Der Beruf des Buchautoren bringt es mit sich, dass man des öfteren unterwegs ist, sei es für Recherchen, zu Buchvorstellungen, Vorträgen und Lesungen oder aus dem einfachen und guten Grund, nicht am Schreibtisch Staub anzusetzen und Muskelkrämpfe zu provozieren. Wenn man schon wert auf letztere legen sollte, dann wenigstens in der freien Natur - was auch als Erklärung gesellschaftlich wesentlich besser akzeptiert wird ("kommt vom Laufen" klingt sportiver als "kommt vom wochenlangen Herumsitzen").
Dazu gesellen sich noch persönliche Vorlieben hinzu, die einen immer wieder mal nach draußen treiben oder unter ein fremdes Dach, also ein Museum, eine Ausstellung oder eine kulturelle Vergnügungsstätte irgendwelcher Art. Und da es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, wie es an ziemlich prominenter Stelle in einem noch prominenteren Bestseller heißt, ist es natürlich schön, in Begleitung zu reisen. Leider findet sich allerdings nicht immer jemand, der oben erwähnte Vorlieben vorbehaltlos teilt und noch dazu mehr oder weniger immer Zeit hat, auch mal zu spontanen Ausflügen. Und außerdem hat man womöglich (oder doch eher ganz sicher) zahlreiche Eigenarten entwickelt, die einem Mitreisenden gar sehr befremdlich sind (z.B. den Drang, an keinem Buchladen vorbeilaufen zu können, ohne in der Auslage zu stöbern oder für abrupte Planänderungen noch auf dem Weg oder die Eigenart, Spielzeugfiguren mit sich zu führen).
Fräulein Annika auf dem Rheindamm im Bodensee bei Hard in Vorarlberg - mit Blick auf die Schweizer Voralpen.
Darum erfreut es umso mehr, eine solch charmante und selbstgenügsame Begleiterin wie Fräulein Annika gefunden zu haben, die in stoischer Gelassenheit jeden noch so unverständlichen und spontanen Schmarr'n mitmacht, schon äußerlich sichtbar für Vorhaben per Bahn und pedes bestens gerüstet ist (deutlich besser als man selbst), Wind und Wetter trotzt (ebenfalls deutlich besser als man selbst), stets Zeit hat und von Muskelkrämpfen nicht die geringste Ahnung.
Folglich werden wir von nun an in loser Folge immer mal wieder von der ein oder anderen Reise berichten, wobei wir uns auf kleinere Orte beschränken werden, also selten Städteberichte und schon gar nicht über Großräume (der Thurgau, Südhessen, das Sarganserland, Nordamerika) liefern, sondern über einzelne Stätten und Monumente und hin und wieder natürlich auch diese oder jene Ortschaft.
Wer sich wundert, dass unsere gemeinsame fränkische Heimat (Fräulein Annika stammt ja aus Zirndorf) dabei eine eher untergeordnete Rolle spielen wird, dann liegt dies daran, dass für Franken andere Formate in Vorbereitung sind. Aber Ausnahmen werden diese Regel bestätigen, dafür sind sie schließlich da.
Ein Dichter singt: "Er fiel für dich."
Ich lese staunend das Gedicht.
Mir steigt der Zorn ins Angesicht.
Ich frage: "Dichter, meinst du mich?"
Ich wollte keines Menschen Tod,
ich sprach zu keinem: fall für mich.
Ich sprach zur Welt: ich liebe dich,
Wer fragte mich, ob Haß, ob Not?
Der Stern, wo ich geboren bin,
mir nicht zur Wahl gegeben ward.
Ich trage meinen eignen Sinn,
ich trage meine eigne Art.
Leicht steht es da - und fürchterlich.
Wer gab dir Recht, das Wort zu wagen?
Und ich verbiete dir, zu sagen:
Für mich!
Friedrich Kayßler (1874-1945)
Heute nurmehr Film- und Bühnenthusiasten ein Begriff, war Friedrich Kayßler einst ein gefeierter Theater- und später zunehmend auch Kinostar der Zeit von 1900 bis 1945. Umso bemerkenswerter sein sicher nicht gerade höchsten Ansprüchen an Lyrik genügendes, aber zur Zeit seiner Veröffentlichung (Oktober 1917) mutiges Antikriegsgedicht gegen die Zeitströmung der deutschen Militärdiktatur des Ersten Weltkriegs, das sich vor allem gegen die intellektuelle Unterwerfung vieler Dichter richtete.
Dies hinderte Kayßler allerdings nicht, im Dritten Reich von der Protektion des Propagandaministers Joseph Goebbels und Gustaf Gründgens' zu profitieren - zwar gab er sich nicht für übelste Machwerke her, war jedoch einer von nur vier Schauspielern, die es auf die legendäre "Gottbegnadetenliste" schafften, also für so unentbehrlich gehalten wurden, dass man sie von jedwedem Kriegseinsatz freistellte. Ein Opfer des Krieges wurde Kayßler trotzdem: kurz vor Ende der Kampfhandlungen starb er 1945 durch russisches MG-Feuer beim Versuch, seine Familie zu schützen.
Wenn man von
einem deutschsprachigen Jahrhundertschriftsteller sprechen kann, einen, den man
auf der Insel Sumatra ebenso kennt wie am Genfer See und in den peruanischen
Anden, einen, den kein Schüler und keine Schülerin von der Hauptschule bis zum
Elite-Gymnasium umhin kann, im Deutschunterricht lesen zu müssen, wenn es einen
Autoren des 20. Jahrhunderts gibt, den die meisten vermutlich sogar anhand
eines Portraits identifizieren könnten, dann ist es ohne Zweifel nicht Thomas
Mann, nicht Hermann Hesse, nicht Günter Grass noch Heinrich Böll, sondern der
Prager Versicherungsmathematiker Franz Kafka (1883-1924). Kafka ist ein Emblem,
ein Markenname geworden und wahrscheinlich der einzige Schriftsteller, der es
sogar geschafft hat, ein Adjektiv zu werden. Sein Privatleben hat man bis in
die Details ausgeleuchtet, jeden Textfetzen seines Werkes veröffentlicht, sich
an der Interpretation seiner Bücher tausendfach versucht und unzählige
Regalmeter der Universitätsbibliotheken damit bestückt. Zu Kafka scheint jedem
etwas einzufallen, bei einer spontanen Umfrage in der Fußgängerzone ebenso wie
an einer internationalen Hochschultagung in Mexico-City. Und dann wird niemand
zu vergessen erwähnen, dass der scheue Herr Kafka aus dem damals noch
österreichisch geprägten Prag all dies so nicht gewollt hatte, wir ihn
gewissermaßen nur dank der Illoyalität seines Freundes Max Brod zu verdanken
haben, dessen eigenes Schaffen dabei fast völlig unterging, der aber den
Vernichtungsbeschluss Kafkas ignoriert und sich fortan in den Dienst von dessen
Werk gestellt und es somit für die Nachwelt gerettet hat.
