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Mittwoch, 7. April 2021

Das neue Buch: Wander-Geheimtipps Bregenzerwald.

Ein besonderes Buch für eine besondere Landschaft. Genaugenommen eine Talschaft, denn der Bregenzerwald fasst die Gemeinden zusammen, die an den Ufern der Bregenzer Ach liegen, links und rechts, mal nah und fern auf ihrem Weg von den Alpen in den Bodensee. Die beschaulichen Kirchdörfer von Langen über Bezau bis Warth, keines größer als 4000 Einwohner, die meisten deutlich kleiner, waren durch ihre Abgeschlossenheit und ihre Freiheitsliebe schon immer eng miteinander verbunden. Und so ist der Bregenzerwald durch Vielfalt vereint, von sanfter Hügellandschaft bis zu schroffen Tälern und hohen Gipfeln weit über 2000 Metern. Und dazwischen lebt ein (gast)freundlicher Menschenschlag in Schindelhäusern, auf Vorsäßen und in Almhütten. Der 'Wälder' verwöhnt uns zudem mit einem unglaublich leckeren Käse, mit Heumlich und einigen Spezialitäten mehr. 

Das Buch deckt ein möglich breites Spektrum an Wanderungen und Landschaften ab, besucht (fast) alle Orte der Talschaft, meidet aber die großen ausgetretenen Pfade. Dazu gibt es ein paar Abstecher ins Rheintal und Allgäu.  

 

Mit dabei an versteckter Stelle im Buch und allen Blog-Leser*innen bestens bekannt: Fräulein Annika. Viel Spaß beim Suchen!   

Mehr Infos und Bestellungmöglichkeit wie immer hier:

https://verlagshaus24.de/wander-geheimtipps-bregenzerwald
 

Krumbach im Vorderen Bregenzerwald.

Samstag, 27. April 2019

Mit Fräulein Annika unterwegs...zur Ruine Neuburg im Thurgau.

 


Marketingtechnisch ist der Name Neuburg für eine Burg ein absolutes Desaster. Zu Recht würde man den unkreativen Designer, der sich dies ausgedacht hat, sofort feuern. Und was Feuern im Hochmittelalter bedeutet, sei der Phantasie eines jeden überlassen. Wenig verwunderlich gibt es die Bezeichnung Neuburg für zahlreiche Burgen und Ruinen, auch die gelegentliche Bezeichnung Neuenburg für unser heutiges Ziel macht es keineswegs besser, heißt so schließlich sogar ein ganzer Kanton mitsamt Hauptstadt. Wie klangvoll ein Name sein kann, beweisen die unmittelbaren Nachbarn der Neuburg über Mammern, die Steiner Burg Hohenklingen scheint direkt einem Artusroman entsprungen, gut, die Schrozburg auf dem Schiener Berg erinnert eher an einen üblen Keuchhusten, aber immerhin ist diese Bezeichnung definitiv einmalig und könnte man sich anheimelndere Orte als Liebenfels und Freudenfels ausdenken? Nun, all das hätte sein können, ist aber nicht. Wir müssen mit der Bezeichnung Neuburg vorlieb nehmen – und das ist nicht das einzige, was im Laufe ihrer Geschichte für Verwirrung sorgen wird.

Noch sind wir auch gar nicht da. Fräulein Annika und ihr Begleiter haben sich des frühmorgens von der Thurgauer Kantonshauptstadt Frauenfeld aufgemacht, um den Seerücken zu überqueren. Dieser Höhenzug begleitet den Untersee von kurz hinter Kreuzlingen – in etwa ab Tägerwilen – bis Stein am Rhein, mit anderen Worten, ziemlich komplett. Dabei reicht er teils bis hart an das Ufer heran, nur die Straße und die Bahntrasse trennen ihn vom Wasser. Von der Seehöhe auf gut 400 Metern geht es teils recht steil hinauf auf bis zu knapp unter 700 Metern. Die Bezeichnung Thurgauer Seerücken schien uns anfangs etwas seltsam, da ein Rücken ja bekanntlich nur eine Seite – die RÜCKseite – besitzt, in diesem Falle offenbar die dem See zugewandte, während unser Höhenzug auch auf der anderen Richtung Thurtal abfällt. Beim Überwinden dieser Barriere ist uns dann aber eingefallen, dass wohl eher gemeint sein dürfte, die Hügelkette als einen nach oben zeigenden Rücken anzusehen, was ein stimmiges Bild ergibt – wäre der Thurgauer Seerücken also ein riesiger Mensch, dann läge er dahingestreckt auf dem Bauch von Stein bis Tägerwilen.

Im Pfyner Städtli: einer der interessantesten Orte im Thurgau,
 errichtet auf einem Römerkastell, mit Schloss und paritätischer Kirche,
 Museum in der Trotte und einer alten Steinzeitkultur.   
Fräulein Annika und ich steigen also vom Thurtal, genauer in Pfyn – davon ein andernmal – auf den Seerücken hoch, der aufgrund seiner Höhe erst einmal sehr lange vom See nicht einmal etwas erahnen lässt. Sehr wildromantisch laufen wir im Tal eines kleinen Bächleins entlang, das, wie gehabt, teils tief in die Molasse eingeschnitten ist, gleichzeitig sieht das Bachbett oft wie künstlich mit kleinen Treppenstufen angelegt aus, die das Wasser über die Jahrtausende schön abgeschliffen hat. In der Nähe von Hörstetten geht es auf einen einzelnen Bauernhof zu, wo kurz vor unserem Auftauchen ein Mensch im Blaumann mit ebenso blauer Schlafmütze – so ein Klopapierwärmer mit Schnurzipfel, dazu etwas Spitzwegs „Armer Poet“, wie ihn Skifahrer in den 1980er Jahren gelegentlich getragen haben – rechts aus dem Stallgebäude. Er trägt in der rechten Hand einen stattlichen Vorschlaghammer, in der linken einen Holzpflock. Wir könnten nun ziemlich beunruhigt sein, würde der Mann nicht laut vor sich hinsingen. Obwohl...vielleicht sollte uns gerade das noch viel mehr beunruhigen? In jedem Fall ist die peinliche Situation entstanden, dass der gute Mann uns nicht bemerkt hat und sich allein glaubt. Manchem ist das ja egal, andere füllen sich dadurch ertappt. Auch wenn wir uns nicht unbedingt davor fürchten, dass der Mann, sobald er uns bemerkt, von Pflock und Vorschlaghammer Gebrauch macht – schon einzeln unangenehm, in der Kombination nicht minder – hoffen wir, dass er vielleicht ohne uns wahrzunehmen ins Bauernhaus eintritt, da er allerdings passend zu seinem sonstigen Verhalten äußerst gemütlich schlendernd unterwegs ist, zeichnet sich ab, dass uns nur noch Sekunden davor trennen, ihn passieren zu müssen. Tatsächlich bleibt er neben seinem – hübsch geschmückten – Briefkasten stehen, wo er uns nun bemerkt und leicht überrascht mit einem „Grüezi wohl!“ herübergrüßt, das wir erleichtert erwidern.

Nachdem wir diese erste Gefahrensituation glimpflich überstanden haben, gibt es vom weiteren Verlauf der Wanderung nur noch wenig zu berichten. Hinter Hörhausen ergab es sich, dass der Wanderweg wiederum auf ein Einzel zuführte, erkennbar ein älteres Ensemble, erkennbar aber auch, dass die Route schnurstracks direkt in den einsamen Bauernhof hineinführte. Man weiß, was das zu bedeuten hat – und man kann niemanden verdenken, dass er sich als Besitzer solch eines abgelegenen Idylls einen Hund anschafft. Für Fußgänger ohne Ausweichmöglichkeit nicht unbedingt eine glückverheißende Aussicht, aber wir gingen einmal optimistisch davon aus, dass die sonst in allen Belangen so vertrauenswürdigen Planer der Schweizer Wanderwege auch hier bedacht haben, dass man Wanderfreunde nicht aggressiven Hofhunden zum Nachtisch ausliefert. Wir haben kaum den Hof des Hofes betreten, schon kommt aus irgendeiner Ecke eine Art kniehoher braungefleckter Dalmatiner dahergeschossen, ohne Kette, laut bellend. Es dürfte weniger mein freundliches Zureden gewesen sein, als das Selbstbewusstsein des Hundes, der weiß, was er seinem Job schuldig ist, nämlich klarzustellen, dass er hier den Chef in der Runde darstellt, was wir in diesem Moment kaum abstreiten, weshalb er einen halben Meter vor uns stehenbleibt, noch einmal eine Ansage in Form lauten Gebells macht und dann unser weiteres Vorgehen abwartet. Das mit dem buchstäblichen Vorgehen ist gar nicht so einfach, denn hier, inmitten des Bauernhofes, müssen wir uns erst einmal orientieren, wo der Weg den weiterführt. Unser Bewacher nimmt das aber gelassen hin – wahrscheinlich ist er es gewohnt – und aus seiner Sicht lohnt es nicht einmal, uns verschwindenden Störenfrieden, noch ein verabschiedendes Gekläff hinterherzuschicken. Für ihn geht’s zurück an sein stilles Plätzchen – bis zum nächsten Wanderer – für uns in Richtung Gündelhart. Dort am Ortsrand angekommen, sehen wir den ersten Wegweiser zur Neuburg.

In der größten Ruine des Untersees.
 
Hier, auf der Hochfläche des Seerückens, ahnt man zwar bereits die Nähe des Gewässers, aber zu sehen ist er noch immer nicht, gegenüber liegen die Höhen der Höri und wüsste man es nicht, niemand würde dazwischen den Untersee vermuten. Unser Weg nimmt einen für Schweizer Verhältnisse geradezu typischen Verlauf, indem er urplötzlich vom breiten Teerweg mitten auf die Wiesen abzweigt, wo nicht mal ein Trampelpfad, aber in der Ferne die nächsten Wegweiser erkennbar sind, weshalb wir natürlich, oberstes Gebot, diese scheinbar irrationale Variante einschlagen, die uns ebenso natürlich durch den anschließenden Wald sicher zum Ziel bringt. Es geht bereits kräftig bergab, doch durch den Bewuchs ist nichts sichtbar, bis plötzlich der Bergfried der Neuburg vor uns auftaucht.

Die Geschichte der Neuburg ist zu Beginn klar, wird recht wirr, dann wieder übersichtlicher. Gegründet haben die Burg einst die Herren von Hohenklingen im benachbarten Stein – deren Stammsitz dürfte sie einst auch ziemlich ähnlich gesehen haben, wer also eine bessere Vorstellung der Gebäude haben möchte, muss die paar Kilometer nach Stein weiterlaufen (oder mit der Bahn fahren), was sich naturgemäß ohnehin lohnt. Die Neuburg entstand als typische stauferzeitliche Festung vor 1250, der Grund ist allein vom Standpunkt noch heute für jeden leicht ersichtlich und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie erwähnt, drängt der Seerücken hier fast bis ans Ufer, nichts klüger also, als über der Engstelle einen trotzigen Wächter hinzustellen, der als Bonus noch eine Position mit Übersicht über den gesamten Untersee von Stein bis über die Reichenau hinaus mitbringt, gleichzeitig mit Blickkontakt zur Stammburg Hohenklingen. Wenig verwunderlich, dass die Neuburg zur größten Festung am Unteresse heranwuchs.

Jetzt kommt der verwirrende Teil: die von Hohenklingen verscherbelten ihren Besitz Neuburg und Mammern Ende des 13. Jahrhunderts an die von Castell – bei Kreuzlingen, die dortige Ruine ist ebenfalls noch vorhanden – die wiederum ihn kurz darauf an das Kloster St. Gallen übergeben, welches die kleine Herrschaft in der Folge mehrfach verschiedenen Lehensträgern abgibt, meist kleineren Adligen oder Patriziern der Region. Das geht so die nächsten zweihundert Jahre, bis 1540 Ursula von Hutten den Besitz erwirbt, die Witwe des vom württembergischen Herzog Ulrich ermordeten Hans von Hutten, eine Geschichte, die man durch die Texte Ulrich von Huttens gut kennt. Dieser erneute Wechsel hat einen kuriosen Nebeneffekt, den Frau von Hutten ist eine geborene Thumb von – richtig – Neuburg. Diese Neuburg hat – oder jetzt: hatte – mit unserer natürlich nichts zu tun, sie liegt im Rheintal beim vorarlbergischen Götzis, eine weitere Ruine. Ursula von Hutten hat die Burg noch einmal ordentlich renoviert, wohl die letzte echte Glanzzeit des Baues, nach dem Tod der Witwe erbt die männliche Nachkommenschaft aus ihrem Zweig, womit die Neuburg nun tatsächlich in den Händen der Neuburg ist, auch nach einer Teilung der Herrschaft um 1600. Das Wohnen auf Burgen verliert allerdings rasant an Attraktivität, und die neuen Besitzer ab 1621, die Roll aus Uri, haben nur noch wenig Interesse an der Bergfeste. Die Roll, mehrere Brüder aus dem katholischen Urkanton, bauen lieber ein italienisches Schlösschen unten am See in Mammern anstelle des dortigen Amtshauses. Die ohnehin schon recht angeramschte Neuburg wird nur noch um 1690 kurz einmal bewohnt, von – Überraschung, Überraschung – mal wieder einem neuen Besitzer, im gleichen Jahr dann endgültig ein letztes Mal mitsamt der Herrschaft Mammern verkauft. Nun gehört der Besitz mit allem Drum und Dran dem Kloster Rheinau bei Schaffhausen, dass sich lieber dem Schloss am See als der Halbruine dort oben am Hang widmet. Zum Bau des noch heute bemerkenswertesten Schmuckstücks in Mammern, der Schlosskapelle, nutzt man 1749 schon Steine der Neuburg.

