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Donnerstag, 7. März 2019

Lektüremonat Februar 2019.


Romain Gary: Lady L.


Die skurrile Alte, die sich nicht benimmt, wie man es von einer gediegenen Dame älteren Semesters erwartet, gehört zum Standardrepertoire der Komödie und läuft deshalb stets Gefahr, zum Klischee zu erstarren. Auch Romain Garys (1914-1980) Lady L., Mitglied der englischen Hocharistokratie französischer Herkunft, Mutter zahlreicher arrivierter Kinder, die als Bankdirektoren, zukünftige Bischöfe und Politiker in höchste Posten aufgestiegen sind, gilt ihren Nachkommen inzwischen als wunderlich, doch kommt es noch schlimmer. An ihrem 80.Geburtstag beichtet sie ihrem ewigen Verehrer, einem ebenso angesehenen wie unbegabten Schriftsteller, ihre Lebensgeheimnisse. Wobei von Demut nichts zu spüren ist, im Gegenteil: Lady L. schwärmt in ihrer Erinnerung an ihre jugendliche Liebschaft mit einem unglaublich anziehenden Anarchisten, der sie aus der Gosse befreit hat – ihre ganze adelige Herkunft war einst nur Teil eines Komplotts, um Mitglieder der feinen Gesellschaft zu meucheln. Der Plan lief nicht allzu glatt, aber Lady L. konnte nie von ihrer heimlichen Liebe zu dem Anarchisten lassen. Kleine britisch-französische Spitzen, skurrile Charaktere, ohne zu übertreiben, darunter aber auch ein durchaus ernster Konflikt zwischen der Liebe zur Menschheit und der zur einzelnen Person und der Unvereinbarkeit der beiden, all das in flüssig erzähltem ironischem Ton, eines von Garys leichter daherkommenden Werken, das in einmal mehr als großen Romancier bestätigt.  

 

Henry de Montherlant: Erbarmen mit den Frauen.

Henry de Montherlant (1895-1972) ist ein französischer Klassiker, geadelt schon seit langem durch die Aufnahme in die höchste Ehre für jede*n französische*n Literat*in, die Pléiade-Ausgabe seiner Werke. An diesem Status ist auch nicht zu zweifeln, eher schon daran, ob Montherlant heute noch allzu viele Leser*innen findet. Einst ein durchaus, auch hierzulande, vielgedruckter Autor, fällt es inzwischen schwer, sich für seine Themen, allen voran einem Männlichkeitskultus, der reichlich überholt wirkt, zu erwärmen. Auch „Erbarmen mit den  Frauen“, zweiter Teil eines längeren gleichnamigen Romanzyklus, widmet sich dieser Geschlechterfrage, durchexerziert an den Verhältnissen des blasierten Schriftstellers Pierre Costals, der seine Beziehungen als Experimente ansieht, mit denen seine Theorien bestätigen kann. Es ist keineswegs so, dass Montherlant einseitig die Ansichten seines Protagonisten unhinterfragt teilt, aber der zynische Frauenmissbraucher Costals ist eine Figur, der auch als reiner literarischen Verkörperung eines Prinzips kaum noch etwas abzugewinnen ist. Dementsprechend zäh liest sich der Roman, der gleichwohl rein formal seiner Zeit einst weit voraus war, indem er Mittel anwandte, die erst später mit der Postmoderne in Verbindung gebracht wurden, etwa dem Eingreifen des „Verfassers“ in den Text oder der mehrfachen Herausstellung des Romans als eines künstlich angefertigten Produkts, das zu sich selbst in ironischem Verhältnis steht. Inhaltlich Flop, formal top.   

 

B. Traven: Der Banditendoktor.

B. Traven (vermutlich 1882-1969) war lange der große Unbekannte der deutschsprachigen Literatur, was leider dazu führte, dass sich das Interesse von Publikum und Wissenschaft hauptsächlich darauf richtete, den Mann hinter dem Pseudonym zu entlarven – was erst in jüngster Vergangenheit gelungen zu sein scheint. Gleichwohl – B. Traven war durchaus ein sehr erfolgreicher Schriftsteller mit großer Leserschaft. Und das völlig verdient. Einer der Gründe hierfür mag darin liegen, dass Traven seine Geschichten in einem Genre schrieb, dem eher selten literarischer Anspruch zugebilligt wird: dem Abenteuerroman. Dies hatte jedoch zufolge, dass seine Romane und Erzählungen ferne Schauplätze und vor allem spannende Geschichten aufweisen konnten. Dabei war Traven kein Schreibtischvertreter mit Vorliebe für Exotismus, sondern berichtete einerseits von Ländern, die er selbst kannte, insbesondere aus Mittelamerika, andererseits aus dem Leben der untersten Unterschichten, von deren Ausbeutung, Dahinvegetieren und erlösungsfreiem Alltagsleben ohne jegliche Illusionen. Traven lässt sich nicht von Zynismus leiten, hinter seinem bösartigen-sarkastischen Tonfall mit viel Ironie verbirgt sich ein tiefer Humanismus, zudem versucht er auch nicht, kulturelle Unterschiede zu verdecken, sondern sozusagen Verständnis durch Unverständnis zu wecken, nichts liegt Traven ferner als eine Verklärung der Einheimischen. Der Erzählungsband „Der Banditendoktor“ ist ein hervorragendes Beispiel für Travens Schreiben. Gutes Buch insbesondere für Traven-Neulinge, für Liebhaber*innen sowieso. Merke: Traven lesen lohnt immer.         

 

Peter Murphy: Ich, John.

Der Debutroman des irischen Journalisten Peter Murphy (Geburtsdatum unbekannt), in Deutschland immerhin bei Suhrkamp erstveröffentlicht, handelt von einem Jungen, der in einem irischen Dorf mit seiner Mutter zusammenlebt, wenig Freunde hat, wobei er den einzigen, den er findet, schließlich verrät und zum Schluss auch noch seine Mutter dahinsiechen und sterben sieht. Das alles wird ganz gekonnt heruntererzählt, mal amüsant, mal mit den Ekeleffekten, die dann doch eher der typische Versuch sind, gute moderne Literatur mehr vorzutäuschen als zu sein, mit Traumsequenzen, für die dasselbe gilt und wenn man dann am Ende doch aufgrund der traurigen Ereignisse mild versöhnlich gestimmt ist, macht Murphy mit einem ohnehin reichlich überflüssigen, wie nachgeschoben wirkenden Kurzkapitel mit Kitschabgang doch wieder alles kaputt. Es wäre falsch zu behaupten, dass das Buch nicht hin und wieder Charme entfaltet, es wäre aber ebenso falsch zu behaupten, dass es einem lange im Gedächtnis bleiben wird.     

 

Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440.

