, was gut passt für einen Roman, der von einem Prager Juden altösterreichischer Herkunft verfasst wurde. Gleichzeitig ist der Text unvollständig, ungeordnet und unvollendet, belegt mit der Anweisung, ihn nie zu veröffentlichen, sondern zu vernichten. Dies hat wiederum, neben Sprache und Inhalt, dafür gesorgt, dass er zu einem der meist interpretierten literarischen Erzeugnisse überhaupt wurde, die Sekundärliteratur füllt inzwischen wahrscheinlich fast schon Regalkilometer. Kafka ging in die Populärkultur ein, wurde sogar zum Adjektiv und zum „offenen Kunstwerk“ per se, an dem noch kein Literaturwissenschaftler vorbeigehen konnte, ohne etwas zu ihm zu sagen (siehe dieser Beitrag...). Kein Wunder, die Wirkung des Roman setzt schließlich schlagartig mit dem ersten, dem nicht minder berühmten Satz ein: Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet (7).

Das Faszinierende liegt unter anderem auch darin, dass der Text sich daraufhin nicht nur nicht erwartungsgemäß – etwa in Richtung eines Kriminalfalles – entwickelt, sondern genaugenommen so gut wie gar nicht mehr. Auf K.s verständliche, uns Leser*innen ebenso brennend interessierende Frage „Und warum denn?“ (9) erhalten wir wie er nie eine Antwort. Unsere vorgeprägten Leseerwartungen werden wie K.s Vertrauen in die etablierte Ordnung, K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht (10) ad absurdum geführt, ins scheinbar Leere, Frustrierende, Obskure und Undurchschaubare. Weil wir womöglich, wie K. von falschen Voraussetzungen aus- und damit an den Prozess – des Lesens – völlig falsch herangehen. Letztlich kommt es uns fast wie ein Teil der Konstruktion des Textes vor, dass er Lücken hat, dass nie klar ist, ob die Herausgeber die Kapitel richtig angeordnet haben, dass wir zwar das Ende kennen, aber nicht, wie es dazu kam. Als würde die Überlieferungsgeschichte den Inhalt selbst noch einmal kommentieren. Textedition als Metaebene.

Man merkt schnell, zu welchen Interpretationsverwirrungen der Roman führen kann. Auch hier geht es einem, durchaus verständlicherweise, erneut wie K., der schon vom ersten Moment an eine gewisse – nachvollziehbare – Paranoia entwickelt. Er bemerkt die Nachbarin im Fenster gegenüber, die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete (7), später scheinen überhaupt alle Straßenbewohner nur damit beschäftigt, ihn zu beobachten, und über ihn ein großes Gelächter (40) anzustimmen, was zu der Frage führt, wie glaubwürdig K. eigentlich ist, generell oder zumindest ab dem Zeitpunkt, wo er sich mit der ihm unergründbaren Anklage gegenüber sieht, die auch ihn dazu veranlassen muss, ständig Hypothesen aufzustellen, die nie verlässlich sind, da sie weder bestätigt noch widerlegt werden können. Dementsprechend erratisch ist auch sein Verhalten. Es war natürlich kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er erhielt die Niederlage nur deshalb, weil er den Kampf aufsuchte. Wenn er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führte, war er jedem dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem Fußtritt von seinem Wege räumen (64), sich einfach nur zu fügen gibt K., der es immerhin gewohnt ist, als Prokurist einer Bank in einer Hierarchie recht weit oben zu stehen, nach anfänglichen eher unterwürfigen Versuchen des Entgegenkommens bald auf. Sein zwischenzeitlich sehr selbstbewusstes, vermeintlich einschüchterndes Auftreten zeitigt aber ebenso wenig Erfolg wie das Ignorieren des irgendwo im Hintergrund weiterlaufenden Verfahrens und das Einschalten angeblicher Helfer, vom Advokaten bis zum Gerichtsmaler, einem Porträtisten der Richter. K. wird sich über seine Mittel nie im Klaren sein, forsches Benehmen bringt ebenso wenig ein wie demütiges Sichfügen, auch weil nie feststellbar ist, gegenüber wem man sich so verhalten sollte, da er über die unteren Ebenen der Behörde scheinbar nie hinausgelangt. Verdrängen und sich dem Alltag oder noch besser, den schönen Dingen des Lebens wie Frauen, von denen sich K. allzu leicht ablenken lässt, widmen oder auf den Prozess konzentrieren, der unterschwellig immer weitere Kreise zieht, von dem jeder schon gehört zu haben scheint, was im Umkehrschluss dazu führt, dass K. seine Arbeit vernachlässigt und hier an Boden verliert. Es ist einerlei. „Sieh, Willem, er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht, und behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein“ (12), diesem paradoxen Teufelskreis entkommt K. nicht mehr. Und so ist es nur konsequent, dass er später darüber aufgeklärt wird, dass es an und für sich so etwas wie einen völligen Freispruch überhaupt nicht gibt, selbst wenn man freigesprochen wurde, es gibt bei Gericht kein Vergessen (165). Als Text im Text hat Kafka dies in der vom Priester vorgetragenen nicht weniger bekannten Türhüter-Parabel noch einmal ausgeführt und gleich einmal gut dialektisch jeweils gegenläufig interpretieren lassen. Sein Fazit: Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst (229). Dies dürfte K. nicht weiterhelfen, der Prozess wäre nicht der Prozess, wenn er nicht mehrere diesem widersprechende Hinweise erhalten hätte, unsere Behörde, so einer der Wächter gleich zu Beginn, wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen (12), was Schuld – als Vor-Urteil – bereits voraussetzt und deshalb durchaus logisch erscheinen lässt, dass es nie zu einem endgültigen Freispruch kommen kann. es gibt darin keinen Irrtum (12).


