Freitag, 30. Dezember 2022

Der Höhepunkt im "Hohlspiegel" 2022.

Zum Jahresabschluss der gewohnheitsmäßige Rückblick auf den "Hohlspiegel", der einerseits 2022 eher arm an wirklich herausragenden Höhepunkten war, dafür aber, kurioserweise aufeinanderfolgend, gleich zwei Stilblüten präsentierte, die es schwer machten, sich für die eine oder die andere zu entscheiden. 

So bat ein Schweizer Restaurant, das damit Eingang fand in den "Spiegel" Nr. 40 vom 1. Oktober 2022, seine - vermutlich männlichen - Gäste:

"Bitte immer nur ein Urinal auf einmal benutzen."

Man möchte eigentlich gar nicht so genau wissen, was die Wirtsleute zur Anbringung dieses Hinweises veranlasst hat. 

Nur ein klassischer Tippfehler dank der beiden Nachbarbuchstaben auf der Tastatur und damit genaugenommen aus einer sonst eher nicht preiswürdigen Kategorie, ist dieses Exemplar aus der Ausgabe 41 vom 8. Oktober 2022, ursprünglich in der "Südwest Presse", aber dann doch einfach zu schön:

"Die Narrenzunft Horb, die im kommenden Jahr stolze hundert Jahre alt wird [...] hat gestern Abend auf ihrer Mitgliederversammlung in Nordstetten einen wahrlich historischen und revolutionären Schrott vollzogen." 

 




 

 

 

 

  

 

Mittwoch, 7. Dezember 2022

Lektüremonat November 2022.

 

Bernard Shaw: Candida.


Shaws (1856 bis 1950) „Mysterium in drei Akten“ ist ein eher klassisches Lesedrama, wie bereits die sehr ausführlichen - oft seitenlangen – Regieanweisungen und die für ein Theaterstück sehr exakten Angaben zum Aussehen der Charaktere nahelegen. Die dagegen geringe Anzahl an Personen und die Beschränkung des Raumes, ein Zimmer in einem Londoner Pfarrhaus, weisen wiederum kammerspielartige Züge auf. Vordergründig weist das Stück mit dem sozialistisch angehauchten progressiven Geistlichen Jakob Morell – nomen est omen – eine einzige Hauptfigur mit einem jüngeren Antagonisten, dem Adligen Eugen Marchbanks auf, ein Protegé Morells, übersensibel und sich in Lyrik versuchend. Scheinbar nur eine Nebenrolle spielt Morells Gattin, Candida, aber der Titel und die Vertrautheit mit den Dramen Shaws lassen natürlich anderes vermuten. Tatsächlich nur kontrastierende Rollen spielen Candidas bourgeoiser und hyperkapitalistischer Vater, Morells handfeste Sekretärin Proserpine Garnett und der Hilfsgeistliche Lexy Mill, gewissermaßen Morells jüngere Version. Das Original und Marchbanks geraten zusehends in einer Auseinandersetzung um Candida – ohne deren Zutun – aneinander, hält Eugen Morell doch für einen salbadernden Festtagsprediger, der eher rhetorisch gewieft als innerlich überzeugt eine Frau wie Candida gar nicht verdient habe, da er sie – ganz anders natürlich als er selbst, der sensitiv vergeistigte und frische Jüngling – überaupt nicht verstehen und dementsprechend, wie sie es verdient, verehren könnte. Morell ist erst geneigt, diese Vorwürfe schroff abzutun, doch befallen ihn durchaus leise Zweifel. Candida selbst, schließlich in den Konflikt hineingezogen, soll als Schiedsrichterin agieren und sich für einen der beiden entscheiden. Doch diese – ganz die von Shaw favorisierte Neue Frau – macht sich über den Streit der Männer lustig, sie ist nicht bereit, bloßes Objekt zu sein, das irgendwem zugeteilt wird. Es bleibt den Zuschauer:innen – oder Leser:innen – überlassen, ob sie sich ein Urteil über einen der beiden erlauben möchten.   

 

Ian McEwan: Zwischen den Laken.

An sich muss man hier nur die Rezension zu Ian McEwans (geboren 1948) „Erste Liebe, letzte Riten“ herüberkopieren beziehungsweise einfach noch einmal lesen. Es handelt sich auch in diesem Band mit Erzählungen um Geschichten zu eher kontroversen, vorwiegend sexuellen Themen, gern mit ein wenig Ekelhaftem angereichert, auch die Lektüre ist weniger geschmeidig als bei den – späteren – Romanen des inzwischen zum britischen Klassiker gereiften Autors. Am meisten Lesefreude bereitet noch die Geschichte eines Superreichen, der an seiner ganz speziellen Obsession zugrundegeht: Er verliebt sich in eine Schaufensterpuppe, die er unter Vorwand erwirbt und nun wie eine echte Gespielin behandelt. Doch bald scheint sie sich ihm zu verweigern, trotz aufwendiger Geschenke und allem gebotenen Luxus. Zwar eher eine literarische Spielerei mit sehr vielen wohlfeilen Zweideutigkeiten, die das Verhalten der ‚Frau‘ betreffen – etwa ihr schwer zu interpretierendes Schweigen –, aber gerade dadurch auch wieder ziemlich amüsant. Zum Urteil siehe wiederum „Erste Liebe, letzte Riten“. 

 


Patrick Modiano: Damit du dich im Viertel nicht verirrst.

