In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.
Ich möcht’ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und geh’n von Haus zu Haus.
Ich möcht’ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.
Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will —
Ich möcht’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!
Eichendorffs Gedicht wurde unter dem Titel "In einem kühlen Grunde" oft vertont, hier die Version Friedrick Glücks (1793-1840), vorgetragen vom berühmten Tenor Hermann Prey:
Deutschkurse für Flüchtlinge werden allerorten angeboten - allerdings habe ich immer öfter den Eindruck, dass Deutschkurse für Deutsche ähnlich notwendig sind.
Man darf sich getrost nicht wenig darüber verwundern, warum gerade den Menschen, die doch so ganz besonders deutsch empfinden, die deutsche Sprache offenbar bestenfalls dazu dient, sie überwiegend bis ins Unverständliche zu misshandeln. Viel Wert legen sie scheinbar nicht auf das so ziemlich einzige, was uns halbwegs vom Rest der Welt unterscheidet (und das auch nur zufällig und zeitbedingt, so alt ist unsere Sprache schließlich nicht).
Hier ein paar in Orthographie und Zeichensetzung unveränderte Beispiele aus Kommentarspalten einschlägiger Seiten - als Belege kann man es sich nicht ersparen, das groteske Deutsch nicht, die noch mieseren Aussagen leider auch nicht:
« Was
will er den wer greift den die Relionnsfreiheit an das er doch der ..... »
«das
letze was ich will einen araber zum nann lie ber bin ich tod ich gehe nicht
freiwillig in die hölle »
« Jeden
anderen Bügrger hätte mann schon mit Bewährung bestarft oder in die Klinik
eingewiesen, es gelten mittlerweile zwei Gesetzte ein für uns und ein für die
Flüchtlinge, am besten nicht wegschauen, sofort selber Handeln !!!!! »
« SIE
HABEN DIE MACHT ÜBER DIE ASYL; VERLOREN ! siet man ja schon alleine bei den
urteilen die sie verkünden fasst jeder wird frei gesprochen!!!egal was sie
verbrochen haben!!!!!!!! »
« Russland
Hat Charakter was Amiland nie gehabt hat (reservate für Indianer) Ami land
zeichnet für Brutalität Unmenschlichkeit und Geldgier , Europa hat Kultur Geschichte
und Wissen und hat sich selber im Griff wir brauchen keine ehemaligen
Glücksritter zu folgen di nur der Gier nach Gold und Unterjochung zum Ziel
Haben' wir Haben Kultur »
Als Anhänger des großen Hjelmslev scheint mir dies ein weiterer Beleg für seine These, dass sich Inhalt und Form bedingen, einfacher ausgedrückt: Geistiger Sondermüll erzeugt sprachlichen Sondermüll.
Zugegeben, es wäre auch nicht besser, wenn der oft menschenverachtende Inhalt sprachlich und rhetorisch brillant ausgedrückt wäre; eher schon muss man dann wohl dankbar dafür sein, dass sich die eigene Dummheit ungeschönt in der Nichtbeherrschung von Schreibutensilien und Tastaturen ausdrückt (es soll schließlich gewisse Leute geben, die auf Computermäusen ausrutschen). Man hat nicht den Eindruck, dass die abendländische Kultur von Menschen gerettet wird, die nicht mal das dafür nötige Handwerkszeug beherrschen und sich halbwegs in Wort und Schrift ausdrücken können (aber: "WIR HABEN KULTUR!" - ganz klar). Und dies ist keineswegs ein Phänomen, das nur sogenannte "bildungsferne Schichten" betrifft, Wut und Hass sind nicht nur schlechte Ratgeber, sondern auch erkennbar schlechte Rechtschreiber. Letztlich ein Symptom für die Unfähigkeit zur Selbstreflexion.
Carolin Kebekus hatte dies vor einiger Zeit bekanntlich bereits in einem Lied zusammengefasst:
Und noch eines lernt man daraus: nichts ist so verkehrt wie der Ausdruck "Grammar Nazi", beides ist offenkundig ein Widerspruch in sich, Grammatik und Nazis ist das gleiche Oxymoron wie Verstand und Nazis.
Unter dem Titel Escapade veröffentlichte die Schriftstellerin Evelyn Scott – den für ihre Flucht gewählten Decknamen hatte sie für ihre literarische Karriere behalten – 1923 ihr „Fragment einer Autobiographie“. Obwohl noch sehr jung, fehlte es ihr dafür gewiss nicht an Stoff: noch nicht volljährig, war sie eine Liaison mit einem weitaus älteren Mann eingegangen, der noch dazu verheiratet war. Gemeinsam flohen sie vor dem gesellschaftlichen Druck der US-amerikanischen Südstaaten nach Brasilien.
Hintergründe einer Flucht
Wenn er nicht tatsächlich stattgefunden hätte, so hätte man diesen „plot“ gewissermaßen erst erfinden müssen: so böte sich die Möglichkeit zu einer dramatischen Abenteuergeschichte. Doch Evelyn Scott, eigentlich die in Tennessee 1893 geborene Elsie Dunn, hat keinerlei Neigung zu Romantizismus, wie man ihr zugute halten muss, dafür war sie schon zu früh eine Kämpferin für ihre eigenen und die Rechte der Frau im allgemeinen, wohl nicht zur Freude ihrer einst finanziell gutausgestatteten, aber nun im sozialen Abstieg befindlichen Familie.
1912 folgte der Skandal, Ausgangspunkt der titelgebenden Flucht: Elsie brennt mit dem verheirateten Dozenten ihrer Universität in New Orléans durch. Auch wenn es im Buch, wo die genauen Umstände (wohlweislich) ohnehin nie genau erwähnt werden, stets klingt, als seien Elsie – fortan Evelyn Scott – und ihr Geliebter Opfer verbohrter Südstaatenmoral geworden, sollte man dies durchaus kritischer sehen. Zum Zeitpunkt ihrer Flucht war Elsie/Evelyn noch nicht volljährig (das wäre sie erst mit 21 gewesen) – es spräche folglich eher gegen die Eltern, wenn sie das so einfach hingenommen hätten. Wenig verantwortungsvoll zeigen sich beide Flüchtende auch, als Evelyn schon wenige Wochen nach der Ankunft in Brasilien schwanger wird.
Evelyn Scott: Auf der Flucht.
Ein Leben am Rande des Abgrunds
Denn die Zukunft ist alles andere als aussichtsreich und die beiden agieren – teils gezwungenermaßen – eher planlos: ohne Papiere (da sie in den USA nun auch polizeilich verfolgt werden), ohne Arbeit, ohne große Portugiesischkenntnisse. Das entbehrungsreiche Leben in der Fremde ist dann auch das eigentliche Thema des Buches. John – so das Pseudonym des Geliebten – schlägt sich mit Vertreter-Jobs durch, Evelyn hat mit ihrer Schwangerschaft, den heruntergekommenen Verhältnissen und ständigen Wohnungswechseln zu kämpfen. Die Geburt des Sohnes führt zusätzlich auch noch zu schweren gesundheitlichen Komplikationen, eine weitere Belastung ist die später hinzukommende „Tante“ Nannette (eine literarische Verschiebung – eigentlich war es ihre Mutter).
