Donnerstag, 21. März 2019

Donnerstag, 7. März 2019

Lektüremonat Februar 2019.


Romain Gary: Lady L.


Die skurrile Alte, die sich nicht benimmt, wie man es von einer gediegenen Dame älteren Semesters erwartet, gehört zum Standardrepertoire der Komödie und läuft deshalb stets Gefahr, zum Klischee zu erstarren. Auch Romain Garys (1914-1980) Lady L., Mitglied der englischen Hocharistokratie französischer Herkunft, Mutter zahlreicher arrivierter Kinder, die als Bankdirektoren, zukünftige Bischöfe und Politiker in höchste Posten aufgestiegen sind, gilt ihren Nachkommen inzwischen als wunderlich, doch kommt es noch schlimmer. An ihrem 80.Geburtstag beichtet sie ihrem ewigen Verehrer, einem ebenso angesehenen wie unbegabten Schriftsteller, ihre Lebensgeheimnisse. Wobei von Demut nichts zu spüren ist, im Gegenteil: Lady L. schwärmt in ihrer Erinnerung an ihre jugendliche Liebschaft mit einem unglaublich anziehenden Anarchisten, der sie aus der Gosse befreit hat – ihre ganze adelige Herkunft war einst nur Teil eines Komplotts, um Mitglieder der feinen Gesellschaft zu meucheln. Der Plan lief nicht allzu glatt, aber Lady L. konnte nie von ihrer heimlichen Liebe zu dem Anarchisten lassen. Kleine britisch-französische Spitzen, skurrile Charaktere, ohne zu übertreiben, darunter aber auch ein durchaus ernster Konflikt zwischen der Liebe zur Menschheit und der zur einzelnen Person und der Unvereinbarkeit der beiden, all das in flüssig erzähltem ironischem Ton, eines von Garys leichter daherkommenden Werken, das in einmal mehr als großen Romancier bestätigt.  

 

Henry de Montherlant: Erbarmen mit den Frauen.

Henry de Montherlant (1895-1972) ist ein französischer Klassiker, geadelt schon seit langem durch die Aufnahme in die höchste Ehre für jede*n französische*n Literat*in, die Pléiade-Ausgabe seiner Werke. An diesem Status ist auch nicht zu zweifeln, eher schon daran, ob Montherlant heute noch allzu viele Leser*innen findet. Einst ein durchaus, auch hierzulande, vielgedruckter Autor, fällt es inzwischen schwer, sich für seine Themen, allen voran einem Männlichkeitskultus, der reichlich überholt wirkt, zu erwärmen. Auch „Erbarmen mit den  Frauen“, zweiter Teil eines längeren gleichnamigen Romanzyklus, widmet sich dieser Geschlechterfrage, durchexerziert an den Verhältnissen des blasierten Schriftstellers Pierre Costals, der seine Beziehungen als Experimente ansieht, mit denen seine Theorien bestätigen kann. Es ist keineswegs so, dass Montherlant einseitig die Ansichten seines Protagonisten unhinterfragt teilt, aber der zynische Frauenmissbraucher Costals ist eine Figur, der auch als reiner literarischen Verkörperung eines Prinzips kaum noch etwas abzugewinnen ist. Dementsprechend zäh liest sich der Roman, der gleichwohl rein formal seiner Zeit einst weit voraus war, indem er Mittel anwandte, die erst später mit der Postmoderne in Verbindung gebracht wurden, etwa dem Eingreifen des „Verfassers“ in den Text oder der mehrfachen Herausstellung des Romans als eines künstlich angefertigten Produkts, das zu sich selbst in ironischem Verhältnis steht. Inhaltlich Flop, formal top.   

 

B. Traven: Der Banditendoktor.

B. Traven (vermutlich 1882-1969) war lange der große Unbekannte der deutschsprachigen Literatur, was leider dazu führte, dass sich das Interesse von Publikum und Wissenschaft hauptsächlich darauf richtete, den Mann hinter dem Pseudonym zu entlarven – was erst in jüngster Vergangenheit gelungen zu sein scheint. Gleichwohl – B. Traven war durchaus ein sehr erfolgreicher Schriftsteller mit großer Leserschaft. Und das völlig verdient. Einer der Gründe hierfür mag darin liegen, dass Traven seine Geschichten in einem Genre schrieb, dem eher selten literarischer Anspruch zugebilligt wird: dem Abenteuerroman. Dies hatte jedoch zufolge, dass seine Romane und Erzählungen ferne Schauplätze und vor allem spannende Geschichten aufweisen konnten. Dabei war Traven kein Schreibtischvertreter mit Vorliebe für Exotismus, sondern berichtete einerseits von Ländern, die er selbst kannte, insbesondere aus Mittelamerika, andererseits aus dem Leben der untersten Unterschichten, von deren Ausbeutung, Dahinvegetieren und erlösungsfreiem Alltagsleben ohne jegliche Illusionen. Traven lässt sich nicht von Zynismus leiten, hinter seinem bösartigen-sarkastischen Tonfall mit viel Ironie verbirgt sich ein tiefer Humanismus, zudem versucht er auch nicht, kulturelle Unterschiede zu verdecken, sondern sozusagen Verständnis durch Unverständnis zu wecken, nichts liegt Traven ferner als eine Verklärung der Einheimischen. Der Erzählungsband „Der Banditendoktor“ ist ein hervorragendes Beispiel für Travens Schreiben. Gutes Buch insbesondere für Traven-Neulinge, für Liebhaber*innen sowieso. Merke: Traven lesen lohnt immer.         

 

Peter Murphy: Ich, John.

Der Debutroman des irischen Journalisten Peter Murphy (Geburtsdatum unbekannt), in Deutschland immerhin bei Suhrkamp erstveröffentlicht, handelt von einem Jungen, der in einem irischen Dorf mit seiner Mutter zusammenlebt, wenig Freunde hat, wobei er den einzigen, den er findet, schließlich verrät und zum Schluss auch noch seine Mutter dahinsiechen und sterben sieht. Das alles wird ganz gekonnt heruntererzählt, mal amüsant, mal mit den Ekeleffekten, die dann doch eher der typische Versuch sind, gute moderne Literatur mehr vorzutäuschen als zu sein, mit Traumsequenzen, für die dasselbe gilt und wenn man dann am Ende doch aufgrund der traurigen Ereignisse mild versöhnlich gestimmt ist, macht Murphy mit einem ohnehin reichlich überflüssigen, wie nachgeschoben wirkenden Kurzkapitel mit Kitschabgang doch wieder alles kaputt. Es wäre falsch zu behaupten, dass das Buch nicht hin und wieder Charme entfaltet, es wäre aber ebenso falsch zu behaupten, dass es einem lange im Gedächtnis bleiben wird.     

 

Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440.

