Dienstag, 21. Juli 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (20): Bertolt Brecht - Dreigroschenroman.

Bertolt Brecht: Dreigroschenroman. st 2804

 

Wirtschaftskrimis sind in der Weltliteratur ein eher spärlich gesätes Phänomen. Zolas Börsenroman „Das Geld“ könnte man dem Genre zuordnen, vielleicht aus sein „Das Paradies der Damen“, doch drängt sich bei beiden dieses Etikett nicht primär auf. So gesehen ist Brechts (1989-1956) Dreigroschenroman nicht nur innerhalb seines eigenen Gesamtwerkes als einziger längerer Prosatext ungewöhnlich, sondern auch als Literaturform, die sonst selten die Gipfel der Höhenkammliteratur erklimmt, wo man die Sprache den Zahlen vorzieht. Diese kommen allerdings in Brechts Text so gut wie nicht vor, dort geht es, was nicht weniger trocken klingt – ein weiteres Kriterium, das Autor*innen von diesem Genre abschrecken mag –, um die tieferliegenden Strukturen des modernen Kapitalismus. Es braucht dann vermutlich auch einen Autor vom Range Brechts, um diesen Stoff in spannende Handlung zu überführen. Dass er sich dazu eines Kniffes bedient, nämlich sich auf seine äußerst erfolgreiche „Dreigroschenoper“ (1928) zu beziehen, ist schon ein erster sehr cleverer Schachzug. Verbindungen sind zwar vorhanden – etwa in Form übernommener Gedichte als Kapiteleinleitungen – die erzählte Geschichte ist jedoch eine andere.


Der Roman, 1936 im Exil verfasst, spielt im Großbritannien, besser im London des Burenkrieges. Dieses Datum war – und ist – so gut wie beliebig, Brecht brauchte zwar als Hintergrund einen Krieg, aber einen solchen gibt es ja bis heute immer und mehrfach irgendwo auf der Welt; man muss als Staat auch nicht mehr aktiv in ihn verwickelt sein – durch Entsendung von Truppen wie im Roman –, heutzutage sind schließlich nicht wenige vermeintlich friedliebende Länder durch Waffenverkäufe an weit entfernten Konflikten beteiligt. London war das Symbol des englischen Empires, bei Brecht naturgemäß gleichzusetzen mit imperialistischem Kapitalismus, schon damals Banken- und Finanzzentrum, aber auch hiermit nicht sonderlich verschieden von irgendeinem globalisierten Wirtschaftszentrum unserer Tage. Es verwundert kaum und drängt sich regelrecht auf, dass ein Absatz aus dem Dreigroschenroman zu einem der häufigsten Zitate seit der Finanzkrise 2008 wurde. Ich denke nicht daran, zu sagen, dass er [sein Beruf] seinem inneren Wesen nach veraltet wäre. Das wäre zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zurückgeblieben. Sie sind ein kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was, mein lieber Grooch, ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? (244). Der Beruf, den Macheath für überholt hält, wenn auch nur in der ineffizienten Art der Ausführung im Kleinformat, ist der des Einbrechers – er selbst kommt aus dieser Berufssparte und geht den von ihm vorgeschlagenen Weg: er wird nicht nur Großhändler, sondern auch Direktor einer Bank. Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt. Man schickt, wie gesagt, keine Mörder mehr aus, wenn man Gerichtsvollzieher schicken kann. Wir müssen aufbauen, nicht niederreißen, das heißt, wir müssen beim Aufbauen den Schnitt machen (245). Brechts Methode, den Zynismus des modernen Geschäftsdenkens als Selbstverständlichkeit zu präsentieren, wird hier überdeutlich. Er nimmt nicht den Umweg, zu behaupten, der moderne Kapitalist verhalte sich wie ein Verbrecher, er nimmt von vorneherein Verbrecher als Protagonisten.