Franz Kafka: Das Schloß.
Es gäbe folglich
keine unsinnigere Frage, als jene, ob Kafkas Roman Das Schloss
Berechtigung hat, in der Suhrkamp-Reihe der Romane des Jahrhunderts
aufzutauchen – jeder der Romane Kafkas ist ein Jahrhundert-Roman, darum, auch
dies unterstreicht noch einmal seinen Status, ist er auch der einzige, dessen
große Prosa in der Edition komplett enthalten ist. Seine Texte, ob sehr kurz
oder lang, sind das Paradigma dessen, was Umberto Eco offenes Kunstwerk als
Kennzeichen der Moderne genannt hat. Die Vielfalt und Unabgeschlossenheit der
Interpretationsmöglichkeiten Kafkas erwächst nicht aus einer vertrackten,
kryptisch-dunklen Sprache, im Gegenteil ist kaum eine nüchternere
Berichterstattung denkbar, schnörkellos und klar wird beschrieben, Lange stand
K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in
die scheinbare Leere empor (7). Doch was beschrieben wird, ist, möchte man
sagen, stets – anders. Wo scheinbare Leere herrscht, steht Das
Schloss, der zukünftige Alptraum des Landvermessers K., doch das Schloss,
diese Verkörperung der Macht, ist selbst eigentlich ein recht schäbiges
Minidorf, hat nichts Erhabenes, der Anstrich war längst abgefallen, und der
Stein schien abzubröckeln (14) – und bleibt für K. doch buchstäblich unerreichbar,
wobei es ihm selbst irgendwann nicht mehr klar ist, was er dort erreichen
möchte. „Wer bin ich also?“, fragte K., ruhig wie bisher (28), schon
ziemlich zu Beginn des Romans. Bestellt als Landvermesser offenkundig vom
Schloss aus, wird ihm gleichzeitig von dort Widersprüchliches per
unzuverlässiger Boten und wechselnder Beamter mit noch mehr wechselnden Titeln
übermittelt, in seinem Beruf werde er nicht gebraucht, man sei mit seiner
Arbeit aber zufrieden, er wird zum Schuldiener degradiert, eine Funktion, die
überflüssig ist, wenig geachtet und von den Lehrern unerwünscht. Er läuft von
Pontius zu Pilatus, um Näheres zu erfahren, sucht Verbündete, verstrickt sich
ungewollt in die Dorfintrigen, findet eine Braut, die er ebenso schnell und
abrupt verliert. Gerät in den Strudel der Beziehungen innerhalb der
Dorfgemeinschaft ohne je anerkannter oder auch nur respektierter Teil dieser zu
werden. Nur eines hat Bestand, der absolute Glaube aller Einwohner an die
Unfehlbarkeit der Behörden im Schloss und deren Beamter, denn Fehler kommen
ja nicht vor, und selbst, wenn einmal ein Fehler vorkommt, wie in Ihrem Fall,
wer darf denn endgültig sagen, dass es ein Fehler ist (77).
Die Offenheit
von Kafkas Texten ermöglicht naturgemäß auch schnelle, oberflächliche Deutungen
– die als Ausgangspunkt für tiefergehende Interpretation ja nicht unfruchtbar
sein müssen. Sicher liegt es nahe, Das Schloss als Kritik an einer
ausufernden Bürokratie zu verstehen, Kafka ist in einem dezidierten
Beamtenstaat wie Österreich aufgewachsen, wusste, wovon er spricht,
beziehungsweise schreibt. Genaugenommen war er selbst als Angestellter einer
Versicherung, Teil eines – sowohl für die Außenstehenden als auch die daran im
Innern Beteiligten – immer undurchschaubarer werdenden Systems. Allein das
sollte diese einförmige Auslegung schon verhindern. Und K. ist keineswegs ein
armes Opfer, das wehrlos in die Mühlen der Bürokratie gerät. Seine Analyse der
Dörfler ist korrekt, Die Ehrfurcht vor der Behörde ist euch hier eingeboren,
wird euch weiter während des ganzen Lebens auf die verschiedensten Arten und
von allen Seiten eingeflösst, und ihr selbst helft dabei mit, wie ihr nur könnt
(208); Auftakt zum Rebellentum verbirgt sich darin nicht, K. fährt fort: Doch
sage ich im Grunde nichts dagegen; wenn eine Behörde gut ist, warum sollte man
vor ihr nicht Ehrfurcht haben (208). K. selbst ist einer derjenigen, der
jegliches Handeln der Behörde, und bei weitem nicht nur, wenn es gut ist,
bis zum Grotesken rechtfertigt, das Obrigkeitsdenken, das er den Bewohnern
scheinbar vorwirft, hat er fast mehr verinnerlicht als manche dieser selbst. Wo
– berechtigter – Widerstand erkennbar ist, etwa in der Abwehr eines
zudringlichen Beamten durch das Mädchen Amalia, scheint er diesen erst
anzuerkennen, nur um die Ausgrenzung der kompletten Familie schließlich als
durchaus gerechtfertigt zu bestätigen. Dass er selbst durch das Verhalten der
Behörde und ihrer Beamten immer tiefer sinkt, sein Bemühen um Klärung seines
Status’ und vor allem seine gewünschte Integration ins Dorfleben dadurch
sabotiert werden, ist er stets bereit vor sich und anderen positiv und mit
neuen Hoffnungen umzudeuten – Reste unabhängigen Denkens, die fast
ausschließlich in den Frauenfiguren zu finden sind, kommen bei K. schon kurz
nach seiner Ankunft nicht mehr vor. Der Name des obskuren oberen Beamten Klamm
ist zur Bestimmung für ihn geworden wie für zahlreiche andere Bewohner des
Ortes auch.