Der böse Blick einer gedemütigten Frau
Gerade diese Nannette ist ein Bild der Unangepaßtheit im fremden Land. Unfähig zur Selbständigkeit, dem früheren aristokratischen Status in geordneten Verhältnissen nachtrauernd, macht Nannette die anderen – insbesondere John – für ihren Abstieg verantwortlich und kommt körperlich wie geistig immer mehr herunter. Dafür wird sie von Evelyn verachtet – was nicht verwundert, denn Evelyn verachtet so ziemlich jeden. Und ihr zunehmender Hass auf Nannette begründet sich nicht wenig damit, dass diese ein gutes Spiegelbild ihrer selbst ist, auch wenn es sicher nicht ihr Vorhaben war, dies durch ihren Text nur allzu deutlich werden zu lassen.
Land der Fremde, Land der Abscheu
Denn es ist Evelyn selbst, die gegenüber ihrem Gastland und dessen Einwohnern einen geradezu herablassend-aristokratischen Standpunkt einnimmt. Portugiesisch lernt sie selbst nie halbwegs ausreichend (selbst die portugiesischen Textstellen strotzen noch von Fehlern). Die Brasilianer sind häßliche, stumpfe, niederträchtige Personen, ob männlich oder weiblich, das ganze Milieu ist geprägt von Widerlichkeit und Ekelerregendem, Positives findet sich so gut wie nicht. Ich möchte die ganze Welt mit meinem Leid vergiften. Ich möchte die Menschen mit der Krankheit unserer Niederlage anstecken. Das sind immerhin unverhohlen ehrliche Sätze. Gleichzeitig sprechen sie Evelyn Scott von einem eventuellen Rassismusverdacht frei – verachtenswert oder bestenfalls gleichgültig sind nicht die Lateinamerikaner, sondern einfach alle Menschen. Und in ihren lichteren Moment nimmt sie sich selbst davon nicht aus.
Die innere Kälte im warmen Süden
Dies scheint Scotts generelles Problem zu sein: das Buch läßt ein eklatantes Desinteresse an den Mitmenschen spüren, ständig tauchen Figuren neu auf, verschwinden aber ebenso abrupt wieder. Selbst die Beziehung zum Sohn ist merkbar distanziert. Der einzige Säulenheilige ist John, hier ist der Text auch alles andere als emanzipiert. So gesehen ist das Buch eine sehr offene Autobiographie – nach einem gescheiterten Experiment als Farmer findet John eine Anstellung bei einer Minenfirma. Damit endet das Buch – und auch die „Leidenszeit“ in Brasilien. Nachzutragen ist, dass Evelyn Scott später, fast erwartungsgemäß, zu allen Beteiligten ein mehr als distanziertes Verhältnis unterhält: Die Beziehung mit John geht in die Brüche, zur Mutter besteht jahrelang kein Kontakt, und der Sohn wird seine desinteressierte Mutter glühend hassen.
Eine autobiographische Demontage
Evelyn Scott, die 1963 relativ vergessen in New York starb, mag eine ernstzunehmende und achtenswerte Literatin gewesen sein, mit Auf der Flucht bringt sie sich für uneinvorgenommene Leserinnen und Leserin nicht gerade in Sympathieverdacht. Das Abenteuer einer weiblichen Selbstbehauptung, wie es der Klappentext nennt, erscheint eher wie die „Eskapade“ einer eher rücksichtlosen jungen Frau mit wenig Verantwortungsgefühl, neudeutsch: ein Egotrip.
Evelyn Scott: Auf der Flucht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.
De viris illustribus, „Von berühmten Männern“, gelegentlich auch kurz als Vitae, „Leben“, bekannt, ist das berühmteste Werk des römischen Autors Cornelius Nepos, doch nur Bruchstücke der Sammlung an Biographien sind überliefert. Der umfängliche Rest seiner sonstigen Schriften ging sogar leider völlig verloren.
Cornelius Nepos, ein Dichter in den Wirren des Bürgerkrieges
„Wem nun schenk ich das neue nette Büchlein, / Das vom trockenen Bimsstein grad’ geglättet? / Dir, Cornelius“ so begann Catull seine berühmte Sammlung an Gedichten und widmete sie hiermit seinem Freund Cornelius Nepos, der ihn auch eifrig förderte. Beide stammten aus Oberitalien, doch sonst ist wenig aus der Biographie des Biographen Nepos bekannt, nicht einmal sein Vorname. Er wurde vermutlich gegen 100 v.Chr. geboren und starb irgendwann kurz nach 27.v.Chr.
In diesen Zeitrahmen fielen zahlreiche Bürgerkriege, Rom wandelte sich von der senatorischen Republik zur Monarchie des Prinzipats. Doch Nepos, dem Ritterstand zugehörig, verfuhr offenkundig eine politisch kluge Haltung, die darin bestand, sich aus den Untiefen der Parteiungen herauszuhalten. Dies ermöglichte ihm, so wird vermutet, sein nicht unbeträchtliches Vermögen, das ihm auch die Muse zum Verfassen zahlreicher Schriften gab.
Die Werke des Cornelius Nepos
Berühmt wurde Nepos bei seinen Zeitgenossen durch ein umfangreiches Geschichtswerk in drei Bänden, Chronica genannt, welches den bisher unbekannten Versuch unternahm, neben der römischen auch die Geschichte anderer Völker darzustellen. „Damals, als Du als einz’ger Römer kühnlich / Weltgeschichte uns lehrtest in drei Büchern“, lobte ihn Catull in dem Widmungsgedicht, der die Bedeutung dieses Unternehmens durchaus einzuschätzen wusste. Doch ging das Werk mit dem Untergang des Römischen Reiches verloren.
Ebenso wenig auf uns gekommen ist Nepos’ Sammlung an Anekdoten und Geschichtchen, die Exempla, ein bei den Römern extrem beliebtes Genre. Verschwunden auch die Biographien Catos und seines Zeitgenossen und Brieffreundes Cicero (der Briefwechsel erlitt dasselbe Schicksal) und als wäre die Verlustgeschichte des Nepos’schen Oeuvres damit nicht schon dramatisch genug, besitzen wir auch vom einzig erhaltenen werk nur Bruchteile.
De viris illustribus: eine neue Form der Biographie
Ursprünglich umfassten diese Doppel-Biographien jeweils Abteilungen zu Feldherren, Dichtern, Königen, Rednern, Historikern und Grammatikern, so wird vermutet. Auf berühmte Ausländer, überwiegend Griechen, folgte stets die gleiche Anzahl an Römern. Doch die überlieferten Bruchstücke umfassen heute lediglich noch die ausländischen Feldherrn und zwei der römischen Historiker, Cato (d.Ä.) und Atticus, einem Freund des Nepos.
Was blieb füllt heute im wahrsten Sinne des Wortes nur noch ein schmales Reclam-Bändchen - eine, dies sei hier angemerkt, dankenswerterweise zweisprachige Ausgabe, denn die Übersetzung erlaubt sich gelegentlich absurde Ausrutscher, die etwas zuviel an Nachgiebigkeit gegenüber dem Zeitgeist verraten, aus nulla doctrina wird beispielsweise „ohne eigentlich wissenschaftlichen Touch“ in der Biographie des Cato.
Der zweifach verkannte Nepos
In dieser etwas verkrampften Anbiederung an eine vermeintlich moderne Ausdrucksweise liegt wohl der durchaus respektable Versuch, Cornelius Nepos wieder zu größerer Anerkennung zu verhelfen, die er insbesondere gerade aufgrund seiner Lesbarkeit verdient hat, die auch durch die angenehme Form der Kurzbiographien erleichtert wird. Den Nepos’ Werk hatte nicht nur die Verstümmelungen der Spätantike zu überstehen, sondern litt auch darunter, dass die Feldherrenbiographien ab diesem Zeitpunkt fälschlich einem anderen Autoren zugeschrieben wurden. Erst in der Renaissance gelang die richtige Zuschreibung.
