Donnerstag, 19. Januar 2017

Dirk Husemann: Der Sturz des römischen Adlers.

 
Rechtzeitig zum Jubiläum 2009 veröffentlichte der Archäologe und Journalist Dirk Husemann sein Buch über die Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus.
 
Die schriftliche Überlieferung der antiken Autoren zur verlustreichen Schlacht der Römer unter Feldherr Quinctilius Varus ist spärlich. Selbiges lässt sich 2000 Jahre später kaum noch behaupten, viel Tinte und Druckerschwärze sind geflossen, besonders im Land der vermeintlichen Nachfolger der Sieger von einst. Das Jahr 2009 brachte noch einmal eine neue Flut an Publikationen, darunter auch das Buch von Dirk Husemann im Campus-Verlag.
 
Varus und Siegfried – Dilettant versus Nationalheld?
 
Zum Einstieg macht Husemann sich die Mühe, die historischen Personen unter den bald einsetzenden Verleumdungen, Verklärungen und Fantasien der zahlreichen Kommentatoren des natürlich bedeutungsvollen historischen Ereignisses wieder erkennbar werden zu lassen. Die Quellenlage ist dabei dürftig, nicht immer vertrauenswürdig und bestimmt von späteren Sichtweisen. Die Römer – und nur von ihnen liegen Berichte vor – hatten ihre eigenen Interessen an der Deutung der beteiligten Personen, noch dazu waren nur wenige von ihnen direkte Augen- oder wenigstens Zeitzeugen. Die Bilder, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden, setzen sich fest: Varus wurde zum Dilettanten, der durch Unfähigkeit und überhebliche Provokationen den Untergang der drei Legionen heraufbeschwor. Sein Gegner Arminius ein gewiefter Held, Vereiniger der sich sonst lieber selbst zerfleischenden germanischen Stämme, Genie des Guerilla-Kriegs.
 
Varus und Siegfried – Sündenbock versus Kurzzeitheld
 

Dirk Husemann:
Der Sturz des römischen Adlers.
Beides sind nur Verzerrungen, Varus hatte sich vorher als kluger, vorsichtiger Statthalter und bewährter Feldherr erwiesen – doch der Tote war nach der Schlacht nun mal der naheliegendste Sündenbock, noch die Römer selbst stempelten ihn somit zum Versager ab, dem man so bequem die Niederlage anlasten konnte. Das positive Bild des Arminius' entstand dagegen wesentlich später, als man im gespaltenen Deutschen Reich nach einer nationalen Heldenfigur suchte, die Einheit repräsentieren sollte. Dass der von den Römern ausgebildete Germane durchaus auch als Verräter gelten konnte, dessen Allianz kaum länger Bestand hatte als das letzte Zucken der toten Legionäre, und sich die Völkerschaften bald wieder im üblichen gegenseitigen Totschlagen erprobten, dem letztlich auch Arminius zum Opfer fiel, ließ man gern beiseite.
 
Die Kampagnen der Römer nach der Varusschlacht
 
Ähnlich lange hielt sich der Glaube, die Niederlage mit dem kompletten Aufreiben dreier Legionen habe die Römer endgültig von ihrem Ansinnen abgebracht, ihr Reich über den Rhein hinaus bis an die Weser oder Elbe ausdehnen zu wollen. Sicher, der Verlust war enorm, etwa 18000 Legionäre plus Hilfstruppen und Tross, vermutlich 22000 Personen insgesamt, mitsamt der enormen Demütigung. Hinzukam, dass die Etablierung einer Provinz, die, wie neueste Funde nahe legen, bereits weit fortgeschritten war, abrupt gestoppt wurde. Nicht aber die Feldzüge hinüber nach Germanien, darunter der berühmte des Drusus', der auch das Schlachtfeld aufsuchte und die Toten bestatten ließ. Beendet wurden diese durchaus erfolgreichen Kampagnen erst unter Tiberius, vermutlich, so Husemann, aus Geldmangel – das Land mit seinen dichten Wäldern versprach zu wenig, um eine teure Befriedung zu rechtfertigen. Die Grenze am Rhein hatte sich etabliert, im Norden blieb sie bestehen, weiter im Süden schoben Feldzüge nachfolgender Kaiser sie weiter nach Germanien hinein, der Limes sicherte später die neuen Provinzen ab.
 
