Dienstag, 13. März 2018

Lektüremonat Februar 2018.

 
Rose Tremain: Melodie der Stille.


Die Jahre 1629/30 am dänischen Königshof, wo der melancholische Träumer Christian IV. regiert, der einerseits von Ideen beseelt ist, die er – wie seine Schlossbauten – in die Tat umsetzt, andererseits politisch wie privat unglücklich agiert, er verliert gegen die katholische Liga im Reich, er ruiniert den Staatshaushalt, er deckt die Betrügereien seiner Gattin auf. Rose Tremain (geboren 1943), Britin, verwebt persönliche Schicksale um Christians Hof auf äußerst kunstvolle Weise in ihrem klugen historischen Roman, der seinem Titel alle Ehre macht, denn er widmet sich den Ereignissen auf ruhige, trotzdem spannende Art, in der die liebevoll geschilderten Personen – selbst die bösartigeren – bei Leser und Leserin Sympathie erwecken. König Christian liebt es, seine Gäste durch indirekte Musik zu verblüffen. Rose Tremain verblüfft durch ihr stilles Schreiben, hinter dem großes Können nicht nur zu erahnen ist.  

Marie Hermanson: Muschelstrand.

Was soll man über Marie Hermanson (geboren 1956) schon sagen? Marie Hermanson ist Marie Hermanson ist Marie Hermanson. Oder anders: eine literarische Göttin. Die Schwedin besitzt die Fähigkeit, unglaublich Spektakuläres im positiven Sinne unglaublich unspektakulär zu erzählen. Schreckliche, groteske und bizarre Ereignisse treten in den Alltag der Gegenwart, ständig kommt es zu verblüffenden Wendungen, unerklärlichen Vorkommnissen, traurigen Ereignissen und doch verfallen Hermansons Geschichten nie dem plump Sensationellen oder der billigen Kolportage. Dies liegt an den zahlreichen Künsten der Autorin, die eine äußerst genaue Beobachterin (und Beschreiberin) ist, in deren Texten selbst die abseitigste Nebenbemerkung ihren genauen Platz hat, wo alles mit allem verknüpft ist, aber nichts mit oberflächlichen Erklärungen abgehandelt wird, wo die Figuren mit Sympathie geschildert werden, wie seltsam sie sich auch verhalten mögen. Dies alles gilt naturgemäß auch für „Muschelstrand“, Hermansons berühmtestem Roman. Ulrika, eine Ethnologin, reist mit ihren beiden Kindern zu den Sommerhäusern, wo sie einst die Sommer ihrer Kindheit und Jugend verbrachte. An besagtem Muschelstrand finden sie durch Zufall ein menschliches Skelett. In Rückblenden erinnert sich Ulrika an die Ferien vor gut 25 Jahren, als bei der Nachbarsfamilie ein Kind verschwand. Doch dieses ist nicht das Skelett – denn das Kind kehrte auf mysteriöse Weise wieder. Als mit Hermanson Vertrauter ist man etwas überrascht, dass die Parallelgeschichte, Kristinas Biographie, die Erklärung für dieses Geschehen zu liefern scheint. Was natürlich – es ist eben doch ein Hermanson – nicht der Fall ist. Aber die Pointen sollen nicht verraten werden. Marie Hermanson gehört zu den Schriftsteller*innen, zu denen man greift, wenn man verlässlich intelligent und extrem spannend auf hohem Niveau unterhalten werden will. Suchtfaktor.

 
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil.

Wie schreibt man über die fortschreitende Alzheimerkrankheit des eigenen Vaters? Zahlreiche Gefahren tun sich auf: weinerlich-sentimentale Betroffenheitsprosa, ein Ratgebertonfall, der Bescheidwissen vorgaukelt, oder eine Distanzierung in nüchternem, quasi-klinischem Ton. Hinzukommt bei solch einem persönlichen und sehr intimen Thema (ähnlich wie in der Tagebuch- und Briefliteratur) ein möglicher Voyeurismus – noch dazu, wenn man eine öffentliche Person ist wie Arno Geiger (geboren 1968), immerhin der erste Träger des Deutschen Buchpreises. Gerade weil Geiger ein reflektierter Schriftsteller ist, entgeht er diesen Fallen, weder schreibt er einen dokumentarischen Bericht, noch ein Tagebuch des Verfalls, keinen nostalgischen Rückblick auf das Leben des Vaters – auch wenn sein Buch naturgemäß durchaus solche Elemente enthält, entzieht sich die Schilderung der Wirkung der seit vielen Jahren voranschreitenden Krankheit gängigen Mustern. Geiger beschönigt nichts, dramatisiert aber auch nicht, er schreibt eine äußerst liebevolle Hommage an den Vater, ohne zu verklären, weder die alten noch die krankheitsbedingten Konflikte werden verschwiegen. Und auch ratgeberhaft ist das Buch nicht, da Geiger eine an und für sich banale, aber oft übersehene Erkenntnis betont: da Alzheimer das Gehirn und damit den Sitz unserer Persönlichkeit angreift, lassen sich – anders als etwa bei Leberkrankheiten – keine allgemeinen Aussagen treffen. Auch bei Geiger ist die immer umfassender werdende Betreuung des Vaters schwierig, doch die ursprüngliche Persönlichkeit August Geigers, die durch die Reduktion teils geradezu verstärkt wird, seine Selbstgenügsamkeit, seine fast buchstäbliche Bodenständigkeit und seine mit Humor gepaarte Gelassenheit ermöglichen auch eine neue Verbundenheit – ein tröstlicher Effekt, der die entfremdete Familie wieder enger zusammenschweißt. Wie gesagt, die Verläufe sind verschieden, auch Geigers Vater hat Momente des Verdämmerns, der Aggression, aber Geigers Buch mahnt dazu, sich auf die neue Welt des Erkrankten einzulassen, zu begreifen, dass hier etwas Neues, Unumkehrbares entsteht, dass in aller Unzugänglichkeit und Fremdheit akzeptiert werden muss, um den zugegeben schwierig Umgang miteinander zu ermöglichen. Und so wenig man es angesichts des Themas glauben mag, das Buch besitzt auch einen – sicher etwas traurigen, aber deutlichen vorhandenen – Humor. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein großes Werk, ein wichtiges Buch, das jedem empfohlen sei zu lesen.

 
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes.

„Der Schatten des Windes“ mutierte kurz nach seinem Erscheinen 2001 sehr schnell zu einem internationalen Bestseller mit Millionenauflage. Kein Wunder, vereint der Spanier Zafón (geboren 1964) doch gekonnt den klassischen Schauerroman mit Kolportage und Thriller. Deswegen erleben wir hier alles, was man erwarten darf: ein mysteriöses Buch im Buch mit geheimnisvollem Autor, skurrile Figuren, verfallende Villen, Särge in versteckten Krypten, einen ultrabösen Schurken, eine Liebesgeschichte, Kapitel, die mit der Ankündigung des eigenen Todes enden, schöne Frauen, hässliche Intrigen, großstädtisches Flair – und was nicht noch alles, was hier nicht verraten werden darf. Nun, wenn es so einfach wäre, würden wir alle Beststeller nach diesem Rezept schreiben – natürlich gehört ein ordentliches Talent dazu, diese Elemente zu verknüpfen und das Ganze auf einem sprachlich lesbaren Niveau zu erzählen. Ohne Zweifel ist dies Zafón gelungen. Sein Roman ist ein flüssiges, ungemein spannendes Buch mit vielen Wendungen, Rätseln und Figuren zum Gernhaben (und Hassen). Das Frauenbild ist etwas altbacken – sie sind nur Ergänzungsfiguren zu den handelnden Männern – und der politische Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges bleibt reichlich diffus. Die spanische Literatur wird das Buch nicht revolutionieren, aber ein unterhaltsamer Lesespaß ist es allemal.

