Donnerstag, 15. Juli 2021

Lektüremonat Juni 2021.

 


Ulla Hahn: Aufbruch.


„Das verborgene Wort“, Ulla Hahns (geboren 1945) autobiographisch grundierte Erweckungsgeschichte der Hilla Palm ist heute bereits ein Klassiker. „Aufbruch“ führt die Erzählung weiter und schließt scheinbar nahtlos an: Hilla hat den Wechsel auf ein Aufbaugymnasium erzwungen, ihre Begeisterung weckt nun unter anderem das Lateinische, ihre Liebe zu Büchern und Wörtern ist ungebrochen. Sie erlebt noch immer die Emanzipation aus dem sehr rheinischen, sehr katholischen halbproletarischen Kleinstbürgermilieu in ihrem langsam zur Stadt wachsenden Dorf, wo sie ihren Außenseiterstatus verteidigen muss, aber – oft versteckt – auch Stolz auslöst. Liebesgeschichten kommen hinzu, die Erinnerung an den Großvater und seine Lesesteine wird wachgehalten, Freundschaften bilden sich lose heraus. Als Ziel steht das Abitur vor Augen und schließlich das Studium in Köln. Dieser Ton ist vertraut, man ist schnell wieder eingetaucht in diese Welt aus dem Vorgängerroman, das Buch wäre – als reine Fortsetzung – bereits lesenswert, wäre da nicht noch… Denn es gibt einen harten Bruch in dem Text – wie im Leben der Hilla Palm. Nach einem Dorffest wird sie, obwohl sie alle Vorsichtsmaßnahmen ergreift, auf der Heimfahrt als Anhalterin vergewaltigt. Jetzt ist alles anders: Es gibt plötzlich Wörter, die nicht mehr genannt werden dürfen, nicht ausgesprochen und es gibt solche, die verlogen erscheinen. Hilla, die natürlich mit niemanden über das Geschehen reden kann, verändert sich: Die Liebe zu den Büchern wird rein professionell, es wird Distanz zu den Inhalten geschaffen, was Schule und Uni noch begünstigen. Sie reagiert aber auch rein körperlich durch Schluckauf und Schwächeanfälle und mit einer generellen Lustlosigkeit. Ihr Interesse an allem ist so gut wie verschwunden, nur das äußere Leben geht weiter. Es entsteht eine auseinanderklaffende Diskrepanz zwischen dem oberflächlich weiterhin erfolgreichen Emanzipationsakt, der am Ende in ein eigenständiges Leben in Köln mündet und der ausgedorrten inneren Leere, der Abschottung von Gefühlen und der Flucht vor den Mitmenschen. Das ist das eigentlich Erschütternde, das den Roman ausmacht. Die äußere Entwicklung ist bis zu dem Gewaltakt mehr oder weniger erwartbar, die Schilderung der Wirkung des Verbrechens, über das nicht gesprochen werden darf und kann, der hohe Preis, der gezahlt wird für ein unverschuldetes zerstörerisches Ereignis, macht den Roman aber erst zu einem wirklich bedeutenden Buch.       

 

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel!


