Samstag, 27. April 2019

Mit Fräulein Annika unterwegs...zur Ruine Neuburg im Thurgau.

 


Marketingtechnisch ist der Name Neuburg für eine Burg ein absolutes Desaster. Zu Recht würde man den unkreativen Designer, der sich dies ausgedacht hat, sofort feuern. Und was Feuern im Hochmittelalter bedeutet, sei der Phantasie eines jeden überlassen. Wenig verwunderlich gibt es die Bezeichnung Neuburg für zahlreiche Burgen und Ruinen, auch die gelegentliche Bezeichnung Neuenburg für unser heutiges Ziel macht es keineswegs besser, heißt so schließlich sogar ein ganzer Kanton mitsamt Hauptstadt. Wie klangvoll ein Name sein kann, beweisen die unmittelbaren Nachbarn der Neuburg über Mammern, die Steiner Burg Hohenklingen scheint direkt einem Artusroman entsprungen, gut, die Schrozburg auf dem Schiener Berg erinnert eher an einen üblen Keuchhusten, aber immerhin ist diese Bezeichnung definitiv einmalig und könnte man sich anheimelndere Orte als Liebenfels und Freudenfels ausdenken? Nun, all das hätte sein können, ist aber nicht. Wir müssen mit der Bezeichnung Neuburg vorlieb nehmen – und das ist nicht das einzige, was im Laufe ihrer Geschichte für Verwirrung sorgen wird.

Noch sind wir auch gar nicht da. Fräulein Annika und ihr Begleiter haben sich des frühmorgens von der Thurgauer Kantonshauptstadt Frauenfeld aufgemacht, um den Seerücken zu überqueren. Dieser Höhenzug begleitet den Untersee von kurz hinter Kreuzlingen – in etwa ab Tägerwilen – bis Stein am Rhein, mit anderen Worten, ziemlich komplett. Dabei reicht er teils bis hart an das Ufer heran, nur die Straße und die Bahntrasse trennen ihn vom Wasser. Von der Seehöhe auf gut 400 Metern geht es teils recht steil hinauf auf bis zu knapp unter 700 Metern. Die Bezeichnung Thurgauer Seerücken schien uns anfangs etwas seltsam, da ein Rücken ja bekanntlich nur eine Seite – die RÜCKseite – besitzt, in diesem Falle offenbar die dem See zugewandte, während unser Höhenzug auch auf der anderen Richtung Thurtal abfällt. Beim Überwinden dieser Barriere ist uns dann aber eingefallen, dass wohl eher gemeint sein dürfte, die Hügelkette als einen nach oben zeigenden Rücken anzusehen, was ein stimmiges Bild ergibt – wäre der Thurgauer Seerücken also ein riesiger Mensch, dann läge er dahingestreckt auf dem Bauch von Stein bis Tägerwilen.

Im Pfyner Städtli: einer der interessantesten Orte im Thurgau,
 errichtet auf einem Römerkastell, mit Schloss und paritätischer Kirche,
 Museum in der Trotte und einer alten Steinzeitkultur.   
Fräulein Annika und ich steigen also vom Thurtal, genauer in Pfyn – davon ein andernmal – auf den Seerücken hoch, der aufgrund seiner Höhe erst einmal sehr lange vom See nicht einmal etwas erahnen lässt. Sehr wildromantisch laufen wir im Tal eines kleinen Bächleins entlang, das, wie gehabt, teils tief in die Molasse eingeschnitten ist, gleichzeitig sieht das Bachbett oft wie künstlich mit kleinen Treppenstufen angelegt aus, die das Wasser über die Jahrtausende schön abgeschliffen hat. In der Nähe von Hörstetten geht es auf einen einzelnen Bauernhof zu, wo kurz vor unserem Auftauchen ein Mensch im Blaumann mit ebenso blauer Schlafmütze – so ein Klopapierwärmer mit Schnurzipfel, dazu etwas Spitzwegs „Armer Poet“, wie ihn Skifahrer in den 1980er Jahren gelegentlich getragen haben – rechts aus dem Stallgebäude. Er trägt in der rechten Hand einen stattlichen Vorschlaghammer, in der linken einen Holzpflock. Wir könnten nun ziemlich beunruhigt sein, würde der Mann nicht laut vor sich hinsingen. Obwohl...vielleicht sollte uns gerade das noch viel mehr beunruhigen? In jedem Fall ist die peinliche Situation entstanden, dass der gute Mann uns nicht bemerkt hat und sich allein glaubt. Manchem ist das ja egal, andere füllen sich dadurch ertappt. Auch wenn wir uns nicht unbedingt davor fürchten, dass der Mann, sobald er uns bemerkt, von Pflock und Vorschlaghammer Gebrauch macht – schon einzeln unangenehm, in der Kombination nicht minder – hoffen wir, dass er vielleicht ohne uns wahrzunehmen ins Bauernhaus eintritt, da er allerdings passend zu seinem sonstigen Verhalten äußerst gemütlich schlendernd unterwegs ist, zeichnet sich ab, dass uns nur noch Sekunden davor trennen, ihn passieren zu müssen. Tatsächlich bleibt er neben seinem – hübsch geschmückten – Briefkasten stehen, wo er uns nun bemerkt und leicht überrascht mit einem „Grüezi wohl!“ herübergrüßt, das wir erleichtert erwidern.

