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Freitag, 12. Januar 2024

Lektüremonat Dezember 2023.

 


Bret Easton Ellis: Unter Null.

Aus heutiger Sicht gilt „Unter Null“ – Bret Easton Ellis, Jahrgang 1964, ist inzwischen schließlich auch schon knapp 60 – als Frühwerk und vor allem als Vorstudie zum späteren Meisterwerk „American Psycho“. Gänzlich verkehrt ist das natürlich nicht, aber solch eine Klassifizierung im Nachhinein mindert gleichzeitig den Eigenwert des Romans, was ihm sicher nicht gerecht wird. Clay kommt von seinem ersten Semester an der Ostküste in seine Heimat Los Angeles zurück, hängt in dieser Zeit mit seinen Freund:innen ab, nimmt etwas – leichte – Drogen – und reist nach gut vier Monaten wieder ab. Mehr passiert nicht, dazwischen herrscht reinste Inhaltsleere. Was Niemanden wundert, Niemanden stört und genaugenommen Niemandem auffällt. Die häufigste Antwort auf die Frage, was man die letzten Tage so gemacht habe, lautet – völlig zurecht: „Weiß nicht.“ Und auch sonst weiß man eigentlich nichts: Ist man noch mit seiner Freundin zusammen? War man es überhaupt? Wo sind die eigenen Eltern? Woher kennt man den oder diejenige, die einen auf der Party grüßen? War man gestern überhaupt auf dieser Party? Woher soll man die nächsten Drogen bekommen? Wohin heute Abend? Oder nach den Ferien? Alles verdämmert, hat kein Ziel, berührt einen nicht. Snuff Videos, die man nachstellt, Leichenfunde, heroinspritzende Freundinnen, sich gegen Geld prostituierende Kameraden? Nirgends mehr ein Kick, keine Verantwortung, kein Interesse. Zeigen sich bei Clay in diesem Dauerüberdruss hin zum Ende des Romans leichte Risse? „Weiß nicht“.             

 

Jonathan Lee: High Dive.


„Moose“ Finchs Leben verlief bisher nicht unbedingt verheißungsvoll, nicht nur seine an sich durchaus erfolgversprechende Sportlerkarriere, auch seine Ehe ist gescheitert. Aus den USA als alleinerziehender Vater einer spätpubertierenden Tochter nach England zurückgekehrt, fristet er nun mit Mitte Vierzig ein wenig spektakuläres Dasein als stellvertretender Direktor eines Hotels in Brighton. Doch dann zeichnet sich ein möglicher Wendepunkt ab, die echte Chance auf einen Coup. Die Tories wollen ihren 1984er Parteitag im Hotel abhalten, mit dem Höhepunkt einer programmatischen Rede der politisch stark angeschlagenen Premierministerin Margaret Thatcher. Moose tut alles, um diese Veranstaltung ins Haus zu locken und sie nach der Zusage zum Glanzpunkt werden zu lassen, der ihm endlich den längst versprochenen Posten des Direktors verschaffen soll. Damit möchte er seiner Tochter, die an der Rezeption jobbt, den Aufstieg über ein Universitätsstudium ermöglichen – auch wenn die sich gegen eine solcherart bereits vorgezeichnete Zukunft noch wehrt. Dass Moose unter dem selbstaufgebürdeten Stress und der familiären Sorgen schließlich einen Herzinfarkt erleidet, wird ihn nicht bringen, sich diesen Höhepunkt seiner Karriere von solchen unschönen Nebenereignissen vermasseln zulassen. Was er nicht ahnt: Längst haben Aktivisten der irischen IRA sich im Hotel eingenistet und dort eine Bombe versteckt, die während der Anwesenheit Thatchers und eines Großteils ihres Kabinetts explodieren soll. Das Attentat ist perfekt vorbereitet, der Sprengsatz geht zum vorgesehenen Zeitpunkt in die Luft. Jonathan Lee (geboren 1981) schildert den historischen Anschlag aus der Sicht dreier fiktiver Charaktere: Des stellvertretenden Direktors Moose, dessen Tochter Freya und des IRA-Terroristen Dan, der das Hotel auskundschaftet und am Bau der Sprengsätze beteiligt ist. Das ist der große Pluspunkt des Romans, der diesen Charakteren viel Sympathie verleiht und sie mit Leben füllt, während die sonstige Dramaturgie in eher erwartbaren Bahnen verläuft. Naturgemäß ist der Ausgang durch die historischen Ereignisse ohnehin vorgezeichnet, bei Lee läuft er jedoch auf eine etwas schwache Es-gibt-keine-Gewinner-Moral hinaus. Das ändert aber wenig an der sonst gekonnten und spannenden Umsetzung.      

