Mittwoch, 29. März 2017

Mit Fräulein Annika unterwegs.


 
Der Beruf des Buchautoren bringt es mit sich, dass man des öfteren unterwegs ist, sei es für Recherchen, zu Buchvorstellungen, Vorträgen und Lesungen oder aus dem einfachen und guten Grund, nicht am Schreibtisch Staub anzusetzen und Muskelkrämpfe zu provozieren. Wenn man schon wert auf letztere legen sollte, dann wenigstens in der freien Natur - was auch als Erklärung gesellschaftlich wesentlich besser akzeptiert wird  ("kommt vom Laufen" klingt sportiver als "kommt vom wochenlangen Herumsitzen").
 
Dazu gesellen sich noch persönliche Vorlieben hinzu, die einen immer wieder mal nach draußen treiben oder unter ein fremdes Dach, also ein Museum, eine Ausstellung oder eine kulturelle Vergnügungsstätte irgendwelcher Art. Und da es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, wie es an ziemlich prominenter Stelle in einem noch prominenteren Bestseller heißt, ist es natürlich schön, in Begleitung zu reisen. Leider findet sich allerdings nicht immer jemand, der oben erwähnte Vorlieben vorbehaltlos teilt und noch dazu mehr oder weniger immer Zeit hat, auch mal zu spontanen Ausflügen. Und außerdem hat man womöglich (oder doch eher ganz sicher) zahlreiche Eigenarten entwickelt, die einem Mitreisenden gar sehr befremdlich sind (z.B. den Drang, an keinem Buchladen vorbeilaufen zu können, ohne in der Auslage zu stöbern oder für abrupte Planänderungen noch auf dem Weg oder die Eigenart, Spielzeugfiguren mit sich zu führen).
 

Fräulein Annika auf dem Rheindamm im Bodensee bei Hard in Vorarlberg - mit Blick auf die Schweizer Voralpen.
 
Darum erfreut es umso mehr, eine solch charmante und selbstgenügsame Begleiterin wie Fräulein Annika gefunden zu haben, die in stoischer Gelassenheit jeden noch so unverständlichen und spontanen Schmarr'n mitmacht, schon äußerlich sichtbar für Vorhaben per Bahn und pedes bestens gerüstet ist (deutlich besser als man selbst), Wind und Wetter trotzt (ebenfalls deutlich besser als man selbst), stets Zeit hat und von Muskelkrämpfen nicht die geringste Ahnung.
 
Folglich werden wir von nun an in loser Folge immer mal wieder von der ein oder anderen Reise berichten, wobei wir uns auf kleinere Orte beschränken werden, also selten Städteberichte und schon gar nicht über Großräume (der Thurgau, Südhessen, das Sarganserland, Nordamerika) liefern, sondern über einzelne Stätten und Monumente und hin und wieder natürlich auch diese oder jene Ortschaft.
Wer sich wundert, dass unsere gemeinsame fränkische Heimat (Fräulein Annika stammt ja aus Zirndorf) dabei eine eher untergeordnete Rolle spielen wird, dann liegt dies daran, dass für Franken andere Formate in Vorbereitung sind. Aber Ausnahmen werden diese Regel bestätigen, dafür sind sie schließlich da.



Samstag, 18. März 2017

Friedrich Kayßler: Der Mensch und der Krieg.


Der Mensch und der Krieg
(1917)

Ein Dichter singt: "Er fiel für dich."
Ich lese staunend das Gedicht.
Mir steigt der Zorn ins Angesicht.
Ich frage: "Dichter, meinst du mich?"

Ich wollte keines Menschen Tod,
ich sprach zu keinem: fall für mich.
Ich sprach zur Welt: ich liebe dich,
Wer fragte mich, ob Haß, ob Not?

Der Stern, wo ich geboren bin,
mir nicht zur Wahl gegeben ward.
Ich trage meinen eignen Sinn,
ich trage meine eigne Art.

Leicht steht es da - und fürchterlich.
Wer gab dir Recht, das Wort zu wagen?
Und ich verbiete dir, zu sagen:
Für mich!


Friedrich Kayßler (1874-1945)
 
Heute nurmehr Film- und Bühnenthusiasten ein Begriff, war Friedrich Kayßler einst ein gefeierter Theater- und später zunehmend auch Kinostar der Zeit von 1900 bis 1945. Umso bemerkenswerter sein sicher nicht gerade höchsten Ansprüchen an Lyrik genügendes, aber zur Zeit seiner Veröffentlichung (Oktober 1917) mutiges Antikriegsgedicht gegen die Zeitströmung der deutschen Militärdiktatur des Ersten Weltkriegs, das sich vor allem gegen die intellektuelle Unterwerfung vieler Dichter richtete.
Dies hinderte Kayßler allerdings nicht, im Dritten Reich von der Protektion des Propagandaministers Joseph Goebbels und Gustaf Gründgens' zu profitieren - zwar gab er sich nicht für übelste Machwerke her, war jedoch einer von nur vier Schauspielern, die es auf die legendäre "Gottbegnadetenliste" schafften, also für so unentbehrlich gehalten wurden, dass man sie von jedwedem Kriegseinsatz freistellte. Ein Opfer des Krieges wurde Kayßler trotzdem: kurz vor Ende der Kampfhandlungen starb er 1945 durch russisches MG-Feuer beim Versuch, seine Familie zu schützen.   

Samstag, 25. Februar 2017

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (3) - Franz Kafka: Das Schloß.