Dieses Ende ist ein bisschen unrühmlich, bedenkt man, dass es nie jemandem gelungen ist, die Neuburg einzunehmen und zu erobern. In unserer Vorstellung ist es ja oft so, dass wir eine Burgruine mit einem Kriegsereignis in Verbindung bringen, bei dem die Burg zerstört und anschließend nicht wieder aufgebaut wurde. Das ist zwar auch oft der Fall, doch gilt es nicht für die Neuburg. Über die Jahrhunderte unbedrängt und unzerstört, darum auch baulich kaum verändert, ist sie einfach durch nicht mehr vorhandene Nutzung verfallen. Man kann es auch anders ausdrücken – und der Beispiele sind viele: einen Schlossbau im Tal hat kaum eine Höhenburg überlebt. Und so ist die Neuburg heute eine beachtliche Ruinenlandschaft über dem See, deren hervorstechendestes Merkmal der hohe Bergfried ist, dessen Mauerinnenseite inzwischen komplett fehlt. An ihm kann man allerhand „Gesteinsproben“ miteinander vergleichen, von Buckelquadern über riesige Kiesel, Wacken und ganz oben, zur Bekrönung, Zinnen aus Ziegelsteinen, auf denen einst das Dach auflag, siehe Hohenklingen. Neue Bewohner hat die Neuburg auch, Turmfalken genießen jetzt die schöne Aussicht auf den See. Aber nicht nur: zwar weniger dauerhaft, scheint die einstige Vorburg gerne für Grillabende genutzt zu werden, ganz ordentlich schweizerisch in einer dafür vorgesehenen angenehm gestalteten Anlage. Überhaupt scheint man sich nach langen Jahren des bis vor kurzem andauernden Verfalls nun dem Erhalt und der sinnvollen Nutzung der Ruine gewidmet zu haben.

Für uns geht’s von nun an bergab. Beziehungsweise weiter bergab aus dem Wald hinaus durch die Obstplantagen, über die Straße und auf den Radweg entlang der Bahnlinie parallel zum Seeufer bis hinein nach Mammern. Dort steht schließlich das Schloss, dass unserer guten Neuburg das Genick gebrochen hat – wenn man es so sagen kann. Sie war übrigens nicht das einzige Opfer dieses Neubaus – auch die etwas weiter unten, direkt am Ufer bei der Schiffslände gelegene, heute völlig verschwundene Wasserburg, verlor ihre Funktion angesichts des doch wesentlich schmuckeren und vor allem angenehmer bewohnbaren Ansitzes aus der Zeit um 1620. Dessen Prunkstück ist die bereits erwähnte, auf Kosten der Neuburg errichtete Rokokokapelle von 1749, innen und außen ein Juwel eines Vorarlberger Baumeisters aus der berühmten Beerfamilie, in diesem Falle Johann Michael. Bemerkenswert im Inneren die nur aufgemalten Altäre – ein eher seltenes Exempel der in jenen Tagen recht beliebten Scheinarchitektur, im Gegensatz zur ebenfalls vorhandenen nur perspektivischen  Kuppel. Leider konnten Fräulein Annika und ich das Gelände des Schlosses nicht betreten. Trotz des über dem Eingangstor freundlich grüßenden Salus Intrantibus ist uns der Zugang verwehrt, denn innerhalb der Schlossgebäude ist seit dem 19. Jahrhundert eine Privatklinik untergebracht. Die Kapelle ist allerdings auch das markanteste Überbleibsel des Schlosses, das zwar im Kern noch immer vorhanden ist, aber einerseits nach einem Brand schon im 18. Jahrhundert alle seine Türmchen und Erker verloren hat, andererseits durch die zahlreichen Zubauten seit der Nutzung als Klinik nicht mehr so recht in seinem ursprünglichen Charakter zu erkennen ist. Zumindest von unserem Standpunkt außerhalb. Den großzügigen Schlosspark nutzen nun die Patienten und Patientinnen (hoffentlich) ausgiebig zur Erholung – auch er birgt eine Besonderheit, eine Statue des heiligen Nepomuk vom Ende des 17. Jahrhundert, was an und für sich noch nicht sonderlich bemerkenswert wäre. Doch ist dieser sonst typische Nepomuk im barocken Priestergewand, mit Kreuz und einem sein Haupt umgebenden Sternenkranz, sowohl von der Park- als auch von der Seeseite komplett: er ist eine recht raffinierte Doppelfigur mit Vorder- und Rückansicht. Nach einem kurzen Schwenk in die rundum außen und innen einheitlich neugotische Pfarrkirche, ein insgesamt sehr gutes, stimmiges Exemplar der Epoche, notwendig geworden nach einem Brand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, geht es für Annika und ihren Begleiter zum Bahnhof, wo auf dem benachbarten Sportplatz, noch ein Zeichen dafür, dass wir in der Schweiz sind, einige Kinder in ihrer Freizeit Hockey spielen. Dann kommt die Seelinie herbeigefahren und nimmt uns mit...

Montag, 23. Juli 2018

Mit Fräulein Annika unterwegs...zum Kloster Weppach.


 
Klöster sind am Bodensee, man weiß es spätestens seit Arno Borsts Klassiker Mönche am Bodensee, alles andere als eine Seltenheit. Doch Kloster ist nicht gleich Kloster und neben den Berühmtheiten wie Salem, St. Gallen, der Reichenau, Stein am Rhein oder der Bregenzer Mehrerau finden sich allerlei kleine Konvente, die nur den Einheimischen im Umkreis von zehn Kilometern und den Experten bekannt sind, von Bächen über Kalchrain, von Hermannsberg bis Tübach, von Langnau bis Grünenberg. Unser heutiges Ziel, Weppach, gehört, es wird niemanden überraschen, in die zweite Kategorie. Eine Umfrage hier in Konstanz, ob man schon einmal von Weppach gehört habe und wo dieses denn liege, ergäbe vermutlich desaströse Ergebnisse.

Nun, es liegt auf der anderen Seeseite – von Konstanz aus betrachtet – zugegeben gut versteckt im Wald zwischen Bermatingen und dem Deggenhausertal auf dem Gebiet der einstigen Herrschaft Heiligenberg. Fräulein Annika und ich machen uns folglich mit dem Seehänsele, dem Zug von Radolfzell nach Friedrichshafen, Teil der Bodenseegürtelbahn, auf nach Bermatingen, obwohl das eine Qual ist, wenn man vorher ständig mit der Schweizer Bundesbahn unterwegs war – aber das steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls kommen wir überraschenderweise doch irgendwann in dem Ort zwischen Salem und Markdorf an. Bermatingen gehörte seit 1390 zur benachbarten Zisterzienserabtei, da hatte das Dorf schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel, erstmals genannt wurde es nämlich bereits 799, als der Herr Karl der Große auf dem Königsthron saß – Kaiser wurde er ja erst im Jahr darauf. Diverse Funde weisen darauf hin, dass Bermatingen allerdings noch um einiges älter sein dürfte, so fand man ein Grab vom Ende des 7. Jahrhunderts und zudem in der Kirche eine christliche Altarplatte, die in etwa auf 650 datiert wurde.

Die Kirche. Wenn man ins Zentrum des Ortes kommt, unzweifelhaft eines der schönsten im ganzen Linzgau, sucht man sie vergeblich. Tatsächlich liegt sie am Ortsrand, auf einem Hügelchen, früher ein eigener kleiner Ortsteil mit dem sprechenden Namen Pfaffenhofen. Auch diese Gebäudekombination fasziniert, denn hier steht neben einem sehr kräftigen spätgotischen Turm ein dreischiffiges Langhaus ebenfalls aus der Spätgotik, was für eine Dorfkirche sehr monumental ist. Kenner würden eine ehemalige Kloster- oder zumindest eine Wallfahrtskirche vermuten, doch hätten sie sich damit – ausnahmsweise – getäuscht. Bermatingen war weder das ein noch das andere, sondern schlicht die bedeutendste Pfarrei im Umkreis. Wie der Altarfund schon angedeutet hat, kann die Pfarrei – erst viel, viel später im 13. Jahrhundert urkundlich genannt – ein hohes Alter aufweisen. Lange Zeit war sie die Mutterkirche für Markdorf, Hagnau, Kluftern, Ahausen, Ittendorf, Kippenhausen, Immenstaad und Fischbach, kurzum für einen beträchtlichen Anteil des heutigen Bodenseekreises bis hinein ins Stadtgebiet von Friedrichshafen. Da kann man schon mal ein stattliches Kirchlein hinstellen, auch wenn die Pfarrei naturgemäß im Laufe der Jahrhunderte durch Auskopplungen immer mehr schrumpfte. Das Selbstverständnis der Urpfarrei Bermatingen repräsentiert auch in späterer Zeit noch das prächtige Pfarrhaus neben der Kirche, ein auffälliger Barockbau von niemand geringerem als Peter Thumb höchstpersönlich. Die nächste Überraschung erlebt, wer das Gotteshaus schließlich betritt: es ist über und über bemalt mit Fresken wiederum überwiegend aus der Spätgotik, in dieser Fülle – und dem teils sehr guten Erhaltungszustand – auch im an Fresken reichen Bodenseeraum eine Seltenheit. Auch der Rest der Ausstattung, darunter viele sehr schöne Marienstatuen, würde, neben dem Eindruck der Hallenkirche, den Besuch schon lohnen.

Obwohl das ja eigentlich gar nicht unser Ziel ist, woran mich Fräulein Annika erinnert. Wir sind also im Zentrum von Bermatingen, wo zwar die Kirche fehlt, aber dafür dem Fachwerkliebhaber alles geboten wird: die Sparkasse, das Rathaus, der gegenüberliegende Gasthof Zum Adler, große, geräumige Fachwerkbauten, umgeben von zahlreichen Wohnbauten mit nicht weniger Holzschmuck. Am auffälligsten sind naturgemäß das Rathaus mit seinem Dachreiter und dem in die Straße hineinragenden Säulengang sowie das erwähnte Gasthaus, am Wappen erkennbar als früherer Amtsitz des Salemer Verwalters. Die Gebäude sind alle frühneuzeitlich, denn 1590 wütete im Ort ein verheerendes Feuer, das wenig übrigließ von den Vorgängerbauten, was zum schmucken einheitlichen Gesamtbild beiträgt. Gestört wird dieser heimelige Eindruck aber durch den Auto- und LKW-Verkehr, der sich in nicht weniger Zahl und genau mitten durch das Ortszentrum hindurchschiebt. Selten hatte man so sehr das Gefühl, dass ein Ort eine Umgehung verdient hätte – und dafür gibt es noch einen zusätzlichen Grund. 1975 hat man im Autofahrerland – gemeint sind die Bundesrepublik im Allgemeinen und Baden-Württemberg im Besonderen – das Kunststück vollbracht, die spätbarocke Laurentiuskapelle im Ort, die 1780 eine Vorgängerin aus dem Spätmittelalter ersetzte, tatsächlich als Engstelle zu betrachten und kurzerhand abzureißen. Eine Umgehung wurde damals unter anderem mit der Begründung abgelehnt, dass im Süden bald ohnehin die neue Autobahn vorbeiführen würde. Nun, diese Autobahn wurde – zum Glück – nie gebaut, und, zweite abstruse Folge der Abrissaktion, die Ortsdurchfahrt blieb eng wie eh und je, denn auch noch das Rathaus abzubrechen oder zumindest durch Rückbau zu verstümmeln, hat man sich dann doch nicht getraut. Den Bermatingern darf man zugute halten, dass viele den Verlust der Kapelle damals wie heute betrauern. Zu Recht, nicht nur, weil, wie erwähnt, der einzig positive Nebeneffekt, der bessere Verkehrsfluss, nie eintrat, sondern weil man dafür sinnloserweise ein Schmuckstück geopfert hatte, wie jeder erahnen kann, der sich allein nur die in die Pfarrkirche geretteten Ausstattungstücke vor Augen führt.


