Dienstag, 21. Juli 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (20): Bertolt Brecht - Dreigroschenroman.

Bertolt Brecht: Dreigroschenroman. st 2804

 

Wirtschaftskrimis sind in der Weltliteratur ein eher spärlich gesätes Phänomen. Zolas Börsenroman „Das Geld“ könnte man dem Genre zuordnen, vielleicht aus sein „Das Paradies der Damen“, doch drängt sich bei beiden dieses Etikett nicht primär auf. So gesehen ist Brechts (1989-1956) Dreigroschenroman nicht nur innerhalb seines eigenen Gesamtwerkes als einziger längerer Prosatext ungewöhnlich, sondern auch als Literaturform, die sonst selten die Gipfel der Höhenkammliteratur erklimmt, wo man die Sprache den Zahlen vorzieht. Diese kommen allerdings in Brechts Text so gut wie nicht vor, dort geht es, was nicht weniger trocken klingt – ein weiteres Kriterium, das Autor*innen von diesem Genre abschrecken mag –, um die tieferliegenden Strukturen des modernen Kapitalismus. Es braucht dann vermutlich auch einen Autor vom Range Brechts, um diesen Stoff in spannende Handlung zu überführen. Dass er sich dazu eines Kniffes bedient, nämlich sich auf seine äußerst erfolgreiche „Dreigroschenoper“ (1928) zu beziehen, ist schon ein erster sehr cleverer Schachzug. Verbindungen sind zwar vorhanden – etwa in Form übernommener Gedichte als Kapiteleinleitungen – die erzählte Geschichte ist jedoch eine andere.


Der Roman, 1936 im Exil verfasst, spielt im Großbritannien, besser im London des Burenkrieges. Dieses Datum war – und ist – so gut wie beliebig, Brecht brauchte zwar als Hintergrund einen Krieg, aber einen solchen gibt es ja bis heute immer und mehrfach irgendwo auf der Welt; man muss als Staat auch nicht mehr aktiv in ihn verwickelt sein – durch Entsendung von Truppen wie im Roman –, heutzutage sind schließlich nicht wenige vermeintlich friedliebende Länder durch Waffenverkäufe an weit entfernten Konflikten beteiligt. London war das Symbol des englischen Empires, bei Brecht naturgemäß gleichzusetzen mit imperialistischem Kapitalismus, schon damals Banken- und Finanzzentrum, aber auch hiermit nicht sonderlich verschieden von irgendeinem globalisierten Wirtschaftszentrum unserer Tage. Es verwundert kaum und drängt sich regelrecht auf, dass ein Absatz aus dem Dreigroschenroman zu einem der häufigsten Zitate seit der Finanzkrise 2008 wurde. Ich denke nicht daran, zu sagen, dass er [sein Beruf] seinem inneren Wesen nach veraltet wäre. Das wäre zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zurückgeblieben. Sie sind ein kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was, mein lieber Grooch, ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? (244). Der Beruf, den Macheath für überholt hält, wenn auch nur in der ineffizienten Art der Ausführung im Kleinformat, ist der des Einbrechers – er selbst kommt aus dieser Berufssparte und geht den von ihm vorgeschlagenen Weg: er wird nicht nur Großhändler, sondern auch Direktor einer Bank. Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt. Man schickt, wie gesagt, keine Mörder mehr aus, wenn man Gerichtsvollzieher schicken kann. Wir müssen aufbauen, nicht niederreißen, das heißt, wir müssen beim Aufbauen den Schnitt machen (245). Brechts Methode, den Zynismus des modernen Geschäftsdenkens als Selbstverständlichkeit zu präsentieren, wird hier überdeutlich. Er nimmt nicht den Umweg, zu behaupten, der moderne Kapitalist verhalte sich wie ein Verbrecher, er nimmt von vorneherein Verbrecher als Protagonisten.

Macheath ist der eine, einst Einbrecher, nun Besitzer zahlreicher Billigwarenläden, die er mit gestohlenem gut zu Dumpingpreisen bestückt, sein anfänglicher Gegenpart ist Peachum, der ein Geschäftsmodell eröffnet, in dem die Elendsten der Elenden sich jenes Aussehen erwerben konnten, das zu den immer verstockteren Herzen sprach (23), ein nach den modernsten Errungenschaften der Bürokratie organisiertes Monopol, Bettler, die sich immer mehr in Angestellte verwandelten, nach strenger Eignungsprüfung in fachgemäßem Zittern, Blindgehen etc. unterrichtet (24f.), stets bemüht, sich durch Fortbildung zu qualifizieren (24). Während Peachums bestens ausgebildete Bettlerbrigaden Angestellte des Hire-and-Fire-Prinzips sind, die nach dem Rauswurf nun nicht einmal mehr auf der Straße landen können, weil da ihre Kolleg*innen arbeiten, sind Macheaths Einbrecherbanden und Hehler schon weiter, sie pochen auf einen Mindestlohn, der ein festes Einkommen garantiert, eine Art Beamtendasein ist ihnen lieber, sie wollen nachts gut schlafen und nicht Sorgen haben müssen, dass am Ende des Monats das Geld für die Miete nicht im Haus ist (149), gutbürgerlich also. Macheath presst dieses Geld den Besitzern seiner Läden ab, denen er Selbständigkeit als Einzelhändler und Warenzufuhr erspricht, die er dann aber über diverse Firmenverflechtungen, an denen er führend beteiligt ist, selbst abwürgt, um sich einen Dumpingpreiskampf gegen die Konkurrenz leisten zu können. Da sie – die Ladenbesitzer – von den Agenten des Herrn Macheath an die Luft gesetzt worden waren, war ihre S e l b s t ä n d i g k e i t noch gestiegen. Ihre U n a b h ä n g i g k e i t hatte ein schier unerträgliches Maß erreicht, sie waren nicht einmal mehr an feste Wohnungen gebunden. Durch e i g e n e  T ü c h t i g k e i t waren sie bis zu Körpergewichten von 100 Pfund abgemagert (196). Was Brecht seinerzeit für überspitzen Sarkasmus hielt und übertrieben darzustellen glaubte, ist heute gängiges Geschäftsmodell: Organisierte ausbeuterische Bettlerbanden, Franchise-Unternehmen, Scheinselbständige, undurchschaubare Firmenkonglomerate und Discountmärkte, die waren unter Preis anbieten, um der Konkurrenz zu schaden.