 
Jack London: König Alkohol.

Es steht Roman auf dem Umschlag, doch eigentlich ist „König Alkohol“ ein autobiographischer Großessay. London (1876-1916) schildert seine Erlebnisse mit dem Alkohol seit Kindertagen, als er – mit fünf Jahren – seinen ersten versehentlichen Vollrausch hatte. Das Buch ist sein Plädoyer gegen den verderblichen Einfluss des Alkohols, dem er sich selbst nie entziehen konnte – nun war aber London keineswegs ein Schweralkoholiker, diesen Fall (hervorragend geschildert in Hans Falladas „Der Trinker“) hält er nicht ganz zu Unrecht, weil klinisch, auch für nicht repräsentativ, sondern London war ein Gesellschaftstrinker, der oft sehr lange abstinente Phasen hatte, in denen er nicht nur keinen Tropfen anrührte, sondern ihm das Verlangen danach völlig abging. Die Gefahr und die Macht des Alkohols sah London also in dessen Fähigkeit, sozial verbindend zu sein, vereinfacht gesagt: beim gemeinsamen Gläschen sitzt es sich angenehmer, man kommt leichter ins Gespräch, man hat etwas Verbindendes. Erst später tritt auch bei London der Spezialfall auf, dass er glaubt, ohne das tägliche Pensum mangele es ihm an kreativer Kraft – er bezieht das allerdings auch auf körperliche Kräfte, wenn etwa der Alkohol schwere Arbeit erträglicher macht. London sah nur eine Hoffnung: die Frauen. Sie allein hielt er für fähig, die Prohibition durchzusetzen. Dass diese letztlich ebensowenig Erfolg haben würde, musste London nicht mehr erleben: er starb vierzigjährig. Über die Todesursache bestehen bis heute Zweifel – dass der Alkohol dabei eine Rolle gespielt haben könnte, wird man wohl kaum in Abrede stellen können.

 
Martina Hefter: Zurück auf Los.

Man sollte Klappentexten nicht allzu viel Vertrauen schenken, aber der Buchrücken der Taschenbuchausgabe von Martina Hefters (geboren 1965) Roman ist doch recht aufschlussreich. „Eine junge Frau durchlebt, an der Rezeption eines Hotels sitzend, die Nacht, in der ihr Freund seine Sachen packt und sie verläßt.“ Dies und nicht mehr steht dort – und dem ist inhaltlich auch nichts hinzuzufügen. Nun, beigefügt ist dem ganzen noch ein Halbsatz aus der NZZ, verkündend, das dieses Buch „brillant mit der Sprache operiert“, was man von eben jenem Halbsatz nicht behaupten kann. Erfahrene Klappentextleser*innen wissen, dass eine lobende Kritik der NZZ ähnlich wie eine enthusiastische Rezension der FAZ für gewöhnlich ein Buch charakterisiert, das solides Handwerk mit zäher Langeweile vereint. Quod erat demonstrandum.

 
F. Scott Fitzgerald: Der letzte Taikun.

Die etwas befremdliche Form des Titels – im Original: "The Last Tycoon" – geht auf die frühe und auch an anderer Stelle oft mehr als fragwürdige Übersetzung zurück; allen Ernstes wird dort beispielsweise „grandfather clock“ mit „Großväteruhr“ übersetzt. Fitzgeralds (1986-1940) Roman blieb Fragment, nur der Beginn ist ausgearbeitet, der weitere Verlauf anhand von Entwürfen und Konzepten halbwegs rekonstruierbar. Und das ist ein Verlust. Zwar klingt es nach gar nicht wenig, wenn man weiß, dass immerhin gut 180 Seiten vollendeter Text vorhanden sind, doch auf diesen hat die Handlung erst einigermaßen Fahrt aufgenommen, um die späteren teils sehr spektakulären Ereignisse vorzubereiten. Monroe Stahr ist der letzte Tycoon, eine Art Wunderkind im untergehenden Hollywood der großen Studiofilme, Produzent mit intuitivem Gespür, mit Übersicht und Respekt vor dem was er tut und den zahlreichen Mitarbeitern, die ihn vielleicht nicht unbedingt lieben, aber achten. Doch auch der Herrscher über seine Firma hat nicht die Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten wie einen Film, wo er geradezu allmächtig ist. Er ist – mit 35 – bereits todkrank und Witwer, seine neue Liebe entgleitet ihm. Und wo Erfolg ist, sind Neider. Fitzgeralds geradezu genialer Coup ist es, dass Leben Stahrs aus der Sicht der Tochter seines Erzfeindes schildern zu lassen, die unglücklich in ihn verliebt ist. Leider werden wir nie mehr erfahren, wie die Geschichte weitergeht…        

Januar 2018
   

Mittwoch, 28. Februar 2018

Sandalenfilme nach der Jahrtausendwende (IV): Katharina von Alexandrien.


Katharina von Alexandrien

Katherine of Alexandria / Decline of an Empire GB 2014 110 min.

Regie: Michael Redwood

Buch: Michael Redwood

DarstellerInnen: Nicole Keniheart (Katharina), Peter O’Toole (Gallus), Joss Ackland (Rufus), Steven Berkoff (Liberius), Edward Fox (Kaiser Constantius), Jack Goddard (Constantin), Dudley Sutton (Marcellus), Samantha Beckinsale (Vita), Jean Marlow (Helena), Julien Valon (Maxentius) u.v.m.

 

Ziemlich am Ende des Abspanns des Films Katharina von Alexandrien wird folgender Hinweis eingeblendet: This story is based on historical events. In certain cases/incidents, characters and timelines have been changed for dramatic purposes. Certain characters may be composites, or entirely fictitious. An und für sich wird hiermit nur die Grundlage jeden historischen Erzählens, sei es im Film, sei es in der Literatur, definiert, eine Selbstverständlichkeit, die jedem Zuschauer eines Sandalenfilmes – hoffentlich – bewusst sein dürfte. Womöglich kann es trotzdem nicht schaden, darauf noch einmal aufmerksam zu machen, auch wenn die Stelle, an der dies geschieht, der Aufmerksamkeit des überwiegenden Teils des Publikums sicher entgehen dürfte. Und doch irritiert der Vermerk, gerade weil er an den beliebten Satz Based on a true story erinnert, der gerne verwendet wird, um besondere Authentizität zu suggerieren. Hinzukommt, dass die Sätze am Ende des Filmes auftauchen, selbst dem historischen Laien dürfte zu diesem Zeitpunkt einiges doch recht fragwürdig vorgekommen sein und der mit der Geschichte näher Vertraute wird sie selbst als reichlich fictitious abtun.

