Donnerstag, 5. Juli 2018

Lektüremonat Juni 2018.

 
William Shakespeare: Sonette.

Kann man immer wieder und wieder lesen. Mehr braucht man nicht zu sagen. Sollte man jemals jemanden treffen, der Shakespeares Sonette doof findet, einfach aufstehen und grußlos gehen.  


Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika.
Der Theaterschauspieler Joachim Meyerhoff (geboren 1967) zählt derzeit zu den erfolgreichsten Schriftstellern des deutschsprachigen Raumes. Lesungen seiner autobiographischen Romane füllen Säle, die Auflage des vorliegenden Taschenbuches ist die 29. (von 2015). Ersteres hat sicher auch mit der Vortragskunst – oder teils szenischen Umsetzung als Einmannstück – Meyerhoffs zu tun, doch könnte die die Leser*innen kaum über schriftstellerische Defizite hinwegtäuschen – wenn es sie denn gäbe. Meyerhoffs Berichte stehen deutlich in der Tradition jüngerer Erfolge wie denen von Sven Regener und dem ersten Buch dieses Jahres, Thommie Bayers „Das Herz ist eine miese Gegend“, und sind eben ähnlich lustig-melancholisch zu lesen. Im ersten Buch der noch nicht vollendeten Reihe befindet sich der Protagonist auf einem einjährigen Sprachaustausch – der kein Austausch ist – im ländlichen Amerika der 1980er Jahre. Das Bemerkenswerte ist allein hier, dass Meyerhoff nicht den überlegenen Europäer gibt oder unreflektiert US-Klischees abspult, auch nicht das Gegenteil überwältigter Begeisterung, sondern er sich die neugierige Aufgeschlossenheit des Jugendlichen erhält. Der seltsame Titel des Romans geht darauf zurück, dass der Aufenthalt in den USA durch ein schreckliches Ereignis in der Heimat unterbrochen wird.  
 
Inge Meyer-Dietrich: Plascha.
Die deutschsprachige Jugendliteratur hat insbesondere, wenn sie sich mit historischen oder zeitgeschichtlichen Themen befasst, zahlreiche viel zu wenig beachtete Meisterwerke hervorgebracht, die nicht nur in der Schule, sondern viel öfter und auch gerade von Erwachsenen gelesen werden sollten – mehr denn je. Genannt seien nur Willi Fährmanns „Es geschah im Nachbarhaus“, Hans Peter Richters „Damals war es Friedrich“, die drastischen Romane Gudrun Pausewangs wie „Die Wolke“, Ingeborg Engelhardts „Hexen in der Stadt“ und viele, viele mehr. In diese Tradition gehört auch der mehrfach mit Preisen aufgezeichnete Roman „Plascha“ (1988) von Inge Meyer-Dietrich (geboren 1944) über eine polnischstämmige Familie im Ruhrpott des Ersten Weltkriegs und der anschließenden Revolutionszeit – die Geschwister und ihre Nachbarn haben nicht nur mit der Abwesenheit des Vaters, Hunger und Not aufgrund der schlechten Versorgungslage, Anfeindungen als ‚Polacken‘ seitens der Nationalen und den schwierigen Arbeitsbedingungen der Kumpel zu kämpfen, ihnen bleiben auch die Hoffnung auf eine Verbesserung der Zustände durch die Republik, vor allem aber auf die Rückkehr des Vaters verwehrt.     
 