Das ganze System wird gedeckt durch einen neoliberalen Idealstaat. Die Regierung handelt nicht; sie weiß, dass das Geld im Lande bleibt. U n t e r  B r ü d e r n  w i r d  n i c h t  g e h a n d e l t. Es ist gleich, ob das Geld der eine hat oder der andere. Die Regierung und ihre Geschäftsleute, das ist eine Familie (38), oder wie es ein korrupter Staatssekretär aphoristisch zusammenfasst: Politik ist die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln (173). Leider sind nicht alle so verlässlich wie der Staat. Die von Brecht in ihrer Komplexität äußerst akribisch recherchierte Handlung, der wirtschaftliche Machtkampf der beiden Herren Peachum und Macheath, die privat noch durch die als verschiebbare Ware charakterisierte Tochter Peachums verbunden sind, ist ein Intrigenspiel, das lange keinen Gewinner kennt, weil jeder stets einen Schritt schlauer agiert als der andere, aber dann doch wieder zu seinem Nachteil. Zugrunde gehen dabei aber letztlich die anderen. Andere Leute zu betrügen, das konnte wirklich die ehrliche Absicht eines Geschäftmanne sein (46), nur schade, dass dies für den Konkurrenten eben auch gilt. Gleichwohl trifft man sich am Ende im Einverständnis wieder. Die Regierung ist ohnehin keine Gefahr, noch weniger aber die Kunden, Man rechne nie genug mit der Dummheit der Leute! Diese Leute – in jenem Fall patriotische kriegsversehrte Soldaten – ohne Arme und Beine und Augen sind immer noch für den Krieg! Dieses Kanonenfutter hält sich wahrhaftig für die Nation! Es ist phantastisch! Mit denen kann man noch viel machen, glauben sie mir! (299). Noch besser sind aus der Sicht Peachums allerdings Menschen, die noch tiefer gesunken, bereits ganz unten abgekommen sind, Ich habe oft darüber nachgedacht, wie man dieses Elend, das wahre Elend, zu irgendeiner Wirkung bringen könnte. Es müsste ein unglaubliches Geschäft sein! (168). Wer ganz unten ist, wird sich gegen seine Vermarktung kaum wehren, wer noch wagt zu hinterfragen, wird mit Patriotismus abgefüttert, und damit kritisches Denken erst gar nicht einreißt, entwickelt Peachum am Ende eine neue Geschäftsidee mit hübschem Etikett: B i l d u n g […], ich meine Bücher, ich denke an billige Romane, solche Sachen, die das Leben nicht grau in grau, sondern in lichteren Farben malen, die dem Alltagsmenschen eine höhere Welt vermitteln, ihn mit den feineren Sitten der höheren Schichten bekannt machen, der so erstrebenswerten Lebensweise der gesellschaftlich Bevorzugten (373), nicht so destruktives Gefahrgut wie den Dreigroschenroman.

Vorgänger (19): Hermann Hesse - Der Steppenwolf.

                                                                                                    

Samstag, 11. Juli 2020

Lektüremonat Juni 2020.


Rex Collings (ed.): Classic Victorian & Edwardian Ghost Stories.

Einmal mehr ein Buch aus der lobenswerten „Tales of Mystery & The Supernatural“-Reihe  der Wordsworth Edition, von der wir kürzlich bereits den außergewöhnlichen Jack-the-Ripper-Band besprochen hatten. Präsentiert die Serie – die in etwas geänderter Form glücklicherweise noch immer existiert – im Großen neben Klassikern der Phantastischen Literatur auch immer wieder Abseitigeres und vor allem Kollektionen von sonst eher schwer greifbaren Autoren, so gilt dies im kleineren Maßstab ebenso für ihre nicht wenigen Anthologien zu Subgenres wie Vampir-, Werwolf oder Gruselgeschichten. Dort sind nicht selten ganz besondere Perlen aufzufinden. Der vorliegende Band ist allerdings eher durchwachsen. Obwohl Herausgeber Rex Collings noch im Vorwort verspricht, nicht einfach nur Horrorerzählungen der Epoche zu versammeln, sondern explizit Geistergeschichten, hält er dies keineswegs durch – im Gegenteil. Offenbar im Bemühen, einige große Namen nicht zu vernachlässigen, hat er immer wieder Texte eingestreut, die völlig ohne Gespenst auskommen und eher der Kriminalerzählung zuzuordnen sind. Wie er zu dieser Auswahl kommt, wird sein Geheimnis bleiben. Ansonsten gilt, dass die Mischung stimmt, geboten werden die Meister des Genres wie M.R. James uns Sheridan Le Fanu, dazu die Ausflüge prominenter Autoren und Autorinnen ins Fach von Charles Dickens bis Oscar Wilde und dazwischen sind sie dann, die Wordsworth-typischen Fundstücke. Als Bonus hat – wohl um uns zu versöhnen – Collings dann noch drei kurze „echte“ Gespensterberichte aus der Zeit des Viktorianismus angehängt. Sieht man von dem kuriosen Fauxpas der gespensterlosen Gespenstergeschichten ab, das verlässlich gruselige Lesevergnügen der Reihe.    