Merciers (1740-1814) „Das Jahr 2440“ ist die klassische französische Utopie, getragen vom Geist der Aufklärung. Ein Bewohner des Paris‘ der 1770er erwacht eines Tages im Jahr 2440 – und es hat sich einiges getan (nicht nur) in seiner Heimatstadt. Utopien kranken stets etwas daran, dass sie einem starren Schema folgen: ein Besucher wird von einem Cicerone durch die perfekte Welt geführt, die mit den derzeitigen Zuständen positiv kontrastiert. Das liest sich meistens sehr zäh, anders als die späteren Dystopien, einerseits, weil es offensichtlich zu den menschlichen Grundkonstanten gehört, sich eher für das Schreckliche als das Perfekte zu interessieren, andererseits weil das Leben in den bedrohlichen Dystopien für gewöhnlich mit Gefahren, also zumeist auch einer richtigen Handlung verbunden ist, während sich die Utopien kaum von einem Reiseführer unterscheiden. Allerdings entkommt „Das Jahr 2440“ der völligen Langeweile, auch wenn dies nicht der Intention des Autors entspricht, dadurch, dass es aus heutiger Sicht kaum als Utopie gelesen werden dürfte, kaum ein*e Zeitgenoss*in würde vermutlich gerne in jenem 2440 leben wollen, wo Bücherverbrennungen stattfinden, die allen „Schund“, aber auch Klassiker aus den Bibliotheken aussortieren, weil sie zu skeptisch oder zu viele menschliche Abgründe zeigen, wo der Bewohner von 2440 mit Genugtuung feststellt, die Hagia Sophia sei zerstört worden, und es wird ebensowenig für sein Zeitalter einnehmen, dass es einen, wenn auch sehr netten, König gibt oder Frauen wieder nur ihren „natürlichen“ Aufgaben – Haushalt und Kinder – zugeordnet werden. Man mag Merciers Projekt durchaus sympathisch finden, da es aber vom reinen Kontrast lebt, und nicht wirklich von den momentanen Zuständen zu abstrahieren versteht, ist seine Zukunftsvision ziemlich rasch veraltet.     

 

Hans Fallada: Der Alpdruck.

Hans Fallada (1893-1947) war, wie er im Vorwort schrieb, mit seinem Manuskript von „Der Alpdruck“ eigentlich noch nicht vollends zufrieden, als er es in Druck gab, doch hatte er sich trotzdem entschlossen, den Roman zu veröffentlichen, da er ihn als aktuelle Zeitschilderung verstand, denn er befürchtete, dass dieser Abschnitt zwischen Kriegsende und Neuanfang sonst schnell der Verdrängung anheimfiele. Man darf zudem davon ausgehen, dass Fallada die Einnahmen gut gebrauchen konnte und sich so zur frühzeitigen Veröffentlichung bereit erklärte – die er dann doch nicht mehr erlebte. Das Romangeschehen ist stark autobiographisch gefärbt, der Protagonist, Dr. Doll, einst etablierter Schriftsteller, muss in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegen fehlende Anerkennung, die Behörden, ständige Armut heuchlerische und verleumderische Deutsche, vor allem aber gemeinsam mit seiner jungen Frau gegen ihrer beider Morphiumsucht ankämpfen, eine zähe tägliche Auseinandersetzung mit vielen Niederlagen und nur gelegentlichen Lichtblicken. Man merkt dem Buch an, dass Fallada hier nicht seine ganze schriftstellerische Finesse anwenden konnte, lesenswert ist auch dieser sein letzter Roman allemal.

 

Halldór Laxness: Atomstation.

Fast zur gleichen Zeit wie Fallada schrieb Halldór Laxness (1902-1998) den Roman, der ihm 1955 als erstem – und bisher einzigem – Isländer den Literaturnobelpreis einbrachte. Auch hier sind es die Nachkriegszeit und ihre Folgen auf das scheinbar abgelegene Land, das die Amerikaner gerne als natürliche Luftwaffenbasis für ihre Atombombenträger nutzen möchten. Dies ist der – tatsächliche – politische Hintergrund, den Laxness mit den Mitteln der Groteske aus der Sicht eines Dorfmädchens schildert, dass in der Hauptstadt in den Dienst eines Parlamentsabgeordneten tritt. Es werden grundsätzliche wie zeitbedingte Themen abgehandelt, dazu allerlei Einblick in das Island der 1940er Jahre gewährt, natürlich mit einiger Überzeichnung. Übel genommen hat man dies Laxness vor allem von konservativer Seite in seiner Heimat ebenso wie in Deutschland, wo das Buch im Zuge der Nobelpreisverleihung 1955 erstmals und reichlich gekürzt erscheinen durfte. Heute besitzt das Buch nicht mehr ganz die, nun ja, Sprengkraft, und man greift wohl auch besser zur „Islandglocke“ als Einstieg in Laxness‘ Werk, so manche zugrundeliegende Frage aus dem Roman könnte aber in naher Zukunft wieder an Brisanz gewinnen. Leider.

 

Cornell Woolrich: Rendezvous in Schwarz. 

In einer amerikanischen Provinzstadt trifft sich jeden Abend an derselben Stelle ein Liebespaar. Kurz vor der Hochzeit aber stößt der junge Mann eines Tages nur noch auf die Leiche seiner Verlobten, die durch einen dummen Zufall Opfer eines Verkehrsunfalls wurde. Anfangs will er die Zerstörung seines Glückes nicht wahrhaben, dann geht er daran, jedes Jahr am Todestag seiner Geliebten einen der Verursacher des Unfalls ebenso unglücklich zu machen, wie er es ist. Die Polizei kommt ihm nur sehr langsam auf die Schliche, erst das fünfte und letzte Opfer scheint sie wirklich schützen zu können, doch auch hier läuft bald einiges schief. Ein Suspense-Meisterstück mehr aus der Feder des wohl fatalistischsten aller Noir-Autoren, Cornell Woolrich (1903-1968).

 

Hans-Georg Noack: Die Webers.

…sind „Eine deutsche Familie 1932-1945“, wie der Untertitel präzisiert,
aus dem Arbeitermilieu. Hans-Georg Noack (1926-2005) setzt seine Familiengeschichte kurz vor der sogenannten „Machtergreifung“ an, da er auch auf die Gründe eingehen möchte, warum Menschen sich überhaupt von den Ideen Hitlers angezogen fühlten. Von da ab verfolgt er die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder, aber auch von Nachbar*innen und Schulkamerad*innen der Webers. Resignation, Opportunismus, aber auch Begeisterung machen sich breit. Vater Weber, republikliebender Sozialdemokrat, möchte anfangs lieber stillhalten, bis der Spuk vorbei ist, manch Nachbar oder Mitschüler entdeckt plötzlich, dass er eigentlich schon immer für die nationale Sache war, und der Sohn Karl-Heinz wird zum Fremdkörper in der Familie, der sich vom Drill und der Gemeinschaftsideologie der HJ angezogen fühlt. Noacks Roman, der sich eher an ältere Jugendliche wendet, zeichnet ein realistisches Bild menschlichen Verhaltens unter der Diktatur, die einen sind keine glanzvollen Widerstandshelden, sondern eher Alltagsmutige, die sich ihre Mitmenschlichkeit bewahrt haben, die anderen Leichtgläubige, Dumme oder Wetterwendische, die zu spät merken, wohin ihr unterdrücktes Gewissen sie geführt hat.

Hans Joachim Schädlich: Der Sprachabschneider.

