Freitag, 31. Juli 2015

Ulrike Meinhof - Ein Leben im Widerspruch, eine Biographie der Terroristin von Mario Krebs, scheitert an eben diesen Widersprüchen.

1988 legte Mario Krebs in der Reihe rororo-aktuell seine Biographie Ulrike Meinhof – Ein Leben im Widerspruch vor, ein Text, der es sich laut Vorwort zur Aufgabe gemacht hat, Ulrike Meinhof aus dem Zugriff des öffentlichen Feindbildes ein Stück weit zu lösen, was den Leser nicht nur aufgrund der sprachlichen Holprigkeit zumindest vorsichtig machen sollte.

Krebs’ Versuch einer neuen Herangehensweise

Gemeint ist, dass Krebs die Beweggründe für das Handeln Ulrike Meinhofs vor allem aus ihren Texten verständlicher machen möchte. Bis zu einem gewissen Punkt gelingt ihm dies durchaus, die gut ersten zweihundert Seiten der Biographie (von knapp 270) widmet er der engagierten Jugendlichen und späteren Kolumnistin, deren Analysen oft scharf formuliert waren und Zustände in der jungen Bundesrepublik ankreideten, die auch dem heutigen Leser unerträglich vorkommen würden.
Krebs’ Versuch, Sympathie auf die Protagonistin zu erwecken, lässt ihn in Turbulenzen geraten, als sich Ulrike Meinhof der RAF anschließt, bzw. diese mitbegründet. Deshalb wird von vorneherein – und bis zum Schluss – mehrfach betont, dass ihre Teilnahme an der Baader-Befreiung und in der Folge ihr Engagement für den Terrorismus Zufallsprodukt einer verunglückten Aktion gewesen sei, weder vorgesehen noch vorbereitet, ja gezwungenermaßen – und wer sich dann fragt, von wem gezwungen, der bekommt die so üblichen wie einfach gestrickten Antworten ebenfalls mitgeliefert: diese massive Reaktion der Gegenseite, die Ulrike Meinhof völlig geschockt habe, zweifellos trägt auch das Verhalten von Politikern und Medien dazu bei, dass es für sie kein Zurück mehr gibt.

Die Analyse der RAF-Schriften

Krebs kritisiert den Inhalt und teilweise die Sprache der RAF-Schriften Meinhofs, doch von vornherein liefert er die vermeintlichen Erklärungen mit, die dafür gesorgt haben müssen, dass der einstigen Gesellschaftsanalystin Meinhof ihr Blick auf die Realitäten so offenkundig verloren ging. Schuld ist das Dilemma, eine Praxis begründen zu müssen, die nicht zu begründen ist, letzteres ist so richtig wie das erstere verkehrt, denn ein Zwang, falsche Taten zu begründen besteht wohl nur für jemanden, der diese Taten für richtig hält. Eine andere Verteidigungslinie ist altbekannter, es sind die Haftbedingungen. Ulrike Meinhofs Haftbedingen zu Beginn ihres Gefängnisaufenthalts vor allem in Köln-Ossendorf waren zugegeben grenzwertig, doch nach langen Schilderungen, dass die Inhaftierte geradezu keinerlei klaren Gedanken mehr habe fassen können, vermerkt Krebs im Widerspruch dazu, [u]m die Isolationshaft durchstehen zu können, versucht Ulrike Meinhof im Herbst 1972 zu schreiben.
Nun geht Krebs nicht so weit, die krude Argumentation zu unterstützen oder das teilweise vulgäre Vokabular nicht zu kritisieren, doch verantwortlich für die sprachliche und gedankliche Engführung – ein recht netter Euphemismus – sind wiederum die Haftbedingungen. Dafür muss man allerdings alle früheren Texte beginnend von der Erklärung zur Baader-Befreiung konsequent ignorieren, die vor der Haft verfasst wurden, umso viel sagender ist das Fehlen des berühmten Interviews mit Michèle Ray, in dem der berüchtigte Nachsatz „und natürlich darf geschossen werden“ fiel, gerade in einem Buch, das die Texte Meinhofs heranziehen möchte, um ein neues Bild der Person zu etablieren.

Der Prozess in Stammheim

Bei der Schilderung des Stammheimer Prozesses befürwortet er das Vorgehen der Angeklagten und vor allem ihrer Anwälte, die Taten der RAF als Reaktion auf den amerikanischen Vietnamkrieg zu sehen, doch seine Übernahme der argumentativen Linie der RAF wird geradezu absurd, als er nicht bemerkt, dass die Aussagen Gudrun Ensslins und Brigitte Mohnhaupts, die RAF habe den Anschlag auf das Springergebäude in Hamburg 1972 nicht gewollt, Ulrike Meinhof erkennbar zu demütigen, sondern er nimmt diese als Beleg dafür, dass sie an der Tat nicht beteiligt war – was längst nachgewiesen und den anderen RAF-Mitglieder ja offenbar klar ist. Gründe für eine solche demonstrative Demontage Meinhofs durch ihre Kameradinnen liegen sowieso nicht vor, die kolportierten Auseinandersetzungen innerhalb der Truppe, nur das persönliche Verhältnis untereinander betreffend, so Krebs treuherzig, seien übertrieben gewesen, kleinere Spannungen allenfalls verständlich aufgrund der Haftbedingungen, verantwortlich auch hierfür sind die zuständigen Behörden.

Selbstmord oder nicht?

Deshalb, auch das überrascht nun nicht mehr, ist es, so wörtlich, abwegig, hieraus auch noch Gründe für einen Selbstmord abzuleiten – der dann naturgemäß auch höchstwahrscheinlich keiner war, denn es gab auch keine plausiblen Motive. Nach der ‚Isolationsfolter’ nun also auch noch die ‚Staatsmordtheorie’ mit der obligatorischen Berufung auf das Gutachten der ‚Internationalen Untersuchungskommission’. Richtig überzeugt scheint Krebs selbst allerdings doch nicht, am Ende seines Buches rudert er leicht zurück, [a]ngenommen, Ulrike Meinhof sei am 9.5.1976 tatsächlich von eigener Hand zu Tode gekommen, dann war es trotzdem Mord und zwar – aufgrund der Haftbedingungen.