Franz Kafka: Das Schloß. st 2565

 

Wenn man von einem deutschsprachigen Jahrhundertschriftsteller sprechen kann, einen, den man auf der Insel Sumatra ebenso kennt wie am Genfer See und in den peruanischen Anden, einen, den kein Schüler und keine Schülerin von der Hauptschule bis zum Elite-Gymnasium umhin kann, im Deutschunterricht lesen zu müssen, wenn es einen Autoren des 20. Jahrhunderts gibt, den die meisten vermutlich sogar anhand eines Portraits identifizieren könnten, dann ist es ohne Zweifel nicht Thomas Mann, nicht Hermann Hesse, nicht Günter Grass noch Heinrich Böll, sondern der Prager Versicherungsmathematiker Franz Kafka (1883-1924). Kafka ist ein Emblem, ein Markenname geworden und wahrscheinlich der einzige Schriftsteller, der es sogar geschafft hat, ein Adjektiv zu werden. Sein Privatleben hat man bis in die Details ausgeleuchtet, jeden Textfetzen seines Werkes veröffentlicht, sich an der Interpretation seiner Bücher tausendfach versucht und unzählige Regalmeter der Universitätsbibliotheken damit bestückt. Zu Kafka scheint jedem etwas einzufallen, bei einer spontanen Umfrage in der Fußgängerzone ebenso wie an einer internationalen Hochschultagung in Mexico-City. Und dann wird niemand zu vergessen erwähnen, dass der scheue Herr Kafka aus dem damals noch österreichisch geprägten Prag all dies so nicht gewollt hatte, wir ihn gewissermaßen nur dank der Illoyalität seines Freundes Max Brod zu verdanken haben, dessen eigenes Schaffen dabei fast völlig unterging, der aber den Vernichtungsbeschluss Kafkas ignoriert und sich fortan in den Dienst von dessen Werk gestellt und es somit für die Nachwelt gerettet hat.

Franz Kafka: Das Schloß.
Es gäbe folglich keine unsinnigere Frage, als jene, ob Kafkas Roman Das Schloss Berechtigung hat, in der Suhrkamp-Reihe der Romane des Jahrhunderts aufzutauchen – jeder der Romane Kafkas ist ein Jahrhundert-Roman, darum, auch dies unterstreicht noch einmal seinen Status, ist er auch der einzige, dessen große Prosa in der Edition komplett enthalten ist. Seine Texte, ob sehr kurz oder lang, sind das Paradigma dessen, was Umberto Eco offenes Kunstwerk als Kennzeichen der Moderne genannt hat. Die Vielfalt und Unabgeschlossenheit der Interpretationsmöglichkeiten Kafkas erwächst nicht aus einer vertrackten, kryptisch-dunklen Sprache, im Gegenteil ist kaum eine nüchternere Berichterstattung denkbar, schnörkellos und klar wird beschrieben, Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor (7). Doch was beschrieben wird, ist, möchte man sagen, stets – anders. Wo scheinbare Leere herrscht, steht Das Schloss, der zukünftige Alptraum des Landvermessers K., doch das Schloss, diese Verkörperung der Macht, ist selbst eigentlich ein recht schäbiges Minidorf, hat nichts Erhabenes, der Anstrich war längst abgefallen, und der Stein schien abzubröckeln (14) – und bleibt für K. doch buchstäblich unerreichbar, wobei es ihm selbst irgendwann nicht mehr klar ist, was er dort erreichen möchte. „Wer bin ich also?“, fragte K., ruhig wie bisher (28), schon ziemlich zu Beginn des Romans. Bestellt als Landvermesser offenkundig vom Schloss aus, wird ihm gleichzeitig von dort Widersprüchliches per unzuverlässiger Boten und wechselnder Beamter mit noch mehr wechselnden Titeln übermittelt, in seinem Beruf werde er nicht gebraucht, man sei mit seiner Arbeit aber zufrieden, er wird zum Schuldiener degradiert, eine Funktion, die überflüssig ist, wenig geachtet und von den Lehrern unerwünscht. Er läuft von Pontius zu Pilatus, um Näheres zu erfahren, sucht Verbündete, verstrickt sich ungewollt in die Dorfintrigen, findet eine Braut, die er ebenso schnell und abrupt verliert. Gerät in den Strudel der Beziehungen innerhalb der Dorfgemeinschaft ohne je anerkannter oder auch nur respektierter Teil dieser zu werden. Nur eines hat Bestand, der absolute Glaube aller Einwohner an die Unfehlbarkeit der Behörden im Schloss und deren Beamter, denn Fehler kommen ja nicht vor, und selbst, wenn einmal ein Fehler vorkommt, wie in Ihrem Fall, wer darf denn endgültig sagen, dass es ein Fehler ist (77).

Die Offenheit von Kafkas Texten ermöglicht naturgemäß auch schnelle, oberflächliche Deutungen – die als Ausgangspunkt für tiefergehende Interpretation ja nicht unfruchtbar sein müssen. Sicher liegt es nahe, Das Schloss als Kritik an einer ausufernden Bürokratie zu verstehen, Kafka ist in einem dezidierten Beamtenstaat wie Österreich aufgewachsen, wusste, wovon er spricht, beziehungsweise schreibt. Genaugenommen war er selbst als Angestellter einer Versicherung, Teil eines – sowohl für die Außenstehenden als auch die daran im Innern Beteiligten – immer undurchschaubarer werdenden Systems. Allein das sollte diese einförmige Auslegung schon verhindern. Und K. ist keineswegs ein armes Opfer, das wehrlos in die Mühlen der Bürokratie gerät. Seine Analyse der Dörfler ist korrekt, Die Ehrfurcht vor der Behörde ist euch hier eingeboren, wird euch weiter während des ganzen Lebens auf die verschiedensten Arten und von allen Seiten eingeflösst, und ihr selbst helft dabei mit, wie ihr nur könnt (208); Auftakt zum Rebellentum verbirgt sich darin nicht, K. fährt fort: Doch sage ich im Grunde nichts dagegen; wenn eine Behörde gut ist, warum sollte man vor ihr nicht Ehrfurcht haben (208). K. selbst ist einer derjenigen, der jegliches Handeln der Behörde, und bei weitem nicht nur, wenn es gut ist, bis zum Grotesken rechtfertigt, das Obrigkeitsdenken, das er den Bewohnern scheinbar vorwirft, hat er fast mehr verinnerlicht als manche dieser selbst. Wo – berechtigter – Widerstand erkennbar ist, etwa in der Abwehr eines zudringlichen Beamten durch das Mädchen Amalia, scheint er diesen erst anzuerkennen, nur um die Ausgrenzung der kompletten Familie schließlich als durchaus gerechtfertigt zu bestätigen. Dass er selbst durch das Verhalten der Behörde und ihrer Beamten immer tiefer sinkt, sein Bemühen um Klärung seines Status’ und vor allem seine gewünschte Integration ins Dorfleben dadurch sabotiert werden, ist er stets bereit vor sich und anderen positiv und mit neuen Hoffnungen umzudeuten – Reste unabhängigen Denkens, die fast ausschließlich in den Frauenfiguren zu finden sind, kommen bei K. schon kurz nach seiner Ankunft nicht mehr vor. Der Name des obskuren oberen Beamten Klamm ist zur Bestimmung für ihn geworden wie für zahlreiche andere Bewohner des Ortes auch.