            Nun könnte die Crux daran liegen, dass hier eine Heiligenlegende verfilmt wurde. Dies ist immerhin schon ein mutiges, eher ungewöhnliches Unterfangen, das man so allenfalls von amerikanischen religiösen Filmproduzenten kennt, die für ihren eigenen kleinen Markt solche Biopics drehen, die darüber hinaus wenig Aufmerksamkeit erregen. Zwar erfolgte auch die Veröffentlichung Katharinas von Alexandrien sogleich auf DVD und kam nicht in die Kinos, die Gründe hierfür und überhaupt der Hintergrund des Projekts dürften jedoch anders gelegen haben, hier hat kein Orden mit großem Aufwand das Leben seines Stifters verfilmt. Auch der alternative Titel des Filmes, Decline of an Empire, der von der christlichen Thematik nichts erkennen lässt, weist darauf hin, dass hier an ein weit größeres Publikum gedacht war. Eine Heiligenlegende für alle im Jahr 2014 also. Nun gilt das Genre der Legenden, eine eigenständige Erzählkategorie darstellend, per se als notorisch historisch unzuverlässig, dies, könnte man durchaus sagen, ist sogar eines seiner Definitionsmerkmale. Zwar existiert ein grober historischer Rahmen, doch die Geschehnisse und Handlungen unterliegen eigenen Gesetzen, denen, je nachdem, ein biographischer Kern zugrunde liegt, Sinn und Zweck einer Legende liegen jedoch gänzlich woanders als in einer exakten Lebensbeschreibung. Gerade die heilige Katharina ist hierfür ein exemplarischer Fall, worauf der Film am Ende – noch vor dem Abspann – ebenfalls kurz eingeht. Während der großen Reformprozesse innerhalb der katholischen Kirche in den 1960er Jahren ging man auch daran, den Heiligenkalender zu durchforsten, wobei die historische Existenz einiger Personen besonders aus der Antike plötzlich als äußerst fragwürdig erschien. Darunter auch die volkstümlich seit Jahrhunderten sehr beliebte Katharina. Die wenigen konkreten historischen Überlieferungen ließen sich nicht zweifelsfrei verifizieren, 1969 wurde Katharina aus dem römischen Verzeichnis entfernt – eine reichlich kuriose Situation, bedenkt man die zahlreichen Kirchen, die nach ihr benannt sind, dazu die Abertausenden von Katharinenbildnisse in den Gotteshäusern und anderswo. Anfang der 2000er Jahre wurde die harsche Entscheidung aufgehoben, Katharina kehrte sozusagen offiziell rehabilitiert zurück. Eine der Begründungen klingt fast wie der eingangs angeführte Satz: man geht bei einigen der berühmtesten Heiligen der Antike davon aus, dass es sich um kompositorische Personen handelt, das heißt, die Biographien mehrerer Personen – womöglich auch gleichen Namens – sind im Laufe der Überlieferung zusammengefallen. Denkbar ist folglich, dass eine gebildete Frau während der Christenverfolgungen ihren Glauben vor Gelehrten zu verteidigen hatte, eine andere am Hof Christin war und wiederum eine andere hingerichtet wurde, und dies im Nachhinein alles vermengt wurde zu einer Figur.

            Getrost könnte man folglich einräumen und dem Film zugute halten, sein doch äußerst laxer Umgang mit historischen Fakten sei in der Vorlage begründet, was stichhaltig wäre, würde sich der Film an der Vorlage orientieren. Was er nur in einem ähnlich groben Maße tut wie mit der Historie. Was letztere angeht, so sei es von vorneherein angemerkt, dass abgesehen von einem sehr rudimentären Zeitrahmen, der auch nur für Zuschauer nachvollziehbar ist, die mit den Ereignissen selbst schon vertraut sind, und der die Jahre zwischen 305 und 310 umfassen dürfte, lediglich einige Orts- und Personennamen noch authentisch sind. Doch selbst hier werden nicht einmal grundlegende Kenntnisse beachtet: Maxentius wird zum oströmischen Kaiser – er war jedoch tatsächlich stets im Westen zugange; und nebenbei nie Kaiser, sondern ein Usurpator, auch war er kein Christenverfolger. Constantius kämpft richtigerweise in Britannien, Constantin wird aber als eine Art Söldner von fremder Herkunft geschildert, ein Jugendfreund Katharinas aus Ägypten, er nennt sich selbst einmal im Film Jabaleaner, mehrfach betont er sogar I owe Rome nothing! und das er schon in mehreren Armeen gedient habe. Dem echten Konstantin dürfte dies nicht gefallen haben, es hätte ich ihn jeglicher Legitimität beraubt. Die er jedoch weniger nötig hatte, da er schlicht der Sohn des Constantius (Chlorus) war, der ihn zu seinem Nachfolger bestimmte. Mit anderen Worten, selbst einfachste Grundgegebenheiten werden hier verändert, teils ohne erkennbare Notwendigkeit. Dies gilt, umso bemerkenswerter, wie erwähnt, auch für die legendarische Vorlage – erwähnt sei nur, dass in ihr Constantin keinerlei Rolle spielt und Katharina keine arme Nomadentochter, sondern eine hochgebildete und vor ihrem Übertritt zum Christentum eitle und versnobte zypriotische Prinzessin aus reichem Königshause war.

            Doch zum Film selbst. Der Einstieg ist klassisch: zwar gibt es keine Karte – die wird später einmal auf der Ägyptenreise kurz nachgereicht – und keine Stimme aus dem Off, aber immerhin doch den einführenden Text. Dieser birgt gleich eine handfeste Überraschung. Eine Gruppe fast ausschließlich weiblicher Rebellen im Norden Britanniens took up the fight against Rome’s enforced pagan worship, inspiriert durch von Sklavinnen in das Land geschmuggelte Schriften einer ägyptischen Prophetin – Katharina, wie sich herausstellen wird. Diese Art von weiblicher Solidarität ist ein wiederkehrendes Motiv im Film, über dessen Absurdität vorerst noch kein Wort verloren werden soll. Das Abstruse der Interpretation dieser Auseinandersetzung zwischen Rom und den Pikten – um die es wohl gehen dürfte, auch wenn sie so nie benannt werden – kann man nur hinnehmen. Tatsächlich führte Constantius zu Beginn des 4. Jahrhunderts einen Piktenfeldzug, religiöse Gründe lagen hierfür jedoch unter Garantie nicht vor. Die Verknüpfung der Katharinenlegende mit einem angeblichen Konflikt Heiden versus Christentum, der, wohl von der Tatsache ausgehend, dass bei den Pikten auch weibliche Krieger existiert haben sollen – siehe Centurion – zusätzlich zu einem Geschlechterkampf stilisiert wird, ist denn doch mehr als gewagt, schon recht nah am Grotesken. Es fällt sehr schwer, da die rebellischen Kriegerinnen denn auch noch erfolgreich agieren, dahinter nicht den schon mehrfach eher ungut erkennbaren britischen Nationalismus zu übersehen. Die Katharina-Geschichte wäre auch sehr gut ohne diesen Seitenaspekt ausgekommen – selbst im Film gibt es von ihr aus nie einen Hinweis auf die britischen Frauenkrieger vom ziemlich ganz anderen Ende des Römischen Reiches. Diese sehen, nebenbei bemerkt, eher wie eine Mischung aus Steinzeitmenschen und indianischen Schamaninnen aus – positiv anzumerken ist, dass sie als einzige so etwas wie Humor zu besitzen scheinen, erholsam in einem Film, der sich sonst so sehr getragen gibt.

