Donnerstag, 6. Dezember 2018

Das neue Buch: 50x Franken. Eine spannende Zeitreise durch die Landesgeschichte.

 
Stammte der erste Franke aus Hartmannshof? Warum wurde der Archaeopteryx Brite? Welche Schriftsteller haben den fränkischen Tourismus erfunden? Wer meuchelte den heiligen Kilian in Würzburg? Welches wichtige städtische Amt versah der Nürnberger "Würstlein"? Wie zerstörte das fränkische Wetter das größte Bauprojekt Karls des Großen? Und warum liefen so viele Franken und Fränkinnen einem Widerling wie Julius Streicher hinterher?  
 
Soviele Fragen...Antworten auf diese und noch viel mehr bietet "50x Franken" als Reise durch die Fränkische Geschichte in fünfzig Kapiteln von den Dinosauriern, die sich hier tummelten, bis zur noch gar nicht so lange vergangenen "Putschnacht von Kreuth", die kurzzeitig einen Franken an die Spitze der bayerischen Landesregierung brachte (nicht der erste, auch wenn so manche*r das noch immer glaubt). Königsmörder, kriegerische Bischöfe, wilde Markgrafen, menschliche und technische Berühmtheiten von Kaspar Hauser bis zum Adler, der ersten Eisenbahn Deutschlands, der glorreiche 1. FCN und die Spitzenkräfte der fränkischen Kunst von Wolfram von Eschenbach bis Albrecht Dürer, von Lucas Cranach bis Tilman Riemenschneider geben sich ein Stelldichein zwischen Odenwald und Fichtelgebirge, zwischen dem Henneberger Land in Thüringen und dem Hohenlohischen in Baden-Württemberg.   
Benedikt Grimmler: 50x Franken. Eine spannende Zeitreise durch die Landesgeschichte. München: J.Berg: 2018.    
 
Zu finden wie immer in der Buchhandlung Eures Vertrauens, Online oder direkt hier beim Verlag.
 

 

Freitag, 30. November 2018

Aufruf zur Mithilfe: Rettet den FF USV Jena!

Vor kurzem wurde öffentlich bekannt, dass der FF USV Jena, der Traditionsverein des thüringischen Frauenfußballs schlechthin, vor finanziellen Problemen steht, die den Fortbestand des gesamten Vereins existentiell bedrohen. Dabei geht es um einen Betrag, der für den Herrenfußball unter "Peanuts" fiele, für einen Verein wie den FF USV Jena jedoch nur unter großen Mühen aufzubringen ist - weshalb jede Unterstützung gebraucht werden kann!
Ohne lange herumzureden, geht es nun darum, Gelder für den Fortbestand des Vereins zu sammeln, weshalb sich die Fans des USV einiges haben einfallen lassen. Es ist selbstverständlich, dass ich ihre Bemühungen unterstütze, als Freund des Frauenfußballs allgemein, aber auch insbesondere, weil ich mich dem USV freundschaftlich verbunden fühle und man auch nicht vergessen sollte, welchen Einschnitt solch eine Auflösung für die vielen Spielerinnen und Mitarbeiter*innen des Vereins sowie die zahlreichen engagierten Fans bedeutet.
Hier der Aufruf der USV-Fans:

"Ihr habt es gelesen - unser geliebter FF USV Jena steckt in einer extrem schwierigen finanziellen Situation. Wir Fans waren in der Vergangenheit für unseren Verein da und sind es nun erst recht! Gemeinsam wollen wir unseren Club retten und dafür sammeln, dass der Spielbetrieb aufrecht erhalten werden kann und der traditionelle Frauenfußballstandort Jena nicht stirbt.

Unser weit über Thüringens Grenzen hinaus bekanntes Nachwuchsleistungszentrum hat schon viele Bundesligaspiel...erinnen hervorgebracht. Aktuell sind in unseren Mannschaften zehn deutsche Juniorennationalspielerinnen am Ball. Ohne ein Fortbestehen des Standorts Jena stünden unsere Talente von heute auf morgen ohne Perspektive da. Die Internatsplätze fielen weg, die Spielerinnen müssten die Schule wechseln, innerhalb Thüringens gibt es keine vergleichbaren Alternativen.

Nicht zuletzt stand der FF USV Jena über zehn Jahre in der Allianz Frauen-Bundesliga für etwas Einzigartiges, etwas Familiäres: wir Fans unterstützten unsere Spielerinnen von Hamburg bis Freiburg, von Rotterdam bis Larnaca und sorgten dabei immer für eine besondere Atmosphäre.

Um die benötigten Gelder zum Erhalt unserer großen Leidenschaft zusammenzutrommeln, haben wir eine Spendenaktion unter https://www.gofundme.com/rette-uns-wer-kann gestartet. Die Zeit rennt!
Wenn auch ihr uns unterstützen möchtet, dann verbreitet unsere Fundraising-Kampagne oder spendet selbst! Jeder Beitrag zählt!
Wichtig ist, dass wir eine möglichst große Reichweite erzielen, also TEILEN, TEILEN, TEILEN!
Vielen Dank!