Andere Zeiten, anderes Land, andere Umstände, aber ganz so verschieden von Ulla Hahns Emanzipationsgeschichten durch Lektüre beziehungsweise Bildung ist Thomas Wolfes (1900 bis 1938) Klassiker nicht. Eugene Gant, aus dessen Perspektive der Roman berichtet – und zwar schon aus der Perspektive des Säuglings Eugene – wird in eine Familie hineingeboren, die ihm schlechte Voraussetzungen bietet. Der Vater, in zweiter Ehe verheiratet, Steinmetz, ist erst ständiger Trinker, dann Quartalssäufer. Wehleidig und ständig pathetisch deklamierend, siecht er später an einem Krebsleiden vor sich hin, ohne jedoch zu sterben. Seine Frau hält die bittere Anfangsphase der Ehe aus, um dann selbständig neben ihrem Mann herzuleben und ihr eigenes Geschäft aufzuziehen, eine Pension, deren Einnahmen ihr vor allem dazu dienen, immer mehr Grundstücke und Immobilien vor Ort zu erwerben. An ihrem Geiz und ihrer großen Fähigkeit zur Verdrängung, die sie etwa die schwere Erkrankung ihres Mannes vollkommen ignorieren lässt, ändert all das jedoch nichts. Eugenes ältere Geschwister sind alle reichlich verschieden, wortkarg und fleißig, großsprecherisch und faul, hilfsbereit und frustriert, abgestoßen und angezogen von ihrer Familie. Solidarität ist eher selten, die ganze Gemeinschaft ist fragmentiert, zerstreut sich auch über die Lande, bei – notwendigen – Versammlungen treten schnell Brüche auf. Auch Eugene sucht sich zu emanzipieren, auch in ihm zeigt sich die Ambivalenz der Familie, sowohl im Verhältnis zu ihm – man unterstützt ihn, weil man stolz ist auf seine Universitätskarriere, man macht ihm ständige Vorwürfe, weil er nur Geld verbraucht und er sich aus ihrer Sicht ein feines leben auf ihre Kosten macht – als auch in seinem Verhältnis zu ihnen. Glaubt er doch – und in manchen Momenten richtet er diese Vorwürfe direkt an seine Eltern und Geschwister – dass er ihnen, die sein Leben so erschwert haben, nichts schuldig sei, weder familiäre Loyalität und schon gar kein Geld. Ob allerdings der Weg über die Bildung der richtige für ihn ist, weiß er selbst ebenso wenig, wie er trotz aller Versuche, sich von der Familie zu lösen, scheitert. Wolfes „Geschichte vom begrabenen Leben“ vereint naturalistische Drastik mit vielen modernen Elementen, etwa den erwähnten Passagen aus Sicht des Kleinkindes oder joyceartigen Bewusstseinsströmen, womit er einen beeindruckenden Erstling schuf, der ihn allerdings in Europa fast bekannter machte als in seinem Heimatland. Als Gegenstück zu verklärenden Südstaatenromanen wundert es kaum, dass andererseits wiederum zum Beispiel William Faulkner Wolfes Roman besonders schätzte.    

 

Bov Bjerg: Die Modernisierung meiner Mutter.


Der Band versammelt kürzere Erzählungen von Erfolgsautor Bov Bjerg (geboren 1965) vor dem Hintergrund seines Aufwachsens in der schwäbischen Provinz plus einige bundesrepublikanische Reiseerlebnisse. Die Modernisierung der Mutter beispielsweise besteht im Nachholen ihres Führerscheines, der ihr mehr Flexibilität bei ihren ständigen Berufswechseln ermöglicht. Die Portraits der Mitbewohner:innen, Mitschüler:innen oder Mitleidensgenoss:innen sind flüssig geschrieben, amüsant und pointenreich, glänzen durch die ein oder andere unerwartete Wendung, kurzum: eine recht clevere Unterhaltung. Nicht mehr, nicht weniger. Man liest sie flott durch, hat auch den ein oder anderen lustigen Moment, aber schon kurze Zeit nach dem Ende der Lektüre kann man sich nicht mehr so genau erinnern, um was es im Einzelnen eigentlich ging. So gesehen ähnelt das Buch dann tatsächlich wieder einer Fahrt durch ein Tal der Schwäbischen Alb, ganz nett, aber kurz darauf hat man glatt schon wieder vergessen, wie die Städte, die man eben noch durchfahren hatte, eigentlich hießen. Trotzdem eine schöne Lektüre für zwischendurch. 

 

D.H. Lawrence: Der Fuchs/ Der Marienkäfer/ Die Hauptmanns-Puppe.