 

H.P. Lovecraft: The Loved Dead.

Und weil es so schön war, machen wir gleich mit einem weiteren Band aus der Reihe weiter. Hier nun haben wir einen Klassiker des Genres, vielleicht dessen bedeutendsten Vertreter im 20. Jahrhundert überhaupt, vorliegen, H.P. Lovecraft (1890-1937), so gesehen ist sein Auftauchen in der Reihe weniger überraschend. Das besondere an dieser Ausgabe ist jedoch, dass es sich hierbei um eine Sammlung von Geschichten handelt, die Lovecraft als – in seinem Falle buchstäblicher – Ghostwriter verfasst hat. Diese in vielem frustrierende Tätigkeit war eine seiner Haupteinnahmequellen. Von Kollaborationen zu sprechen, also gemeinschaftlicher Arbeit, ist jedoch verfehlt, auf der einen Seite, weil Lovecraft als (Mit)Autor zumeist gar nicht erwähnt wurde, auf der anderen, weil er die Geschichten so sehr in seinen eigenen Kosmos integriert und mit seinem Stil geprägt hat, dass umgekehrt von der Mitautorschaft der Kollegin oder des Kollegen kaum noch etwas erkennbar ist. Deshalb ist es durchaus gerechtfertigt – und natürlich auch werbewirksamer –, dass der Band nur unter seinem Namen veröffentlicht wurde. Die Liebhaber*innen von Lovecrafts Literatur finden folglich alles, wofür der Meister steht: den unheimlichen Horror in seiner so präzisen, vermeintlich genauen Form. Und dies ist als Kompliment gemeint, den Lovecraft beherrscht das schwierige Kunststück, scheinbar exakt zu beschreiben, genau zu begründen, akribische Hintergründe zu schaffen, doch der eigentliche Horror bleibt stets ungenau, ist nicht fassbar, spielt sich letztlich in der Phantasie der Leser*innen – oder gar nur der Protagonist*innen? – ab. Natürlich strotzen die einzelnen Erzählungen von den zahlreichen Anspielungen und Verbindungen, die den Lovecraft-Leser*innen so vertraut sind. Hervorheben kann man eine Geschichte, in der er sich in Science-Fiction versucht, erfolgreich versucht. Man muss bedenken, dass wir hier erst in den 1930er Jahren sind. Doch die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach Kristallen auf der Venus in ein unsichtbares Labyrinth gerät, wirkt wie eine Vorwegnahme der pessimistischen New-Wave-Science-Fiction der 60er Jahre. Stünde da als Autor H.G. Ballard statt H.P. Lovecraft, niemand würde sich wundern.  

 

Eva Zeller: Tod der Singschwäne.

Man wird Eva Zellers (geboren 1923) Verdienste an der deutschen Literatur nicht schmälern, wenn man sich eingesteht, dass sie nicht unbedingt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des Landes zählt. Das ist schließlich nicht ihr Fehler, sondern allenfalls der des Publikums. Auch sie, eine sehr produktive Autorin, hat ihren Leserkreis und wer sich noch nicht dazuzählt, für den ist der Einstieg mit dem kurzen Erzählungsband „Tod der Singschwäne“ wie geschaffen. Versammelt sind darin zeller-typische Themen, die sich aus ihrer sehr kurvenreichen Biographie speisen, die vom Aufwachsen im Nationalsozialismus, frühen traumatischen Erfahrungen wie dem Verlust ihres Mannes 1945, Flucht aus dem Osten, erst 1945, dann 1956, langen Jahren in Namibia und einigen Wendungen mehr geprägt sind. „Was sage ich dann“, wenn ich mir (nicht) sicher bin, das Nachbarmädchen aus ärmlichen Verhältnissen nun, Jahrzehnte später, zufällig wieder im Flugzeug zu treffen, das ich einst von oben herab behandelt habe, das gönnerhaft alte Kleidungsstücke von mir geschenkt bekommen hat und sich dann dadurch rächte, dass sie mich als BDM-Führerin schikanierte. Ansprechen? Ignorieren? Tun, als sei nie etwas gewesen? Neben solchen menschlichen Konflikten sind Zellers Geschichten vor allem vom gedankenlosen Gebrauch der Sprache dominiert. Viele ihrer Texte bestehen fast nur aus Phrasen, nicht aus bösen, ironischen Redewendungen wie wir sie etwa bei Elfriede Jelinek finden, sondern aus den scheinbar harmlosen, banalen Satzstanzen des Alltags, tausende Male gebraucht. Und doch ist deren Wirkung, wie Zeller zeigt, gefährlich, sie sind vielleicht inhaltsleer, aber nicht wirkungslos. In zwei, man möchte sagen, typischen 1980er-Jahre-Geschichten, die gleichzeitig mehr als aktuell sind, zeigt Zeller einmal an der Ablehnung einer Initiative zur Verlegung einer Straße und zum zweiten anhand des Versuchs, einen Asylantrag einzureichen, wie man sich mithilfe von Wort- und Satzhülsen Probleme vom Leib hält, ohne sich wirklich damit – und mit den Folgen – beschäftigen zu müssen. Keineswegs ein auf die Bürokratie und Politik beschränkter Vorgang, auch das rufen die Erzählungen ins Gedächtnis. Eva Zeller: eine unterschätzte Autorin.

 

Harry Kemelman: Am Sonntag blieb der Rabbi weg.