 


Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste.

Nicht nur im Titel schien Bernd Cailloux (geboren 1945) an seinen Überraschungserfolg „Das Geschäftsjahr 1968/69“ anknüpfen zu wollen, was ihm, bedingt, mit der Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 zumindest auf der Kritiker:innenseite auch gelang. Vermutlich zehrte er bei der Jury vom Wohlwollen des Vorgängers, denn so richtig erschließt sich diese Ehre nicht. Anekdotisch erzählt das stark autobiographische Ich von seiner Ankunft in Berlin, den Gestalten aus der Stammkneipe, verflossenen Liebschaften, der Rechtfertigung der eigenen Aktivitäten während der Revoltenjahre um und nach 1968 und der Stimmung jener Zeit generell, auch der Auseinandersetzung um die Deutung nun fünfzig Jahre später. Nebenher gilt es noch eine wiederausgebrochene Krankheit und eine sehr wechselhafte Beziehung mit einer einige Jahre jüngeren Frau zu bewältigen, wobei auch hier Altlasten der Nach-1968er-Zeiten eine Rolle spielen. Was anfangs noch wie eine etwas erwachsenere nüchtern, aber auch mit leichtem Humor bilanzierende Version von „Herrn Lehmann“ daherzukommen scheint, plätschert bald mehr und mehr dahin, eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, die Charaktere bleiben blass, sprachlich ist manches missglückt, irgendwann ist das Buch zu Ende. Eine Bilanz zieht man dann besser nicht.      

 

Jean Ray: Harry Dickson – La Bande de l’Araignée.


Als Verfasser Phantastischer Literatur müsste man sich mit dem Namen Raymundus Joannes de Kremer (1887 bis 1964) eigentlich, so möchte man meinen, keine Pseudonyme ausdenken. Doch de Kremer, der es ohnehin liebte, seine eigene Biographie völlig zu verschleiern, schuf eine ganze Palette an Aliasen, von denen Jean Ray und John Flanders lediglich die geläufigsten waren. Dass hinter dem effektiven Dauerproduzenten von Spannungsliteratur ein vermeintlich biederer belgischer Beamter steckte, blieb deshalb lange verborgen und würde de Kremer genaugenommen selbst zu einer passablen Hauptfigur eines seiner Romane machen. Neben der Phantastik – wir durften ihn bereits kennenlernen – verlegte sich der Vielschreiber auch auf die Schaffung einer Detektivfigur, die zwar als „Le Sherlock Holmes américain“ angepriesen wurde, mit dem britisch-aristokratischen Kollegen aber nur wenige Züge gemein hat. Zwar ermittelt auch er in London und Anspielungen auf die Baker Street werden hin und wieder in die Texte gestreut, doch mit den Subtilitäten Conan Doyles hat Jean Ray nichts am Hut. Seine Harry Dickson-Erzählungen sind Kolportage reinsten Wassers, nichts kann groß, gefährlich oder blutig genug sein, um die Leser:innen bei Laune zu halten. An Einfällen hat es de Kremer/Ray ohnehin nie gemangelt. Und so erhält Dickson in der Titelgeschichte täglich eine Spinne, die in sein Büro geschmuggelt wird, ohne dass er den Grund, die Methode und schon gar nicht den Überbringer identifizieren kann. Zehn Tage am Stück geht das trotz verschärfter Überwachung so, sehr zum verständlichen Ärger des düpierten Meisterdetektivs. Die Auflösung ist wenig beruhigend, hinter dem Arrangement steckt eine neugegründete Verbrecherbande, die nach eigenem Bekunden Menschen beseitigen will, die nach ihren Vorstellungen der Menschheit schlecht dienen. Dickson sieht sich herausgefordert, dieser Selbstjustiz entgegenzutreten. Doch muss er bald erkennen, dass die Methoden der Bande alles andere als leicht zu durchkreuzen sind – und er selbst zum Hauptziel wird. Dabei agiert der Kopf der Organisation ganz offen. Der ist auch Rays beste Innovation: Der kongeniale Gegner Dickson ist nämlich eine junge französische Internatsschülerin. Und sie ist Dickson durchaus gewachsen, bald schuldet man sich nicht nur gegenseitigen Respekt, sondern auch das Leben. An der tödlichen Feindschaft ändert das aber nichts. Für Liebhaber:innen sehr rasanter Spanungslektüre, über deren Realitätsgehalt man nicht den entferntesten Gedanken verlieren sollte.                                          