Macheath ist der eine, einst Einbrecher, nun Besitzer zahlreicher Billigwarenläden, die er mit gestohlenem gut zu Dumpingpreisen bestückt, sein anfänglicher Gegenpart ist Peachum, der ein Geschäftsmodell eröffnet, in dem die Elendsten der Elenden sich jenes Aussehen erwerben konnten, das zu den immer verstockteren Herzen sprach (23), ein nach den modernsten Errungenschaften der Bürokratie organisiertes Monopol, Bettler, die sich immer mehr in Angestellte verwandelten, nach strenger Eignungsprüfung in fachgemäßem Zittern, Blindgehen etc. unterrichtet (24f.), stets bemüht, sich durch Fortbildung zu qualifizieren (24). Während Peachums bestens ausgebildete Bettlerbrigaden Angestellte des Hire-and-Fire-Prinzips sind, die nach dem Rauswurf nun nicht einmal mehr auf der Straße landen können, weil da ihre Kolleg*innen arbeiten, sind Macheaths Einbrecherbanden und Hehler schon weiter, sie pochen auf einen Mindestlohn, der ein festes Einkommen garantiert, eine Art Beamtendasein ist ihnen lieber, sie wollen nachts gut schlafen und nicht Sorgen haben müssen, dass am Ende des Monats das Geld für die Miete nicht im Haus ist (149), gutbürgerlich also. Macheath presst dieses Geld den Besitzern seiner Läden ab, denen er Selbständigkeit als Einzelhändler und Warenzufuhr erspricht, die er dann aber über diverse Firmenverflechtungen, an denen er führend beteiligt ist, selbst abwürgt, um sich einen Dumpingpreiskampf gegen die Konkurrenz leisten zu können. Da sie – die Ladenbesitzer – von den Agenten des Herrn Macheath an die Luft gesetzt worden waren, war ihre S e l b s t ä n d i g k e i t noch gestiegen. Ihre U n a b h ä n g i g k e i t hatte ein schier unerträgliches Maß erreicht, sie waren nicht einmal mehr an feste Wohnungen gebunden. Durch e i g e n e  T ü c h t i g k e i t waren sie bis zu Körpergewichten von 100 Pfund abgemagert (196). Was Brecht seinerzeit für überspitzen Sarkasmus hielt und übertrieben darzustellen glaubte, ist heute gängiges Geschäftsmodell: Organisierte ausbeuterische Bettlerbanden, Franchise-Unternehmen, Scheinselbständige, undurchschaubare Firmenkonglomerate und Discountmärkte, die waren unter Preis anbieten, um der Konkurrenz zu schaden.

Das ganze System wird gedeckt durch einen neoliberalen Idealstaat. Die Regierung handelt nicht; sie weiß, dass das Geld im Lande bleibt. U n t e r  B r ü d e r n  w i r d  n i c h t  g e h a n d e l t. Es ist gleich, ob das Geld der eine hat oder der andere. Die Regierung und ihre Geschäftsleute, das ist eine Familie (38), oder wie es ein korrupter Staatssekretär aphoristisch zusammenfasst: Politik ist die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln (173). Leider sind nicht alle so verlässlich wie der Staat. Die von Brecht in ihrer Komplexität äußerst akribisch recherchierte Handlung, der wirtschaftliche Machtkampf der beiden Herren Peachum und Macheath, die privat noch durch die als verschiebbare Ware charakterisierte Tochter Peachums verbunden sind, ist ein Intrigenspiel, das lange keinen Gewinner kennt, weil jeder stets einen Schritt schlauer agiert als der andere, aber dann doch wieder zu seinem Nachteil. Zugrunde gehen dabei aber letztlich die anderen. Andere Leute zu betrügen, das konnte wirklich die ehrliche Absicht eines Geschäftmanne sein (46), nur schade, dass dies für den Konkurrenten eben auch gilt. Gleichwohl trifft man sich am Ende im Einverständnis wieder. Die Regierung ist ohnehin keine Gefahr, noch weniger aber die Kunden, Man rechne nie genug mit der Dummheit der Leute! Diese Leute – in jenem Fall patriotische kriegsversehrte Soldaten – ohne Arme und Beine und Augen sind immer noch für den Krieg! Dieses Kanonenfutter hält sich wahrhaftig für die Nation! Es ist phantastisch! Mit denen kann man noch viel machen, glauben sie mir! (299). Noch besser sind aus der Sicht Peachums allerdings Menschen, die noch tiefer gesunken, bereits ganz unten abgekommen sind, Ich habe oft darüber nachgedacht, wie man dieses Elend, das wahre Elend, zu irgendeiner Wirkung bringen könnte. Es müsste ein unglaubliches Geschäft sein! (168). Wer ganz unten ist, wird sich gegen seine Vermarktung kaum wehren, wer noch wagt zu hinterfragen, wird mit Patriotismus abgefüttert, und damit kritisches Denken erst gar nicht einreißt, entwickelt Peachum am Ende eine neue Geschäftsidee mit hübschem Etikett: B i l d u n g […], ich meine Bücher, ich denke an billige Romane, solche Sachen, die das Leben nicht grau in grau, sondern in lichteren Farben malen, die dem Alltagsmenschen eine höhere Welt vermitteln, ihn mit den feineren Sitten der höheren Schichten bekannt machen, der so erstrebenswerten Lebensweise der gesellschaftlich Bevorzugten (373), nicht so destruktives Gefahrgut wie den Dreigroschenroman.