Warum K. nicht
einfach das Dorf verlässt, nachdem er die Vergeblichkeit seines Tuns hätte
längst erkennen müssen, ist vermutlich eine der vielen, vielen Fragen, die nie
jemand beantworten wird. Diese Wendung, wenn es eine Wendung ist und keine
Täuschung – Täuschungen sind häufiger als Wendungen (258), der Satz hat
etwas von einer Gebrauchsanweisung für das Lesen kafkascher Texte. Nicht, dass
er uns zu einer Lösung oder Auflösung führen würde. Nichts ist so passend wie
das durch die Umstände seines Lebens erzwungene unabgeschlossene Ende der
großen Romane Kafkas, geradezu natürlich scheint die Überlieferung als
Fragment, das Abbrechen mitten im Text ohne durchgeführten Abschluss. Gerade Das
Schloss scheint un-endlich, die Handlung, so der Eindruck, schreitet voran,
ohne das sich je etwas vorwärts bewegt, auf Seite 3 ist K. nicht weiter als sie
auf einer möglichen zukünftigen Seite 874 wäre. Oder herrscht hier doch mehr
als nur eine scheinbare Leere?
Rechtzeitig zum
Jubiläum 2009 veröffentlichte der Archäologe und Journalist Dirk Husemann sein Buch
über die Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus.
Die schriftliche
Überlieferung der antiken Autoren zur verlustreichen Schlacht der Römer unter
Feldherr Quinctilius Varus ist spärlich. Selbiges lässt sich 2000 Jahre später
kaum noch behaupten, viel Tinte und Druckerschwärze sind geflossen, besonders
im Land der vermeintlichen Nachfolger der Sieger von einst. Das Jahr 2009
brachte noch einmal eine neue Flut an Publikationen, darunter auch das Buch von
Dirk Husemann im Campus-Verlag.
Varus und Siegfried – Dilettant versus
Nationalheld?
Zum Einstieg
macht Husemann sich die Mühe, die historischen Personen unter den bald
einsetzenden Verleumdungen, Verklärungen und Fantasien der zahlreichen
Kommentatoren des natürlich bedeutungsvollen historischen Ereignisses wieder
erkennbar werden zu lassen. Die Quellenlage ist dabei dürftig, nicht immer
vertrauenswürdig und bestimmt von späteren Sichtweisen. Die Römer – und nur von
ihnen liegen Berichte vor – hatten ihre eigenen Interessen an der Deutung der
beteiligten Personen, noch dazu waren nur wenige von ihnen direkte Augen- oder
wenigstens Zeitzeugen. Die Bilder, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden,
setzen sich fest: Varus wurde zum Dilettanten, der durch Unfähigkeit und
überhebliche Provokationen den Untergang der drei Legionen heraufbeschwor. Sein
Gegner Arminius ein gewiefter Held, Vereiniger der sich sonst lieber selbst zerfleischenden
germanischen Stämme, Genie des Guerilla-Kriegs.
Varus und Siegfried – Sündenbock versus
Kurzzeitheld
Dirk Husemann:
Der Sturz des römischen Adlers.
Beides sind nur
Verzerrungen, Varus hatte sich vorher als kluger, vorsichtiger Statthalter
und bewährter Feldherr erwiesen – doch der Tote war nach der Schlacht nun mal der naheliegendste Sündenbock, noch die Römer selbst stempelten ihn somit zum Versager ab, dem
man so bequem die Niederlage anlasten konnte. Das positive Bild des Arminius'
entstand dagegen wesentlich später, als man im gespaltenen Deutschen Reich nach einer
nationalen Heldenfigur suchte, die Einheit repräsentieren sollte. Dass der von
den Römern ausgebildete Germane durchaus auch als Verräter gelten konnte,
dessen Allianz kaum länger Bestand hatte als das letzte Zucken der toten
Legionäre, und sich die Völkerschaften bald wieder im üblichen gegenseitigen
Totschlagen erprobten, dem letztlich auch Arminius zum Opfer fiel, ließ man
gern beiseite.
Die Kampagnen der Römer nach der
Varusschlacht
Ähnlich lange
hielt sich der Glaube, die Niederlage mit dem kompletten Aufreiben dreier
Legionen habe die Römer endgültig von ihrem Ansinnen abgebracht, ihr Reich über
den Rhein hinaus bis an die Weser oder Elbe ausdehnen zu wollen. Sicher, der
Verlust war enorm, etwa 18000 Legionäre plus Hilfstruppen und Tross, vermutlich
22000 Personen insgesamt, mitsamt der enormen Demütigung. Hinzukam, dass die
Etablierung einer Provinz, die, wie neueste Funde nahe legen, bereits weit
fortgeschritten war, abrupt gestoppt wurde. Nicht aber die Feldzüge hinüber
nach Germanien, darunter der berühmte des Drusus', der auch das Schlachtfeld
aufsuchte und die Toten bestatten ließ. Beendet wurden diese durchaus
erfolgreichen Kampagnen erst unter Tiberius, vermutlich, so Husemann, aus
Geldmangel – das Land mit seinen dichten Wäldern versprach zu wenig, um eine
teure Befriedung zu rechtfertigen. Die Grenze am Rhein hatte sich etabliert, im
Norden blieb sie bestehen, weiter im Süden schoben Feldzüge nachfolgender Kaiser sie
weiter nach Germanien hinein, der Limes sicherte später die neuen Provinzen ab.
Die Schlacht im Teutoburger Wald war nicht
im Teutoburger Wald
Arminius, nach
kruder Etymologie eingedeutscht als Hermann, aber war zu einem Nationalhelden
geworden, der Mythos hatte die reale Person verdeckt, nun musste es für jeden
Landstrich eine Ehre sein, den Ort dieser deutschen Urschlacht beanspruchen zu
können. Oberflächlich scheint dieser klar, natürlich fand die „Schlacht im
Teutoburger Wald“ im Teutoburger Wald statt – dummerweise taugt diese scheinbar
logische Begründung nicht. Zwar nennt Tacitus eben jenen Ort, der schließlich
mit Teutoburger Wald übersetzt wurde, nur sagt er wenig über dessen Lage;
irgendwo zwischen Lippe und Ems sei er gelegen. Ein Paderborner Bischof
identifizierte schließlich ein Mittelgebirge als vermeintlichen Ort des Gemetzels
und nannte ihn schnurstracks in Teutoburger Wald um – so kam dieser zu seinem
Namen, aber nicht zu der Schlacht selbst.