Über dem Weppachbach
Es nützt ja nichts, die Kapelle ist auf immer perdu. Wir verlassen, sobald wir es über die Straße geschafft haben, den Schauplatz dieser Freveltat und genießen lieber die noch vorhandenen Fachwerkhäuser, die sich auch entlang der Straße ortsauswärts in Richtung Deggenhausertal aneinanderreihen. Besonders auffällig ist ein Gebäude kurz vor dem Ortsrand rechts, wo Fachwerk ringsum schon seltener geworden ist. Dem laienhaften Blick nach scheint es nicht nur ein hohes Alter zu besitzen, es sieht auch schwer nach einer Mühle aus. Auf den zweiten Blick bestätigt dies der an der Fassade angelehnte Mühlstein, doch fehlt noch immer eine grundsätzliche Voraussetzung: ein Bach. Eine Hinweistafel verifiziert zumindest schon mal, das es sich um die Salemer Mühle handelt – und auch der Bach taucht kurze Zeit darauf auf, beziehungsweise verschwindet er, da wir uns gegen die Fließrichtung bewegen, unter der Oberfläche, er wurde kanalisiert. Mit ihm verlassen wir Bermatingen und die Straße, kurz darauf verzweigen sich der Bach – genaugenommen fließen zwei Bäche ineinander – und mit ihnen teilt sich der Weg. Wir gehen rechts hoch in den Wald, denn dort liegt der Weiler Weppach.

Wie im Bodenseeraum üblich, schneiden sich die Gewässer, seien sie noch so klein, sehr tief in die Molasse, den weichen Sandstein der Region, ein, schnell geht es da gleich mal um mehrere zehn Meter hinunter. Für uns dagegen geht es an jenem engen Tal entlang bergauf in großer Kurve. Besagtes Gewässer hat übrigens den faszinierenden Namen Weppachbach, was einem ein bisschen redundant vorkommt und zu der Überlegung führt, ob der Wald um das Kloster Wald bei Pfullendorf Waldwald heißt oder die Seen um das Kloster Irsee bei Kaufbeuren Irseeseen. Der Weiher bei Marienweiher – noch ein Kloster, aber in Oberfranken – heißt jedenfalls nicht Marienweiherweiher, aber der Weppachbach Weppbachbach. Diesen trübseligen Gedanken nachhängend kommen wir schließlich, an ein paar freundlichen Waldarbeitern vorbei, die mit ihrem schweren Gerät den Weg ordentlich zermatscht haben – wovor immerhin gewarnt wird – auf die Lichtung des Weilers Weppach, dem Überbleibsel des einstigen Klosters.

Der Weiler Weppach
Dessen Ursprünge sind unbekannt, genauer: legendär. Ein Reisender soll sich hier verirrt, die heilige Anna um Hilfe gebeten und nach erfolgter Rettung an der Stelle, die er durch seinen Stock vorher gekennzeichnet hatte, einen Bildstock errichtet haben. Die heilige Anna als Nothelferin anzurufen ist recht ungewöhnlich, zumindest nicht unbedingt naheliegend, es sei denn man setzt einen persönlichen Bezug des Reisenden zu ihr voraus. Wie auch immer, das Kloster war später der Mutter Marias geweiht und womöglich liegt hierin die nachgetragene Erklärung. Die Gründungslegende, datiert auf das Jahr 1202, entspricht einem gängigen Muster, ihre Fortsetzung vermischt dann schon deutlicher Tatsächliches mit üblichen Motiven. Der Bildstock wurde ein beliebtes Pilgerziel, dazu fand sich bald in der Nähe eine Quelle mit vermeintlicher Heilkraft. Eine aussätzige Dame edler Abkunft habe sich dann dort niedergelassen, um – erfolgreich – von deren medizinischen Nebenwirkungen zu profitieren, ihr folgten andere Kranke. Um deren Betreuung kümmerten sich fortan Beginen, also fromme Frauen, die in einer ordensähnlichen Gemeinschaft lebten. Hier dürfte spätestens der historische Kern der Geschichte einsetzen, denn die Beginengemeinschaft existierte nachweislich und die Gründungslegende berichtet hier etwas, was gewöhnlich für diese Art Erzählung nicht zielführend ist, nämlich einen Misserfolg: das nachlassende Interesse der Kranken an der Heilquelle. Die Beginen aber blieben trotz fehlender Pilger vor Ort, der ihren Bedürfnissen entsprach: Abgeschiedenheit – wie noch heute der Fall – zur Kontemplation. 1384 ist die Sammlung, wie man solche Gemeinschaften nannte, urkundlich belegt, ab 1400 kommt es immer wieder zu Schenkungen. Die Beginen waren von der Kirche nie so recht anerkannt, jedenfalls beäugte man sie mal wohlwollend, mal – wesentlich öfter – misstrauisch. Selbständige Frauen waren immer verdächtig. Und so suchte man sie – in den besseren Zeiten – einer anerkannten Ordensgemeinschaft zuzuführen, in unserem Fall den Franziskanern aus dem nahen Überlingen. Dadurch wurden aus den Beginen sogenannte Terziarinnen, also „Drittordensschwestern“, zu unterscheiden vom anderen weiblichen Zweig des Franziskanerordens, den Klarissen. In schlechteren Zeiten wurden Beginen – und ihre männlichen Gegenstücke, die Begarden, noch mehr – auch als Ketzer verfolgt, hier im Bodenseeraum, wo sie sehr häufig waren und viele spätere Klöster auf Beginensammlungen zurückgehen, war dies zum Glück kaum der Fall.
Vor der ehemaligen barocken Klosterkirche.
Unter dem Kloster Weppach hat man sich keine prächtige Anlage wie im benachbarten Salem, auch keine große Ordensanlage wie im städtischen Überlingen bei den erwähnten Franziskanern vorzustellen, sondern eine kleine Kirche mit Ordenshaus, dazu später ein paar Ökonomiegebäude, beziehungsweise noch viel später ein Beichtvaterhaus. Solche Klöster existieren noch zum Beispiel auf der Schweizer Seeseite hoch oben in Grimmenstein oder Wonnenstein im Appenzeller Land – auch dort auf frühere Sammlungen frommer Frauen zurückgehend, später umgewandelt in Kapuzinerinnenkonvente. Die Weppacher Gründung gedieh recht gut, auch wenn – oder weil – hier nur jeweils an die zehn oder zwölf Nonnen wohnten. Selbst den Bauernkrieg scheint man gut überstanden zu haben, trotz der Nähe zu Bermatingen, dem Zentrum des „Bermatinger Haufens“. Aber der gab sich ja ohnehin je nach Standpunkt eher kompromissbereit oder kompromisslerisch, was nicht unbeträchtlich zum Scheitern des Bauernkrieges in der Region beigetragen hat. Ich solle nicht vom Thema abkommen, mahnt Fräulein Annika – und sie hat ja recht. Schlimm kam es für das Kloster erst im Dreißigjährigen Krieg, wo die Schweden mehrfach plünderten, dazu nahmen dann auch noch durchziehende bayerische Soldaten – an und für sich Verbündete – mit, was diese vergessen hatten. Die Schwestern flohen ins fürstbischöfliche Markdorf oder gleich hinüber nach Konstanz. Der Wiederaufbau gelang jedoch und wurde um 1780 mit dem Bau – oder der Renovierung – einer neuen Klosterkirche gekrönt. An der konnten sich die Klosterfrauen allerdings kaum mehr 25 Jahre erfreuen, 1803 wurde der Konvent vom neuen Landesherrn, dem Fürsten zu Fürstenberg, aufgelöst, die Nonnen dürften aber dort wohnen bleiben, bis die letzte von ihnen 1828 verstarb. Mit ihrem Ableben war auch das Schicksal der Gebäude besiegelt: das Ordenshaus wurde abgebrochen, das Beichtvaterhaus zum Bauernhof, die Kirche ausgeräumt und zur Scheune, später zum Wohnhaus umfunktioniert. Aus dem Kloster Weppach wurde das Einzel Weppach.



Deutlich sind die Abbruchkanten des Chores zu erkennen.


Und so ist es noch heute. Die Lage ist ein Idyll, damals wie jetzt. Dazu trägt das noch vorhandene Ensemble durchaus bei, auch dessen Gastfreundlichkeit – man bekommt hier auf Verlangen Getränke gereicht. Gleichwohl stimmt einen die profanierte Kirche – schon auf den ersten Blick als solche zu erkennen – natürlich etwas melancholisch. Versöhnlich immerhin, dass sie hübsch renoviert ist. Um das frühere Eingangsportal und die Fenster erkennt man noch Überreste von Zeichnungen und Einritzungen des barocken Dekors, das diese einst umgab. Im Innern, das wir leider nicht besichtigen konnten, soll es ebenfalls einige Spuren von Malereien geben. Wer um das Gebäude herumläuft, dem fällt auf der Rückseite der deutliche Mauerabbruch auf, der den früheren, abgebrochenen Chor markiert. Das also ist geblieben von über vierhundert Jahren Klosterleben auf der Weppacher Lichtung, und bevor uns die Wehmut gänzlich überfällt, flüchten auch wir wie einst die Nonnen ins benachbarte Markdorf. Fräulein Annika fragt sich mit gutem Grund, warum wir nicht ein lebendiges Kloster besuchen, schließlich wäre das ein vernünftiger Ausgleich, und da Grimmenstein und Wonnenstein ohnehin schon erwähnt wurden...? Wie immer hat sie natürlich recht – und wer wäre ich, ihr diesen Wunsch nicht zu erfüllen?

Mittwoch, 11. April 2018

Mit Fräulein Annika unterwegs...zu den Goldbacher Heidenhöhlen.

 


Geheimnisvolle Höhlen, ungelöste Rätsel, ein tragisches Ende, das Ganze eingebettet in eine wunderschöne Landschaft am Seeufer. Was wie der Plot für einen guten Unterhaltungsroman klingt, ist die Geschichte der Heidenhöhlen, früher Heidenlöcher genannt, am Bodensee, genauer am Überlinger See zwischen eben dieser Stadt und dem Nachbarort Sipplingen. Grund genug für uns, sich dorthin aufzumachen, geleitet von der uns eigenen natürlichen Neugier. Wer jemals diesen kurzen Abschnitt mit dem Auto oder der Bahn gefahren ist – letzteres besonders hübsch, da man direkt am Wasser entlang, gewissermaßen über den Strand, gleitet, übrigens das einzige mal auf der den ganzen See umrundenden Bahntrassen – dem fallen die bizarren Felsformationen auf, die sich hier sehr steil hochschwingen, sehr schnell vom Wasserniveau auf gut 400 Metern sich teils bis auf über 600 Meter. Das hier zutage tretende Gestein ist die für den Bodensee typische Molasse, was ein bisschen nach Knetmasse klingt, womit man gar nicht so falsch liegt, handelt es sich doch um zusammengepressten Matsch des einst hier vor sich hin plätschernden Urmeers – lange vor dem Bodensee und etwas größer den gesamten heutigen Alpenraum bedeckend – der sich später verhärtet hat zu Sandstein. Allerdings ist verhärtet leicht übertrieben, manch andere Gestein könnte darüber nur lachen, wenn es lachen könnte, denn die Molasse ist vergleichsweise weich. Übrigens: im Gegensatz zum Ufer gegenüber – dem Bodanrück – setzt sich der Fels unter Wasser nicht in die Tiefe fort, so imposant die durchfurchten Steilwände oberhalb aussehen, so sanft gleiten sie unterhalb der Wellen hinein in den See – und verstecken dort zumeist die nicht sichtbaren Überreste von Pfahlbauten.

Die Molassefelsen zwischen Sipplingen und Überlingen - mit einem der Heidenlöcher.