Obwohl gar nicht als solche gedacht, wurde Hans Joachim Schädlichs (geboren 1935) Erzählung über den Sprachabschneider Vielolog zu einer beliebten Schullektüre – durchaus zurecht. Ursprünglich hatte Schädlich, als Schriftsteller in der DDR kritisch beäugt, seinen Text, der anspielungsreich an einige literarische Vorgänger anknüpft, als Auseinandersetzung mit der inneren Zensur verstanden: Paul verkauft, um mehr Freizeit zu haben, per Vertrag erst seine Präpositionen und bestimmten Artikel, später zudem seine Verbformen und einige Konsonanten an den grammatischen Sammler Vielolog, der dafür seine Schularbeiten erledigt. Doch Paul, der nur noch rudimentäre kindliche Sätze sprechen kann, hat die Folgen nicht bedacht: die einen lachen ihn aus, die Eltern sind besorgt, die Lehrer fühlen sich veräppelt und selbst einfachste Dinge wie Einkäufe kann er nicht mehr selbständig vornehmen. Aus seiner Isolierung kann sich Paul nur retten, indem er sich mühsam seine komplette Sprache zurückerobert. Schade, dass die Geschichte so kurz ist. Oder anders: Schade, dass Geschichte so kurz sein.

 

Jens Peter Jacobsen: Frau Marie Grubbe.

Die europäischen Schriftsteller*innen und Intellektuellen des Fin de Siècle hatten eine Reihe von, wie man heute sagen würde, Kultbüchern, die jede und jeder kannte und über die in Zirkeln, Gesprächen, Artikeln und Briefen leidenschaftlich diskutiert wurde. Dazu gehörte „Niels Lyhne“ des Dänen Jens Peter Jacobsen (1847-1885), der einen darwinistisch inspirierten Naturalismus, starke Psychologisierung und einen tiefen Pessimismus miteinander verband. Schon in „Frau Marie Grubbe“ sind diese Züge erkennbar, einem historischen Roman über ein Frauenschicksal in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Obwohl selbstbewusst und als Tochter eines reichen Gutsbesitzers mit für anziehend erachteten Voraussetzungen bestens – finanziell – ausgestattet, bleibt Marie, aufgrund ihrer Schönheit von Vielen begehrt, zeitlebens von den Männern abhängig, die sich schnell für sie entflammen, aber dann doch wieder egoistisch ihre eigenen Ziele – und Liebschaften – verfolgen. Marie ist nicht gewillt, dies duckmäuserisch zu ertragen. Damit aber beginnt ihr Abstieg, einst Hofdame, landet sie über mehrere Stationen als Fährfrau eines straffälligen Stallknechts. Wurde schon erwähnt, dass Jacobsen ein abgrundtiefer Pessimist war…?    
                                   

                  

Donnerstag, 28. Februar 2019

Das Zitat zum letzten Februartag.


"In einer Werbekampagne für das Land, in dem ich aufwuchs und noch gerne lebe, werde ich direkt angesprochen: 'Du bist Deutschland', sagt jemand, den ich nicht kenne, zu mir. Wieso werde ich schon wieder geduzt? Und was ist das für eine Behauptung? Stimmte sie - das arme Land."

Silvia Bovenschen, Älter werden
 

Sonntag, 17. Februar 2019

Utopien und Dystopien in der Literatur. Eine kleine Auswahl.



Von der Utopie zur Dystopie entwickelten sich die Zukunftsvorstellungen in der Literatur. Ein Blick in die Geschichte mit Beispielen.


Die Utopie und ihr späteres Gegenstück, die Dystopie, sind Literaturformen in Zeiten des Umbruchs. Dabei dient sie nicht dem Eskapismus, sondern reagiert auf die Mißstände der Zeit mit den Mitteln der Fiktion (Staatsroman, Satire). Die klassische Utopie verlagert den „Nicht-Ort“ räumlich auf Inseln oder an unzugängliche Orte, die Dystopie verschiebt - und gewinnt dadurch an Brisanz - den Akzent auf die Zukunft. Die der Gattung immanente „Realisierungsmöglichkeit“ (Ernst Bloch), die sie von anderen Genres (Science Fiction) unterscheidet, dient der Belehrung und der Besserung der eigenen Gegenwart, wird jedoch in der Form dystopischen „Linienverlängerung“ (T.W. Adorno) auch zur Warnung vor der bereits eingeschlagenen (Fehl-) Entwicklung.     


Thomas Mores Utopia und Francis Bacons New Atlantis

Der gattungsgründende Roman Utopia (1516) des englischen Humanisten Sir Thomas More setzte für Jahrhunderte die Maßstäbe des Genres: ein Schiffsreisender landet unvermutet auf der Insel der Utopier, die ihm ausführlich ihr Staatswesen, ihre Kultur und Lebensphilosophie im Dialog erläutern. Die glückliche Welt Utopias ist dabei das positive Gegenbild zum England des jungen 16. Jahrhunderts, dessen Zustände More in einer Rahmenerzählung schildert. Kommunismus, Friedliebigkeit, Religionsfreiheit, Ende der Armut, Bildungszugang für alle, gehören zu den Errungenschaften der Utopier und auch der Bewohner von Neu-Atlantis, die der Philosoph Francis Bacon nach ähnlichem Schema wie More 1624 in einem Fragment vorstellt. Die herausragende Rolle der (Natur-) Wissenschaften und die Einführung einer maßgeblichen Elite auf Neu-Atlantis wirken ebenfalls stilbildend.


H.G.Wells und die Wende 

Fortschrittsoptimismus und Elitarismus verbinden sich bei H.G. Wells im Fin de Siècle zu widersprüchlichen Zukunftsvisionen. Während mit The Time Machine (1895) die erste Dystopie der Weltliteratur erscheint, die der Menschheit eine fatale Entwicklung in der Zukunft prophezeit, in der sich die Klassengegensätze und die Bequemlichkeiten des technischen Progresses zu einer Horrorvision verschärfen, kreiert Wells zehn Jahre später eine Art Meta-Utopie: A Modern Utopia (1905). Der Erzähler reagiert nicht nur auf vorhandene utopische Konzepte, er ruft stets die Fiktionalität seiner Gedanken in Erinnerung - ohne jedoch deren Notwendigkeit zu bezweifeln. A Modern Utopia - mit anderen optimistischen Werken Wells - war auch aufgrund seiner Forderung nach einer Elite und eugenischer Auslese der eigentliche Ansatzpunkt für die Kritik der englischen Dystopien.  


Aldoues Huxley: Brave New World 

In Aldous Huxleys Zukunftsstaat, der Brave New World (1932), sind die Ideale H.G. Wells, Elite und Auslese, verwirklicht, die entindividualisierten Menschen durchaus zufrieden und glücklich - da sie durch Konditionierung keine anderen Gedanken zu fassen in der Lage sind. Alle Störfaktoren eines unbeschwerten Lebens sind abgeschafft: Kultur, Armut, Versorgungsmängel, Religion. Gefährlichste Bedrohung des staatlichen Gemeinwesens ist ein Übermaß an Individualität, wie es noch in einigen Reservaten vorkommt, die nicht in den Weltstaat integriert wurden. Huxleys Zukunftsvision ist abwägend: die Aufgabe des Individuellen ist verbunden mit einem sorglosen Glück, das Festhalten führt in Konsequenz zum Unglück und Scheitern.    


