Sonntag, 8. August 2021

Lektüremonat Juli 2021.



Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt.

Ein Unfall verändert das Leben des jungen Arbeiters Nathan Walker. Beim Bau des Tunnels unter dem East River zwischen Brooklyn und Manhattan werden er und einige seiner Kameraden durch einen Einbruch über den Fluss nach außen geschleudert. Walker überlebt zwar und geht weiter gerne seiner gefährlichen Tätigkeit nach, doch indem er sich um die Witwe und die Tochter eines getöteten irischen Kollegen kümmert und in letztere verliebt, hat der Unfall doch massive Auswirkungen auf seine Zukunft. Fortan verfolgen wir seinen Werdegang und den seiner Familie, ausgesetzt dem Rassenhass gegenüber einer Mischehe, den Walker ist Afro-Amerikaner. Während er die für ihn längst gewohnten Demütigungen scheinbar stoisch erträgt, haben sie für seine Frau, aber auch seinen Sohn beträchtliche Auswirkungen, dieser stirbt, von der Polizei erschossen, nachdem er den Mann getötet hat, der seine Mutter überfahren hatte. Zurück bleiben seine schwangere Frau, die dem Alkohol und Drogen verfällt, das bald geborene Kind und der untröstliche Walker. Kontrastiert wird diese Geschichte mit Kapiteln aus der Gegenwart, berichtend von den zeitgenössischen Tunnelbewohnern. Obdachlose haben sich im – noch genutzten – Eisenbahntunnel eingerichtet, aus der Sicht von Treefrog, einem der Nichtsesshaften, der sich ein Nest, wie er es nennt, dort unten eingerichtet hat, erfahren wir über das Leben dieser Menschen im Abseits. Spät werden beide Stränge zusammengeführt, den Treefrog ist niemand anderes als der Enkel Walkers, der hier im Tunnel einst zusehen musste, wie sein geliebter Großvater, der noch einmal mit ihm den alten Bau sehen wollte, vor seinen Augen vom Zug überfahren wurde. Er verliert seinen Job als Bauarbeiter auf Wolkenkratzern und kehrt dauerhaft an den Ort des Unglückes zurück. Das Buch beginnt recht vielversprechend mit der Geschichte des Tunnelbaues und der egalitären Gemeinschaft der Arbeiter im Untergrund, orientiert an den historischen Ereignissen, auch die Weiterverfolgung von Nathans Leben weckt anfangs noch das Interesse, während die Schilderungen des Lebens im Tunnel unter Obdachlosen bereits sehr früh abgleiten in möglichst drastische Klischeevorstellungen, die ein Schreibtischautor wohl so hat vom Leben auf der Straße. Das Ineinandergehen der beiden Erzähllinien ist zwar recht gekonnt, aber die zunehmende Sozialpornographie mit allem, was man davon erwarten kann – Drogen, Sex, Gewalt – lustvoll explizit ausgemalt, stößt einen zunehmend ab. Auch die Ballung von Unglück wirkt irgendwann plakativ, selbst Pädophilie muss noch hineingebracht werden, reichlich unmotiviert. Am Ende ist man froh, wenn man mit dem Ganzen durch ist und legt das Buch Colum McCanns (geboren 1965) mit dem Gefühl beiseite, dass hier leider durchaus erzählerisches Potential verschenkt wurde.

 

Max Frisch: Graf Öderland.

„Eine Moritat in zwölf Bildern“ nannte Max Frisch (1911-1991) sein mehrfach umgestaltetes Theaterstück aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, das somit mehrere Uraufführungen erlebte und trotzdem jedesmal von neuem mehr oder weniger durchfiel. Die Diskrepanz zwischen dem großen Romancier Frisch und dem alles in allem oft sehr plakativen Bühnenautor Frisch (mit Ausnahmen wie der „Chinesischen Mauer“) ist immer wieder frappierend, nur dass die späteren Stücke eben große Erfolge wurden. Hier ist es ein Staatsanwalt, der als einziger Verständnis aufbringt für einen scheinbar motivlos handelnden Mörder, einen einfachen Angestellten, der offenkundig aus Lust und Laune heraus einen Hausmeister mit der Axt erschlägt. Das Beil wird zum Symbol, als der Jurist gemeinsam mit seinem Dienstmädchen dem alten Leben entflieht und sich als Sagengestalt Graf Öderland zum Anführer einer immer größer werdenden und auch vor Gewalt – mit der Axt – nicht zurückschreckenden Rebellion aufschwingt. Diese wird trotz zwischenzeitlicher Misserfolge zu einer Art Stadtguerilla und kommt damit am Ende zum Erfolg: der Umsturz gelingt, bzw. das Arrangement mit der alten Regierung. Doch war das ganze Geschehen nur eine Traumphantasie des überarbeiteten, gefrusteten Staatsanwaltes? Oder will der neue starke Mann an der Spitze seine Macht nicht wahrhaben? Bühnenwirksamkeit kann man dem Stück nicht absprechen, die karikierenden Vorbilder typischer Rebellendramen schlagen hier durch, und trotzdem fällt es schwer, die Begeisterung zu teilen, die Frisch selbst für sein Drama stets aufrecht hielt, zu sehr wirkt all das Parabelhafte aufgesetzt und unausgegoren.   