Merciers (1740-1814) „Das Jahr 2440“ ist die klassische französische Utopie, getragen vom Geist der Aufklärung. Ein Bewohner des Paris‘ der 1770er erwacht eines Tages im Jahr 2440 – und es hat sich einiges getan (nicht nur) in seiner Heimatstadt. Utopien kranken stets etwas daran, dass sie einem starren Schema folgen: ein Besucher wird von einem Cicerone durch die perfekte Welt geführt, die mit den derzeitigen Zuständen positiv kontrastiert. Das liest sich meistens sehr zäh, anders als die späteren Dystopien, einerseits, weil es offensichtlich zu den menschlichen Grundkonstanten gehört, sich eher für das Schreckliche als das Perfekte zu interessieren, andererseits weil das Leben in den bedrohlichen Dystopien für gewöhnlich mit Gefahren, also zumeist auch einer richtigen Handlung verbunden ist, während sich die Utopien kaum von einem Reiseführer unterscheiden. Allerdings entkommt „Das Jahr 2440“ der völligen Langeweile, auch wenn dies nicht der Intention des Autors entspricht, dadurch, dass es aus heutiger Sicht kaum als Utopie gelesen werden dürfte, kaum ein*e Zeitgenoss*in würde vermutlich gerne in jenem 2440 leben wollen, wo Bücherverbrennungen stattfinden, die allen „Schund“, aber auch Klassiker aus den Bibliotheken aussortieren, weil sie zu skeptisch oder zu viele menschliche Abgründe zeigen, wo der Bewohner von 2440 mit Genugtuung feststellt, die Hagia Sophia sei zerstört worden, und es wird ebensowenig für sein Zeitalter einnehmen, dass es einen, wenn auch sehr netten, König gibt oder Frauen wieder nur ihren „natürlichen“ Aufgaben – Haushalt und Kinder – zugeordnet werden. Man mag Merciers Projekt durchaus sympathisch finden, da es aber vom reinen Kontrast lebt, und nicht wirklich von den momentanen Zuständen zu abstrahieren versteht, ist seine Zukunftsvision ziemlich rasch veraltet.     

 

Hans Fallada: Der Alpdruck.

Hans Fallada (1893-1947) war, wie er im Vorwort schrieb, mit seinem Manuskript von „Der Alpdruck“ eigentlich noch nicht vollends zufrieden, als er es in Druck gab, doch hatte er sich trotzdem entschlossen, den Roman zu veröffentlichen, da er ihn als aktuelle Zeitschilderung verstand, denn er befürchtete, dass dieser Abschnitt zwischen Kriegsende und Neuanfang sonst schnell der Verdrängung anheimfiele. Man darf zudem davon ausgehen, dass Fallada die Einnahmen gut gebrauchen konnte und sich so zur frühzeitigen Veröffentlichung bereit erklärte – die er dann doch nicht mehr erlebte. Das Romangeschehen ist stark autobiographisch gefärbt, der Protagonist, Dr. Doll, einst etablierter Schriftsteller, muss in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegen fehlende Anerkennung, die Behörden, ständige Armut heuchlerische und verleumderische Deutsche, vor allem aber gemeinsam mit seiner jungen Frau gegen ihrer beider Morphiumsucht ankämpfen, eine zähe tägliche Auseinandersetzung mit vielen Niederlagen und nur gelegentlichen Lichtblicken. Man merkt dem Buch an, dass Fallada hier nicht seine ganze schriftstellerische Finesse anwenden konnte, lesenswert ist auch dieser sein letzter Roman allemal.

 

Halldór Laxness: Atomstation.

Fast zur gleichen Zeit wie Fallada schrieb Halldór Laxness (1902-1998) den Roman, der ihm 1955 als erstem – und bisher einzigem – Isländer den Literaturnobelpreis einbrachte. Auch hier sind es die Nachkriegszeit und ihre Folgen auf das scheinbar abgelegene Land, das die Amerikaner gerne als natürliche Luftwaffenbasis für ihre Atombombenträger nutzen möchten. Dies ist der – tatsächliche – politische Hintergrund, den Laxness mit den Mitteln der Groteske aus der Sicht eines Dorfmädchens schildert, dass in der Hauptstadt in den Dienst eines Parlamentsabgeordneten tritt. Es werden grundsätzliche wie zeitbedingte Themen abgehandelt, dazu allerlei Einblick in das Island der 1940er Jahre gewährt, natürlich mit einiger Überzeichnung. Übel genommen hat man dies Laxness vor allem von konservativer Seite in seiner Heimat ebenso wie in Deutschland, wo das Buch im Zuge der Nobelpreisverleihung 1955 erstmals und reichlich gekürzt erscheinen durfte. Heute besitzt das Buch nicht mehr ganz die, nun ja, Sprengkraft, und man greift wohl auch besser zur „Islandglocke“ als Einstieg in Laxness‘ Werk, so manche zugrundeliegende Frage aus dem Roman könnte aber in naher Zukunft wieder an Brisanz gewinnen. Leider.

 

Cornell Woolrich: Rendezvous in Schwarz. 

In einer amerikanischen Provinzstadt trifft sich jeden Abend an derselben Stelle ein Liebespaar. Kurz vor der Hochzeit aber stößt der junge Mann eines Tages nur noch auf die Leiche seiner Verlobten, die durch einen dummen Zufall Opfer eines Verkehrsunfalls wurde. Anfangs will er die Zerstörung seines Glückes nicht wahrhaben, dann geht er daran, jedes Jahr am Todestag seiner Geliebten einen der Verursacher des Unfalls ebenso unglücklich zu machen, wie er es ist. Die Polizei kommt ihm nur sehr langsam auf die Schliche, erst das fünfte und letzte Opfer scheint sie wirklich schützen zu können, doch auch hier läuft bald einiges schief. Ein Suspense-Meisterstück mehr aus der Feder des wohl fatalistischsten aller Noir-Autoren, Cornell Woolrich (1903-1968).

 

Hans-Georg Noack: Die Webers.

…sind „Eine deutsche Familie 1932-1945“, wie der Untertitel präzisiert,
aus dem Arbeitermilieu. Hans-Georg Noack (1926-2005) setzt seine Familiengeschichte kurz vor der sogenannten „Machtergreifung“ an, da er auch auf die Gründe eingehen möchte, warum Menschen sich überhaupt von den Ideen Hitlers angezogen fühlten. Von da ab verfolgt er die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder, aber auch von Nachbar*innen und Schulkamerad*innen der Webers. Resignation, Opportunismus, aber auch Begeisterung machen sich breit. Vater Weber, republikliebender Sozialdemokrat, möchte anfangs lieber stillhalten, bis der Spuk vorbei ist, manch Nachbar oder Mitschüler entdeckt plötzlich, dass er eigentlich schon immer für die nationale Sache war, und der Sohn Karl-Heinz wird zum Fremdkörper in der Familie, der sich vom Drill und der Gemeinschaftsideologie der HJ angezogen fühlt. Noacks Roman, der sich eher an ältere Jugendliche wendet, zeichnet ein realistisches Bild menschlichen Verhaltens unter der Diktatur, die einen sind keine glanzvollen Widerstandshelden, sondern eher Alltagsmutige, die sich ihre Mitmenschlichkeit bewahrt haben, die anderen Leichtgläubige, Dumme oder Wetterwendische, die zu spät merken, wohin ihr unterdrücktes Gewissen sie geführt hat.