George Orwell: 1984 

Individualität ist auch in George Orwells noch stärker totalitärem Staat aus dem Jahre 1984 (1948) ein destruktives Verbrechen. Stärker beeinflußt von den Entwicklungen des Faschismus und Stalinismus, setzt sich hier die Entmachtung des Einzelnen durch Überwachung und Bedrohung durch. In dem Terrorstaat, der auf die Brechung des Willens bis tief ins Bewußtsein aus ist, wird schon eine Liebesbeziehung zum anarchistischen Aufbegehren, das der Staat mit Folter und Gehirnwäsche - erfolgreich - bekämpft. Der direkte Eingriff in das Denken und die ständige Manipulation der Außenwelt – vor allem. mit Hilfe der Sprache Newspeak - ermöglichen die Unterwerfung des Individuums. Als totalitäre Herrschaftsvision wurde Orwells berühmtestes Werk geradezu sprichwörtlich.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Lektüremonat Januar 2019.


 
Sven Regener: Neue Vahr Süd.
Nachdem der (literarische) Ausklang des alten Jahres nicht gerade sonderlich brillierte, galt es, zum neuen das Risiko eines miesen Anfangs wenigstens zu minimieren. Folglich schien Sven Regeners (geboren 1961) „Neue Vahr Süd“ hierfür eine passende Wahl. Regeners Zweitling nach dem Erfolg von „Herr Lehmann“ folgt der Spur seines damaligen Protagonisten, allerdings nicht chronologisch, sondern rückblickend auf dessen unfreiwillige Bundeswehrzeit, die zugleich seinen Abschied von den Eltern und schlussendlich auch aus Bremen bedeutet. Unfreiwillig ist hierbei eine Art umfassende Charakterisierung von Frank Lehmanns Handeln: Zur Bundeswehr wird er eingezogen, weil er vergessen hat zu verweigern, was auch im Nachhinein ein weiteres Mal scheitert, unfreiwillig zieht er bei seinen Eltern aus in eine mehr als chaotische Jungs-WG aus gescheiterten Revolutionären, unfreiwillig steht er am Ende im Weserstadion bei einem Gelöbnis der Bundeswehr und damit im Mittelpunkt von Randale, die durch seine Kumpane mitorganisiert wurde. Es ist das Jahr 1980, und die Ereignisse ereignen sich halt irgendwie, ähnlich ziellos wie die schier endlosen Diskussionen und Gespräche aller Beteiligten. Zu Beginn des Romans scheint sich dieser zähe Stillstand auf den Text zu übertragen, bis man in dessen Sog gerät und bemerkt, dass unterhalb der ständigen – aber vom Autor klug proportionierten – Wiederholungen doch etwas vorangeht, wobei dies für die Leser*innen oft weitaus lustiger zu beobachten ist als für die Akteure. Die man deshalb dann leider mit großem Bedauern zurücklässt. Regener hat jedoch mit „Der kleine Bruder“ bereits für Nachschub gesorgt.
 
Fiona Kelly: Auf Hexenjagd.
Auch im neuen Jahr stehen Jugendromane auf dem Leseplan, dieses Mal ein Krimi aus der Feder der britischen Autorin Fiona Kelly (geboren 1959) aus den 1990ern. Ein nicht ganz passender Vergleich mit den berühmten ??? drängt sich auf, haben wir doch drei jugendliche Hauptfiguren, die in ihrer Heimatstadt Fälle lösen, womit die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft sind. Hauptunterschied: es handelt sich um drei Mädchen, die noch dazu kein spektakuläres Umfeld – Freundschaft mit einem gewissen Star-Regisseur – aufweisen können, im Gegenteil. Das gerade lässt „Auf Hexenjagd“ zu einem angenehmen Lesevergnügen werden. Die Autorin schreibt spannend, mit zurückhaltendem Humor, der Fall ist nachvollziehbar und keineswegs überkonstruiert, vor allem aber ist sie nicht in die Falle getappt, „obercoole“ Mädchen auf dem Reißbrett zu erschaffen, sondern recht lebensnahe Figuren. Das Buch hat insgesamt einen sympathischen Unterton weiblicher Solidarität, ohne, wie gesagt, ein Klischeebuch nur für Mädchen zu sein. Und das, obwohl eine der Hobby-Detektivinnen ein Pferd besitzt.
 
Chimo: sagt Lila.
Mitte der 1990er Jahre wurde dieser Roman als literarische Sensation gefeiert. Unter dem Pseudonym „Chimo“ ließ ein unbekannter angeblicher Banlieue-Bewohner einem Verlag zwei vollgeschriebene Schulhefte zukommen. In zweifelhafter Grammatik schildert er die erste Verliebtheit eines jungen Einwandererjungen in die offensive Lila, die ihn mit ihren sexuellen Wunscherzählungen aufreizt. Dies alles in einer Umgebung ohne Zukunft, wie sich am Ende einmal mehr zeigen wird. Die Literaturkritik rätselte vor allem an der vermeintlichen Autorschaft herum, insbesondere der Frage, ob es sich um ein authentisches Dokument oder eine Fiktionalisierung durch eine*n etablierte*n Autor*in handelt; die oftmaligen Reflexionen über das Schreiben – eher eine Gewohnheit von erfahrenen Praktiker*innen – deuten doch auf letzteres hin. Der Enthusiasmus über den Inhalt ist heute nurmehr schwerlich nachvollziehbar. Lila erscheint doch genau besehen als eine ziemliche Männerphantasie, die letztlich doch dem Denken eben jener Jugendlichen entsprungen zu sein scheint, von denen sie sich angeblich unterscheidet. Und auch die Milieu-Schilderungen dürften eher den wohligen Grusel der gutbürgerlichen Leserschaft bedienen, die das Buch so sehr gefeiert hat und für die die Revolution schon beginnt, wenn ab und zu mal ein Komma fehlt.                               
 
Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels.
Der dritte Roman in der mit „Der Schatten des Windes“ begonnenen Barcelona-Reihe von Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón (geboren 1964) setzt in gewohnter Manier die Bücher-Geschichte(n) seiner Vorgänger fort. Genaugenommen gäbe es über den Roman auch nicht mehr zu sagen. Das Rezept kennt man: Ein Titel am Rande des Kitsches, obskure, sehr spannende Vorgänge, die jeweils mit Büchern, Schriftstellern, dunklen Vergangenheiten der Franco-Zeit zusammenhängen, in Barcelona spielen und von Zafón virtuos und mit treffsicheren Dialogen berichtet werden. So erfährt man mehr über die Hintergründe der bereits bekannten Protagonisten, die immer etwas zu gut und etwas zu böse sind. Und der vierte Band wird dank offenem Ende schon vorbereitet. Das ist alles nicht mehr neu, aber immer noch gut gemacht und als Bahn- oder Wartezimmerlektüre geradezu perfekt.   
 
Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg.
Den Auftaktband seiner Josephus-Trilogie benannte Lion Feuchtwanger (1884-1958) nach dem Hauptwerk seines Protagonisten, des jüdisch-römischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus. Erwartungsgemäß erzählt Feuchtwanger nicht einfach die antike Schrift nach, sondern gestaltet in der ihm eigenen Manier die Figuren mit einer komplexen Psychologie aus, wobei er den historischen Hintergrund zwar grob, aber nur sehr frei nachzeichnet. Ob Feuchtwanger damit tatsächlich, wie der Klappentext im Innern vorgibt, Verständnis für die jüdischen Zeitgenossen im 20. Jahrhundert zu erwecken vermochte, darf eher bezweifelt werden. Feuchtwanger ist zu sehr kluger Romancier, der nicht gewillt ist, die Schattenseiten seiner Hauptfigur, aber auch des Jüdischen Krieges insgesamt, zu verheimlichen, ihm interessieren komplexe Vorgänge, weshalb Josephus, der die Römer fanatisch bekämpft, um dann zu ihnen überzulaufen, keineswegs ein Mensch ist, der unbedingt Herzenswärme erweckt. Wie alle Feuchtwanger-Romane ein Leseereignis, trotz der kuriosen sprachlichen Unsitte, die römischen Namen zu verkürzen (Tiber für Tiberius etc.), aber damit ist er im Deutschen – Augustin für Augustinus und der Irrsinn, Horatius zu Horaz zu verstümmeln – ja alles andere als ein Pionier. Gleichwohl nicht das herausragendste seiner Werke, manchmal befällt einen die Lust, einfach zum antiken „Original“ zu wechseln.     
 