#RetteUnsWerKann #USV #BuWeLl "


Unter dem hier noch einmal wiederholten Link findet Ihr noch mehr zu der Aktion, aber auch zur Bedeutung des USV für Jena, Thüringen und den deutschen Frauenfußball. Jede noch so kleine Hilfe ist schon von Bedeutung - helft also mit und rettet den FF USV Jena! Danke!

 

Donnerstag, 29. November 2018

Das Zitat zum Donnerstag.

 
 
 "Handeln ohne Wissen ist eine Unvorsichtigkeit, Wissen, ohne zu handeln, ist Feigheit."
 
Dominique Pire OP, Friedensnobelpreisträger 1958
 
 
 
 

Dienstag, 20. November 2018

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (7) - Hermann Hesse: Narziß und Goldmund.


Hermann Hesse: Narziß und Goldmund. st 2640

 

Einen Roman von Thomas Bernhard oder von Peter Handke anhand des ersten Satzes zu identifizieren, fällt nicht schwer. Auch Hermann Hesse (1877-1962) fällt in diese Kategorie der sprachlichen Eindeutigkeit. Und wäre eben jener erste Satz von Narziß und Goldmund nicht ohnehin gut zwanzig Zeilen lang, man wüsste trotzdem, wer ihn verfasst hat. Wortwahl, Bilderwelten und Inhalt könnten nicht typischer sein. Selbst die gleich zu Beginn angedeutete Thematik verweist auf die oft bei Hesse verhandelten inneren Auseinandersetzungen, erinnern an das bereits vorgestellte Glasperlenspiel, jedoch in zeitlicher Umkehrung, denn Narziß und Goldmund ist vorher – 1930 – entstanden. Gleich zu Beginn wird ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens (7), vor dem mittelalterlichen Kloster Mariabronn beschrieben, fremd und zärtlich ließ der schöne Baum seine Krone überm Eingang zum Kloster wehen, ein zartgesinnter und fröstelnder Gast aus einer anderen Zone, verwandt in geheimer Verwandtschaft mit den schlanken sandsteinernen Doppelsäulchen des Portals und dem steinernen Schmuckwerk der Fensterbogen, Gesimse und Pfeiler, geliebt von den Welschen und Lateinern, von den Einheimischen als Fremdling begafft (7). Adjektive, Diminutive, der Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen Nahem, Vertrauten und Exotischem, faszinierend Fremden – Hesse in Reinform, auch in der Art, diese Gegensätze scheinbar herauszustellen, nur um anschließend ihre vermeintliche Unvereinbarkeit aufzulösen.

Solcherlei Ambivalenzen bestimmen den Roman – der sich, noch eine Art Diminutiv, bescheiden Erzählung nennt – wie das Klosterleben jener Tage, wo des Volkes Glaube gepflegt, des Volkes Glaube belächelt wurde. Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Einfalt und Verschlagenheit, Weisheit der Evangelien und Weisheit der Griechen, weiße und schwarze Magie, von allem gedieh hier etwas, für alles war Raum; es war Raum für Einsiedelei und Bußübung ebenso wie für Geselligkeit und Wohlleben (8). Solcherlei Dualismen, im Freiraum des Konventes auslebbar, spiegeln schon die titelgebenden Namen wieder: das Kind Goldmund, vom Vater zur Erziehung und für künftige geistliche Laufbahn in die Klosterschule gegeben, und Narziß, der ebenfalls noch sehr junge, doch hochbegabte Novize, der dort bereits als Lehrer unterrichtet. Hesses Namenswahl ist paradox: der zwar hochmütige, doch fast seherisch empathische Narziß ist eben kein selbstverliebter Jüngling, sondern ein introvertierter, zu sich selbst streng seiender Gelehrter, dem der Zugang zu den Mitmenschen weitaus schwerer fällt als zu seinen Büchern und Theorien. Goldmund dagegen ist nicht der kluge Redner, sondern ein Schwärmer (13), wie ihn Narziß tadelt, seine Verführungskraft liegt nicht in seiner Sprache, sondern seinem Körper und später in seinem künstlerischen Schaffen. Beide sind Außenseiter im Kloster, doch aus verschiedenen Gründen, könnten sie doch selbst kaum verschiedener sein. Narziß ist sich über seinen Weg im Klaren – und er wird in konsequent und erfolgreich voranschreiten – Goldmund irrt umher, wie Narziß ein Denker und Zergliederer, so schien Goldmund ein Träumer und eine kindliche Seele zu sein. Aber die Gegensätze überspannte ein Gemeinsames: beide waren sie vornehme Menschen, beide waren sie durch sichtbare Gaben und Zeichen vor den andern ausgezeichnet, und beide hatten sie vom Schicksal eine besondere Mahnung bekommen (21), Narziß sah Goldmunds Natur, die er trotz ihres Gegensatzes innigst verstand; denn sie war die andere, die verlorene Hälfte seiner eigenen (35).