Das einzig Richtige sei, sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden (126). Man wird zurecht wenig Vertrauen haben in einen Anwalt, der einem solches rät. Und man wird zurecht wenig Vertrauen in einen Literaturwissenschaftler haben, der Kafka Kafka sein lässt. Obwohl auch hier der Satz Immer gab es Fortschritte, niemals aber konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden (129f.) nicht ganz übertrieben erscheint. Die Fülle an Interpretationen, es wurde schon erwähnt, ist mannigfaltig, von eher Oberflächlichem wie einer Kritik an den Behörden, der Bürokratie, allgemein oder zu k.u.k.-Zeiten, einer generellen Kritik an der Undurchschaubarkeit einer verwirrenden Moderne, bis hin zu selbst schon recht obskuren Deutungen mithilfe kabbalistischer Mystik, von den ganz großen Weltaussagen bis hin zur Detailversessenheit oder rein technischen Fragen wie Satzanordnungen, Streichungen und der mühseligen Identifizierung Prager Geographie im Text. Recht amüsant ist eine jüngere Richtung – die sich allerdings auf Kafkas angebliche Art des Vortragens bezieht – den Text als eher parodistisch-ironisch zu sehen. Anzeichen hierfür sind gar nicht selten, man denke an K.s interessierten Blick in die Gesetzesbücher des Untersuchungsrichters, die diese als Schundromane à la Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte (57), durchsetzt mit obszönen Zeichnungen, entlarven. Und ist folgendes nicht ein augenzwinkernd deutlicher Kommentar zum eigenen Werk: Wenn er den Italiener nicht gleich im Anfang verstehe, so müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das Verständnis komme sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht verstehen sollte, so sei es auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei es gar nicht so wichtig, verstanden zu werden (209). Naturgemäß bleibt der Widerspruch nicht aus. Eine parodistische Lesart müsste, sollte sie nicht in reinen Zynismus verfallen, das Romanende komplett ignorieren. Ein Jahr nach Prozessbeginn, wieder an seinem Geburtstag, wird K. erneut abgeholt, nunmehr zu seiner Hinrichtung, ein einsamer Akt, weitab, extrem korrekt und kalt durchgeführt, eine unglaublich harte und erschütternde Schilderung von eindringlicher Brutalität: Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben (235). Von den Hunderten von Hinweisen an K., die doch scheinbar alle zu nichts führten, war einer zutreffend: Willst du denn den Prozess verlieren? Weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, dass du einfach gestrichen wirst (103).  

Vorgänger (22): Mario Vargas Llosa - Das grüne Haus.

                                      

Freitag, 13. November 2020

Lektüremonat Oktober 2020.

 

Eveline Hasler: Die Wachsflügelfrau.