Warum K. nicht einfach das Dorf verlässt, nachdem er die Vergeblichkeit seines Tuns hätte längst erkennen müssen, ist vermutlich eine der vielen, vielen Fragen, die nie jemand beantworten wird. Diese Wendung, wenn es eine Wendung ist und keine Täuschung – Täuschungen sind häufiger als Wendungen (258), der Satz hat etwas von einer Gebrauchsanweisung für das Lesen kafkascher Texte. Nicht, dass er uns zu einer Lösung oder Auflösung führen würde. Nichts ist so passend wie das durch die Umstände seines Lebens erzwungene unabgeschlossene Ende der großen Romane Kafkas, geradezu natürlich scheint die Überlieferung als Fragment, das Abbrechen mitten im Text ohne durchgeführten Abschluss. Gerade Das Schloss scheint un-endlich, die Handlung, so der Eindruck, schreitet voran, ohne das sich je etwas vorwärts bewegt, auf Seite 3 ist K. nicht weiter als sie auf einer möglichen zukünftigen Seite 874 wäre. Oder herrscht hier doch mehr als nur eine scheinbare Leere?                        

Teil (2): Thomas Bernhard - Auslöschung

Sonntag, 19. Februar 2017

Das Zitat zum Sonntag.


"Mensch sein ist allein schon ein mildernder Umstand."

Pitigrilli, Ein Mensch jagt nach Liebe
 
(Der Roman heißt im italienischen Original, L'esperimento di Pott,
die deutsche Übersetzung ist ähnlich gewöhnungsbedürftig wie das Titelcover)


 

Donnerstag, 19. Januar 2017

Dirk Husemann: Der Sturz des römischen Adlers.

 
Rechtzeitig zum Jubiläum 2009 veröffentlichte der Archäologe und Journalist Dirk Husemann sein Buch über die Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus.
 
Die schriftliche Überlieferung der antiken Autoren zur verlustreichen Schlacht der Römer unter Feldherr Quinctilius Varus ist spärlich. Selbiges lässt sich 2000 Jahre später kaum noch behaupten, viel Tinte und Druckerschwärze sind geflossen, besonders im Land der vermeintlichen Nachfolger der Sieger von einst. Das Jahr 2009 brachte noch einmal eine neue Flut an Publikationen, darunter auch das Buch von Dirk Husemann im Campus-Verlag.
 
Varus und Siegfried – Dilettant versus Nationalheld?
 
Zum Einstieg macht Husemann sich die Mühe, die historischen Personen unter den bald einsetzenden Verleumdungen, Verklärungen und Fantasien der zahlreichen Kommentatoren des natürlich bedeutungsvollen historischen Ereignisses wieder erkennbar werden zu lassen. Die Quellenlage ist dabei dürftig, nicht immer vertrauenswürdig und bestimmt von späteren Sichtweisen. Die Römer – und nur von ihnen liegen Berichte vor – hatten ihre eigenen Interessen an der Deutung der beteiligten Personen, noch dazu waren nur wenige von ihnen direkte Augen- oder wenigstens Zeitzeugen. Die Bilder, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden, setzen sich fest: Varus wurde zum Dilettanten, der durch Unfähigkeit und überhebliche Provokationen den Untergang der drei Legionen heraufbeschwor. Sein Gegner Arminius ein gewiefter Held, Vereiniger der sich sonst lieber selbst zerfleischenden germanischen Stämme, Genie des Guerilla-Kriegs.
 
Varus und Siegfried – Sündenbock versus Kurzzeitheld
 

Dirk Husemann:
Der Sturz des römischen Adlers.
Beides sind nur Verzerrungen, Varus hatte sich vorher als kluger, vorsichtiger Statthalter und bewährter Feldherr erwiesen – doch der Tote war nach der Schlacht nun mal der naheliegendste Sündenbock, noch die Römer selbst stempelten ihn somit zum Versager ab, dem man so bequem die Niederlage anlasten konnte. Das positive Bild des Arminius' entstand dagegen wesentlich später, als man im gespaltenen Deutschen Reich nach einer nationalen Heldenfigur suchte, die Einheit repräsentieren sollte. Dass der von den Römern ausgebildete Germane durchaus auch als Verräter gelten konnte, dessen Allianz kaum länger Bestand hatte als das letzte Zucken der toten Legionäre, und sich die Völkerschaften bald wieder im üblichen gegenseitigen Totschlagen erprobten, dem letztlich auch Arminius zum Opfer fiel, ließ man gern beiseite.
 
Die Kampagnen der Römer nach der Varusschlacht
 
Ähnlich lange hielt sich der Glaube, die Niederlage mit dem kompletten Aufreiben dreier Legionen habe die Römer endgültig von ihrem Ansinnen abgebracht, ihr Reich über den Rhein hinaus bis an die Weser oder Elbe ausdehnen zu wollen. Sicher, der Verlust war enorm, etwa 18000 Legionäre plus Hilfstruppen und Tross, vermutlich 22000 Personen insgesamt, mitsamt der enormen Demütigung. Hinzukam, dass die Etablierung einer Provinz, die, wie neueste Funde nahe legen, bereits weit fortgeschritten war, abrupt gestoppt wurde. Nicht aber die Feldzüge hinüber nach Germanien, darunter der berühmte des Drusus', der auch das Schlachtfeld aufsuchte und die Toten bestatten ließ. Beendet wurden diese durchaus erfolgreichen Kampagnen erst unter Tiberius, vermutlich, so Husemann, aus Geldmangel – das Land mit seinen dichten Wäldern versprach zu wenig, um eine teure Befriedung zu rechtfertigen. Die Grenze am Rhein hatte sich etabliert, im Norden blieb sie bestehen, weiter im Süden schoben Feldzüge nachfolgender Kaiser sie weiter nach Germanien hinein, der Limes sicherte später die neuen Provinzen ab.
 