Federico García Lorca: Diwan des Tamarit/ Diván del Tamarit.
Wie es sich für einen guten Lyrikband gehört – und man es von einem Verlag wie Suhrkamp naturgemäß auch erwarten kann – ist das kurze Bändchen, das mehrere Gedichtsammlungen des großen – oder unumwunden: des sicher größten des 20. Jahrhunderts – spanischen Schriftstellers Federico García Lorca (1989-1936), zweisprachig. Die erste Abteilung Gedichte – der titelgebende „Diwan des Tamarit“ – setzt sich zusammen aus oft nicht immer leicht zugänglichen Texten in freieren Formen zu den ewigen Menschheitsthemen Liebe und Tod, die zweite lässt schon in der Überschrift „Sonette der dunklen Liebe“ anklingen, dass Lorca dem Thema treu blieb, hier jedoch etwas konventioneller – damit aber auch lesbarer – die klassische Sonettform anwandte. Berühmter sind Lorcas Dramen – lesenswert ist seine Lyrik allemal.
 
Walter Benjamin: Sonette.
Wir bleiben also bei Sonetten und widmen uns einem Autoren, von dem wir erst kürzlich sein Buch „Berliner Kindheit um 1900“ besprochen hatten: Walter Benjamin (1892-1940). Der ist nun nicht gerade als Lyriker im Gedächtnis geblieben, was nicht unbedingt daran liegt, dass das lange verschollen geglaubte Manuskript seiner Sonette erst Anfang der 1980er Jahre in Paris wiederentdeckt wurde. Benjamins Gedichte widmen sich fast ausschließlich der Erfahrung des Selbstmordes eines mit ihm befreundeten Ehepaares, das sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges umgebracht hatte. Dementsprechend sind Benjamins Sonette geprägt vom Verlust durch Tod, dies in der strengen Form des Sonettes, wohl um das Unbegreifliche fassbarer zu machen. Dabei zeigt er sich, etwas überraschend, ästhetisch irgendwo zwischen Hofmannsthal und George, unberührt vom zeitgenössischen Expressionismus der Entstehungszeit. Beeindruckendes Zeugnis einer Freundschaft. Loben muss man zudem die sehr schöne Ausstattung des Bibliothek-Suhrkamp-Bandes mit viel Zusatzmaterial zum Hintergrund.
 
Ernst-Wilhelm Händler: Kongress.
Das ist ein sehr seltsamer Roman. Vordergründig handelt er von der drohenden Zusammenlegung zweier Philosophischer Fakultäten unterschiedlicher theoretischer Ausrichtung an der Universität zu einer einzigen und den damit einhergehenden Konflikten innerhalb eines der beiden Institute. Fast erwartbar nutzt Ernst-Wilhelm Händler (geboren 1953) dies zu leider oft sehr drögen theoretischen Dialogen, wie er auch sonst einen Hang zu sehr ausschweifenden Beschreibungen hat, dazu  kommen nicht immer nachvollziehbare ästhetische Exzentritäten wie der Verwendung von Punkten nach Fragen, dies aber wiederum nicht sehr konsequent. Klingt alles nicht nach begeisternder Lektüre – doch das fast schon verwirrende ist, dass der Roman trotz Längen, Weitschweifigkeiten und manchem geradezu aufdringlichem Klischee – exzessive Gewaltdarstellung, Hang zur Pornographie – einen doch mit einem Gefühl nach mehr zurücklässt. Händlers lakonischer Stil belegt durchaus, dass er fesselnd schreiben kann, auch sein Umgang mit den Lesererwartungen ist virtuos, scheint doch der zweite Teil des Buches mit dem eigentlichen Thema kaum mehr zu tun zu haben. Scheint. Aber ist das so?    
 
Danilo Kis: Garten, Asche.
Ein ungewöhnlicher Blick auf die – oder besser: aus der – Kindheit ist der Roman „Garten, Asche“ des serbischen Schriftstellers Danilo Kis (1939-1989). Zu Beginn taucht der Vater so gut wie gar nicht auf, die Angst des Sohnes ist bestimmt von seiner plötzlichen Gewissheit, sterblich zu sein, vor allem jedoch dessen, dass auch seine Mutter irgendwann tot sein wird, wie überhaupt alle um ihn herum – und nicht zuletzt er selbst. Dies bleibt zwar eine interne Erkenntnis, das Geschehen verlagert sich jedoch zunehmend auf den Vater, eigentlich ein unscheinbarer, gewissenhafter Bahnbeamter, der einst einen umfassenden Fahrplan verfasst hat, den er nun für die neueste Auflage zu verbessern und zu erweitern sucht. Dieses Unterfangen gerät jedoch ins Unermessliche, als er mehr und mehr Sichtweisen, Blickwinkel und Theorien als Grundlage dieses Buches einarbeiten möchte. Letztlich verfällt der Vater über diesem ausufernden Projekt in den Wahnsinn, was den Abstieg der Familie und seine eigene zukünftige Existenz als Wanderprophet zur Folge hat, bis es schließlich zu seinem Verschwinden und Wiederkehr als völlig andere Person führt. Ein ungewöhnliches Buch, das von seiner melancholischen Skurrilität lebt.
 
Ingeborg Bayer: Trip ins Ungewisse.
Die 2017 verstorbene Ingeborg Bayer (1927-2017) gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Jugendschriftstellerinnen. „Trip ins Ungewisse“, 1971 erstmals erschienen, unterstreicht diesen Ruf. Inga, 17, führt ein frustvolles Leben: der Vater Alkoholiker, der seinen Beruf aufgeben musste, gewalttätig, wenn er nicht gerade in der Entziehungsklinik einsitzt, die Mutter unselbständig und wenig verständnisvoll ihrer Tochter gegenüber, dazu eine ungeliebte Ausbildung zur Kosmetikerin. Trost findet sie lediglich in ihrer Clique ähnlich vom Leben enttäuschter Jugendlicher und in der Sehnsucht nach der unschuldigen Kindheit. Aus der stammt Ben, ihr Sandkastenfreund, der nun nach zwei Jahren zurück in die Stadt kommt. Doch die erste Wiederbegegnung verläuft fatal: der joviale, aber vernunftergebene Ben hat nichts mehr gemein mit dem ausgelassenen Rebellen früherer Tage, fast jedes Gespräch endet in Streitigkeiten. Denn Ben ist nicht einverstanden mit Ingas Clique und deren Anführer Mac, ihre liebste Freizeitbeschäftigung, das Kiffen, sieht er als bloße Lebensflucht ohne Ziel an. Inga schwankt zwischen dem klugen, aber nervigen ‚Moralapostel‘ Ben und dem freien, aber letztlich nur dem egoistischen Genuss ergebenen Mac. Am Schluss scheint sie von allen verlassen dazustehen. Das bemerkenswerte an Bayers Buch ist, dass es sich weigert, eindeutig Stellung zu beziehen. So werden Ingas Unsicherheiten auch zu unseren eigenen: Ben verkörpert die Vernunft, aber helfen seine sicher richtigen Ansichten tatsächlich konkret weiter? Mac steht für ungezwungene Geborgenheit, aber auch für das Desinteresse an ihrer Person. Und Inga selbst? Hat sie nicht recht mit ihrer Suche nach ihren wahren Begabungen, mit dem Ausprobieren, solange dies noch möglich ist, und im sich wehren gegen Einordnungen und als falsch erkannte Gewissheiten? Oder hängt sie damit falschen Träumen und Versprechungen – wie den Drogen – nach? Ein Roman, wie ein Roman sein soll: nämlich die Leser*innen zum Grübeln anregend.    
 