Kalkriese – der Favorit unter den
Schlachtorten
Die Forschung
hat nur noch wenig übrig für den eingebürgerten Namen – daher der Begriff
Varusschlacht – und den damit verbundenen Ort. Der ist zwar der prominenteste,
aber bei weitem nicht der wahrscheinlichste, die Zahl summiert sich ohnehin auf
an die 600 Konkurrenten. Kalkriese in Niedersachsen ist seit spektakulären
Funden Mitte der Achtziger Jahre der Hauptverdächtige. Doch wie das so ist mit
Verdächtigen, man muss ihnen die Tat stichhaltig nachweisen – und dies fällt
den Archäologen, Althistorikern und Militärexperten gar nicht leicht. Husemann
beleuchtet Argumente und Gegenargumente, lässt Kritiker und Verteidiger zu Wort
kommen, widerlegt Abstruses, weist aber auch darauf hin, dass fast
ausschließlich Indizien die Theorien befeuern. Eine Schlacht hat bei Kalkriese
stattgefunden, in den späten Jahren der Regierungszeit des Augustus – oder eben
kurz danach. War es der Untergang der Varusheere – oder eine der zahlreichen
blutigen Auseinandersetzungen in den Germanenzügen des Drusus, Germanicus oder
Tiberius? Sicher werden verbesserte Methoden irgendwann weitere Indizien
liefern – ob man auf einen stichhaltigen endgültigen Beweis stoßen wird, bleibt
wohl dem reinen Zufall überlassen.
Ein Resümee vom Autor – und über das Buch
Husemann sieht
das nicht tragisch – im Gegenteil, mit den in Kalkriese etablierten und
verfeinerten Möglichkeiten, die sich die Archäologie erarbeitet und erschlossen
hat, sieht er einen besseren Zweck erfüllt als in der reinen Fixierung des
historischen Ortes, die vielleicht nie gelingen wird. Der Sturz des römischen Adlers ist ein sehr gut lesbares
informatives Buch, das auch viele Seitenaspekte beleuchtet – zwar ist der Autor
manchmal etwas zu verliebt in einen flapsig-journalistischen Ton, der ihn auch
zu Ungenauigkeiten verführt, insgesamt ist das Buch jedoch sehr fundiert und
von ausgewogener Objektivität. Eine Empfehlung für jeden Interessierten an der
Varusschlacht, an den römischen Feldzügen in Germanien, aber auch an der
Mythenbildung zur Figur des Arminius/Hermann oder dem neuen Gebiet der
Schlachtfeldarchäologie.
Dirk Husemann: Der Sturz des römischen Adlers. 2000 Jahre
Varusschlacht. Frankfurt am Main: 2008.
"It remains as true today as it was in the eighteenth century: the world needs more light than it has, not less; the cure for the shortcomings of enlightened thoughts lies not in obscurantism but in further enlightenment. Our recognition of human irrationality, self-centeredness, stupidity beyond the philosophes' most pessimistic appraisals demands not surrender to such forces, but battle against them."
DarstellerInnen:
Michael Fassbender (Quintus Dias), Dominic West (Titus Flavius
Virilus), Olga Kurylenko (Etain), Noel Clarke (Macros), Liam
Cunningham (Ubriculius „Brick“), David Morrissey (Bothos), Riz
Ahmed (Tarak), JJ Feild (Thax), Dimitri Leonidas (Leonidas),
Imogen Poots (Arianne), Paul Freeman (Agricola), Ulrich Thomsen (Gorlacon),
u.v.m.
Nachdem in der Letzten Legion Aurelius und seine Mitstreiter urplötzlich zu Ausgestoßenen geworden
waren, scheint sich der Film in ein bekanntes Schema zu fügen. Früher nach
einem gewissen Kinderlied benannt, ergibt sich ein Abzähl- oder genauer ein
buchstäbliches Countdown-Prinzip: eine klar umrissene Gruppe weniger Personen
wird durch äußere Umstände verschiedenster Natur jeweils bis zum Ende hin peu à
peu reduziert, bis nur noch ein Pärchen, der oder die Protagonistin oder in der
sehr pessimistischen Variante niemand mehr übrig bleibt. Diese Struktur ist
besonders im Horrorfilm äußerst beliebt, im Sandalengenre jedoch eher selten anzutreffen
– tatsächlich verliert Aurelius von seiner Truppe nur ganz zu Beginn und kurz
vor dem Ende jeweils einen Mitstreiter, insgesamt bleibt die Kerngruppe intakt.
Anders dagegen verhält es sich in Centurion, ebenfalls einer
hauptsächlich britischen Produktion, die einige Parallelen zu ihrem Vorgänger
besitzt, mit ihren Hauptfiguren allerdings weitaus weniger glimpflich umgeht.
Die nördliche Provinz Britannien zum
Ende der Regierungszeit Kaiser Trajans. Zwar hat man Teile des heutigen
Schottlands ebenfalls besetzt und mit Garnisonen versehen, doch fehlt der
entscheidende Erfolg, um auch diesen Rest der Insel endgültig der Provinz
einverleiben zu können. Ein von den einheimischen Pikten des Häuptlings
Gorlacon geführter Guerillakrieg zermürbt die Besatzungstruppen, weshalb der
römische Statthalter Agricola beschließt, durch den Einmarsch der 9. Legion
unter deren General Virilus dem Treiben unwiderruflich ein Ende zu setzen.