Der alternde Schriftsteller Jean Darange lebt seit Jahren aus freiem Entschluss sehr zurückgezogen, eher noch nimmt seine selbstgewählte Isolation immer mehr zu. Darum geht er auch nur nach langem Zögern ans Telefon, als dieses überraschend wieder einmal klingelt. Ein Unbekannter meldet sich, den Darange als unangenehm empfindet, ihm aber berichtet, er – der Anrufer – habe Daranges verlorenes Adressbuch gefunden und möchte es ihm gerne zurückgeben, er wohne gleich um die Ecke, könne es gerne kurzerhand vorbeibringen. Darange ist dies nicht recht. Soll er überhaupt darauf eingehen, ist ihm das Notizbuch noch wichtig? Eher unwillig lässt er sich auf ein Treffen zur Übergabe ein, in einem Restaurant. Der Anrufer taucht in weiblicher Begleitung auf, übergibt das Buch, doch als speziellen Finderlohn möchte er kein Geld, sondern eine Information: Er habe in dem Buch geblättert und sei dort auf einen Namen gestoßen, zu dem er, da er Journalist sei, bereits geforscht habe, nun würde er von Darange gerne mehr über diesen Mann erfahren. Doch Darange erinnert sich nicht an die betreffende Person. Der Finder drängt ihn, noch einmal nachzudenken, er könne ihm auch seine bisherigen Recherchen zur Verfügung stellen. Darange aber wehrt ab, ihm ist dies alles zu viel, er fühlt sich geradezu verfolgt, ihm ist das Ganze undurchschaubar. Das wird nicht besser, als am Abend unverhofft die Frau auftaucht, mit den Akten zu dem Fall, ihr Verhalten ist nicht weniger mysteriös als ihr Verhältnis zu dem Journalisten, mal scheint sie Darange inständig zu bitten, diesem zu helfen, mal vor ihm zu warnen. Lustlos und widerwillig blättert dieser in den ihm überlassenen Aufzeichnungen, er befürchtet, in einen Wahn des obskuren Journalisten, der, wie Nachforschungen ergeben, nirgends als solcher ausfindig zu machen ist, hineingezogen zu werden. Doch es sind langsam aufscheinende Episoden seines früheren Lebens, Tage seiner Kindheit, die heraufziehen, während die beiden, der Finder und die Frau, dagegen völlig spurlos verschwinden. Darange taucht zwar tiefer in die eigene Vergangenheit ein, Erkenntnis bringt ihm dies aber nicht. Großartiges Verwirrspiel von Patrick Modiano (geboren 1945), in ganz ruhiger, eleganter Manier die Logiken des (Kriminal)Romans durchbrechend. Ein Buch ohne – vordergründige – Antworten. Nobelpreis 2014. Zurecht.  

 

Sven Regener: Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt.  


Angesichts dessen, was später folgen wird, hält sich die Begeisterung Karl Schmidts in erstaunlichen Grenzen, als er durch reinen Zufall einen alten Bekannten in einem Hamburger Lokal antrifft. Das mag weniger daran liegen, dass dieser ihn „Charlie“ nennt, was schon seit längerem niemand mehr getan und diesem nie so richtig gefallen hat, als in der Tatsache, dass Karl Schmidt nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie nun seit längerem in einer Drogen-WG wohnt, einer Therapieeinrichtung, wo es abstinent, trocken und sehr sozialpädagogisch zugeht und auch die Tätigkeit als Hilfshausmeister in einem Kinderheim ist nicht unbedingt vorzeigbar. Dafür interessiert sich allerdings Raimund Schulte nicht, im Gegenteil, er ist ehrlich erfreut über das Wiedersehen und gut gelaunt, kein Wunder, mit ihrem gemeinsamen früheren Kumpan Ferdi führt er ein erfolgreiches Berliner Techno-Label und weitere große Pläne stehen vor der Tür. Der nun wiederentdeckte Karl Schmidt soll bald an diesen teilhaben, auch wen noch etwas unklar ist wie. Als sich herausstellt, dass er aufgrund seiner Zwangsnüchternheit als eine Art perfektes Mädchen für alles – Fahrer, Organisator, Aufsicht – für eine Event-Tour erfolgreicher DJs des Labels durch die Republik vorgesehen ist – wir sind in der ersten Hälfte der 90er Jahre, Hochzeit des Technobooms –, befallen ihn nur kurz Zweifel, ob diese Aussicht, Rückkehr zu drogenverseuchten Stätten und ins Berlin seiner Vorpsychiatriezeit, die Flucht aus der WG mit ihren Konsequenzen lohnt. Die anschließende Magical-Mystery-Tour durch die deutschen Großstädte – und Schrankenhusen-Borstel – wird zwar ein eher zweifelhafter Erfolg, aber für Karl Schmidt trotzdem ein Befreiungsschlag. Und natürlich für die Leser:innen ein großes Vergnügen, denn Sven Regener (geboren 1961) brilliert einmal mehr; und der Roman ist mehr als nur ein Seitenprojekt zu den „Herr-Lehmann“-Büchern. 

 


Brian W. Aldiss: Dr. Moreaus neue Insel.

Eine Mondfähre der USA stürzt auf der Rückreise von wichtigen Verhandlungen zur Erde in den Ozean, und während immerhin drei von vier Insassen sich noch in ein Boot retten können, überlebt letztlich nur der Staatssekretär Roberts den vermuteten Anschlag – denn es herrscht Krieg, gerade laufen die Vorbereitungen zu wohl massiven Vernichtungsschlägen der jeweiligen Bündnisse. Roberts wird kurz vor dem Erschöpfungstod schon in Sichtweite einer Insel von einem Boot gerettet, dessen Zwei-Mann-Besatzung wenig glücklich über den menschlichen Beifang ist. Und sie ist auch reichlich seltsam: Während der offensichtlich Kommandoführende ein wortkarger Holländer ist, dient ihm ein affenartiges Wesen mit jedoch zugleich deutlich menschlichen Zügen als Gehilfe. Roberts wird bald bemerken, dass er nicht nur unwillkommen ist, sondern diverse Tiermenschen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, Kreuzungen aller Art und von insgesamt minderer Intelligenz und Sprachkraft. Herrscher der Insel ist der „Meister“, Mortimer Dart, ein durch einen Medikamentenfehler verkrüppelter Wissenschaftler, durch Prothesen verstärkt, der ein umfassendes Laboratorium führt. Er ist der Nachfolger der Person, die H.G. Wells einst zu seinem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ inspirierte, jedoch inzwischen von der bloßen Chirurgie zur Genetik fortgeschritten. Während die Überlebenden der einstigen Tierexperimente im Dorf und auf der Insel leben, führt Dart in seinem festungsartigen Komplex die Weiterentwicklung der Mischwesen dank weniger Gehilfen auf ein neues Niveau. Roberts ist entsetzt, seine Lage bleibt prekär, mal Gefangener Darts, mal auf dessen Schutz angewiesen. Auch ist dieser der Einzige, der mit der amerikanischen Regierung Kontakt aufnehmen könnte – was er sich jedoch weigert zu tun. Kann sich Roberts mit den Tiermenschen verbünden – oder vielleicht die anderen menschlichen Bewohner zur Mithilfe bewegen? In jedem Fall bringt seine Anwesenheit das bisher austarierte Gleichgewicht auf der Insel ins Wanken, mit fatalen Folgen. Und die erhoffte Hilfe der Regierung könnte sich zudem als nicht minder illusionär erweisen – denn auch Dart steht in deren Diensten. Aldiss‘ (1925 bis 2017) Fortsetzung des Klassikers krankt ein wenig daran, dass er seinen beiden Hauptkontrahenten nicht das nötige Charisma verschaffen kann. Dart ist zwar grausamer Bösewicht genug, aber es fehlt ihm die verführerische Ambivalenz, Roberts dagegen ist wiederum zu sehr Bürokrat, der einem als Leser:in auch nicht unbedingt ans Herz wächst. Klüger fädelt Aldiss da schon dessen zweischneidige Rolle ein, da Roberts durch sein Handeln wie erwähnt ungewollt den Tod vieler der Inselbewohner herbeiführt. Durchaus spannend, in der Hintergrunddiskussion, die sich fast mehr um den Krieg als um die Ethik der Experimente kümmert, der Zeit verhaftet, wobei man froh ist, dass hier mal wieder allzu voreilig schlimme Dinge vorausgesagt wurden: Der Roman spielt im Jahr 1996.