Die Schlacht im Teutoburger Wald war nicht im Teutoburger Wald
 
Arminius, nach kruder Etymologie eingedeutscht als Hermann, aber war zu einem Nationalhelden geworden, der Mythos hatte die reale Person verdeckt, nun musste es für jeden Landstrich eine Ehre sein, den Ort dieser deutschen Urschlacht beanspruchen zu können. Oberflächlich scheint dieser klar, natürlich fand die „Schlacht im Teutoburger Wald“ im Teutoburger Wald statt – dummerweise taugt diese scheinbar logische Begründung nicht. Zwar nennt Tacitus eben jenen Ort, der schließlich mit Teutoburger Wald übersetzt wurde, nur sagt er wenig über dessen Lage; irgendwo zwischen Lippe und Ems sei er gelegen. Ein Paderborner Bischof identifizierte schließlich ein Mittelgebirge als vermeintlichen Ort des Gemetzels und nannte ihn schnurstracks in Teutoburger Wald um – so kam dieser zu seinem Namen, aber nicht zu der Schlacht selbst.
 
Kalkriese – der Favorit unter den Schlachtorten
 
Die Forschung hat nur noch wenig übrig für den eingebürgerten Namen – daher der Begriff Varusschlacht – und den damit verbundenen Ort. Der ist zwar der prominenteste, aber bei weitem nicht der wahrscheinlichste, die Zahl summiert sich ohnehin auf an die 600 Konkurrenten. Kalkriese in Niedersachsen ist seit spektakulären Funden Mitte der Achtziger Jahre der Hauptverdächtige. Doch wie das so ist mit Verdächtigen, man muss ihnen die Tat stichhaltig nachweisen – und dies fällt den Archäologen, Althistorikern und Militärexperten gar nicht leicht. Husemann beleuchtet Argumente und Gegenargumente, lässt Kritiker und Verteidiger zu Wort kommen, widerlegt Abstruses, weist aber auch darauf hin, dass fast ausschließlich Indizien die Theorien befeuern. Eine Schlacht hat bei Kalkriese stattgefunden, in den späten Jahren der Regierungszeit des Augustus – oder eben kurz danach. War es der Untergang der Varusheere – oder eine der zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen in den Germanenzügen des Drusus, Germanicus oder Tiberius? Sicher werden verbesserte Methoden irgendwann weitere Indizien liefern – ob man auf einen stichhaltigen endgültigen Beweis stoßen wird, bleibt wohl dem reinen Zufall überlassen.
 
Ein Resümee vom Autor – und über das Buch
 
Husemann sieht das nicht tragisch – im Gegenteil, mit den in Kalkriese etablierten und verfeinerten Möglichkeiten, die sich die Archäologie erarbeitet und erschlossen hat, sieht er einen besseren Zweck erfüllt als in der reinen Fixierung des historischen Ortes, die vielleicht nie gelingen wird. Der Sturz des römischen Adlers ist ein sehr gut lesbares informatives Buch, das auch viele Seitenaspekte beleuchtet – zwar ist der Autor manchmal etwas zu verliebt in einen flapsig-journalistischen Ton, der ihn auch zu Ungenauigkeiten verführt, insgesamt ist das Buch jedoch sehr fundiert und von ausgewogener Objektivität. Eine Empfehlung für jeden Interessierten an der Varusschlacht, an den römischen Feldzügen in Germanien, aber auch an der Mythenbildung zur Figur des Arminius/Hermann oder dem neuen Gebiet der Schlachtfeldarchäologie.                 
 
Dirk Husemann: Der Sturz des römischen Adlers. 2000 Jahre Varusschlacht. Frankfurt am Main: 2008.                   
 
 

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