Geführt von der stummen piktischen Fährtenleserin Etain finden die Legionäre den
Zenturio Quintus Dias, Überlebender eines Überfalls auf ein Kastell, der
Gorlacon entkommen ist. Etain allerdings erweist sich als Verräterin, welche
die Legion in einen Hinterhalt mitten im Feindesland geführt hat: in einer
Mulde im nebligen Wald werdendie Römern
vernichtend geschlagen, nur wenige entkommen dem Gemetzel, darunter Quintus
Dias mit sechs Gefährten. Nachdem sich herausgestellt hat, dass der General
nicht getötet, sondern in Gorlacons Dorf verschleppt wurde, entschließt sich
die kleine Resttruppe zu einem Befreiungsversuch. Dieser scheitert, bestimmt
jedoch fortan das Schicksal der sieben Legionäre: einerseits gibt der General
Quintus Dias den Befehl, die Männer sicher zurück auf römisches Gebiet zu
führen, andererseits tötet einer der Soldaten den Sohn Gorlacons, der daraufhin
Blutrache schwört und Etain beauftragt, mit mehreren Kriegern die flüchtigen
Römer zu verfolgen und umzubringen. Es beginnt ein Wettlauf zwischen den Pikten
und den Römern, die sich in unbekanntem Gebiet und bei widrigen
Wetterverhältnissen bis zur Grenze durchschlagen wollen. Dort wird am Ende nur
Quintus Dias ankommen. Hinter dem im Bau befindlichen Hadrianswall erfährt er
im Quartier des Statthalters nicht nur, dass das Projekt Eroberung des Nordens
inzwischen aufgegeben wurde, sondern er entgeht nur knapp einem Mordanschlag
Agricolas, der verhindern möchte, dass man ihm in Rom das Versagen der 9.
Legion vorhält. Quintus Dias flieht zurück auf piktisches Gebiet zu der
Außenseiterin Arianne, die den Römern auf der Flucht Schutz gewährte – somit
ist der letzte Zeuge des Untergangs der 9. Legion doch noch wie sie selbst
verschwunden.
Dieses Mal sind folglich die Männer
der 9. Legion alles andere als in den Ruhestand getreten. Tatsächlich ist der
Mythos um diese Armee im populären Gedächtnis bei den Briten ähnlich präsent
wie in Deutschland vielleicht die Varusschlacht, die andererseits weit weniger
Leinwandpräsenz hatte. Die Legion wurde letztmals 108 nachgewiesen,
anschließend hat sich ihre Spur im wahrsten Sinne des Wortes verloren – die
Behauptung des Regisseurs und Drehbuchautors Neil Marshall (der nebenbei aus
Newcastle upon Tyne stammt, also vom östlichen Endedes Hadrianswalles), die Ansicht, die Armee
wurde bei einem Einsatz im Norden komplett aufgerieben sei historisch
widerlegt, but the legend is better than the truth, ist so nicht ganz
richtig. Diese Theorie war einst die ursprüngliche, doch schien sie durch
Erkenntnisse, dass die Legion oder größere Teile von ihr nach Germanien an den
Rhein verlegt worden waren, entkräftet. Eine nicht unbedeutende Fraktion
jüngerer Forscher hält heute allerdings den Untergang bei einer gescheiterten
Nordexpedition um 120, der ungefähren Zeit kurz vor der Errichtung der
Befestigungslinie aufgrund der neuen defensiven Strategie Hadrians durchaus für
möglich. Die gelehrte Diskussion ist alles andere als abgeschlossen.
Wie Die letzte Legion und der
Adler der Neunten Legion liefert Centurion ergo einen Beitrag zum
Mythos. Der Beginn des Filmes hebt sich nicht von vielen Vorgängern ab: Blick
auf eine Karte mit lateinischen Namen, die Ausgangssituation wird durch
Texteinschübe vorgestellt. Das dritte klassische Einstiegsmittel, die
Erzählerstimme aus dem Off, in diesem Fall des Zenturios Quintus Dias, wird
später nachgereicht. Dazwischen liegt jedoch ein außergewöhnlicher Bruch zum
Genre. Dieses ist, Folge der historischen Vorgaben, zumeist im erweiterten
Mittelmeerraum angesiedelt, südlich-sonnig. Die auf den kurzen Prolog folgenden
Einstellungen präsentieren jedoch keineswegs eine Sand-, sondern eine
Schneewüste: in minutenlangen Fahrten bzw. Flügen schwebt die Kamera über
vereiste und raue Gebirgslandschaften, bevor ein winziger Mensch sichtbar wird,
vereinzelt und holprig sich fortbewegend. Im Vorgriff auf späteres Geschehen
sieht man den entflohenen Gefangenen Quintus erstmals auf der Flucht. Die
Aufnahmen versinnbildlichen gleich mehrere Kontraste. Inmitten der weiten und
leeren Landschaft wirkt der Mensch nicht nur verloren, sondern auch
ausgeliefert, ein sichtbarer Fremdkörper; dies wird dreifach symbolisch
unterstrichen. Quintus ist verletzlich, noch immer von den erlittenen
Folterungen gekennzeichnet; er ist unfrei, da er noch immer die Handfesseln
trägt; und er ist buchstäblich ein Fremdkörper, der sich halbnackt durch
die feindliche Umgebung schlägt. Ein Schicksal, das sich für ihn und seine
Kameraden später wiederholen wird. Die Römer haben hier nicht nur die Menschen
– die Pikten – sondern auch die Natur als Gegner. Wobei nicht vergessen werden
darf, dass es nur die Menschen sind, die töten. Keiner der Figuren im Film wird
Opfer der Natur, nur der Mitmenschen.
In Centurion fällt der
Versuch auf, möglichst authentisch wirken zu wollen. Auf die Ausstattung und
ihre Akkuratheit wurde sehr viel Wert gelegt, was wohltuend von den üblichen
Mischmasch- oder Phantasie-Uniformen und -Gerätschaften abweicht: die
Rüstungen, Waffen, die Kleidung, aber auch die halbprovisorischen Kastelle –
aus Holz und mit Zelten als Innenbauten – sowie das Piktendorf orientieren sich
an den historischen Vorgaben. Sicher, es gibt auch hier diesen oder jenen
Mangel, so trugen die Legionäre im Westen und Norden des Reiches zumeist die
leichtere Kettenhemdenausrüstung statt der schweren lorica segmata, und
die Offiziere nicht ständig ihre Auszeichnungen auf der Brust, doch im Großen
und Ganzen kommt man den Originalen recht nahe. Ein liebevolles Detail ist
beispielsweise, dass Quintus im verlassenen Nordkastell zum Anzünden eines
umgestürzten Wagens eine Öllampe in antiker Form ausgießt. Die überlieferten
Zeitabläufe werden ebenfalls grob eingehalten. Umso erstaunlicher ist eine
frappierende Auffälligkeit: der Name des Statthalters Agricola. Zwar war ein
Mann dieses Namens Statthalter in Britannien, doch gut vierzig Jahre früher.