 

David Foenkinos: Größter anzunehmender Glücksfall.

Es gibt Bücher, deren Erfolg man sich im positiven Sinne schwer erklären kann, und das sind oft tatsächlich gute Bücher. Es gibt Bücher, deren Erfolg man sich im negativen Sinn ziemlich leicht erklären kann, und das sind für gewöhnlich schlechte Bücher. David Foenkinos‘ (geboren 1974) Roman war so ein Überraschungserfolg ohne Überraschung und gehört damit in letztere Kategorie. Claire und Jean-Jacques sind nach acht Jahren Ehe in der absoluten Routine angelangt, er beginnt in einer Mischung aus zufälliger Verwegenheit und Neugier eine Affäre mit einer Bürokollegin, stellt sich aber so dusselig an, dass seine Frau dies sofort bemerkt, es an sich nicht schlimm findet, aber in einem Eifersuchtsanfall dann doch die Trennung ausspricht und selbst eine Affäre beginnt. Beide beauftragen Detektive, um den jeweils anderen zu überwachen, stiften allerlei Chaos unter ihren Freunden, Eltern und ihren eigenen Gefühlen, es folgen Verwechslungen, Irrtümer, arrangiertes Rendez-Vous, Happy End. Das Buch möchte irgendwie mehr sein als eine Romantische Komödie ist aber in seiner absoluten Vorhersehbarkeit - im Großen wie im Kleinen -, seinem billigen Humor und der teils äußerst schiefen Metaphorik genaugenommen dadurch fast noch schlimmer. Dass in jeder Hinsicht Unüberraschende an dem dadurch auch nicht sonderlich spannenden Text ist vermutlich die beste Erklärung für seinen Erfolg.  

 

Mary Stewart: Wolfswald.

Schon die ersten Gothic Novels der Literaturgeschichte aus der Feder britischer Autor:innen siedelten ihre Erzählungen gerne im als offensichtlich besonders unheimlich betrachteten Deutschland an – und in deren Nachfolge wählt Mary Stewart (1916 bis 2014) folgerichtig den Schwarzwald als Ort der Handlung, der ohnehin in dieser Hinsicht eine gewisse Tradition hat. Margaret und ihr Bruder John sind mit ihren Eltern auf Urlaub, so wirklich prickelnd empfinden sie das Wandern und Betrachten von Burgruinen nicht, bis plötzlich beim Picknick ein seltsamer gekleideter und traurig wirkender Mann, ohne von ihnen viel Notiz zu nehmen, eilig über die Lichtung läuft und wieder im Wald verschwindet. Da ihre Eltern ohnehin Mittagsschlaf halten und nicht gestört werden möchten, beschließen die Geschwister, aus Neugier dem Unbekannten zu folgen. Die Suche fast schon erfolglos aufgebend, finden sie doch noch Spuren des Mannes und ein wertvolles altertümliches Medaillon, das dieser wohl verloren haben musste. Aber es tauchen auch Tierspuren auf, große Tierspuren, und beide erinnern sich, dass sie sich ja im ‚Wolfswald‘ befinden. Im Dilemma, lieber umkehren, andererseits jedoch die Kette an den Besitzer zurückgeben zu wollen, entscheiden sie sich, noch bis zur nächsten Kurve zu laufen, wo sie auf eine verlassene, halb verfallene Hütte treffen, die im Inneren jedoch intakt scheint. Dort finden sie auch die Kleidung des Mannes, statt ihres Besitzers taucht jedoch ein riesenhafter Wolf auf, den sie zwar abwehren können, der sie aber zur Flucht nötigt. Doch der Picknickplatz ist seltsam verändert, vor allem jedoch weit und breit nichts von ihren Eltern zu sehen. Gezwungenermaßen verharren die beiden über Nacht im Wald, brechen aber am nächsten Tag wieder zur Hütte auf. Die ist nicht mehr verlassen. Der Besitzer ist zurück, Madrian, ein Höfling der benachbarten Burg. Er steht unter einem Fluch, wird nachts zum reißenden Werwolf, an seiner statt – und in seiner Gestalt – hat ein bösartiger Zauberer in der benachbarten Burg den Posten des besten Freundes und Beraters des Herzogs übernommen, der seinem Ziel, dessen Macht zu usurpieren, schon reichlich nahegekommen ist. Margaret und John, in den Zauber bereits mit hineingezogen, beschließen als Hans und Greta dem Werwolf zu helfen – auch, um damit in ihre eigene Welt zurückkehren zu können. Aber das ist ein gefährliches Unterfangen. Sehr kurzweiliger Roman aus der leider nur kurzlebigen Fischer-Reihe „Bibliothek der phantastischen Abenteuer“, gekonnt und spannend geschrieben, ohne alberne Mittelalterfolklore, ohne umständliche Erklärungsversuche, schnörkellos. 

 

Ignazio Silone: Der Samen unter dem Schnee.