Ein Biograph verheddert sich

Sicher das krudeste Argument, von dem außer plumper Rechtfertigung schon gar nicht mehr klar ist, worauf es abzielt, liefert Krebs mit dem Satz Die Haftzeit, die Ulrike Meinhof schließlich bis zu ihrem Tod 1976 verbringt, wird doppelt so lang sein wie jene Zeit eines „bewaffneten Kampfes“, mit dem man ihren Namen später in Verbindung bringt. Abgesehen davon, dass der Ausdruck ‚in Verbindung bringen’ eine falsche Unterstellung seitens der Öffentlichkeit suggeriert und das Setzen der Bezeichnung ‚bewaffneter Kampf’ in Anführungszeichen dies noch viel mehr als Behauptung der Behörden unterstreicht, muss man sich ehrlich fragen, was der Autor eigentlich sagen möchte: immerhin forderten die von Ulrike Meinhof unzweifelhaft unterstützten, geförderten und verteidigten terroristischen Aktivitäten mehrere Menschenleben. Deren Tod bewusst in Kauf genommen wurde. Jeder Mord dauert nur wenige Sekunden bis Minuten – aber das Strafrecht funktioniert nicht nach einem zeitlichen Ausgleichsprinzip. Und Ulrike Meinhof war bereits wegen der Beteiligung an der Baader-Befreiung verurteilt, wie Krebs vorher selbst kurz berichtet. Der Satz zeigt lediglich, wie sehr der Biograph jegliche kritische Distanz bereits verloren oder aufgegeben hat.
Und so klafft das Buch regelrecht auseinander; nach zweihundert Seiten, die trotz gelegentlich bereits vorgreifender apologetischer Einflechtungen ein durchaus sympathisches Bild einer unangepassten Persönlichkeit wiedergeben, kommt Krebs mit dem Bruch in Ulrike Meinhofs Leben offensichtlich nicht zu Rande. Der Versuch, das positive Bild unbedingt aufrechtzuerhalten scheitert an den Gegebenheiten, Meinhofs Taten und Schriften. So überrascht es nicht, dass der Herausgeber der Buchreihe, Freimut Duve, sich in einem Nachwort von dem Werk deutlich distanzierte.
 
Mario Krebs: Ulrike Meinhof. Ein Leben im Widerspruch. Reinbek bei Hamburg: 1988.

Eine Besprechung zu einer anderen - gelungeneren - Biographie über Ulrike Meinhof gibt es hier zu lesen: http://bene-a-rebours.blogspot.de/2015/02/alois-prinz-uber-ulrike-meinhof-lieber.html

Freitag, 12. Juni 2015

Petra Henschel, Uta Klein: Hexenjagd.

In der Kriminalstatistik sind sie eine Minderheit, in der öffentlichen Wahrnehmung nicht: Frauen, die ein Gewaltverbrechen begehen. Zwischen den tatsächlichen Taten und dem Anteil an der Berichterstattung klafft eine deutliche Diskrepanz – und dies ist nicht die einzige der erstaunlichen Erkenntnisse des Buches von Petra Henschel, einer Pädagogin, die in Haftanstalten arbeitet, und von Uta Klein, Soziologin an der Universität Münster sowie ihren Autorenkolleginnen. Denn es sind keineswegs nur die üblichen Verdächtigen aus der Regenbogenpresse, die an diesem verzerrten Bild mitgearbeitet haben und dieses bis in die Gegenwart weitertradieren.

Warum mordet „die“ Frau? Kulturelle Stereotypen

Offenkundig besteht in der Öffentlichkeit, wie sie von den Medien – worunter vorerst der umgangssprachliche Begriff zu verstehen ist, der die Presse in ihren verschiedenen Formen umfasst – bedient oder hergestellt wird, ein besonderes Interesse an der mordenden Frau. Dies geht auf den generellen Grundsatz zurück, dass für den Journalisten naturgemäß das Spezielle, das Sensationelle interessanter ist als das Alltägliche, wenn man nun den tötenden Mann so nennen will, wozu allenfalls die Statistik berechtigt. Ein Mann, der seine Frau umbringt, erregt Sensation überwiegend nur in der lokalen Presse, sofern er nicht besonders bestialisch zu Werke geht. Eine Frau hat, wie der Band mehrfach belegt, deutlich bessere „Chancen“ bundesweites Aufsehen zu erregen.

Die Angst vor dem blutrünstigen Heimchen

Die liebevolle Gattin – tatsächlich geschehen die meisten Morde durch Frauen in Beziehungen – die zur Waffe greift, scheint erschreckender, vielleicht auch gefährlicher, jedenfalls ihr Verstoß gegen die Konvention größer als der des Mannes. Gleichzeitig hat das Interesse etwas Voyeuristisches, es erstaunt, wie sehr sexuelle Motive unterstellt werden, wie wichtig auch das Auftreten der Angeklagten oder Verdächtigten in der Berichterstattung wird, bis hin zu detaillierten Schilderungen der Kleidung. Es gehört seit Anbeginn der Kriminalwissenschaft zu den Stereotypen, dass die Frau starken geschlechtlichen Schwankungen unterworfen ist, die sie generell empfänglicher machen für bestimmte Gewalttaten. So sehr uns diese Theorien vom Ende des 19.Jahrhunderts absurd erscheinen mögen – das Vorurteil sitzt tief im kulturellen Gedächtnis. Auch hier liefern die Beiträge Dutzende Belege.