Hans Joachim Schädlich: Der Sprachabschneider.

Obwohl gar nicht als solche gedacht, wurde Hans Joachim Schädlichs (geboren 1935) Erzählung über den Sprachabschneider Vielolog zu einer beliebten Schullektüre – durchaus zurecht. Ursprünglich hatte Schädlich, als Schriftsteller in der DDR kritisch beäugt, seinen Text, der anspielungsreich an einige literarische Vorgänger anknüpft, als Auseinandersetzung mit der inneren Zensur verstanden: Paul verkauft, um mehr Freizeit zu haben, per Vertrag erst seine Präpositionen und bestimmten Artikel, später zudem seine Verbformen und einige Konsonanten an den grammatischen Sammler Vielolog, der dafür seine Schularbeiten erledigt. Doch Paul, der nur noch rudimentäre kindliche Sätze sprechen kann, hat die Folgen nicht bedacht: die einen lachen ihn aus, die Eltern sind besorgt, die Lehrer fühlen sich veräppelt und selbst einfachste Dinge wie Einkäufe kann er nicht mehr selbständig vornehmen. Aus seiner Isolierung kann sich Paul nur retten, indem er sich mühsam seine komplette Sprache zurückerobert. Schade, dass die Geschichte so kurz ist. Oder anders: Schade, dass Geschichte so kurz sein.

 

Jens Peter Jacobsen: Frau Marie Grubbe.

Die europäischen Schriftsteller*innen und Intellektuellen des Fin de Siècle hatten eine Reihe von, wie man heute sagen würde, Kultbüchern, die jede und jeder kannte und über die in Zirkeln, Gesprächen, Artikeln und Briefen leidenschaftlich diskutiert wurde. Dazu gehörte „Niels Lyhne“ des Dänen Jens Peter Jacobsen (1847-1885), der einen darwinistisch inspirierten Naturalismus, starke Psychologisierung und einen tiefen Pessimismus miteinander verband. Schon in „Frau Marie Grubbe“ sind diese Züge erkennbar, einem historischen Roman über ein Frauenschicksal in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Obwohl selbstbewusst und als Tochter eines reichen Gutsbesitzers mit für anziehend erachteten Voraussetzungen bestens – finanziell – ausgestattet, bleibt Marie, aufgrund ihrer Schönheit von Vielen begehrt, zeitlebens von den Männern abhängig, die sich schnell für sie entflammen, aber dann doch wieder egoistisch ihre eigenen Ziele – und Liebschaften – verfolgen. Marie ist nicht gewillt, dies duckmäuserisch zu ertragen. Damit aber beginnt ihr Abstieg, einst Hofdame, landet sie über mehrere Stationen als Fährfrau eines straffälligen Stallknechts. Wurde schon erwähnt, dass Jacobsen ein abgrundtiefer Pessimist war…?    
                                   

                  

Donnerstag, 9. Juni 2022

Lektüremonat Mai 2022.

 

Halldór Laxness: Salka Valka.


Ein kleines Fischerdorf an der mittleren Küste Islands, im Nirgendwo, bewohnt von Menschen, die nur notdürftig ihr Dasein fristen, in Abhängigkeit gehalten vom reichsten Mann vor Ort, dem Kaufmann Johann Bogesen, der ein raffiniertes Schuldensystem geschaffen hat, mit dem er die Kontrolle über das Dörfchen behält. Dort landen mit dem Linienschiff eine Frau und ihre Tochter, doch niemand will ihnen Aufnahme gewähren, weder der Pastor, noch Bogesen, noch der Arzt, alle winden sich mit Argumenten aus der Verantwortung, selbst die Heilsarmee kann sich erst zur Hilfe überwinden, als die Frau bei einer ihrer Versammlungen ein Erweckungserlebnis hat. Tatsächlich großzügig zeigt sich nur das versoffene Großmaul Steinthor, der die beiden bei Verwandten in einer schäbigen Hütte unterbringt. Salka Valka, so der Kosename der 11jährigen bemerkt bald, dass sie sich ihrer Mutter entfremdet, die einerseits immer stärker von ihrem naiven Jesusglauben geprägt wird, anderseits zunehmend in den Bann Steinthors gerät, der jedoch weder vom Alkohol noch von anderen Frauen lässt. Salka selbst findet nicht in die Gemeinschaft, sie ist ein selbstbewusstes, weil auf sich allein gestelltes Kind, forsch und nie um eine Erwiderung verlegen. Von den Kindern des Dorfes gehänselt, hat sie nur in dem älteren Jungen Arnaldur eine Art Freund, da dieser, selbst ein Außenseiter, ihr Lesen und Schreiben beibringt. Ihre Mutter träumt derweil von einer Hochzeit mit Steinthor, der sich allerdings davonmacht, als die Geburt des gemeinsamen Kindes bevorsteht und nachdem er versucht hat, Salka zu vergewaltigen. Nachdem sie diesen Schock überwunden hat, versucht Sigurlina ihr Leben zu konsolidieren, indem sie dem Antrag eines Bauern nachgibt, der sie zur Frau haben möchte, doch die Hochzeit verzögert sich, das Kind stirbt und plötzlich taucht Steinthor wieder auf. Sigurlina läuft wieder zu ihm über, alles scheint von vorne zu beginnen. Doch wieder verschwindet Steinthor kurz vor der Hochzeit, die zweifach Betrogene sucht den Tod im Meer. Nun könnte man für den zweiten Teil einen Bruch erwarten, der auch kommt, aber in überraschender Form. Salka, nun eine junge Frau, wohnt allein in einer schmuck eingerichteten Hütte, sie hat Anteil an einem Schiff und eine wichtige Position im neugegründeten Schifferverein, offenkundig auch Geld – gesandt von einem Unbekannten aus Amerika. Es ist ihr also gelungen, sich eine Position im Ort zu erarbeiten, mit der sie hofft, die Verhältnisse dort verbessern zu können. Sie ist immer noch eine Außenseiterin, die als zu männlich gilt, aber nun eine mit Ansehen. Doch die Kämpfe mit dem Monopolisten Bogesen, der sich gern als liebender Patriarch gibt, werden immer härter, das Dörfchen gerät in die Schwankungen der isländischen Politik, zwischen freisinnigen Unabhängigkeitskämpfern wie Bogesen und sozialistischen Ideengebern wie dem plötzlich zurückkehrenden Arnaldur, der vor Ort agitiert, Streiks organisiert und fanatische Reden schwingt. Salka ist hin- und hergerissen, beide Möglichkeiten scheinen ihr keine Optionen, beides wird auf dem Rücken der armen Schichten ausgetragen – hinzukommt ihre uneingestandene Liebe zu Arnaldur. Noch komplizierter wird ihre Lage durch das Auftauchen des scheinbar geläuterten – und inzwischen vermögenden – Steinthor, sie gerät in Gefahr, den Weg ihrer Mutter einzuschlagen. Doch dafür ist Salka nicht beeinflussbar genug, sie hält trotz aller Versuchungen an der ihr eigenen Mischung aus Instinkt, Vernunft und Selbstlosigkeit fest, für die sie jedoch hohe Preise zu zahlen hat. Halldór Laxness (1902 bis 1998) bewies mit "Salka Valka" einmal mehr, warum er zu den Literaturnobelpreisträgern gehört, die diese Auszeichnung auch tatsächlich verdient haben. Die Schilderung der tristen Atmosphäre des Dorfes, der einzelnen, oft äußerst wankelmütigen Charaktere seiner Bewohner, der verhärteten Obrigkeit in Form des huldvollen Pastors, des dem Wahnsinn verfallenen Arztes oder des sich selbst bemitleidenden ausbeuterischen Bogesen, durch einen nicht selten ironisch sarkastischen Erzähler, vor allem aber die Gestaltung der Hauptfiguren, über Sigurlina bis Steinthor, von Arnaldur bis vor allem zu Salka, deren Perspektive wir hauptsächlich einnehmen, erweist er sich als einer der ganz Großen. Denn keine dieser Personen ist eindeutig, selbst da, wo unsere Sympathien liegen, gibt es keine einfachen Linien, gerade Salka ist eine Person, mit der man auch streiten kann, sie weiß ihre Unabhängigkeit von allen zu wahren, passt sich nicht an, bleibt dadurch aber auch allein. Sie geht keine geraden Wege, ringt mit ihren Entschlüssen, liegt dadurch auch falsch, macht es sich nie bequem. Sie ist eine der viel zu wenig bekannten, ganz großen Frauengestalten der Literatur des 20. Jahrhunderts und "Salka Valka" ein Meisterwerk.  