René Schickele: Der Wolf in der Hürde.
1931 erschien René Schickeles (1883-1940) Abschlussroman seiner Trilogie „Das Erbe am Rhein“, die sich mit der Geschichte des Elsass, Schickeles Heimat, befasste. Hauptfigur ist Aggie Ruf, eine Schriftstellerin, die dem charmanten Blender Silvio Wolf verfällt, undurchschaubarer Herkunft und voller zweifelhafter politischer Pläne. An und für sich ein spannender Plot, doch erinnert Schickeles in vielem an Otto Flakes – einem guten Freund – Roman „Hortense“; was nichts Gutes zu bedeuten hat, wie man sich erinnert. Eine übermetaphorische Sprache mit zu viel „wie" und „als wäre…“, kaum angebracht für ein brisantes zeitgenössisches Thema, eine Protagonistin, die launenhaft bis überspannt wirkt, weswegen einen letztlich ihr Schicksal recht kalt lässt, auch weil ihr Gegenstück, der angeblich so charismatische Silvio Wolf, diese Wirkung auf die Leserin und den Leser nicht hat, was wohl daran liegen mag, dass alle Sympathieträger des Buches stets betonten, was er für ein durchtriebener Lügner sei, sich ihm aber nie ernsthaft entgegenstellen, was nicht unbedingt überzeugend psychologisch motiviert ist – wie übrigens auch der seltsame Salonkommunismus, der sich als Heimatpatriotismus tarnt. Insgesamt schlingert das Buch zwischen Themaverfehlung und Angestaubtheit. Schade – das Leben des Pazifisten Schickele zwischen Deutschland und Frankreich ist da weitaus spannender.  
 
Vladimir Tendrjakow: Die reinen Wasser von Kitesh.
Nachrichtenflaute in der kleinen Sowjetstadt Kitesh. Der Redaktionssekretär Samson Popjonkin hofft auf Veränderung, als ihn sein Chefredakteur zu sich ruft. Dieser bittet ihn, einen alarmierenden Artikel über die Verschmutzung des örtlichen Flüsschens zu veranlassen, an und für sich ein alter Hut, aber Popjonkin durchschaut, dass dahinter mehr stecken muss: offenbar hat sein Chef Anweisung von ganz oben, sich mit dem mächtigen Kombinatsleiter anzulegen. Eine heikle Sache, weshalb Popjonkin sich in alle Richtung absichert: er lässt den Artikel von einem verkrachten Dichter schreiben und vom Chefredakteur mit dessen Unterschrift abzeichnen. Tatsächlich schlägt der Bericht ein wie eine Bombe. Ganz Kithesh diskutiert. Doch der Artikel bringt noch viel mehr ins Rollen, die Folgen werden bald unüberschaubar und bedrohlich. Der skeptische Pessimist Tendrjakow (1923-1984) beherrscht auch die Mittel der Satire, mit sanfter Ironie schildert er Opportunismus und Manipulation in der Diktatur, ein großartiger Kurzroman des Meisters mit vielen Wendungen und einem hintergründigen Ende.                               

Mittwoch, 30. Januar 2019

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (8) - Max Frisch: Stiller.


Max Frisch: Stiller. st 2647

 

Unzweifelhaft ist der erste Satz von Kafkas Der Prozess der berühmteste Romananfang des 20. Jahrhunderts, doch unterteilt man das Jahrhundert, dann dürfte ebenso unangefochten Max Frisch (1911-1991) für die zweite Hälfte den wohl bekanntesten Einstieg in einen Text für sich beanspruchen: Ich bin nicht Stiller! (7). Doch anders als Josef K. sieht sich der – vermeintliche – Stiller nicht obskuren Ämtern und einer nie enthüllten Anklage, sondern den akkuraten Schweizer Behörden mit einem klaren Ziel gegenüber: ihm das Gegenteil zu beweisen, freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut zu stecken, unbestechlich bis zur Grobheit (7). Ist der Mann mit dem US-amerikanischen Pass auf den Namen White, festgenommen bei der Einreise an der Schweizer Grenze, der eidgenössische Staatsbürger und seit Jahren verschollen geglaubte mittelerfolgreiche Bildhauer Anatol Stiller – oder wie er uns selbst glaubhaft machen möchte, indem wir seine Aufzeichnungen aus dem Zürcher Untersuchungsgefängnis lesen, handelt es sich einen peinlichen Irrtum der von sich selbst so überzeugten Schweizer Justiz?

Tatsächlich scheint dies für gut 400 Seiten die Rezeptionsanleitung zu sein, die Leserin und Leser zu Kompliz*innen oder zu Untersuchungsrichter*innen des Verdächtigten macht, die den Text und das Verhalten Stillers/Whites nach Indizien absuchen, die ihn bestätigen oder widerlegen könnten. Dabei stößt man neben den objektiven Andeutungen in die ein oder andere Richtung, die einem aber nie einen endgültigen, schlüssigen Identifikationsbeweis in die Hand geben, auch noch auf zahlreiche andere Hinweise: Man kann alles erzählen, so Stiller/White, nur nicht sein wirkliches Leben; - diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln (62), die Wahrnehmung der anderen – als auch unsere – ist von ihrem eigenen Leben bestimmt, ist eine Projektion, gehört genaugenommen nicht einem selbst, sondern eben jenen anderen, es funktioniert alles wie ein Automat: oben fällt der Name hinein, der vermeintliche, und unten kommt schon die dazugehörige Umgangsart heraus, fix und fertig, ready for use (237). Bestenfalls ist man einer der vielen, die das eigene Leben gestalten. Auch hiervon macht Stiller/White rege Gebrauch: Er ist ein gewiefter Fabulierer. Wer sich über den naiven Glauben seines Wächters Knobel amüsieren kann, dem er allerlei „Erlebnisse“ aus einem abenteuerlichen Vorleben auftischt, weil dieser glücklich ist, endlich einmal einen ehrlichen Verbrecher vor sich zu haben, der wird bald selbst merken, dass auch den scheinbar nüchternen, gewissermaßen amtlichen Berichten Stillers/Whites nicht zu trauen ist – und er darf sich am Ende des Romans fragen, wie oft er selbst diesen auf den Leim gegangen ist, was falsch, was richtig war, ob sich dies überhaupt entscheiden lässt.