Maria Rohrbach und Monika Weimar – falsche Mörderinnen

Aufschlussreiche Aufsätze dokumentieren die von Kristin Makac und Uta Klein analysierten berühmt gewordenen Fälle Maria Rohrbach aus den 1950er und Monika Weimar aus den 1980er Jahren. Beide Frauen geraten nicht nur schnell in Verdacht, ihren Gatten beziehungsweise ihre Kinder umgebracht zu haben, die Berichterstattung beeilt sich, die oft einseitigen Untersuchungen der Polizei wohlwollend zu kommentieren. Maria Rohrbach, die auch noch dem Klischee der Giftmörderin zu entsprechen scheint, einer heimtückischen Art des Tötens, die angeblich von Frauen bevorzugt wird (siehe den Beitrag von Inge Weiler), wird ebenso wie später Monika Weimar ein ausschweifendes Sexualleben unterstellt – beides ist nicht nur aufgebauscht, sondern steht, worauf jeder kritische Beobachter hinweisen müsste, nicht in direktem Zusammenhang mit irgendeiner Form von Gewaltneigung. Nur zu deutlich wird, dass der Verstoß hier gegen ideologische Barrieren stattfand, die Gefährlichkeit der Frauen lag aus Sicht vieler Berichterstatter eher in ihrem selbstbestimmten Wesen und Handeln, in der fehlenden Unterordnung unter den – übrigens selbst oft gewalttätigen – Ehemann. Beide Frauen wurden – unter Zustimmung der Presse – verurteilt, beide waren unschuldig, wie spätere Gerichtsverfahren feststellten. Ein Interview mit Monika Weimar macht die Wirkungen der Berichterstattung, jedoch auch der Haft, noch deutlicher.

Wo Grenzen zwischen Opfern und Tätern bewusst verschwinden

An Untersuchungen zu den Fällen der vermeintlichen Terrorpatin Monika Haas und der von ihrem Mann ermordeten ehemaligen Grünen-Chefin Petra Kelly weisen die Autoren auf weitere Muster der Verzerrung hin, den vielleicht aufschlussreichsten Beitrag liefert Dagmar Oberlies mit ihrer genauen Analyse des Medienrummels um den Mord des berühmten Berliner Boxers Gustav „Bubi“ Scholz an seiner Ehefrau Helga Scholz. Nicht ein Boulevardblatt, sondern der „Spiegel“ schafft es hierbei, aus dem geständigen Täter Scholz ein Opfer seiner eigenen Tat zu erschaffen. In dem er sie umbrachte, habe er sich seiner großen Liebe und Stütze beraubt, er sei geradezu bemitleidenswert. Es fällt einem schwer, dieser Art von Logik zu folgen. Dem Gericht dagegen offenbar nicht, die Strafe fiel recht mild aus, das wohlwollende Einverständnis des Publikums durfte man voraussetzen. „Bubi“ war ja eine Ikone.
Henschel, Klein: Hexenjagd.
 

Bilder von gewalttätigen Frauen in Film und Literatur

In der Hinwendung zu den nicht-journalistischen Medien Spielfilm und Literatur betreten die beiden letzten Beiträge Neuland. Maria Schmidt untersucht so genannte Women-in-Prison-Filme (WiP), ein Subgenre, das vor allem in den Siebzigern blühte, und leistet hiermit Pionierarbeit. Von ernsthafteren frühen Versuchen in den 1950er Jahren abgesehen, verkamen die Filme schnell zu voyeuristischen Fantasien, die überwiegend männlichen Gehirnen entsprangen und bald nur noch trashige Schemata wiedergaben. Frauen im Gefängnis reduzierten sich zu sexsüchtigen gewalttätigen Lesben, die in jeder Hinsicht unschuldige Neuinsassinnen missbrauchten. Erst in den Achtziger nahmen sich Regisseurinnen selbst des Themas an und schufen wieder Porträts, welche die Situation der eingesperrten Frauen zu analysieren suchten. Rachel Giora vergleicht die Entwicklung von Frauenfiguren in Romanen und Dramen vor und nach der feministischen Wende, wobei sie feststellt, dass auf fiktionaler Ebene eine Entwicklung der Protagonistinnen von Autoaggressivität, also Selbstmord hin zu aktiver, selbstbewusster Gewalt gegen den Unterdrücker stattfindet.

Gefahren des medialen Einflusses durch Verzerrungen

Die Artikel des Sammelbandes verhandeln nicht die kriminalistischen Fälle, nicht die juristische Frage der Schuld, wie auch der Beitrag eines Mordes durch ein Damentrio in Franken von Petra Henschel unterstreicht, deren Täterschaft unbestritten ist. Gerade dieser Fall fasst jedoch die Intention des Buches exemplarisch zusammen, das Fehlen objektiver Berichterstattung über gewalttätige Frauen anzuprangern. Der mediale Fokus verschob sich schnell auf die teils homosexuellen Beziehungen der drei Damen, Zusammenhänge wurden hergestellt, die vermeintliche Abartigkeit mit Neigung zur Gewalt suggerieren, das voyeuristische Element verdeckte Hintergründe, (männliche) Fantasien von der Lesbenliebe kolportieren die bereits genannten Stereotypen und diskreditieren jegliche Formen selbstbewussten Andersseins.
Das Buch besitzt an mancher Stelle einen polemischen Impetus, der sich jedoch gut begründen lässt, weil er auf Ungerechtigkeiten hinweist, die einerseits sonst wenig Kenntnisnahme und wenig FürsprecherInnen finden, eine Problematik, die andererseits in einem propagierten Informationszeitalter immer mehr an Wichtigkeit gewinnt. Es wäre zu wünschen, dass der Band mehr Leser und Leserinnen findet, um deren Aufmerksamkeit gegenüber der Berichterstattung zu schärfen – längst nicht nur über gewalttätige Frauen.
 
Petra Henschel, Uta Klein (Hg.): Hexenjagd. Weibliche Kriminalität in den Medien. Frankfurt am Main: (Suhrkamp) 1998.

Sonntag, 3. Mai 2015

Der seltsame Erfolg der "10 Milliarden" von Stephen Emmott.