 


Per Olof Sundman: Ingenieur Andrées Luftfahrt.

Anders als bei uns ist der 1897 von dem schwedischen Beamten Salomon August Andrée unternommene – zweite – Versuch, den Nordpol mithilfe eines Ballons zu erreichen in seinem Heimatland ebenso legendär wie unvergessen. Per Olof Sundman (1922 bis 1992) schildert das Unternehmen aus der Sicht des jungen Ingenieurs Knut Fraenkel, der sich darum bemüht, den freigewordenen dritten Platz in dem Fluggefährt einnehmen zu dürfen, nachdem der am ersten durch fehlende Winde bedingten abgesagten Startversuch beteiligte Nils Ekholm inzwischen zum Kritiker des gesamten Unternehmens geworden war. Fraenkel bekommt die Stelle und bereitet sich mit seinem Kollegen Strindberg und dem Ersatzmann Swedenborg sie hießen tatsächlich so und waren entfernte Verwandte der bekannteren Träger dieser Namen – intensiv auf die Reise vor, während Andrée weiterhin seinem Beruf nachgeht und eher im Stillen wirkt. Die Begeisterung der Bevölkerung, verbunden mit viel schwedischem Nationalstolz, ist groß, auch wegen der parallelen Erfolge anderer Polarexpeditionen, etwa – ausgerechnet des Norwegers Fritjof Nansen. Nachdem diesmal die Wetterlage günstiger scheint, kann der Flug schließlich von Spitzbergen aus starten. Doch Fraenkel muss bald feststellen, dass das ganze Unternehmen weitaus weniger akribisch und wissenschaftlich gesichert vorbereitet worden war, als er geglaubt hatte. Nach und nach verliert er seine Illusionen über das Vorhaben, vor allem aber über den Leiter Andrée. Schon früh hatten dieser und Strindberg zuviel Ballast abgeworfen und die zur Steuerung notwendigen Schleppseile in einem Panikanfall gekappt, an sich treibt der Ballon nun unkontrolliert über dem Eis und droht ständig aufzuschlagen, was nach drei Tagen auch der Fall ist – weit entfernt vom Pol und dem Ziel einer einmonatigen Luftfahrt. Fraenkel und auch Strindberg wird bewusst, dass Andrée elementare Grundsätze vernachlässigt und sich generell idealistischen Phantasien hingegeben hatte, was sich bei dem nun notwendigen Versuch zeigt, einen Weg zu angelegten Vorratslagern zu finden. Unter Führung des überforderten und wenig entscheidungsfreudigen Andrée schlägt man Wege ein, die schließlich zur Aufgabe führen, da die unter extremen Mühen zurückgelegten Kilometer jeweils durch die Bewegungen des Packeises wieder konterkariert werden. Es bleibt nur die Errichtung eines Winterlagers im Eis, doch das erste Schneehaus wird zerstört, man muss sich auf eine Gletscherinsel zurückziehen, entkräftet und krank. Strindberg stirbt. Und er wird nicht der einzige bleiben. Dem Geschehen angemessen schildert Sundman – für ihn typisch – das Scheitern der berühmten Expedition und den Verlust der Illusionen bei den jungen Teilnehmern in einem äußerst knappen, unterkühlten Tonfall. Die langsame Entlarvung des gesamten Unternehmens als von Vorneherein zum Scheitern verurteilt geht einher mit den zunehmend bedrängenden Umständen, die sich als mehr und mehr aussichtlos erweisen. Spannend und hart.

 

Matthias Brandt: Raumpatrouille.

In Matthias Brandts (geboren 1961) kurzem Band mit kurzen Erzählungen stoßen wir ständig auf Doppelungen. Es sind autobiographische Geschichten aus der Sicht eines Kindes in der Bundesrepublik der 1970er Jahre aus dem beschaulichen Bonn, das nebenher auch Bundeshauptstadt ist. Nun ist Brandt ein bekannter Schauspieler und sein Vater ein gewesener – zur Zeit des Textes aktiver – Bundeskanzler. Das reizt natürlich – eben – doppelt. Eine ohnehin berühmte Persönlichkeit schreibt über sich und seine noch berühmtere Familie, dazu kommt der wiederum zweifache Kunstgriff, dass die Leser:innen einerseits gewissermaßen mit Schlüsselromanelementen gelockt werden, andererseits der Nostalgiefaktor keine geringe Rolle spielt, der sich unter anderem in der wiederkehrenden exakten Benennung von bestimmten Gegenständen und Namen manifestiert, vom Bonanza-Rad bis Wim Thoelke. Die eigentlich interessante Doppelung ist aber, wie banal, sprich ununterschieden von anderen – unseren – Kindheiten ein Kanzlerkind aufwächst, es sind dieselben beziehungsweise ähnlichen Befürchtungen, Erlebnisse, Fantasien, die wir alle hatten, was einerseits beruhigend ist, andererseits die Identifikation und damit den Erfolg des schmalen Bändchens – bei den Leser:innen erklärt. Das man zum Besuch beim älteren Nachbarn geschickt wird, geschniegelt und leicht verlegen, ist nichts Besonderes, auch wenn es sich in diesem Fall um einen ehemaligen Bundespräsidenten handelt. Die wenigsten von uns wurden vermutlich je von Personenschützern zum Übernachten bei einem Schulfreund gefahren, aber dieses Gefühl, dort soviel mehr zu dürfen, dass die Gasteltern ganz anders und locker seien – die böse Ironie ist, dass es sich um tatsächlich um einen totalen Spießeralbtraum handelt –, das sich letztlich in eine moralische Krise und abruptes Heimweh verwandelt, weil man es als Verrat an der eigenen Familie empfindet, so oder so ähnlich haben das sicher viele erlebt. Das alles ist womöglich nicht der Gipfel der Höhenkamp-Literatur, aber auch mehr als das Geschreibsel eines sich selbstverwirklichenden Schauspielers, es ist eine unterhaltsame und auch durchaus nachdenklich stimmende Lektüre.       