Harry Kemelmans (1908-1996) erfolgreiche Reihe um seinen ermittelnden Rabbiner David Small,

Vorsteher einer Synagoge in einer Kleinstadt nahe Boston, hat wie immer wenig mit einem typischen Krimi – und noch weniger mit anderen geistlichen Kollegen à la Pater Brown – zu tun. Einmal mehr nutzt Kemelman das Genre, um über das Leben und die Probleme einer modernen jüdischen Gemeinde zu berichten, was den wesentlich größeren Reiz ausmacht als die – natürlich auch vorhandene – Krimihandlung. Der Rabbi ist am Sonntag zu Gast an einer Uni als Vertretung eines befreundeten Kollegen, um die Studentengemeinde zu betreuen, was jedoch gleichzeitig dazu führt, dass er eine entscheidende Vorstandssitzung seiner Gemeinde verpasst, auf der diese sich zu spalten droht. Als Small zurückkehrt, liegt schon vieles im Argen. Die konservativen, vor kurzem entmachteten Vorstandsmitglieder sehen sich heimlich bereits nach einer Synagoge zur Neugründung um, der Rabbi selbst gerät zwischen die Stühle, bis ihm sogar der Rauswurf droht – er ist schließlich nur ein Vertragsangestellter. Wären nicht einige Jugendliche der Gemeinde in einen möglichen Mord an einem Kleindealer des Ortes verwickelt, hätte sich Small wohl nach einer neuen Stelle umsehen müssen. So aber klärt er den Fall mit Hilfe seines katholischen Freundes, des Polizeichefs, auf und sichert sich damit die eigene, aber auch die Zukunft der gesamten Gemeinde. Spannung im eigentlichen Sinne war nie das Hauptanliegen Kemelmans, er nutzt seinen Roman wie immer zur Vermittlung jüdischen Alltaglebens in den USA, auch diesmal wieder mit interessanten Einblicken für Außenstehende. Nicht unbedingt der beste Band der Serie, aber unterhaltsam.

 

Robert Bloch: Das Regime der Psychos.

Graham ist ein Regisseur in Hollywood, der die immergleichen Science-Fiction-Filme dreht. Als er einmal versucht, aus den vorgegebenen Formaten auszubrechen, gerät er sofort in den Verdacht, subversiv zu sein. Sein Fehler: er hat Gewalt unter Menschen gezeigt. Das aber ist in der Geplanten Gesellschaft nicht erwünscht, beziehungsweise strengstens verboten. Denn nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und verheerenden Atomkriegen haben Psychologen die Macht im Staat übernommen und die Menschen neu konditioniert. Im Leben der Menschheit, nun verteilt auf einzelne noch bewohnbare Kuppeln im (angeblich) verseuchten Umland, gibt es zwar keine Freiheiten mehr, aber ein oberflächlich angenehmes Leben, dass für die meisten mit der Pensionierung im fünfzigsten Lebensjahr dank erhöhter Lebenswartung mit der gleichen Anzahl an Jahren in stressloser Freizeit weitergeht. Doch Graham, mit etwas mehr Willensfreiheit ausgestattet, da er als sogenanntes ‚Talent‘ für kreative Aufgaben vorgesehen war, bekommt auf seiner Flucht vor den „Psychos“ tiefere Einblicke hinter die Kulissen dieses autoritären Wohlfahrtsstaates, der seine Untertanen mit Fünfzig keineswegs pensioniert, sondern heimlich eliminiert. Mit einer Gruppe von Dissidenten macht er sich daran, das Regime zu stürzen. Blochs (1917-1994) Dystopie krankt an einigen literarischen Schwächen. Eine davon ist dem Subgenre immanent, dass dazu neigt, lang(atmig)e Beschreibungen hervorzubringen, in denen der Autor all seine Einfälle präsentieren muss. Dies geht oft einher mit ziemlicher Unplausibilität, da oft Personen innerhalb derselben Gesellschaft sich diese ausführlich erklären – etwa so, als würden Sie ihrem Nachbarn erzählen, dass es bei uns Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren gibt. Man kann davon ausgehen, dass ihm diese Tatsache bereits bekannt ist. Bloch deutet zwar mehrfach Ambivalenzen an, da auch der Zustand vor der Machtübernahme kaum noch erträglich war und die Psychologen durchaus edle Motive für ihr Handeln hatten, Zeit, auf diese Widersprüche einzugehen oder sie in seinen Figuren zu reflektieren, nimmt er sich aber kaum. Ähnlich uneindeutig ist sein Verhältnis zur Gewalt, manchesmal scheint er etwas zu fasziniert von den Grausamkeiten, die er schildert – womit er den Psychologen gewissermaßen ungewollt ein gutes Argument liefert. Insgesamt ein nicht gerade überzeugendes, aber immerhin kurzes Lesevergnügen. 

Dienstag, 30. Juni 2020

Else Lasker-Schüler: Verwelkte Myrten.


Verwelkte Myrten.

Bist wie der graue sonnenlose Tag,
Der sündig sich auf junge Rosen legt.
- Mir war, wie ich an deiner Seite lag,
Als ob mein Herze sich nicht mehr bewegt.

Ich küßte deine bleichen Wangen rot,
Entwand ein Lächeln deinem starren Blick.
- Du tratest meine junge Seele tot
Und kehrtest in dein kaltes Sein zurück.

Else Lasker-Schüler (1869-1945).


Enthalten in der Anthologie mit Schriften Else-Lasker Schülers "Ich suche allerlanden eine Stadt (Leipzig. Reclam 1988), S. 6.      