Sie ziehen sich an und doch bleibt eine Distanz, da Goldmund das Wesen der ihm dargebotenen Freundschaft nicht erfasst, erst als ihn Narziß auf sein Geheimnis – Goldmunds vom Vater verstoßene Mutter (vgl. S. 61) – aufmerksam macht, erkennt dieser seine Ungeeignetheit für das Kloster und bricht spontan mit all seinen Gewohnheiten. Er folgt einer Frau, die ihn verführt und gleich wieder verlässt, er folgt der Sehnsucht (nach) seiner Mutter und beginnt ein Wanderleben als Vagabund. In der Natur geht er der – seiner – Natur nach, auf den Spuren der Unbekannten, der freien Ungebundenen, deren Vision ihm hin und wieder erscheint. Er wird ein Frauenverführer ohnegleichen, was ihm viel Genuss und Verdruss einbringen wird und die Erkenntnis, dass Schmerz und Lust einander ähnlich sein konnten wie Geschwister (137). Goldmund ist unstet, zwischenzeitliche gute Stellungen, als Schreiber auf einer Burg, als Lehrling in einer Bildhauerwerkstatt, setzt er oft leichtfertig aufs Spiel, es hält ihn nicht lange an einem Ort, es drängt ihn weiter, er ist nicht frei von rücksichtslosem Egoismus – viel mehr ein Narziß als Narziß  – dabei ist das Landfahrerdasein kein Zuckerschlecken, oft plagt ihn der Hunger, zweimal mordet er, durchstreift ein von der Pest verwüstetes, mit Toten übersätes Land, gleichzeitig fasziniert und gefährdet, er sucht Grenzsituationen, nichts genügt ihm, um es – das vollendete Kunstwerk – machen zu können, muß ich noch viel erfahren und erleben (190).

Doch Goldmund entkommt dem Dilemma seiner Lebensweise nicht: Von diesem Leben, diesen Wanderungen, von all diesen Jahren seit seinem Auszug in die Welt war bis heute wenig Frucht geblieben (258), es gibt keine Balance zwischen Flüchtigkeit und Dauerhaftigkeit, zwischen freiem Sinnenerleben – Natur – und trockenem Dienst des Unvergänglichen (258) – Kultur. Goldmund kann sich weder zu dem Einen noch zu dem Anderen vollends durchringen, ohnehin scheint ihm die Wahl bald abgenommen, als ihn ein weiteres Liebesabenteuer fast an den Galgen bringt, vor dem ihn ein Geistlicher rettet, ein zufällig anwesender Abt, natürlich Narziß, nun Johannes – wie Chrysostomus, Goldmunds Namenspatron. Narziß bietet seinem alten Freund Asyl im Kloster und tatsächlich scheint sich eine innere Versöhnung der beiden Wesen Goldmunds dort zu vollziehen: als freier, unabhängig vom Klosterleben arbeitender, aber von der dortigen Abgeschiedenheit und Ruhe profitierender Künstler, attestiert ihm Narziß, auf dem Weg durch die Sinne, das Geheimnis des Seins ebenso tief zu erfassen und viel lebendiger ausdrücken, als die meisten Denker es können (305). In Narziß’ späterem Fazit scheint die für Hesses Schaffen und den – nicht nur – damaligen Zeitgeist latente Intellektuellenskepsis durch, wenn er ein Goldmundleben menschlicher und tapferer empfindet als das bequeme Gelehrtenleben im schönen Gedankegarten voll Harmonie (313). Doch ist diese vermeintliche Abschlussbetrachtung wesentlich unklarer, als die oberflächliche Lesart es haben möchte: denn Goldmund, noch immer voll Unrast, verlässt das Kloster wieder. Was wie ein erneuter Aufbruch in die Freiheit wirkt, ist ein vollendetes Scheitern, schon nach wenigen Stunden, noch in Reichweite des Klosters, versagt Goldmunds einstige Verführungskraft, schließlich fällt er vom Pferd, verletzt sich und kommt, zufällig aufgefunden, nur noch als verwirrter, sterbenskranker Mann zurück ins Kloster. In seinen Fiebervisionen aber sieht er sich trotzdem am Ziel angelangt: der Wiedervereinigung mit seiner Mutter. Mehrere Zyklen schließen sich. Zurück bleibt Narziß an seinem Bett, Tag und Nacht, und sah zu, wie er erlosch. Goldmunds letzte Worte brannten in seinem Herzen wie Feuer (328).   
 
Vorgänger Teil (6): Hermann Broch - Die Schlafwandler.                                                                 

Dienstag, 13. November 2018

Lektüremonat Oktober 2018.


Helmut Eisendle (Hg.): Triest – Die Stadt zwischen drei Welten.