Es ist die vertraute Szenerie der Romane Ignazio Silones (1900 bis 1978): Ein italienisches Dörfchen im Nirgendwo, weitab städtischer Zivilisation, geprägt von Armut und einer sehr dünnen Herrenschicht, die aber nicht weniger heruntergekommen scheint als der Rest, ebenso wie die Dorfeliten, Pfarrer, Behördenvertreter, Polizei. Im Land herrscht der, im Text nie explizit erwähnte, aber das Verhalten der Personen prägende Faschismus, der die meisten zu Opportunisten macht, tatsächlich fanatische Anhänger sind rar und kommen von außen. Der Katholizismus hat noch die Oberhand, doch ähnlich wie die Partei entspricht er in Colle wohl kaum den Vorstellungen Roms, während für estere die Verinnerlichung der Ideologie fehlt, ist die Religiosität bei den meisten irgendwo angesiedelt zwischen archaischem Aberglauben und Volksfestvergnügen. Dieser Oberflächlichkeit entwinden sich nur wenige, die alleinstehenden Frauen der längst glanzlosen Gutsherrenschichten, untereinander verfeindet, und eine Reihe von gesellschaftlich Geächteten, die als verrückt gelten und damit eine gewisse Narrenfreiheit genießen. Die Mittlerfigur ist Pietro Spina, Nachkomme aus der Herrenschicht, der sich vor politischer Verfolgung verstecken muss – wir erfahren nie genau, warum – und Hilfe findet bei seiner Tante und den genannten Außenseitern des Dorfes, zu denen er nun selbst gehört. Er versucht, die Schuld seines Standes wiedergutzumachen, aber auch, das herrschende System durch einen Widerstand der kleinen Dinge zu unterhöhlen. „Der Samen unter dem Schnee“ besitzt leider nicht die Kraft von Silones großartigem Meisterwerk „Wein und Brot“, hierfür ist es in seinen offensichtlich an Dostojewski geschulten Dialogen zu weitschweifig, auch ist Pietro Spina kein überzeugender Charakter, er erscheint zu glatt gut, seine Motive zu schwärmerisch. An manchen Stellen wirkt der Roman zu konstruiert, wenn irgendwelche deus-ex-machina-Ereignisse herhalten müssen, um versöhnliche Aufklärungen zu ermöglichen; insgesamt gibt es naturgemäß auch zahlreiche gelungene Episoden, so wenn Pietro in einem Nachbarort für einen hohen Militär gehalten wird, aber zugleich geht man mit einem Gefühl der Enttäuschung aus der Lektüre. Und das liegt nicht nur am fatalistischen Ende des Romans. 

                                                                                                                                                                                           

Freitag, 2. Dezember 2022

Das Zitat zum Freitag.

 

"'Wenn ihr nichts Böses tut', unterbricht ihn Carmela mißtrauisch, 'warum müßt ihr euch dann verstecken?'

'Gerade deshalb', erwidert ihr Vater, 'gerade deshalb, weil wir nichts Böses tun.'"

 

Ignazio Silone, Der Samen unter dem Schnee (p.511)

 


 

Freitag, 11. November 2022

Lektüremonat Oktober 2022.

  

Simon Stone: Stücke.


Spätestens seit Mitte der 2010er Jahre mischt Simon Stone (geboren 1984), Engländer mit Schweizer Wurzeln, insbesondere die deutschsprachige Bühnenwelt auf. Hausregisseur in seiner Heimatstadt Basel, wurde er mit zahlreichen Inszenierungen u.a. nach Wien ans Burgtheater und, größte Ehre der hiesigen Theaterszene, zum Theatertreffen eingeladen, zudem mit unzähligen Preisen überhäuft, auch international sind seine Stücke erfolgreich. Auf den ersten Blick könnte man dies für den Ausdruck einer problematischen Kreativitätskrise des Theaters halten, denn bei Stones Dramen handelt es sich ausschließlich um Adaptionen von Klassikern, sozusagen Coverversionen erfolgreicher Bühnenreißer. Verwerflich ist das an sich ohnehin nicht, große Autoren haben dies immer schon getan, haben ältere Stücke angepasst, umgeschrieben oder auf einer Metaebene kommentiert, von Rainer Werner Fassbinder bis Max Frisch. Doch Stones Methode ist eine andere, er orientiert sich für gewöhnlich nur am Plot der Vorgänger, greift nur einzelne Aspekte heraus oder die Haltungen der Personen – oder des ursprünglichen Autors. Seine Werke sind fast rein dialogisch, zumindest in der Textform gibt es so gut wie keine Bühnenanweisungen oder Kommentare, einzig in seiner Variante der Orestie spielt die Struktur eine größere Rolle, da die Geschichte in drei Abschnitten rückwärts erzählt wird. Die Dialoge sind zeitgenössisch wie die Stücke selbst, es ist unsere Sprache und es ist die Gegenwart, und zwar konsequent, es gibt nicht die oft reichlich aufgepfropfte und künstlich wirkende Vermischung der Zeitebenen, schließlich werden Probleme vorgestellt, die überzeitlich sind, deshalb ohne Abstriche von der Antike oder Ibsens Norwegen übertragen werden können. Naturgemäß liegt ein großer Reiz der Stücke im Kontrast zu den Originalen, sie setzen somit einiges voraus, obwohl man sie auch ohne Kenntnis des zugrundeliegenden Werks verstehen kann. Wie immer ist das reine Lesen von Dramen – insbesondere, da es, wie erwähnt, keine Hinweise auf die Aktivitäten auf der Bühne gibt – sozusagen nur das halbe Vergnügen, jedoch sind die Dialoge Stones allein bereits so fesselnd, dass man den Band mit sechs seiner Stücke kaum noch aus der Hand legt.  

 


Rainer Erler: Die Kaltenbach-Papiere.  