 



Mittwoch, 24. Juni 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (19): Hermann Hesse - Der Steppenwolf.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf. st 2786

Es gibt vermutlich nur wenige deutschsprachige Bücher, deren Titel den Namen einer US-amerikanischen Rockband inspiriert haben, noch dazu gut vierzig Jahre nach der Ersterscheinung des Romans, und allein dies zeigt schon die enorme Wirkung, die Hermann Hesses (1877-1962) Steppenwolf insbesondere, aber nicht nur auf ein jüngeres Lesepublikum hatte und hat. Nicht nur, denn der Protagonist, Harry Haller, ist selbst keineswegs mehr ein junger Mann auf Orientierungssuche, er ist bereits um die fünfzig und genaugenommen erfahren wir nur sehr Spärliches über ihn. Es ist nur wenig, was ich über ihn weiß, und namentlich ist seine ganze Vergangenheit und Herkunft mir unbekannt geblieben (7), so der Neffe der Vermieterin, bei der er eines Tages auftaucht und nach einiger Zeit wieder ohne Angabe eines Ziels verschwindet. Dabei besteht das Buch lediglich aus der Beschreibung der Person eben jenes Harry Haller, noch dazu aus drei verschiedenen Quellen.

Da ist der einleitende Bericht des Neffen über den seltsamen Gast. Dieser bleibt ihm undurchschaubar, ungreifbar, er war in einem hohen, von mir bisher bei niemand beobachteten Grade ungesellig (7), es herrschte um den ganzen Mann herum eine fremde, und, wie mir scheinen wollte, ungute oder feindliche Atmosphäre (9), doch wirkt er umgekehrt anziehend, gewinnend, macht den Eindruck eines bedeutenden, eines seltenen und ungewöhnlich begabten Menschen, sein Gesicht war voll Geist, und das außerordentlich zarte und bewegliche Spiel seiner Züge spiegelte ein interessantes, höchst bewegtes, ungemein zartes und sensibles Seelenleben (13). Die Unzugänglichkeit Hallers lässt ihn in den Augen des Neffen gleichzeitig abwehrend und faszinierend erscheinen, er sucht buchstäblich einen Zugang zu ihm, fürchtet dies jedoch zugleich. Haller ruft widersprüchliche Gefühle in ihm hervor, fast Verstörung, in jedem Fall bringt er durch seine Ambivalenzen Unordnung in die klaren Vorstellungswelten des jungen Mannes, Haller hat ihn äußerlich nicht belästigt noch geschädigt, wir denken noch heute gerne an ihn. Im Innern aber, in der Seele, hat dieser Mann uns beide, die Tante und mich, doch sehr viel gestört und belästigt, und offen gesagt, ich bin noch lange nicht mit ihm fertig. Ich träume nachts manchmal von ihm und fühle mich durch ihn, durch die bloße Existenz eines solchen Wesens, im Grunde gestört und beunruhigt, obwohl er mir geradezu lieb geworden ist (12). Der bürgerlich-nüchterne Neffe ist angezogen von der Andersartigkeit, doch sucht er trotzdem, sie in sein geordnetes Weltbild zu re-integrieren, den darin liegenden Vorwurf wegzukategorisieren. Zwar erkennt er richtig, dass Haller bei alledem nicht recht dabei zu sein schien, schien sich selber in seinem Tun komisch zu finden und nicht ernst zu nehmen (9), sich folglich der Einordnung (selbst) entzieht, aber dies hindert den Neffen nicht, ihn letztlich mit anerkannten, akzeptierten Begriffen zu belegen und dadurch seiner gefährlichen Wirkung auf ihn zu entschärfen. Nach einem klassischen Muster erklärt er ihn auf irgendeine Art geistes- oder gemüts- oder charakterkrank (15), er pathologisiert ihn also, nutzt dazu ein an Nietzsche exemplifiziertes vertrautes Erklärungsmodell, Genie und Wahnsinn. Der Text widerlegt dies im Übrigen nicht, an den folgenden Schilderungen Hallers können die Leser*innen selbst überprüfen, ob sich der Eindruck des Neffen bestätigt oder nicht, man soll nicht glauben, dass er nur auf ein bequemes Konzept zur Selbstberuhigung zurückgreift, Haller selbst würde ihm womöglich durchaus nicht widersprechen.

Denn in einem hat der Neffe keinesfalls Unrecht. Ein zu uns, in die Städte und ins Herdenleben verirrter Steppenwolf – schlagender konnte kein andres Bild ihn zeigen, seine scheue Vereinsamung, seine Wildheit, seine Unruhe, sein Heimweh und seine Heimatlosigkeit (23), so charakterisiert er ihn, übernimmt damit aber lediglich den Selbstentwurf Hallers. Recht hat er in der Vorsicht, die er hier kurz vergießt, nämlich skeptisch gegenüber Hallers Selbststilisierung zu sein. Dessen Aufzeichnungen, die er ihm nach seinem plötzlichen Verschwinden hinterlässt, sieht er als zum größten Teil Dichtung (26) an, nicht aber im Sinne willkürlicher Erfindung, sondern im Sinne des Ausdrucksversuches, der tief erlebte seelische Vorgänge im Kleide sichtbarer Ereignisse darstellt (26), als innere statt äußere Autobiographie. Es wird sich schnell zeigen, dass Haller an einer realistischen Schilderung seines Aufenthalts wenig gelegen ist, sich der Bericht zunehmend in Phantasien verliert, die drogenindiziert sind, rein symbolhaft oder, wie der Neffe wohl vermuten würde, krankhaft. Haller ist sich dessen und seiner Situation durchaus bewusst, er weiß selbst, woran er „krankt“, die Schlagwörter der modernen Medizin sind ihm nicht fremd, die Wissenschaft hat dafür den Namen Schizophrenie erfunden (227), nur deutet er ihn keineswegs negativ, Die Wissenschaft hat damit insofern recht, als natürlich keine Vielheit ohne Führung, ohne eine gewisse Ordnung und Gruppierung zu bändigen ist (227). Haller wird im Laufe seiner Selbsterforschung klar, dass er zwar an einer Ambivalenz leidet, die ihn vom bequemen bürgerlichen Leben, nach dem er sich umgekehrt sehnt, ausschließt, dass diese aber nicht einfach bipolar ist, sondern mannigfaltig. Sein Problem ist, wie mit dieser Erkenntnis umgehen, ohne sich in jener Menge von Seelen (227) zu verlieren.