 

Arthur C. Clarke: Die sieben Sonnen.

Es ist nicht immer ganz leicht mit dem Schreiben von Science-Fiction: Setzt man seine Geschichte in vergleichsweise naher Zukunft an – etwa dem Jahr 2050 –, so besteht die Gefahr, dass das eigene Werk von eben jener Zukunft eingeholt wird und sich viele Voraussagen als peinlich falsch herausstellen. Verschiebt man die Abläufe in scheinbar sichere Gefilde, beispielsweise die Zeit um 2350, so kann es passieren, dass man dort Erfindungen als erstaunlich und unglaublich innovativ präsentiert, die inzwischen für jede:n Leser:in längst Alltag geworden sind, so wie es manchem Erzeugnis der Star-Trek-Serien erging. Oder man macht es wie Arthur C. Clarke (1917 bis 2008) in den „Sieben Sonnen“ und geht komplett auf Nummer sicher, in dem man die Handlung einfach kurzerhand in eine Zeit nach Tausend Millionen Jahren ansetzt. Die Menschheit hat sich beim Versuch, ein galaktisches Imperium zu errichten, reichlich übernommen, wurde im Gegenzug von sogenannten Invasoren auf die dabei größtenteils zerstörte Erde zurückgedrängt und lebt nun als Restbestand geschützt in der einzig verbliebenen Stadt Diaspar. Um den eigenen Bestand zu erhalten, aber auch, um jegliche Wiederholung der vergangenen Katastrophen zu verhindern, sind die Überlebenden wohlbehütet, selbstvergessen und an allem um sie herum völlig desinteressiert. Die Menschheit hat Unsterblichkeit erreicht, in der der Einzelne nach gut tausend Jahren Lebensspanne in ein Stadium der Regeneration verfällt, aus dem er nach einiger Zeit, angereichert mit den Erinnerungen seiner Vorleben, wiederersteht zu dem bequemen, von Maschinen und Robotern umsorgten Leben in Diaspar. Doch Alvin ist anders: Er besitzt keine Erinnerung an Vorleben, er ist tatsächlich ein „neues“ Geschöpf. Dies macht ihn zum Außenseiter, aber versieht ihn auch mit ungewohnten Eigenschaften: etwa Neugier. Alvin möchte wissen, ob es außerhalb Diaspars wirklich nichts gibt als reine Wüste – die natürliche Furcht der Bewohner vor der Außenwelt fehlt ihm. Über Umwege gelingt es ihm, Diaspar zu verlassen – und tatsächlich stellt er fest, dass mit Lys noch eine weitere menschliche Gemeinschaft auf dem Planeten lebt. Diese ist freier als Diaspar, doch verlangt genauso streng, nicht mit der Stadt in Kontakt zu kommen. Alvin ist gezwungen, entweder dort zu bleiben oder sein Gedächtnis an den Aufenthalt löschen zulassen. Doch er hat andere Pläne, er will mehr Wissen und er will Veränderung. Mit seiner Flucht zurück nach Diaspar löst er konsequenzenreiche Veränderungen aus. Clarke, einer der Altmeister der Nachkriegs-Science-Fiction, verhandelt hier, für ihn, der sich sonst hauptsächlich für die technische Weiterentwicklung interessierte, eher ungewöhnlich, überwiegend philosophische Themen – auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Insgesamt sind die „Sieben Sonnen“ ein Thesenroman, mit anderen Worten: nicht unbedingt ein actionreicher Pageturner. Somit mehr etwas für Liebhaber:innen des Genres oder Hardcore-Clarke-Fans.  

 

Henri Bosco: Le mas Théotime.


