Donnerstag, 30. Januar 2020

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (15): Robert Walser - Geschwister Tanner.


Robert Walser: Geschwister Tanner. st 2724

Der Schweizer Robert Walser (1878-1956) gehört zu den großen Unbekannten oder eher noch zu den unbekannten Größen der deutschsprachigen Literatur. Schon immer von seinen zeitgenössischen Schriftsteller*innenkollegen wie Christian Morgenstern, Hermann Hesse oder Franz Kafka und bis heute von Autoren und den Fachleuten der Literaturwissenschaft hoch geschätzt, hat er nie den Zugang zum großen Publikum gefunden, obwohl seine Bücher dankenswerterweise weiterhin regelmäßig aufgelegt werden. Er ist ein anerkannter moderner Klassiker, der unter das Phänomen des writer’s writer zu fallen scheint, wie dies die Amerikaner nennen.
Warum eigentlich? Eine endgültige Beantwortung dieser Frage dürfte vermutlich kaum möglich sein, doch hilft die Suche danach, sich dem Werk Walsers anzunähern. An der Sprache kann es nicht liegen, Walser schreibt ein zugängliches, scheinbar einfaches Deutsch, auch in seinem Erstlingsroman Geschwister Tanner (1906), ganz wie es dem Charakter seiner Hauptfigur entspricht. Simon Tanner, der Protagonist, durch dessen Sicht die Handlung bestimmt wird, bringt in diese eine naiv erscheinende Weltsicht ein, die sich deshalb auch in der vermittelnden klaren Sprache widerspiegelt. Simon war voller Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich auf schöne Gedanken (17), gleichwohl ist er alles andere als eine Schelmenfigur, auch wenn, gerade zu Beginn, immer wieder Spuren in diese Richtung gelegt werden, außerdem würden einzuziehende Erklärungen über mich nur schlecht lauten, um offen die Wahrheit zu sagen (9), bekennt er gleich zu Beginn, so wie er auch seine Unbeständigkeit in Arbeitsverhältnissen noch vor Antritt eingesteht, die sich, wie die Leser*innen – und Arbeitgeber*innen – bald feststellen werden, in schöner Folge noch jedes Mal auch tatsächlich einstellen wird. Simons Bekenntnis ist folglich keineswegs Koketterie, sondern nur Ausdruck seiner Ehrlichkeit. Beides bringt ihm in seiner Umwelt – dem modernen Arbeitsleben – kein Glück. Die Kontrastfiguren, seine Geschwister, lassen dieses Scheitern umso deutlicher werden, nicht nur, wenn sie wie sein Bruder Klaus das genaue Gegenteil eines korrekten Bürgertums verkörpern, sondern gerade, wenn sie wie sein malender Bruder Kasper oder seine Schwester als Lehrerin in künstlerischem oder geistigem Rahmen durchaus reüssieren. Als Menetekel droht jedoch das Schicksal eines weiteren Bruders, der in der Irrenanstalt untergebracht ist (vgl. 214f) – die ambivalente Haltung Simons ihm gegenüber unterstreicht, dass er die Gefahren seines eigenen unentschiedenen Daseins durchaus wahrnimmt.
Dem Bruder Klaus, der so pflichtversessen ist, dass er die Pflicht versäumte, selbst ein bisschen glücklich zu sein (11), er schafft sich selber und andern immer Sorgen (140), setzt Simon sein Verständnis ungebundener Freiheit entgegen, Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man eine Gegenwart, so vergisst man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken (40), ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte, mein Werk in die Tat umzusetzen (7), Das Leben, es braucht mir gar nicht so sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen Augen. Es ist mir meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es unschön nennen und es damit beschimpfen (215) – Bekenntnisse Simons dieser Art sind Legion und scheinen auf den ersten Blick das Bild vom fröhlichen Taugenichts Eichendorffscher Herkunft zu bestätigen. Tatsächlich aber befindet sich Simon in einer Umgebung, die solches Verhalten nicht mehr toleriert – wenn sie es jemals getan haben sollte. Geschwister Tanner ist ein Roman der Moderne, Simons, wenn man so will, spätromantische Lebenshaltung mag zwar sympathisch wirken – obwohl Walser auch hier Eindeutigkeiten vermeidet – das von ihm erstrebte Glück erreicht er hiermit aber ebenso wenig wie das völlige Spießertum seines Bruders Klaus.
Der Monotonie des modernen Arbeitslebens, der Herde von Lämmern (33), die Simon einer scharfen Kritik unterzieht, entkommt er zwar durch seine ständigen Ausstiege aus dem Angestelltendasein, zahlt dafür aber den hohen Preis der Unsicherheit, der ihn in Armenküchen oder eben wieder zurück in immer schlechter bezahlte Dienstverhältnisse zwingt. Auch menschliche Bindungen aufzubauen fällt ihm dadurch schwer, die Beziehungen zu seinen Geschwistern sind zwar liebevoll, aber keineswegs unproblematisch, Hedwig, die Lehrerin, die ihn  eine zeitlang beherbergt und versorgt, analysiert ihn als jemand, den nicht viele Menschen lieben (158) werden, Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges, etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird viele beleidigen, man wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen geben können; doch wird dir das nie Angst einjagen (158). Die Beschreibung seiner Schwester ist ebenso zutreffend, wie ihr Urteil, Simon verstehe es gleichzeitig, zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht wichtiger, als das Sprechen (158). Zusätzlich ist er kontaktfreudig und ohne Scheu, ausgestattet mit Fantasie und der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, oder besser: hineinzuphantasieren (vgl. 23). Und doch bleibt er außen vor, selbst die teils engen Beziehungen zu seinen Geschwistern und zu Bekannten sind ebenso brüchig und instabil wie seine Arbeits- und Wohnverhältnisse.
Schwere Zugänglichkeit zu einer größeren Leserschaft könnte auch experimenteller Stil hervorrufen – auch dieser ist, oberflächlich, bei Walser nicht zu finden. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass hier kein konventioneller Roman erzählt wird. Tatsächlich evoziert das Arrangement einen Entwicklungs- oder Bildungsroman, doch weder das eine noch das andere findet statt. Die äußere und innere Situation Simons ist am Ende die gleiche wie zu Beginn und sie ist es nicht nach einem durchlaufenen Erkenntnisgewinn, sondern sie ist statisch. Zwar gibt es eine milde, aber letztlich nicht ausschlaggebende Chronologie, die einzelnen Abschnitte können problemlos verschoben werden. Simons ständige Kündigungen und Rauswürfe, seine Wohnungssuchen und abbrechenden Freundschaften reihen sich auch deshalb austauschbar aneinander, weil hieraus kein Lernprozess entsteht, ganz gemäß seinem oben erklärten Diktum, nur in der Gegenwart leben zu wollen (vgl. auch 284); es ist nur konsequent, dass er einen biographischen Text über seine Kindheit nach der Vollendung sofort wieder zerstört (vgl. 103-111). Vielleicht ist es diese rigorose Sorglosigkeit, die das Scheitern in Kauf nimmt, die viele Leser*innen hinter der schönen, scheinbar naiven Sprache Walsers und seines alter Ego Simon Tanner so verstört hat: Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen. Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung entgehen. (233)  


             

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