Haller gibt sich als typischer Anti-Establishment-Rebell: Denn dies hasste, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen (35) und vertritt diese Ansichten durchaus mutig in pazifistischen Zeitungsartikeln – die Bemerkungen über die von allen hingenommene Vorbereitung eines nächsten Krieges, der wohl noch scheußlicher sein wird, als es der letzte war (143), einer Millionenschlächterei (143), sind von erschreckender Hellsichtigkeit – oder im offenen Bruch mit einem nationalistischen Professor. Und doch ist dies nur die eine Seite: Harry Haller hatte sich zwar wundervoll als Idealist und Weltverächter, als wehmütiger Einsiedler und als grollender Prophet verkleidet, im Grunde aber war er ein Bourgeois, fand ein Leben wie das Hermines – das sie durch Liebschaften finanziert – verwerflich, ärgerte sich über die im Restaurant vertanen Nächte, über die eben dort vergeudeten Taler, hatte ein schlechtes Gewissen (157) und zur Sicherheit auf der Bank mehrere Wertpapiere von industriellen Unternehmungen liegen (157). Im Herzen ein Spießer, der sich nur deshalb von den anderen Spießern absetzen kann, weil er im Grunde genau weiß, wie sie reagieren, da ihm ihre Sehnsüchte vertraut sind, der nicht wagemutig genug ist, ohne Fangnetz exzentrisch zu sein. Davon handelt der geheimnisvolle Traktat über den Steppenwolf, die dritte Beschreibung Hallers, von unbekannter – womöglich eigener – Feder, die ihn äußerst kritisch beleuchtet: Es gefiel ihm, seine kleinen Laster und Extravaganzen zu haben, sich als außerbürgerlich, als Sonderling und Genie zu fühlen, doch hauste und lebte er, um es so auszudrücken, niemals in den Provinzen des Lebens, wo keine Bürgerlichkeit mehr existierte (66). Haller weiß um dieses Dilemma, das viele Künstler*innen und Rebell*innen, aber auch Alltagsmenschen umtreibt, auch der Neffe hat dies erspürt: Haller gehört zu denen, die zwischen zwei Zeiten geraten, die aus aller Geborgenheit und Unschuld herausgefallen sind, zu denen, deren Schicksal es ist, alle Fragwürdigkeit des Menschenlebens gesteigert als persönliche Qual und Hölle zu erleben (29), ein Steppenwolf kann eben nicht heimisch sein in den Städten und im Herdenleben, wo er bestenfalls gefangen, wohl eher noch getötet wird. Doch der Traktat und auch die späteren Phantasien Hallers werfen ihm seinen Ernst vor, der ihn in die Selbstmordgedanken treibt, das Antidot sei der Humor, die herrliche Erfindung der in ihrer Berufung zum Größten Gehemmten, der beinahe Tragischen, der höchstbegabten Unglücklichen (71) und so muss er sich zuletzt vorwerfen  lassen: Lernen Sie ernst nehmen, was des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre! Oder haben Sie selber es denn etwa besser gemacht, edler, klüger, geschmackvoller? O nein, Monsieur Harry, das haben Sie nicht. Sie haben aus Ihrem Leben eine scheußliche Krankengeschichte gemacht, aus ihrer Begabung ein Unglück (252).             

Vorgänger (Teil 18): Peter Weiss - Die Ästhetik des Widerstands.              

Freitag, 5. Juni 2020

Lektüremonat Mai 2020.

 

Amos Oz: Im Lande Israel.

Im Jahr 1982, im Libanon herrschte gerade ein Bürgerkrieg, in den auch Israel involviert war, reist Amos Oz (1939-2018) durch sein Heimatland und sprach mit vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft und politischer Einstellung. Die Gespräche fasste er zusammen, veröffentlichte sie erst nach und nach in einer israelischen Zeitung und schließlich im vorliegenden Buch. Oz‘ Anliegen war, möglichst viele Seiten der Gesellschaft zu repräsentieren, dies ungefiltert, wobei etwas problematisch war, dass er selbst als öffentlich bekannte Person und wahrgenommen als linker Intellektueller, bei seinen Gesprächspartner*innen bereits Reaktionen hervorrief – die er ebenfalls ungefiltert dokumentierte. Er besuchte junge jüdische Siedler im Westjordanland, Palästinenser im Gazastreifen, orthodoxe, streng religiöse Juden, gemäßigte Mitglieder einer arabischen Zeitungsredaktion, Einwanderer aus den Tagen vor der Staatsgründung und einige mehr. Die Tendenz ist deutlich: die israelische Gesellschaft ist stark fragmentiert, sie liebt es zu politisieren, spitzt aber ihre Positionen oft so scharf zu, dass Unversöhnlichkeit entsteht – nicht bei allen –, was sich auch darin zeigt, dass kaum einer der Beiträger*innen, wie Oz in einem Nachtrag offenlegt, sich von ihm richtig wiedergegeben sieht. Zwar ist der Hintergrund eines gerade herrschenden Krieges zu berücksichtigen und die leisen Hoffnungstöne dürfen nicht überhört werden, doch die Uneinigkeit der Israelis untereinander und der Konflikt mit den Palästinensern bildeten bereits damals den Kern, der das Alltagsleben aller Bewohner ohne Aussicht auf baldige Lösungen bestimmte. Dies hat sich auch nach gut vierzig Jahren nicht geändert.   