J.B. Priestley: Time and the Conways and other Plays
Hier wurden schon öfters Dramen aus der großen Zeit des britischen Theaters ab den 1960er Jahren besprochen – siehe Peter Shaffer, Tom Stoppard. Ihren Erfolg haben die einst jungen Theaterautoren gewissermaßen einem Mann zu verdanken, J.B. Priestley (1894-1984), der vor ihnen die Bühnen beherrschte und von dem sie sich abgrenzten. Priestley war ein ganz klassischer Bühnenautor, der noch die aristotelische Einheit von Zeit, Raum und Handlung einhielt und das bürgerliche Milieu bevorzugte. Handlung war an und für sich schon übertrieben – mehr als Gespräche fand kaum statt. Gleichwohl war ein Priestley ein geschickter Dramatiker mit Tiefgang, sein Erfolg kam nicht von ungefähr. Das titelgebende Stück hat eine raffinierte Struktur. Wir sehen die gleichen Menschen am gleichen Tag im ersten Akt – im zweiten Akt zwanzig Jahre später – und mit dem Wissen hierum noch einmal im dritten Akt. Mystisches vermischt sich mit Rationalem in „I have been here before“, in „The Linden Tree“ geht es um die Frage, wann der richtige Zeitpunkt kommt, um aufzuhören – und ob es diesen überhaupt gibt. Das vielleicht stärkste Stück „An Inspector Calls“ verhandelt die Schuld jedes Einzelnen an seinen Mitmenschen und wie man damit umgeht – Priestley zeigt sich hier wenig optimistisch. Das Stück verdient die Wiederaufnahme auf den Bühnenanstalten.   
 
Alexander Ebanoidse: Hochzeit auf imeretisch.
Der junge, recht erfolglose Bildhauer Lado wird in sein Heimatdorf in Imeretien, einer Landschaft Georgiens, bestellt, wo man ihn – den vermeintlich berühmten Künstler – beauftragt, ein repräsentatives Denkmal für die Gemeinde zu schaffen. Inspiriert von einem hübschen jungen Mädchen, dessen Familie er überreden kann, ihm Modell zu stehen, beginnt Lado sein Werk. Durch mehrere kleinere Schaffenskrisen hindurch vollendet er schließlich die Figur, die nun gemeißelt werden soll. Doch dem Künstler stellt sich plötzlich ein ganz anderes Problem: wie selbstverständlich gehen alle Dorfbewohner davon aus, dass Lado – schon aus Anstandsgründen – sein Modell heiraten wird. Eine Ablehnung akzeptieren sie nicht, Lado unternimmt alles, um der Zwangsverheiratung zu entgehen… Unterhaltsamer Roman des georgischen Schriftstellers Alexander Ebanoidse (geboren 1939), zum Ende hin etwas zäh, aber insgesamt aufgrund der Figurencharakterisierungen recht amüsant.
 
Wladimir Tendrjakow: Sechzig Kerzen.
In der aus einem kleinen Dorf hervorgegangenen Sowjetstadt Karassino wird ein Jubiläum gefeiert: der 60. Geburtstag Nikolai Jetschowins, der damit der älteste Lehrer der Stadt ist. Glückwünsche von allen Seiten treffen ein, doch darunter ist auch ein Brief eines ehemaligen Schülers, der Jetschowin die Schuld an seinem verpfuschten Leben gibt und ihm als Rache hierfür den baldigen Tod ankündigt. Jetschowin gerät ins Grübeln, wem er solch ein Leid zugefügt haben könnte, dass dieser Mensch so drastisch reagiert. Wie ernst ist das zu nehmen? Schwankend zwischen Mut und Verzweiflung blickt Jetschowin auf seine Fehler zurück. Ein Scherz war das Schreiben keineswegs, wie sich bald herausstellt – doch von wem kann der Lehrer Hilfe erwarten? Typischer Tendrjakow, der der eigenen Schuld am Handeln gegenüber Anderen nachgeht, den ungewollten und gewollten Verletzungen der Mitmenschen mit ihren weitreichenden Folgen. Es überrascht immer wieder, wie frei Tendrjakow seine wenig optimistischen Texte in der Sowjetunion publizieren konnte, möglich war dies nur in sogenannten Tauwetterperioden, denn die Romane und Erzählungen entsprechen nur stilistisch dem sozialistischen Realismus – was sich positiv auf die Lesbarkeit auswirkt – inhaltlich sind sie davon weit entfernt.     
 