Pascal Dérivat lebt seit zehn Jahren auf einem Landgut in einer höhergelegenen Region der Provence, er bewohnt dort das Herrenhaus (frz. mas) Théotime, während auf dem zum Areal gehörenden Gehöft die Familie Alibert, die für die Landwirtschaft und auch seine Versorgung zuständig ist, untergebracht ist. Es ist ein beschauliches Leben, geprägt von den täglichen Arbeiten und den Anforderungen der Jahreszeiten und es ist auch einsam, mit den zurückhaltenden Alibert versteht sich Pascal fast wortlos, das Dorf ist weit, die Nachbarn, einzelne kleinere verstreute Gehöfte machen sich, bis auf einen, kaum bemerkbar. Da wird Pascal die Ankunft seiner Cousine Geneviève angekündigt. Sie soll sich bei ihm von einer unglücklichen Beziehung erholen. Er ist wenig begeistert, sein Verhältnis zu Geneviève war immer äußerst zwiespältig, während er tief im Inneren seine Liebe zu ihr verbarg, gab er sich äußerlich rüde, bis hin zu einem Skandal auf einem Familienfest, als er sie bei einem Annäherungsversuch schlug – einer der Gründe, warum er sich vom Großteil der Familie zurückzog auf das Landgut. Doch Geneviève hatte ihm schon längst verziehen und bald scheint sie sich nicht nur in das ruhige Leben auf Théotime einzufügen, Pascal spürt die alten Gefühle wieder in sich hochkommen, die auch von ihr erwidert werden, ohne dass es zu einer Aussprache kommt. Ein Zwischenfall sorgt dann für die Störung des Idylls. Geneviève hatte Clodius aufgesucht, den Nachbarn, der seit Jahren aus Tradition eine unverbrüchliche Feindschaft mit den Bewohnern Théotimes pflegt, obwohl er ein Cousin Pascals ist. Dieser holt Geneviève vom Nachbarhof, wobei er Clodius zurückstößt, der zu Boden fällt und liegenbleibt. Über Tage herrscht Unsicherheit: Hat er Clodius getötet, da dieser seitdem nicht mehr aufgetaucht ist? Wäre das schlimmer als die Rache, die dieser mit Sicherheit nehmen würde, falls er überlebt hat? Zu allem Unglück leidet Geneviève unter der Situation, sie begibt sich auf einige Zeit zu einem Verwandten in ihrem Heimatort. Doch Clodius erscheint nach einigen Tagen wieder, sich anfangs harmlos gebend, bereitet er, wie befürchtet, einen langsamen, quälenden Feldzug gegen seine Nachbarn vor. Doch eines Tages liegt er tot vor seinem Haus, erschossen. Pascal wird nur kurz verdächtigt, noch erstaunlicher aber ist, dass der ihn hassende Cousin ihm als letzten Verwandten sein Gut vererbt hat. Pascal steht vor der Entscheidung, dieses Erbe anzutreten oder zu verweigern, das ihn auf immer mit Clodius verbinden wird. Derweil versteckt er den Mörder seines Cousins bei sich auf dem Hof, wo er ihn zufällig entdeckt, aber nicht verraten hat. Er will das Motiv für die Tat wissen, handelt es sich doch bei dem Mann um einen ihm völlig Unbekannten, der Kleidung nach ein Städter. Nichts ist geblieben vom beschaulichen Landleben, Pascal ist mit zahlreichen Dilemmata konfrontiert, die Aliberts entfremden sich ihm und irgendwann steht plötzlich wieder Geneviève vor der Tür, die sich ihm weiterhin aus scheinbar unersichtlichen Gründen verweigert. Doch der Grund ist längst bei ihm zuhause – der Mann, den er versteckt. Henri Bosco (1888 bis 1976) ist bei uns so gut wie unbekannt, in Frankreich gilt er als einer der großen Jugendschriftsteller. „Le mas Théotime“ wie viele seiner Werke in der Provence angesiedelt, ist ein äußerst karges Buch, das von seinem Personal lebt. Es sind eigenbrötlerische Charaktere, in sich gekehrt, es wird unglaublich wenig gesprochen miteinander, aber sehr viel geschwiegen. Selten wird etwas offen gesagt, teils verzweifeln die Figuren aber auch an ihrer Sprachlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken. Die Einsamkeit zeigt ihre beiden Seiten, das Genügsame, Glücklichmachende, aber auch das Hilflose, Alleingelassene. Ein großartiges Portrait einer Landschaft und ihrer Menschen. 

 

Alissa Walser: Die kleinere Hälfte der Welt.

Manche Bücher altern schnell. Der dünne Band mit Erzählungen von Alissa Walser (geboren 1961) stammt aus dem Jahr 2000 und wirkt schon heute so, als würde er inzwischen nicht mehr geschrieben werden. Ob das gut oder schlecht ist, darüber kann man trefflich diskutieren, in jedem Fall hat man beim Lesen dieser Geschichten, in den sexuelle Gewalt eine offene oder unterschwellige Rolle spielt, ein zumeist mindestens ungutes Gefühl. Zwar sind die Männer das ausübende Element, beherrscht von ihrer Triebhaftigkeit, zwar scheinen einige Frauen mit ihrer Macht, die sie dadurch über ihr Gegenüber erlangen, zu spielen oder diese selbstbewusst zu nutzen, aber es gibt auch einen schwer durschaubaren Graubereich, in dem gerade die Mädchen eher Opfer ihrer eigenen Verführungskünste werden, sie das Unheil fast bewusst heraufbeschwören, was leider etwas zu sehr an die Kurze-Rock-Debatte erinnert. Aber vielleicht muss das jede:r für sich entscheiden, wenn er oder sie sich an die nicht ganz einfache Lektüre der Erzählungen macht.    

 


Robert Seethaler: Ein ganzes Leben.

Andreas Egger wächst in einem kleinen Alpendorf auf, eine glückliche Kindheit ist es nicht. Er wird von entfernten Verwandten aufgezogen, seine Mutter – der Vater ist unbekannt – ist früh gestorben. Seinen Pflegeeltern dient er nur als zusätzliche Arbeitskraft und als Prügelobjekt, während einer der unzähligen Bestrafungen wird er so sehr misshandelt, dass sein Bein bricht und er fortan hinkt. Trotzdem wächst er zu einem kräftigen Burschen heran, der bald gegen Bedenken wegen seiner Behinderung eine verantwortungsvolle Aufgabe beim Seilbahnbau bekommt und seine Liebe findet, eine zugezogene Kellnerin. Es scheint alles im Lot, man hat ein kleines Häuschen außerhalb des Dorfes, lebt bescheiden, aber glücklich. Doch eine Lawine zerstört das Haus und tötet Marie, Egger verzweifelt und zieht in den Krieg, aus dem er erst nach langer Gefangenschaft zurückkehrt. Er verdingt sich erfolgreich als Fremdenführer für die immer zahlreicheren Touristen, die in das prosperierende Dorf einfallen, später entwickelt er sich zum Eigenbrötler, zieht in einen verfallenen Stall, stirbt. Ein ganzes Leben ist vorbei. Wieder ein Bestseller aus der Feder Robert Seethalers (geboren 1966), der von seiner nüchternen Erzählweise und einem ebenso klaren Plot lebt. Der Erfolg beruht auf der gekonnten Verknüpfung von Vertrautem: Der recht einfach gestrickte, aber liebenswerte Dorfkauz, die Kindheit beim bösartigen Bauern, überhaupt das seltsame Leben der Dorfbewohner, gespickt mit grausigen Details und kuriosen Bräuchen, alles vor imposanter Kulisse, der Einfall des Fremden in Form der Seilbahnarbeiter und der Touristen, die zerstörerische Lawine – ein Klassiker des Genres! –, die Verbundenheit mit der Heimat, die schon eine Busreise zu den Nachbarorten exotisch und gefährlich wirken lässt, und einiges mehr. All das ist nicht neu, aber nett aufbereitet, man liest es recht gern, weil es gut geschrieben ist und weil man es schon kennt. Nicht mehr, nicht weniger.                          

 

                                                                                                                                              

 

Dienstag, 8. Dezember 2020

Lektüremonat November 2020.

 

Martin Walser: Tassilo – Hilfe kommt aus Bregenz.