Aus der Anthologie, zusammengestellt vom österreichischen Schriftsteller Helmut Eisendle (1939-2003), der selbst einige Jahre in der Stadt gelebt hatte, haben wir bereits Milo Dor kurz zitiert. Die drei Welten, die hauptsächlich italienische Bevölkerung der Stadt, das vorwiegend slawisch-slowenische Umland und die jahrhundertelange Zugehörigkeit zur österreichischen Donaumonarchie, der Triest einst den Aufstieg zu einer der wichtigsten Hafenstädte Europas verdankte, haben neben der Grenz- und Randlage die Geschichte mit viel Auf und Ab, Einwohner*innen und naturgemäß die Literatur geprägt. Örtliche Größen,


 
deren Ruhm kaum über die Region hinausging, Autor*innen, die jeweils im Land ihrer Sprache Berühmtheiten, darüber hinaus jedoch kaum bekannt sind, aber letztlich auch internationale Beiträger zur Weltliteratur aus Triest wie Italo Svevo – von dem auch in dieser Anthologie die besten Texte stammen – oder James Joyce, der als Sprachlehrer hier die Grundlage für so gut wie alle seine Bücher legte, sie alle sind mit Triest verbunden und dementsprechend in der Sammlung vertreten. Wie in allen Anthologien finden sich Perlen neben Durchschnittlichem, Altbekanntes neben Entdeckungen, Kleinräumiges neben Weltweisendem, wie es schließlich besonders gut zu einer Stadtbeschreibung mit viel Fassaden und Facetten passt, die mal für Weltläufigkeit, mal für abgeschiedenen Niedergang stand und stets auch dank ihrer inneren Rivalitäten und Widersprüchlichkeiten Interessantes hervorgebracht hat. 
 

Aleksandar Tisma: Die Schule der Gottlosigkeit.

Vier Erzählungen des serbischen Schriftstellers (1924-2003), die alle mit der Erfahrung des 2. Weltkrieges zusammenhängen. In den beiden Geschichten „Schneck“ und „Die Wohnung“ sind es die Wirkungen der Kriegserlebnisse auf die unmittelbare Gegenwart der Protagonisten, in „Die schlimmste Nacht“ und „Die Schule der Gottlosigkeit“ sind wir einmal Augenzeugen eines Opfers, einmal eines Täters. „Die schlimmste Nacht“ ist die Nacht vor der Gewissheit des jüdischen Familienvaters, mitsamt Frau und Tochter am nächsten Morgen von der deutschen Besatzungsmacht ins KZ abtransportiert zu werden. Was sind die Optionen? Widerstand, Flucht, Selbstmord…? Noch bevor er sich zu einem Entschluss durchringen kann, wird es Tag. Ist diese Erzählung schon hart genug, dann gehört die Titelgeschichte sicher mit zum verstörendsten, was die Weltliteratur zu bieten hat. In nüchterner Sprache und aus der Perspektive des noch jungen Folterers lässt uns Tisma teilhaben an dem brutalen Verhör eines Mannes durch die ungarische Geheimpolizei des faschistischen Regimes. Dabei verfällt Tisma nicht in irgendwelche voyeuristischen Grausamkeiten oder das Abdriften in Splatter, sondern schildert die Vorgänge in so eindrücklicher Brutalität, dass es schwerfällt, das Buch nicht beiseitezulegen. Der junge Folterer ist Unmensch und Mensch zugleich, unsicher, abgelenkt von seinem Sohn, der schwerkrank zuhause liegt und um den er sich sorgt. Doch gerade dies und der Druck, sich vor Kollegen und Vorgesetzten zu bewähren, führt nur zu einer verstärkten Wut auf sein Opfer, über das wir wenig erfahren, außer dass es, bereits schwer misshandelt, schweigt. Obwohl es nicht mehr nötig ist – ein Mitgefangener hat inzwischen gestanden – kann sich der Folterer nicht von seinem Opfer lösen, eine Art sexueller Faszination, aber auch eine verquere Identifikation mit dem Sohn lassen ihn jegliches Maß verlieren und wie im Rausch den Wehrlosen qualvoll töten. Doch Tisma geht weiter – nicht nur ist dieser Tod sinnlos, es gibt für den Leser und die Leserin keinen Trost. Selbst der Folterer glaubt, zur Sühne für seine Untat würde nun wohl sein Kind sterben müssen – in einer Art perversem Ausgleich. Doch ein Anruf zuhause versichert ihm, dass es dem Sohn sogar besser geht. Der Folterer ist erleichtert: es gibt keinen Gott, keine höhere Gerechtigkeit. Und was macht der Text mit uns? Eine Geschichte von unglaublicher Wirkung, schwer zu ertragen, abgrundtiefe Literatur auf seltener Höhe!  
 

David Vann: Dreck.