Nachdem wir diese erste Gefahrensituation glimpflich überstanden haben, gibt es vom weiteren Verlauf der Wanderung nur noch wenig zu berichten. Hinter Hörhausen ergab es sich, dass der Wanderweg wiederum auf ein Einzel zuführte, erkennbar ein älteres Ensemble, erkennbar aber auch, dass die Route schnurstracks direkt in den einsamen Bauernhof hineinführte. Man weiß, was das zu bedeuten hat – und man kann niemanden verdenken, dass er sich als Besitzer solch eines abgelegenen Idylls einen Hund anschafft. Für Fußgänger ohne Ausweichmöglichkeit nicht unbedingt eine glückverheißende Aussicht, aber wir gingen einmal optimistisch davon aus, dass die sonst in allen Belangen so vertrauenswürdigen Planer der Schweizer Wanderwege auch hier bedacht haben, dass man Wanderfreunde nicht aggressiven Hofhunden zum Nachtisch ausliefert. Wir haben kaum den Hof des Hofes betreten, schon kommt aus irgendeiner Ecke eine Art kniehoher braungefleckter Dalmatiner dahergeschossen, ohne Kette, laut bellend. Es dürfte weniger mein freundliches Zureden gewesen sein, als das Selbstbewusstsein des Hundes, der weiß, was er seinem Job schuldig ist, nämlich klarzustellen, dass er hier den Chef in der Runde darstellt, was wir in diesem Moment kaum abstreiten, weshalb er einen halben Meter vor uns stehenbleibt, noch einmal eine Ansage in Form lauten Gebells macht und dann unser weiteres Vorgehen abwartet. Das mit dem buchstäblichen Vorgehen ist gar nicht so einfach, denn hier, inmitten des Bauernhofes, müssen wir uns erst einmal orientieren, wo der Weg den weiterführt. Unser Bewacher nimmt das aber gelassen hin – wahrscheinlich ist er es gewohnt – und aus seiner Sicht lohnt es nicht einmal, uns verschwindenden Störenfrieden, noch ein verabschiedendes Gekläff hinterherzuschicken. Für ihn geht’s zurück an sein stilles Plätzchen – bis zum nächsten Wanderer – für uns in Richtung Gündelhart. Dort am Ortsrand angekommen, sehen wir den ersten Wegweiser zur Neuburg.

In der größten Ruine des Untersees.
 
Hier, auf der Hochfläche des Seerückens, ahnt man zwar bereits die Nähe des Gewässers, aber zu sehen ist er noch immer nicht, gegenüber liegen die Höhen der Höri und wüsste man es nicht, niemand würde dazwischen den Untersee vermuten. Unser Weg nimmt einen für Schweizer Verhältnisse geradezu typischen Verlauf, indem er urplötzlich vom breiten Teerweg mitten auf die Wiesen abzweigt, wo nicht mal ein Trampelpfad, aber in der Ferne die nächsten Wegweiser erkennbar sind, weshalb wir natürlich, oberstes Gebot, diese scheinbar irrationale Variante einschlagen, die uns ebenso natürlich durch den anschließenden Wald sicher zum Ziel bringt. Es geht bereits kräftig bergab, doch durch den Bewuchs ist nichts sichtbar, bis plötzlich der Bergfried der Neuburg vor uns auftaucht.