Die Schlacht im Teutoburger Wald war nicht im Teutoburger Wald
 
Arminius, nach kruder Etymologie eingedeutscht als Hermann, aber war zu einem Nationalhelden geworden, der Mythos hatte die reale Person verdeckt, nun musste es für jeden Landstrich eine Ehre sein, den Ort dieser deutschen Urschlacht beanspruchen zu können. Oberflächlich scheint dieser klar, natürlich fand die „Schlacht im Teutoburger Wald“ im Teutoburger Wald statt – dummerweise taugt diese scheinbar logische Begründung nicht. Zwar nennt Tacitus eben jenen Ort, der schließlich mit Teutoburger Wald übersetzt wurde, nur sagt er wenig über dessen Lage; irgendwo zwischen Lippe und Ems sei er gelegen. Ein Paderborner Bischof identifizierte schließlich ein Mittelgebirge als vermeintlichen Ort des Gemetzels und nannte ihn schnurstracks in Teutoburger Wald um – so kam dieser zu seinem Namen, aber nicht zu der Schlacht selbst.
 
Kalkriese – der Favorit unter den Schlachtorten
 
Die Forschung hat nur noch wenig übrig für den eingebürgerten Namen – daher der Begriff Varusschlacht – und den damit verbundenen Ort. Der ist zwar der prominenteste, aber bei weitem nicht der wahrscheinlichste, die Zahl summiert sich ohnehin auf an die 600 Konkurrenten. Kalkriese in Niedersachsen ist seit spektakulären Funden Mitte der Achtziger Jahre der Hauptverdächtige. Doch wie das so ist mit Verdächtigen, man muss ihnen die Tat stichhaltig nachweisen – und dies fällt den Archäologen, Althistorikern und Militärexperten gar nicht leicht. Husemann beleuchtet Argumente und Gegenargumente, lässt Kritiker und Verteidiger zu Wort kommen, widerlegt Abstruses, weist aber auch darauf hin, dass fast ausschließlich Indizien die Theorien befeuern. Eine Schlacht hat bei Kalkriese stattgefunden, in den späten Jahren der Regierungszeit des Augustus – oder eben kurz danach. War es der Untergang der Varusheere – oder eine der zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen in den Germanenzügen des Drusus, Germanicus oder Tiberius? Sicher werden verbesserte Methoden irgendwann weitere Indizien liefern – ob man auf einen stichhaltigen endgültigen Beweis stoßen wird, bleibt wohl dem reinen Zufall überlassen.
 
Ein Resümee vom Autor – und über das Buch
 
Husemann sieht das nicht tragisch – im Gegenteil, mit den in Kalkriese etablierten und verfeinerten Möglichkeiten, die sich die Archäologie erarbeitet und erschlossen hat, sieht er einen besseren Zweck erfüllt als in der reinen Fixierung des historischen Ortes, die vielleicht nie gelingen wird. Der Sturz des römischen Adlers ist ein sehr gut lesbares informatives Buch, das auch viele Seitenaspekte beleuchtet – zwar ist der Autor manchmal etwas zu verliebt in einen flapsig-journalistischen Ton, der ihn auch zu Ungenauigkeiten verführt, insgesamt ist das Buch jedoch sehr fundiert und von ausgewogener Objektivität. Eine Empfehlung für jeden Interessierten an der Varusschlacht, an den römischen Feldzügen in Germanien, aber auch an der Mythenbildung zur Figur des Arminius/Hermann oder dem neuen Gebiet der Schlachtfeldarchäologie.                 
 
Dirk Husemann: Der Sturz des römischen Adlers. 2000 Jahre Varusschlacht. Frankfurt am Main: 2008.                   
 
 

Freitag, 13. Januar 2017

Das Zitat zum Freitag.


"It remains as true today as it was in the eighteenth century: the world needs more light than it has, not less; the cure for the shortcomings of enlightened thoughts lies not in obscurantism but in further enlightenment. Our recognition of human irrationality, self-centeredness, stupidity beyond the philosophes' most pessimistic appraisals demands not surrender to such forces, but battle against them." 

Peter Gay, The Enlightenment (1967)


 

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Sandalenfilme nach der Jahrtausendwende (III): Centurion.


Centurion

Centurion UK/F 2010 95 min

Regie: Neil Marshall

Drehbuch: Neil Marshall

DarstellerInnen: Michael Fassbender (Quintus Dias), Dominic West (Titus Flavius Virilus), Olga Kurylenko (Etain), Noel Clarke (Macros), Liam Cunningham (Ubriculius „Brick“), David Morrissey (Bothos), Riz Ahmed (Tarak), JJ Feild (Thax), Dimitri Leonidas (Leonidas), Imogen Poots (Arianne), Paul Freeman (Agricola), Ulrich Thomsen (Gorlacon), u.v.m.

 

Nachdem in der Letzten Legion Aurelius und seine Mitstreiter urplötzlich zu Ausgestoßenen geworden waren, scheint sich der Film in ein bekanntes Schema zu fügen. Früher nach einem gewissen Kinderlied benannt, ergibt sich ein Abzähl- oder genauer ein buchstäbliches Countdown-Prinzip: eine klar umrissene Gruppe weniger Personen wird durch äußere Umstände verschiedenster Natur jeweils bis zum Ende hin peu à peu reduziert, bis nur noch ein Pärchen, der oder die Protagonistin oder in der sehr pessimistischen Variante niemand mehr übrig bleibt. Diese Struktur ist besonders im Horrorfilm äußerst beliebt, im Sandalengenre jedoch eher selten anzutreffen – tatsächlich verliert Aurelius von seiner Truppe nur ganz zu Beginn und kurz vor dem Ende jeweils einen Mitstreiter, insgesamt bleibt die Kerngruppe intakt. Anders dagegen verhält es sich in Centurion, ebenfalls einer hauptsächlich britischen Produktion, die einige Parallelen zu ihrem Vorgänger besitzt, mit ihren Hauptfiguren allerdings weitaus weniger glimpflich umgeht.