 

Hermann Kesten: Meine Freunde, die Poeten.

Es gibt eine Szene in Hermann Kestens (1900-1996) Portaitbuch, in der er im Exil gemeinsam mit Joseph Roth und Heinrich Mann an der südfranzösischen Küste in einem Café sitzt. Heinrich Mann erkundigt sich nach dem Verbleib des Schriftstellerkollegen Jakob Wassermann, Kesten und Roth müssen ihm etwas verlegen berichten, dass Wassermann bereits seit einigen Jahren tot sei. Mann fallen noch einige Bekannte ein, von denen er länger nichts mehr gehört habe, jedesmal und jedesmal mit größerem Zögern müssen Kesten und Roth eingestehen, dass auch diese tot seien. Selbst Magnus Hirschfeld, den Kesten zu seiner Erleichterung noch gestern angetroffen hatte, ist in der vergangenen Nacht, so Roth, verstorben. Konsterniert verlässt Heinrich Mann das Café. Die Szene ist zwar stark stilisiert, erkennbar durch den immergleichen Ablauf der Fragen, Kesten hat jedoch sicher nur ein echtes Erlebnis auf dieses eine Gespräch konzentriert, das die traurige Situation der Exilant*innen zusammenfasste. Und es ist gewissermaßen auch die Situation seines Buches. Denn der doppeldeutige Titel ist einerseits eine Hommage an verdiente Vorbilder – im kürzeren zweiten Teil – vor allem aber eine lebendige Schilderung der tatsächlichen Freundschaften Kestens mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus der schreibenden Zunft – von denen die meisten Exilant*innen und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung längst tot waren. Physisch und oft auch im Gedächtnis der Leser*innen. Was sich für uns heute liest wie eine Literaturgeschichte der klassischen Moderne von den Gebrüdern und Klaus Mann über Tucholsky, Toller, Feuchtwanger, Kästner, Döblin bis Stefan Zweig und Joseph Roth, musste oft erst wieder neu entdeckt werden zu Zeiten von Kestens Buch. Und er war gut geeignet, diese Aufgabe zu übernehmen, eben aufgrund seiner genauen Kenntnis von Autor*innen und ihrer Werke, wie seine durchaus mitunter auch kritischen, aber doch stets liebevollen Artikel bezeugen. Ärgerlich an dem Band ist nur, dass er – obwohl es sich um eine „Werkausgabe“ handelt, die genau das Gegenteil nahelegt – eine nicht geringe Zahl an Portraits weglässt und dann, wie um uns auch noch gesondert aufzuzeigen, was wir verpassen werden, die gestrichenen Autor*innen – und es sind keineswegs vernachlässigbare! – vorher anführt. Allerdings scheint Kesten selbst hierzu – leider – seine Zustimmung gegeben haben. Wir hätten gern mehr statt weniger gelesen.                                              

 

Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels.