            Der eigentliche Beginn des Filmes – nach dem Texteinschub – ist jedoch ein Idyll. Kinder spielen im Sonnenlicht am Meer, Wellen brausen sanft heran. Kitschmotive kehren mehrfach wieder, stets in Verbindung mit Katharina. Diese, noch ein junges Mädchen, lebt als Nomadin mit ihrer Familie am Strand, sie schreibt in weißem Gewand Texte auf Papyrus. Offenkundig beschäftigt sie sich mit christlicher Philosophie, sie spricht, erfahren wir bald, mehrere Sprachen. Der Inhalt des Geschriebenen ist zugleich ihr eigener Auftrag der Verkündigung – einen Zuhörer hat sie bereits, einen Jungen, erst später wird klar, dass es sich um Constantin handelt. Ein römischer Reitertrupp stört das beschauliche Lagerleben, aggressiv fordert dessen Anführer, dunkel eingehüllt und durch eine Art schwarzen Normannenhelm unkenntlich, Geld für die Nutzung des Landes, in einem anschließenden Massaker lässt er die dort wohnenden Familien umbringen. Die junge Katharina, deren frühreife Gelehrtheit ihn offenbar fasziniert, lässt er allerdings mitnehmen. Und es gibt einen weiteren Überlebenden, der in der Folge wiederkehren wird. Katharina aber wird an den Hof gebracht, der Anführer war niemand anderes als der römische Imperator des Ostens, Maxentius, der sie nun von seinen Gelehrten erziehen lässt, durch den Unterricht erhofft er sich eine Zuwendung des Mädchens hin zum Heidentum – und naturgemäß zu ihm selbst. Er betrachtet sie als seine persönliche Gespielin, angezogen von ihrer Schönheit, aber auch ihrem Verstand.

            Dargestellt wird Maxentius durchwegs als völlig unberechenbarer Geisteskranker, der stets gehörig die Augen zu rollen und in grober Lautstärke zu sprechen hat. Es wird nicht klar, warum gerade er, der dafür wenig Vorrausetzungen außer Neid mitbringt, über Katharinas körperliche Vorzüge hinaus an ihrer Bildung und ihrer Weisheit interessiert sein sollte. Zurecht ist dies auch für seine Gattin kaum nachvollziehbar; dass er sich eine weitere, wie sie selbst sagt, arabische Mätresse hält, sei so natürlich wie verschmerzbar, doch was ihn an Katharina so sehr anzieht, erschließe sich ihr nicht. Sie unternimmt weit mehr, um Katharina ihr Geheimnis zu entlocken, auch als Gegnerin, die zwischen Eifersucht und dem Erkennen der Gefahren, die in den Reden und Texten der jungen Frau liegen, erweist sie sich als die interessiertere und gewieftere. Sie nimmt sich die Texte vor, und versucht sie als Poesie abzuwerten, letztlich initiiert sie auch die Auseinandersetzung mit den Gelehrten, von denen sie sich jedoch enttäuscht zeigt. Obwohl die Mehrheit der Erzieher und Höflinge Katharina misstrauen, sie eine Zensur ihrer Schriften erwägen, erweist sich Maxentius’ Vorgehen als zweischneidig: zumindest der offensichtlich einflussreiche Gallus – Peter O’Toole in seiner letzten Rolle, womit der Film auch wirbt – sieht in ihren Reden mehr und gerät unter ihren Einfluss.

            Derweil am Hadrianswall. Der Kaiser des Westens, Constantius, ein älterer Herr, lebt im Feldlager während eines Feldzugs, der wenig Fortschritte zeigt dank der Guerillataktiken des im Grunde unterlegenen Gegners – und der Schwäche der eigentlich weit überlegenen eigenen römischen Armee. Der Film führt diese, auch in Gesprächen, als degenerierte Söldnertruppe vor, zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen des Reiches, Legionäre, die wenig gemeinsam haben außer einem Drang zur Brutalität, groben Scherzen und wenig Erfahrung, da viele der Soldaten zu jung sind. Es mutet reichlich seltsam an, dass gerade Constantin, der ja arabischstämmig sein soll, jedenfalls dezidierter Nicht-Römer, und sein bester Freund Marinus, ein Farbiger, sich über die Defizite solch einer Multi-Kulti-Truppe unterhalten – und dies für die Probleme des Krieges verantwortlich gemacht wird. Abgesehen von der Unzeitgemässheit der Diskussion, die in einem Vielvölkerreich ohnehin unpassender kaum sein könnte, schwingt hier erneut ein unguter Ton von Nationalismus mit, da die Gegner ja schließlich eine homogene, um ihren Heimatboden erfolgreich kämpfende Gruppe sind. Hinzukommend müsste sich Constantin, der die römische Armee gegen die Einwände seines Freundes nur schwach zu verteidigen sucht, damit durchaus selbst anklagen: erwiesenermaßen ist er ja geradezu der Prototyp des Söldners und die Motive für seinen Dienst für Rom sind rein egoistisch: er sucht die vermeintlichen Mörder seiner Jugendfreundin Katharina. Constantius wirft ihm dies explizit vor – was ihn nicht hindert, ihn später trotz dieser offenkundigen Illoyalität zum Nachfolger, wohlgemerkt als Herrscher des Römischen Reiches, vorzuschlagen. Vorerst ist man aber noch mit den raffinierten Kriegerinnen beschäftigt, die der römischen Vorhut in einem Hinterhalt eine empfindliche Niederlage beibringen – die Schlachtenszene ist eine der gelungeneren Episoden des Films, hier wird nichts beschönigt, die Brutalität antiker Kampfführung und Waffen nicht gemildert. Womöglich ist dies als Kontrast zu sehen zu Katharinas friedlichem Weltbild, die eher düstere Geographie des Westens gegenüber dem sonnigen Osten unterstreicht dies auch bildlich. Nicht ganz in Einklang zu bringen ist damit allerdings, dass die angeblich ja von Katharinas Schriften direkt inspirierten Rebellinnen an Gewaltbereitschaft den Römern in nichts nachstehen.