            Die nördliche Provinz Britannien zum Ende der Regierungszeit Kaiser Trajans. Zwar hat man Teile des heutigen Schottlands ebenfalls besetzt und mit Garnisonen versehen, doch fehlt der entscheidende Erfolg, um auch diesen Rest der Insel endgültig der Provinz einverleiben zu können. Ein von den einheimischen Pikten des Häuptlings Gorlacon geführter Guerillakrieg zermürbt die Besatzungstruppen, weshalb der römische Statthalter Agricola beschließt, durch den Einmarsch der 9. Legion unter deren General Virilus dem Treiben unwiderruflich ein Ende zu setzen. Geführt von der stummen piktischen Fährtenleserin Etain finden die Legionäre den Zenturio Quintus Dias, Überlebender eines Überfalls auf ein Kastell, der Gorlacon entkommen ist. Etain allerdings erweist sich als Verräterin, welche die Legion in einen Hinterhalt mitten im Feindesland geführt hat: in einer Mulde im nebligen Wald werden  die Römern vernichtend geschlagen, nur wenige entkommen dem Gemetzel, darunter Quintus Dias mit sechs Gefährten. Nachdem sich herausgestellt hat, dass der General nicht getötet, sondern in Gorlacons Dorf verschleppt wurde, entschließt sich die kleine Resttruppe zu einem Befreiungsversuch. Dieser scheitert, bestimmt jedoch fortan das Schicksal der sieben Legionäre: einerseits gibt der General Quintus Dias den Befehl, die Männer sicher zurück auf römisches Gebiet zu führen, andererseits tötet einer der Soldaten den Sohn Gorlacons, der daraufhin Blutrache schwört und Etain beauftragt, mit mehreren Kriegern die flüchtigen Römer zu verfolgen und umzubringen. Es beginnt ein Wettlauf zwischen den Pikten und den Römern, die sich in unbekanntem Gebiet und bei widrigen Wetterverhältnissen bis zur Grenze durchschlagen wollen. Dort wird am Ende nur Quintus Dias ankommen. Hinter dem im Bau befindlichen Hadrianswall erfährt er im Quartier des Statthalters nicht nur, dass das Projekt Eroberung des Nordens inzwischen aufgegeben wurde, sondern er entgeht nur knapp einem Mordanschlag Agricolas, der verhindern möchte, dass man ihm in Rom das Versagen der 9. Legion vorhält. Quintus Dias flieht zurück auf piktisches Gebiet zu der Außenseiterin Arianne, die den Römern auf der Flucht Schutz gewährte – somit ist der letzte Zeuge des Untergangs der 9. Legion doch noch wie sie selbst verschwunden.

            Dieses Mal sind folglich die Männer der 9. Legion alles andere als in den Ruhestand getreten. Tatsächlich ist der Mythos um diese Armee im populären Gedächtnis bei den Briten ähnlich präsent wie in Deutschland vielleicht die Varusschlacht, die andererseits weit weniger Leinwandpräsenz hatte. Die Legion wurde letztmals 108 nachgewiesen, anschließend hat sich ihre Spur im wahrsten Sinne des Wortes verloren – die Behauptung des Regisseurs und Drehbuchautors Neil Marshall (der nebenbei aus Newcastle upon Tyne stammt, also vom östlichen Ende  des Hadrianswalles), die Ansicht, die Armee wurde bei einem Einsatz im Norden komplett aufgerieben sei historisch widerlegt, but the legend is better than the truth, ist so nicht ganz richtig. Diese Theorie war einst die ursprüngliche, doch schien sie durch Erkenntnisse, dass die Legion oder größere Teile von ihr nach Germanien an den Rhein verlegt worden waren, entkräftet. Eine nicht unbedeutende Fraktion jüngerer Forscher hält heute allerdings den Untergang bei einer gescheiterten Nordexpedition um 120, der ungefähren Zeit kurz vor der Errichtung der Befestigungslinie aufgrund der neuen defensiven Strategie Hadrians durchaus für möglich. Die gelehrte Diskussion ist alles andere als abgeschlossen.

            Wie Die letzte Legion und der Adler der Neunten Legion liefert Centurion ergo einen Beitrag zum Mythos. Der Beginn des Filmes hebt sich nicht von vielen Vorgängern ab: Blick auf eine Karte mit lateinischen Namen, die Ausgangssituation wird durch Texteinschübe vorgestellt. Das dritte klassische Einstiegsmittel, die Erzählerstimme aus dem Off, in diesem Fall des Zenturios Quintus Dias, wird später nachgereicht. Dazwischen liegt jedoch ein außergewöhnlicher Bruch zum Genre. Dieses ist, Folge der historischen Vorgaben, zumeist im erweiterten Mittelmeerraum angesiedelt, südlich-sonnig. Die auf den kurzen Prolog folgenden Einstellungen präsentieren jedoch keineswegs eine Sand-, sondern eine Schneewüste: in minutenlangen Fahrten bzw. Flügen schwebt die Kamera über vereiste und raue Gebirgslandschaften, bevor ein winziger Mensch sichtbar wird, vereinzelt und holprig sich fortbewegend. Im Vorgriff auf späteres Geschehen sieht man den entflohenen Gefangenen Quintus erstmals auf der Flucht. Die Aufnahmen versinnbildlichen gleich mehrere Kontraste. Inmitten der weiten und leeren Landschaft wirkt der Mensch nicht nur verloren, sondern auch ausgeliefert, ein sichtbarer Fremdkörper; dies wird dreifach symbolisch unterstrichen. Quintus ist verletzlich, noch immer von den erlittenen Folterungen gekennzeichnet; er ist unfrei, da er noch immer die Handfesseln trägt; und er ist buchstäblich ein Fremdkörper, der sich halbnackt durch die feindliche Umgebung schlägt. Ein Schicksal, das sich für ihn und seine Kameraden später wiederholen wird. Die Römer haben hier nicht nur die Menschen – die Pikten – sondern auch die Natur als Gegner. Wobei nicht vergessen werden darf, dass es nur die Menschen sind, die töten. Keiner der Figuren im Film wird Opfer der Natur, nur der Mitmenschen.