 

Petra Hammesfahr: Ein fast perfekter Plan.


Gewohnt und zuverlässig unterhaltsam wie spannend präsentiert Petra Hammesfahr (geboren 1951) einmal mehr einen Thriller von nebenan, der weitaus besser ist als sein biederer Titel. Die Friseurin Kerstin entwickelt mit Hilfe des ihr hörigen Freundes und dank übermäßigen Konsums von TV-Krimis eine aus ihrer Sicht geschickt eingefädelte Intrige. Von einer ihrer Stammkundinnen erfährt sie, dass deren reicher Ehegatte mit Krebs im Endstadium demnächst über den Jordan gehen wird und da seine Tochter und Alleinerbin, Regine, zunehmend von ihrem Verlobten gefrustet ist – auch das erfährt Kerstin aus erster Quelle – und sich ausgerechnet von ihrem Freund, der in einer der Häuser des reichen Papas Hilfsarbeiten verrichtet, beeindruckt zeigt, spornt sie diesen gegen seinen Willen an, sich den Annäherungsversuchen der jungen Frau langsam nachgiebig zu zeigen. Tatsächlich gehen die beiden die Sache nicht unvernünftig an, sie forcieren die Verbindung nicht, die sich scheinbar wie von selbst anbahnt und gelangen so zu ihrem Ziel: statt ihres Verlobten heiratet Regine nun Kerstins Freund. Allerdings gegen den Widerstand von deren Familie, weshalb der Vater erst einmal weitere Zuwendungen streicht. Dass er der Tochter bereits ein Haus überschrieben hat, sorgt zudem erst einmal für reichlich Zusatzkosten statt reichlicher Mieteinnahmen. Und sterben will der Vater auch nicht. Was daran liegt, dass seine Frau nicht nur gelegentlich zu fantasiereichen Übertreibungen neigt. Also muss nicht nur die Tochter beseitigt werden… Viele Wendungen, sehr viele Missverständnisse aufgrund von noch mehr Lügengebäuden, dazu der in manchen ihrer Romane vorhandene, wenn auch an sich unnötige mystische Einschlag, all das ergibt wieder einen zwar weder inhaltlich noch sprachlich perfekten, aber soghaften Hammesfahr-Roman.  

 

Horst Bastian: Die Brut der schönen Seele.

Ein Rollstuhlfahrer ist auf kleine Mädchen aus, die einzigen „Frauen“, denen er sich gewachsen fühlt. Doch als ihm die Polizei auf die Spur kommt, weil die Kommissarin einem Mädchen seine Märchengeschichten vom guten Onkel glaubt, tötet er das Kind. Sein Drang ist damit jedoch nicht befriedigt und die Suche nach dem nächsten Opfer beginnt. Da die Polizei nicht noch einmal zu nachlässig sein möchte und der traurige Beweis ja nun angetreten wurde, dass es sich keineswegs um reine Kinderphantasien handelt, zudem auch die gekränkten, weil unter Generalverdacht geratenen Rollstuhlfahrer mit in die Jagd eingreifen, zieht sich der Kreis bald enger. Eine Art „Es geschah am helllichten Tag“ in der DDR-Version, nur viel schlechter. Die abgeschmacktesten Psychologieklischees, die man sich nicht einmal mehr ausdenken möchte – übermächtige Mutter, der Vater vom Typ des preußischen Offiziers –, holzschnittartige Schablonencharaktere, das Ganze noch dazu nicht einmal leidlich spannend, dazu auch vom sprachlichen Niveau nur schwer erträglich. Mit anderen Worten: Nicht mal als Krimi sonderlich gut, geschweige denn, dass Horst Bastian (1939-1986) dem schwierigen Thema gerecht geworden wäre. 

  


J.D. Salinger: Neun Erzählungen.