                                             

Donnerstag, 30. November 2023

Lektüremonat Oktober 2023.

 


Eduardo Mendoza: Die unerhörte Insel.

Der Unternehmer Fabrégas fühlt sich angewidert von seinen Geschäften und verlässt fluchtartig Spanien, alle Verbindungen kappend. Er landet in Venedig, doch wird er dort von seinem Anwalt aufgefunden, der ihn drängt, zurückzukehren, um eine Pleite seines Unternehmens zu verhindern. Fabrégas weigert sich, doch auch der Aufenthalt in der Lagunenstadt befriedigt ihn nicht, er ist bereits entschlossen, diese zu verlassen, als er einer Frau wiederbegegnet, die er beim ersten kurzen Zusammentreffen an der Hand eines Bekannten für eine Prostituierte hielt. Das ist sie offenkundig nicht, wie sich bald herausstellt, doch was will sie von ihm – und er von ihr? Die Beziehung bleibt lose und auf zufällige Wiedersehen beschränkt, Fabrégas ist zwar einerseits fasziniert, andererseits ekelt ihn auch Venedig immer mehr an, er ist mehrfach entschlossen, die Koffer zu packen. Doch immer wieder taucht die Frau unvermutet doch wieder auf, führt ihn durch die Stadt an verborgene Orte und schließlich sogar in den labyrinthischen Palast ihrer kuriosen Familie. Immer noch aber ist Fabrégas nicht klar, worauf sie hinauswill. Erst spät wird bewusst, dass hinter ihrem erratischen und undurchschaubaren Verhalten von Anfang an ein ausgeklügelter Plan steckte. Cleverer Venedigroman Eduardo Mendozas (geboren 1943), der diesem Genre durch zahlreiche Verweise von Thomas Mann bis Nicolas Roeg und dank des Spiels mit dem makaber-geheimnisvollen Ruf der Stadt, aber auch ihrem Untergang doch noch Neues abgewinnt. Und der zugleich sehr spannend und unterhaltsam ist.

 

Oskar Maria Graf: Reise in die Sowjetunion 1934.