Ein renommierter Wissenschaftler einer aufstrebenden, aktuellen Disziplin - Computational Science, also der rechnerbasierten Auswertung von Statistiken - veröffentlicht in einem der führenden deutschen Verlage - Suhrkamp - ein Werk zu einem brisanten Thema, welches exakt dem Zeitgeist entspricht: den drängenden Probleme des Klimawandels und der Überbevölkerung. Gutgemischte Zutaten für einen Bestseller, möchte man meinen. Und siehe da, es entstand: ein Bestseller. Die entscheidende Frage ist allerdings: Warum?

Stephen Emmott: Zehn Milliarden.
Womöglich gibt es hierauf keine anderen Antworten als die soeben im ersten Satz genannten. Rein marktphilosophisch könnte man noch den Preis dazuzählen, zumindest für die Taschenbuchausgabe. Hierin liegt jedoch zugleich eine Art Mogelpackung: nominell hat das Buch knapp über 200 Seiten, doch nur aufgrund seines exzentrischen Druckbildes. An und für sich hätte für den Text bestenfalls ein Drittel ausgereicht. Da auch die häufigen Statistiken - die mehr oder minder alle gleich aussehen - und die Photographien jeweils großzügig eine Doppelseite einnehmen, dürften wohl siebzig Seiten genügt haben. Doch soll dies kein Kriterium sein, schließlich geht es um den Inhalt. Positiv betrachtet könnte man die ungewöhnliche Form, oft nur ein nicht einmal langer Satz pro Seite, als Zugeständnis an vermeintlich aktuelle Lesegewohnheiten sehen, um die wichtige Botschaft an möglichst viele Personen zu bringen.

Negativ - und nüchterner - betrachtet, ergeben sich aus der Konzession genau all die Defizite, die solche kurzatmigen Statements stets mit sich bringen. Letztlich handelt es sich entweder um Parolen oder um postulierte Fakten, denen weder eine Erläuterung folgt noch eine überprüfbare Herleitung, alles im Twitter-Stil. Angereichert durch die erwähnten auswechselbar wirkenden Statistiken, die ebenfalls ohne großen Kontext hauptsächlich Wissenschaftlichkeit eher suggerieren, und ästhetisch sehr ansprechenden Schwarz-Weiß-Photos, die den Zweck des Buches eben gerade durch ihre professionelle Stilisierung konterkarieren. Die Planquadrate endloser Felder oder die Linien mehrspuriger Autobahnen wirken durch ihre strenge Geometrie eher beeindruckend denn erschreckend.

"Kein theoretischer Überbau, kein moralischer Zeigefinger, nur die Fakten", verspricht der Klappentext. Dass es keine grundlegende Theorie hinter dem Vorgetragenen gibt, ist, wie erwähnt, mehr bedauerlich als hilfreich, doch der Schwerpunkt liegt naturgemäß auf dem Wort "Überbau", der Text gibt Ideologiefreiheit vor. Abgesehen davon, dass der Text von seiner Form her ohnehin einem Pamphlet - einer Kampfschrift mit Aufforderung zur Veränderung - am nächsten kommt, ist diese Behauptung eben...eine Behauptung. Natürlich folgt das Buch einer Ideologie, es versucht nicht einmal, diese zu verschleiern. Schlecht muss das nicht sein, aber dann sollte man es unterlassen, sich als objektiv - "nur die Fakten" - und neutral hinzustellen. Und - gleichfalls der Natur eines Pamphlets entsprechend - wird der angeblich nicht vorhandene moralische Zeigefinger ständig erhoben.

Schließlich hält Emmott der Allgemeinheit - der Menschheit an sich - ihren führenden Vertretern, aber auch seinen Lesern und Leserinnen jeweils vor, welchen Beitrag zum Klimawandel sie leisten - oder eben nicht. Das meiste hiervon ist einem halbwegs gut informierten Zeitungsleser sattsam bekannt, doch es muss ja nicht verkehrt sein, dies alles noch einmal in kompakter Form zusammenzutragen, etwa als Argumentationshilfe. Dies wäre ein Verdienst des Autors ("wäre" statt "ist", weil, wie gesagt, die Argumente im Raum stehen bleiben, ohne weiter unterfüttert zu werden). Weiter geht der Autor nicht. Es fiele schwer, ihn gegen den Vorwurf des Alarmismus zu verteidigen - Emmott zeichnet das Bild einer kaum noch vermeidbaren Katastrophe in drastischen Ausdrücken, bleibt jedoch jedweden konstruktiven Lösungsansatz schuldig. Mehrfach bewegt er sich in diese Richtung, doch stets läuft es darauf hinaus, dass sowohl die großen Ideen und Technologien etc. als auch das Handeln des Einzelnen kaum von Belang sei oder Aussicht auf Erfolg habe. Zwar predigt er als alleiniges Mittel den radikalen Verzicht - räumt jedoch realistischerweise umgehend ein, dass solch ein Appell nichts fruchten werde. Im Prinzip eine Aufforderung zum Nichtstun mit wohligem Grusel - ganz entgegen dem breitgedruckten Zitat der Rückseite: "Wenn wir eine globale Katastrophe verhindern wollen, müssen wir irgendetwas Radikales tun - und ich meine wirklich TUN."

Leser und Leserinnen zum Handeln - zu einem schwammigen "irgendetwas" - in letzter Minute aufzufordern, während der Text ständig suggeriert, dass es nichts mehr nutzt, während in einem fort nur im Negativen argumentiert wird - nach der Formel: wir tun dies oder jenes nicht - sprich kein positiver Anknüpfungspunkt geboten wird, gehört zu den zahlreichen Paradoxien des Buches, mit denen es sich selbst ständig unterläuft. Emmott pocht auf eigene Wissenschaftlichkeit, polemisiert in billiger Stammtischmanier jedoch gleichzeitig gegen die (Natur)Wissenschaft: brauchen wir etwa  Millionen für das CERN? Natürlich nicht, sagt Emmott.