Natürlich spielt auch Frisch schon auf der Textebene ständig mit diesen Identifikationsunsicherheiten, liefert uns Parallelgeschichten vom verschollenen Fremdenlegionär Isidor oder dem amerikanischen Sagenhelden Rip van Winkle. Wer den Text nur auf der rein kriminalistischen Ebene liest – und Stiller ist, was dies angeht, sicher einer der spannendsten Romane der Weltliteratur – wird nicht schlauer. Fast alle seine Freunde und Bekannten erkennen in White Stiller, von seiner Ehefrau bis zum Bruder, aber keiner von ihnen kann dies letztlich mit Gewissheit belegen. Einen DNA-Test gibt es noch nicht, wir sind in den 1950er Jahren, aber eine Röntgenaugnahme vom Gebiss Stillers – leider stimmt sie nicht ganz mit dem Gebiss Whites überein. Whites Pass ist eine Fälschung – aber ist deshalb auch die Person dahinter falsch? Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser (181), hier mehr denn je, denn vor uns liegt nur ein Text, Jedes Wort ist falsch und wahr, das ist das Wesen des Wortes, und wer immer nur alles glauben will oder nichts – (171) und Mit Lügen ist es ohne weiteres zu machen, ein einziges Wort, ein sogenanntes Geständnis, und ich bin „frei“, das heißt in meinem Fall, dazu verdammt, eine Rolle zu spielen, die nichts mit mir zu tun hat (81f.).

Eine Krimi-Lektüre Stillers ist natürlich – sosehr man quasi automatisch in diese Haltung mitverfällt, was Frisch ironisch durch das Einflechten ins Nichts führender Mord- und Spionagegeschichten noch befördert – wie nicht anders zu erwarten, wenig ergiebig. Stiller ist Stiller. Frisch schrieb keinen Detektiv- und keinen phantastischen Roman, der das Kriterium der Unentscheidbarkeit durchhält, also am Ende keine Eindeutigkeit zulässt. Sicher bleibt die Identität Stillers lange im Vagen und wird letztlich ziemlich abrupt, aber unspektakulär vereindeutigt. Textextern in Kenntnis von Max Frischs Motiv- und Themenvorlieben, die hier öfters explizit angesprochen werden: von der Frage nach nationaler Identifikation, hier natürlich mit der nicht sehr gut wegkommenden Schweiz, bis zum Bild des anderen, das zu machen wir ständig in Gefahr sind, die Nicht-Mitteilbarkeit der Sprache, großartig zusammengefasst, Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, umso reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist (323). Aber auch textimmanent hätte man nicht erst hinterher schlauer sein müssen: Stillers Angst vor Wiederholung (67) wird früh benannt, seine Flucht ohne Hoffnung (67), sein innerer Kerker, das Gefängnis ist nur in mir (19), Worte, die nur an der Oberfläche scheinbar die äußere, momentane Situation, aber letztlich Stillers gescheiterten Revisionsversuch eines falsch gelebten Lebens beschreiben.
 
Nur insofern ich weiß, dass es nie mein Leben gewesen ist, kann ich es annehmen: als mein Versagen (236), als Versündigung – sein Freund, der Staatsanwalt, nennt es mehrfach recht drastisch eine Vergewaltigung – an seiner Frau durch Lieblosigkeit, die er auch im zweiten Versuch nicht ablegen kann; stattdessen erfolgt die so gefürchtete Wiederholung, statt der erhofften Verwandlung und der erhofften conditio sine qua non; dass er, Gott, mich, sein Geschöpf, widerrufe (317). Stiller war frei geworden von der Sucht, überzeugen zu wollen (376), doch die Gnade, an die er zwischenzeitlich zu glauben scheint, bereit, niemand anders zu sein, als der Mensch, als der ich eben geboren worden bin, und kein anderes Leben zu sein, als dieses, das ich nicht von mir werfen kann (373), ist eine Illusion, war vielleicht tatsächlich nahe, wie er selbst zugibt, aber nicht von Dauer. Stiller möchte verzweifelt er selbst ein. Und Frisch spielt diese Möglichkeit durch. Noch vor dem berühmten Einleitungssatz steht ein Zitat von Kierkegaard.

Vorgänger Teil (7): Hermann Hesse - Narziß und Goldmund.
 

Dienstag, 22. Januar 2019

Lektüremonat Dezember 2018.


Michel Tournier: Le coq de bruyère.

Der vor zwei Jahren verstorbene Franzose Michel Tournier (1924-2016) hat ein eigenwilliges Werk hinterlassen, das Skurriles mit Realismus verband. „Le coq du bruyère“ („Der Auerhahn“) ist ein Sammelband mit Erzählungen – und einem Theatermonolog zum Abschluss –, die diesem Ruf nur zu gerecht werden. Stillende Weihnachtsmänner, schürzenjagende Generäle – der titelgebende Auerhahn -, todeswillige Mädchen, verliebte Kleinwüchsige, modeliebende Fetischisten, all das bietet Tournier, ohne dabei ins völlig Absurde oder rein Groteske zu verfallen, da er die bizarren Geschehnisse in einem nüchternen Erzählstil schildert, was den eigentümlichen Reiz seines Werkes ausmacht. Nicht jede Geschichte zündet gleichermaßen, aber wenn, dann hat man ein kleines vergnügliches, aber trotzdem oft nachdenklich machendes Meisterstück vor sich.
 

Maggie O‘Farrell: The Vanishing Act of Esme Lennox.

Wir wechseln die Sprache und finden uns im Schottland der Gegenwart wieder – aber nicht nur. Tatsächliche und erzählte Rückblenden führen uns aus verschiedenen Blickwinkeln in die Jugend der titelgebenden Protagonistin, der aufmüpfigen Esme Lennox, die nicht gewillt ist, sich den strengen Sitten ihrer Familie zu unterwerfen und die hierfür mehr als einmal einen sehr hohen Preis zu zahlen hat. Dies verbindet sich für uns als Leser*innen alles erst ganz langsam mit dem zweiten Erzählstrang im gegenwärtigen Edinburgh, wo die Ladenbesitzerin Iris urplötzlich erfährt, dass sie nicht nur eine vorher nie erwähnte Großtante hat, sondern dass diese seit Jahrzehnten in einer psychiatrischen Anstalt einsitzt, aus der sie in Kürze entlassen wird, weshalb man sich an sie als (scheinbar) nächster Verwandter wendet. Thematisch ist vieles an dem Roman von Maggie O’Farrell (geboren 1972) eigentlich nicht neu, es ist ein klassischer Familiengeheimnisroman, allerdings einer der ganz klugen Sorte, schon allein wegen der cleveren Verschachtelungen, die immer wieder überraschende Wendungen und das langsame Aufdecken der Zusammenhänge ermöglichen. Schon der mehrdeutige Titel – Esme beherrscht das aktive, erleidet aber auch das passive Verschwinden – lässt erahnen, dass es sich um einen ebenso spannenden wie intelligenten Roman handelt, der vor allem auch durch seine sympathischen Frauenfiguren besticht.   
 

William Gibson: Pattern Recognition.