Vorgänger (19): Hermann Hesse - Der Steppenwolf.

                                                                                                    

Samstag, 11. Juli 2020

Lektüremonat Juni 2020.


Rex Collings (ed.): Classic Victorian & Edwardian Ghost Stories.

Einmal mehr ein Buch aus der lobenswerten „Tales of Mystery & The Supernatural“-Reihe  der Wordsworth Edition, von der wir kürzlich bereits den außergewöhnlichen Jack-the-Ripper-Band besprochen hatten. Präsentiert die Serie – die in etwas geänderter Form glücklicherweise noch immer existiert – im Großen neben Klassikern der Phantastischen Literatur auch immer wieder Abseitigeres und vor allem Kollektionen von sonst eher schwer greifbaren Autoren, so gilt dies im kleineren Maßstab ebenso für ihre nicht wenigen Anthologien zu Subgenres wie Vampir-, Werwolf oder Gruselgeschichten. Dort sind nicht selten ganz besondere Perlen aufzufinden. Der vorliegende Band ist allerdings eher durchwachsen. Obwohl Herausgeber Rex Collings noch im Vorwort verspricht, nicht einfach nur Horrorerzählungen der Epoche zu versammeln, sondern explizit Geistergeschichten, hält er dies keineswegs durch – im Gegenteil. Offenbar im Bemühen, einige große Namen nicht zu vernachlässigen, hat er immer wieder Texte eingestreut, die völlig ohne Gespenst auskommen und eher der Kriminalerzählung zuzuordnen sind. Wie er zu dieser Auswahl kommt, wird sein Geheimnis bleiben. Ansonsten gilt, dass die Mischung stimmt, geboten werden die Meister des Genres wie M.R. James uns Sheridan Le Fanu, dazu die Ausflüge prominenter Autoren und Autorinnen ins Fach von Charles Dickens bis Oscar Wilde und dazwischen sind sie dann, die Wordsworth-typischen Fundstücke. Als Bonus hat – wohl um uns zu versöhnen – Collings dann noch drei kurze „echte“ Gespensterberichte aus der Zeit des Viktorianismus angehängt. Sieht man von dem kuriosen Fauxpas der gespensterlosen Gespenstergeschichten ab, das verlässlich gruselige Lesevergnügen der Reihe.    

 

H.P. Lovecraft: The Loved Dead.

Und weil es so schön war, machen wir gleich mit einem weiteren Band aus der Reihe weiter. Hier nun haben wir einen Klassiker des Genres, vielleicht dessen bedeutendsten Vertreter im 20. Jahrhundert überhaupt, vorliegen, H.P. Lovecraft (1890-1937), so gesehen ist sein Auftauchen in der Reihe weniger überraschend. Das besondere an dieser Ausgabe ist jedoch, dass es sich hierbei um eine Sammlung von Geschichten handelt, die Lovecraft als – in seinem Falle buchstäblicher – Ghostwriter verfasst hat. Diese in vielem frustrierende Tätigkeit war eine seiner Haupteinnahmequellen. Von Kollaborationen zu sprechen, also gemeinschaftlicher Arbeit, ist jedoch verfehlt, auf der einen Seite, weil Lovecraft als (Mit)Autor zumeist gar nicht erwähnt wurde, auf der anderen, weil er die Geschichten so sehr in seinen eigenen Kosmos integriert und mit seinem Stil geprägt hat, dass umgekehrt von der Mitautorschaft der Kollegin oder des Kollegen kaum noch etwas erkennbar ist. Deshalb ist es durchaus gerechtfertigt – und natürlich auch werbewirksamer –, dass der Band nur unter seinem Namen veröffentlicht wurde. Die Liebhaber*innen von Lovecrafts Literatur finden folglich alles, wofür der Meister steht: den unheimlichen Horror in seiner so präzisen, vermeintlich genauen Form. Und dies ist als Kompliment gemeint, den Lovecraft beherrscht das schwierige Kunststück, scheinbar exakt zu beschreiben, genau zu begründen, akribische Hintergründe zu schaffen, doch der eigentliche Horror bleibt stets ungenau, ist nicht fassbar, spielt sich letztlich in der Phantasie der Leser*innen – oder gar nur der Protagonist*innen? – ab. Natürlich strotzen die einzelnen Erzählungen von den zahlreichen Anspielungen und Verbindungen, die den Lovecraft-Leser*innen so vertraut sind. Hervorheben kann man eine Geschichte, in der er sich in Science-Fiction versucht, erfolgreich versucht. Man muss bedenken, dass wir hier erst in den 1930er Jahren sind. Doch die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach Kristallen auf der Venus in ein unsichtbares Labyrinth gerät, wirkt wie eine Vorwegnahme der pessimistischen New-Wave-Science-Fiction der 60er Jahre. Stünde da als Autor H.G. Ballard statt H.P. Lovecraft, niemand würde sich wundern.  