Istvan Kaltenbach hat sich zur Ruhe gesetzt. Äußerlich beneidenswert, in einer historischen Villa an der portugiesischen Küste, versorgt durch jahrelange gute Geschäfte, ist sein Leben doch vom Schicksal gebeutelt: Seine Frau starb bei einem Flugzeugabsturz, sein Sohn wurde in jungen Jahren entführt und tauchte nie mehr auf. Geblieben ist ihm nur seine Tochter, einst abgeschoben in Internate, doch nun bei ihm wohnend, da er das Gefühl hat, er habe an ihr einiges gutzumachen. Das misslingt. Sharon war nie klar, womit ihr Vater sein Vermögen verdient hat. Als sie einem jungen Mann begegnet, der sich nicht nur als nett, sondern auch als investigativer deutscher Journalist herausstellt, gerät sie in immer mehr Dilemmata. Schon der vorherige Besuch eines steifen Herrn hatte ihr durch die aufgefangenen Satzfetzen ein seltsames Unbehagen verursacht, doch da Tom, der Journalist, ihr nun eröffnet, dass ihr Vater ein skrupelloser Waffenhändler ist, sogar Zweifel am Unfalltod ihrer Mutter bestehen, bricht für die 20jährige eine Welt zusammen. Aber wem ist überhaupt noch zu trauen? Ihrem Vater, der vom BKA erpresst wird, das Beweise für seine Geschäfte mit dem Irak in Händen hält, oder Tom, der sich womöglich nur an sie herangemacht hat, um seine nächste große Story abliefern zu können? Sharons Loyalitäten werden mehrfach auf die Probe gestellt, sie lässt sich auf einen Deal mit ihrem Vater ein, der für das BKA die Spuren eines Geschäfts mit Atomsprengköpfen nachverfolgen soll, wofür ein Pakt mit Tom geschlossen wird. Ein gefährliches Spiel beginnt, indem zahlreiche Rollen undurchschaubar bleiben – und das tödliche Folgen für nicht wenige der Beteiligten hat. Wieder ein Erler (geboren 1933), diesmal aus den frühen 1990er Jahren, der noch stärker dem Thrillergenre verhaftet ist. Der typischen Erler-Figur des unschuldigen Mädchens, das in eine Intrige hineingerät, aus der es mit Hilfe eines Mannes entkommen kann, setzt er dieses Mal, abgesehen davon, dass Tom ein zwielichtiger Charakter ist, eine zweite, starke Frauenfigur gegenüber, die auf eigene Faust handelt und die Angelegenheiten – entgegen dem Rat der Männer – selbst in die Hand nimmt. Das ist ein Fortschritt, ansonsten ist der Roman eher solide Spannungsunterhaltung, der nicht ganz das Tempo früherer Bücher wie „Fleisch“ oder "Die letzten Ferien" hat. Für Mario Adorf dürfte der skrupellos-charmante, aber auch teils larmoyante Istvan Kaltenbach in der Verfilmung eine Paraderolle gewesen sein.  

 

Manfred Kluge (Hg.): Das Zeitsyndikat. 


Der Band versammelt laut Untertitel „Die besten Stories aus The Magazine of Fantasy and Science Fiction“; in der einstigen SF-Reihe des Heyne-Verlages erfolgte regelmäßig solch eine Anthologie mit Geschichten des renommierten US-‚Fachblattes‘ für die Leser:innen des deutschsprachigen Raumes. Der Begriff Fantasy ist hierbei irreführend, während bei uns darunter eher ein Genre mit (pseudo)mittelalterlichem Ambiente, Elfen und Gnomen verstanden wird, sind die im Buch versammelten Texte eher der phantastischen Literatur zuzuordnen, sprich dem Bereich des Unheimlichen. Der Science-Fiction widmen sich die beiden langen Geschichten zu Beginn und zum Ende, wobei es sich um gegenwartsbezogene SF handelt, nicht um Raumschiffe oder fremde Planeten, sondern in ersterem Falle um eine zufällig erfundene Zeitmaschine und im zweiten um einen Krieg in einer nahen Zukunft, in der die Staaten der Erde dem Verfall preisgegeben sind. Leider handelt es sich beiden Texten um die schwächsten des Bandes. Während „Das Zeitsyndikat“ anfangs noch durch seine Sprache in der hard-boiled-Tradition bei Laune hält, überzeugt ihre grundlegende Idee – Verbrecher nehmen sich Urlaub von der Verfolgung in einem Luxusressort der Urzeit – schon von Beginn an kaum. „Die Schlacht am Abaco Riff“ unterschreitet das Niveau noch einmal deutlich. Die wirre Grundkonstellation, der reichlich plumpe Anti-Amerikanismus, vor allem aber die Lust am Krieg und die unverhohlene Bewunderung für ‚originelle‘ Arten der Tötung des Gegners, gekoppelt mit einem unglaublich billig-kitschigen Ende sind eher unter- statt außerirdisch. Versöhnlicher stimmen da die kürzeren Geschichten des Mittelteils, die sind zwar ebenfalls nicht brillant, aber hier findet sich zumindest manch interessanter, gut erzählter Einfall, etwa der des erbschleicherischen Pflegers, der schließlich von Yucca-Palmen in den Tod getrieben wird. Insgesamt sehr durchwachsen.  

 


Horst Lauinger (Hg.): Über den Feldern.

Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges hat der Manesse-Verlag 2014 einen monumentalen Band herausgebracht, der zahlreiche Erzählungen versammelt, die sich diesem Ereignis widmen. Es sind Zeitgenoss:innen aus aller Herren Länder, die hier sozusagen ihre Zeugenschaft literarisch verarbeiten. Das Besondere dieser sehr gut ausgewählten Anthologie ist nicht nur die Internationalität, sondern die Konzentration auf Texte, die nicht im eigentlichen Sinn autobiographisch sind, sondern eindeutig Literatur, also Fiktion, die naturgemäß gleichwohl in vielen der Texte autobiographische Elemente in sich aufgenommen hat. Der zweite große Pluspunkt dieser Sammlung ist nicht die Konzentration auf das Kampfgeschehen, die Schilderung blutiger Schützengrabenerlebnisse, die nur sehr vereinzelt im Mittelpunkt stehen, sondern der Einfluss des Krieges auf das alltägliche Leben, manchmal prominent im Vordergrund, manchmal nur am Rande, hin und wieder sogar kaum merklich oder nur als Stimmung. Dadurch wird der Einbruch und der Einfluss des Kriegsgeschehens in allen Schichten und, wie erwähnt, in allen Ländern erfasst. Hinzukommt, dass jene Tage mit zahlreichen Autor:innen der klassischen Moderne auch über ein extrem hohes Qualitätspotential verfügten. Und so finden sich Proust, Kafka und Hemingway, Stefan Zweig, Céline und Bertolt Brecht, Joseph Roth, Gertrude Stein und Ivo Andric und viele, viele mehr aneinandergereiht. Es gelten auch hier die Regeln für alle Anthologien, nicht alles kann und muss einem gefallen, aber insgesamt ist dies eine hervorragende Auswahl auf hohem Niveau mit sehr vielen ungewohnten und unbekannteren Texten.  