Die „Geschichte der Emily Kempin-Spyri“ (Untertitel) beginnt in der Basler Psychatrie - und das ist ein symptomatischer Auftakt für dieses Frauenportrait in Romanform der Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler (geboren 1933). Emily Kempin-Spyri (1853-1901), heute kaum mehr im Gedächtnis, war die erste promovierte Juristin des deutschsprachigen Raumes überhaupt, die für diese Pioniertat viel riskiert und viel verloren hat. Die Nichte der „Heidi“-Autorin Johanna Spyri aus altehrwürdigem Zürcher Geschlecht kämpft früh mit den gesellschaftlichen Widerständen, die bis weit in ihre Familie hineinreichen. Ihr Vater, ehemaliger reformierter Priester und nun Ratsherr der Stadt, hält wie viele seiner männlichen Zeitgenossen wenig davon, dass die Universität Zürich als erste deutschsprachige Hochschule überhaupt Frauen Zugang zum Studium gewährt, er hält auch wenig von Frauenbadeanstalten und Frauenrechten generell – schlimm für ihn, dass ausgerechnet seine Lieblingstochter diesen aus seiner Sicht so falschen Weg gehen wird. Schon die Heirat mit einem jungen Theologenkollegen, der solche Tendenzen auch noch unterstützt, missbilligt er; als Emily dann tatsächlich sich für Jura an der Uni einschreibt, bricht er den Kontakt zu ihr ab – lebenslang. Doch Emily promoviert – soweit setzt sie sich durch, bis ihr die Gesetze Grenzen setzen. Frauen sind zu juristischen Berufen in der Schweiz nicht zugelassen. Sie kann weder Anwältin werden, noch an der Uni verbleiben – auch Dozenturen für Frauen gibt es nicht. Da auch ihr Mann Probleme in der Pfarrei hat – die nicht wenig darauf zurückzuführen sind, dass er aus Sicht der Gemeindemitglieder seine ‚aufsässige‘ Frau verteidigt – fasst die Familie mit drei Kinder einen tollkühnen Entschluss: man wird nach Amerika auswandern und dort reüssieren. Für Emily geht dieser Wunsch langsam und zäh, aber stetig in Erfüllung. Sie kommt bald in Kontakt mit angesehenen Frauen, die sich für ihre Rechte – und das Recht auf Recht – engagieren, Emily wird in New York bekannt, man gründet erst private Jurakurse für Frauen, später wird Emily tatsächlich eine Dozentur an der Uni angeboten. Doch ihr Mann und zwei ihrer Kinder kommen in der Neuen Welt nicht zurecht, sie gehen nach einiger Zeit in die Schweiz zurück. Emily blüht zwar in New York weiter auf, doch als ihr Sohn in Zürich erkrankt, bricht auch sie wieder in die Heimat auf, um dort zu bleiben. Anerkannt bei den aufstrebenden Frauenrechtlerinnen in Deutschland kann sie sich zwar öffentlich viel Gehör verschaffen, aber in der heimatlichen Schweiz werden ihr mehr und mehr Steine in den Weg gelegt, trotz Unterstützung progressiver Kreise. Eine Dozentur wird ihr weiterhin verweigert, ebenso die Ausübung des Anwältinnenberufes – immer auf der Gegenseite: ihr Vater. Finanzielle und familiäre Probleme kommen hinzu, ihr Mann kommt offensichtlich nicht mehr mit seiner Rolle als von seiner Frau abhängiger, in seinen Ambitionen gescheiterter Gatte zurecht. Ihre zwischenzeitlichen Erfolge gehen über Emily hinweg: Vorlesungen an der Uni als Vertretung werden ihr verboten, ihre Familie zerbricht, in Berlin kommen radikalere Kräfte in der Frauenbewegung an die Spitze, die sie für zu zögerlich halten. Nach einem Nervenzusammenbruch kommt Emily Kempin-Spyri in eine Heilanstalt, wird noch nach Basel überwiesen und die Mauern der Psychiatrie nie mehr verlassen. Sie stirbt dort mit 47 Jahren. Es ist dieser – aus dem Lebenslauf nachvollziehbare – trotz aller Erfolge resignative Grundton, der Eveline Haslers Roman ausmacht, dieses Bild einer für ihre Rechte kämpfenden Frau, die darüber ihre Familie und letztlich auch ihre Freiheit verliert, die Grundlagen geschaffen hat, die sie selbst nicht mehr nutzen konnte. In ihrer ruhigen, mitfühlenden Art zu (be)schreiben, die die Ungerechtigkeit viel tiefer spüren lässt als oberflächliche Polemik, hat Eveline Hasler einmal mehr ein großartiges Portrait einer Frau geschaffen, die erst langsam wieder ins allgemeine Gedächtnis zurückkehrt. Unbedingt lesenswert!