Salinger (1919-2010) wich manchem üblichen Procedere des Literaturbetriebes aus – und so hatte er wohl offensichtlich auch keine Ambitionen, sich mehr als eine lakonische Inhaltsliste als Titel für seinen Band auszudenken, der eben genau das hält, was der Aufdruck verspricht: „Neun Erzählungen.“ Wer Geschichten erwartet, die an den „Catcher in the Rye“ erinnern, der wird enttäuscht sein, zumindest auf den ersten Blick haben die einzelnen Episoden wenig mit Salingers Meisterwerk zu tun, obwohl auch in ihnen oft Jugendliche und junge Menschen im Mittelpunkt stehen. Allenfalls der Maler de Daumier-Smith hat Züge des Catchers, wenn er mit großer Geste zum Dozenten einer kanadischen – vermeintlichen – Akademie wird, die von einem undurchschaubaren japanischen Pärchen geleitet wird. Es ist die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Personen wirken etwas verloren innerhalb der zahlreichen Umschwünge, die die Zeitläufte, aber auch das private Leben mit sich bringen. Und doch sind sie mit ihren Problemen so anders nicht, Neid, Wettbewerb untereinander, Unverständnis der Eltern, Einsamkeit. Unüblicher ist es dagegen schon, wenn man als Kind mit übernatürlichen Gaben gesegnet ist, dadurch aber einerseits trotzdem nur als Kind, andererseits wie ein Forschungsobjekt und von manchen als Prophet behandelt wird und sich mit keiner dieser Rollen anfreunden kann. Leicht hat es keine der Figuren Salingers, leicht macht er es auch seinen Leser:innen nicht.  

 

Patricia Highsmith: Elsie’s Lebenslust.


Titelschelten bei Übersetzungen sind wohlfeil, wir haben es schon mehrfach erwähnt, aber hin und wieder stellt sich die Frage eben dann doch aufgrund des eklatanten Missverhältnisses zwischen dem in diesem Fall englischen Original und der seltsamen deutschen Wahl. In diesem Fall nicht nur wegen des obskuren Apostrophs, sondern auch aufgrund der zahlreichen wergfallenden Nuancen von „Found in the Street“. Denn Elsie taucht zwar sofort zu Beginn, dann aber über sehr viele Seiten überhaupt nicht mehr auf. Stattdessen konzentriert sich die Handlung auf die Innensicht des Wachmannes Ralph und des Illustrators Jack. Der eine ein Kauz, einsam, streng moralisch, nicht bösartig, aber tief im Innern doch vom Alltagsrassismus geprägt, der andere ein Bohemien mit Familie, glücklich, erfolgreich, mit weitem Freundes- und Bekanntenkreis. Zwar leben sie in der Nachbarschaft, aber an sich in verschiedenen Welten, die sich bestenfalls flüchtig auf der Straße begegnen. Das ändert sich, als Ralph Jacks Geldbeutel findet und diesen persönlich bei ihm abliefert, aber auch das wäre nur ein kurzer Kontakt geblieben, wäre da nicht noch Elsie. Kaum 20, serviert sie in einer Kaffeebar, wo sie Ralph auffiel, der daraufhin einen Beschützerinstinkt entwickelt, durch den sich das Mädchen allerdings bedrängt fühlt. Dem Zufallskunden Jack fällt sie ebenfalls auf, er kommt mit ihr ins Gespräch. Während er und seine Frau sie tatsächlich etwas unter ihre Fittiche nehmen und ihr den Einstieg als Fotomodell in ihren Freundeskreis ermöglichen, sieht das für Ralph anders aus: Er interpretiert den Umgang des naiven Landmädchens mit Jack als eine Art Prostitution. Elsies Wirkung auf ihre Umgebung führt vermehrt zu Komplikationen, denen sie schließlich selbst zum Opfer fällt. Patricia Highsmith (1921-1995) liefert einmal mehr ein komplexes Gesellschaftsbild ab, das der ursprüngliche Titel perfekt wiedergibt: Elsie wird auf der Straße von Ralph und Jack gefunden, entdeckt von der New Yorker Society. Aber sie wird auch in ihrem Hauseingang gefunden, tödlich verletzt. Und war sie für Jack und seine Frau, die sogar eine Affäre mit ihr beginnt, nicht einfach auch nur ein faszinierendes Fundstück? Ralph ist kein sympathischer Kerl, ein Rassist mit paranoiden Zügen, aber er ist auch kein verrückter Stalker, denn letztlich sind seine Befürchtungen nicht einmal vollends verkehrt: Elsie stirbt durch falschen Umgang. Und Jack, der mit seinen ständigen Beteuerungen, wie schön und glücklich alles ist, sich über Vieles hinwegtäuscht, vertuscht dadurch nur seine Lebenslügen, wirkt tief im Innern in seiner vermeintlichen Toleranz gleichgültig und egozentrisch. Auf die ihr übliche subtile Weise entlarvt Highsmith ohne Illusionen ihre – und unsere – Zeitgenoss:innen. 