 
            Katharina genießt derweil am Hofe ein etwas freieres Leben, dank den Unterhaltungen mit Gallus, dem Zugang zu zahlreicher Lektüre und der Möglichkeit, den Palast zu verlassen. Ihren Gegnern erweist sie sich als überlegen – zum Beispiel in der Frage nach den römischen Göttern, die sie zwar ablehnt, aber alle kennt, im Gegensatz zu den heidnischen Gelehrten. Als sie mehrfach zum Volk predigt – Anlass für weitere Kitschbilder, zu der natürlich um sie herumsitzende und zu streichelnde Kinder gehören – wird die Gangart ihr gegenüber wieder verschärft. Um das Klischee, das „einfache Volk“ versteht, während die hochgebildeten Gelehrten versagen und mit Arroganz reagieren, kommt der Film ebenfalls nicht herum. Letzteren obliegt es nun jedoch, Katharina in aller Öffentlichkeit zu widerlegen. Sie wird wieder ins Gefängnis geworfen, während Senatoren und die herbeigerufenen weisesten Köpfe des Landes sie in einer Mischung aus Debatte und Gerichtsverfahren durch ihr Wissen blamieren sollen. Um eine eventuelle Flucht Katharinas zu verhindern, werden ihr im Kerker zusätzlich die Beine gebrochen. Gallus, der Katharina besucht und nicht Teil des unwürdigen Schauspieles sein möchte, und der das festgesetzte Todesurteil bereits kennt, wird auf ihre Bitte hin trotzdem daran teilnehmen. Das eigentliche Tribunal überrascht dann wenig, die selbstsicheren Akademiker und Senatoren geraten bald ins Hintertreffen, Katharinas Gegenrede entlarvt ihren Glauben eher als literarische Vorliebe gegenüber ihrem festen Vertrauen auf einen einzigen Gott. Kurios ist allerdings eines ihrer Hauptargumente: die von ihnen, den Heiden, Angebeteten seien nicht römisch wie etwa Sol Invictus, selbst die als römisch geltenden Götter wären aus Griechenland übernommen. Das ist nicht verkehrt, nur was genau soll es besagen? Dass es für Götter einen biologischen Konnex der Anbetenden geben muss? Und was wäre dann mit Katharina, die als Ägypterin – oder Araberin, Zypriotin, wie auch immer – schließlich einen jüdischen Gott bevorzugt? Ambivalent auch das Zeichen ihrer Genesung: anfangs an einem Stab angelehnt sitzend, steht sie trotz gebrochener Beine schließlich auf; auf Worte allein wird folglich nicht vertraut – natürlich ein typisches Element von Legenden – sondern ein Wunder bekräftigt das Gesagte. Ihren Gegner jedoch liefert sie damit eine leicht gegen sie verwenbare Vorlage: es könne sich nur um Zauberei handeln, eine Ketzerei mehr auf der Liste. Gallus, der sich zu ihr bekennt und vor ihr um Verzeihung bittet, wird dabei von einem römischen Pfeilschuss getötet. Es ist nicht ganz klar, warum man zu diesem extremen Mittel noch dazu vor versammelten Publikum greift, aber wenn man es mit einem wahnsinnigen Kaiser zu tun hat, kann natürlich alles passieren. Der nimmt an der Debatte übrigens gar nicht teil. Apropos: in der legendarischen Überlieferung ist Gallus keineswegs allein. Dort treten alle Gelehrten, von Katharina ebenso beeindruckt wie überzeugt, ausnahmslos zum Christentum über. So auch die Kaiserin und der für die Gefangene zuständige Hauptmann. Allesamt blüht ihnen das gleiche Schicksal wie Katharina, sie werden zum Tode verurteilt.  

            Katharinas Genesung scheint jedenfalls nicht von langer Dauer, zur Hinrichtung wird sie wieder, deutlich hinkend, gestützt von Wachen geführt. Ihr Martyrium nimmt sich wiederum dieses Mal grob der Vorlage an: in der Ikonographie ist Katharina stets an ihrem Rad erkennbar. Die filmische Umsetzung ist dann aber doch wieder etwas bizarr, wenn auch nicht ohne Hintergedanken. Statt gerädert zu werden, also auf ein Rad geflochten, wofür die Gelenke entsprechend gebrochen werden mussten, oder mit Rädern erschlagen, beides noch weit bis in die Neuzeit übliche Hinrichtungsmethoden auch hierzulande, wird sie auch nicht wie in der Legende an vier Räder gebunden quasi gevierteilt, sondern an einem sehr großen Rad – eher ein Mühlrad – befestigt und an einer Wand hochgezogen. Kurioserweise hat dieses Rad Stacheln, die jedoch auf der Fläche nach innen, Richtung Nabe zeigen, also Katharina nicht berühren können und auch so ziemlich unsinnig erscheinen, außer, dass die dem Gerät ein martialisches Aussehen verleihen. Dass in einer deutlich sichtbaren Einstellung einer dieser Stacheln auch noch aus Katharina linkem Oberarm ragt, wobei nicht klar ist, wie er dort hinkommt und auch die Anordnung des Winkels nicht übereinstimmt, sei nur am Rande erwähnt. Sinn und Zweck der Anordnung, von einem der Römer vor Ort noch bestätigend kommentiert, ist allzu deutlich: Katharinas Haltung entspricht naturgemäß der Christus’ am Kreuz, auch ihr setzen römische Soldaten – mit dem expliziten Hinweis, sie ihrem Vorbild ähnlich zu machen – eine Dornenkrone auf und da das Rad an der Wand nicht hält, werden ihre Hände zusätzlich an das Holz genagelt. Wiederum leidet diese eigentlich klassische Ikonographie für einen Heiligen, insbesondere einen Märtyrer beziehungsweise eine Märtyrerin, die ein durchaus beeindruckendes Bild ergibt, an der mangelnden Umsetzung des Films. Dass die gesamte Konstruktion zu Boden stürzt, scheint eine Anspielung auf die Legende zu sein – in der zerstören herbeeilende Engel die Räder, weshalb Katharinendarstellungen immer ein zerbrochenes Rad zeigen  – die für den Uneingeweihten jedoch nicht erkennbar ist. Nun könnte man sie als Motivierung für das Festnageln Katharinas durch die Soldaten sehen, doch diese Durchschlagen ihre Handgelenke – die davon nicht betroffene Aufhängung des Rades kann hierdurch sicher nicht stabilisiert werden. Ungewollt bestätigt sich dies, da das Rad später ein weiteres Mal abstürzt und Katharina durch den Aufschlag am Boden tötet – in der Legende wird Katharina nach dem gescheiterten Versuch der Vierteilung schlicht enthauptet. Vor dem Tod hatte die Gefolterte noch eine Vision, für gewöhnlich empfängt der christliche Märtyrer Zuspruch und Trost durch Christus oder Gott, hier ist es etwas überraschend nicht einmal Maria, sondern Katharinas eigene Mutter.