 

Émile Ollivier: Seid gegrüßt ihr Winde.

Der auf französisch schreibende kanadische Schriftsteller mit Wurzeln auf Haiti Émile Ollivier (geboren 1940) schreibt über ein Thema, das seltsam vertraut vorkommt – obwohl der Roman aus dem Jahr 1994 stammt: es geht um Fluchtversuche aus dem Elend oder vor Diktatur. Seltsam vertraut, weil noch immer ungelöst, beziehungsweise noch immer außerhalb routinemäßiger Sonntagsreden ignoriert. Und so entstehen Fluchtbiographien, die Heimatlose erzeugen, wie sie Ollivier anhand von zwei Beispielen aufzeigt. Da sind die Menschen, die von ihrer Karibikinsel zu fliehen versuchen, indem sie ein Schiff bauen, denn hier haben sie nichts mehr zu erwarten, ständige Naturkatstrophen vernichten ihre Ernten und ihre Arbeitsmöglichkeiten, vom Rest des Landes scheinen sie ohnehin längst vergessen worden zu sein. Anders der Kubaner, der schon vor Jahrzehnten entflohen ist, scheinbar arriviert in Kanada lebt und doch plötzlich unerwartet nach Florida aufbricht, in die Nähe zur nicht mehr erreichbaren Heimat – oder gibt es andere Gründe für dieses undurchschaubare Verhalten? Was auch immer die Sehnsüchte waren, die sich aufeinander zu bewegen, hier an der Südspitze eines vermeintlich gelobten Landes treffen sie aufeinander, um bitter zu scheitern. „Prophetisch“ ist das Buch nicht, es fasst einfach nur in sprachlich sehr schöne Form Beobachtungen, die man bereits vor über 25 Jahren machen konnte und die Ollivier mutig anspricht – man hätte nur auf ihn hören und sich Gedanken machen müssen. So wirkt das Buch, als sei es gestern erst erschienen – und bietet damit wenigstens jetzt die Möglichkeit, Versäumtes nachzuholen.

 

Arnold Zweig: Novellen um Claudia.  

Dieses Frühwerk Arnold Zweigs (1887-1968) ist ein zu einem kurzen Roman zusammengefasster Novellenzyklus um die gutbürgerliche Claudia, selbstbewusste Tochter der Zeit um die Jahrhundertwende und ihre verschiedenen Verwicklungen in Künstler- und Intellektuellenkreise jener Epoche. Tochter deshalb, weil der Text auch ihre Suche nach Unabhängigkeit von der Mutter beschreibt, die anfangs wenig Begeisterung zeigt für den erwählten Verlobten und späteren Bräutigam, dem umständlichen Doktor Walter Rohme. Zweigs Anliegen ist das Aufzeigen der Missverständnisse, die zwischen den Personen herrschen, das letztlich niemals vollends Ergründbare des Gegenübers, das zu Konflikten führt, gravierenden, aber auch banalen. Deutlich geschult an Thomas Mann, auch mit dessen ironischem Unterton, versetzt sich Zweig hier tief und subtil in die Psyche seiner Protagonist*innen, deckt deren innere Geheimnisse auf, die direkt oder verändert an die Oberfläche drängen. Möglich ist ihm dies auch durch die vielen Perspektivenwechsel, zumeist widmet sich eine der Novellen einer der Figuren, die äußere Handlung bewegt sich zwar vorwärts, spielt aber an und für sich keine größere Rolle. Wer solches Zergliedern von Innenleben, das Zweig ohne Zweifel perfekt beherrscht, zu schätzen mag, kommt auf seine Kosten, auf alle anderen wirkt der Roman inzwischen wohl doch etwas arg zäh und bereits leicht angestaubt, obwohl die psychischen Abläufe zeitlos sind.     

 

Rene Oth (Hg.): Das Lächeln der Gioconda.

Zwei Außerirdische landen heimlich auf der Erde, um Sklaven für ihre Heimatwelt zu rekrutieren.