Im Mittelpunkt unseres Denkens sollte das Überleben unserer Erde und damit der Menschheit stehen - wer möchte dem widersprechen? Jedem einigermaßen klar denkenden Zeitgenossen hat das schon vor der Lektüre des schmalen Bändchens eingeleuchtet. Wer jedoch mehr möchte als sich nur bestätigt fühlen und auf Rat oder wenigstens Anregungen zur Abhilfe hofft, wird von Emmott nicht nur alleingelassen, sondern lediglich tiefer in die Resignation getrieben. Aufgeschlossene Leser und Leserinnen hinterlässt das Buch im wahrsten Sinne des Wortes rat-los. Ein Gegner in einer Diskussion, der sich schlechter Argumente bedient, ist ein Glücksfall - ein Verbündeter mit schwachen Argumenten dagegen ist eine Katastrophe.

Stephen Emmott: 10 Milliarden. Berlin: Suhrkamp 2015.                      
 
 

Donnerstag, 9. April 2015

Fränkische Verbrecher. Giftmörder, Attentäter, Werwölfe.


Benedikt Grimmler: Fränkische Verbrecher. Die spannendsten Kriminalfälle 1330–1975.

 
Ein kleiner Raubritter, der sich zum Anführer einer aufrührerischen Menge aufschwingt und in Mainfranken Hunderte von Juden umbringen lässt. Ein angesehener Nürnberger Ratsherr, der im Glauben an einen guten Zweck öffentliche Gelder unterschlägt. Ein verhasster Ansbacher Bürgermeister, der stirbt und als blutrünstiger Werwolf wiederkehrt. Ein gewiefter  Kulmbacher Offizier, der sich als Alchimist versucht und seinen Markgrafen betrügt. Eine verarmte Nürnbergerin, die ins ländliche Oberfranken zieht und dort zur Giftmörderin wird. Ein unauffälliger Student aus dem Fichtelgebirge, der als Attentäter zur europäischen Berühmtheit aufsteigt. Eine gesuchte RAF-Terroristin, die in Nürnberg eine Wohnung inspiziert und dort von der Polizei erschossen wird. Sieben wahre Fälle aus Franken, ebenso schauerlich wie spektakulär, bei denen die Personen und ihre Zeit im Mittelpunkt stehen – eine spannende Spurensuche vom Mittelalter bis in die Gegenwart.          

Hierzu eine Rezension der "Süddeutschen Zeitung":
http://www.sueddeutsche.de/bayern/neues-buch-ritter-arnold-und-andere-ganoven-1.2432725
 
128 Seiten, 40 Bilder (Schwarz-Weiß), Maße: 170 x 240 mm, gebunden, ISBN: 978-3-95400-506-2, 1. Auflage 18.03.2015

Montag, 16. März 2015

Die Möglichkeit für intelligentes Leben im All: Die Drake-Formel.


Der Astronom Frank Drake, geboren 1930, entwickelte bereits zu Beginn der 1960er Jahre eine Formel, mit der sich die Wahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im All berechnen lassen soll.
 
Unsere Galaxie, die Milchstraße, besteht aus Milliarden von Sonnensystemen, von denen einige Milliarden wiederum Planeten besitzen,die ihre Sterne in Zonen umkreisen, die – theoretisch – Leben ermöglichen. Dieses könnte sich weiterentwickeln zu intelligenten Lebensformen, wie es einst auf der Erde geschah. Dass es noch weiteres Leben im All gibt, daran zweifelt heutzutage kaum noch jemand. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass sich dieses über die Bakterienform hinaus zu einer Form entwickelt hat, die auch gewillt und in der Lage ist, Signale in den Weltraum hinaus zu senden?

Frank Drake und seine Formel

Der Astronom Frank Drake entwickelte seine Formel bereits 1960 und postulierte damit ein Mittel, um wenigstens die theoretische Möglichkeit intelligenten Lebens in unserer Galaxie wissenschaftlich berechnen zu können. Auf den ersten Blick erscheint sie allerdings nicht gerade hilfreich:
 
N = R x f(p) x n(e) x f(l) x f(i) x f(c) x L
 
Was genau also verbirgt sich hinter der kryptischen Buchstabenfolge?

Das große R, das erste kleine f

R ist die Sternenentstehungsrate, also die Anzahl der Sterne, die pro (Erden-)Jahr in unserer Galaxie ein Fusionsfeuer zünden. 1960 glaubte man an runde zehn Stück, heutzutage hat man dies herunterkorrigiert auf sechs. Nicht alle diese neu gebildeten Sonnen verfügen allerdings über ein zugehöriges Planetensystem, genau genommen weiß man nicht, wie viele ein solches tatsächlich besitzen, daraus leitet sich die Schätzung f(p) = 0,5 ab, mit anderen Worten, man geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Sonnen mindestens einen Planeten als Begleiter aufweisen können.

Die besten Wohngegenden im Sonnensystem: n(e) und f(l)

Leben irgendwelcher Art kann sich allerdings, wie schon erwähnt, nur in einer bestimmten Gegend eines Planetensystems bilden – wenn überhaupt. Diese bezeichnet man als „habitable Zone“, die im Falle unserer eigenen Sonne bestenfalls von der Venus bis zum Mars reicht, also nur drei der sie umkreisenden acht Planeten umfasst. Das kleine n in Drakes Formel gibt die vermutete Anzahl von Planeten in habitablen Zonen an. Dabei ging Drake von zwei Exemplaren aus.
Dass der Planet bewohnbar ist, muss noch lange nicht bedeuten, dass sich dort Leben entwickelt und erst recht nicht, dass dieses eine „höhere“ Form annimmt. Trotzdem setzte Drake den Faktor f(l), die Wahrscheinlichkeit für eine gelungene Evolution, mit der Zahl 1 recht hoch an.