Die Geschichte der Neuburg ist zu Beginn klar, wird recht wirr, dann wieder übersichtlicher. Gegründet haben die Burg einst die Herren von Hohenklingen im benachbarten Stein – deren Stammsitz dürfte sie einst auch ziemlich ähnlich gesehen haben, wer also eine bessere Vorstellung der Gebäude haben möchte, muss die paar Kilometer nach Stein weiterlaufen (oder mit der Bahn fahren), was sich naturgemäß ohnehin lohnt. Die Neuburg entstand als typische stauferzeitliche Festung vor 1250, der Grund ist allein vom Standpunkt noch heute für jeden leicht ersichtlich und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie erwähnt, drängt der Seerücken hier fast bis ans Ufer, nichts klüger also, als über der Engstelle einen trotzigen Wächter hinzustellen, der als Bonus noch eine Position mit Übersicht über den gesamten Untersee von Stein bis über die Reichenau hinaus mitbringt, gleichzeitig mit Blickkontakt zur Stammburg Hohenklingen. Wenig verwunderlich, dass die Neuburg zur größten Festung am Unteresse heranwuchs.

Jetzt kommt der verwirrende Teil: die von Hohenklingen verscherbelten ihren Besitz Neuburg und Mammern Ende des 13. Jahrhunderts an die von Castell – bei Kreuzlingen, die dortige Ruine ist ebenfalls noch vorhanden – die wiederum ihn kurz darauf an das Kloster St. Gallen übergeben, welches die kleine Herrschaft in der Folge mehrfach verschiedenen Lehensträgern abgibt, meist kleineren Adligen oder Patriziern der Region. Das geht so die nächsten zweihundert Jahre, bis 1540 Ursula von Hutten den Besitz erwirbt, die Witwe des vom württembergischen Herzog Ulrich ermordeten Hans von Hutten, eine Geschichte, die man durch die Texte Ulrich von Huttens gut kennt. Dieser erneute Wechsel hat einen kuriosen Nebeneffekt, den Frau von Hutten ist eine geborene Thumb von – richtig – Neuburg. Diese Neuburg hat – oder jetzt: hatte – mit unserer natürlich nichts zu tun, sie liegt im Rheintal beim vorarlbergischen Götzis, eine weitere Ruine. Ursula von Hutten hat die Burg noch einmal ordentlich renoviert, wohl die letzte echte Glanzzeit des Baues, nach dem Tod der Witwe erbt die männliche Nachkommenschaft aus ihrem Zweig, womit die Neuburg nun tatsächlich in den Händen der Neuburg ist, auch nach einer Teilung der Herrschaft um 1600. Das Wohnen auf Burgen verliert allerdings rasant an Attraktivität, und die neuen Besitzer ab 1621, die Roll aus Uri, haben nur noch wenig Interesse an der Bergfeste. Die Roll, mehrere Brüder aus dem katholischen Urkanton, bauen lieber ein italienisches Schlösschen unten am See in Mammern anstelle des dortigen Amtshauses. Die ohnehin schon recht angeramschte Neuburg wird nur noch um 1690 kurz einmal bewohnt, von – Überraschung, Überraschung – mal wieder einem neuen Besitzer, im gleichen Jahr dann endgültig ein letztes Mal mitsamt der Herrschaft Mammern verkauft. Nun gehört der Besitz mit allem Drum und Dran dem Kloster Rheinau bei Schaffhausen, dass sich lieber dem Schloss am See als der Halbruine dort oben am Hang widmet. Zum Bau des noch heute bemerkenswertesten Schmuckstücks in Mammern, der Schlosskapelle, nutzt man 1749 schon Steine der Neuburg.