In früheren Zeiten wirkten diese Felsen um einiges beeindruckender, denn sie reichten bis an das Wasser heran, eine Straße zwischen Sipplingen und Überlingen gab es nicht bis Mitte des 19. Jahrhunderts, wer von hier nach dort – so wie wir – und zurück wollte, musste sich mit einem schmalen und nicht ungefährlichen Trampelpfad auf einem Teilstück begnügen, der noch dazu bei Hochwasser unpassierbar wurde oder über das Hinterland den offiziellen Fahrweg nutzen, mitsamt Auf- und Abstieg. Das war natürlich ein Problem, insbesondere für die selbstbewusste Reichsstadt Überlingen, aber man hatte für Transporte immerhin auch den See direkt vor der Haustür. Gleichwohl wollte man sich später mit der umständlichen Situation nicht mehr abfinden – mit bösen Folgen, wie noch zu berichten sein wird. Wer heute auf dieser Strecke entlang läuft, kann sich dies kaum mehr vorstellen, zwar geht es hinter Sipplingen noch über Wiesen unterhalb der Molassefelsen vorbei, doch dann sehr lange und unangenehm direkt an der nun vorhandenen Uferstraße, der vielbefahrenen B31, mit der Garantie auf viel Auspuffgase für die Lungenzüge. Fräulein Annika ist da feinstaubmäßig mal wieder fein raus.

Enge Felsengänge in Goldbach
 enthalten die höhlenartigen Felsenkeller.
Selbst wer keinerlei Vorbildung hat, erkennt hier in den Felsen einige auffallende Löcher. Wären Fräulein Annika und ich hier vor gut 200 Jahren marschiert – auf dem Trampelpfad – wir hätten blind sein müssen, um sie zu übersehen. Und wir wären schon damals wahrscheinlich ohnehin nur wegen dieser Höhlen hierher gekommen. Was von diesen noch zu sehen ist, hat allerdings nichts mehr mit dem Glanz früherer Tage zu tun. Die sogenannten Heidenhöhlen oder Heidenlöcher auf dem Abschnitt zwischen Brünnensbach und Goldbach faszinierten die Besucher schon seit langem und gehörten zu den in jeglicher Hinsicht ersten und obersten Zielen des Bodenseetourismus seit der Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Molasse ist ein zu weiches Gestein, um natürliche Höhlenbildung zu erlauben, aber gerade deshalb bestens geeignet für künstliche Hohlräume. Die Heidenhöhlen und ihre um den See immer wieder auftauchenden Pendants sind somit von Menschen geschaffene Räume, deren genaues Alter und Zweck unbekannt sind – und teilweise sehr verschieden sein dürften. Daher auch ihr leicht irreführender Name, konnte sich unsere Vorfahren doch nicht erklären und erinnern, wer diese Höhlen hoch über dem Ufer – aus Sicherheitsgründen vor bösen Buben und dem Hochwasser – angelegt hatte. Also machte man die „Heiden“ verantwortlich, Menschen vor Einführung des Christentums, womit man hier vor allem die Römer meinte. Tatsächlich dürften die Goldbacher Heidenhöhlen aus dem Hochmittelalter stammen, kunstgeschichtliche Details verweisen auf die Zeit vom Übergang der Romanik zur Frühgotik, in etwa um 1200. Was natürlich nicht heißt, dass zu diesem Zeitpunkt nicht einfach nur Umgestaltungen oder Erweiterungen vorgenommen worden sein könnten. Ebenso unklar ist, wozu die schwer zugänglichen Behausungen gedient haben könnten. Vorzustellen hat manch sich keine globig unbeholfen in den Fels gehauenen Felsräume, sondern klar strukturierte Gebilde mit Zwischenwänden, die wiederum Fenster enthielten, mit Nischen, Bänken, Verzierungen, Türen und Fensterläden. Relativ eindeutig wurde einer der Räume als Kapelle genutzt, beigefügt vermutlich eine Eremitenwohnung, was buchstäblich nahe liegt – und per Definition liebt es so ein Einsiedler ja eher einsam. Noch dazu ist diese Kombination – entlegene Kapelle mit Eremit – um den Bodensee weit verbreitet gewesen (und in seltenen Fällen sogar noch immer existent). Wer jedoch in den anderen Höhlenwohnungen hauste und ob sie wirklich dauerhaft genutzt wurden, bleibt ein Rätsel und vermutlich eines der ewig ungelösten im Zusammenhang mit den Heidenhöhlen.

Unheimlich wirken die "Fenster"
der Höhlenkeller im Dorf Goldbach.
Die Bodenseenebel lichten sich etwas im späten 18. Jahrhundert. Damals lebten vor Ort nachweislich seit längerem noch immer Eremiten, hinzukommend hatte die Reichsstadt Überlingen dorthin – weit vor ihren festen Stadtmauern – ein Armenhaus ausgelagert, das wohl zusätzlich die Heidenhöhlen als Unterkünfte nutzte. Doch dies hatte sich wohl soweit verselbständigt, dass der Rat der Stadt auf zahlreiche Beschwerden über in den Höhlen hausendes Gesindel reagierte und diese räumen und teils zumauern ließ. Womit der Niedergang der Heidenhöhlen begann – trotz des zu dieser Zeit langsam einsetzenden Interesses durch die ersten romantisch veranlagten Touristen. Es gab ein weiteres Felsgebäude westlich vor den Heidenhöhlen, dem folglich Fräulein Annika und unsereins, da wir ja von Sipplingen herkommen, als erstes begegneten müssen: die Katharinenkapelle (nicht zu verwechseln mit der Felskapelle in den Heidenhöhlen selbst). Sie war ein in den Fels geschlagener Höhlendurchgang am Trampelpfad, der sich zu einem kleinen Wallfahrtsort entwickelte, innen geschmückt mit Bildern und Votivtafeln – von denen eine einzige im Überlinger Museum überlebt hat. Den Ort dieser einstigen Kapelle – auch sie einst ein absolutes Muss für die ersten Bodenseebesucher – erkennen wir auch heute noch leicht, obwohl von der Felskirche nichts übrig geblieben ist. Doch als erinnernden Ersatz hat man einen Hohlraum in den Felsen gebohrt. Mehr als die Bewunderung aus der kurzen Distanz haben Fräulein Annika und ich allerdings nicht gewagt, denn um bis zu dem Gitter der Höhle zu kommen, müsste man das davor wuchernde Gesträuch überwinden, was nicht ganz so gefährlich ist, wie die leider ebenfalls davor liegende Bundesstraße. Da es in der neuen Höhle laut Auskunft ohnehin nur Geröllbrocken zu sehen geben soll, haben wir uns entschlossen, dass der Preis einer dafür in Kauf genommenen möglichen Begegnung mit einem 24-Tonner etwas zu hoch ist.

Kurz darauf, auf dem eigentlichen Abschnitt der Goldbacher Heidenhöhlen, müsste nun die erste – westliche – Abteilung der Höhlen auftauchen, doch sind diese noch mehr verschwunden als die Katharinenkapelle. Nur von einem Plan kennen wir ihre etwas seltsamen Grundrisse. Beides, Kapelle und westliche Höhlen, wurde beim Bau der Uferstraße anno 1846/47 komplett gesprengt, dazu gleich mehr. Was wir anschließend noch sehr vereinzelt als Öffnungen oben im Fels sehen können, sind die spärlichen Überreste der östlichen Abteilung. Diese Räume sind etwas besser dokumentiert, sie waren auch strukturierter angelegt – hier fand sich unter anderem die Felskapelle mit den frühgotischen Merkmalen, zum Beispiel Relieffriesen – und hatten größtenteils Kreuzgratgewölbe. Schon die halb legale, halb illegale Nutzung als Armenhäuser dürfte ihnen massiv geschadet haben, wie gesagt, Molasse ist ein sehr weiches Gestein, man kann leicht darin herumritzen. Dies taten dann zudem die Touristen, die sich einst auf gleiche Art verewigten, wie es 200 Jahre später „Tobi & Luisa 2017“ noch immer zu tun pflegen. Manch Bodenseeliebhaber von nah und fern protestierte zwar gegen das Vorhaben des neuen badischen Staates, das enorm teure, weil aufwändige Projekt einer Uferstraße von Ludwigshafen nach Überlingen nach langer Diskussion endlich durchzuführen. Doch die ökonomischen Interessen überwogen und so fielen 1846/47, wie erwähnt, die Katharinenkapelle und die westlichen Höhlen völlig, die östlichen teilweise dem Straßenbau zum Opfer. Die böse Ironie der Geschichte ist, dass die Fahrten nun zwar bequemer waren, dies wirtschaftlich aber der Stadt Überlingen, die so sehr darauf gedrängt hatte, gar nichts brachte, denn inzwischen hatte die Eisenbahn den Güterverkehr übernommen – und an diese ließ sich Überlingen aufgrund seiner Lage noch schwerer schwer anschließen. Man konzentrierte sich immer mehr auf den Tourismus – hatte nun aber eine der Hauptattraktionen kurzerhand wegsprengen lassen. Daran änderte auch der dann doch noch erfolgte Bahnbau nichts mehr – der störte zwar die verbliebenen Heidenhöhlen nicht, da er, wie erwähnt, direkt am Rand des Sees verlief – kam aber erst um 1900, viel zu spät für einen industriellen Aufschwung (zum Glück, muss man sagen, so blieb Überlingen eine wunderschöne mittelalterliche Stadt, nur halt leider ohne Heidenhöhlen
 
Die Höhlen im Dorf Goldbach vermitteln
noch einen Eindruck von den einstigen Heidenlöchern.
Trotzdem machten Straße und Bahntrasse den letzten Heidenhöhlen auf lange Sicht den Garaus. Eine Besichtigung war weiterhin möglich, aber doch sehr beschwerlich. Treppchen und Geländer mussten angelegt werden, das Interesse war noch immer groß, immerhin war ja zum Beispiel die Felskapelle unbeschadet geblieben. Doch hatten diese Besucher den unschönen Nebeneffekt, dass sie buchstäblich in der Molasse ihre Spuren hinterließen. Umrisse und Innenausstattung der Heidenhöhlen litten und verformten sich, Stützmaßnahmen der Felsen mussten unternommen werden. Auf der anderen Seite waren Restaurierungsmaßnahmen sehr kostspielig und oft nur von begrenzter Auswirkung. 1960 dann die Katastrophe: die Kapelle stürze nach einem Sturmwetter in sich zusammen. Von den Behörden wurde beschlossen, die restlichen Heidenhöhlen abzusprengen. Nach vielen Jahrhunderten waren die einzigartigen Kulturdenkmäler bis auf spärlichste und nicht mehr zugängliche Überreste für immer verschwunden. Schlimm und unverzeihlich genug, hatte man sich vorher nicht einmal die Mühe gemacht, die Höhlen vor der Sprengung zu dokumentieren. Noch 1846 war man schlauer gewesen als 1960, wo man nicht einmal auf einen Photographen geschweige denn archäologische Expertise zurückgriff. Darin liegt vielleicht eine – deshalb trotzdem inakzeptable – Gedankenlosigkeit einer an Monumenten überreichlich gesegneten Kulturlandschaft.

An der Sylversterkapelle Goldbach.
Uns bleibt – buchstäblich – folglich nur, uns mit eben solchem Ersatz zu begnügen, der natürlich nicht als bloßer Trostpreis angesehen werden darf, an der Ignoranz gegenüber den Heidenhöhlen sind diese Denkmäler der Kulturgeschichte schließlich unschuldig und wir sind froh, das wenigstens sie erhalten geblieben sind. Wir laufen also noch die wenigen Meter weiter bis nach Goldbach, wo ein Kleinod auf uns wartet, das zwar ebenfalls unter der Uferstraße und der Bahn zu leiden hat – es wird vom Rest des Dorfes komplett abgeschnitten, aber diesen immerhin nicht weichen musste: gemeint ist die Sylvesterkapelle, eine der ältesten Kirchenbauten im gesamten Bodenseegebiet. Ignoriert man die quasi durch die linke Kirchenhälfte fahrenden Gleisen, die man vorher dank Mini-Bahnübergang zu übersteigen hat, liegt sie eigentlich ganz idyllisch am Ufer. Und dies seit über 1000 Jahren, im Kern ist sie noch romanisch, die Gotik hat leichte Veränderungen, etwa die Fenster mit Maßwerk hinzugefügt. Im Inneren finden sich Fresken, die man mit der Reichenauer Schule in Verbindung bringt, sie werden auf das 10. Jahrhundert datiert. Ob es da schon die Heidenhöhlen gab? – wir werden es vermutlich nie mehr erfahren. Aber ein ganz kleines bisschen Heidenhöhlenerfahrung können wir trotzdem dann noch machen, indem wir in das schmale, sich in einem Tal hinziehende Dorf Goldbach hineinlaufen. Rechts in der Ortsmitte tut sich zwischen den Häusern ein Felsspalt auf, in den man wie in eine Klamm hineingehen kann. Und hier finden sich zahlreiche in die weiche Molasse hineingegrabene Felsenkeller, die mit ihren Fenstern ein ganz klein wenig an die Heidenlöcher erinnern – auch es hier an Kunstfertigkeit im Inneren fehlt und man zudem bequem ebenerdig eintreten kann, beziehungsweise könnte, natürlich sind diese privaten Keller versperrt. Ganz enttäuscht ist Fräulein Annika von der gescheiterten Heidenhöhlenexpedition also am Ende – zum Glück – nicht. Und gar nicht allzu weit entfernt, im Dorf Zizenhausen bei Stockach, liegen ebenfalls sogenannte Heidenhöhlen. Deren Alter und Zweck ist nicht minder unbekannt. Aber sie sind intakt. Fräulein Annika ist für die nächste Forschungsreise schon bereit. 