Marie Hermanson: Himmelstal.
Die beiden eineiigen Zwillinge Max und Daniel sind sich nur äußerlich ähnlich: nach der Trennung der Eltern unabhängig voneinander aufgewachsen und erzogen, haben sie wenig gemein. Max ist ein aufschneiderischer, wenig zimperlicher Typ und dadurch äußerst erfolgreich, Daniel eher bieder, ein braver Dolmetscher mit Karriereknick und privatem Missgeschick. Man hat sich wenig zu sagen und sieht sich selten. Umso überraschender erhält Daniel Nachricht von Max mit der dringenden Bitte, ihn in der Schweiz zu besuchen, wo er sich in einer abgelegenen Reha-Klinik gerade von einem Burnout zu erholen scheint. Dort angekommen, stellt sich bald heraus, dass Max‘ Probleme weitaus anderer Natur sind als reine Überarbeitung. Er bittet Daniel um einen Gefallen: er solle als Max einige Tage dessen Rolle spielen, damit dieser die Klinik – was verboten ist – verlassen kann. Nur widerwillig lässt sich Daniel darauf ein. Doch sein Bruder kommt nicht wie versprochen nach wenigen Tagen zurück und das ist nicht das einzige, was Max Daniel verheimlicht hat. Ein klassischer Roman der großartigen Marie Hermanson (geboren 1956), in dem natürlich nichts so ist, wie es erscheint, selbst dann nicht, wenn man glaubt, das Schema zu erkennen. Alle paar Seiten ändert sich die Richtung. Ungewöhnlich für Marie Hermanson ist allenfalls, dass sie die Grenzen des Genres Thriller hier kaum verlässt. Das ändert aber nichts an dem intelligenten, unglaublich spannenden Geschehen – wie man es von der Autorin gewohnt ist.
 
Junichiro Tanazaki: Insel der Puppen.
Ein anschauliches Beispiel für die Probleme kulturellen Transfers bietet Junichoro Tanazakis (1886-1965) Roman „Insel der Puppen“. Obwohl am westlichen Schreiben geschult, richtet sich der Text anders als der zeitgenössischer japanischer Autoren nicht vorrangig an ein internationales Publikum – auch wenn Tanazaki schon zu Lebzeiten von diesem gelesen wurde. Denn der Plot ist durchaus international: ein Ehepaar hat sich auseinandergelebt und willigt in gegenseitigem Einverständnis in die Scheidung ein, was gesellschaftlich noch problematisch ist – der Roman entstand 1929 – vor allem aber finden die beiden nicht den Mut, den Schritt endgültig zu vollziehen, jeder findet neue Ausreden, um das Unvermeidliche zu vermeiden. Eine Lösung findet sich letztlich nicht. Für westliche Leser*innen stellt der Text aber höchste Ansprüche aufgrund des Kontextes, der vielen historischen und kulturellen Hintergründe, aber auch der Übersetzung. Riten, Kleider, Traditionen spielen eine große Rolle, dazu das japanische Puppentheater mit seiner für das Land großen Bedeutung, außerdem zahlreiche Nuancen des Soziallebens in den 1920er Jahren, die einem Europäer unbekannt sein dürften und somit wie vieles andere entgehen – was mehr als bedauerlich ist. Das kurze erklärende Lexikon am Ende hilft da nur über die gröbsten Fragen hinweg. Auch der Übersetzer – kurioserweise wurde aus dem Amerikanischen übersetzt, sofern es sich da nicht um einen Druckfehler handelt – gerät in Schwierigkeiten. So ist davon die Rede, dass der Sohn des Ehepaares gegenüber seinem Onkel plötzlich in einem Osakadialekt spricht. Für uns ist schon nicht klar, was dies nun genau zu bedeuten hat – dass der Sohn damit aufschneidet, wird kurz erwähnt – vor allem aber spiegelt der Text dies nicht wieder: obwohl oft unterschiedliche Dialekte Erwähnung finden, wird ständig hochdeutsch gesprochen. Ob man hier eine bessere Lösung hätte finden können? Insgesamt macht dies alles den Roman zu einem eher zähen Lesevergnügen, sofern man sich nicht sehr eingehend mit japanischer Kultur befasst. Was vielleicht nicht der schlechteste Anlass wäre.    

Mai 2018                                      

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