Dieses Ende ist ein bisschen unrühmlich, bedenkt man, dass es nie jemandem gelungen ist, die Neuburg einzunehmen und zu erobern. In unserer Vorstellung ist es ja oft so, dass wir eine Burgruine mit einem Kriegsereignis in Verbindung bringen, bei dem die Burg zerstört und anschließend nicht wieder aufgebaut wurde. Das ist zwar auch oft der Fall, doch gilt es nicht für die Neuburg. Über die Jahrhunderte unbedrängt und unzerstört, darum auch baulich kaum verändert, ist sie einfach durch nicht mehr vorhandene Nutzung verfallen. Man kann es auch anders ausdrücken – und der Beispiele sind viele: einen Schlossbau im Tal hat kaum eine Höhenburg überlebt. Und so ist die Neuburg heute eine beachtliche Ruinenlandschaft über dem See, deren hervorstechendestes Merkmal der hohe Bergfried ist, dessen Mauerinnenseite inzwischen komplett fehlt. An ihm kann man allerhand „Gesteinsproben“ miteinander vergleichen, von Buckelquadern über riesige Kiesel, Wacken und ganz oben, zur Bekrönung, Zinnen aus Ziegelsteinen, auf denen einst das Dach auflag, siehe Hohenklingen. Neue Bewohner hat die Neuburg auch, Turmfalken genießen jetzt die schöne Aussicht auf den See. Aber nicht nur: zwar weniger dauerhaft, scheint die einstige Vorburg gerne für Grillabende genutzt zu werden, ganz ordentlich schweizerisch in einer dafür vorgesehenen angenehm gestalteten Anlage. Überhaupt scheint man sich nach langen Jahren des bis vor kurzem andauernden Verfalls nun dem Erhalt und der sinnvollen Nutzung der Ruine gewidmet zu haben.

Für uns geht’s von nun an bergab. Beziehungsweise weiter bergab aus dem Wald hinaus durch die Obstplantagen, über die Straße und auf den Radweg entlang der Bahnlinie parallel zum Seeufer bis hinein nach Mammern. Dort steht schließlich das Schloss, dass unserer guten Neuburg das Genick gebrochen hat – wenn man es so sagen kann. Sie war übrigens nicht das einzige Opfer dieses Neubaus – auch die etwas weiter unten, direkt am Ufer bei der Schiffslände gelegene, heute völlig verschwundene Wasserburg, verlor ihre Funktion angesichts des doch wesentlich schmuckeren und vor allem angenehmer bewohnbaren Ansitzes aus der Zeit um 1620. Dessen Prunkstück ist die bereits erwähnte, auf Kosten der Neuburg errichtete Rokokokapelle von 1749, innen und außen ein Juwel eines Vorarlberger Baumeisters aus der berühmten Beerfamilie, in diesem Falle Johann Michael. Bemerkenswert im Inneren die nur aufgemalten Altäre – ein eher seltenes Exempel der in jenen Tagen recht beliebten Scheinarchitektur, im Gegensatz zur ebenfalls vorhandenen nur perspektivischen  Kuppel. Leider konnten Fräulein Annika und ich das Gelände des Schlosses nicht betreten. Trotz des über dem Eingangstor freundlich grüßenden Salus Intrantibus ist uns der Zugang verwehrt, denn innerhalb der Schlossgebäude ist seit dem 19. Jahrhundert eine Privatklinik untergebracht. Die Kapelle ist allerdings auch das markanteste Überbleibsel des Schlosses, das zwar im Kern noch immer vorhanden ist, aber einerseits nach einem Brand schon im 18. Jahrhundert alle seine Türmchen und Erker verloren hat, andererseits durch die zahlreichen Zubauten seit der Nutzung als Klinik nicht mehr so recht in seinem ursprünglichen Charakter zu erkennen ist. Zumindest von unserem Standpunkt außerhalb. Den großzügigen Schlosspark nutzen nun die Patienten und Patientinnen (hoffentlich) ausgiebig zur Erholung – auch er birgt eine Besonderheit, eine Statue des heiligen Nepomuk vom Ende des 17. Jahrhundert, was an und für sich noch nicht sonderlich bemerkenswert wäre. Doch ist dieser sonst typische Nepomuk im barocken Priestergewand, mit Kreuz und einem sein Haupt umgebenden Sternenkranz, sowohl von der Park- als auch von der Seeseite komplett: er ist eine recht raffinierte Doppelfigur mit Vorder- und Rückansicht. Nach einem kurzen Schwenk in die rundum außen und innen einheitlich neugotische Pfarrkirche, ein insgesamt sehr gutes, stimmiges Exemplar der Epoche, notwendig geworden nach einem Brand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, geht es für Annika und ihren Begleiter zum Bahnhof, wo auf dem benachbarten Sportplatz, noch ein Zeichen dafür, dass wir in der Schweiz sind, einige Kinder in ihrer Freizeit Hockey spielen. Dann kommt die Seelinie herbeigefahren und nimmt uns mit...

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