Ab dieser Zeit war Nepos, aufgrund der genannten Eigenschaften ein beliebter Schulautor besonders für Lateineinsteiger. Dies wiederum machte ihn den Altphilologen des späten 19.Jahrhunderts verdächtig, verächtlich blickten die maßgeblichen Latinisten auf den einfachen Stil und den vermeintlich laxen Umgang mit Fakten, Nepos Stern verblasste neben seinen Freunden Cicero und Catull, fortan galt er als zweitrangig oder gar als reiner Lexikonartikelschreiber.
Rehabilitation eines innovativen Schriftstellers
Von dieser geradezu arroganten Sichtweise ist man längst wieder abgerückt. Nepos wurde als typisch römischer Geschichtsschreiber, dem das dramatisch pointierte Erzählen und Darstellen von Personen wichtiger war als der historistische Positivismus des 19.Jahrhunderts. Und vor allem würdigte man nun Nepos’ innovatives Vorhaben, genuin römische Biographik zu betreiben, die sich von den griechischen Vorbildern abhob. Auch hier beschritt er also, wie schon mit seinem Geschichtswerk, einen neuen, eigenständigen Weg, auf dem ihm zum Beispiel Sueton mit seinen Kaiserbiographien später folgen sollte. Und wie diese sind auch die Lebensbeschreibungen des Cornelius Nepos auch nach über zweitausend Jahren noch immer eine unterhaltsame Lektüre.
Buch: Zack
Snyder, Kurt Johnstad, Michael B. Gordon; nach der Comic-Vorlage von Frank
Miller und Lynn Varley
DarstellerInnen:
Gerard Butler (Leonidas), David Wenham (Dilios, Erzähler), Lena
Headey (Gorgo); Dominic West (Theron), Vincent Regan (Hauptmann
Artemis), Andrew Tiernan (Ephialtes), Rodrigo Santoro (Xerxes),
Michael Fassbender (Stelios) u.v.m.
Schon die
Reagan-Jahre haben einst ihre bluttriefenden Filmikonen hervorgebracht, muskel-
und waffenbepackte Einzelkämpfertypen, eher ohne Diplom aus Harvard oder
Princeton, auch ohne Aston Martin und Smoking, die ihre Version des Kalten
Krieges handgreiflich auslebten – und dafür heute eher belächelt denn bewundert
werden. Die 2000er Jahre aber brachten eine seltsame Welle von groß
aufgemachten Historienschinken hervor, die nur vordergründig an Ridley Scotts
Sandalenfilmwiederbelebungsversuch Gladiator
(2000) anknüpften. Werken wie Troja
(Wolfgang Petersen, 2004), Alexander
(Oliver Stone, 2004) oder auch Königreich
der Himmel (Ridley Scott, 2005) war vor allem – bei unterschiedlichsten
Ausprägungen – eines gemein: hier kämpfte der Westen gegen den Osten. Den Nahen
Osten, könnte man sogar sagen.
300 möchte man nicht den
Höhepunkt dieses Subgenres nennen – sofern man wenigstens etwas Respekt vor den
Regisseuren der anderen Filme hat. Doch auch Tiefpunkt trifft es nicht, denn
dieser Streifen verinnerlicht alle Symptome des noch zu Erläuternden, womöglich
ist darum der Begriff Kulminationspunkt noch der beste Kompromiss. Die Welle
hat schließlich auch nicht mehr lange weiterexistiert, was in diesem Fall das
wenig bedauerliche natürliche Schicksal von Wellen ist. 300 basiert auf einem – gleichnamigen – Comic aus dem Jahre 1999
des für Verfilmungen recht beliebten Frank Miller (Zeichnungen: Lynn Varley),
einem Autor, der sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, noch die
pessimistischstem Befürchtungen der Herren Adorno und Horkheimer, die diese in
ihrer Dialektik der Aufklärung über
Comics hegten, zu bestätigen. Waren die doch der Meinung, die gezeichneten
Geschichten dienten insbesondere dazu, schon die Jugend langsam an die
Selbstverständlichkeit von Gewalt heranzuziehen. In Millers Comics läuft das
Blut in Strömen, beziehungsweise spritzt umher, daran hat er unleugbar
irgendein nicht näher durchschaubares Vergnügen, welches er nicht einmal mit
irgendeinem Pseudoargument verklausuliert. Was bietet sich also besser an als
die Geschichte eines deutlich überschaubaren Massakers aus der Historie? Noch
dazu eines, wo die als „die Guten“ Angesehenen sich opfervoll hinmetzeln
lassen.
Die Schlacht der persischen Übermacht gegen eine kleine spartanische
Truppe bei den Thermopylen ist Mythos im doppelten Sinn: noch heute präsent als
aufopferungsvolle Tat für einen höheren Sinn – die Rettung Griechenlands –
spricht der Althistoriker Ernst Baltrusch dagegen nüchtern und relativierend
von einem Kampf, der nicht
kriegsentscheidend, wohl aber legendenbildend war. Eine Legende, die vor
allem einen Nutznießer hatte: Sparta. Besiegt wurden die Perser durch
gemeinsame Aktionen der griechischen Völker, aber diese wiederum unterlagen
bald selbst der Hegemonie der durchmilitarisierten Herrschaft Spartas. Und
selbst ein besiegter und intelligenter Geschichtsschreiber wie Thukydides lässt
gelegentliche Bewunderung für diese Form von Autorität durchscheinen. Die
Bewunderung dieses Vorbilds – und Vorgängers – wuchs aber gerade unter den
Antidemokraten des 19. und 20.Jahrhunderts und hat offensichtlich wenig von
ihrer Faszination auch im 21. verloren. Baltrusch urteilt – hier später noch
ausführlicher zu Behandelndes – vorwegnehmend: Diese freie griechische Stadt lebte nach dem Grundsatz:Der einzelne ist nichts, das Vaterland, die
Stadt ist alles. Erziehung, Wirtschaft, Kultur, Religion fügten sich in die
Idee des Staates ein – Sparta war der erste totalitäre Staat der Weltgeschichte
und damit Vorbild auch für moderne Vertreter dieser Gattung.
An der Jahrtausendschwelle macht sich nun jemand die Mühe, eine weitere
Interpretation des Geschichtsmythos zu liefern. Frank Miller mit seinem Comic 300. Eine Interpretation, wohl gemerkt,
keine Geschichtsaufbereitung für Historiker, orientiert zwar an der
historischen Überlieferung, aber nicht kritisierbar für eventuelle Abweichungen
von den derzeitigen historischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, schließlich
handelt es sich um ein – wie auch immer zu wertendes –Kunstwerk. Der Vorwurf der
Geschichtsklitterung ist ein gefährliches Spiel in solchen Fällen, andererseits
kann es natürlich nicht ausbleiben, auf die Auslassung oder Hinzufügung
bestimmter – allgemein bekannter – Überlieferungen hinzuweisen, denn
Akzentuierung und Auslassung sind bereits künstlerische Verfahren. Ein
einfaches Beispiel: die Verfassung des spartanischen Staates beinhaltete eine Doppelkönigsherrschaft,
die eine gegenseitige Kontrolle ermöglichte, aber auch ein Ausfallen der
Führung verhindern sollte, wenn einer der beiden im Kampf fiel, noch dazu war
deren Macht durch bestimmte andere Institutionen teils eingeschränkt, etwa auf
religiösem Gebiet. Im Comic und im Film gibt es nur einen König – Leonidas –
die einschränkenden Elemente sind noch rudimentär vorhanden, der Rat und die
Ephoren, werden von ihm aber ignoriert. Die Konzentration auf eine maßgebliche
Führungsfigur ist ein stilistisches Mittel, die das Erzählen erleichtert,
gleichzeitig evoziert sie aber ein noch viel stärker autoritäres Bild als
ohnehin. Gewollt oder ungewollt – wer diese Vereinfachung vornimmt, muss sich
ihrer Wirkung bewusst sein (und man darf davon ausgehen, dass dies der Fall
ist). Noch dazu, da Leonidas eine ‚reine’ Figur bleibt – während seine
innenpolitischen Gegner (von seinen außenpolitischen gar nicht zu sprechen)
sich als korrupt und verräterisch herausstellen werden.