Außerirdische unter sich: f(i) und f(c)

Auch die Römer waren eine zivilisierte und weit fortgeschrittene Kultur auf dem Planeten Erde, trotzdem besaßen sie wenig Interesse daran, sich das Leben außerhalb der Erde vorzustellen. Vorerst genügte ihnen das Erobern von Kontinenten, f(i) setzt aber die Intelligenz und das Bewusstsein einer Zivilisation voraus, über den eigenen Planeten hinaus zu denken. Drake glaubte, dass nur 0,01 Prozent aller sich entwickelnden planetaren Gesellschaften dieses Niveau erreichen würden.
Trotzdem hätte dieser Fortschritt den Römern nichts genutzt, da sie nicht die technischen Möglichkeiten besaßen, um Kontakt mit anderen Welten aufnehmen zu können, wenn sie dies wirklich gewollt hätten. Auch unsere momentanen Fähigkeiten in dieser Hinsicht sind noch begrenzt, doch der Wille ist eindeutig vorhanden, wie zum Beispiel das S.E.T.I.-Projekt belegt. Drake beschrieb diese Aufgeschlossenheit fremden Leben gegenüber als f(c) und setzte sie ebenfalls mit 0,01 an.

L: Leider ist niemand mehr da

Dies alles vorausgesetzt, sprich eine intelligente Zivilisation, die Signale nach außen sendet, um außerirdische Mitbewohner zu suchen, bleibt die Frage, wie lange so eine Suche vor sich gehen kann, bevor diese Zivilisation in der langlebigen Galaxie auch schon wieder verschwunden ist. Drake war großzügig: er schätzte die Dauer für solch einen Zeitraum L, in dem die Kontaktaufnahme technisch möglich ist und auch unternommen wird, mit 10.000 Jahren ein.

Die Rechenkünste des Mister Drake

Summa summarum ergibt sich demnach folgendes Ergebnis:
 
N = 10 x 0,5 x 2 x 1 x 0,01 x 0,01 x 10 000 = 10
 
Nur zehn Planeten von all den Milliarden sind also – derzeit – von hoffentlich freundlichen Kontakt suchenden Außerirdischen bewohnt, die zivilisatorisch mit uns in einer Liga spielen. Wobei nicht zu vergessen ist, dass gleich die erste Ziffer 10 zu hoch angesetzt war. Das erscheint ernüchternd. Rechnet man unsere kleine Erde gleich heraus, bleiben nur noch neun Zivilisationen übrig.

Der wissenschaftliche Wert der Drake-Formel

Fremde Welten - günther gumhold  / pixelio.de
Die Aussagekraft dieser Gleichung ist noch ernüchternder, denn sie liegt nicht bei zehn, sondern eher Null. Um wirklich als seriös gelten zu können, basiert sie auf viel zu vielen rein spekulativen Annahmen. Dies beweist schon die Berichtigung der Sternentstehungsrate R, eine Variable, die zwar auch nur auf Annahmen, aber wenigstens noch auf nachvollziehbaren Berechnungen aufbaut, die Grundlagen in der Forschung haben. Dies gilt unter anderem keineswegs für Bestandteile der Formel wie f(i) oder L, bei denen es sich allenfalls um phantasievolle Schätzungen handelt.
Die Drake-Formel ist also – positiv gesehen – ein spannendes Gedankenexperiment, weniger wohlwollend betrachtet eine pseudowissenschaftliche Spielerei ohne jegliche echte Aussagekraft. Was dies wiederum über unseren zivilisatorischen Intelligenzgrad aussagt, bleibt offen. Oder außerirdischen Beobachtern zu beurteilen überlassen.

Samstag, 21. Februar 2015

Alois Prinz über Ulrike Meinhof: Lieber wütend als traurig.

Es gibt mehrere Biographien über Ulrike Meinhof - nur wenige sind so gelungen wie die Alois Prinz': Lieber wütend als traurig. 

Lieber wütend als traurig betitelt Alois Prinz seine Lebensgeschichte der als traurig betitelt Alois Prinz seine Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof, seine Protagonistin zitierend, doch hat man den Eindruck, er selber sei bei Abfassung des 2003 erschienenen Buches genau umgekehrt verfahren, ursprünglich übrigens ein Jugendbuch, doch später vom Suhrkampverlag in dessen Taschenbuchreihe aufgenommen. Die ursprüngliche Publikumsintention darf deshalb nicht vergessen werden – dem Buch hat sie keinesfalls geschadet, im Gegenteil.

Skeptischer Blick auf eine Ikone der Bundesrepublik

Prinz behält sich von Anfang an eine gewisse Skepsis vor, seine Antwort auf die Frage, wie aus einem mehr oder weniger normalen Mädchen später eine gesuchte Terroristin werden konnte, die später Banken überfiel und es vertretbar fand, „Bullenschweine“ abzuknallen, macht er sich weit weniger einfach als etwa Jutta Ditfurth in ihrer Biographie – sofern sie überhaupt danach sucht – und er räumt ein, dass eine große Gefahr darin besteht, erklärende und scheinbar folgerichtige Linien herzustellen, wenn man ein Leben von seinem Ende her betrachtet.

Distanz und Einfühlungsvermögen als Mittel des Autors

Geradezu erfrischend ist sein Hinweis, so manche gern kolportierte Anekdote, im konkreten Fall die von der aufsässigen Schülerin Ulrike, die nach einem Disput kurzerhand aufsteht und die Schulklasse verlässt, gehört vielleicht schon zur Mythenbildung. Er mag seinen eigenen Kriterien nicht immer standhalten, beispielsweise in der fast schon märchenhaften Geschichte, als die kleine Ulrike auf dem ehemaligen Jenaer Schlachtfeld ein Kaninchen aus einer Höhle rettet, und gelegentlich erweckt er den Eindruck, als würde er sich soweit zurücknehmen, dass sein eigener Standpunkt nicht mehr zu erkennen ist oder gar mit dem ungefiltert Berichteten übereinstimmt, doch geht sein durchaus vorhandenes Einfühlungsvermögen nie ernsthaft in die Nähe rechtfertigender Identifikation.
Symptomatisch hierfür: Ulrike Meinhof wollte die entflohenen Heimzöglinge überreden, bei einer Protestaktion in anderen Heimen mitzumachen, um darüber berichten und Fotos machen zu können. Herbert Faller wollte das verhindern. Er fand Ulrike Meinhofs Verhalten äußerst fragwürdig. Seiner Meinung nach interessierte sie sich überhaupt nicht für das persönliche Schicksal der Jugendlichen, sondern wollte sie nur für ihren Artikel ausnutzen. Eine Kritik an Meinhof, weitab von Verklärung, die sich ihre anderen Biographen Mario Krebs oder Ditfurth nie erlaubt hätten.