 

Eva Zeller: Tod der Singschwäne.

Man wird Eva Zellers (geboren 1923) Verdienste an der deutschen Literatur nicht schmälern, wenn man sich eingesteht, dass sie nicht unbedingt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des Landes zählt. Das ist schließlich nicht ihr Fehler, sondern allenfalls der des Publikums. Auch sie, eine sehr produktive Autorin, hat ihren Leserkreis und wer sich noch nicht dazuzählt, für den ist der Einstieg mit dem kurzen Erzählungsband „Tod der Singschwäne“ wie geschaffen. Versammelt sind darin zeller-typische Themen, die sich aus ihrer sehr kurvenreichen Biographie speisen, die vom Aufwachsen im Nationalsozialismus, frühen traumatischen Erfahrungen wie dem Verlust ihres Mannes 1945, Flucht aus dem Osten, erst 1945, dann 1956, langen Jahren in Namibia und einigen Wendungen mehr geprägt sind. „Was sage ich dann“, wenn ich mir (nicht) sicher bin, das Nachbarmädchen aus ärmlichen Verhältnissen nun, Jahrzehnte später, zufällig wieder im Flugzeug zu treffen, das ich einst von oben herab behandelt habe, das gönnerhaft alte Kleidungsstücke von mir geschenkt bekommen hat und sich dann dadurch rächte, dass sie mich als BDM-Führerin schikanierte. Ansprechen? Ignorieren? Tun, als sei nie etwas gewesen? Neben solchen menschlichen Konflikten sind Zellers Geschichten vor allem vom gedankenlosen Gebrauch der Sprache dominiert. Viele ihrer Texte bestehen fast nur aus Phrasen, nicht aus bösen, ironischen Redewendungen wie wir sie etwa bei Elfriede Jelinek finden, sondern aus den scheinbar harmlosen, banalen Satzstanzen des Alltags, tausende Male gebraucht. Und doch ist deren Wirkung, wie Zeller zeigt, gefährlich, sie sind vielleicht inhaltsleer, aber nicht wirkungslos. In zwei, man möchte sagen, typischen 1980er-Jahre-Geschichten, die gleichzeitig mehr als aktuell sind, zeigt Zeller einmal an der Ablehnung einer Initiative zur Verlegung einer Straße und zum zweiten anhand des Versuchs, einen Asylantrag einzureichen, wie man sich mithilfe von Wort- und Satzhülsen Probleme vom Leib hält, ohne sich wirklich damit – und mit den Folgen – beschäftigen zu müssen. Keineswegs ein auf die Bürokratie und Politik beschränkter Vorgang, auch das rufen die Erzählungen ins Gedächtnis. Eva Zeller: eine unterschätzte Autorin.

 

Harry Kemelman: Am Sonntag blieb der Rabbi weg.