Unbemerkt landen sie irgendwo in der amerikanischen Provinz und treffen dort auf nur zwei lebende Exemplare der Gattung Mensch in einer Kneipe. Während der eine sofort vor Schreck umkippt, scheint wenigstens der andere, da völlig unbeeindruckt vom wurmartigen Aussehen der Besucher, ein brauchbares Exemplar zu sein. Doch die beiden Außerirdischen müssen bald feststellen, dass ihr Gegenüber sich offenbar nur für seine flüssige Nahrung interessiert, die sie ihm in extrakonzentrierter Form bereitstellen, um ihn auskunftswilliger zu machen. Von seinen intellektuellen Fähigkeiten eher nicht überzeugt, scheint er ihnen wenigstens zur körperlichen Sklavenarbeit fähig zu sein, doch nachdem er noch einmal ausgiebig von seinem Getränk Gebrauch hat, fällt er beim ersten Test schon nach zwei Metern um und bleibt liegen. Definitiv kein Material zur Versklavung – enttäuscht reisen die beiden ab. Die Menschheit ist dank des unbekannten Helden und Trunkenboldes Al Hanley noch einmal vor der Unterwerfung bewahrt worden. Zumeist ähnlich bösartig wie diese Geschichte von Frederik Brown sind auch die anderen „Satirischen Science-Fiction-Geschichten“ (Untertitel), die diese hervorragend zusammengestellte Anthologie aus dem Jahr 1985 versammelt. Natürlich sind die Erzählungen ein Spiegelbild der (ganz und gar nicht zukünftigen) Menschheit, geschrieben von Meistern des Faches, insbesondere der kritischen New-Wave-Generation, darunter Kurt Vonnegut, Philip José Farmer, William Tenn und L. Sprague de Camp. Hinter den oft ziemlich amüsanten Geschichten verbergen sich zumeist unangenehme bis schreckliche Wahrheiten, von der Arroganz der Weißen oder der Menschheit im Ganzen, vom mangelnden Bewusstsein gegenüber anderem oder auch dem Wert des eigenen Lebens, von Konsumsucht und Geldgier, fehlender Liebe und der Leere nicht des Weltraums, sondern im Umgang miteinander. Ganz großes Lob an den Herausgeber für diese Auswahl, längst nicht nur etwas für Science-Fiction-Liebhaber*innen.

 

Wolf Haas: Das grosse Brenner-Buch.


Die gesammelten Brenner-Romane Eins bis Fünf („Auferstehung der Toten“, „Der Knochenmann“, „Komm, süßer Tod“, „Silentium!“, „Wie die Tiere“) in einem Band vereint, die Wolf Haas (geboren 1960) berühmt gemacht haben. Nun könnte man, gerade, wenn man – wie der Autor dieser Zeilen – nicht unbedingt ein Krimi-Enthusiast ist, sehr viel gegen diese Bücher einwenden: Ein weiterer kauziger Ermittler, Simon Brenner, fast zwanzig Jahre Polizist, nun Detektiv und zwischenzeitlich Rettungsfahrer, umständlich und sich oft vergrübelnd, zumeist von bösem Kopfweh durch Einfluss des Föhn geplagt, eher grantig. Die Fälle auf die übliche Art skurril, angesiedelt in Milieus – steirischer Tourismus, Wiener Rettungsgesellschaften, katholisches Seminar in Salzburg etc. – der Plot zwar gekonnt verschlungen und mit überraschenden Wendungen und Lösungen, aber nicht über das übliche Krimiverfahren hinausgehend. Man könnte scharf urteilen, dass Haas inhaltlich wenig innovativ ist, auf dieser Ebene dem Genre nichts Neues hinzufügt. Nun, natürlich verrät der Tonfall schon, dass es da etwas geben muss, was die Brenner-Romane so außergewöhnlich und vor allem so außergewöhnlich lesenswert macht. Es ist die sprachliche, also – für ein populäres Genre eher unerwartet – die formale Seite. Haas schuf einen Erzähler, der genau dies tut: erzählen. So als träfe man seinen Nachbarn am Zaun oder einen Kumpel im Wirtshaus, der einem über die neueste Geschichte berichtet, die dem Brenner passiert ist. Weil interessant. Mit diesem literarischen Trick verführt er uns komplett – und es ist ein Trick, da sich uns der Erzähler als etwas unbedarfter (so fallen ihm oft Worte nicht ein), mit Alltagsvernunft ausgestatteter, sich einfach gebender Freund von nebenan präsentiert, er aber naturgemäß über ein Wissen verfügt, das weit über einen reinen Beobachter hinausgeht. Als Leserinnen und Leser ist uns das egal, man gewöhnt sich so schnell an diesen Jargon, der im Übrigen auch nicht ermüdet, selbst wenn man fünf Romane in gleichem Stil hintereinander liest. Haas, der auch mit anderen literarisch innovativen Romanexperimenten hervorgetreten ist, hat mit seinen Brenner-Romanen, die er inzwischen fortgesetzt hat, etwas ganz Eigenwilliges geschaffen, die österreichische Literatur – und nicht nur diese – bereichert. Praktisch großartiger Schriftsteller.