Der 22jährige Galen lebt noch immer bei seiner alleinerziehenden Mutter auf einer einsamen Walnussfarm irgendwo in der amerikanische Provinz, ziellos und sich von ihr aushalten lassend, was ihn nicht hindert, sie zu verachten und mies zu behandeln. Nicht angenehmer ist der Umgang mit dem Rest der Familie, der dementen Großmutter, seiner zynischen Tante mit ihrer nymphomanischen 17jährigen Tochter, auf die der sexuell frustrierte Galen scharf ist – und die ihn benutzt und gewähren lässt. Dies liest man so vor sich hin und fragt sich, warum man sich mit diesen unsympathischen Charakteren, die sich in einem fort streiten, beschäftigen soll. Der Kniff des Erzählers ist, nach gut 150 eine Extremsituation heraufzubeschwören, in der klar wird, dass Galen, dessen Perspektive wir einnehmen, nicht nur einen Spleen hat – er ist leidenschaftlicher Esoteriker, der sich ständig in Meditationen und Visionen hineinsteigert –, sondern ein ausgewachsener Psychopath ist, der nun daran geht, seine Mutter, die ihn ins Gefängnis bringen will, quälend langsam zu ermorden. Das kann man für literarisch raffiniert halten, aber sei es aufgrund von persönlichen Vorlieben oder auch der vorherigen Lektüre von Tismas Texten, so recht Gefallen mag sich an der Inszenierung von Brutalität zu Unterhaltungszwecken nicht einstellen. Und mehr ist es auch nicht, weder wird sprachlich brilliert, noch geht das Ganze allzu sehr in die Tiefe. Dass esoterische Selbstsuche und Ichversunkenheit Egozentriker und nicht unbedingt Mitmenschlichkeit hervorbringen, ist keine welterschütternde Neuigkeit.  David Vann (geboren 1966) ist mit seinen Romanen sehr erfolgreich – in Deutschland wird er immerhin bei Suhrkamp verlegt – es wird ihm also egal sein, dass wir von diesem Erfolg wenig halten.  


Andrew Sean Greer: Die Nacht des Lichts.

Am Ende seines Romans dankt Andrew Sean Greer (geboren 1970) unter anderem einem Freund, der ihm die Idee zum Titel überließ. Man denkt sich dann ein bisschen, „naja, so mördermäßig toll ist der Titel nicht“, nur um dann festzustellen, dass das Buch im Original durchaus originell  „The Path of Minor Planets“ heißt, während man, warum auch immer, offenbar glaubte, für die deutsche Übersetzung auf das biedere Pseudoparadoxon zurückgreifen zu müssen. Nun ist es ja stets wohlfeil, sich über misslungene deutsche Titel aufzuregen – es gibt zahlreiche hervorragende Gegenbeispiele – aber in diesem Falle hat das Original einfach den Vorteil, dass es wesentlich besser gepasst hätte, denn es geht vordergründig um einen gut alle sechs bzw. zwölf Jahre wiederkehrenden Meteoriten, zu dem der einstige Entdecker einen Freundes- und Kollegenkreis einlädt, um eben jenes Ereignis der Rückkehr des kleinen Himmelskörpers und der weitesten Entfernung zu feiern. Die eigentlichen kleinen Planeten, um die sich alles dreht, sind die Personen, die dann wieder auf der Insel versammelt sind, wo der Komet am besten zu beobachten ist – und es ist der Pfad von deren Leben, den wir verfolgen. Greer verwebt die verschiedenen Lebensläufe gekonnt, unspektakulär und doch spannend, dieses und jenes klärt sich in Nebensätzen erst Jahre oder Jahrzehnte auf, manche Zusammenhänge werden einem erst klar, dann aber als falsch entlarvt. Und wie bei dem Kometen stellt sich für die Teilnehmer stets von Neuem die Frage, ob er wiederkommt oder ausbleiben wird, so wie der Kreis der Beobachter letztlich kleiner wird und mancher auf immer verschwindet. Ein kluges, ein gutes Buch.     
 

Régis Debray: Der Einzelgänger. 

Ein autobiographischer Roman von Régis Debray (geboren 1940) – der, nebenbei, im Original „L’Invisible“ heißt, womit nun jede*r selbst über den deutschen Titel urteilen möge – verspricht viel: Debray war nicht nur Wegbegleiter Chè Guevaras, dafür im Gefängnis inhaftiert, guter Bekannter der ersten RAF-Führung, Berater von Salvador Allende und später Francois Mitterand, nebenbei begründete er mit der Mediologie einen eigenen Wissenschaftszweig und schrieb nicht wenige sehr einflussreiche theoretische, journalistische und eben auch literarische Werke. „Der Einzelgänger“, 1975 auf Französisch, 1979 auf Deutsch erschienen, behandelt die Probleme des Guerillakampfes aus der Innensicht der Gruppen, geschildert von einem Schweizer Sympathisanten, der sich auf deren Seite engagiert. Das ist auch mehr oder weniger die Handlung, sofern man von einer solchen überhaupt reden möchte. Ein paar wenige Aktionen und etwas Liebesgeplänkel geben lediglich den Hintergrund ab für seitenlange Gespräche und Reflexionen über das Versagen des Guerillakampfes und die daran Schuldtragenden. Kann sein, dass man so etwas Mitte der Siebziger Jahre begierig verschlungen hat, für eine*n heutige*n Leser*in gilt: Debrays Roman ist wie das Fleisch der Affen, das die Guerilleros im Dschungel aus der Not heraus essen: sehr zäh.  
 