 

Marcel Bisiaux, Catherine Jajolet (ed.): À ma mère.


Und gleich noch eine Anthologie. Der französische Verlag Horay bat fünfzig internationale Schriftsteller:innen, einen kurzen Text über ihre Mutter zu verfassen. Die namhafte Auswahl an Autor:innen bändigt dabei die durchaus berechtigte Angst vor einem Band voller Muttertagsprosa, obwohl diese nicht völlig fehlt, aber doch glücklicherweise nur ein Randphänomen darstellt. Natürlich möchte man jedoch gleichzeitig nicht ins andere extrem verfallen und auf zahlreiche böse Mütter hoffen, obwohl wiederum auch diese auftreten, wenn auch ebenfalls selten. Das Verhalten der Frauen zu ihren Kindern überrascht eher weniger, es spiegelt einfach die Bandbreite möglicher Elternliebe, warum sollte das bei Schriftsteller:innen auch anders sein. Von der besorgten Übermutter bis zur gleichgültigen Lebedame, von der völlig Abwesenden bis zur verklärten Frühverstorbenen, der harten Erzieherin bis zur frivolen Exzentrikerin, dem Heimchen bis zur aufgeklärten Emanzipierten, alles ist vorhanden, was der Zeitraum von etwa 1870 bis 1950 an Frauen hergibt. Ob es auf suggerierte Vorgaben des Verlages zurückgeht oder einfach um Themen handelt, die Autor:innen am Herzen liegen – oder sie glauben, es ihren Leser:innen schuldig zu sein – einige Motive kehren stets wieder, unter anderem die Frage, wie die Mütter auf das Schaffen ihrer Söhne und Töchter reagiert haben. Im Allgemeinen – was wohl nur Außenstehende überrascht – vergleichsweise gleichgültig. Einige wenige sind offen stolz, viele nur heimlich, manche fürchten familiäre Bloßlegungen, die Mehrheit zeigt aus den verschiedensten Motiven nur geringes Interesse. Anthropologisch – oder psychologisch – stutzig macht der des öfteren explizit erwähnte Hinweis nicht weniger Autor:innen, dass sie das Grab ihrer Mutter – bewusst – nie besuchen. Insgesamt abwechslungsreicher als man beim immergleichen Thema erwarten könnte, ist die Anthologie ein durchaus spannender Einblick, weniger in das Mutterdasein als eben auf Frauenleben des genannten Zeitraumes. Auch wenn sich die Auswahl auf den französischsprachigen Raum konzentriert, kommen konsequent Vertreter:innen zahlreicher Literaturen von Japan bis Afrika, von der Karibik bis Nordamerika zu Wort, deutscher Gastautor ist Hartmut Lange. 

 

                                                        

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Lektüremonat September 2022.

  


Ilija Trojanow: Macht und Widerstand.

Zwei parallele Lebensläufe. Metodi und Konstantin, Klassenkameraden, der eine eher unbedarft, der andere intelligent, aber unangepasst, was für ersteren zur Karriere im kommunistischen und Nachwende-Bulgarien führt, für letzteren zu Haft, Folter und windmühlenartigem Kampf gegen das Vergessen. Der Blick geht zurück auf ihre parallelen, sich später hin und wieder kreuzenden Leben – diese Wiederbegegnungen verlaufen stets zum Nachteil von Konstantin – in denen der eine sich dem stalinistischen System angedient hat und im Geheimdienst hoch aufsteigt, da er völlig skrupellos ist. Er übersteht Rückschläge und Krisen, Intrigen und Denunziationen, und dank seines Wissens hat er auch keinerlei Probleme, sich in der neuen Demokratie unentbehrlich zu machen, er ist noch immer ein angesehener und gefragter Mann, die Partei hält weiter ihre schützenden Hände über ihn – und er über sie. Konstantin dagegen ist dem anarchistischen Gedanken verpflichtet, begeht mit einer Jugendgruppe ein Attentat auf eine Stalin-Statue, wird jedoch nicht, wie von allen erwartet, zum Tod verurteilt, sondern zu zwanzig Jahren Haft. Zur Erpressung von Geständnissen über Mittäter wird er gefoltert, nach seiner Entlassung verschwindet er in der Provinz, um nicht mehr aufzufallen. Mit dem Umsturz könnte die Gelegenheit gekommen sein, abzurechnen, Konstantin will die Opfer und damit auch sich selbst, nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen. Aber er will auch, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Nur stößt er mit diesen Anliegen auf wenig Gegenliebe, selbst unter seinen ehemaligen Mitgefangenen gibt es Zweifler, vor allem aber sitzen an den entscheidenden Stellen entweder noch immer – oder wieder – Personen des alten Systems oder solche, die um des gesellschaftlichen Friedens Willen kein Interesse am Aufwühlen alter Schuld haben. Konstantins Recherchen sind fast manisch, noch dazu entpuppt sich manch alter Freund durch die wenigen Akten, in die er dann doch Einsicht erhält, als Verräter. Und auch Metodi hat weiter seine Hand im Spiel, um Erfolge Konstantins zu verhindern. Dabei hat der Ex-Geheimdienstoffizier eigentlich noch ganz andere Sorgen, da eine vermeintliche Tochter, hervorgegangen aus einer Vergewaltigung im Lager, aufgetaucht ist. Ein Unsicherheitsfaktor; und nichts weniger liebt Metodi als Unsicherheit. Ilija Trojanows (geboren 1965) Roman, angereichert mit echtem Dokumentarmaterial und Einschüben zu wichtigen Ereignissen der bulgarischen Geschichte, bringt uns einerseits dieses vielen unbekannte Land in den letzten Jahrzehnten näher, gleichzeitig sind die Schilderungen exemplarisch für die osteuropäischen Sowjetregime. Das gilt sicher auch für Metodi, der den nicht sadistisch-bösartigen Typus, sondern den an sich ideologiefreien Perfektionisten des Terrors verkörpert, ohne den kein Regime überleben könnte. Er ist stolz auf das, was er tut, moralfrei, gewandt und opportunistisch genug, um alle Wechsel zu überstehen. Konstantin dagegen ist innerlich verhärtet, das schützt seine Integrität, bewahrt ihn vor Zugeständnissen in der Haft und danach, lässt ihn aber nicht mehr zur Ruhe kommen, vor allem, da er nur mit Widerständen zu kämpfen hat – und mit seiner Gesundheit. Ist sein Kampf um absolute Aufklärung zu viel? Ist er angesichts der Umstände – öffentliches Desinteresse, kafkaesker Behördenwillkür, persönlicher Anfeindungen und insbesondere der Entlarvung früherer Freunde – gar sinnlos? Metodi lebt gut, ist reich, agiert hinter den Kulissen, Konstantin findet kaum noch Zuhörer:innen, spart sich den Zugang zu den Archiven vom Mund ab. Aber er gibt nicht auf – und der Anarchist in ihm verschafft ihm doch noch einen spektakulären Triumph. Interessante und auch spannende Reflektion über das, was der Titel verspricht: „Macht und Widerstand“.  