Schmuckstück am Bodenseeufer: die Sylversterkapelle in Goldbach - eines der ältesten Kirchengebäude am See.
 

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Mit Fräulein Annika unterwegs...in der agilis 84246 von Donauwörth nach Ulm.


Mit Fräulein Annika unterwegs...in der agilis 84246 von Donauwörth nach Ulm.

 

Kennen Sie diese Abteilungen in den größeren Bahnhofsbuchhandlungen, wo reihenweise Bildbände lagern über Bahnstrecken, Bahngebäude und Lokomotiven? Die Aischtalbahn 1945-1975, Bahnhöfe des südlichen Hunsrück, Die Baureihe XYZ-Lilalu der Deutschen Reichsbahn? Wer kauft diese Bücher? Offenkundig sehr viele – und das können nicht nur pensionierte Bahnbeamte sein, die sich allerdings hinter der Mehrzahl der Autoren verbergen dürften. Und es sei diesen Kollegen und ihren Lesern – ob es auch Leserinnen gibt? – unbenommen, der morbide Reiz untergegangener Bahnstrecken, von denen es schließlich nicht allzuwenige gibt, ist durchaus nachvollziehbar, die Architektur mancher Bahnbauten auch, die Technik irgendwelcher Dampfrösser, naja, Geschmackssache. Dies Ganze nur als Vorwarnung, dass von alldem im folgenden rein gar nichts zu lesen sein wird, obwohl wir uns gemeinsam auf eine kurze Bahnreise begeben werden. Keine Ahnung, wie das Zugmodell heißt, es ist der typische hellgrüne kleine Regionalzug der agilis, der in Donauwörth bereits auf uns wartet, weshalb Fräulein Annika und ich uns wie gewohnt sputen müssen, um ihn zu erwischen – und wie gewohnt gelingt dies auch. Die Fahrt geht in gut einer Stunde – genau: 68 Minuten – vom genannten Donauwörth durch das nördliche Bayerisch-Schwaben mit der sogenannten Donautalbahn ins baden-württembergische Ulm. Die alte Reichsstadt an der Wörnitz mit ihrem Umsteigebahnhof, wo sich diese Strecke mit der von Nürnberg über Augsburg nach München kreuzt, ist ein Schmuckstück, von dem wir heute leider nichts mitbekommen als ein paar Quadratmeter Bahnhofsunterführung, was bedauerlich ist, uns an einem anderen Tage aber einen eigenen Bericht erlaubt. Denn der Zug rollt schon an, kaum dass wir eingestiegen sind. Fräulein Annika macht es sich bequem, ich hole erst mal Brotzeit – es ist mittags – und Notizbuch heraus.             

Vor dem ersten Halt nach nur wenigen Minuten sitzt gleich mal ein Reh im Gebüsch an der Bahntrasse, wir bewegen uns durch eine sehr ländliche Gegend. Und das unbeeindruckte Tier bleibt zu unser beidseitigem Glück auch friedlich sitzen. Derweil fahren wir in Tapfheim ein. Was gibt es über den Ort zu sagen? Fräulein Annika findet den Namen irgendwie schön, ohne dies erklären zu können. Ich gebe ihr recht. Ansonsten keinen Schimmer, wir waren noch nie dort, in Tapfheim. Für uns Zugfahrer kann er aber als Beispiel dafür dienen, wie man zu unverdienten Hass kommt. Denn als in umgekehrter Richtung letzter Ort vor dem Knotenpunkt Donauwörth, wo man etwa auf den Zug nach Nürnberg stets nur fünf Minuten zum Umsteigen hat, zieht es sich bei knapper werdender Zeit spätestens ab Schwenningen den allgemeinen stillen Groll des in terminliche Bedrängnis Geratenden zu, so dass die Ankündigung Nächster Halt: Tapfheim ein innerliches „Oaaaah nee, dieses Scheißtapfheim!“ und ein äußerliches Zucken und Seufzen hervorruft. Allerdings nur bei Bahnlaien, Profis bleiben durch jahrelanges Üben äußerst gelassen, außerdem fahren wir Richtung Ulm und drittens kann Tapfheim hierfür nun mal rein gar nichts.

Wir sausen folglich weiter nach Schwenningen und zwar mit zwischenzeitlich 132 km/h, wie die Anzeige verrät. Wieder ein Dorf, über das man nun eher wenig weiß und nicht weiß, ob dies für oder gegen einen oder das Dorf spricht. Immerhin sieht dieses Schwenningen äußerlich hübscher aus als sein größerer Namensvetter im Schwarzwald. Weiter geht’s.           

Der jeden vorpubertären Rotzlöffel sicher zu lustigem Kichern und frühkindlichen Scherzen anregende Name Blindheim steht für eine der interessanten Stationen unter den unbekannteren Orten an der Strecke. Denn hier wurde einst Weltgeschichte geschrieben, was man Dorf und Landschaft erst einmal eher nicht ansieht. Was man nämlich sieht vom Bahnfenster aus, vorausgesetzt man sitzt auf der richtigen – nördlichen Seite – ist ein großes Freiluftdepot zahlreicher ausrangierter Straßenbahnwagen, die der Farbe nach aus der bayerischen Landeshauptstadt München stammen dürften. Wie sie hier herkamen und warum sie nun ihren Lebensabend buchstäblich vor sich hingammelnd in Blindheim verbringen dürfen? Eine bislang ungeklärte Frage. Langsam durch Pflanzenbewuchs zuwuchernd hat die Nachbarschaft des Tramfriedhofes zum Bahnhof etwas von einem idyllischen Schrottplatz.
 

Man sitzt bequem in der agilis, egal wie groß man ist.
Jetzt aber zur Weltgeschichte. Auch da spielt die bayerische Landeshauptstadt eine – wie so oft unrühmliche – Rolle. Der dort sitzende Kurfürst hatte sich nämlich mal schnurstracks mit den Franzosen des Sonnenkönigs Louis XIV. verbündet, um auf Kosten des Reiches seine eigenen Machtpläne voranzutreiben. International bekannt wurde dieser schließlich gesamteuropäische Konflikt unter dem Namen Spanischer Erbfolgekrieg. Und es schien so, als hätte der Münchner Kurfürst – es war Maximilian II. Emanuel – aufs richtige Pferd gesetzt. Bis zu jenem 13. August 1704, an dem die vereinten kaiserlichen und englischen Truppen unter Prinz Eugen und John Churchill, dem Duke of Marlborough, dem Ganzen mit der Schlacht bei Blindheim ein Ende setzten. Der Krieg ging zwar noch bis zum Frieden von Utrecht 1713 weiter, aber die bayerischen Machtgelüste waren passé – die Franken kämpften übrigens, wie eigentlich immer, auf der Seite des Kaisers, woran unter anderem die nördlicher gelegene Weißenburger Schanzenlinie erinnert. So weit die Geschichtsbücher – nur wer da hineinschaut, wird überhaupt keine Schlacht von Blindheim finden. In Deutschland firmiert sie unter dem Namen Zweite Schlacht von Höchstädt, die Nachbarn heimsen also den Ruhm ein. Und wer ein englisches Werk aufschlägt, wundert sich völlig über eine Battle of Blenheim. Zieht man den Atlas (oder google maps) zurate, wird es nur noch kurioser. Blenheim liegt in Neuseeland, nicht Bayerisch-Schwaben. Erklärung, rückwärts aufgedröselt: das neuseeländische Blenheim wurde zu Ehren der Schlacht so benannt. Blenheim deshalb, weil die französischen Vortruppsoldaten, die auf Seiten der Engländer dienten (um unsere Verwirrung nur noch größer zu machen also Franzosen, die gegen Franzosen kämpften), den Namen Blindheim nicht recht aussprechen konnten. So kam es zur immerhin hübschen Alliteration Battle of Blenheim, die zugegeben auch mit Blindheim gut, aber mit dem benachbarten Höchstädt, das die ordnungsliebenden Deutschen einfach zum Durchnummerieren der Schlachten – insgesamt deren drei – nutzten und von dem man besser nicht wissen möchte, wie die Franzosen es aussprachen, gar nicht funktioniert hätte.

Nachdem wir an großflächigen Solaranlagen auf den Feldern, wo einst die Schlachten tobten, vorbeigefahren sind, zwischen denen, um die heutige Friedfertigkeit zusätzlich zu unterstreichen, auch noch Tradition mit Moderne verbindend Schafe grasen, kommen wir in Höchstädt an. Dazu fällt uns ein weiterer ebenfalls friedlicher Dreiklang ein oder auf: die drei folgenden Donaustädte besitzen – zumindest vom Zug aus betrachtet – eine gewisse äußerliche architektonische Ähnlichkeit. Der Bahnhof liegt eher am Stadtrand, das Häusermeer der Altstadt wird jeweils dominiert von einem charakteristischen Münsterturm, meist noch ein paar anderen Türmchen und einem vorbarocken Schlossbau. Man möchte gerne hier aussteigen, wenn man nicht weiter müsste. Nun kommt aber der junge, überaus freundliche Schaffner und kontrolliert unaufdringlich unsere Fahrkarte, fast so, als wäre es ihm unangenehm, uns stören zu müssen. Wir rollen weiter und sehen vom Fenster aus einen Sonderpostenmarkt – früher das, was man einen Ramschladen nannte, nur eben im Hallenformat –, der sich TOBI nennt, was, wie der Untertitel verkündet, nicht der Name des Besitzers ist, sondern eine Abkürzung für Total billig. Es verwundert immer wieder – und in diesem Fall besonders – wieso die Händler sich des doch sehr ambivalenten Wortes billig bedienen und nicht des doch reichlich eindeutigeren preiswert. Vielleicht, weil der Besitzer ein besonders ehrlicher Kerl ist. Fräulein Annika lacht. Zurecht.

Dillingen - Blick vom Schloss zur Studienkirche.
Am folgenden Bahnhof findet meist der größte Personenaustausch statt, kein Wunder, handelt es sich doch um eine Universitätsstadt: Dillingen an der Donau. Zugegeben, eine ehemalige Universitätsstadt, die glor- und lehrreichen Zeiten sind schon vorbei, auch wenn die Bauten der einstigen Jesuitenhochschule noch immer die Stadt prägen und einst zahlreiche Absolventen mit klingenden Namen hervorgebracht hatten. Dillingen, heute Kreisstadt, profitierte von der Reformation in der Reichsstadt Augsburg, die den dortigen Fürstbischof dazu veranlasste, einerseits seine Residenz hierher zu verlegen, weshalb die Stadt auf engem Raum von Kirchen und Klöstern sowie einem Schloss nur so strotz und er zweitens hier eine gegenreformatorische Universität gründen ließ, deren Lehre ebenso ausstrahlte wie die Architektur ihrer Bauten – eine Mischung aus Spätgotik und Renaissance, die noch immer sehr beeindruckend anzuschauen ist. Leider erkennt man all dies vom Zug aus nur in den Zipfelchen der zahlreichen Türme. Wenn nicht gerade der örtliche Landtagsabgeordnete in einen Skandal oder ein früherer Fußballnationaltorwart in einen medienträchtigen Auftritt verwickelt ist, ruht Dillingen etwas sanft im Gedächtnis der Menschheit – leider. Der Besuch dieser Stadt ist ein äußerst lohnenswertes Erlebnis.

Gelehrt geht es weiter in die nächste und letzte der drei ähnlichen Städte: Lauingen. Aus ihr stammt Albertus Magnus, schon namentlich als ein großer erkennbar und man darf davon ausgehen, dass seine Schriften im benachbarten Dillingen lange zur Grundlektüre gehörten. Philosophische Lehrer-Schüler-Gespanne auf Höchstniveau sind erstaunlicherweise gar nicht so selten. Der antike Klassiker Platon und Aristoteles als ewiges Vorbild, Hegel schickte gleich mehrere Schüler in die Welt, die mit und gegen ihn ihre Epoche und die Gegenwart prägten, von Marx bis Kierkegaard. Im Mittelalter waren Albertus Magnus und Thomas von Aquin solch ein Spitzenduo, heute in der Wahrnehmung, nicht unbedingt in ihrer Wirkung wohl etwas vernachlässigt, Philosophieseminare über Albertus dürften im Sommersemester 2017 vermutlich nicht allzu oft in den Vorlesungsverzeichnissen auftauchen. An seiner Bedeutung ändert dies jedoch nichts, die Lauinger dürften mit recht stolz auf den berühmten Sohn ihrer Stadt sein, auch wenn hier im Zug niemand sitzt, der scholastische Werke liest. Noch einmal blicken wir auf die nun geradezu vertraute Silhouette einer Stadt mit Münster, Schloss und Türmchen, bevor es auch schon weitergeht.

