Donnerstag, 14. Juli 2016

Römische Literatur: Lucanus - De bello civili (Pharsalia).


Geschichte wird von den Siegern geschrieben, so lautet ein beliebtes und oft bestätigtes Diktum. Und doch gibt es bedeutende Gegenbeispiele, darunter das Werk des römischen Dichters Lucanus – im Deutschen oft auch Lukan genannt – dieser nutzte schon in jungen Jahren sein schriftstellerisches Talent, um ein Versepos über den Bürgerkrieg zwischen dem nach Alleinherrschaft strebenden Cäsar und den Republikanern unter Führung des Pompeius zu verfassen. Dabei machte er aus seiner republikanischen Haltung keinen Hehl: mutig, aber sicher kein Vorteil wenn man unter einem Monarchen lebt, der seine Herrschaft direkt vom Sieger Cäsar ableitet: Nero.

Ein aufstrebender junger Dichter

Lucanus, der Neffe des Philosophen Seneca, der eine bedeutende Stellung als Erzieher des Kaisers Nero an dessen Hof innehatte, konnte diese guten Beziehungen seines Onkels im Verbund mit seinem eigenen Talent nutzen, um die Freundschaft des Monarchen zu gewinnen. Preisgedichte und auch Stellen am Beginn des Epos De bello civili deuten auf das gute Verhältnis hin. Tatsächlich war Lucanus schon sehr früh erfolgreich – er war im Jahr 39 in Cordoba geboren worden und konnte bald auf eine stattliche Anzahl an Werken in verschiedenen Genres – von Gedichtsammlungen über Pantomimen bis Tragödien – verweisen, die sich auch großer Beliebtheit erfreuten. Leider jedoch blieb keines davon erhalten.

Bellum Civile: der Bürgerkrieg

Doch sein Meisterwerk überstand die Zeiten, ganz wie er es sich selbst gewünscht hatte: Unsere Pharsalia wird leben, und kein Zeitalter kann uns zur Dunkelheit verdammen (so steht es in Buch 9, 985f) – „Pharsalia“ war ein alternativer Titel des Epos, unter dem es auch heute noch gelegentlich bekannt ist. Der Bürgerkrieg ist für Lucanus die schlimmste vorstellbare Katastrophe – und er schmäht den Verantwortlichen hierfür: Gaius Julius Cäsar. Dies ist allein deshalb verwunderlich, da die Ereignisse, die zum Ende der römischen Republik führen, zum Zeitpunkt, als er sein Werk verfasst, über 80 Jahre zurückliegen. Seit Augustus hat sich die Monarchie etabliert, von einer Rückkehr zur alten Verfassung konnte keine Rede mehr sein. Mit Nero herrscht bereits der fünfte Kaiser aus der julisch-claudischen Dynastie, die sich von Cäsar ableitet.
Und doch schreibt Lucanus ein unverhohlen parteiisches Werk und macht aus seiner Verachtung für den Sieger Cäsar – und allein herrschende Monarchen generell – keinen Hehl, so nennt er Alexander den Großen einen erfolggekrönte[n] Bandit, (10, 20f) die Parallele zu Cäsar ist also überdeutlich. Auch dem unterlegenen Pompeius, der sich eher aus Gegnerschaft zu Cäsar als aus Liebe zur Republik auf die Seite des Senats stellte, steht er skeptisch gegenüber, ihn macht er in seiner Erzählung zum tragischen Verlierer. Der eigentliche Held des Epos ist der jüngere Cato, der stoische Feldherr.

Das Weltbild des Lucanus: der alleingelassene Mensch

Dies verwundert wenig, da Lucanus wie sein Onkel Seneca auch, ein Anhänger der stoischen Philosophie war. Oft betont wurde, wie wenig die Götter eine Rolle spielen im Verlauf des Epos, auch sie sind nur Zuschauer bei der Katastrophe – noch dazu begünstigen sie offensichtlich die falsche Sache. Lucanus schuf bewusst einen Anti-Vergil, das Gegenbild zum Aufstieg der Römer mit Hilfe der Götter. Der Pessimist Lucanus sah im Bürgerkrieg das Zeichen des unvermeidlichen Untergangs. Eine Welt in der Brüder gegen Brüder kämpfen ist schlimm genug, eine Welt, in der der Falsche gewinnt ist sinnlos. der berühmteste Satz des Epos, victrix causa dies placuit, sed victa Catoni (1,128) – die siegreiche Sache gefiel den Göttern, die besiegte aber dem Cato war nicht nur mutig, er barg auch gehörigen Sprengstoff.

Der Absturz des Dichters: Tod unter Nero

Der Bellum civile brach unvollendet nach dem zehnten Buch ab, Lucanus starb 65 mit 26 Jahren. Keiner der großen klassischen Dichter dieser Zeit überlebte die Herrschaft des Nero: Seneca, Petronius (Arbiter) und Lucanus wurden von dem Cäsaren in den Selbstmord getrieben. Lucanus war schon früh in Ungnade gefallen, vermutlich spielte dabei auch Neid des selbst dichterisch ambitionierten Kaisers eine Rolle, der ihm das Vortragen von Werken verbot. Dass Lucanus nicht nur ein Propagandist gegen Tyrannenherrschaft war, zeigt seine aktive Beteiligung an einer Palastverschwörung gegen Nero. diese wurde aufgedeckt, Lucanus hielt der Folter nicht stand und verriet einige Mitverschwörer, anschließend wurde er zum Suizid gezwungen.

Das Weiterleben eines Buches

Obwohl nie fertig geschrieben, überstand das Buch die Wirren der Spätantike und des Mittelalters. Noch in römischer Zeit teilweise kontrovers diskutiert – Petronius verurteilte es, Quintilian stellte es als großes Beispiel rhetorischer Kunst heraus – erfreute es sich stets großer Beliebtheit gerade bei den Lesern. Der polemische Stil des Lucanus, aber auch seine Art, spannend und lebhaft zu erzählen bis hin zu einer Drastik, die fast schon an zeitgenössischen Splatter erinnert – man vergleiche die Schilderungen der Folgen von Schlangenbissen beim Marsch Catos durch die Wüste im neunten Buch – entfalten bis auf den heutigen Tag seine Wirkung. Und der Mut des Dichters bleibt zeitlos zu bewundern.
 
Preiswerte Ausgabe: Lukan - De bello civili/Der Bürgerkrieg (zweisprachig). Stuttgart Reclam: 2009.

Vorherige Folge: Cornelius Nepos

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