Einführend schildern Film und Comic in Lagerfeuergeschichten die Vorzüge
der spartanischen Erziehung, illustriert vom Erzähler an der Jugend des Königs
Leonidas: setze im Winter halbnackte zehnjährige Kinder aus, damit sie vom Wolf
gefressen werden oder auch nicht. Wer das übersteht, hat sich bewährt und darf
später mit diesem Spielchen weitermachen, nur nicht mit Wölfen, sondern
Menschen. Leonidas übersteht diesen Männlichkeitsmythos keineswegs überraschend
bravourös, im Film darf er sich vorher noch – rein erziehungspsychologisch
natürlich – von seinen Lehrern durchprügeln lassen, dafür aber immerhin mit dem
groteskesten Wolf seit Joe Dantes The
Howling herumschlagen; wozu einerseits zu sagen wäre, dass Snyders Film
alle Tiere bis hin zur – Verzeihung – Albernheit computeranimiert verzerrt, ihm
dafür aber andererseits die sympathische ironische Haltung Dantes gegenüber
seinem eigenen Werk völlig abgeht. Snyder lässt nicht erkennen, dass er die
Herausstellung von Krieg als Lebensziel bereits für Kinder und äußerste
Brutalität als Erziehungsmittel auch nur im Ansatz hinterfragt, indem er sie
etwa ironisiert, stattdessen wird bei ihm der Ausbildung zu finest (!) soldiers noch zusätzlich extra Platz eingeräumt, der Kampf mit dem
Wolf durch Chöre heroisierend untermalt. Man darf es in dieser Logik für
angemessen halten, dass Verhätschelung zukünftigen Schlachtviehs nicht
angebracht ist: Sparta needs sons,
von Töchtern ist weder im Comic noch im Film je die Rede, diese existieren
bestenfalls – wie auch in dieser Bemerkung Leonidas’ – als zur Fortpflanzung
notwendige Existenzen für die nächste Generation von Kriegern.
Der Feind im Innern, ein klassisches Schema, ist ein beliebter Popanz,
der von Regierungen, die am Abbau demokratischer Prinzipien interessiert sind,
gerne aufgeblasen wird – aufgeblasen, da er oft eine reale Grundlage haben
kann, die jedoch überproportional in eine Angstmaschinerie umgesetzt wird. Das
machen auch und gerade demokratische Herrscher, die Beispiele aus jüngster Zeit
sind überreichlich. Die logischen Konsequenzen solcher falscher Relationen
wirken ähnlich einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die Einschränkung
von Rechten erhöht für gewöhnlich das Potential zu innerem Widerstand (der,
darüber braucht man sich keine Illusionen zu machen, wiederum nur von einer
kleinen Gruppe getragen wird). Trotzdem ist der äußere Feind naturgemäß ein
viel besser Kitt für die eigene Gemeinschaft, für Beschwörungen von
Zusammenhalt, zur Unterdrückung von abweichenden Meinungen als zersetzend
angesichts der Gefahr, zu Aufrüstung und Primat des Militärischen. Berechtigter
historischer Einwand: Xerxes und die Perser waren kein imaginierter Feind,
sondern eine konkrete Bedrohung für Sparta und Griechenland. Unzweifelhaft.
Zweifelhafter dagegen sind schon die angeblichen Alternativen: das „freie“
Sparta – dazu später noch mehr – und der Völkerunterdrücker Xerxes. Sparta war
eine unabhängige, sich selbst verwaltende Gemeinde in Griechenland, daher der
Ausdruck „frei“ (der sie also von tributpflichtigen Städten unterschied). Mit
einer freien (offenen) Gesellschaft in modernen Sinn hat dies nichts zu tun
(das würde man als halbwegs historisch bewanderter Zeitgenosse wohl auch kaum
vermuten, doch Buch und Film versuchen hier eine – noch zu zeigende –
Umdeutung). Xerxes unterdrückt ganze Völker, die Spartaner unterdrücken
Nachbarstädte – und die überwiegende Mehrheit der eigenen Bevölkerung, was
Miller und Snyder überhaupt nicht erwähnen. Während die Perser die
unterworfenen Völker integrieren – wenn auch nur durch imperialistischen Zwang
– ist die Gesellschaft Spartas extrem xenophob nach außen und in der grotesken
Situation, dass die Eliten der Stadt ständig in Angst leben vor der eigenen
Bevölkerung. Was die kontrafaktische Frage erlaubt, ob vielleicht nicht ein
Gutteil der von Sparta Beherrschten lieber unter dem Perser Xerxes als dem
kleineren Übel gelebt hätte; um ihre ‚Freiheit’ war es nämlich nicht sehr gut
bestellt.
Damit halten sich Film und Comic natürlich nicht auf. Dort ist der Perser
mit seiner gigantischen Armee aus tausend Völkern, wie es immer heißt, der
undifferenzierte Feind schlechthin. In der Charakterisierung von Gegnern sind
alle an einem Krieg Beteiligten stets wenig einfallsreich: wichtig ist die
Abwertung, um das Gewissen der eigenen Kämpfer von vorneherein zu erleichtern.
Darum setzt man den Feind auf die niedrigere Stufe des Tieres herab: ständig
ist vom enemy als beast die Rede. Das ist klassisch.
Ähnlich die Zuschreibung gewisser dämonischer Eigenschaften des Feindes, die
weniger auf seine Fähigkeiten abzielen, sondern ähnlich der Vertierung den
Aspekt der Nicht-Menschlichkeit erhöhen – aber auch das eigene Prestige, sich
gegen eigentlich überirdisch unbesiegbare Dämonen durchzusetzen (oder als
vorweggenomme Entschuldigung für eine Niederlage). Deshalb bezeichnet Leonidas
die Perser auch als würdige Gegner für einen beautiful death – allerdings weniger den persischen Soldaten an
sich (der kaum etwas von spartanischer Würde vorzuweisen hat), sondern eher die
ungleich verteilte schiere Masse. Der Film überdreht – wie gehabt – diese
buchstäbliche Dämonisierung ein weiteres Mal ins Albern-Groteske, indem er die
persischen Soldaten tatsächlich ‚entmenschlicht’, hinter den Masken der Immortals verbergen sich Gestalten aus
dem Horrorfilmrepertoire, dazu kämpfen in den Reihen der riesigen Armee
Freak-Gestalten in Form meterhoher Muskelberge oder Henkersknechte mit
Messerarmen. Auch hier also wieder Ab-Normes auf rein körperlicher Ebene.