Und zwar nach Gundelfingen. Vielleicht liegt es daran, dass wir ab und zu in Bahnhofsbuchhandlungen eines von Disneys Lustigen Taschenbüchern mitnehmen, aber jedes mal drängt sich hier viel mehr als schlechte Scherze über Blindheim der Name Gundel Gaukeley auf. Was schließlich auch nicht viel über Pennälerniveau liegt. Und dem Ort nicht gerecht wird, denn Gundelfingen kann etwas sehr, sehr Seltenes aufweisen. Einen renovierten Bahnhof in dem noch dazu eine Fahrdienstleiterin sitzt – oder wie auch immer der offizielle Titel dieser Menschen in den Stellwerken heute heißen mag. Ein nichtheruntergeramschtes Bahnhofsgebäude auf dem Dorf in der Nachmehdornära! In der eine Bahnangestellte arbeitet! Ein Hauch von Achtzigerjahren der Bundesrepublik weht uns an – wirklich nur ein Hauch, denn unter dem ewigen Helmut Kohl säße dort im Kabuff höchstwahrscheinlich keine Frau. Man merkt schon, so ein ungewohnter Anblick verwirrt einem gleich die Sinne.

Zum Glück fahren wir nun durch die großen Gleisanlagen eines wieder liebevoll heruntergekommenen Bahnhofes namens Neuoffingen, der offenbar nur noch für den Güterverkehr angesteuert wird, von diesem aber immerhin recht zahlreich. Wir aber rauschen durch. Bald gesellt sich die träge – gegen unsere Fahrtrichtung – dahinfließende Donau zu uns, von nun an Begleitung nördlich der Strecke, manchmal näher, manchmal ferner. Dagewesen sein müsste sie schließlich schon länger, gesehen haben wir sie aber nicht.

Wir rollen in den bahntechnisch bedeutendsten Halt unserer Strecke ein, Günzburg. An diesem Knotenpunkt haben wir einen so genannten „planmäßigen Aufenthalt“, weil wir hier stets regulär von einem IC überholt werden. Dieser hält ebenfalls in Günzburg und wir müssen ihm für gewöhnlich noch dazu einen Vorsprung gewähren – obwohl wir früher hier waren, aber die Bahnhierarchie ist ungerecht. Doppelt ungerecht, denn im Gegensatz zu unserer agilis nimmt es der feine IC mit der Pünktlichkeit selten genau, weshalb wir von ihm unverschuldet ein paar zusätzliche Minuten aufgebrummt bekommen. Normalerweise steigen hier um diese Uhrzeit zahlreiche Schüler ein, aber dankenswerterweise – das werden beide Seiten so sehen – sind derzeit Ferien. Günzburg ist also ein IC-Halt, folglich überrascht der hier frisch renovierte Bahnhof nicht, auch dies ein Fall der seltsam gearteten Bahnhierarchie, denn in Dillingen etwa steigen sicher mehr Menschen täglich in die regional- und Bummelzüge als hier in Günzburg in den IC. Sei’s drum, die verrinnenden Minuten im Bahnhof kann man, wenn man ausnahmsweise kein Buch oder wie 85% der Mitfahrgäste ein Smartphone in der Hand hat, zum Abschweifen der Gedanken beim Blick auf die Altstadt nutzen. Die liegt südlich – links der Fahrtrichtung – auf einem Hügel, rechts die kanalisierte Donau. Man kann sich leicht vorstellen, dass die praktisch veranlagten Römer die Anhöhe für eines ihrer Grenzkastelle nutzten, um hier zudem einen wichtigen Übergang über den damals sicher nicht so glatt dahinfließenden Fluss zu errichten und zu überwachen. Der Überlieferung war dieses einer der letzten Außenposten, denn sie in der Spätantike hier an der Nordgrenze noch hielten. Eine Art Außenposten blieb Günzburg auch weiterhin, spätestens nachdem die Österreicher den Ort im Mittelalter zu einer kleinen Nebenresidenz ausbauten, die es gegen ständige bayerische Begehrlichkeiten zu verteidigen galt – interessant hierbei, dass die umliegenden Reichsstädte Günzburg stets gegen die Münchner Gelüste unterstützten. Noch beim Übergang 1806 soll der hiesige Stadtpfarrer die Übergabe an das neue Königreich als offenkundige Strafe für die Sünden der Günzburger gebrandmarkt haben. Den Österreichern verdanken die Günzburger in jedem Falle ihr schönes Stadtbild, das nicht mehr an die drei mehrfach erwähnten Donaustädte, sondern eher schon an Oberschwaben erinnert. Die Hauptkirche prangt hier in stattlichem Rokoko.

Noch eine historische Überlegung kann man anhand Günzburgs anstellen. Lauingen tut sich mit seinem Albertus Magnus leicht, aber was, wenn man die Geburtstadt eines Josef Mengele ist, der international für einen der wahrscheinlich widerwärtigsten Charaktere überhaupt steht? Für eine kleinere Gemeinde – die ja noch dazu durchaus andere Personen von weitaus anderer Bedeutung, unter anderem sei an Petra Kelly erinnert, hervorgebracht hat – ist dies stets eine Bürde. Wieviele Arschlöcher beispielsweise schon aus Hamburg hervorgegangen sind, interessiert keinen Menschen, aber der Name Mengele, dessen Vater, ein Industrieller, noch dazu Ehrenbürger der Stadt ist, wird stets mit Günzburg verbunden bleiben, so wenig diese für die Entwicklung ihrer Mitbürger kann. Das Klügste ist wohl, dies als Verpflichtung anzusehen und Aufklärung zu betreiben. Fräulein Annika und ich beschließen, dies bei einem Besuch einmal zu überprüfen, obwohl und gerade weil wir uns sicher sind, dass die Günzburger dies gut gelöst haben. Außerdem wirkt die Stadt einfach einladend.

Hier muss irgendwo auch das deutsche Legoland sein, aber Fräulein Annika meint, es sei schon recht so, dass man es nicht sehe, man könne es getrost ignorieren. Sie scheint gewisse Vorbehalte zu haben. Unsere nächste Station, Leipheim, nennt sich unglaublich aussagekräftig „Stadt an der Donau“, nun gut, beides dürfte nicht verkehrt sein, aber doch auch auf circa 1500 weitere Städte in Europa zutreffen. Doch geschenkt. Über Jahre haben wir sowieso immer Laup- und Leipheim verwechselt, wie es einem aus unerfindlichen Gründen manchmal so geht, noch dazu ist auch Laupheim eine Stadt ziemliche nahe an der Donau und gar nicht so weit weg. Um noch ehrlicher zu sein, wissen wir über Leipheim letztlich genauso wenig zu berichten (immerhin, ein Schloss lugt von einem Hügel über der Stadt hervor) wie über den Halt Nersingen, der als nächstes ansteht. Selbst der Zug schwingt sich zu angezeigten Höchstgeschwindigkeiten von 155 km/h auf, wahrscheinlich eher nicht, um schnell hier wegzukommen, sondern dank der leichten Verspätung – danke noch mal an den IC! – die er, dies sei vorweggenommen, bis Ulm fast wieder einholt: es wird letztlich eine Minute länger als geplant.

Denn da ist ja noch der allerletzte Halt auf bayerischem Boden: Neu-Ulm. Der Bahnhof dieser Stadt ist wie die Stadt – übrigens eine der größten im Bundesland Bayern, was einen doch jedes Mal überrascht, auch weil man Neu-Ulm für einen Vorort Ulms gehalten hat, der es letztlich ja auch ist. Aber wir haben ihr Harald Schmidt zu verdanken, weshalb wir einmal geflissentlich über all ihre architektonischen Mängel hinwegsehen, obwohl das sehr, sehr schwerfällt gerade in diesem Betonbahnhof, der ein bisschen nach S-Bahn in einem gelackten Berliner Neubauviertel aussieht. Aber vielleicht hat Neu-Ulm eher unser Mitleid statt Häme verdient und das der Vorort von seiner Metropole durch eine Ländergrenze getrennt wird, trägt sicher auch nicht zur Besserung bei.

Somit willkommen in Baden-Württemberg und dem Endbahnhof Ulm. Wie die Ausgangsstation Donauwörth ebenfalls einstige Reichstadt, wie diese ihren eigenen Bericht wert. Da wir mit dem Zug angekommen sind, soll ruhig noch erwähnt werden, dass Ulm eine der beklopptesten Gleisnummerierungen der nördlichen Hemisphäre aufweisen kann, die einerseits durch Auslassung eine enorme Anzahl vortäuscht – wir kommen zum Beispiel auf 28 an – andererseits aber auf einem Bahnsteig dann auch gleich mal völlig wirre mehrfache Gleisnummern verteilt und diese wiederum gerne in Nord und Süd unterteilt. Was tut man nicht alles, um die Passagiere zu verwirren – sie zum Beispiel durch eine unscheinbar kleine Tür zusätzlich durch das Hauptgebäude jagen...aber auch darüber kann der langerprobte Bahnprofi nur noch lässig die Schultern zucken. Und Fräulein Annika macht nicht mal das.                                                                      

 

        

                                                

Samstag, 23. September 2017

Fräulein Annika geht wählen.

 
 
Wie alle vernünftigen Menschen geht Fräulein Annika morgen nicht Wandern, sondern Wählen.

Ein Blick rundherum bei uns und in der Welt verrät, dass freie Wahlen alles andere als ein selbstverständliches Grundrecht sind, das einst schwer erkämpft werden musste - also Wählen gehen!
 
 
 

Donnerstag, 24. August 2017

Adieu, schwarzes Loch! – Nekrolog auf meinen Rucksack.


 
Das war’s dann. Nach gut 15 Jahren. Manchem mag es übertreiben erscheinen, den Verlust seines Rucksacks zu betrauern, aber wer weiß, dass ich alle Dinge geradezu hasse, die es verunmöglichen, beide Hände frei und nutzbar zu haben, also Tüten, Koffer, Reisetaschen, Regenschirme sowieso, aber auch Handschuhe, obwohl die sich manchmal kaum vermeiden lassen, der wird zumindest nachvollziehen können, dass der Rucksack für mich das liebste Transporthilfsmittel war (und ist). Umhängetaschen sind für das kleine Zwischendurch ja ganz nett, aber jede Schulter wird sich nach einem Bibliotheksbesuch gründlich und einseitig beschweren. Passiert mit einem Rucksack nicht – da beschweren sich dann wenigstens beide Schultern – und das ist Demokratie!
Jetzt krümmt sich das gute Stück – der Rucksack, nicht die Schulter – hier in der Ecke, nachdem ich ihn komplett ausgeräumt habe für den allerletzten Gang, von dem ich noch nicht entschieden haben, wohin er führen soll. Dabei war es keine Liebe auf den ersten Blick, als er das erste Mal aufgetaucht ist. Ein Geschenk meiner Eltern, mitgebracht als Schnäppchen von einer Messe in Nürnberg (Touristik, nicht katholische). Das Ding sah irgendwie kubistisch und klobig aus, eher wie ein Tornister. Nicht zu vergleichen mit seinem Vorgänger, der noch im aktiven Dienst war, wenn auch ziemlich ramponiert. Aber einfach ersetzen wollte ich ihn deshalb noch keinesfalls. Schließlich hatte ich auch zu ihm eine innige Beziehung. Selbst gekauft anno 1997 in Cochem an der Mosel während eines Urlaubs, allein diese Erinnerung war hochzuhalten, dazu war das gute Stück komplett aus Leder und hatte echte Metallschließen, nichts Künstliches an sich. Auch sonst war er schnörkellos, machte dem Begriff RuckSACK alle Ehre, einfach ein großer Beutel zum Tragen auf dem Rücken, ohne Zwischenfächer, einfach rein das Zeugs – fertig. Ein Schulkamerad sagte mir viel später, das sei doch ein Mädchenrucksack gewesen. Also abgesehen davon, dass mir auch das herzlich wurscht gewesen wäre, ist mir nicht so ganz klar, warum ein großer schwarzer Rucksack ein Mädchenrucksack gewesen sein soll. Ein kleiner pinkfarbener mit „Hello Kitty“-Aufdruck womöglich ja, ein schwarzer Lederrucksack eher nicht. Ob für Jungs oder Mädchen, sein Manko bestand darin, nicht sonderlich beständig zu sein. Schon nach absehbarer Zeit war die Metallschließe Geschichte. Das war verkraftbar, das schwere Leder hielt die Abdeckung auch so unten. Dummerweise rissen öfter die Tragegurte, ein dann doch relativ essentieller Teil bei einem Rucksack. Gleichwohl darf sich glücklich schätzen, wer eine Heimatstadt hat, in der noch ein waschechter Schuster seines Amtes waltet und solches Malheur für damals noch Pfennigbeträge beseitigen konnte.
Aber irgendwann hat das schließlich auch nichts mehr genutzt. Und der Ersatz stand ja nun schon bereit. Der hatte allerdings rein gar nichts außer dem Namen Rucksack mit dem Vorgänger gemein und vermutlich wäre mein Klassenkamerad bei ihm nie auf die Idee verfallen, es könnte ein Mädchenrucksack sein. Das Material war ein undefinierbarer Kunststoff, die Form irgendwie, wenn auch nicht wirklich eckig, zum Großraumfach gab es allerlei dazu. An den Seiten unten hatte er rechts und links zwei kleine nicht verschließbare Fächer, in die man bestenfalls eine 0,5l-Flasche hineinstecken konnte. Das hab ich auch ab und zu gemacht, immer in der Angst, sie wurde irgendwann beim Laufen rausflutschen. Sind sie nie, aber das miese Gefühl, sie könnten, reichte schon. Darum war der einzige Nutzen dieser dem Regen ausgesetzten Seitenfächer, rechts eine Notfallplastiktüte reinzustecken und links eine Packung Taschentücher, die regelmäßig nach ein paar Jahren total durch die Feuchtigkeit verformt und verfärbt ausgewechselt werden mussten.
Nahaufnahme: Bepackt mit Büchern im Innern und Fräulein Annika oben drauf - eine der letzten Rucksackreisen.