Entlarvung einer gewordenen Fanatikerin

Prinz erkennt auch richtig, dass viele der Argumente – und Handlungen – der späteren Ulrike Meinhof nicht aus ihren früheren Äußerungen abgeleitet werden können oder gar deren konsequente Weiterführung wären, sondern ihnen widersprechen, etwa ihre Aufforderung im Interview mit Michèle Ray, einen Polizisten nicht mehr als Mensch anzuerkennen, womit sie sich weit von ihrem früheren, christlichen Menschenbild entfernt habe, was fast schon zu lapidar klingt. Stattdessen nun ein heroischer Trotz, der einen an die Standhaftigkeit großer Freiheitskämpfer oder Heiliger erinnert. Es ist eine Unbeirrbarkeit, die sich um keinen Preis mehr von ihrer gerechten Sache abbringen lässt, sie ist zu dicht, zu fugenlos für Veränderungen, neue Einsichten, Zweifel, kurzum sie geht über in den Fanatismus.

Keine heimliche Sympathie für den Terror

Prinz geht auf die Mythen ein, aber er wahrt seine Distanz, die „Isolationsfolter“ bleibt in Anführungsstrichen, für Holger Meins’ menschenverachtende Aufrufe in den Hungerstreiks hat er nichts übrig, Baader nennt er skrupellos oder, noch einen Schritt weiter, jedenfalls trat er so auf, im Stammheimer Prozess entdeckt er Szenen wie in einem absurden Theaterstück, in dem alle Beteiligten – bewusst und unbewusst – völlig aneinander vorbei reden, jeder sich selbst inszeniert. Dagegen sind seine Äußerungen zu den jeweiligen Mordtheorien, sowohl in Bezug auf Ulrike Meinhof als auch den späteren im Deutschen Herbst, wieder seltsam vage, die Selbstmorde wurden von vielen abgezweifelt; diese Aussage bleibt mehr oder weniger leer im Raum stehen, auch wenn dann in dem Ausdruck, die eigene Haltung hierzu wurde zur Glaubensfrage, doch eher wieder Distanz herauszuhören ist.

Der Familienmensch Ulrike Meinhof

Prinz’ Buch wandte sich zuerst an eine jüngere Leserschaft, deshalb bildet einen seiner Schwerpunkte auch der Familienmensch Ulrike Meinhof, insbesondere das Verhältnis zu ihren Töchtern. Er verweist auf Unterschiede zu den kategorischen Trennungen der Mitterroristen von ihren Kindern, sei es Baader, Ensslin oder auch Till Meyer von der Bewegung 2.Juni, Ulrike Meinhof sei es längst nicht so leicht gefallen, ihre Kinder zu verlassen. Trotzdem schickte sie die Zwillinge erst in das sizilianische Lager, das keineswegs das von Jutta Ditfurth beschriebene Idyll war, von lustigen Hippies geleitet, [w]enn eines der Kinder krank war oder Hunger hatte, wollten sie davon nichts wissen und in Ruhe gelassen werden.
Nachdem der Plan mit dem palästinensischen Waisenheim und damit die komplette Trennung gescheitert war, knüpfte die Mutter im Gefängnis kurzzeitig wieder Kontakt zu ihren Kindern, doch Ulrike Meinhof machte es ihren Töchtern schwer, ihre „Mami“ zu verstehen. Bettina und Regine schrieben und malten, aber ihre Mutter antwortete plötzlich nicht mehr. Prinz sucht nach Gründen und glaubt sie indirekt im Druck der anderen, insbesondere von Gudrun Ensslin zu finden, beziehungsweise dem Druck der Selbstkritik, dem sich Ulrike Meinhof ebenso fanatisch wie selbstzerstörerisch aussetzt, sich von ihrem verachteten bürgerlichen Leben loszusagen, [g]ehörten zu dieser „scheiße“ nicht auch die Schuldgefühle, die sie befielen, wenn sie an ihre Töchter dachte?

Distanz zur Mythologisierung einer Terroristin

Ehemalige Weggefährten wollten, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, jenseits aller Klischees, an eine Ulrike Meinhof erinnern, wie sie wirklich war. Die Erinnerungen blieben aber merkwürdig blass und kamen selbst über Klischees nicht hinaus, eine allgemeine Zustandsbeschreibung, die sich noch immer kaum verändert hat. Alois Prinz hat einen durchdachten Ansatz gewählt, der ihn viele der Klischees hat vermeiden lassen, ohne rein anklagend oder polemisch zu werden, er gibt zu, er wäre ihr gern noch näher gekommen, hätte sie gern besser verstanden. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, als ob sie immer undeutlicher wird, es bleibt nur eine gewisse Ratlosigkeit. Dieses Eingeständnis mag ja für manchen Leser unbefriedigend sein, aber es beweist eine skeptische Aufrichtigkeit und bleibt fern von jeglicher falsch verstandener Solidarität.

Alois Prinz: Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof. Frankfurt/Main. Suhrkamp 2006.

An einer Biographie über Ulrike Meinhof haben sich schon andere versucht, unter anderem Mario Krebs. Eine Besprechung seines Buches findet sich hier: http://bene-a-rebours.blogspot.de/2015/07/ulrike-meinhof-ein-leben-im-widerspruch.html
 

Sonntag, 25. Januar 2015

Asimov / Silverberg: Der positronische Mann.