            Das Rad auf dem Katharina festgebunden ist, ist auch identisch mit dem Zeichen, mit dem sich ihre Anhänger identifizieren, womöglich eine zusätzliche Form der Verhöhnung des Opfers. Dieser Kreis, der zwar ein Kreuz beinhaltet, insgesamt jedoch durch weitere Diagonalen eher an eine Sonnendarstellung erinnert – womöglich zu Tarnzwecken – ist auch Constantin und den Rebellinnen bekannt, wie er erstaunt feststellen muss. Nachdem er ihre Verbindung mit Katharina erkannt hat, setzt er bei Constantius einen Friedensschluss durch. Die Kriegerinnen verraten ihm auch, dass der Kaiser sehr wohl über das Schicksal Katharinas Bescheid wisse – erstaunlich, welches Wissen die Frauen des abgelegenen Stammes besitzen, ein Wissen, dass sich Constantin in jahrelanger Suche nicht hat aneignen können, obwohl er sein ganzes Leben nur diesem Zweck gewidmet hatte. Als er Constantius zur Rede stellt, gesteht dieser seine Lügen ein, da er Constantin als Nachfolger ausersehen hatte und ihn nicht abgelenkt wissen wollte. Ob dies Constantin überzeugt? In jedem Fall erfährt er nun auch, dass Maxentius der damalige Mörder war – aber auch, dass er zu spät kommt. Der oströmische Kaiser habe Katharina ermorden lassen und sammle nun eine Armee vor den Toren Roms, um sich allein auf den Thron zu setzen. Constantins Freund Marinus verkündet im Anschluss ein Toleranzgebot für alle Religionen, während Constantin selbst Maxentius entgegenreitet. Statt der historischen Schlacht an der Milvischen Brücke kommt es zu einem Duell Mann gegen Mann, das Constantin problemlos gewinnt. Man hat sich keinen langwierigen Schwertkampf vorzustellen, reichlich brutal und, sofern man dieses Wort in diesem Zusammenhang benutzen möchte, unehrenhaft erschlägt er den am Boden liegenden Gegner mit einem Stein. Dass die Schlacht an der Milvischen Brücke – eines der entscheidenden Ereignisse der Spätantike – nicht dargestellt wird, womöglich aus Budgetgründen, wäre an und für sich weniger auffallend, wäre nicht kurz zuvor erwähnt worden, dass Maxentius an genau dieser Stelle Armeen versammelt hat. Constantin, nun designierter Alleinherrscher, aber durch den Tod Katharinas deprimiert, lässt sich zu einer Reise nach Ägypten überreden, wo er wenigstens der Toten noch die letzte Ehre erweisen möchte. Ihre dortigen Anhänger sind ihm gegenüber zurecht skeptisch, ihre Erfahrungen mit römischen Imperatoren nehmen sie nicht gerade für ihn ein. Als sie ihm den Leichnam trotzdem nach einigem Zögern bringen, belohnt er sie mit einer mehr als seltsamen Rede. Er verkündet er sei no king, ruft set the people free und Rome’s gods are lies. Letzteres schien diesen durchaus schon bewusst, ersteres dürfte nicht ganz richtig sein und ziemlich unklar ist, wovon diese Menschen denn nun eigentlich frei sein sollten? Immerhin verständlich ist, dass Constantin im Anschluss Katharinas Begräbnisort zur toleranten Gebetsstätte für alle Glaubensrichtungen erklärt. Während die Menschen ihm lauschen, läuft die wieder jugendliche Katharina unerkannt durch die Menge, die Menschen dabei sanft an der Schulter berührend, was einen leichten Goldglanz auslöst. Zum Glück endet der Film nicht mit dieser letzten Kitschreminiszenz. Es ist genaugenommen auch nicht ganz die letzte, denn während er aus dem Off spricht, sieht man den sterbenden Gallus in Großaufnahme, in seinem letzten Atemzügen ein angedeutetes Lächeln, im Anschluss überblendet von Katharina, predigend in der Arena mit Kindern drumherum. Die eigentliche Schlussaufnahme ist schließlich mit einem Text unterlegt, der auf das Schicksal von Katharinas Reliquien und ihre erwähnte zwischenzeitliche Streichung aus der Heiligenliste eingeht, ein Bild des Katharinenklosters am Sinai, Gründung Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert, das bis heute die Toleranztradition fortsetzt und Pilgern aller Konfessionen offen steht.


           

            Toleranz ist ein gutes Stichwort, was den Umgang mit Katharina von Alexandrien, angeht – vielleicht schon mit dem deutschen Titel beginnend, Alexandrien gibt es schließlich nicht, sondern nur Alexandria. Doch der hiesige Verleih scheint sich ohnehin nicht sonderlich mit Genauigkeiten abzugeben, ziert das Titelbild – gleichzeitig der Hintergrund für das Hauptmenü der DVD – doch ein Schlachtenbild, das im Film nicht vorkommt, genauer eindeutig aus einem anderen Werk zu stammen scheint. Doch womöglich ist dies nur konsequent, führt man sich den schon mehrfach erwähnten sehr freimütigen Umgang des Films mit der Historie, der Legende, aber auch der Logik und der Erzählkunst vor Augen. Überprüfbar ist dies allein schon an einem für Sandalenfilm typischen und noch recht oberflächlichen Kriterium, der Gestaltung der Kleidung. Diese spiegelt bestens die These wieder, dass Katharina von Alexandrien stets dazu neigt, sich selbst ständig in Widersprüche zu verwickeln, selbst in solch einem doch eher banalen Aspekt. Sicher, die Klage über phantasiereiche Rüstungen kehrt fast in jedem Sandalenfilm wieder, auch wenn hier seit dem klassischen Zeitalter des Genres geradezu Quantensprünge stattgefunden haben. In Katharina von Alexandrien tragen die römischen Soldaten fast ausnahmslos authentische Helme – diese würden zwar eher einer Armee um 100 nach Christus entsprechen, aber hier darf man tatsächlich mal sehr tolerant sein. Der Rest der Uniformen, sieht man vielleicht von den Schwertern ab, entspringt völlig der Phantasie des Ausstatters. Selbst das alte Lederklischee wird wieder aufgegriffen. Constantins Aufzug hat mit römischer Kleidung nicht annähernd zu tun, und Maxentius trägt zum Duell doch tatsächlich zu seinem gewagt schiefsitzenden goldenen Brustpanzer einen Lederhelm nach dem Pickelhaubenmodell aus Leder, wie man ihn aus den B-Film-Varianten der 60er Jahre kennt. Fast schon grotesk auch die lächerlich kleinen Rechteckschilde, die Constantin und Marinus in Ägypten mit sich herumtragen.

            Vielleicht würde man über solche Dinge hinwegsehen, wäre man von der Schauspielkunst der Akteure oder der Handlung gefesselt. Doch dies fällt unendlich schwer. Noch einmal spiegelt die Doppelung des Titels die im Film ständig spürbare Unentschlossenheit wider: wollte man eher die Geschichte einer Heiligen erzählen, einer starken weiblichen Hauptfigur oder doch einen klassischen Sandalenfilm? Dies mündet in die beiden durch den hanebüchenen Kniff der christlichen Rebellinnen verbundenen Stränge Constantins und Katharinas. Die genretypische Action verschwindet zugunsten zahlreicher Dialoge – was an und für sich natürlich nicht verkehrt sein muss, in diesem Fall sogar Sinn ergibt, da Katharina ja mit Worten streitet, doch die Umsetzung ist teilweise recht nah am unfreiwillig Komischen. Zahlreiche der Schauspieler und Schauspielerinnen, allen voran Katharina selbst, sprechen mit einem gewollt hörbaren Akzent. Dies könnte man durchaus als gelungene Illustrierung des Vielvölkerstaates Rom deuten. Dass die Nomaden, die Ägypter, die Rebellinnen ein unreines „Latein“ – vielleicht, gerade im Osten, „Griechisch“ – sprechen, auch Katharina, selbst wenn dies nicht ganz zu ihrer Gelehrsamkeit passt, sei akzeptiert. Dass dies auch Maxentius tut – verkörpert von einem französischen Schauspieler – mutet dagegen wiederum reichlich seltsam an. Wie immer ist nichts konsequent.