René Barjavel: Ravage.

René Barjavel (1911-1985) gilt als der Urvater und sein 1943 erstmals erschienenes Buch „Ravage“ („Verwüstung“) als der Gründungsroman der französischen Science-Fiction. Liest man den ersten Abschnitt von vieren, könnte man glauben, man befinde sich inmitten einer klassischen Liebesintrige vor futuristischem Hintergrund: ein junges Mädchen wird vom einflussreichen Medienmogul als zukünftiger Star ausgemacht; als der Nachbarsjunge Francois Deschamps aus dem Dorf ebenfalls in Paris auftaucht, setzt der mächtige Konkurrent alle seine Möglichkeiten erfolgreich in Bewegung, um dessen Start in der Großstadt scheitern zu lassen. Dies alles vor dem Hintergrund der 2050er Jahre, wobei der Roman hier wie viele frühe Werke der SF etwas daran krankt, zuviel an Erstaunlichem beschreiben zu wollen und darüber die Handlung zu vernachlässigen. Ab dem zweiten Abschnitt ändert sich dies jedoch, wie überhaupt der ganze Roman einen Umschwung erfährt. Südamerika erklärt Nordamerika den Krieg und kurz darauf wird Paris – und, wie sich herausstellt, das gesamte Land – von einem Stromausfall betroffen. Fatal für eine Gesellschaft, die völlig von der Elektrizität abhängig ist. Was so fortschrittlich erschien, wendet sich nun gegen die Menschen: ohne Strom funktioniert rein gar nichts mehr, es gibt kein Wasser mehr, keine Medizin, kein irgendwas. Alle Transportfahrzeuge, die sich inzwischen in der Luft bewegen, stürzen ab, die eingefrorenen Toten tauen auf und verursachen Krankheiten, der nutzlose Technikmüll in den Straßen verursacht Brände. Barjavel zeichnet mehr und mehr ein Horrorszenario, das der New-Wave-SF der 60er Jahre in nichts nachsteht, insbesondere, da sich nun die Menschen auf der Suche nach Nahrung bald gegenseitig in die Haare geraten. Nicht genug, lässt Barjavel schließlich erst Paris, dann das gesamte Land in einem riesigen Feuerbrand untergehen. Eine kleine Gruppe um das Mädchen und verschiedene Überlebende unter Führung Francois Deschamps‘ suchen den mühsamen Fluchtweg Richtung Süden ins Gebirge. Dabei werden sie dezimiert und auf primitive Praktiken zurückgeworfen – auch was das Ausschalten der Konkurrenz angeht. Am Ende gelingt es der kleinen Anzahl, eine neue Gemeinschaft in einem Bergtal zu gründen, doch die Sehnsucht der Menschen, sich das Leben durch Technik zu erleichtern, ist trotz der katastrophalen Folgen nicht ausgestorben. Das letzte Kapitel ist etwas stark vom Zeitgeist abhängig ein Lob des Tatmenschen Francois, schon vorher eine nicht unproblematische Figur. Insgesamt jedoch besonders im Mittelteil ein furioses Werk, das bis heute als eines der besten französischen Science-Fiction-Romane gilt. 

Edzard Schaper: Der letzte Advent.

Edzard Schaper (1908-1984) war ein in der Frühzeit der Bundesrepublik äußerst erfolgreicher, heute etwas in Vergessenheit geratener Autor, was wohl daran liegt, dass er sich gerne Themen um religiöse Grundfragen widmete. Dies gilt auch für „Der letzte Advent“, ursprünglich 1949 erschienen, der Geschichte eines orthodoxen Priesters, der, nachdem beim Einsturz seiner baufälligen Kirche in Estland neben weiteren Gemeindemitgliedern sein direkt neben ihm stehender Kollege erschlagen, er aber verschont wurde, in eine tiefe Sinnkrise gerät. Er zieht sich in ein Kloster zurück, doch der Abt dort beauftragt ihn, sich heimlich in die stalinistische Sowjetunion zu begeben, um dort die versreuten und unterdrückten Christen zu betreuen. Dies geht nicht lange gut, die kleine Gemeinde wird aufgespürt und gerät in die Verhörkeller der Sowjets. Hat man sich an die leicht, aber nicht übertrieben pathetische Sprache gewöhnt, entwickelt der Text nach einiger Zeit durchaus seinen eigenen Sog, der von den diversen Gewissenskonflikten der Figuren lebt – schließlich werden hier zeitlos gültige Fragen verhandelt. Noch spannender ist nur das Leben Schapers selbst, eines Schulabbrechers, der sich mit diversen Berufen in verschiedenen Ländern durchschlug, bis er ab den 1930er Jahren quasi auf der Dauerflucht vor den politischen Verhältnissen war, es sogar zu der damals nicht gerade hilfreichen Ehre brachte, in Abwesenheit sowohl von der Sowjetunion als auch von den Nazis zum Tode verurteilt zu werden, der für Finnland spionierte und kämpfte, um dann doch noch ein angesehener Schriftsteller zu werden. Es wird sich folglich auch lohnen, eine Biographie über ihn zu lesen.      