Wir kennen ihn und seine Amtszeit im Norden ziemlich genau, denn er hatte einen
berühmten Schwiegersohn, der seine Biographie verfasst hat: Tacitus. Der
historische Agricola war auch keineswegs ein reiner intriganter
Schreibtischstratege, sondern als Feldherr Sieger gegen die Nordstämme in der
berühmten Schlacht am Mons Graupius 83 oder 84 n.Chr. – an der auch die 9.
Legion teilnahm. Die Völker des Nordens nannte man damals auch noch nicht
Pikten, sondern zusammenfassend Caledonier, der erstere Begriff taucht erst im
4. Jahrhundert nach Christus auf. Das Piktische, das im Film gesprochen wird,
ist aufgrund mangelnder Kenntnisse über diese Sprache schottisches Gälisch,
dafür jedoch tatsächlich akkurat, d.h. die Schauspieler sprechen auf Gälisch
die in den Untertiteln übersetzten Sätze.
Auch dies verweist darauf, dass man
sich viel Mühe gemacht hat, die erwähnte Authentizität herzustellen. Nicht in
geringem Umfang gehört hierzu, dass in Schottland gedreht und dabei keinerlei
Rücksichten auf die Befindlichkeiten der Schauspieler genommen wurde, was
Wetterverhältnisse und die Umgebung anging – die Darsteller mussten in ihrer
Kleidung bzw. Rüstung ins Wasser oder in den Dreck, wenn dies erforderlich war.
Frost, Regen und Schneefall sind tatsächlich überwiegend Frost, Regen und
Schneefall. Einen seltsamen Kontrast zu diesem Realismuskonzept bieten deshalb
die sehr auffälligen Kampf- und Folterszenen. Hier wird nicht an Übertreibungen
gespart. So sehr es dem Film gelingt, etwa das langwierige und zermürbende
Warten der Soldaten abzubilden, ihren Frust über das Verweigern der Pikten,
sich in eine offene Feldschlacht zu begeben, und so sehr lobenswert es ist,
dass die Grausamkeit nach der Schlacht gezeigt wird, wenn Quintus und die
wenigen Überlebenden gänzlich unheroisch zwischen den vielen verstümmelten
Toten hindurchgehen – ein im Sandalenfilm selten gezeigtes Bild – so
übertrieben brutal wirken die jeweiligen Kampfszenen. Es gibt kaum Gliedmaßen,
die nicht irgendwann irgendwem abgetrennt werden und keine Waffe vom Pfeil bis
zum Metzgerbeil, die nicht irgendwann irgendwem in den Körper fliegt, dem
Zuschauer bleibt kaum etwas erspart. Während die vorher erwähnten Szenen in
ihrem Bemühen, das wenig romantische Bild der antiken Kriegsführung
hervorzuheben, neue Wege gehen, wirkt diese Liebe zum Splatter zu plakativ.
Erklärbar ist sie vermutlich aus der Herkunft des Regisseurs vom Horrorfilm, wo
er sich mit solchen Szenarien einen Namen gemacht hatte – negative, aber
konsequente Folge: in Deutschland trug dies dem Film ein FSK-Urteil 18 ein.
Anders als bei solch einem
cineastischen Vorleben des Autorenfilmers Marshall möglicherweise erwartbar,
hält sich Centurion ebenfalls wohltuend (fast) von jeglichem
metaphysischen Überbau fern. Übernatürliches, Mystisches oder den christlichen
Einschlag zahlreicher Streifen des Genres sucht man vergebens – im Gegenteil.
Dort wo es aufzutreten scheint, wird jeweils eine rational-nüchterne
Gegenerklärung mitgeliefert. So werden die beide stark kontrastierenden
Frauengestalten Etain und Arianne zwar als eine Art schamanische Zauberin
präsentiert: Etain erweist sich als untäuschbare Verfolgerin, die auch gewisse
Riten vollzieht, Arianne ist das positive Gegenbild, welches medizinische
Kenntnisse besitzt und die Natur, in der sie lebt, um sich herum beherrscht.
Genau dies ist bereits die Erklärung: beide Figuren ziehen ihre Vorteile
lediglich aus genauer Kenntnis der Natur, die Riten Etains sind nur Bei- oder
Blendwerk. Ihre Eigenschaft als hervorragende Fährtenleserin hat nichts
Übernatürliches, sondern beruht auf genauer Beobachtung, auch wenn dies den
Legionären unheimlich vorkommt, die sie als demon und part-wolf
beschreiben. Angemerkt sei, dass sie ihr die Spurensuche kaum sehr schwer
machen: nicht nur lassen sie das getötete Wild offen in der Landschaft liegen,
mehrfach laufen sie mitten durch freie Schneeflächen, dadurch deutliche
Schneisen hinterlassend.
Etain und Arianne sind trotzdem
bezeichnend für das – wieder einmal – eher eindimensionale Frauenbild des
Sandalenfilms auch im 21. Jahrhundert. Immerhin wird der historische Befund,
der von einer hohen Stellung der Frau unter den Pikten ausgeht, wiedergegeben,
denn Etain führt das Verfolgungskommando an und unter den Kriegern gibt es auch
Frauen; gehandelt wird gleichwohl nach dem Willen Gorlacons. Olga Kurylenkos
Rolle bleibt zwiespältig: sie ist, wie schon Mira in der Letzten Legion,
eine Art weibliche Actionheldin, allerdings negativer Art. Sie ist auch nicht
reine Täterin, sondern wie Gorlacon, Opfer römischer Gewalt, als deren
Konsequenz sie ihre Familie und ihre Zunge verloren hat, weshalb sie stumm ist.