 

Italo Calvino: Der Baron auf den Bäumen.


Wie gewohnt basiert auch dieser Roman Italo Calvinos (1923 bis 1985) auf einem grundlegenden bizarren Einfall: Der ältere Sohn, Cosimo di Rondò, eines italienischen Adeligen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschwindet nach einem Streit beim Abendessen in den Geästen der benachbarten Bäume. Doch was anfangs als kurzzeitige Trotzreaktion eines 12jährigen angesehen wird, ist fortan das Lebenskonzept des Jungen, der sich – und dem herausfordernden Mädchen eines Nachbargartens – schwört, zeit seines Lebens keinen Fuß mehr auf den Boden zu setzen. Das erscheint noch immer als eine exaltierte Kinderidee, doch Cosimo setzt das Leben auf den Bäumen konsequent fort, was seine Familie notgedrungen bald akzeptiert. Aus Sicht der Landbewohner gilt er den einen als verrückt, den anderen als gefährlich, wieder anderen als verbündet. Hilft er doch nicht nur herumziehenden Vagabunden oder Obstdieben, sondern auch den Bauern beim Anlegen von besserer Bewässerung, schließlich hat er den Überblick und weiten Zugang, da er von Ast zu Ast fast das gesamte Land über-queren kann. Im Laufe der Zeit begegnet er spanischen Flüchtlingen, Kriegsvertriebenen, seiner großen Geliebten – dem Mädchen aus dem Garten – und ihn verfolgenden Jesuiten, zwischenzeitlich scheint er tatsächlich dem Wahn nahe, auf der anderen Seite vergisst er das Wohl seiner Unter-tanen nicht, auch wenn er das Regieren seinem jüngeren Bruder, dem Erzähler, überlässt. In ganz Europa hat sich das Gerücht vom Baron in den Bäumen – in verschiedenen Formen – bereits verbreitet, selbst Napoleon kommt persönlich zur Stippvisite vorbei. Cosimo wird alt – und so stellt sich die Frage, was mit dem Todkranken geschehen soll, wird ihn doch am Ende die Erde wieder aufnehmen? Nach einiger Zeit fragt man sich, ob der erwähnte Einfall – ein Mann verbringt sein Leben auf den Bäumen – wirklich für einen gesamten Roman trägt, ob nicht eine Kurzgeschichte oder Novelle angemessener gewesen wäre. Und doch wird dieser Punkt überwunden, obwohl Calvino gar nicht versucht, extrem bizarre Vorfälle zur Spannungserhaltung zu erzeugen, er verlässt sich einfach auf sein Erzähltalent. Es mag nicht der beste von seinen Romanen sein, aber, angereichert mit historischem Kolorit und politischem Hintergrund, bietet er intelligente Unterhaltung.   

 


Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische.

Wilhelm Weitling, kein Revolutionär, sondern pensionierter Richter, verbringt die letzten Sommertage am Chiemsee, in einem früheren Wohnhaus seiner Eltern, verbunden mit allerlei Kindheitserinnerungen, denn er ist hier aufgewachsen. Dazu verleiten ihn auch die Gedanken an die Zukunft, wie die Rentnerzeit nutzen, die bevorsteht, abgesehen von der Vollendung eines seit Jahren im Wartestand befindlichen Buchprojekts? Vorerst dringlicher ist allerdings die Frage, wie diesen Tag noch nutzen, bevor seine Frau – sehnlichst erwartet – in Kürze eintreffen wird. Weitling entschließt sich nach anfänglichem Zögern doch noch, eine kurze Segelfahrt mit seinem Schiffchen zu unternehmen, eine fatale Entscheidung. Denn wie einst schon in der Jugend gerät er in einen Sturm, das Boot kentert, damals kam er knapp mit dem Leben davon, aber diesmal? Doch, auch diesmal gelingt es ihm, das Ufer zu erreichen. Aber er ist nicht mehr allein. Der ältere Weitling, der pensionierte Richter, ist seinem jungen Ich als Begleiter beigegeben, er ist an sich selbst im Gymnasiastenalter gebunden, sieht nun auf sich herab, bzw. mit den Augen des Jüngeren, ohne Eingreifen zu können. Ist er also tot? Wie auch immer, er erlebt nun seine Jugend noch einmal, nicht unbedingt zu seiner Freude. So richtig sympathisch findet er sich nämlich im pubertären Alter nicht, zu antriebslos, zu uninteressiert an allem. Was ihn aber noch mehr erschreckt, sind die kleinen Veränderungen, die nicht mit seiner Erinnerung übereinstimmen. Und diese werden größer: So bleibt der Erfolg, den sein Vater als Schriftsteller hatte, aus. Als Weitling dank des dementen Großvaters, der sich als zugänglich für Einflüsterungen und Fragen erweist, erfährt, dass es einen Ausweg aus seinem Zustand zu geben scheint – ohne genaue Angabe, wie das möglich ist – bangt ihm vor der an sich ersehnten Rückkehr. Wird es überhaupt noch seine Zukunft sein? Oder ist er ohnehin längst tot und wird nur noch als Leiche ans Ufer angeschwemmt? Nun, urplötzlich ist er zurück, mitten im Sturm, er wird erneut gerettet, aber irgendetwas stimmt tatsächlich nicht. Zwar stellen sich die Verletzungen als weniger gravierend heraus, anders dagegen die Veränderungen um ihn herum. Die junge Dame am Krankenbett erweist sich nicht als seine Frau, sondern seine Tochter – im alten Leben war Weitling kinderlos. Immerhin, seine Gattin ist sehr zu seiner Freude die „echte“, auch wenn sie einen anderen Beruf hat. Er übrigens auch: er ist Schriftsteller. Weitling muss nun mit seinem neuen Leben zurechtkommen, ist es die bessere Variante des alten? Oder existiert irgendwo ein zweiter Wilhelm Weitling, der pensionierte Richter? Sten Nadolny (geboren 1942) präsentiert eine neue Variante des bekannten Themas von der zweiten Chance. Wie das alles genau zustandekommt, dies zu erklären macht er sich – zum Glück – gar nicht die Mühe. Dafür verändert er das Motiv leicht: Schließlich hat Weitling keine Möglichkeit, in seine Jugend aktiv einzugreifen, er ist für die Veränderungen in der Zukunft – oder seiner Parallelexistenz – zumindest bewusst nicht verantwortlich. Er bleibt Beobachter. Und auch sein neues Leben ist zwar in der Zukunft, aber nicht der Vergangenheit veränderbar, also größtenteils vorbestimmt. Anders als in den sonst üblichen Versionen dieser Art Geschichten war also weder das vorherige Dasein schlecht, auch hat er nicht aktiv eine Entscheidung getroffen, die sein Leben ab einem Punkt in die ein oder andere Richtung lenkt, noch hat Weitling im Anschluss die Wahl zur einen oder anderen Existenz zurückzukehren. Mehr als nur eine literarische Spielerei, liest sich Nadolnys Roman zudem – gewohnt – gut.    