            Überhaupt das Sprechen. Offenkundig der Idee geschuldet, eine Legende müsse ein gewisses Pathos, eine Bedeutungsschwere haben, wird dies mit den einfachsten Mitteln umgesetzt, die jedwedem Laientheater Unehre machen würden. Katharina sieht ihre Gegenüber – geradezu exemplarisch im Gespräch mit der oströmischen Kaiserin – so gut wie nie direkt an, ihr Blick geht an ihrem Dialogpartner vorbei in die Ferne. Das könnte man schon mal für sehr unhöflich halten – sie ist jedoch nicht die einzige, die dies praktiziert – ist jedoch in jedem Fall eine am Rande der Lächerlichkeit changierende Maßnahme zur Darstellung eines vergeistigten Blicks. Fast alle und wiederum prominent vor allem Katharina betonen fast jedes Wort, das sie zu sprechen haben, einzeln. Schnelle, spontan wirkende Dialoge haben Seltenheitswert, jeder Satz wird oft von Pausen begleitet, die ihn nachklingen lassen sollen, so banal er auch gewesen sein mag. Pausen zur Hebung des Gesagten oder Gezeigten sind ohnehin eines der ständig wiederkehrenden Stilmittel des Films. Lange Einstellungen ohne Handlung, ohne Sprechen, möglichst mit getragener Musik unterlegt, konzentrierte, nachdenkliche Blicke der Protagonisten, all das führt plakativ Bedeutungsschwere vor, gedankliche Tiefe und Wichtigkeit. Mit solch plumpen Mitteln wird dem Zuschauer nicht vertraut, selbst zu entscheiden, was er für bedeutend hält und was nicht. Deshalb muss Gallus bereits nach fünf Minuten Laufzeit des Filmes als Katharina als Heilige bezeichnen – es wäre sehr interessant zu wissen, was er – der heidnische Gelehrte des frühen 4. Jahrhunderts – darunter versteht.

            Das hölzerne Agieren der Schauspieler ist sicher nicht ihren mangelnden Fähigkeiten zuzuschreiben, zumindest, was die größeren Rollen angeht. Edward Fox als Constantius lässt noch am ehesten seine Brillanz durchblicken, doch die meisten anderen verkümmern unter dem Diktat der Regie und dürften ihr Niveau um einiges unterbieten. Regisseur Michael Redwood, gleichzeitig Drehbuchautor und Produzent, schafft es nicht, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, wie schon mehrfach erwähnt strotzt der Film von logischen Brüchen, historischem Nonsens und einer unklaren inkonsequenten Linie. All das verzeiht der hartgesottene Sandalenfilmzuschauer für gewöhnlich, wenn die Umsetzung stimmt, wenn Spannung, Charaktere und Bilder solche Defizite gnädig überdecken. Man möchte mit Redwood, der früher bei Filmen Tony Scotts mitgearbeitet hat, nicht zu hart ins Gericht gehen, da es sich um seinen Erstling handelt. Allerdings hat er angeblich eine Fortsetzung des Films angekündigt – diese steht bislang aus. Soll man hoffen, dass es bei der Ankündigung bleibt oder ihm eine zweite Chance gerade anhand derselben Thematik einräumen? Peter O’Toole hat die Veröffentlichung von Katharina von Alexandrien nicht mehr erlebt – man hätte dem Tiberius des legendären Skandalfilmes Caligula (1979) einen gelungeneren Abschied von der Leinwand gewünscht.

 

Reinhard Abeln: Die heilige Katharina. Leben – Legenden – Bedeutung. Kevelaer: 2012.
Ingemar König: Der römische Staat, Teil II. Die Kaiserzeit. Stuttgart:1997.
 
Vorgänger in dieser Reihe: Centurion.
 

Mittwoch, 21. Februar 2018

Das Zitat zum Mittwoch.

 
"Le barbare, c'est d'abord celui qui croit à la barbarie."
 
Claude Lévi-Strauss
 
 
zitiert nach: Max Annas, Marie-Hélène Gutberlet (Hg.): absolute Claude Lévi-Strauss. Freiburg: 2004 - einem Band aus der (von Klaus Theweleit herausgegebenen) hervorragenden und nur zu empfehlenden Reihe der orange press.
 
 
 
 

Freitag, 9. Februar 2018

Lektüremonat Januar 2018.



Natürlich hat es keine tiefere Bedeutung, aber trotzdem möchte man das neue Jahr nicht mit einem miesen Buch beginnen. Um dem zu entgehen, könnte man auf die Wiederlektüre eines geliebten Schmökers setzen oder zumindest zum Werk eines verehrten Autors oder einer verehrten Autorin greifen, um das Risiko etwas zu minimieren. Aber das wäre auch ein bisschen feig – und schließlich weiß man auch nicht, was das neue Jahr bringt. Und so folgt der Griff zum nächsten Buch im Stapel. 

Buch Eins des Jahres 2018:
Thommie Bayer - Das Herz ist eine miese Gegend.
Thommie Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend.

Glück gehabt. Thommie Bayer (geb. 1957) ist bekannt als Liedermacher – und sein Roman ist trotz grammatikalisch fragwürdigen Titels ein hervorragender Einstieg ins neue Jahr. Die charmant unterhaltsame Geschichte einer Langzeitbeziehung von der Jugend der 1960er bis in die späten 1980er ist witzig, gleichzeitig ein bisschen traurig, nostalgisch verklärend ohne Wehmut und hat ein offenes Ende – und, trotz ihrer Widersprüchlichkeiten, sehr sympathische Charaktere. Jedem zu empfehlen, auch wenn er oder sie nicht in jenen Tagen gelebt hat.  

P.G. Wodehouse: Mulliner Nights.

Seit einiger Zeit erfreut sich P.G. Wodehouse (1881-1975) gerade im deutschsprachigen Raum, erkennbar an zahlreichen Neuauflagen, wiederkehrender Beliebtheit. Der trockene Sprachwitz in Verbund mit grotesken Geschichten angesiedelt in der Upper Class und Aristokratie entspricht ziemlich exakt unserem Bild von britischem Humor – hier stark beeinflusst von den Komödien Oscar Wildes. Im vorliegenden Fall sind es die kuriosen Erlebnisse der Neffen des Herrn Mulliner, die er im Gesellschaftsgespräch zum Besten gibt. Gehobene Unterhaltungslektüre, man liest und lacht und legt es amüsiert beiseite. Die Lektüre des englischen Originals erweitert den Wortschatz ungemein, doch sollte man die das erworbene Vokabular im täglichen Umgang dann doch vielleicht besser nicht anwenden.


Christa Wolf: Sommerstück.

Die deutschsprachige Literatur in Ost und West gab sich nach den politisch aufregenden Zeiten der 1970er Jahre der resignierten „Neuen Subjektivität“ hin, einer oft wehleidigen Nabelschau, in dem die Protagonist*innen, zumeist Mittelschichtler mit Aussteigergelüsten, sich akribisch selbst analysierten und jeden ihrer Gedanken hundertfach hinterfragten – keine Glanzzeit der Literatur. Christa Wolfs (1929-2011) "Sommerstück", die Schilderung eines Freundeskreises, der an der Ostsee in alten Häusern Befreiung vom Stadtleben sucht, changiert am Rande dieses Phänomens, wie das Buch auch zwischen der Schilderung von Idylle und Nostalgie und einer von vorneherein eingestandenen Resignation und Illusionslosigkeit, die vor allem Anfang und Ende des Werkes bestimmen, hin und her wechselt. Gleichwohl krankt "Sommerstück" nicht an dem ausufernden Selbstmitleid der Neuen Subjektivität, was nicht zuletzt an Christa Wolfs Sprachmöglichkeiten und ihrer Distanz liegt, die sie trotz allem immer wieder anklingen lässt – und unter der ihr alter ego Ellen im Buch selbst bisweilen durchaus leidet. In das Buch wurde, da es am Ende der 1980er Jahre erschien, allerhand Prophetisches hineininterpretiert, das mag sein, wie es will, in jedem Fall ein äußerst lesenwertes Sommerstück der Literatur von einer großen Autorin. 