Ähnlich hilfreich war das vorne angefügte mittlere verschließbare Fach. Es hätte durchaus nützlich sein können (zum Beispiel um separat die Brotzeit unterzubringen), wäre es nicht innerlich noch einmal in mehrere Sonderabteilungen unterteilt gewesen. Damals ein absoluter Clou – wie gesagt, dass Ding stammte von einer Messe, offenbar also ein innovativer Prototyp – war ein Handyfach, noch gedacht für klassische Nokiaknochen. Eine Vorrichtung, die nie ein Mensch je genutzt hat, ebenso wie die drei Fächerchen für Stifte. Der Idee des Erfinders getreu habe ich dort Kugelschreiber reingesteckt und dann jeweils nach ein paar Jahren der sanften Ruhe mit vertrockneter Mine weggeschmissen. Der Rest des Faches war immerhin gut für Pflaster und Ersatzbatterien, beides öfter mal gebraucht. Und dann gab es noch in der Vorderwand des Rucksacks das absolut unnützeste aller Fächer. Dort hätte man sinnigerweise ungefähr ein oder zwei Blatt Papier unterbringen können, alles darüber hätte nur in den Innenraum gedrückt und dort Platz weggenommen.
Klingt schlimm. Aber. Da war am mittleren Fach ganz vorne noch ein unscheinbares, aber unglaublich nützliches Teil: ein schmales Einsteckfach. Und da ging ein Buch rein (auch Karten aller Art, von Wander- bis Fahr-), egal wie dick, Lustiges Taschenbuch oder Ulysses, immer greifbar, schnell reingesteckt, schnell rausgezogen. Genial. Gut, allein deshalb wären wir wohl nie Freunde geworden, in der Bilanz nützliche zu unnützen Fächern steht es bislang eher ungleich 1-4. Aber da war ja noch das Hauptfach. Das hatte hinten innen auch noch ein großes Einsteckfach – das war nicht ganz so dumm, da gingen Zeitungen oder der Laptop rein. Und dann war da eben noch der Hauptstauraum. Ein Studienkollege, der des öfteren gemeinsam mit zum Einkaufen in den Supermarkt ging, verfolgte eines Tages den Weg der Waren vom Wagen in den Rucksack und meinte: „Ich wundere mich jedes Mal, was Du da immer alles reinkriegst, das ist ja das reinste schwarze Loch!“. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, das war mir so noch nie bewusst aufgefallen – ein typisches Phänomen – aber er hatte natürlich völlig recht. Ich hatte mir vor den Regalen noch nie Gedanken gemacht, ob ich die vier Tetrapaks zusätzlich noch unterbringe, das Ding schluckte einfach widerspruchslos alles und ich hatte ihm kein einziges Mal dafür gedankt. Bis zu jenem Tage. Wie gesagt, er war klobig, aber von außen nicht auffällig groß. Trotzdem verschwand alles in ihm, was man so reinschmiss – und es kam auch wieder raus, ohne Trümmerbrüche und schwere Quetschungen.
Und er musste wahrlich was er-tragen! Schließlich war er mit einem Besitzer geschlagen, der an keinem Bücherladen mit Ramschkiste, an keinem Bücherkasten, Bücherstand, an keiner Bibliothek vorbeigehen konnte, ohne stapelweise Papier in ihn reinzuschlichten. Ungelogen dürfte ich im Laufe der 15 Jahre mehrere Tonnen an Büchern von hier nach da geschleppt haben. Und im Gegensatz zu Nudelpackungen oder Gummibärchentüten sind die eher unflexibel. Ging alles irgendwie, so sehr der Rucksack dabei auch aufquoll. Das schon nach kürzester Zeit der Reißverschluss auf der einen Seite komplett versagte, hatte damit nichts zu tun, ebenso wenig wie die baldige Kapitulation des ohnehin beklopptesten Bestandteils überhaupt, des Bauchgurtes für Hochgebirgsgroßstädter von Rainer-Calmund-Format. Dessen Plastikschließe brach doch etwas arg früh auseinander, ließ sich aber weiterhin notdürftig zusammenstecken, nur dass das Band jetzt eben wie Gekröse vorne herumhing, was, wie mir irgendwann auffiel, viele mir begegnende Fußgänger irritierte. War mir aber wiederum wurscht.
Und so ging’s durch die Lande, im Laufe der Jahre lag der Rucksack im Ostseesand, auf Almweiden, in zahlreichen europäischen Ländern und trug oft die gesamte Ausrüstung für mehrere Tage. Proviant, Kleidung, Kulturbeutel und natürlich Bücher. Und dazwischen der übliche Alltagsdienst. Gelegentliche Katastrophen blieben nicht aus. So in Karlsruhe auf der Reise nach Paris, als mir dünkte, ich könnte mir hier am Bahnsteig sitzend doch ruhig einen Schluck aus der Pulle Orangensaft gönnen, die sich aber unglückseligerweise bereits vollends in meinen Rucksack ergossen hatte, der gerade anfing, eine hübsche Pfütze unter meine Bank zu tropfen. Hab ihn trotzdem in den TGV geschmuggelt, wo wahrscheinlich jetzt noch ein Fleck im Bodenbelag an Sitzplatz X prangt. Meine Klamotten waren gut durchtränkt, hatten vielversprechende orangene Punkte bekommen und waren vorerst eher nicht mehr zu gebrauchen. Ganz anders der gute Rucksack. Im Hotel ausgeräumt, geputzt und zum Trocknen aufgehängt, hat er anschließend weder geklebt noch gemüffelt. Ganz so glimpflich ging es nicht aus mit dem Kaugummi, den mir ein Arschloch – ich weiß nicht wann, wie und schon gar nicht warum – in das Innere des Rucksacks geklebt hatte. Der war eklig und hartnäckig und ging nie vollends raus. Aber man konnte ihn irgendwann ignorieren.
Und wie ein alter Elefant hat sich mein Rucksack wohl entschlossen, in der Heimat sterben zu wollen und im Frankenwald seine letzte Naht auszuhauchen. 15 Jahre unglaublich robust, ging am Ende alles ganz schnell. An einer ziemlich dummen Stelle bildete sich ein kleiner Riss, der täglich links und rechts gut 1 cm zunahm. Nach einer Woche klaffte folglich in dem Rucksack eine ziemlich große Wunde, von der man wusste, das ist das irreparable Ende. Und doch erwies er einen letzten Dienst, um die Übergabe an den Nachfolger reibungslos zu gestalten und reiste, mit Sicherheitsnadeln geklammert, noch einmal zurück an den Bodensee. Es hätte nicht regnen dürfen an dem Tag.
Und nun steht er da und harrt seines Schicksals. Sein Nachfolger bereits wartend daneben, der auf mich keinen guten Eindruck macht. Aber das kennt man schon.
 
                                                                      
 

Dienstag, 23. Mai 2017

Mit Fräulein Annika unterwegs...auf den Liebfrauenberg in Rankweil.


Mit Fräulein Annika unterwegs...auf den Liebfrauenberg in Rankweil.

Nach Rankweil im Rheintal bringt einen die Vorarlberger S-Bahn, ein moderner schnittiger Zug in grau-rot, der von Bregenz meist bis Bludenz, manchmal nur bis Feldkirch, manchmal gar bis Schruns fährt. Wege, die schon seit Urzeiten – und zwar buchstäblich – durch die Voralpen führen, heutzutage eben etwas bequemer. Und zum Glück auch überdacht, denn leider nieselt es und gab man sich der Hoffnung hin, dies möge bis zum Aussteigen abklingen, sieht man sich durch das Gegenteil getäuscht, nun fällt richtiger Regen. Egal, wir haben uns die Reise vorgenommen, also raus aus dem Zug auf die Bahnhofsbaustelle. Rankweil, übrigens Ránkweil, also auf der ersten Silbe betont, präsentiert sich folglich a) bei Regenwetter und b) als lärmende Baustelle. Hervorragende Vorrausetzungen. Fräulein Annika ist das völlig wurscht, ihr Stoizismus ist legendär – und nass wird sie auch nicht. Und dass, obwohl sie im Gegensatz zu ihrer Begleitung nicht einmal Regenschirme verachtet. So sehr, dass dieser sich nicht entschließen konnte, einen herren- oder frauenlosen Knirps, der in der S-Bahn von St.Margrethen lag, mitzunehmen, obwohl sich der Wetterumschwung zum Bösen dort bereits angekündigt hatte.

Aber Stoizismus kann ich auch und so geht es unbeirrt Richtung Liebfrauenberg, der als Orientierungspunkt nicht zu übersehen ist. Dieser seltsame Berg steht recht einsam mitten im Ort, ein Vorposten der Voralpen, der Rankweil, wie man sich leicht denken kann, zu früher Besiedlung prädestinierte. Eine solch günstige strategische Position ließen sich die Kelten nicht entgehen und die auf Effizienz jeglicher Art getrimmten Römer schon gar nicht. Vidomna hieß Rankweil in jenen Tagen und Spuren römischer Besiedlung finden sich heute unter anderem in einem Freilichtmuseum. Einen Posten mit bestem Überblick hatten sich Kelten und Römer auf dem Felsen ebenfalls errichtet, nachvollziehbar, besser ließ sich kaum überwachen, wer denn hier von Nord nach Süd und umgekehrt zieht – das funktioniert noch heute hervorragend (und noch hervorragender bei günstigerem Wetter) und man kann zum Beispiel den Lauf der Bahnlinie verfolgen, mit der man gerade angekommen ist.

Um auf den Liebfrauenberg zu kommen, muss man erst mal durch den Ort, vorbei an Metzgereien namens „Metze“, was den Liebhaber von Sturm-und-Drang-Literatur leicht irritiert, aber hier in Vorarlberg ist nicht nur sprachlich manches ziemlich anders. Rankweil ist, trotz der Nähe zu Feldkirch einer der größeren Orte dieser Gegend und macht heute sogar seinem Titel als Markt Ehre, auch wenn dieser, obwohl es kaum 13 Uhr ist, sich bereits aufzulösen beginnt. Aufgrund des Wetters? Von dem lassen sich allerdings außer Besuchern von außerhalb auch die Einheimischen nicht abschrecken. Es sind erstaunlich viele unterwegs.