 

N.H. Kleinbaum: Dead Poets Society.

Romane nach Drehbüchern führen selten – aber doch hin und wieder – zu meisterlichen Werken der Literatur, eher schon schreiben manche Drehbuchautor:innen gute Romane. N.H. Kleinbaum (geboren 1948) ist keine Drehbuchautorin, sondern eine Schriftstellerin, die Filmskripte zu Romanen verarbeitet. Das Verb ist bewusst gewählt, denn mehr als eine Arbeitsleistung kann man ihr kaum attestieren, die sprachlich unauffällig, inhaltlich aber unterdurchschnittlich ist – was natürlich mit der Vorlage zusammenhängt. Das Buch ist in jeglicher Hinsicht eine klassische Schullektüre, was aber weniger am Milieu des Romans, einem Vertreter aus dem Internatsgenre, liegt, sondern an der einfachen Struktur, den durchschaubaren Charakteren und der wenig subtilen Botschaft. Fast schon lustig ist es, dass das Buch somit seine eigenen Intentionen unterläuft, fordert es doch zum Ausbrechen aus den verschult genormten Denkschemata auf. Angelegt ist es darauf nicht: Die Vorgänge sind bereits auf den ersten Seiten durch die sich auf Klischees verlassenden Charakterisierungen und die gewohnten Kontroversen so vorhersehbar, dass es allenfalls noch überrascht, dass die meisten dieser Stereotypen dann tatsächlich auch noch konsequent zu Ende geführt werden. Ach so, es geht nebenbei um einen Englischlehrer, der mit Hilfe von Literatur seinen Schülern das freie Denken ermöglichen möchte. Das stößt, wer hätte das gedacht, auf Widerstände bei Eltern und Kollegen. Einfache, flache Botschaften haben es leicht, aus ihnen können bequem Kultfilme werden…    

 

Martin Suter: Der Teufel von Mailand.

Physiotherapeutin Sonia hatte einst einen reichen Kunden geheiratet, der die spätere Trennung schlecht verkraftet und sie deshalb umzubringen versucht hat. Um den traumatischen Ereignissen und den Eltern ihres Ex, die sie zu überreden versuchen, eine Freilassung ihres Sohnes zu ermöglichen, zu entkommen, stürzt sie sich erst exzessiv ins großstädtische Nachtleben, was allerdings lediglich zur Folge hat, dass sich nach einem Drogentrip ihre synästhetischen Anlagen enorm verstärken: nun sieht sie Gerüche, Töne und Buchstaben. Da dies ihre Ängste zusätzlich verstärkt, entscheidet sie sich für einen radikalen Bruch: Sie gibt ihr altes Leben komplett auf und nimmt eine Arbeit in einem neueröffneten Hotel im Engadin auf, in einem abgelegenen Bergdorf. Es herrscht Mistwetter, die Belegzahlen sind leidlich, aber Sonia kommt mit der eleganten Chefin und den meisten Kollegen gut aus, außerdem fühlt sie sich hier sicher, nur eine einzige Freundin weiß überhaupt von ihrem Aufenthalt. Getrübt wird ihr Aufenthalt nur durch plötzliche Anfälle von Abneigung gegen manche Kunden, verstärkt durch ihre idiosynkratische Wahrnehmung und durch einige anfangs eher banale Vorfälle, die sich allerdings häufen. Schließlich erkennt Sonia darin ein Muster, dass sie durch Zufall in einem Sagenbuch entdeckt hat, das vom Teufel von Mailand berichtet, der hier einst sieben Prophezeiungen aussprach. Verantwortlich sind aus ihrer und der Sicht ihrer anfangs nicht überzeugten Chefin missgünstige Dorfbewohner, die dem Hotel schaden wollen. Doch auch nach dem Tod des Hauptverdächtigen durch einen Autounfall hören die Warnungen nicht auf. Und dann kommt auch noch die Mutter ihres Ex zu Besuch ins Hotel. Suter (geboren 1948) entwickelt nach fulminantem Start einen sich langsam aufbauenden, trotzdem stets spannenden Thriller, wie immer sehr gekonnt, gut recherchiert und mit den an den richtigen Stellen gesetzten Überraschungen und Wendungen. Schade ist nur, dass er dem konventionellen Schema nicht entkommt oder entkommen möchte und deshalb ein eher banales, fast schnell dahingehudeltes Auflösungsende abspult, da wäre Besseres möglich gewesen.                  

                                    

 

                      

                                                                               

 

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