Ein Roboter möchte gerne ein Mensch werden. Selber schuld.
Zwei berühmte Autoren ihres Faches, Robert Silverberg und Isaac Asimov schreiben gemeinsam eine Geschichte über einen Maschinenmann, der seine menschliche Seite entdecken möchte. Klingt wie ein Science-Fiction-Bildungsroman, ist aber ein anstrengender Thesenroman.
Englische Originalausgabe:
The Positronic Man

Thesen zum Thesenroman

Das Genre des Thesenromans ist, wenn man es so ausdrücken möchte, „speziell“. Oder mit anderen Worten: sperrig. Der Autor möchte eine oft grundlegende Ansicht – oder was er dafür hält – seinem Publikum nahe bringen, weiß aber, dass Essays nicht gerade ein Verkaufsschlager sind. Also packt er seine Idee(n) in eine Handlung ein, um die Leserzahl zu erhöhen. Das ist keineswegs verwerflich, im Gegenteil. Leider führt es oft dazu, dass dem dabei entstandenen Werk seine essayistische Herkunft deutlich anzumerken ist. Die Geschichte wirkt konstruiert – oder überladen, z.B. durch monologische Redeanteile.

Der Besuch der alten Leier

Gerade dadurch wird das ursprüngliche Ziel – eine breitere Leserschaft – meist ebenso wenig erreicht. Nur wenige Autoren von Thesenromanen bleiben wirklich im Gedächtnis verankert, etwa Aldous Huxley, einer der raren Meister des Genres. Gelegentlich liegt es aber nicht an der faden Konstruktion der Handlung, sondern an der Schlichtheit der zugrunde liegenden These. Das berühmteste Beispiel hierfür ist kein Roman, sondern ein Drama: Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame. Geld macht korrupt! Das ist so überraschend wie fast schon tautologisch, aber natürlich deshalb eben auch nicht verkehrt. Und zumindest für jeden halbwegs intelligenten Menschen – etwa ab der dritten Klasse – nachvollziehbar. So verwundert auch nicht der andauernde Erfolg des Stückes.

Über Roboter und Menschen

Doch zu Asimov und Silverbergs Positronischem Mann, einer Ausarbeitung von Asimovs früherer Kurzgeschichte The Bicentennial Man – in deren Kürze wohl eher die berühmte Würze gelegen hat. Nun dient der Roman zweierlei: einmal der Veranschaulichung von Asimovs berühmten Robotergesetzen (die letztlich darauf hinauslaufen, Robotern den Menschen zu unterwerfen, bzw. sie unterworfen zu halten) und zweitens der Geschichte des einen ganz besonderen Roboters, der ein Mensch werden möchte.
Das ist natürlich ein altbekanntes Motiv aus dem Zauberer von Oz und der Klappentext des Taschenbuchs weist selbst auf Pinocchio hin, doch ein Märchen, wie es dort dann völlig absurderweise weiter heißt, ist Der positronische Mann sicher nicht.

Ein Apparat im Justizapparat

Denn dieser Roboter, eigentlich ein Standardmodell für den Haushaltsgebrauch, das aber durch irgendeinen nie erklärten Defekt außergewöhnliche Intelligenz und dadurch enorme Fähigkeiten entwickelt, die ihm den Menschen (seinen mechanischen Kollegen sowieso, die werden im Verlauf der Jahrzehnte eher dümmer – absichtlich) überlegen machen, folgt in seinem Bestreben nach Menschlichkeit nicht irgendwelchen philosophischen Vorbildern oder ähnlichem – nein, er klagt sich durch die Instanzen. Das ist... sehr menschlich, möchte man sagen, insbesondere auf dem nordamerikanischen Kontinent. Nur: sympathisch macht ihn das nicht, auch weil er irgendwann das System von Erpressung und Drohung im Justizsystem durchschaut – und selbst anwendet.

Spannungsvermeidung à la Asimov / Silverberg

Und das ist alles, Verzeihung, einfach furchtbar ermüdend, Plädoyers reihen sich an Plädoyers. Vieles Spannende bleibt unangetastet. So erfindet der Roboter, der immer mehr zu einem Androiden wird, zahlreiche Prothesen, die vor allem den Menschen zugute kommen – auch diese werden dadurch immer mehr zu Androiden. Das wird zwar angedeutet, aber nicht weiterverfolgt. Und die grundsätzlichen Regeln Asimovs, die wie gesagt nichts anderes sind als eine dauerhafte Unterdrückung der Roboter – was dem Ansinnen des Protagonisten naturgemäß völlig zuwiderläuft – werden nicht einmal diskutiert.

Mensch, Mensch

Der Grund dafür ist offensichtlich. An erster Stelle steht hier der Mensch. Warum sollte ein überlegener Androide ein Mensch werden wollen? Genau genommen ist das schließlich nur eine Spielart menschlicher Arroganz – von Menschen ausgedacht. Es fällt den Autoren auch schwer, diesen Wunsch plausibel zu machen, letztlich bliebe als Motiv nur reine Anpassung. Das ist vielleicht nachvollziehbar, aber wiederum erwärmt es einen nicht gerade für den Protagonisten. Einsamkeit wäre auch eine Motivation, aber der Roboter ist eher gefühlskalt – und es liegt ihm auch nicht daran, neue „Kollegen“ zu erschaffen, d.h. die grundsätzliche Position der Roboter zu verbessern.

Noch ein positronischer Mann

Data, der Androide aus Star Trek The Next Generation, hat den gleichen Wunsch wie Andrew Martin, der positronische Mann. Doch erstens liefert er dafür wesentlich bessere Gründe, er möchte die menschliche Natur verstehen – und erleben – können, dazu kann man stehen wie man will, und zweitens gibt es gegen diesen Wunsch des öfteren in der Serie auch kritische Gegenrede – wenn auch zumeist von eher fragwürdigen Figuren. In jedem Fall Data kommt Pinocchio weitaus näher als der humorlose Andrew Martin.
Der positronische Mann liefert, im Gegensatz zu einem gelungenen Thesenroman, keinen bedeutenden Beitrag zu einer Kontroverse, ob spätere Generationen sich an dieses Buch erinnern werden, wenn sie den ersten Androiden bauen, ist eher zweifelhaft. Und eigentlich auch gar nicht wünschenswert.

Isaac Asimov/Robert Silverberg: Der positronische Mann. Roman. Heyne: München 1998.