 

Théophile Gautier: Le roman de la momie.

Ein reicher englischer Dandy reist zu seinem bloßen Vergnügen auf seiner Yacht um die Welt.


Umgeben von einer Entourage an Fachleuten für die verschiedensten Zwecke, um seinen verschiedenen Spleens zu frönen, ist das jüngste Ziel des Bohemiens Ägypten. Ein dort ansässiger Grieche macht Lord Evandale und den ihn begleitenden deutschen Gelehrten Rumphius auf ein angeblich nie geöffnetes Grab aufmerksam, gegen eine geringe Entlohnung werde er es ihnen zeigen und durch seine Helfer öffnen lassen. Obwohl äußerst skeptisch, lassen sich die Reisenden auf den Deal ein. Die schwierige Expedition beginnt, zwar werden tatsächlich ein offenkundig nie geplündertes Grab entdeckt und mit Mühe einige der Fallen der Erbauer umgangen, aber ein Grabraum ist im Inneren nicht zu finden. Bereits enttäuscht wird noch ein Versuch unternommen, versteckte Räumlichkeiten zu entdecken, was zum Auffinden eines prächtigen Raumes führt, in dem ein ungeöffneter Sarkophag liegt. Noch größer ist die Überraschung und Begeisterung, als sich die darin befindliche Mumie als erstaunlich gut erhaltene junge Frau darstellt. Anhand eines beigefügten Manuskripts kann der Deutsche Rumphius ihre Geschichte rekonstruieren. Dies ist nur der Prolog. Es folgt nicht, wie man nach dem typischen Abenteuerauftakt erwarten könnte, eine Gruselerzählung vom Fluch der gestörten Mumienruhe, sondern Théophile Gautiers (1811-1872) Beitrag zur Exotismusbegeisterung der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seine inhaltlich eher banale Geschichte um die extrem hübsche Priestertochter Tahoser, die sich in Poeri, einen Angehörigen des jüdischen Sklavenvolkes verliebt, aber gleichzeitig vom Pharao begehrt wird, dient letztlich nur der Befriedigung einer Beschreibungslust altägyptischen Lebens. Seinen Leserinnen und Lesern möchte Gautier im Jahr 1857 ein nach den Maßstäben der damaligen Erkenntnisse möglichst getreues Bild des Lebens am Nil vor 3000 Jahren bieten, was zu vielen detailreichen Beschreibungen führt, die damals durch ihre Neuartigkeit begeisterten und uns heute etwas ermüden. Zum  Ende hin verknüpft Gautier seine Erzählung mit aus der Bibel bekannten Ereignissen um den Auszug der Juden aus Ägypten. Hier findet sich schließlich auch die Erklärung, wie Tahoser zu ihrer prächtigen Grabstätte kam. Und im Epilog gibt’s noch eine nette Pointe mit Seitenhieb auf die Engländer. Der Roman ist ein Klassiker der französischen Literatur, heute eher Zeitdokument, man kann nicht ganz leugnen, dass er etwas Staub oder besser Wüstensand angesetzt hat, natürlich ist er gleichwohl noch sehr lesenswert. Gautier war übrigens tatsächlich in Ägypten – allerdings erst 1869, zwölf Jahre nach Erscheinen des Buches.                                                          

       

                           

 

Sonntag, 1. November 2020

Das Zitat zum November.

 

Es hilft nie, nur um uns zu trösten, ein Los zu veredeln, das hinzunehmen wir gezwungen sind.

 

Gesualdo Bufalino: Das Pesthaus.