Jedoch nicht in Richtung Liebfrauenberg. Da wird’s bald recht einsam. Na gut, hier noch zwei Damen, die offenbar in der Mittagspause hinterm Haus eine rauchen. Aber ansonsten ist der Anstieg von geradezu ehrfurchtvoller Einsamkeit, was zu den Kreuzwegstationen passt, die diesen Weg auf der rechten Bergseite hochbegleiten. Dieser endet nach kurzer Zeit auf einem hinteren Plateau mit Friedhof (I) und einer Kirche (I) bzw. Kapelle. St. Michael, wie eine Tafel verrät, derzeit leider nicht mehr in Gebrauch. Äußerlich spätgotisch (16. Jh.), wurde sie im Innern einst Ende des 19. Jahrhunderts komplett im Nazarenerstil umgestaltet und danach so gut wie nicht mehr benutzt. Egal, ob man diese Stilrichtung nun mag, die ja immer unter dem schnell herbeigeholten Verdacht des religiösen Kitsches steht, schade drum ist es allemal, weshalb man nun nach einer Neunutzung als kultureller Veranstaltungsraum sucht.

Weiß man es nicht sowieso, dann läst sich aus dem Namen leicht erschließen, dass es sich bei dem Liebfrauenberg um eine Wallfahrtsstätte handelt – die größte Vorarlbergs. Selbst dem krudesten Atheisten verrät dies allerdings schon der entfernteste Anblick, oder vielleicht auch erst der Zweitblick, denn an und für sich darf man die Gebäude auf dem Berg mitten im Ort nicht nur bei oberflächlicher Betrachtung für eine Burg halten. Das ist nicht gänzlich verkehrt. Wir hatten ja schon erwähnt, dass die Position des Felshügels strategisch perfekt und seit altersher militärisch genutzt wurde. Das ging auch im Mittelalter so weiter. Zu karolingischen Zeiten saß in Rankweil das Gaugericht, die örtlichen Machthaber bebauten den Berg mit ihren Festungen. Darunter auch das einst am östlichen Bodensee ungemein einflußreichen Geschlecht derer von Montfort – trotz des französisch klingenden Namens ohne Verbindung zur Loire, es ist lediglich die latinisierte leicht verschliffene Form von mons fortis, starker Berg. Die Burgruinen ihrer Frühzeit stehen in der Nachbarschaft.

Die Montfort waren sehr mächtig, ihre Familie groß und verzweigt sowie ihr Gebiet umfangreich. Von Feldkirch über Bregenz reichten ihre Besitztümer bis Langenargen am Bodensee und zum oberschwäbischen Tettnang. Ein stattliches Territorium, nur noch übertroffen von der Fähigkeit der Montforter, stattt noch mehr Land, noch mehr Schulden anzuhäufen. Man sagt den Habsburgern gerne nach, sie, das glückliche (Haus) Österreich, habe seine Länder nicht durch Kriege, sondern durch Heiraten erworben. Das ist nicht verkehrt, doch am Bodensee war dies fast noch einfacher, da musste man nicht einmal die Verwandtschaft opfern, sondern nur warten, bis wieder mal ein Zweig aus dem Montfort-Clan Pleite ging. Da dies gewissermaßen einmal pro Jahrhundert geschah, konnte sich Österreich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, als es schließlich auch noch Tettnang erwischte, jeglichen Montforter Besitz peu à peu einverleiben. Die Gegend um Rankweil traf dies bereits recht früh, 1375.
Fräulein Annika furchtlos auf der Umwehrung der Kirche.

Ob zu diesem Zeitpunkt noch eine Burg auf dem Liebfrauenberg stand, ist unklar. Hinweise deuten darauf, dass diese um 1350 einem Brand zum Opfer gefallen war. Fortan blieb nur die Burgkapelle, die jedoch nach wie vor sehr gut befestigt war – Wachdienst schoben nun die Rankweiler. Was ist nun der Liebfrauenberg seit dieser Zeit? Burgkirche? Nein, denn eine Burg mit Bewohnern bestand ja nicht mehr. Kirchenburg? Irgendwie schon, aber eigentlich stellt man sich darunter ja eher eine Wehrkirche wie in Ostheim vor der Rhön oder anderen ländlichen Gebieten vor. Kirchenfestung klingt recht pompös und nach Vauban, trifft es aber doch immer noch mit am besten. Schließlich läuft man erst einmal auf eine Mauer mit Toranlage zu, um auf den eigentlichen sich Mont-Saint-Michel-artig hochschraubenden bebauten Haupthügel zu gelangen. Dahinter ein kleiner Friedhof (II) mit stattlichen geschmiedeten Kreuzen und auch noch in Gebrauch, wie frische Photos an manchem Grab belegen. Die Hauptgebäude betritt man im Untergeschoss der Kirche (II), ein Gang am Felsgestein, der auf eine Treppe zuführt, bzw. auf zwei Treppen, außerdem zweigen Seitenkapellen (Kirchen III und IV) ab. Kurzum, der Unterbau ist etwas verwirrend.

Der Kirchenberg in Rankweil.
Im Gang sind Grabplatten und ein interessantes Gemälde, auf dass wir gleich zurückkommen werden. Erst einmal begeben wir uns nach links in ein anfangs sehr dunkles Gewölbe, kein Wunder, es hat auch keine Fenster. Dies ist der modernste Teil – in der Gestaltung, vom Bau sicher nicht – heute die jüngst eingeweihte Vorarlberger Landesgedächtniskapelle. Eine sehr gelungene Umsetzung mit viel Symbolik, um an die Toten der Kriege zu erinnern, mal anders als mit dem üblichen Soldatendenkmal. Die ständig herrschende Düsternis ist dem Anlass sehr angemessen. Ein kleines Fenster, ein in den Fels gebohrtes Loch – der Fels bildet hier einen Teil der Wände – gibt es doch, nur fällt das Licht hier lediglich an bestimmten Tagen  ein, um dann auf bestimmte Stellen des Raumes zu fallen, wie gesagt, hier wurde mit viel Symbolik gearbeitet. Das passt ja auch zu solch einem Wallfahrtsort.

Und auch zum direkten gegenüber, sobald man wieder aus der Tür der dunklen Kapelle tritt. Dort ist nämlich schon die nächste: die Fridolinkapelle. Die ist offen und nicht finster, da hier viele Kerzen brennen. An Symbolik fehlt es ebenfalls nicht, doch diese hier ist einige Jahrhunderte alt. In der Nische liegt ein recht seltsam geformter Stein mit zwei Einbuchtungen. Die Geschichte finden wir hinter uns auf dem Gemälde – das sicher kein Besucher übersieht – und zwar nicht wegen dessen relativer Größe. Der namengebende Fridolin, Beiname von Säckingen und im Schwarzwald wohlbekannt, war Begründer des gleichnamigen Klosters am Hochrhein und ein typischer Vertreter der irischen Wandermönche, die den Süden Deutschlands nach Verfall des Römischen Reiches und damit auch des Christentums durchzogen – wir schreiben das 6. Jahrhundert. Fridolin also hatte von einem Grafen Ländereien für sein Kloster versprochen bekommen, die ihm nach dem Tod des edlen Spenders zufallen sollten. Der trat denn auch ein, man wurde ja nicht allzu alt in jenen Tagen, doch der Bruder des Grafen wollte von den Schenkungen nichts wissen. Fridolin muss den Fall vor dem Gaugericht in Rankweil entscheiden lassen, doch da er nur mündliche Zusagen hatte, stand es schlecht im seine Sache. Er betete vor Ort um Rat – man kann sich schon denken, worauf er kniete – und bekam solchen auch: er solle das Grab seines Gönners in der nahen Schweiz aufsuchen. Fridolin tat, wie ihm geheißen und traf dort am Grab – niemand geringeres als den toten Grafen. Der ließ sich nicht lange bitten und kam einfach mit, um seine Versprechen von einst zu bestätigen. Man muss kaum noch anmerken, dass dieser Auftritt Richter und Bruder vollends überzeugt hat. Letzterer schenkte denn selbst seine Güter an Fridolins Kloster. Man wünschte, sämtliche Erbstreitigkeiten ließen sich mit dieser Methode beseitigen. Nun weiß man auch, wer das Skelett auf dem Gemälde ist und warum der Stein diese Einbuchtungen – die Knie des heiligen Fridolin – hat.

Neben der Fridolinkapelle lädt eine Treppe unter der Aufschrift Zur Gnadenkapelle ein, doch wir begeben uns vorerst, die Neugier beherrschend, auf die Stufen zur Hauptkirche. Diese überrascht durch ihre Größe und Helle. Wohl auf das 14. Jahrhundert – Wiederaufbau nach dem Brand – zurückgehend, ist sie durch barocke Umformungen geprägt, die auf die aus Vorarlberg stammende und den ganzen deutschsprachigen Raum südlich der Donau enorm prägende Baumeisterfamilie Beer zurückgehen. Versuchen Sie mal z.B. im Bodenseeraum ein Barockkloster zu finden, an dem kein Beer mitgewirkt hat – viel Vergnügen. Verehrt wurde ein heute noch an zentraler Stelle – über dem Hauptaltar – befindliches romanisches Kreuz, ein Import des 12. Jahrhunderts aus Siena. Die Legende erzählt dazu wiederum eine andere Geschichte, nach der das Kreuz aus den Alpen herabgeschwemmt wurde. Das ergab erneut Schwierigkeiten, da der Fluss die Gemeindegrenze bildete, doch dieses Mal wurde kein Toter herbeigerufen, sondern ein Ochsenkarren, auf den man das Kreuz legte und dann der Willkür beziehungsweise Vorsehung überließ – und die führte die Ochsen auf den Liebfrauenberg. Gut für die Rankweiler, schade für die Nachbarn. Das Kreuz ist heute mit historischen Schmiedearbeiten ummantelt und von einem modernen Engelkranz umgeben, was es nicht minder eindrucksvoll macht, besonders da es in dem kleinen Chorraum große Wirkung entfaltet.

Die Wallfahrt konzentrierte sich allerdings irgendwann im Mittelalter auf das populäre Marienmotiv um – die Kirche heißt ja auch – seitdem – Unserer Lieben Frau zur Heimsuchung. Die Gnadenkapelle ist parallel zum Chor angebaut, da man hier, der Enge der Fläche geschuldet, die Verschachtelung liebt. Ihre Ausstattung ist überbordend oder mit anderen Worten: pures Gold. Kurzerhand hat man den Altar einfach komplett mit dem Edelmetall überzogen, ohne etwas auszulassen, Türen, Engel, Säulen. Jedermanns Ästhetik ist diese Monochromie nicht, dann vielleicht doch lieber quietschbunte Nazarener. Gleichwohl funktioniert dieser strahlende Überglanz, weil nämlich der zentrale Punkt eben nicht übergoldet ist, was einen raffinierten Effekt ausmacht. Das Gnadenbild, eine spätgotische Madonna des Allgäuers Hans Ruel (1460) könnte durch den Prunk drumherum kaum dezenter wirken. Und diese Maria macht auch so einen angenehm freundlichen Eindruck. Das nackte Christuskind hält übrigens eine Walnuss zwischen Fingern – Symbolik des Mittelalters für die Auferstehung: unter der harten Schale des Lebens steckt die Frucht zu neuem Leben.

Wieder im Innenhof besteigen Fräulein Annika und ich noch den Wehrgang, der fast um die Kirche führt – Friedhof III sieht man von hier aus links unten. Das Wetter vermiest uns wieder etwas den Ausblick, obwohl es nicht mehr regnet, aber wir können die Schweizer Alpen gegenüber durchaus erahnen. Wie in unserem Rücken auf der österreichischen Seite geht es hier nach den Hügeln recht rasant auf 2000 m hinauf. Für uns zum Glück – heute – nicht. Wir bereiten uns auf den Abstieg vor, durch den Vorhof am WC und den verschlossenen Buden für den Wallfahrtsbetrieb vorbei, nun auf den Weg hinab, der im Zickzack auf der anderen Seite direkt in Richtung einer Bäckerei führt, die wir von dort schon erblickt haben – und uns herrliche Nusskipferln und damit wieder rein profane Vergnügungen verschafft. Vorher begegnen wir jedoch noch zwei den Berg besteigenden mittelalten Herren, die sich, wie sich herausstellt, als Ungarn und Bettler entpuppen. Ungarn, die in Österreich betteln? Nun gut, wir haben in Strasbourg schon Deutsche mit der Bitte um einen Euro auf den Straßen sitzen sehen und diese pannonischen Herren hier sind wenigstens nicht volltrunken. Frau Annika ist da mal wieder fein raus, denn sie lässt sich ja generell von mir aushalten – doch auch hier ist sie, zugegeben, sehr selbstgenügsam. Sie will nicht einmal eines der Nusskipferl. Die werden auf dem Weg nach Altenstadt verspeist, wohin zu Fuß die nächste Reise geht. Aber das ist schon eine andere Geschichte.