Auch die Diffamierung des Feindes als effeminiert ist ein klassischer
Topos (der z.B. wenig ins Bild vom würdigen Gegner passt). Die Perser – vor
allem ihre Boten – sind goldkettenbehängt, geschminkt, gepierct und tragen
bunte Klamotten. Die Überhöhung des Ganzen ist Xerxes selbst, dessen
körperliche Größe (mit der er dann auch wirklich an einen Popanz erinnert) und
im Film zusätzlich durch seine grotesk tiefe Stimme völlig mit seinem
weibischen Auftreten kontrastiert. Im Vergleich mit dem durchtrainierten
makellosen Muskelmann Leonidas, dessen einziger Schmuck seine Narben (und das
Amulett seiner Frau) sind, ist Xerxes mit seinen akkurat gestylten Augenbrauen
nicht mehr als eine Witzfigur. Leonidas legitimiert sich schon durch sein
Aussehen und Auftreten – nie verliert er die Contenance – als wahre
Führerfigur, Xerxes ist ein Herrscher, dessen Macht lediglich auf Gewalt und
Angst basiert, wie ihm der Spartaner (der wissen muss, wovon er spricht), des
öfteren vorhält. Xerxes kämpft auch nicht selbst, geschweige denn, dass er mit
seinen Mannen lagert; er gibt sich lieber Orgien im Fürstenzelt hin.
Es gibt ein Charakteristikum der Perser, dass nicht traditionell, sondern
symptomatisch für Entstehung von Comic und Film ist – weshalb der Film es auch
wesentlich deutlicher herausstellt. Tierisch, dämonisch, effeminiert, das sind,
wie gesagt, klassische Zuschreibungen, um einen Feind zu diffamieren. Dies zu
kombinieren ist auch nicht unbedingt originell, all das wieder aufzugreifen und
neu in Szene zu setzen lässt schon tief blicken, doch die vierte Kategorie
verrät noch mehr über zugrunde liegende Motivation: die Perser sehen nicht
wirklich aus wie antike Perser. Damit sind naturgemäß nicht die grotesken
Einzelfiguren gemeint, auch nicht die fehlende historische Akkuratesse von
Waffen und Uniformen, sondern die ganz einfache Darstellung der persischen
Soldaten, die wenig haben von antiken Personen aus dieser Region. Ihr Aussehen
ist vor allem fremdartig – und dann doch wieder nicht: das Heer des Xerxes
scheint zu bestehen aus Arabern, Tuareg, mittelalterlichen Sarazenen,
männlichen Burkaträgerinnen (man sehe sich die Szene an, in der die Boten in
den Brunnen stürzen), Indochinesen und afrikanischen Voodoopriestern. Wie es
letztere beide Völkerschaften in Xerxes’ Heer geschafft haben, soll jemand
anderes untersuchen, der Trend ist klar: besser könnte man den neuen Ost-West-Kontrast
kaum darstellen; einziger Fehler des Ganzen, noch sind die vereinigten Völker keine Muslime (immerhin aber sehen
sie schon so aus). Aber sie sind jetzt schon Vertreter einer world of mysticism and tyranny, wie der
Erzähler am Ende des Films noch einmal erinnert und nur gut, dass die weißen
Muskelmänner aus Griechenland sie gerade noch einmal aufgehalten haben. Dass
gerade Sparta auf genau dem gleichen Prinzip basiert – egal. Dass die Perser
ein religiös sehr tolerantes Volk gewesen sind, wie jeder brave christliche
Bibelleser wissen könnte – Schwamm drüber.
Der Feind aus dem Nahen Osten ist also nicht nur vertiert, dämonisch,
weibisch und dann auch noch eine Art prämuslimischer Anhänger einer
undurchschaubaren Religion, er ist, nicht zu vergessen, überwiegend auch noch
körperlich ab-norm, trotzdem lasziv und promisk – wie das Feldlager des Xerxes
unterstreicht – und kurioserweise auch ‚tyrannisch’. Da Leser und Zuschauer
über die Hintergründe des spartanischen Staates nichts vermittelt wird, erscheint
dies dem Unbedarften auch einsichtig, wie das nun einmal ist bei einseitigen
Zuschreibungen. Doch auch rein inhärent müsste man sich fragen, ob der Aspekt
des Brutalen, der zur Tyrannei gehört, ein Privileg der Perser sein soll.
Zugestanden, es ist schwierig, Nuancen auszumachen in einem Werk – es gilt für
beide Medien – das in Brutalitäten schwelgt. Der Film bringt es dabei
allerdings fertig, das Töten von Menschen als ästhetische Tanzchoreographie
darzustellen – was dann durch die Unterlegung mit elektronischen Gitarrenriffs
allerdings ungewollt noch lächerlicher wirkt als ohnehin. Eine genauere
Betrachtung zeigt recht schnell, dass die Spartaner an Grausamkeit nicht nur
mit den Perser mithalten können, sondern sie diese bei weitem übertreffen. Dank
der vorhandenen Masse scheint Xerxes, offenkundig ein antiker Mao, ein
Menschenleben wenig wert. Doch gilt dies für Leonidas nicht weniger, auch wenn
er gerade keine Masse zur Verfügung hat. Mitleid mit dem oder Respekt für (ja
angeblich würdigen) Gegner ist von ihm nicht zu erwarten, aber diesen Vorwurf
müssen sich vermutlich viele Militärs aller Ränge gefallen lassen. Leonidas hat
aber auch kein Mitleid mit seinen eigenen Untergebenen.
Ihre krude Philosophie verkünden Comic und Film in erstaunlicher Offenheit.
Leonidas bedauert grüblerisch, dass er seine Leute in den sicheren Tod führt –
ein Anflug von Selbstzweifel? Keineswegs,
his only regret ist that he has only so few to sacrifice (Hervorhebung im
Original). Das Zitat wiederholt im gleichen Wortlaut auch der Film.
Unverkennbar ist es wichtig. Dass der Spartaner ab Geburt als zukünftiges
menschliches Schlacht-Vieh betrachtet wird und eigentlich kein Lebensziel,
sondern nur ein Todesziel (beautiful
death) hat, wurde schon mehrfach betont. Die höchste Form ist das Opfer, an
individuellem Leben ist niemand interessiert. Dann darf man allerdings die
nicht ganz unberechtigte Frage stellen: wofür? Hinter dem Phrasen-Blabla vom
Vaterland und der freien Stadt kann für den eigenen zumindest mit halbwegs Denkvermögen
ausgestatteten nichts stecken als eine abstrakte Aporie: da der Mensch seinen
höchsten Wert nur als Opfer bestätigen kann, wird er dieses Opfer suchen – wie
auch seine Söhne und so fort. Wer nicht als Opfer endet, ist folglich eine eher
minderwertige Figur. Bleibt insgesamt eine Gesellschaft aus ständigen Märtyrern
und zurückbleibenden Zweitrangigen. Solch ein absurdes System ist weder
tragfähig noch wünschenswert – aber geradezu ein Prototyp totalitären Denkens. Wenn sich das deutsche Volk als das schwächere
erwiesen hat...