Als Kurzromane werden die Geschichten von D.H. Lawrence (1885 bis 1930) bezeichnet, obwohl es sich, schon überdeutlich durch die leitmotivischen einzelnen Titel, um Novellen handelt. Auch sonst sind die Ausgangskonstellationen oft ähnlich, dank des typisch Lawrence’schen Inventars: Soldaten treffen auf Frauen. Die erotischen Verhältnisse und ihre psychologischen Spannungen interessieren den Autor, allerdings ohne die mit ihm klischeehaft in Verbindung gebrachte Obszönität. „Der Fuchs“ ist einerseits ein echtes Tier, das die Hühner  der beiden Frauen bedroht, die gemeinsam eine Farm betreiben, bis ein junger Soldat, Enkel des Vorbesitzers, auf Urlaub vorbeikommt und sich in das Verhältnis der beiden drängt. „Der Marienkäfer“ gehört zum Familienwappen eines böhmischen Offiziers, der in England in Gefangenschaft seine lebensgefährliche Verletzung auskuriert. Er bekommt Besuch von einer früheren Bekannten, dann von deren Tochter, die sich angezogen fühlt von dem jungen Adligen, während ihr Mann selbst noch im Kampf gegen den Feind steht, zu dem auch der Österreicher selbst gehört. „Die Hauptmanns-Puppe“, ein lebensecht angefertigtes Spielzeug, sorgt für Irritationen zwischen der deutschen Dame, die sie angefertigt hat und dem englischen Offizier, den sie darstellt – ihrem zwischenzeitlichen Liebhaber. Auf unterschiedlichen Wegen führt die Puppe die beiden immer wieder zusammen. Wie gesagt, man erkennt ein gewisses Muster. Der Kampf der jeweiligen Frauen um ihre Selbständigkeit, aber auch im eine bewusste oder unbewusste Treue und Loyalität bestimmt die Novellen, in der die Männer oft durch brachiale Methoden, die wie Zufall aussehen, letztlich ihren Willen bekommen. Psychologisch wird das alles genau und detailreich geschildert, sprachlich mit leichter Tendenz zur Verstaubung durch ein gewisses Pathos. Für Lawrence-Enthusiast:innen sicher ein Genuss, für alle anderen vermutlich eher ein zäheres Vergnügen.     

 

Catherine Breillat: Abus de faiblesse.


Kein Roman und darum auch nicht den üblichen Themen Catherine Breillats (geboren 1948) gewidmet, beschreibt die Regisseurin hier ihre Sicht der Affäre Rocancourt, deren Opfer sie wurde. Typisch bleibt jedoch ihr expliziter Stil, der sie hier selbst nicht verschont: Durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt, immer wieder von langen Krankenhausaufenthalten außer Gefecht gesetzt und zudem ständig begleitet von der Sorge, einerseits nicht mehr selbständig sein zu können, andererseits ihrer weit zerstreuten Familie zur Last zu fallen, scheint die neue Freundschaft Breillats mit Christophe Rocancourt ein Ausweg. Diesen, einen mythomanischen Schwindler, der nach einer Haftstrafe zu einem französischen Medienstar wurde, möchte sie gern für die männliche Hauptrolle ihres neuen Films "Bad Love" an der Seite Naomi Campells gewinnen. Sie bewundert seine ungefilterte Art des bodenlosen Aufschneidens und unverfrorene Chuzpe. Da sie zeitweise auf seine Hilfe angewiesen ist und von ihm schmeichelhaft umsorgt wird, merkt sie nicht, wie er ihr immer größere Summen aus den Rippen leiert. Nach dem Bruch verklagt Breillat ihn auf „Abus de faiblesse“, Ausnutzung von Schwäche, wie allerdings nur kurz am Ende des Buches erwähnt wird. Der Text fasziniert nur im ersten Teil durch die Schilderung der ambivalenten Anziehungskraft Rocancourts, der Diskrepanz Breillats zwischen dem Bewusstsein, es hier mit einem offensichtlichen Hochstapler und Großmaul zu tun zu haben, hinter dem sie aber echte Zuneigung vermutet. Als Leser:innen sind wir da von Beginn skeptischer, obwohl es Breillat durchaus gelingt, Rocancourt bisweilen als womöglich doch treuen Freund darzustellen. Sobald sich das endgültig als Irrtum herausgestellt hat, verliert sich das Buch aber leider in wiederholten Zahlenstreitigkeiten bzw. Zahlungsstreitigkeiten, was für die Dokumentation des Ablaufs zwar wichtig sein mag, aber nichts ist, was man gerne liest. 

                                                                           

 

 

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