 

Konstantin Paustowski: Kostbarer Staub.

Es sind Erzählungen aus der zweiten Hälfte des schriftstellerischen Schaffens Konstantin Paustowskis (1892 bis 1968), die dieser dünne Band versammelt. Der Ruhm des russischen Autors, ohnehin nicht so groß wie der manches Zeitgenossen, ist inzwischen etwas verblasst, obwohl er einst zu den ganz heißen Nobelpreiskandidaten zählte und Wertschätzung sowohl in seiner Heimat als auch im Westen genoss. Am literarischen Können liegt diese geschwundene Aufmerksamkeit sicher nicht, die skizzenartigen Geschichten Paustowskis, die charakteristischerweise mit einer kurzen Naturschilderung eingeleitet werden, stellen jeweils einen Menschen in den Mittelpunkt, meist der unteren Schichten, jemanden, der sich irgendwie durchschlagen muss, sei es im Dorf, sei es an der Front, sei es in Paris. Mit viel Sympathie, aber zugleich ohne Verklärung der Umstände, aber auch ihrer Verwirrungen, schildert Paustowski seine Figuren, die wenig Heldenhaftes haben, sondern sich mit den Widrigkeiten des zumeist ärmlichen Alltags herumplagen müssen. Wirkt weniger angestaubt, als man vielleicht vermuten könnte, lohnt sich also, um Paustowski wieder in Erinnerung zu rufen.   

 

Gerbrand Bakker: Der Umweg.

Die Flucht endet in Wales. Im Haus einer kürzlich verstorbenen Witwe, abgelegen in der Landschaft, zur Miete ausgeschrieben. Die junge Frau lässt ihren ursprünglichen Plan, nach Irland überzusetzen fallen, der kleine Hof scheint die bessere Alternative, um der eigenen Vergangenheit – und der Zukunft, wie sich noch herausstellen wird – zu entkommen. Die gezwungenermaßen aufgegebene Stelle als Dozentin für Englische Literatur ist immerhin hilfreich, ansonsten ist das Landleben jedoch Kontrast zum etablierten Amsterdamer Dasein – das allerdings ohnehin schon mächtig am Zerbröseln war. Vorerst aber gilt es sich mit weidenden Schafen, aggressiven Dachsen, widerspenstigen Gänsen, die immer weniger werden, knorrigen Dorfbewohnern und aufdringlichen Nachbarsbauern auseinanderzusetzen – und Garten und Haus in Schuss zu halten beziehungsweise wieder zu bringen. Und da sind noch die mitgebrachten, keineswegs verschwundenen Probleme, in die wir nur peu à peu Einsicht erhalten. Die Frau ist verheiratet, ihren Mann hat sie zurückgelassen, ohne Angaben, wohin ihre Reise gehen soll. In einem Anfall von blinder Wut zerstört er daraufhin ihr ehemaliges Büro an der Uni, was ihm immerhin die Freundschaft des Polizisten einträgt, der den Fall bearbeitet und ihm bei der Suche nach seiner Frau helfen wird, die ihn, wie er bereits wusste, vor der Flucht mit einem Studenten betrogen hat. Doch war dies nicht der Hauptgrund ihres überhasteten Aufbruchs. Derweil taucht auf ihrem Grundstück ein junger Mann mit seinem Hund auf, ein Wanderer, der Routen inspiziert. Er ist nett, aber er weigert sich wieder zu gehen. Er ist auch nicht, wofür man ihn hält. Während ihr Mann zufällig immer mehr über ihre möglichen Motive erfährt, macht er sich auf, seine Frau zu finden, kündigt aber sein Kommen – ihren möglichen Aufenthaltsort hat er ausfindig machen können – vorher an. Da ihr auch der Vermieter gekündigt hat, drängt die Zeit. Die Frau fasst einen Entschluss. Gerbrand Bakker (geboren 1962) zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren der Niederlande und „Der Umweg“ gehört mit Sicherheit dank seiner ruhigen Art, seiner einnehmenden Charakterschilderungen, aber auch einem trotz wenig erbaulichem Grundthema sanften Humors zu dem Besten aus seiner Feder bisher. Einfach nur sehr, sehr gut, absolute Leseempfehlung.