Auf Einladung der Sowjets reiste Oskar Maria Graf (1897 bis 1967) mit zahlreichen weiteren dem Sozialismus zugeneigten Schriftstellern Europas in das Rote Reich, für viele noch immer eine unbekannte Größe. Graf war, wie nicht wenige seiner deutschsprachigen Kolleg:innen, zu jener Zeit bereits im Exil, in seiner Heimat war er persona non grata, in der Sowjetunion dagegen noch immer hoch angesehen. Die Reise mit dem Zug, die Treffen auf dem großen Schriftstellerkongress und die für die Gäste durchgeführten Reisen durch das Land beschreibt er mit gewohnt bissigen Kommentaren, die sich allerdings hauptsächlich auf seine deutschsprachigen Kolleg:innen beziehen. Graf selbst gefällt sich in der üblichen Rolle des klugen Schlitzohrs in Lederhosen, die er zur allgemeinen Verwunderung und Begeisterung der Russ:innen – selbst bei offiziellen Anlässen trägt. Grafs fragmentarischer Bericht, der zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurde, krankt mitunter an zwei Punkten: Seiner zwar satirisch verbrämten Überheblichkeit gegenüber vielen Kolleg:innen – etwas, was er genau diesen nicht selten vorwirft – und seinem verschleierten Blick auf die Sowjetunion. Unkritisch ist Graf keineswegs, er sieht durchaus Defizite, aber im Großen und Ganzen blickt auch er nicht hinter die Kulissen des Stalinschen Terrorstaates, lässt sich zu leicht beeindrucken von offensichtlicher Kulissenschieberei. Ganz unverständlich ist dies naturgemäß nicht: Selbst einem Terrorstaat entflohen, musste Graf durch Alternativen die Hoffnung wahren. Endgültig emigriert ist er schließlich jedoch nicht nach Russland – sondern in die USA.  

 

Jack London: Das Mordbüro.

Natürlich klingt das verführerisch: Der große Jack London (1876 bis 1916), viel zu früh verstorben, hat in seinem Nachlass ein unvollendetes Manuskript hinterlassen, dessen Idee ebenso spannend wie bizarr erscheint: „The Assassination Bureau Ltd.“, eine Agentur, die gegen Geld Mordaufträge ausführt. Geschmacklos, zynisch – ausgerechnet der stets politisch stark engagierte London mit einer menschenverachtenden Idee? Oder doch nur eine Satire, gewissermaßen der Kapitalismus zum Äußersten getrieben? Weder noch. Londons Roman handelt keineswegs von irgendwelchen mafiösen Strukturen noch von skrupellosen Oligarchen, im Gegenteil, die Herren des Mordbüros sind hochgebildete und angesehene Akademiker mit oft abseitigen Spezialgebieten – eher Numismatiker denn Forensiker – und außerdem streng abwägende Idealisten. Wer sich an ihre Organisation wendet, muss sich einer Prüfung unterziehen, die seinen Auftrag rechtfertigt, die Beseitigung des Opfers muss aus nachvollziehbaren, bestätigten und vor allem moralisch einwandfreien Gründen erfolgen – je nachdem wird auch der Preis festgesetzt. Das Mordbüro tötet nur Menschen, effizient und ohne Spuren, die der Menschheit Schaden zugefügt haben, korrupte Polizeichefs, ausbeuterische Unternehmer, Mafiapaten. London flicht dies in eine private Geschichte ein, in der ein junger Mann feststellt, dass ausgerechnet der Vater seiner Geliebten der Oberboss des Mordbüros ist. Durch einen paradoxen Auftrag versucht er ihn und seine Verbündeten von ihrem Treiben abzubringen, in dem er ihm den Auftrag erteilt, sich selbst als Kopf einer menschenfeindlichen Organisation von seinen Gehilfen umbringen zulassen. Die Jagd beginnt. Wie gesagt, es klingt verführerisch und natürlich konnten sich die Verleger diese Chance nicht entgehen lassen, obwohl der Text nicht vollendet war. Ein Kollege Londons wurde beauftragt, den Roman zu vollenden. Das Ergebnis ist nicht gerade der Reißer, denn man nach all dem soeben Beschriebenen vielleicht erwarten könnte. Liest man im Anhang die Skizzen Londons zur Weiterführung seines Buches, wundert man sich ohnehin, wie sehr der Vollender von diesen abgewichen ist, aber ob dies zum Besseren oder Schlechteren war, bleibt offen. Bereits grundsätzlich handelte es sich um keinen Thriller, sondern einen klassischen Thesenroman, in langen, sehr gebildeten Dialogen wird über die Frage verhandelt, ob und wann es gerechtfertigt ist, ein Menschenleben aus vermeintlich guten Gründen zu beenden. Das ist natürlich eine sehr spannende und durchaus wichtige Diskussion – in einem Essay. Als Roman dagegen liest sich das sehr, sehr zäh. Die Handlung – immerhin eine typische Verfolgungsjagd – rettet den Text nicht, da sie immer wieder ausgebremst wird und oft auch redundant wirkt. Vielleicht wäre der Text besser ein Schubladengeheimnis geblieben.