William Gibson (geboren 1948) muss sich um seinen Eintrag in die Kulturgeschichtsbücher keine Sorgen mehr machen. Der in Kanada lebende Schriftsteller hat wie schon unter anderem Karel Capek mit „Roboter“ oder Vladimir Nabokov mit „Lolita“ einen Begriff kreiert, der in die weltweite Umgangssprache einging: „Cyberspace“. Und nebenbei hat er auch dem Science-Fiction-Genre neue Räume eröffnet. „Pattern Recognition“ von 2002 ist allerdings eher Thriller als Sci-Fi: Eine Gruppe von Internet-Nerds sucht hinter das Geheimnis eines Filmes zu kommen, der in winzigen, unabhängigen Fragmenten peu à peu im Netz auftaucht. Auch der undurchsichtige Chef der Firma, für die Cayce, die Protagonistin, gerade in London einen Auftrag erfüllt, interessiert sich für das virale Phänomen, hält er es doch für eine geniale Marketing-Strategie, deren Urheber er verpflichten möchte. Mit Hilfe ihrer Internetfreunde, dubioser Partner und bald bedroht von offenbar skrupellosen Verfolgern macht sich Cayce auf die Suche. Etwa nach der Hälfte des Buches fragt man sich ernsthaft, ob es wirklich so spannend ist, wer da irgendwelche Filmschnipsel ins Internet stellt, tröstet sich aber mit dem Gedanken, dass ja wohl eine spektakuläre Pointe folgen muss. Derweil entwickelt man die gleiche Allergie wie die Hauptfigur gegen jegliche Markenartikel. Überhaupt wirkt Gibsons Roman wie ein Instant-Rezept oder Bond-Film mit den üblichen Zutaten: Viele Ortswechsel, ständige Hinweise auf Aktualität – eben durch die Nennung von Markennamen, obwohl doch gerade Gibson wissen müsste, wie schnell die Zukunft altert (die Romanfiguren nutzen den Browser „Netscape“) – und dann auch noch russische Oligarchen. Dazu kommen schlecht integrierte Nebenschauplätze, etwa das ungeklärte Verschwinden von Cayces Vater am 11. September 2011 in New York. Und das Kurioseste an dem Ganzen: Von wegen spektakuläre Pointe… Das Geheimnis löst sich in einer wirren und hanebüchenen Story auf, die man nur deshalb als überraschend bezeichnen kann, weil es einen wirklich wundert, womit uns Gibson hier abzuspeisen versucht.
 

Joseph Conrad: Der Verdammte der Inseln.

Freimütig bekennt Joseph Conrad (1857-1924) im Vorwort, dass er diesen seinen zweiten Roman einst auf Vorschlag seines Verlegers mehr oder weniger aus mangelnden Alternativen und ohne echte persönliche Neigung außer der Lust am Schreiben angefertigt hat. „Angefertigt“, weil er einerseits tatsächlich Erlebtes verwandte und andererseits die Conrad-typischen Merkmale – nicht zum letzten Mal – zu einer Erzählung kombiniert hat: Seefahrertum, exotische Schauplätze, den Dschungel, Einblicke in das Leben und Denken der verschiedenen mit- aber vor allem nebeneinander wohnenden Gruppen von Kolonisten, Einheimischen und Mischlingen. Im Mittelpunkt steht einmal mehr der Konflikt eines einzelnen Ausgestoßenen aus allen Gesellschaften, eines Weißen, der hier in der Fremde zugrundegeht, Willems, eigentlich ein überkorrekter Aufsteiger, der durch einen eigenen Fehler bald zwischen alle Fronten gerät und um seine Identität kämpft, ohne jemals Aussicht auf Akzeptanz zu haben. Wie immer motiviert Conrad gewesen sein mag, er schuf auch mit diesem Roman einen Klassiker.
 

Heinz Knappe: Bei Hamburg leichter Niederschlag.

Dieser Roman für Jugendliche, erstmals 1982 erschienen, ist ein ziemlich erstaunliches Buch. Das von Heinz Knappe (1924-1997) gewählte Sujet überrascht erst einmal nicht: Es geht um die Gefahren der Atomkraft. Noch viel typischer für die 1980er als das Thema ist allerdings die Weltsicht des Autors. Zwar reiht Knappe durch ständigen Perspektivenwechsel zahlreiche verschiedene Blickwinkel aneinander, die auch sich widersprechende Meinungen repräsentieren, doch ist den meisten Akteuren eine Sichtweise zu eigen, die mit Idealismus o. ä. nichts zu tun hat: was – dem Klischee nach – bei den politisch Verantwortlichen kaum überrascht, zeigt sich jedoch auch bei ihren Gegnern, den Umwelt- und Anti-Atom-Aktivisten. Das „Friedensdorf“ wird nur errichtet, weil man auf Bildmaterial für die Presse hofft, sobald man dessen Erstürmung provoziert hat. Eine selbstgebastelte Rakete, in die Nähe des AKW abgefeuert, dient dem gleichen Zweck. Selbstinszenierung ist das Ziel. Die beiden einzigen sympathischen Figuren, Elke und ihr Onkel, ebenfalls auf zwei Seiten stehend, sind nur Spielbälle voller Ahnungslosigkeit. Und Opfer – was allerdings für alle gilt, ob schuldig oder unschuldig. Problematisch an dem mehrfach preisgekrönten und gern als Schullektüre genutzten Roman ist, dass er – schon im Titel erkennbar – die zynische Sicht übernimmt. Die Reaktorkatastrophe wird durch Zufall von einem Jugendlichen ausgelöst, der aus Verliebtheit Elke beeindrucken möchte, also nicht aus Überzeugung, sondern einmal mehr zum Zweck der hier persönlichen Selbstinszenierung. Durch diesen Gesamttenor gewinnt auch der Aufbau des Romans als Countdown hin zur Katastrophe einen fragwürdigen Beigeschmack, da er gewissermaßen ein mit Spannung aufgeladenes Herabzählen zur – auch eintretenden – Massenvernichtung darstellt, mit der er, ohne auf die Folgen einzugehen, abbricht. Wie gesagt, ein durch seinen blanken Zynismus erstaunliches Buch, ein Dokument einer geradezu obsessiven Lust am Untergang.  

Valentine Ermatinger: Die 13. Prophezeiung.

Apropos Lust am Untergang in den 1980er Jahren. Vom Ende dieses Jahrzehnts stammt auch der Jugendroman der niederländischen Autorin Valentine Ermatinger (außer der Tatsache, dass sie bereits verstorben ist, findet sich wenig zu ihrer Biographie), womit die Gemeinsamkeiten aber auch schon abgehandelt sind. War Knappe in seinem zynischen Realismus wenigstens konsequent, so scheint Ermatinger nie so genau zu wissen, was für eine Art Buch sie schreiben wollte: Abenteuergeschichte, Weltuntergangsszenario, Fantasy, Science-Fiction? Das inhaltliche Sammelsurium spiegelt auch die mangelhafte Struktur wider, die die Handlung schlecht proportioniert, teils den Faden zu verlieren scheint (und tatsächlich hin und wieder verliert), zuviele Einfälle ohne Rücksicht auf die Logik vermengt, kurzum das literarische Handwerk nur ungenügend beherrscht. Gute Jugendbücher – es wurde hier schon des öfteren betont – lassen sich auch von Erwachsenen mit Gewinn lesen, dieses ist schon eine Zumutung für das junge Publikum. Seinem Erfolg tat dies keinen Abbruch, Fortsetzungen folgten…