Niemand Geringeres als Bruno Ganz verkörperte Anfang der 1990er Jahre Martin Walsers (geboren 1927) halbseidenen Friedrichshafener Privatdetektiv Tassilo S. Grübel in den Verfilmungen des ZDF. Kuriosum dabei, dass die Vorlagen für ein anderes Medium gedacht waren – und auch dort ausgestrahlt wurden –, denn die Tassilo-Geschichten waren ursprünglich Hörspiele. So auch „Hilfe kommt aus Bregenz“, wo es Tassilo gelingt, mit Hilfe einer frustrierten jungen Frau seinen Intimfeind, dem neureichen Unternehmer James Blickle, der wenig von Privatdetektiven allgemein und noch weniger von der Friedrichshafener Ausführung im Speziellen hält, den er gern in aller Öffentlichkeit demütigt, hereinzulegen. So zumindest der Plan. Er überzeugt die von Männern der Art Blickles enttäuschte Evi, diesen zu verführen und für ein Wochenende in den Bergen abzulenken, während Tassilo bei dessen Ehegattin anruft, diese als vermeintlicher Linksterrorist um 55000 DM erpresst, am Ende wird mit einem noch beteiligten Freund, der die Geldübergabe inszeniert, geteilt. Tatsächlich läuft die Sache gut an, doch rechnet Tassilo nicht damit, dass Frau Blickle, soeben selbst von ihm mit verstellter Stimme erpresst, ausgerechnet bei ihm Hilfe sucht. Die Geldübergabe geht zwar noch gut, aber dann hat sich Evi auch noch in ihr ‚Opfer‘ Blickle verliebt… Ganz amüsant, allerdings ohne wirklich so richtig zu zünden.  

 

A.L. Kennedy: Das blaue Buch.


Ein junges Pärchen wartet vor einem Kreuzfahrtschiff, für das sie eine Reise geschenkt bekommen haben, in der sich kaum fortbewegenden Schlange. Ein Mitpassagier redet sie an, etwas aufdringlich, um ihnen ein paar Zahlentricks vorzuführen, Spielereien, mit denen er dann auch andere Wartende beglückt. Auf dem Schiff taucht er scheinbar zufällig wieder in ihrer Nähe auf, überredet sie zum gemeinsamen Essen. Als Derek, Beths Freund, kurz abwesend ist, spricht der Fremde, der sich als Arthur Lockwood vorgestellt hatte, sie auf eine äußerst vulgäre und intime Art an. Derek wird, die See ist stürmisch, kurz darauf seekrank, er muss in der Kabine bleiben, unleidlich, wenn er nicht gerade schläft. Beth trifft auf Deck wieder Arthur Lockwood – und es stellt  heraus, dass die beiden eine lange gemeinsame Geschichte haben. Lockwood verdient sein Geld – nicht wenig Geld – als moderner Spiritist. Früher trat er in Sälen auf, seine stark entwickelte Fähigkeit nutzend, seine Gegenüber gut einschätzen zu können, aus vagen Andeutungen und mit suggestiven Fragen Lebensläufe und meist traumatische Ereignisse zu erschließen. Seine Assistentin und damalige Freundin: Beth. Zwar hatte man sich vor längerer Zeit getrennt, Lockwood hat seine Methode weiterentwickelt, um sich Einzelpersonen als eine Art psychologischer Therapeut mit Hilfe des Jenseits anzudienen, doch nun verfällt Beth bald wieder der Anziehung des Manipulateurs. Auch sie hat einiges von ihm gelernt und glaubt selbst, Herrin der Lage zu sein. Ein Ausweichen und Anziehen beginnt. Klingt spannender, als es ist. A.L. Kennedy (geboren 1965) gestaltet ihre männlichen Figuren so unsympathisch, dass selbst ihre Protagonistin darunter leidet, weil man sich fragen muss, was sie wohl an dem betrügerischen, das Leid anderer Menschen ausnutzenden Arthur – der immerhin so halbe Gewissensbisse entwickelt – oder an Derek findet, der, auch ohne krank zu sein, mürrisch und egozentrisch ist und sofort in den übelsten Beschimpfungsjargon wechselt, wenn ihm etwas nicht passt. Beides sind zudem äußerst larmoyante Personen, insbesondere aber Arthur, stets wird betont, wie schlecht man füreinander sei, wie man sich Schmerz zufüge, gerade auf das Ende hin gerät der Ton immer näher ans Kitschige. Dies retten weder die leicht prätentiösen postmodernen Spielereien (etwa mit den Seitenzahlen) noch die überraschende – den Titel erklärende – Schlusspointe, die reichlich unmotiviert daherkommt. Kennedy kann unzweifelhaft auf hohem Niveau klug und spannend schreiben, aber in diesem Fall war das Talent verschenkt.    

 

Halldór Laxness: Das wiedergefundene Paradies.

Eines Tages wirft die Stute des Bauern Steinar vollkommen unerwartet ein wunderschönes graues Pony, von solcher Vollkommenheit, dass die Familie dahinter höhere Machte vermutet. Das Tier ist nicht nur der Liebling seiner beiden Kinder, sondern auch bald begehrtes Objekt der bessergestellten Elite. Doch Bauer Steinar lehnt das Angebot des liberalen Bezirksvorstehers ebenso ab wie das des reichsten Mannes der Region, Björn von Leirur. Er hat anderes mit dem Tier vor. Wie viele Isländer, selbst wenn sie nur, wie er, verarmte Bauern sind, ist er stolz auf seine vermeintlich hohe Abkunft von halbmystischen Königen und ehrt die Traditionen, noch dazu ist Steinar jemand, der hinter seiner scheinbar naiven Unfähigkeit, ja oder nein zu sagen, doch genau weiß, wonach er strebt. So reist er mit dem Pferd zu einem Empfang des dänischen Königs auf Island, der die Insel in jener Zeit – wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – beherrscht. Auf dem Weg dorthin trifft er auf einen Mormonenprediger, der von den Einheimischen nicht angehört, sondern verprügelt wird. Für Steinar ist das nur eine Episode, zwar gelingt es ihm tatsächlich, zum König vorzudringen und diesem das Pferd zu schenken, doch außer freundlichem Dank erwächst hieraus vorerst nichts. Auch als er ein geheimnisvolles Kästchen mit versteckten Fächern und kaum zu öffnenden Schließmechanismen baut, das er auf Einladung des Königs in Kopenhagen vorführt, geht sein Plan nicht auf. In seiner Vorstellung, geprägt von uralten Mythen, hätte ihm der Herrscher hierfür mindestens große Menge Land und den Grafentitel schenken müssen. Doch Steinar trifft nur den Mormonenprediger wieder und schließt sich diesem an, um letztlich in dessen verheißenen gottgewollten Staat das Glück in den USA zu finden. Seiner Familie gibt er nur Bescheid, dass sich seine Rückkehr verzögert. Mit fatalen Folgen. Björn von Leirur ruiniert seinen Hof und schwängert seine Tochter. Tochter, Sohn und Frau sinken verstreut in der Region zu Gemeindearmen herab. Steinar etabliert sich zwar in Utah als Ziegelbauer, doch muss er feststellen, dass auch hier keineswegs das vollendete Paradies herrscht, bedroht vom säkularen Staat außen und Zwistigkeiten im Inneren. Er holt die Reste seiner Familie herüber – seine Frau stirbt auf der Überfahrt – doch selbst reist er als Prediger zurück nach Island. Um dort vor den überwachsenen Grundmauern seines einstigen Hofes zu stehen. Ein klassischer Laxness (1902-1998): Der Nobelpreisträger verknüpft wahre Ereignisse der isländischen Geschichte in ganz eigener, leicht altertümelnder, aber unangestrengt schöner Sprache mit den großen Themen der Heimatlosigkeit, der Verankerung in und der Lähmung durch die Tradition, der Religion und der Toleranz, die man für sich erhofft und anderen nicht gönnt.   