            In Centurion fällt der Versuch auf, möglichst authentisch wirken zu wollen. Auf die Ausstattung und ihre Akkuratheit wurde sehr viel Wert gelegt, was wohltuend von den üblichen Mischmasch- oder Phantasie-Uniformen und -Gerätschaften abweicht: die Rüstungen, Waffen, die Kleidung, aber auch die halbprovisorischen Kastelle – aus Holz und mit Zelten als Innenbauten – sowie das Piktendorf orientieren sich an den historischen Vorgaben. Sicher, es gibt auch hier diesen oder jenen Mangel, so trugen die Legionäre im Westen und Norden des Reiches zumeist die leichtere Kettenhemdenausrüstung statt der schweren lorica segmata, und die Offiziere nicht ständig ihre Auszeichnungen auf der Brust, doch im Großen und Ganzen kommt man den Originalen recht nahe. Ein liebevolles Detail ist beispielsweise, dass Quintus im verlassenen Nordkastell zum Anzünden eines umgestürzten Wagens eine Öllampe in antiker Form ausgießt. Die überlieferten Zeitabläufe werden ebenfalls grob eingehalten. Umso erstaunlicher ist eine frappierende Auffälligkeit: der Name des Statthalters Agricola. Zwar war ein Mann dieses Namens Statthalter in Britannien, doch gut vierzig Jahre früher. Wir kennen ihn und seine Amtszeit im Norden ziemlich genau, denn er hatte einen berühmten Schwiegersohn, der seine Biographie verfasst hat: Tacitus. Der historische Agricola war auch keineswegs ein reiner intriganter Schreibtischstratege, sondern als Feldherr Sieger gegen die Nordstämme in der berühmten Schlacht am Mons Graupius 83 oder 84 n.Chr. – an der auch die 9. Legion teilnahm. Die Völker des Nordens nannte man damals auch noch nicht Pikten, sondern zusammenfassend Caledonier, der erstere Begriff taucht erst im 4. Jahrhundert nach Christus auf. Das Piktische, das im Film gesprochen wird, ist aufgrund mangelnder Kenntnisse über diese Sprache schottisches Gälisch, dafür jedoch tatsächlich akkurat, d.h. die Schauspieler sprechen auf Gälisch die in den Untertiteln übersetzten Sätze.

            Auch dies verweist darauf, dass man sich viel Mühe gemacht hat, die erwähnte Authentizität herzustellen. Nicht in geringem Umfang gehört hierzu, dass in Schottland gedreht und dabei keinerlei Rücksichten auf die Befindlichkeiten der Schauspieler genommen wurde, was Wetterverhältnisse und die Umgebung anging – die Darsteller mussten in ihrer Kleidung bzw. Rüstung ins Wasser oder in den Dreck, wenn dies erforderlich war. Frost, Regen und Schneefall sind tatsächlich überwiegend Frost, Regen und Schneefall. Einen seltsamen Kontrast zu diesem Realismuskonzept bieten deshalb die sehr auffälligen Kampf- und Folterszenen. Hier wird nicht an Übertreibungen gespart. So sehr es dem Film gelingt, etwa das langwierige und zermürbende Warten der Soldaten abzubilden, ihren Frust über das Verweigern der Pikten, sich in eine offene Feldschlacht zu begeben, und so sehr lobenswert es ist, dass die Grausamkeit nach der Schlacht gezeigt wird, wenn Quintus und die wenigen Überlebenden gänzlich unheroisch zwischen den vielen verstümmelten Toten hindurchgehen – ein im Sandalenfilm selten gezeigtes Bild – so übertrieben brutal wirken die jeweiligen Kampfszenen. Es gibt kaum Gliedmaßen, die nicht irgendwann irgendwem abgetrennt werden und keine Waffe vom Pfeil bis zum Metzgerbeil, die nicht irgendwann irgendwem in den Körper fliegt, dem Zuschauer bleibt kaum etwas erspart. Während die vorher erwähnten Szenen in ihrem Bemühen, das wenig romantische Bild der antiken Kriegsführung hervorzuheben, neue Wege gehen, wirkt diese Liebe zum Splatter zu plakativ. Erklärbar ist sie vermutlich aus der Herkunft des Regisseurs vom Horrorfilm, wo er sich mit solchen Szenarien einen Namen gemacht hatte – negative, aber konsequente Folge: in Deutschland trug dies dem Film ein FSK-Urteil 18 ein.

            Anders als bei solch einem cineastischen Vorleben des Autorenfilmers Marshall möglicherweise erwartbar, hält sich Centurion ebenfalls wohltuend (fast) von jeglichem metaphysischen Überbau fern. Übernatürliches, Mystisches oder den christlichen Einschlag zahlreicher Streifen des Genres sucht man vergebens – im Gegenteil. Dort wo es aufzutreten scheint, wird jeweils eine rational-nüchterne Gegenerklärung mitgeliefert. So werden die beide stark kontrastierenden Frauengestalten Etain und Arianne zwar als eine Art schamanische Zauberin präsentiert: Etain erweist sich als untäuschbare Verfolgerin, die auch gewisse Riten vollzieht, Arianne ist das positive Gegenbild, welches medizinische Kenntnisse besitzt und die Natur, in der sie lebt, um sich herum beherrscht. Genau dies ist bereits die Erklärung: beide Figuren ziehen ihre Vorteile lediglich aus genauer Kenntnis der Natur, die Riten Etains sind nur Bei- oder Blendwerk. Ihre Eigenschaft als hervorragende Fährtenleserin hat nichts Übernatürliches, sondern beruht auf genauer Beobachtung, auch wenn dies den Legionären unheimlich vorkommt, die sie als demon und part-wolf beschreiben. Angemerkt sei, dass sie ihr die Spurensuche kaum sehr schwer machen: nicht nur lassen sie das getötete Wild offen in der Landschaft liegen, mehrfach laufen sie mitten durch freie Schneeflächen, dadurch deutliche Schneisen hinterlassend.