 


Ilija Trojanow: Meine Olympiade – Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen.

Der Titel verrät an sich bereits alles. Schriftsteller Ilija Trojanow (geboren 1965) nimmt sich mit Mitte Vierzig nach den Spielen in London vor, in der nun folgenden Olympiade bis Rio selbst die diversen Disziplinen professionell zu erlernen und im Kurzdurchlauf zu absolvieren. Zwar fallen naturgemäß die Mannschaftsarten weg, aber es bleiben genug, um das ehrgeizige Unterfangen utopisch erscheinen zulassen. Doch Trojanow ist bestens motiviert, gut international vernetzt, um an ausgesuchten Sportstätten mit hervorragenden Spezialtrainer:innen arbeiten zu können und natürlich Schriftsteller, weshalb er all dies dokumentiert. Obwohl auch die meisten Trainer:innen verständlicherweise zumeist erst einmal reagieren wie Laien und Freunde: „Unmöglich zu schaffen“, lassen sie sich auf das Experiment ein. Der Erfolg ist je nach Disziplin – wenig überraschend – durchwachsen. Spitzenleistungen erbringt Trojanow erwartungsgemäß selten, aber er findet Sportarten, die ihn begeistern, andere, die er vermutlich für immer abhakt. Lesen wollen würden wir das vermutlich alles nicht, wäre Trojanow eben nicht Trojanow, ein guter, sympathischer Berichterstatter über sich selbst – und die Sportarten, über die man einiges erfährt, was einem vermutlich sonst nie aufgefallen wäre. Von amüsant bis lehrreich, auch dank der Ehrlichkeit des Autors, der sich in keiner Hinsicht schont, unterhält das Buch bestens. Es motiviert vielleicht nicht unbedingt zum Nachahmen des gesamten Projekts, aber womöglich zum Aufraffen, es mit der ein oder anderen faszinierenden Sportart einmal zu versuchen – oder diese zumindest intensiver im Fernsehen zu verfolgen. 

                                                                                                                                            

Dienstag, 31. Oktober 2023

Lektüremonat September 2023.

 


Ian McEwan: Nussschale.

Jüngeres Werk aus der Feder des etablierten Altmeisters McEwan (geboren 1948), in dem er einen literarischen Kniff versucht: Erzählt wird aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes im Bauch seiner schwangeren Mutter, die gerade dabei ist, ein Intrigennetz zu spinnen, um ihren Noch-Ehemann zugunsten ihres Liebhabers aus dem Weg zu schaffen. Die Loyalitäten des Kindes werden dadurch auf die Probe gestellt, doch seine Mittel, dem scheinbar nichtsahnenden Vater eine Warnung zukommen zu lassen, sind naturgemäß begrenzt, eher schon wäre es ihm möglich, die Mutter von dem Vorhaben abzuhalten, schließlich sind seine eigenen Aussichten für die Zukunft als Kind mit Stiefvater nicht unbedingt glücksverheißend. Doch ohnehin ist nichts so, wie es anfangs schien, was kaum an der naturgemäß eingeschränkten Wahrnehmung des Babys liegt. Nette Spielerei, aber man ertappt sich doch ziemlich oft dabei, wie man innerlich überprüft, ob das Kind wirklich wissen kann, was es uns da erzählt. Möglicherweise ist dies die falsche Heransgehensweise oder eine déformation professionelle, in jedem Falle wirkt dieser Perspektivenversuch überanstrengt und kaum durchhaltbar, wenig helfen dabei die zwar sympathischen, aber ähnlich aufgesetzten Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen. Sicher, es liest sich recht gut, ist spannend und hat ein paar nette Wendungen, aber an der Grundidee liegt dies nicht.     

 

Yann Queffélec: Barbarische Hochzeit.