Es wurde mal wieder Zeit für eine literarische Reise ins Nachbarland, warum also nicht gleich das opus magnum eines der größten niederländischen Schriftsteller der Nachkriegszeit zur Hand nehmen? So muss man ihn inzwischen nennen –  nicht mehr „der Gegenwart“ –, denn Harry Mulisch (1927-2010) ist leider vor zehn Jahren verstorben, an seinem Rang dagegen bestand schon lange vorher kein Zweifel mehr. Den bekräftigte er mit der „Entdeckung des Himmels“ nur ein weiteres Mal, in einer Geschichte, in die er auch die Dilemmata seiner Herkunft mit einflocht, er, der Sohn eines österreichischen, in den Niederlanden mit der Nazi-Besatzung kollaborierenden Ex-Offiziers und einer deutschen Jüdin, eine Kombination, unter der auch einer der beiden Protagonisten zu leben und zu leiden hat: Max' Vater wurde nach dem Krieg als Kollaborateur hingerichtet – unter anderem, weil er die Nazis auf die Herkunft seiner jüdischen Ex-Frau hingewiesen hatte, woraufhin diese – mitsamt ihren ebenfalls von ihrem früheren Mann verratenen Eltern – erst ins Internierungslager Westerbork, dann nach Auschwitz abtransportiert und dort ermordet wurde. Max wuchs versteckt bei katholischen Pflegeeltern auf, die ihn auch als Waise weiterhin erzogen. Eines Tages, mit Anfang Dreißig,  begegnet er durch Zufall Onno, dem aufmüpfigen Sprössling einer staatstragenden Calvinistenfamilie, Sohn eines hochrangigen einstigen Regierungsmitgliedes, die beiden Spötter verstehen sich spontan blendend, es erwächst eine geradezu symbiotische Freundschaft zwischen dem frauensüchtigen Astronomen Max und dem sein Image als enfant terrible pflegenden, geistreichen Onno, einem Erforscher altertümlicher Sprachen. Die Komplikationen, von denen es nicht wenige gibt, liegen außerhalb der tiefen Verbindung der beiden und zwischenzeitlich scheint eine Dritte in den Bund aufgenommen, Ada, eine Cellistin, die erst Max‘ Freundin, später Onnos Frau wird. Doch die geknüpften Fäden werden zu Fallstricken, Max‘ Erkenntnis, dass das Schlimme jederzeit unterwartet eintrete, bewahrheitet sich in ständiger Abfolge. Nichts in dem Roman bleibt ohne Konsequenz. Egal, ob Max und Onno auf Kuba versehentlich in eine Konferenz linksradikaler Kämpfer geraten, ob Onno sich dort von einer älteren Witwe verführen oder Max und Ada zum gleichen Zeitpunkt längst nach Abbruch ihrer Beziehung noch einmal miteinander schlafen, woraufhin sie schwanger wird und dadurch einen Sohn – Quinten – mit unbekannten Vater, Max oder Onno, zur Welt bringt. Max wird ihn gemeinsam mit Adas Mutter aufziehen, Onno – der vermeintliche oder vielleicht doch echte – Vater ist inzwischen in die Politik gegangen, Ada liegt nach einem Autounfall im Koma und siecht dahin. Max arbeitet in einem neuartigen Teleskopareal auf dem Boden des einstigen Internierungslagers Westerbork und lebt mit Onnos Schwiegermutter und Quinten auf einem Schloss, in dem eine Kommunität künstlerischer Familien untergebracht ist, wovon vor allem Quinten profitiert. Schließlich zerbricht auch diese Idylle: Onnos wiederaufgenommene Beziehung zu seiner früheren Freundin Helga endet mit deren Ermordung am gleichen Tag, an dem seine Karrierepläne in der Politik endgültig scheitern – er flieht, ohne seinen Aufenthaltsort irgendwem bekannt zu geben. Max muss der Auflösung der Schlossgemeinschaft zusehen, deren Ende er nicht mehr erlebt: er wird von einem Kometen erschlagen. Quinten begibt sich schließlich auf die Suche nach seinem Vater, findet ihn und hat noch eine Mission zu erfüllen, bis auch er plötzlich und für immer verschwindet. Seitenlang könnte man nun sämtliche Motive aufzählen, die Mulisch in seinem Buch verwebt, angelehnt an den Titel. Das ist ähnlich spannend wie die feinziselierte Konstruktion des gesamten Textes, wo einige Dinge fast zu zufällig und zu gewollt erscheinen – was sie auch sind. Denn wir erleben auch den buchstäblichen olympischen Erzählerstandpunkt mit, die einzelnen Abschnitte werden eingeleitet durch Gespräche zweier Engelsgestalten, von denen eine Bericht erstattet über eine groß angelegte Mission und den dazu nötigen Eingriffen und Arrangements. Wenn wir also beim ersten Lesen es für allzu übertrieben und äußerst weit hergeholt  halten, dass gerade Max – der Astronom! – ganz allein und mitten in der ländlichen Pampa der Niederlande von einem Meteoriten erschlagen wird, dann fällt uns beim zweiten Nachdenken ein, dass es ja einen himmlischen Regisseur gibt. Natürlich spielt Mulisch hier ironisch mit der Arbeit des Romanautoren, aber das ist wiederum nur eine der Ebenen. Das Nacherzählen des komplexen Geschehens wird ihm ohnehin nicht gerecht und ist auch nicht notwendig: Mulisch schreibt wie gewohnt klar und spannend, man muss nur selbst zugreifen und wird belohnt mit einem großartigen Buch, über das man das Beste sagen kann, was es zu einem Buch zu sagen gibt: man ist nach der Lektüre klüger als vorher.  

 

Richard Ford: Verdammtes Glück.

Der Vietnam-Veteran Harry Quinn ist in eine mexikanische Stadt gereist, wo er versuchen soll, den Bruder seiner Ex-Freundin, der wegen Drogenschmuggel im Gefängnis sitzt, möglichst aus diesem herauszubekommen. Nun, nach gut einem Monat, scheint sich endlich eine Chance zu bieten, mit Hilfe eines heimischen Rechtsanwaltes, der mit den im Hintergrund laufenden, undurchschaubaren Prozessen und Besonderheiten des mexikanischen Systems und vor allem der Unterwelt vertraut ist. Rae, Harrys Ex-Freundin, soll mit einem Geldbetrag aus den USA einfliegen, mit dem Quinn ihren Bruder freikaufen kann, der im Knast zunehmend unter die Räder kommt. Doch nichts läuft wie geplant: Rae bringt zwar das Geld, doch nun wird alles immer komplizierter, gewalttätiger und undurchdringlicher. Die örtlichen Drogenbosse kommen mit ins Spiel, weil sie Sonny, den Bruder, in Verdacht haben, einen Teil des Schmuggelgutes beiseite geschafft zu haben. Es ist aber nicht klar, an wen man sich wenden muss, um dieses „Missverständnis“ auszuräumen, mehrere Gestalten tauchen auf, die irgendwie verwickelt zu sein scheinen, aber wer hat wirklich etwas zu sagen? Und auf welcher Seite steht eigentlich der Rechtsanwalt? Sonny wird im Gefängnis malträtiert, aber ihm kann man ebenso wenig vertrauen wie den restlichen Mitspieler*innen. Und hängen die Gewalttaten in der zunehmend unsicheren Stadt mit den Drogengeschäften zusammen? Harry Quinn versucht, Klarheit und Übersicht und zu be- auch an seinem Auftrag festzuhalten, aus noch immer vorhandener Liebe zu Rae. Aber nichts läuft so wie erhofft. Sehr hartes Frühwerk von Richard Ford (geboren 1944), kaum verwandt mit seinen späteren Romanen, eher etwas für Liebhaber*innen von anspruchsvoller hard-boiled-Literatur.