 
            Etain und Arianne sind trotzdem bezeichnend für das – wieder einmal – eher eindimensionale Frauenbild des Sandalenfilms auch im 21. Jahrhundert. Immerhin wird der historische Befund, der von einer hohen Stellung der Frau unter den Pikten ausgeht, wiedergegeben, denn Etain führt das Verfolgungskommando an und unter den Kriegern gibt es auch Frauen; gehandelt wird gleichwohl nach dem Willen Gorlacons. Olga Kurylenkos Rolle bleibt zwiespältig: sie ist, wie schon Mira in der Letzten Legion, eine Art weibliche Actionheldin, allerdings negativer Art. Sie ist auch nicht reine Täterin, sondern wie Gorlacon, Opfer römischer Gewalt, als deren Konsequenz sie ihre Familie und ihre Zunge verloren hat, weshalb sie stumm ist. Ihr Selbstbewusstsein beruht folglich auf einem unversöhnlichen Rachegedanken – einem persönlichen Feldzug gegen die Römer. Zwar ist sie eine starke Figur, wenn man so möchte, doch unweigerlich auch die böse, rein emotional angetriebene Hauptgegnerin. Humanität in irgendeiner Form ist von ihr nicht zu erwarten. Dies fällt naturgemäß insbesondere durch ihr Gegenstück auf: Arianne, kein Opfer der Römer, sondern ihres eigenen Volkes, wirkt weiblich, was sich unter anderem in ihrer Kleidung ausdrückt, sie ist keine Kriegerin, sondern übernimmt traditionell frauliche Aufgaben: Kochen und Heilen. Statt Verfolgung gewährt sie Zuflucht, so dass Quintus sich am Ende wieder in diese Geborgenheit zurückbegibt. Es gibt noch eine dritte weibliche Person von Bedeutung in dem Film, die Frau des Statthalters Agricola. Sie macht den Vorschlag, den heimgekehrten Quintus zu töten und sie war es auch –  wie eine geschnittene Episode belegt – die das ganze Vorhaben des Feldzugs gegen die skeptischen Generäle überhaupt durchgesetzt hatte. Am Anfang des gesamten unglücklichen Verlaufes steht folglich eine Frau. Keine der drei Figuren weicht von gängigen Schemata ab.

            Ein weiteres gängiges Schema wurde bereits im Verhalten der Frau Agricolas angedeutet. Sein Beweggrund, endgültig den Sieg über die Pikten herbeizuführen, ist weder politisch noch militärisch, sondern eigennützig: kurz vor seinem Aufbruch nach Rom möchte er dort einen Erfolg aufweisen, um sich für höhere Ämter zu empfehlen. Skrupel, dieses egoistische Motiv vor Virilus, dem Kommandanten der 9. Legion, zuzugeben hat er nicht, beruft er sich doch auf seine Befehlsgewalt. Dieser hält ihm anschließend den geradezu klassischen Satz entgegen: Governor, you’re the politician, I’m just a simple soldier. Erneut trifft der intrigante, korrupte und ränkeschmiedende Politiker auf den ehrlichen und einfachen Soldaten, der diesem als Spielball dient. Dass hier der zeitgenössische Hintergrund der Entstehung des Filmes mitspielt, macht auch ein Satz Quintus’ deutlich, den er angesichts der neuen Politik Hadrians äußert, sich hinter eine starke defensive Position zurückzuziehen: Then we fought for nothing. Der Soldat erscheint ein weiteres Mal nur als Schachfigur von Verhältnissen, die er nicht durchblickt und die ihm unsinnig erscheinen – dementsprechend lässt Agricola am Ende das Symbol der 9. Legion auf seiner Generalstabskarte, eine Reiterstatue, buchstäblich von der Bildfläche verschwinden.

            Die Charakterisierung der Legionäre geht folgerichtig nicht über das gewohnte Maß an Kameraderie, Männlichkeitsritualen und zotigem Humor hinaus. Abgott der Soldaten ist ihr General: scholar, father, brother, god, wird er halbironisch genannt und in der Beschreibung, er sei ein ruthless, reckless bastard liegt nicht Verachtung, sondern Faszination: and I’d die for him without hesitation. Dies markiert den schwächsten Punkt des gesamten Filmes: selbst der stets melancholisch-nachdenklich wirkende Quintus, der nicht dem Ideal eines unreflektierten Haudraufs entspricht, werden ungemein plumpe Sätze in den Mund gelegt wie My father – nebenbei: ein berühmter Gladiator – taught me that in life, duty and honour matter above all things. Das möchte man nicht hoffen. Grotesk auch seine pseudophilosophischen Gedanken auf der Flucht: These men are the best I’ve ever seen. Am I worthy to lead them? Der erste Teil ist offensichtlich ein krasses Fehlurteil: unter ihnen befinden sich Nörgler wie Macros, der sich nur widerwillig den Anweisungen Quintus fügt, ein zwar sympathischer, aber doch kaum unter soldatischen Anforderungen als the best I’ve ever seen zu betrachtender Koch aus dem Tross und der Verräter und Verursacher der derzeitigen Misere Thax. Über wenig mehr als Phrasenhaftes erheben sich die Dialoge des Filmes leider kaum.

            Mit der verheerenden Niederlage im Wald, von der man sich vermutlich durch die Varusschlacht hat inspirieren lassen, beginnt das anfangs erwähnte Abzählschema. Die wenigen Überlebenden sind ab diesem Zeitpunkt Freiwild für die siegreichen Pikten, die Jagd auf dem Gemetzel entkommene Legionäre machen. Dieser Suche entkommen die sieben Soldaten unter dem Kommando Quintus’ zwar – sie sind eine gelungene Repräsentation der Größe des Römischen Reiches mit Mitgliedern aus allen drei damals bekannten Kontinenten – doch setzt sie das misslungene Vorhaben der Befreiung des Generals einer erneuten, nun noch zielstrebigeren Verfolgung aus. Der Grund hierfür ist jedoch ein neuer: in einer seltsam schwammigen Schlüsselszene tötet der Legionär Thax heimlich den Sohn Gorlacons. Undeutlich bleibt die Szene, weil es erst so wirkt, als würde Thax den Jungen, der ihn in der Hütte des Häuptlings zufällig aufstöbert, versehentlich beim Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, erwürgen. Den eigentlichen Tötungsakt sieht man nicht. Als er die Hütte verlässt, schickt er dem nun toten Kind ein for the Ninth hinterher – was wiederum nach vorsätzlicher Rache klingt. Da er außerdem vorher bereits als nicht gerade sympathischer Charakter eingeführt worden ist, der sich grob sexuell an Etain herangemacht hat, und aufgrund seines späteren Verhaltens wird eine negative Lesart zwar eindeutig bevorzugt, aus der Szene selbst geht sie jedoch nicht unbedingt hervor. Wie auch immer, die Folgen sind klar: Gorlacon will Rache an den verantwortlichen Römern. Deren ständige Flucht wird verkörpert durch das Laufen. Wenn sie sich nicht gerade ausruhen, sind sie in Bewegung, Sinnbild ihrer Unfreiheit. Selbst das geschnitzte Pferd, das Quintus als Geschenk Arianne hinterlässt, ist in einem Moment der Bewegung festgehalten. We are the prey, so Quintus, und die Großaufnahmen der nun sieben Männer in menschenverlorenen Landschaften wiederholen sich. Dass sie hierbei zunehmend ihre römische Identität verlieren, zeichnet sich auch an der Transformation ihrer Kleidung ab: nach der Schlacht legen sie ihre schweren Rüstungen ab, vor dem Sprung ins Wasser weitere Teile, bis sie sich äußerlich immer mehr ihren Feinden angepasst haben – für Bothos am Ende eine tödliche Entwicklung. Römischen Boden betreten kann der letzte Überlebende Quintus nur, nachdem er wieder seine traditionelle Tunika trägt.                         