Ihr Selbstbewusstsein beruht folglich auf einem unversöhnlichen Rachegedanken –
einem persönlichen Feldzug gegen die Römer. Zwar ist sie eine starke Figur,
wenn man so möchte, doch unweigerlich auch die böse, rein emotional
angetriebene Hauptgegnerin. Humanität in irgendeiner Form ist von ihr nicht zu
erwarten. Dies fällt naturgemäß insbesondere durch ihr Gegenstück auf: Arianne,
kein Opfer der Römer, sondern ihres eigenen Volkes, wirkt weiblich, was sich
unter anderem in ihrer Kleidung ausdrückt, sie ist keine Kriegerin, sondern
übernimmt traditionell frauliche Aufgaben: Kochen und Heilen. Statt Verfolgung
gewährt sie Zuflucht, so dass Quintus sich am Ende wieder in diese Geborgenheit
zurückbegibt. Es gibt noch eine dritte weibliche Person von Bedeutung in dem
Film, die Frau des Statthalters Agricola. Sie macht den Vorschlag, den
heimgekehrten Quintus zu töten und sie war es auch –wie eine geschnittene Episode belegt – die
das ganze Vorhaben des Feldzugs gegen die skeptischen Generäle überhaupt
durchgesetzt hatte. Am Anfang des gesamten unglücklichen Verlaufes steht
folglich eine Frau. Keine der drei Figuren weicht von gängigen Schemata ab.
Ein weiteres gängiges Schema wurde
bereits im Verhalten der Frau Agricolas angedeutet. Sein Beweggrund, endgültig
den Sieg über die Pikten herbeizuführen, ist weder politisch noch militärisch,
sondern eigennützig: kurz vor seinem Aufbruch nach Rom möchte er dort einen
Erfolg aufweisen, um sich für höhere Ämter zu empfehlen. Skrupel, dieses
egoistische Motiv vor Virilus, dem Kommandanten der 9. Legion, zuzugeben hat er
nicht, beruft er sich doch auf seine Befehlsgewalt. Dieser hält ihm
anschließend den geradezu klassischen Satz entgegen: Governor, you’re the
politician, I’m just a simple soldier. Erneut trifft der intrigante,
korrupte und ränkeschmiedende Politiker auf den ehrlichen und einfachen
Soldaten, der diesem als Spielball dient. Dass hier der zeitgenössische
Hintergrund der Entstehung des Filmes mitspielt, macht auch ein Satz Quintus’
deutlich, den er angesichts der neuen Politik Hadrians äußert, sich hinter eine
starke defensive Position zurückzuziehen: Then we fought for nothing.
Der Soldat erscheint ein weiteres Mal nur als Schachfigur von Verhältnissen,
die er nicht durchblickt und die ihm unsinnig erscheinen – dementsprechend
lässt Agricola am Ende das Symbol der 9. Legion auf seiner Generalstabskarte,
eine Reiterstatue, buchstäblich von der Bildfläche verschwinden.
Die Charakterisierung der Legionäre
geht folgerichtig nicht über das gewohnte Maß an Kameraderie,
Männlichkeitsritualen und zotigem Humor hinaus. Abgott der Soldaten ist ihr
General: scholar, father, brother, god, wird er halbironisch genannt und
in der Beschreibung, er sei ein ruthless, reckless bastard liegt nicht
Verachtung, sondern Faszination: andI’d die for him without
hesitation. Dies markiert den schwächsten Punkt des gesamten Filmes: selbst
der stets melancholisch-nachdenklich wirkende Quintus, der nicht dem Ideal
eines unreflektierten Haudraufs entspricht, werden ungemein plumpe Sätze in den
Mund gelegt wie My father – nebenbei: ein berühmter Gladiator – taught
me that in life, duty and honour matter above all things. Das möchte man
nicht hoffen. Grotesk auch seine pseudophilosophischen Gedanken auf der Flucht:
These men are the best I’ve ever seen. Am I worthy to lead them? Der erste
Teil ist offensichtlich ein krasses Fehlurteil: unter ihnen befinden sich
Nörgler wie Macros, der sich nur widerwillig den Anweisungen Quintus fügt, ein
zwar sympathischer, aber doch kaum unter soldatischen Anforderungen als the
best I’ve ever seen zu betrachtender Koch aus dem Tross und der Verräter
und Verursacher der derzeitigen Misere Thax. Über wenig mehr als Phrasenhaftes
erheben sich die Dialoge des Filmes leider kaum.
Mit der verheerenden Niederlage im
Wald, von der man sich vermutlich durch die Varusschlacht hat inspirieren
lassen, beginnt das anfangs erwähnte Abzählschema. Die wenigen Überlebenden
sind ab diesem Zeitpunkt Freiwild für die siegreichen Pikten, die Jagd auf dem
Gemetzel entkommene Legionäre machen. Dieser Suche entkommen die sieben
Soldaten unter dem Kommando Quintus’ zwar – sie sind eine gelungene
Repräsentation der Größe des Römischen Reiches mit Mitgliedern aus allen drei
damals bekannten Kontinenten – doch setzt sie das misslungene Vorhaben der
Befreiung des Generals einer erneuten, nun noch zielstrebigeren Verfolgung aus.
Der Grund hierfür ist jedoch ein neuer: in einer seltsam schwammigen
Schlüsselszene tötet der Legionär Thax heimlich den Sohn Gorlacons. Undeutlich
bleibt die Szene, weil es erst so wirkt, als würde Thax den Jungen, der ihn in
der Hütte des Häuptlings zufällig aufstöbert, versehentlich beim Versuch, ihn
zum Schweigen zu bringen, erwürgen. Den eigentlichen Tötungsakt sieht man nicht.
Als er die Hütte verlässt, schickt er dem nun toten Kind ein for the Ninth
hinterher – was wiederum nach vorsätzlicher Rache klingt. Da er außerdem vorher
bereits als nicht gerade sympathischer Charakter eingeführt worden ist, der
sich grob sexuell an Etain herangemacht hat, und aufgrund seines späteren
Verhaltens wird eine negative Lesart zwar eindeutig bevorzugt, aus der Szene
selbst geht sie jedoch nicht unbedingt hervor. Wie auch immer, die Folgen sind
klar: Gorlacon will Rache an den verantwortlichen Römern. Deren ständige Flucht
wird verkörpert durch das Laufen. Wenn sie sich nicht gerade ausruhen, sind sie
in Bewegung, Sinnbild ihrer Unfreiheit. Selbst das geschnitzte Pferd, das
Quintus als Geschenk Arianne hinterlässt, ist in einem Moment der Bewegung
festgehalten. We are the prey, so Quintus, und die Großaufnahmen der nun
sieben Männer in menschenverlorenen Landschaften wiederholen sich. Dass sie
hierbei zunehmend ihre römische Identität verlieren, zeichnet sich auch an der
Transformation ihrer Kleidung ab: nach der Schlacht legen sie ihre schweren
Rüstungen ab, vor dem Sprung ins Wasser weitere Teile, bis sie sich äußerlich
immer mehr ihren Feinden angepasst haben – für Bothos am Ende eine tödliche
Entwicklung. Römischen Boden betreten kann der letzte Überlebende Quintus nur,
nachdem er wieder seine traditionelle Tunika trägt.