Dienstag, 23. Oktober 2018

Das Zitat zum Klogang.

 
 
"Today, the degradation of the inner life is symbolized by the fact that the only place sacred from intrusion is the private toilet."
 
 
Lewis Mumford, The City in History.
   
 

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Lektüremonat September 2018.

 

Henri Troyat: La Barynia.

Das nachnapoleonische Russland Zar Alexanders. Der Landadelige Michel Borissovitch Ozareff reist zur Geburt seines Enkels nach Sankt Petersburg, doch als er dort ankommt, ist das Kind bereits tot. Sein Sohn Nicolas und dessen junge, vom alten Patriarchen Ozareff verachtete Frau Sophie, eine Französin, kehren mit ihm aufs Land zurück. Dort entwickelt sich alles anders als gedacht: Sophie langweilt sich keineswegs, sondern sorgt sich um die leibeigenen Bauern, betreut ihre unglückliche Schwägerin Marie und freundet sich mit ihrem Schwiegervater an, der sie heimlich allzusehr bewundert und ihr keinen Wunsch abschlagen kann. Nicolas gelingt es dagegen nicht, eine revolutionäre Zelle aufzubauen, stattdessen geht er, eher gedankenlos, erst ein Verhältnis mit der benachbarten Gutsherrin, später bei einem Besuch in Sankt Petersburg mit einer Polin ein. Die Schicksalsknoten verwickeln sich, doch werden sie am Ende nicht aufgelöst – der Roman Troyats (1911-2007), eines Exilrussen, ist der zweite Teil eines fünftbändigen Zyklus, und so schließt „La Barynia“, zu deutsch in etwa „Die Herrin“, bezogen auf Sophie, recht tragisch mit dem Selbstmord der unglücklichen Schwägerin Marie und deren zurückgelassenem Kind, das Sophie gegen den Willen ihres Schwiegervaters bei sich aufnimmt, während der von beiden nach der Aufdeckung seiner Affäre mit der Nachbarin verstoßene Nicolas in Sankt Petersburg von all dem noch nichts ahnt. To be continued…      
 
Jeannette Lander: Ein Sommer in der Woche der Itke K.

Autobiographisches berichtet die letztes Jahr verstorbene deutsch-amerikanische Schriftstellerin mit jüdischen Wurzeln Jeannette Lander (1931-2017) in ihrem experimentellen Roman mit dem verwirrenden Titel, der Leserin und Leser schon darauf vorbereitet, dass er es sich bei der Lektüre nicht wird bequem machen können. Dies gilt nicht nur formal – der Text ist sprachlich artistisch, deshalb aber auch recht anstrengend –, sondern auch inhaltlich. Itke, die junge Tochter eines jüdischen Krämers lebt unter doppelten Außenseitern: Juden und Afroamerikanern, den Hauptkunden des väterlichen Ladens, dies in einem Viertel Atlantas im rassistischen US-amerikanischen Süden der 1940er Jahre. Die Afroamerikaner werden als Kanonenfutter im Krieg gegen Hitler gebraucht, der wiederum der Befreiung der Juden dient. Zu größerer Akzeptanz beider Gruppen führt dies in der weißen Bevölkerung nicht, wie die latente Gewalt ihnen gegenüber zeigt. Trotzdem führt die neue Rolle des Gebrauchtwerdens als Soldaten zumindest bei den jungen Afroamerikanern zu einem erwachenden Selbstbewusstsein. Dass der Weg zur Emanzipation noch sehr weit ist, zeigt allerdings der Schluss dieses Sommers in der Woche der Itke K.  

Antonia S. Byatt: Besessen.

Alles an dem Roman der britischen Schriftstellerin Antonia S. Byatt (geboren 1936) scheint ein bisschen zuviel zu sein: der Titel – etwas zu reißerisch. Der Umfang – ein paar Seiten mehr als ihm gut tut. Der Plot, mehrere Literaturwissenschaftler sind in hartem Konkurrenzkampf auf der Suche nach dem Geheimnis zweier Schriftsteller des 19. Jahrhunderts – spannend und teils amüsant, aber zugleich teils so speziell, etwa in den satirischen Schilderungen der Forschungsströmungen an den Unis der 1980er Jahre, dass daran wohl auch nur Literaturwissenschaftler*innen ihre Freude haben können (oder auch nicht). Die Einfühlung in die Literatur des Viktorianismus – gelungen, leider teils so sehr, dass deren Langeweile und gelehrte Langatmigkeit gleich wieder mit eintritt. Gleichwohl: Besessen wurde ein – mit Gwyneth Paltrow noch dazu verfilmter – Bestseller. Stellenweise liest er sich großartig, manchmal verspürt man die große Lust, gleich mehrere Seiten zu überblättern. Am Ende bleibt die nie zu beantwortende Frage, wie ein Bucherfolg zustande kommt, die Leser*innen bleiben das unbekannte Wesen schlechthin…  

 

Otto Flake: Hortense oder die Rückkehr nach Baden-Baden.