Kurzum: ein Menschenleben ist keinen Pfifferling wert – sicher, auch der
Film möchte nicht auf das beliebte Diktatorenmotiv vom kleinen Kind, das die an
die Front ziehenden Spartaner in die Arme schließen, verzichten, aber ansonsten
reiht sich eine Floskel aus dem Wörterbuch des zynischen Menschenverächters an
die andere: trained...bred...born...to do:
töten. No prisoners. No mercy. A good start. – Spartans
never retreat! Spartans never
surrender! Und die Worte des Captains
nach dem Tod seines Sohnes: Heart? I have filled my heart with hate.Worauf Leonidas lakonisch antwortet: Good. Und erneut sind sich Comic und
Film in der Betonung einer Szene besonders einig; selten dürften in populären
Medien als positiv dargestellte Helden solch einen Gipfelpunkt an Zynismus
erreicht haben wie Leonidas und sein Captain,
die nach einem der zahlreichen Gemetzel einen angenehmen Plausch führen
inmitten der am Boden liegenden Gegner. Der König isst dabei genüsslich einen
Apfel, der Truppenführer sticht so nebenher die Perser ab, die noch
Lebenszeichen von sich geben. Man würde dies, sich einen negativen
Protagonisten vorstellend, für übelste Propaganda halten, doch hier sind es die
Helden, für die das Handwerk des Tötens eine Art Freizeitbeschäftigung geworden
ist. Um so schlimmer, dass sie dies offenkundig sogar auch noch bemerken, den
Leonidas goutiert diese Arbeit auch noch mit dem Bonmot: there’s no reason we can’t be civil, is there? Mit dieser
‚witzigen’ Bemerkung ist der geistige Tiefpunkt in einem an Tiefpunkten gewiss
nicht armen Machwerk dann auch endgültig erreicht.
Die schon erwähnte Idee vom ‚freien’ Sparta meint, wie schon angeführt,
nichts anderes als eine sich selbst verwaltende Stadt. Diese historische
Definition ist aber natürlich für den zeitgenössischen Konsumenten nicht die
präsente – und wird von Film und Buch auch nicht als solche gewollt. Der
Freiheitsbegriff wird hier anachronistisch modern interpretiert und nicht nur
mit den zeitgenössischen Implikationen versehen, sondern diese werden mehrfach
auch explizit formuliert. Am besten fasst dies die Rede der Königsgattin vor
dem Rat zusammen; die Unterstützung des Krieges – man achte hier bereits auf
den Zweck ihrer Rede! – diene der Durchsetzung folgender Prinzipien: Preservation of Liberty, Justice, Law and
Order, Reason und Hope, außerdem
der Abwendung von rubble and chaos.
Bis auf Hoffnung und – mit Abstrichen – Reason,
sind dies politische Forderungen. Auch im Comic wird Spartas Einsatz gern mit the world’s only hope for reason and justice
gerechtfertigt – hier ist man auch wieder bei der suggerierten Rettung des
Abendlandes. An anderer Stelle schwingen sich die Spartaner zum einzigen
Verteidiger der republics of Greece
auf, the only free men the world has ever
known. Historisch kann die freie Stadt Sparta keinem einzigen Punkt dieser
edlen Liste genüge tun, doch gerade die militaristisch-totalitäre Gesellschaft
zum Bannerträger von liberty und reason zu erheben ist keine
eigenwillige, sondern nur noch lächerliche Interpretation. Schon in den
demokratischen Gemeinden war es um die vermeintliche Freiheit vieler ihrer
Bürger nicht sehr gut bestellt, aber warum die Monarchie Sparta, was ja Film
und Buch nicht leugnen, sich gerade sorgen sollte um die Republiken, das
verstehe, wer will – vor allem da beide auch keinen Hehl machen aus der
Verachtung der Spartiaten für Athen und für ihre verbündeten Bürgerarmeen.
Jedoch ist Sinn und Zweck der unhaltbaren Charakterisierung Spartas als
Verteidiger der Freiheit und damit auch Sanktionierung für die gerechte
Grausamkeit mehr als offenkundig. Die Rede von Leonidas’ Frau klingt nämlich
alles andere als historisch, überzeugt werden soll nicht der Rat Spartas,
sondern der Zuschauer.
Sparta selbst und insbesondere die Schlacht bei den Thermopylen diente,
worauf schon aufmerksam gemacht wurde, gern als Vorbild für allerlei dubiose
Zwecke. Der wohl hierzulande bekannteste ist die Gleichsetzung dieser Schlacht
mit den Geschehnissen bei Stalingrad 1943 in einer Rede Hermann Görings an die
Deutschen und insbesondere die eingeschlossene Armee. Die Ansprache war auch in Stalingrad zu hören und wurde
dort als „Leichenrede“ aufgenommen. Göring, der versprochen hatte, Stalingrad
aus der Luft zu versorgen, scheute sich nicht, dieses militärische Desaster,
bei dem auf deutscher Seite über 200000 Soldaten ums Leben kamen und 90000 in
Gefangenschaft gingen, mit dem Kampf von Leonidas und seinen dreihundert
Spartanern gegen die Übermacht des Perserkönigs Xerxes zu vergleichen und mit
dem Kampf der Nibelungen – so der Historiker Peter Reichel. Über die
Abwegigkeit der Zusammenstellung dieser beiden (oder drei, noch dazu ist die
katastrophale letzte Nibelungenschlacht eine pure Fiktion) muss man weiter kein
Wort verlieren, allenfalls die blutig bezahlte Ironie der Geschichte, dass die
Thermopylenepisode – nach Baltruschs oben genannter Aussage – nicht
kriegsentscheidend war in einem Krieg, den die dort Unterlegenen noch gewannen,
während Stalingrad endgültig kriegsentscheidend war in einem Krieg, denn die
dort Unterlegenen verloren. Das dürfte kaum Görings Motivation gewesen sein.
Eine andere Propagandistin des Dritten Reiches wurde von einigen
Kritikern des Filmes des öfteren genannt, wenn es um die Ästhetik von 300 ging: Leni Riefenstahl. Inwiefern
dies berechtigt ist, soll hier nicht eingehender diskutiert werden, am
augenfälligsten ist es, wenn man den Vorwurf gelten lässt, wohl in der
Darstellung der männlichen Körper – natürlich nur der Spartaner. Doch die
Reduktion des Menschen auf seine unversehrte Körperlichkeit – die jeweils nur
der eigenen Gruppe zugesprochen wird – ist eher ein klassischer und sehr
allgemeiner Topos autoritären Denkens egal welcher Couleur. Es fällt natürlich
schwer, hier keinen Zusammenhang zu sehen zwischen der grundsätzlichen
Abhängigkeit von Form und Inhalt, d.h. die ästhetische Wiedergabe reflektiert
nur die inhaltlichen Grundlagen – und im Fall von 300 geschieht dies sehr unverblümt. Vielleicht rührt daher die
Gemeinsamkeit mit Riefenstahl. Wesentlich erstaunlicher – aber dann doch auch
wieder nicht – ist die komplette Ignoranz gegenüber einer durch die Historie
eigentlich desavouierten Ikonographie; von der man bestenfalls noch hoffen
kann, das sie einfach nur gedankenlos ist. Der Film übernimmt aus dem Comic die
Bilder einer von den Spartanern aufgebauten Mauer, die anfangs teils, später
überwiegend aus den Leichen ihrer Gegner aufgerichtet wird. Dass dies von den
Soldaten mit einer rein handwerklichen Akkuratheit und unter Begleitung
süffisanter Kommentare bewerkstelligt wird – während die Grausamkeit dieser
Idee sogar die Perser erschreckt – gehört zum üblichen zynischen Grundtenor von
Film und Buch. Dass weder Autor noch Regisseur die Ähnlichkeit dieses
Leichenhaufens mit den Bilder von Massengräbern oder KZ-Aufnahmen registrieren
– eine absichtliche Parallele will man ihnen nicht unterstellen, schließlich
handelt es sich hier um eine Tat der „Guten“ – ist vermutlich eines der
entlarvendsten Symptome beider Medien.