Harry Kemelmans (1908-1996) erfolgreiche Reihe um seinen ermittelnden Rabbiner David Small,

Vorsteher einer Synagoge in einer Kleinstadt nahe Boston, hat wie immer wenig mit einem typischen Krimi – und noch weniger mit anderen geistlichen Kollegen à la Pater Brown – zu tun. Einmal mehr nutzt Kemelman das Genre, um über das Leben und die Probleme einer modernen jüdischen Gemeinde zu berichten, was den wesentlich größeren Reiz ausmacht als die – natürlich auch vorhandene – Krimihandlung. Der Rabbi ist am Sonntag zu Gast an einer Uni als Vertretung eines befreundeten Kollegen, um die Studentengemeinde zu betreuen, was jedoch gleichzeitig dazu führt, dass er eine entscheidende Vorstandssitzung seiner Gemeinde verpasst, auf der diese sich zu spalten droht. Als Small zurückkehrt, liegt schon vieles im Argen. Die konservativen, vor kurzem entmachteten Vorstandsmitglieder sehen sich heimlich bereits nach einer Synagoge zur Neugründung um, der Rabbi selbst gerät zwischen die Stühle, bis ihm sogar der Rauswurf droht – er ist schließlich nur ein Vertragsangestellter. Wären nicht einige Jugendliche der Gemeinde in einen möglichen Mord an einem Kleindealer des Ortes verwickelt, hätte sich Small wohl nach einer neuen Stelle umsehen müssen. So aber klärt er den Fall mit Hilfe seines katholischen Freundes, des Polizeichefs, auf und sichert sich damit die eigene, aber auch die Zukunft der gesamten Gemeinde. Spannung im eigentlichen Sinne war nie das Hauptanliegen Kemelmans, er nutzt seinen Roman wie immer zur Vermittlung jüdischen Alltaglebens in den USA, auch diesmal wieder mit interessanten Einblicken für Außenstehende. Nicht unbedingt der beste Band der Serie, aber unterhaltsam.

 

Robert Bloch: Das Regime der Psychos.

Graham ist ein Regisseur in Hollywood, der die immergleichen Science-Fiction-Filme dreht. Als er einmal versucht, aus den vorgegebenen Formaten auszubrechen, gerät er sofort in den Verdacht, subversiv zu sein. Sein Fehler: er hat Gewalt unter Menschen gezeigt. Das aber ist in der Geplanten Gesellschaft nicht erwünscht, beziehungsweise strengstens verboten. Denn nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und verheerenden Atomkriegen haben Psychologen die Macht im Staat übernommen und die Menschen neu konditioniert. Im Leben der Menschheit, nun verteilt auf einzelne noch bewohnbare Kuppeln im (angeblich) verseuchten Umland, gibt es zwar keine Freiheiten mehr, aber ein oberflächlich angenehmes Leben, dass für die meisten mit der Pensionierung im fünfzigsten Lebensjahr dank erhöhter Lebenswartung mit der gleichen Anzahl an Jahren in stressloser Freizeit weitergeht. Doch Graham, mit etwas mehr Willensfreiheit ausgestattet, da er als sogenanntes ‚Talent‘ für kreative Aufgaben vorgesehen war, bekommt auf seiner Flucht vor den „Psychos“ tiefere Einblicke hinter die Kulissen dieses autoritären Wohlfahrtsstaates, der seine Untertanen mit Fünfzig keineswegs pensioniert, sondern heimlich eliminiert. Mit einer Gruppe von Dissidenten macht er sich daran, das Regime zu stürzen. Blochs (1917-1994) Dystopie krankt an einigen literarischen Schwächen. Eine davon ist dem Subgenre immanent, dass dazu neigt, lang(atmig)e Beschreibungen hervorzubringen, in denen der Autor all seine Einfälle präsentieren muss. Dies geht oft einher mit ziemlicher Unplausibilität, da oft Personen innerhalb derselben Gesellschaft sich diese ausführlich erklären – etwa so, als würden Sie ihrem Nachbarn erzählen, dass es bei uns Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren gibt. Man kann davon ausgehen, dass ihm diese Tatsache bereits bekannt ist. Bloch deutet zwar mehrfach Ambivalenzen an, da auch der Zustand vor der Machtübernahme kaum noch erträglich war und die Psychologen durchaus edle Motive für ihr Handeln hatten, Zeit, auf diese Widersprüche einzugehen oder sie in seinen Figuren zu reflektieren, nimmt er sich aber kaum. Ähnlich uneindeutig ist sein Verhältnis zur Gewalt, manchesmal scheint er etwas zu fasziniert von den Grausamkeiten, die er schildert – womit er den Psychologen gewissermaßen ungewollt ein gutes Argument liefert. Insgesamt ein nicht gerade überzeugendes, aber immerhin kurzes Lesevergnügen.