            Es gibt ein interessantes wiederkehrendes Motiv in dem Film, das noch dazu im Widerspruch steht zum erwähnten Männlichkeitskult, der unter den Soldaten herrscht und den der Film sonst relativ ungebrochen transportiert. Dreimal werden Personen beim stehenden Urinieren gezeigt: zu Beginn der Quintus übergeordnete Zenturio, der sich auf der Kastellmauer erleichtert und deshalb als leicht erkennbares Ziel als erster den Tod beim Überfall der Pikten erleidet. Der gefangene Quintus wird der Folter des Waterboarding unterzogen, wobei Gorlacon als zusätzliche Demütigung vorher in das Fass pinkelt. Und drittens schlägt Quintus selbst frühmorgendlich sein Wasser in den Fluss ab, bevor er bemerkt, dass gleich neben ihm Arianne dort Fische fängt. Auch wenn letzterer Moment für einen der wenigen entspannenden comic reliefs liefert, ist es interessant, dass in allen drei Fällen dieses machistische Symbol für Quintus einen Moment der Demütigung und der Unsicherheit beinhaltet. Der Tod des Zenturio ist der Beginn seiner Dauerflucht und persönlichen Misere, die Folter ist ein buchstäblicher, das Ertapptwerden am Fluss im übertragenen Sinne ein peinlicher Moment. Das Urinieren – passiv und aktiv – geht stets einher mit Schutzlosigkeit.

            Darin deutet sich ein grundlegender Zug des gesamten Filmes an. Centurion basiert auf einer durch und durch pessimistischen Weltsicht. Etwas plakativ formuliert gilt hier Murphys Gesetz in voller Konsequenz: was schief gehen kann, geht schief. Egal welche Motivation die einzelnen Personen haben, ob gute oder schlechte, ihre Vorhaben sind nicht von Erfolg gekrönt. Die Intrigen Agricolas, erst der anvisierte prestigeträchtige Sieg, dann die Beseitigung Quintus’: gehen schief. Virilus ungewollter Feldzug: endet in einer desatrösen Falle. Quintus Befreiungsversuch des Generals: scheitert und führt zu neuem Unglück durch die Tötung des Kindes. Gorlacons Sieg über die Römer hat indirekt den Tod seines Sohnes zufolge, sein Auftrag der Blutrache wird den gesamten Verfolgungstrupp das Leben kosten, aber sein Ziel letztendlich trotzdem verfehlen: Quintus überlebt (vermutlich). Dieser wiederum erfüllt den Auftrag des Generals nicht: er bringt keinen der ihm anvertrauten Legionäre zurück auf römisches Gebiet. Statt Lohn erwartet ihn dort ein Mordanschlag. Auch ist so gut wie niemand in diesem Universum unschuldig: zwar sind die Pikten dank ihrer Vorgeschichte als Opfer römischer Unterdrückung keineswegs rein böse Gestalten, Gorlacons Motive sowie Etains Rachsucht werden dadurch jedoch trotzdem auf rein persönliche Ursachen reduziert – wie Agricola seinem Ehrgeiz, dienen folglich auch sie nicht der höheren Sache – Befreiung vom römischen Joch – sondern nutzen diese, um eigene Ziele zu instrumentalisieren. Nicht einmal das getötete Kind ist unschuldig – es hat sich vorher an der Folterung des Virilus’ beteiligt. Dem entspricht auch der Schluss. Zwar wird Ariannes Hütte auf ihrer Lichtung am rauschenden Fluss, wo selbst der Schneefall noch sonnendurchleuchtet ist, wie ein Idyll präsentiert und explizit sanctuary genannt, doch ist dieser Zufluchtsort prekär. Arianne ist eine Außenseiterin, von Gorlacon gezeichnet und verstoßen, und für Quintus gilt dasselbe, er wurde von seinem Volk im wahrsten Sinne des Wortes ausgegrenzt. Die Hütte ist alles andere als ein sicherer Schutzort – doch es ist ohnehin nicht klar, ob Quintus überlebt hat: schwerverletzt fällt er vor Arianne vom Pferd.

Diese wenig erbauliche Weltsicht, der damit einhergehend abwesende metaphysische Überbau sowie das erwähnte Bemühen um eine gewisse Authentizität machen Centurion trotz aller erwähnten und teils groben Mängel, Stereotypen und fragwürdiger Ideologie zu einem ungewöhnlichen Exempel innerhalb des Sandalenfilmgenres. Hinzukommt, dass der Kernplot, d.h. Geschichte und Ursachen der Flucht, durchaus Plausibilität und eine nachvollziehbare Logik besitzen, was ja nicht unbedingt zu den hervorstechendsten Eigenschaften solcher Filme gehört. Den fatalistischen Grundzug seines Werkes unterstreicht Regisseur Neil Marshall zusätzlich durch eine ironische Brechung, indem er selbst die Rolle des römischen Legionärs auf dem Hadrianswall übernimmt, der den freudig heranreitenden Bothos aufgrund eines Missverständnis per Bogenschuss tötet. So wenig die Charaktere durch Tiefe oder Fähigkeit zum Wandel auffallen, so sehr nutzt das hervorragend besetzte Schauspielerensemble das geringe Potential der ihnen vorgegebenen Figuren. Eine schöne Pointe ist, dass auch Agricolas immanentes Vorhaben, das Schicksal der 9. Legion vergessen zu machen, auf der externen Metaebene zum Scheitern verurteilt ist – durch Filme wie Centurion.