Teenager Nicole hat sich in einen jungen amerikanischen GI verliebt, der im nahen Lager beim Dorf dient und sie mit seinen Versprechungen begeistert. Auch ihre Eltern sind durchaus angetan, der Amerikaner ist ein Junge mit Zukunft, zuhause, wohin er bald zurückkehren wird, wartet eine Farm mit umfangreichem Landbesitz auf ihn. Wahr ist daran allerdings nichts. Als er Nicole zum vorläufigen Abschied eines Abends auf seine Baracke im Lager einlädt, wird sie von ihm und einigen Kumpels mehrfach vergewaltigt. Damit ist nicht nur der USA-Traum geplatzt, die Schande vergrößert sich noch durch eine daraus entstandene Schwangerschaft. Ludo, das Kind, wird erst im Haus versteckt, in einem Kämmerchen gehalten, von seiner Mutter und den Großeltern verleugnet und gehasst. Er entwickelt, wenig überraschend, ein geradezu autistisches Verhalten, gleichzeitig sehnt er sich nach seiner Mutter, deren Liebe er zu gewinnen sucht, ohne auf Resonanz zu stoßen. Als sich wider Erwarten ein Bräutigam einfindet, der sogar bereit ist, sich um Ludo zu kümmern, scheint eine Besserung bevorzustehen, da dieser tatsächlich echte Zuneigung zu dem Kind zeigt – anders als die Mutter. Diese beharrt weiterhin auf einer Einweisung Ludos in ein Heim. Als es auf ein ‚er oder ich‘ hinausläuft, wird er dorthin abgeschoben, Besuch erhält er nur von seinem Stiefvater, was ihn nicht hindert, weiter an seine Mutter zu glauben, bis er schließlich das Heim in Brand steckt und sich zu ihr auf den Weg macht in dem Glauben, bereits sehnsüchtig erwartet zu werden. Yann Queffélecs (geboren 1949) Roman lebt von der liebevollen Betrachtung seines einerseits naiven, kindlichen und dann wieder raffinierten und fantasiereichen Protagonisten, der zwar keineswegs ein Unschuldslamm ist, aber doch von Beginn an unschuldig an seinem Schicksal, das er schließlich – wenn auch unter falschen Vorstellungen – selbst in die Hand nehmen möchte. Über die Härte des Geschehens hilft die ironisch-naive Erzählweise hinweg, die aber nichts beschönigt, vor allem nicht das selbstsüchtige Verhalten der Erwachsenen. Seinerzeit ein großer Erfolg – zurecht.

 


Alex Capus: Königskinder.

Selbst schuld: Das junge Pärchen Max und Tina haben entgegen der Warnungen und der eigenen Erfahrung eine eigentlich gesperrte Schweizer Alpenpassstraße befahren und werden nun genau mit dem bestraft, was die Sperrung hätte verhindern sollen. Irgendwo dort oben auf der Strecke bleiben sie im heftigen Schneefall stecken. Während sie langsam einschneien – in dem Wissen, dass in einigen Stunden eine Räummaschine vorbeifahren und sie befreien wird – unterhält Max seine Frau mit einer von der Umgebung inspirierten und angeblich authentischen Geschichte über einen jungen Kuhhirten im 18. Jh., der von seinem Bauern vom Hof gejagt wird, nachdem er sich in eine der Töchter verliebt hat. Beide versprechen sich zu warten, der Hirte meldet sich zum französischen Militär und erlebt in der Endphase des Ancien Régime einen unerwarteten Aufstieg, als die spleenige Schwester des Königs einen Bauernhof im Park von Versailles errichten lässt, für den sie geeignetes Personal braucht, zum Beispiel jemand, der sich mit Schweizer Rindvieh auskennt. Tatsächlich gibt es so jemanden in der Armee… Nach vielen, vielen Jahren kann der ehemalige Hirt schließlich auch seine Braut aus der Eidgenossenschaft an den Hof kommen lassen, doch das Idyll liegt in den letzten Zügen, die Revolution ist bereits ausgebrochen. Intelligente Unterhaltung, schnörkellos, amüsant und spannend erzählt.