Otto Flake (1880-1963) ist, um daran keinen Zweifel aufkommen zu lassen, ein sehr guter und von vielen seiner zeitgenössischen Kolleg*innen hochgeschätzter Schriftsteller – und da er seine großen Tage während der Weimarer Republik hatte, sind das nicht die schlechtesten Kritiker*innen. Es gibt sehr viel noch immer Lesenswerte von ihm. Leider gehört „Hortense“ nicht dazu. Der Roman über eine selbständige Frau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre vielen Verehrer in der besseren Gesellschaft, die so gut wie alle nach und nach – ohne ihr direktes Zutun – sterben, möchte eine Art Fontane’sches Frauenportrait sein, ohne ein Fontane zu sein. Die Mittel der Neuen Sachlichkeit mit ihrem nüchternen Berichtstil – den Flake hervorragend beherrscht – passen nicht zu den gefühlsseligen Dialogen der Protagonisten, die sprachlich bis ans Peinliche heranreichen. Während die für den bekennenden Mittler zwischen Deutschland und Frankreich Otto Flake äußerst seltsame Bismarckverehrung wohl eher dem Zeitgeist geschuldet ist (das Buch erschien 1933), fragen sich auch der heutige Leser und die heutige Leserin, was eigentlich so interessant sein soll am Leben dieser Hortense bei den Schönen und Reichen jener Tage? Nun – wenig bis nichts.  

Ernst Weiß: Georg Letham – Arzt und Mörder.

Der Autor dieser Zeilen gibt es unumwunden zu, schon seit frühesten Jugendtagen ist Ernst Weiß (1882-1940) einer seiner unangefochtenen Lieblingsautoren. Der Brünner Schriftsteller und Arzt, befreundet mit zahlreichen Kulturgrößen seiner böhmisch-mährischen Heimat, Österreichs und Deutschlands aus der Zeit des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, hat seltsamerweise nie die Bekanntheit erreicht, die er verdient hätte. Tatsächlich war der vorliegende „Georg Letham“ sein erfolgreichstes Werk zu Lebzeiten, er erschien 1930 – und man vergleiche Thema und Stil mit dem oben genannten „Hortense“ von Otto Flake. Zwischen beiden liegen Welten. Georg Letham ist ein zynischer Facharzt, Bakteriologie, der sich für seine Mitmenschen nur als Experimentiermaterial interessiert, Mitgefühl und Humanismus sind da nur hinderlich – da er jedoch zudem hochintelligent ist, weiß er hierum sogar, er ist ein brillanter Analytiker seiner selbst. Nur mag er hieraus keine Konsequenzen ziehen, wozu auch, er lebt damit bestens. Außer zu seinem dominanten Vater, hoher Beamter im Staat, hat er keinerlei Familienbindung, seine ältliche Frau verachtet er mindestens so, wie sie ihn verehrt. Ihr Geld kann er als Lebemann gut brauchen, trotzdem wird sie ihm zunehmend lästig. Als sich durch Zufälle – eine typisch paradoxe Weiß-Konstellation – geradezu zwangsweise die Möglichkeit ergibt, sie gefahrlos zu töten, für den erfahrenen Forscher Letham ein Kinderspiel, führt er dies – wiederum ein originäres Weiß-Motiv – so nachlässig aus, dass er noch Stunden später verhaftet wird. Das lässig hingenommene Urteil sendet ihn auf eine Gefängnisinsel, wo todbringende Gelbfieberseuchen an der Tagesordnung sind. Letham wird einer medizinischen Expedition zugeteilt, der schließlich durch menschliche Selbstexperimente die Aufdeckung der Übertragung des Gelbfiebers gelingt – unter hohen Verlusten. Das nur der ohnehin fesselnde Plot, den Weiß mit sprachlicher Brillanz zu einem Panorama an Personen ausbaut, die nie eindimensional sind, sondern ständiger psychologischer Wandlung unterliegen, allen voran natürlich Letham selbst, der Ich-Erzähler, der vom gefühlskalten Misanthropen zum Mitmenschen wird, der sich letztlich opfert. Dazu kommen zahlreiche Episoden, von denen man sich beim Lesen nicht Losreißen kann, etwa die gescheiterte Nordpol-Expedition des Vaters (Gegenstück zur Südsee-Insel des Sohnes) mit ihren klaustrophobischen und Horror-Elementen oder die minutiöse Schilderung einer Geburtsoperation, bei der Letham ein fataler Fehler unterläuft. Eines der ganz großen Meisterwerke der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, viel zu selten gewürdigt und gelesen und seit langem wie das Gesamtwerk Weiß‘ – der übrigens in Frankreich zum Beispiel hoch geschätzt wird – der Wiederentdeckung harrend. Also ab in den Laden, kaufen und lesen!