Was den Punkt der zur Schau gestellten Körperlichkeit angeht, wurde in
vielen Rezensionen kolportiert, der Film erfreue sich großer Beliebtheit bei
homosexuellen Männern. Inwiefern dies eine phantasievolle Unterstellung ist
oder ob tatsächlich genug Homosexuelle bereit waren, sich auf diese
oberflächliche Art zu vergnügen, sei dahingestellt, in jedem Fall setzt es eine
sehr unreflektierte Gleichsetzung von halb oder ganz nackter
Fitnessstudiomuskelprotz wirkt attraktiv auf schwule Männer voraus. Jedem
aufmerksamen Zuschauer wird kaum entgehen, dass der Film (dieser insbesondere,
der Comic nur nebenher) in seinen zahlreichen Kategorisierungen auch das
Homosexuelle auf die Seite des Ab-Normen stellt. Nicht nur ist die einzige
Sexszene heterosexuell und natürlich inner-spartanisch, in dem lasziven und
promisken Feldlager des Xerxes gibt es dagegen erotisches Kuddelmuddel, in dem
sich – auch ein Stereotyp von Männerphantasien – wohlgeformte Frauen küssen und
streicheln. Doch schon dieser Anstrich von Gleichgeschlechtlichkeit wird in der
für den Film typischen Weise diffamiert: die Gesichter der Frauen sind von
einem hässlichen Ausschlag zerfressen, wie sich auf den zweiten Blick zeigt.
Abweichende Sexualität wird eben durch Deformation bestraft – das galt schon
für die Ephoren, was nur unterstreicht, das ein weiteres Mal eine völlig
absurde Gleichsetzung vorgenommen wird: in die Reihe des Ab-Normen fallen nach
solch einfach strukturiertem Weltbild gleichzeitig Inzucht und Homosexualität.
Wem dies trotzdem noch zu subtil erscheinen mag, der kann es auch ganz offen
haben; Leonidas macht schon zu Beginn des Filmes keinen Hehl aus seiner
Verachtung für die athenischen boy-lovers.
Das ist natürlich spartanisch konsequent, da eine Gesellschaft, deren
Hauptzweck die stete Produktion einer Kriegerkaste ist, sexuelle
Normabweichungen nicht tolerieren kann.
Und so bleibt die grundlegende Frage, warum jemand gerade zu diesem
Zeitpunkt diese Geschichte der Spartaner und mit ihr den Thermopylenmythos
wieder ausgräbt – und in dieser Form umsetzt. Sprich heroisch, vorbildhaft,
unironisch, zweckverdichtet auf bestimmte Elemente – warum nicht distanziert,
dekonstruierend (was ja nicht weniger zeitgeistig wäre), skeptisch oder gar
parodistisch gebrochen. Warum die Wiedergabe einer ambivalenzlosen
Heldengeschichte, der noch dazu ein so langer historischer Rattenschwanz an
propagandistischen Missbrauch anhängt, auf dessen Pfade man ohne zu zögern
wieder einschwenkt. Millers Comic gibt das alles vor, schon 1998, Snyder setzt
es in ein Medium um, das noch größere Resonanz verspricht – die der Film auch
bekam, er war einer der erfolgreichsten des Jahres 2007. Allein das ist schon
Beweis genug, dass er Strömungen des Zeitgeistes aufnahm. Der Comic hatte
bereits Erfolg, dessen Gründe hinterfragt werden müssten, doch das Genre des
Comics hat allgemein Platz für allerlei subkulturell Toleriertes; und nicht
immer ist die Subkultur die Avantgarde progressiven Denkens. Millers Idee nahm
wohl damals bereits die latenten Ängste eines abendländisch-nahöstlichen
Großkonflikts auf, die ja längst nicht nur unter der Oberfläche kursierten;
Samuel Huntingtons späterer Bestseller war längst geschrieben, islamistische
Terroristen hatten ihre Zeichen bereits gesetzt. Snyder konnte dies für seine
Verfilmung nach dem 11.September natürlich bestens nutzen – denn nun war diese
drohende Auseinandersetzung keinesfalls mehr latent, sondern Alltag und
Wirklichkeit. Oder wurde zumindest so wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung
verstärken Filme wie die genannten Sandalenschinken, in dem sie eine scheinbare
historische Kausalität der Auseinandersetzung suggerierten (gewollt oder
ungewollt). Wer nicht soweit zurückgehen mochte, den erinnerte Ridley Scott mit
Black Hawk Down (2002) an die längst
bekannt gewesenen Gefahren islamistischen Terrors, indem er das Trauma der
Amerikaner 1993 in Mogadischu noch einmal sehr bildgewaltig in Szene setzte.
Und wer wollte, konnte darin auch noch zusätzlich das Scheitern der zu
‚weichen’ Politik des demokratischen Amtsvorgängers Bill Clinton erkennen. Kein
Wunder, dass Scott für seinen Film die Hilfe der US-Armee in Anspruch nehmen
durfte. 300 aber ist der uneinholbare
Exponent dieser Art von Filmen, er ist symptomatisch für die wirklich
verwerflichen Versuche der Bush-Jahre, unter dem Vorwand äußerer (und auch
innerer) Gefahr, Grundsätze der Demokratie, der Diplomatie und der
Menschenrechte abzubauen und preiszugeben, indem er dafür eine
populärästhetische Legitimation abliefert. Und dies in einer der ältesten
modernen Demokratien, auf deren Standhaftigkeit man allerdings bauen kann, was
viele antiamerikanische Bush-Bashing-Spezialisten offenkundig jedoch nicht
verstanden hatten, die amerikanische Republik war immer fähig, ohne große
Gefährdungen auch einen zündelnden Präsidenten zu verkraften. Trotzdem waren
allein diese Versuche fatal und voraussehbar völlig kontraproduktiv. 300 spiegelt eine Spielerei mit – anders
kann man es nicht ausdrücken – faschistoiden Gegenentwürfen wider, mit einer
vermeintliche Rückbesinnung auf bestimmte autoritäre Tugenden, mit einer
Reduktion auf ein leicht nachvollziehbares, da unkomplexes
Kategorisierungsschema in Normen- und Ab-Normen, anders ausgedrückt
Gut-und-Böse.
Vielleicht das auf seine Weise einleuchtendste und
überführendste Zeugnis dieser Propagandalektion in reaktionärem Denken ist die
Tatsache, dass Miller und Snyder sich gerade Sparta zum Vorbild gewählt haben –
und eine Schlacht, die letztlich auch nur, da die ohnehin wenigen Verbündeten
sich rechtzeitig davonmachen, von Spartiaten geschlagen wird. Hinzukommend ist
es erschreckend, dass es gerade den so überzeugt demokratischen US-Amerikanern,
noch dazu in mit ihnen so stark assoziierten Medien wie Comic und Spielfilm
nicht aufgefallen ist, dass hier als Ideal diejenige totalitäre Gesellschaft
hingestellt wurde, deren Ziel es war, Athen, die allererste abendländische Demokratie,
zu zerstören. Was Sparta auch gelungen ist.