 

Anni Ernaux: Die Jahre.


Mit etwas Verzögerung wurde Annie Ernaux (geboren 1940), vorher nur Liebhaber*innen der zeitgenössischen französischen Literatur bekannt, aber bei diesen längst ein Geheimtipp, nun auch der breiten deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt. Der ‚Türöffner‘ war erstaunlicherweise ein sehr französisches Buch, „Die Jahre“, eine Autobiographie vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen unseres Nachbarlandes aus der Alltagssicht einer Frau. Man könnte meinen, dass solch ein Buch, das nun mal zumindest halbwegs profunde Kenntnisse der französischen Innenpolitik, von hierzulande kaum bekannten Personen und auch der von der deutschen sehr verschiedenen Pop- und Konsumkultur voraussetzt, nur bedingt – bei besagten, immerhin doch recht zahlreichen Frankophilen – auf breiteres Interesse stößt, sowie in Frankreich vermutlich kaum jemand die beklemmend steife  Atmosphäre der Adenauer-Jahre genauer nachvollziehe könnte. Doch stellt man einerseits beim Lesen schnell fest, dass die Unterschiede oft weit oberflächlicher sind, vor allem aber andererseits, was Ernaux immer wieder betont, wiederum eine solche Oberfläche existiert, die ein tieferes Nachdenken oft gar nicht erlaubt. Die Ereignisse kommen und sie erscheinen uns im Nachhinein wichtig und bedeutend, aber in der damaligen Wahrnehmung herrscht anderes vor, was das Geschichtsbuch als großen Einschnitt und Umbruch festhält, wird privat kurz oder gar nicht registriert und verschwindet dann wieder, mitsamt dem dazugehörigen Engagement. Und dies ist schließlich kein Frankreich-spezifisches Phänomen. In ihrer Nüchternheit, ausgedrückt durch das distanziert verallgemeinernde „man“ oder das von sich selbst Abstand nehmende „sie“ beim Betrachten von Aufnahmen, die sie selbst zeigen, hält Ernaux insbesondere am Anfang und Ende ihres Textes Erinnerungsfetzen und -sätze fest, die für sie Bedeutung haben, Bruchstücke, die zumeist äußerlich banal sind. Nostalgie ist ein zwiespältiges Gefühl, es verklärt oder deprimiert, und für gewöhnlich wertet es die Gegenwart ab. Ernaux‘ Buch ist natürlich nostalgisch, aber auf eine sehr ungewöhnliche, ständig reflektierte Weise, eine Sehnsucht nach der Vergangenheit entsteht nicht, allenfalls der Versuch, einzelne Momente festzuhalten, die persönliche Bedeutung haben. Die Frage – für jede*n – bleibt dann, was man mit diesen anfängt. Ein großartiges Buch, jetzt schon ein Klassiker.

 

Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2.


Ein Gedichtband vom Anfang der 1970er Jahre aus der Feder des sicherlich bedeutendsten Lyrikers jenes Jahrzehnts, Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), der seine Meisterschaft auch mit diesem Band noch einmal, kurz vor seinem Tod, mehr als untermauerte. Brinkmann war streng in der Form und hat sie doch aufgelöst. Das kurze Gedicht war seine Sache nicht, seitenlang gehen oft die Strophen, die auch untereinander auseinanderfallen, formal und inhaltlich. Das zugrundeliegende Thema fächert sich auf in scheinbar Unzusammenhängendes, auf den ersten Blick Disparates wird kombiniert, Fetzen zusammengestellt, was dann wiederum die sich verzweigende Form widerspiegelt. Wörter fallen auseinander wie Satzenden – und doch sind die Gedichte von klarer Struktur. Cut-Up steht neben schönen vierzeiligen Strophen. Auch die Titel sind oft so banal wie paradigmatisch: „Ein Gedicht“, „Bruchstück Nr.3“, „Eine Komposition“. Aber allein das erwähnte „Gedicht“ ist von so überwältigender Großartigkeit in dem Versuch, kein Gedicht zu sein, dass allein dieses Brinkmanns Gedächtnis gesichert hätte. Brinkmanns Lyrik ist manchmal – wie er es im Vorwort gewünscht hat – sehr eingängig, ohne anbiedernd zu sein, manchmal sehr hermetisch, anstrengend, allerdings auf angenehme Art, die einen doch in den Sog der Texte hineinzieht. Hinzugefügt hat Brinkmann dem Band eigene Fotos von ähnlicher Natur: banal und doch geheimnisvoll, unzusammenhängend und doch verwandt. Noch einmal ein Höhepunkt deutscher Lyrik.    

 

Hubert Selby: Letzte Ausfahrt Brooklyn.


Es ist kein Roman, sondern eine Reihung sehr unterschiedlich langer Erzählungen, die lose durch den Ort – ein ‚Problemviertel‘ in Brooklyn – und einige Personen verbunden sind, 1964 erstmals erschienen, in einigen Ländern, darunter Großbritannien, umgehend verboten, heute ein Klassiker. Eine fast typische Geschichte. Allerdings hat „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ von seinem Skandalcharakter kaum verloren, es gehört nicht zu den Büchern, wo man sich im Nachhinein wundert, was die Menschen einst so aufgeregt hat. Möglicherweise haben wir uns inzwischen an Selbys (1928-2004) unverblümte Ausdrucksweise gewöhnt, vielleicht, aber hoffentlich eher nicht, auch an die ungeschönte Darstellung von Brutalität, verstörend bleibt die äußerst nüchterne, sich völlig der Wertung enthaltende Erzählweise, in der Jugendliche aus Langeweile Menschen zusammenschlagen, das Interesse der Männer oft nur auf den nächsten Sex konzentriert ist, Kinder nichts als schwer erträglicher Ballast zu sein scheinen, moralische, aber auch die ganz banale Korruptheit Alltag ist, aus dem auch niemand so recht den Willen aufbringt, auszusteigen. Dass Selby solche Gegenwelten ohne jegliche Romantisierung – darunter das homosexuelle Transvestitenmilieu oder seine Schilderung des Innenlebens von Sozialwohnungen – in die Literatur eingeführt hat, brachte ihm das Lob der Schriftstellerkollegen ein und den Hass der bürgerlichen Kritik. Verfilmt wurde das Buch übrigens Ende der 1980er Jahre unter deutscher Regie (Uli Edel), produziert von Bernd Eichinger. Der Erfolg war überschaubar, ganz anders als beim späteren Selby-Klassiker „Requiem for a Dream“ (2000, Darren Aronfosky), in beiden Adaptionen hatte der Autor einen kurzen Auftritt. Nicht unbedingt das Buch für einen gemütlichen Winterabend, aber unbedingt lesenswert.