Es gibt ein interessantes
wiederkehrendes Motiv in dem Film, das noch dazu im Widerspruch steht zum
erwähnten Männlichkeitskult, der unter den Soldaten herrscht und den der Film
sonst relativ ungebrochen transportiert. Dreimal werden Personen beim stehenden
Urinieren gezeigt: zu Beginn der Quintus übergeordnete Zenturio, der sich auf
der Kastellmauer erleichtert und deshalb als leicht erkennbares Ziel als erster
den Tod beim Überfall der Pikten erleidet. Der gefangene Quintus wird der
Folter des Waterboarding unterzogen, wobei Gorlacon als zusätzliche Demütigung
vorher in das Fass pinkelt. Und drittens schlägt Quintus selbst frühmorgendlich
sein Wasser in den Fluss ab, bevor er bemerkt, dass gleich neben ihm Arianne
dort Fische fängt. Auch wenn letzterer Moment für einen der wenigen
entspannenden comic reliefs liefert, ist es interessant, dass in allen
drei Fällen dieses machistische Symbol für Quintus einen Moment der Demütigung
und der Unsicherheit beinhaltet. Der Tod des Zenturio ist der Beginn seiner
Dauerflucht und persönlichen Misere, die Folter ist ein buchstäblicher, das
Ertapptwerden am Fluss im übertragenen Sinne ein peinlicher Moment. Das
Urinieren – passiv und aktiv – geht stets einher mit Schutzlosigkeit.
Darin deutet sich ein grundlegender
Zug des gesamten Filmes an. Centurion basiert auf einer durch und durch
pessimistischen Weltsicht. Etwas plakativ formuliert gilt hier Murphys Gesetz
in voller Konsequenz: was schief gehen kann, geht schief. Egal welche
Motivation die einzelnen Personen haben, ob gute oder schlechte, ihre Vorhaben
sind nicht von Erfolg gekrönt. Die Intrigen Agricolas, erst der anvisierte
prestigeträchtige Sieg, dann die Beseitigung Quintus’: gehen schief. Virilus
ungewollter Feldzug: endet in einer desatrösen Falle. Quintus Befreiungsversuch
des Generals: scheitert und führt zu neuem Unglück durch die Tötung des Kindes.
Gorlacons Sieg über die Römer hat indirekt den Tod seines Sohnes zufolge, sein
Auftrag der Blutrache wird den gesamten Verfolgungstrupp das Leben kosten, aber
sein Ziel letztendlich trotzdem verfehlen: Quintus überlebt (vermutlich).
Dieser wiederum erfüllt den Auftrag des Generals nicht: er bringt keinen der
ihm anvertrauten Legionäre zurück auf römisches Gebiet. Statt Lohn erwartet ihn
dort ein Mordanschlag. Auch ist so gut wie niemand in diesem Universum
unschuldig: zwar sind die Pikten dank ihrer Vorgeschichte als Opfer römischer
Unterdrückung keineswegs rein böse Gestalten, Gorlacons Motive sowie Etains
Rachsucht werden dadurch jedoch trotzdem auf rein persönliche Ursachen
reduziert – wie Agricola seinem Ehrgeiz, dienen folglich auch sie nicht der
höheren Sache – Befreiung vom römischen Joch – sondern nutzen diese, um eigene
Ziele zu instrumentalisieren. Nicht einmal das getötete Kind ist unschuldig –
es hat sich vorher an der Folterung des Virilus’ beteiligt. Dem entspricht auch
der Schluss. Zwar wird Ariannes Hütte auf ihrer Lichtung am rauschenden Fluss,
wo selbst der Schneefall noch sonnendurchleuchtet ist, wie ein Idyll
präsentiert und explizit sanctuary genannt, doch ist dieser Zufluchtsort
prekär. Arianne ist eine Außenseiterin, von Gorlacon gezeichnet und verstoßen,
und für Quintus gilt dasselbe, er wurde von seinem Volk im wahrsten Sinne des
Wortes ausgegrenzt. Die Hütte ist alles andere als ein sicherer Schutzort –
doch es ist ohnehin nicht klar, ob Quintus überlebt hat: schwerverletzt fällt
er vor Arianne vom Pferd.
Diese wenig erbauliche Weltsicht, der damit einhergehend abwesende
metaphysische Überbau sowie das erwähnte Bemühen um eine gewisse Authentizität
machen Centurion trotz aller erwähnten und teils groben Mängel,
Stereotypen und fragwürdiger Ideologie zu einem ungewöhnlichen Exempel
innerhalb des Sandalenfilmgenres. Hinzukommt, dass der Kernplot, d.h.
Geschichte und Ursachen der Flucht, durchaus Plausibilität und eine
nachvollziehbare Logik besitzen, was ja nicht unbedingt zu den
hervorstechendsten Eigenschaften solcher Filme gehört. Den fatalistischen Grundzug
seines Werkes unterstreicht Regisseur Neil Marshall zusätzlich durch eine
ironische Brechung, indem er selbst die Rolle des römischen Legionärs auf dem
Hadrianswall übernimmt, der den freudig heranreitenden Bothos aufgrund eines
Missverständnis per Bogenschuss tötet. So wenig die Charaktere durch Tiefe oder
Fähigkeit zum Wandel auffallen, so sehr nutzt das hervorragend besetzte
Schauspielerensemble das geringe Potential der ihnen vorgegebenen Figuren. Eine
schöne Pointe ist, dass auch Agricolas immanentes Vorhaben, das Schicksal der
9. Legion vergessen zu machen, auf der externen Metaebene zum Scheitern
verurteilt ist – durch Filme wie Centurion.