Stattlich und
feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen,
auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen (7). Mit diesem
recht unspektakulären ersten Satz aus James Joyces (1882-1941) Ulysses
begann der Suhrkamp-Verlag 1996 seine Reihe der Romane des Jahrhunderts, der
wohl ästhetisch schönsten Taschenbuchedition um die Jahrtausendwende. Die Wahl
gerade dieses Werkes als Auftakt kann kaum überraschen, es dürfte allenfalls
noch ein einziges Buch geben, das Ulysses den Titel als bedeutendsten Roman des
20. Jahrhunderts streitig machen könnte, Marcel Prousts Auf der Suche nach
der verlorenen Zeit. Nun könnte allenfalls noch eingewandt werden, ob es
allzu klug sei, sein Pulver gewissermaßen gleich zu Beginn zu verschießen, doch
ging es dem Verlag nicht um eine Rangordnung oder gar einen Wettbewerb, sondern
vielmehr um ein weltweites Panoptikum der Romanliteratur des vergangenen
Jahrhunderts.
Und da steht Ulysses zweifelsohne
an vorderster Stelle, wofür sich zahlreiche Gründe finden ließen, von denen nur
einer hier ausführlicher genannt werden soll: obwohl bereits 1922, also noch im
ersten Viertel des Jahrhunderts erschienen, ist Joyces Meisterwerk das Buch,
das die Strömungen der vorhergehenden Jahrzehnten aufnimmt, durch das sie als
Nadelöhr oder an ihm vorbei als Torwächter hindurch müssen und aus dem danach
zahlreiche neue Strömungen hervorgehen werden. Als Romanschreiber muss man
sich vom Ulysses erst wieder erholen, sonst findet man keine eigene Stimme,
so charakterisiert Salman Rushdie den Einfluss diesen einen Buches. Dass Joyce
zahlreiche Stile seiner Vorgänger aufnimmt, zumeist in parodistischer Form, er
die ganze Literaturgeschichte in Pastiches durchwandert, ist bekannt – dass er
zahlreiche Nachfolger geprägt hat und damit selbst Literaturgeschichte
geschrieben, ist offensichtlich. Da er einen gelinden anhaltenden Schmerz in
seinen Fußsohlen verspürte, streckte er den Fuß nach einer Seite aus und
betrachtete die durch Fußdruck im Lauf seiner wiederholten Gänge in mehreren
verschiedenen Richtungen entstandenen Falten, Protuberanzen und vorspringenden
Punkte, entknotete dann, vorgebeugt, die Senkelknoten, enthakte und löste die
Senkel, zog jeden seiner beiden Stiefel zum zweitenmal aus, löste die zum Teil
durchfeuchtete rechte Socke, durch deren Spitze wieder der Nagel der großen
Zehe gedrungen war, hob den rechten Fuß und zog, nachdem er einen purpurnen
elastischen Sockenhalter davon abgehakt hatte, seine rechte Socke aus, stellte
den unbekleideten rechten Fuß auf die Kante der Sitzfläche seines Stuhls,
fasste den vorstehenden Teil des großen Zehennagels und riß ihn sanft ab, hob
den abgerissenen Teil an seine Nüstern und inhalierte den Duft des Lebendigen,
warf dann das abgerissene Nagelfragment mit Befriedigung fort (878) –
akribisch-präzise Beschreibung à la nouveau roman vierzig Jahre vor
Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute. Nur ein Beispiel von vielen
möglichen.
Dabei ist der Plot der Handlung fast
schon mehr als banal: geschildert wird der Tag vom Aufstehen bis zum
Zubettgehen des Dubliner Annoncenwerbers Leopold Bloom. Jener 16. Juni 1904
(310) ist heute der legendäre „Bloomsday“, doch spielt sich an ihm wenig
Ereignisreiches ab, Bloom verbringt viel Zeit mit Freunden und Kollegen, auf
der Arbeit, aber vor allem auch in Kneipen und anrüchigen Gegenden. Gewiss, er
nimmt an einer Beerdigung teil und indirekt an einer Geburt, doch beide Male
sind hiervon nur Randfiguren seines persönlichen Umfeldes betroffen – es sind
also, obwohl hier die großen Themen Tod und Geburt angeschnitten werden, keine
einschneidenden und etwa mit großen emotionalen Umbrüchen verbundene
Wendepunkte im Leben des Leopold Bloom. Anders steht es – vielleicht – um die
Begegnung mit dem Mitprotagonisten Stephen Dedalus, einer der Figuren, deren
Weg er kreuzt, oder auch im Verhältnis zu seiner Frau Molly, deren legendärer
Schlussmonolog in Gedanken den 16.Juni 1904 für ihren Gatten dann eventuell
doch noch zu einem Wendepunkt werden lassen könnte.
Alltag also. Aber, wie Hermann
Broch, auf den Joyce früh eine enorme Wirkung hatte,sagte: ein Welt-Alltag. Damit ist
nicht gemeint, dass Joyce in seinem Roman quasi das Weltgeschehen an diesem
Juni 1904 auf eine umfassende Art, quasi in nuce, geschildert hat, oder wie
später ein Georges Perec eine möglichst vollständig-akribische Schilderung
genau dieses einen Tages versucht hat, sondern dass sich den Lesern der Alltag,
der so banal erscheint, durch das Können Joyces wie eine neue Welt erschließt. Die
Sprache soll nicht dazu dienen, einen Gegenstand zu fixieren, sie soll ihn
vielmehr für die Vorstellung entwerfen. Das aber bedeutet, dass der Gegenstand
nicht aus einem einzigen Blickwinkel gesehen wird, sondern aus möglichst
vielen. Durch die Vermehrung der Perspektiven werden zwar die Umrisse des
Gegenstandes unschärfer, dafür beginnt er jedoch zu wachsen, analysiert
Wolfgang Iser das Vorgehen des Schriftstellers Joyce. Die stilistische Vielfalt
ist hierbei eine Herausforderung für jedweden Leser, aber auch den Übersetzer –
derer sich Hans Wollschläger auf kongeniale angenommen hat, wobei er selbst
zugibt, dass es ein endgültiges Resultat nicht geben kann und selbst die
vorliegende Ausgabe ein Werk im Flusse ist und keineswegs abgeschlossen.
Dazu passt den wiederum
die Bemerkung eines Zeitgenossen Joyces, dessen großes Werk im gleichen Jahr
erschienen ist, weshalb 1922 gerne als annus mirabilis (mindestens) der
englischsprachigen Literatur bezeichnet wird: T.S. Eliot, Autor des Gedichtes The
Waste Land, der schließlich Ulysses mit einem weiteren bedeutenden
Ereignis der Zeit in Verbindung setzte: nachfolgende Schriftsteller werden die
durch Joyce gewonnenen Erkenntnisse und Möglichkeiten so nutzen können wie the
scientist who uses the discoveries of an Einstein. Damit schließt sich auch
der Kreis zu der oben bereits angeführten Beobachtung Salman Rushdies, so wie
ein begabter Physiker die Relativitätstheorie Einsteins kennen sollte, aber
anschließend nicht einfach nur diese reproduzieren, so muss sich jeder
Romanautor mit dem Werk Joyces auseinandersetzen und darüber hinausgehen – und
von beidem hat nie jemand behauptet, dass dies einfach sei. Und nebenbei hat
Joyce mit dem Ulysses seiner irischen Heimat einen im Roman geäußerten
Wunsch gleich miterfüllt: unser National-Epos muß erst noch geschrieben
werden (263).