Hans Magnus Enzensberger: L’histoire des nuages. 99 méditations.

Man könnte es für eine exzentrische Verstiegenheit halten, den Gedichtband eines deutschen Autors auf französisch zu lesen, doch handelt es sich einerseits um das gut gewählte Geschenk eines französischen Freundes und zweitens weiß die Kulturnation Frankreich ohnehin, dass man Lyrik – das wohl am schwersten zu übersetzende Genre überhaupt – stets in zweisprachigen Ausgaben veröffentlicht. Und so hat man das doppelte Vergnügen, Enzensbergers (geb. 1929) späte Gedichte in zwei Sprachen vergleichen zu können. Schon immer frei von Esoterik und Hermetismus widmet sich der Altmeister für ihn klassischer Themen wie naturwissenschaftlichen Beobachtungen, Erfindern und ihren Erfindungen und natürlich den alltäglichen Dingen, Diskussionen und Betrachtungen. Erstaunlich sanft geht es dabei zu, gerade die gesellschaftskritischen Gedichte der ersten Kapitel sind geprägt von einer gewissen Gelassenheit und positiven Gleichgültigkeit, ein Zug, der sich durch den gesamten Band zieht und letztlich im Gedichtzyklus am Ende, der titelgebenden Geschichte der Wolken, an deren Existenz man sich orientieren soll, ihren zusammenfassenden konsequenten Höhepunkt findet. Gleichwohl schimmert durch diese Distanzierung insbesondere durch Enzensbergers ironischen Stil Wachheit durch, die nicht bereit ist, sich mit den Zuständen einfach nur abzufinden. Vielmehr geht es darum, eigene – alte und erste – Reaktionen zu überdenken und zu überprüfen. Unbedingt lesenswert, gerade weil man sich selten dazu aufrafft, Lyrik zu lesen. Das Überflüssige, hüte es. Viel nämlich/ bleibt nicht von dir, wenn du es wegwirfst (Überflüssige Elegie). 

Leon de Winter: Supertex.

Ein junger niederländischer Jude versucht sich von seinem Elternhaus, insbesondere vom Vater, einem KZ-Überlebenden aus armen Verhältnissen, der sich bis zum erfolgreichen Textilunternehmer hochgearbeitet hat, zu emanzipieren. Doch das Rebellentum ist nur scheinbar erfolgreich: zwar löst er sich von der Religion, wird angesehener und vermögender Anwalt und hat Wirkung auf Frauen. Doch nach und nach gerät er zurück in den alten Bannkreis und wird zum symbolischen und letztlich echten Erbe seines Vaters: er tritt in dessen Konzern ein, übernimmt nach dem Tod des Gründers die Leitung – und schließlich sogar dessen Geliebte. Ohne Krise geht dies nicht – wie ihm an einem Tag bewusst wird, als er einen jüdischen Jungen auf der Straße anfährt. Komplexer, aber sehr unterhaltsamer Roman des ebenso populären wie streitbaren niederländischen Autors (geb. 1954), der in jüngeren Jahren allerdings eher als polemischer Islamkritiker auffällt, auch in Deutschland durch zahlreiche Kolumnen aktiv. Nebenbei wird einem beim Lesen zudem bewusst, dass de Winter die Methoden der Billigtextilketten mit all der dazugehörigen Ausbeutung damals bereits deutlich thematisierte und sich seit 1991 daran rein gar nichts geändert hat - und schon gar nicht gebessert.

Peter Shaffer: Equus.

Theaterstück aus den großen Glanzzeiten des britischen Dramas. Shaffer (1926-2016) wurde dem breiten Publikum bekannt durch die oscarprämierte Verfilmung seines Stücks "Amadeus". Auch "Equus" wurde (1977) mit Spitzenbesetzung, u.a. Richard Burton, verfilmt – für beide Filme lieferte Shaffer das Drehbuch selbst ab. Die Nachricht von einem tatsächlichen Vorfall – ein Jugendlicher hatte sechs Pferden die Augen ausgestochen – inspirierte ihn zu einem Psycho-Drama im Wortsinne, einem Dialog zwischen dem Arzt Martin Dysart und dem eingelieferten Übeltäter Alan Strang. Dysart gelingt es zwar die Hintergründe von Strangs schwer nachvollziehbarer Schändung der Tiere zu beleuchten, wo sich Mystisches mit Sexuellem verbindet, doch gerät er hierbei selbst an seine Grenzen – oder sogar über diese hinaus. Spannend und intensiv, egal, ob man den psychologischen Erklärungsversuchen folgen möchte oder nicht. 

Gabriele d’Annunzio: Das Feuer.

Gabriele d’Annunzio (1863-1938): Literarisches Wunderkind, das mit 16 Jahren seinen ersten Lyrikband herausbrachte, Erneuerer der italienischen Literatur fast im Alleingang, internationaler Star der europäischen Dekadenz gleichauf mit einem Hofmannsthal, Wilde, Maeterlinck, Huysmans, Liebhaber der Musik Wagners und der Philosophie Nietzsches, Hasardeur und Kriegstreiber, Errichter des ersten proto-faschistischen und illegalen Staates in Fiume, Freund und Kritiker Mussolinis, von den Faschisten als wenig widerspenstiges Aushängeschild genutzt. Unbestreitbar eine erstaunliche, kontroverse und im Positiven wie Negativen irritierende Biographie eines zugeben genialen Schriftstellers. Zu den vielen Attributen des in allen literarischen Genres reüssierenden d’Annunzio gehört natürlich auch das des Skandalautors. Zu diesem Ruf trug nicht wenig der Roman „Das Feuer“ (1900) bei, in dem d’Annunzio kaum verschlüsselt seine Beziehung zur Schauspielgröße Eleonora Duse aufarbeitete, ohnehin ein beliebtes Thema der Klatschspalten. Wer nun allerdings allerlei Pikantes erwartet, wird enttäuscht sein: symbolistische Dichtung zu lesen gehört nicht gerade zu den schnellen Vergnügungen insbesondere für heutige Leser*innen. Wenig Handlung, viel Symbolik des Verfalls, viel Kunstgespräche – d’Annunzio kreierte mit seinem Buch auch den Venedigmythos neu, von dem die Stadt noch heute profitiert (oder unter welchem sie noch immer leidet). Die Psychologie der Beziehung – das Feuer steht für Leidenschaft und Eifersucht, an der sie auch zugrunde zu gehen scheint – liegt darunter tief verborgen. Der Roman ist also etwas für Liebhaber*innen der Jugendstilepoche. 

Laurens van der Post: Das Schwert und die Puppe. Trennender Schatten. Die Saat und der Säer.

Der Band versammelt als „Weihnachts-Trilogie“ unterschiedlich lange Erzählungen von Laurens van der Post (1906-1996), in denen der südafrikanisch-britische Schriftsteller seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg verarbeitete, wo er hauptsächlich in Afrika und Asien diente. An und für sich sehr begrüßenswert widmen sich seine Werke der Versöhnung der ehemaligen Gegner, doch kann man sich bei der Lektüre schon bald nicht des Eindrucks erwehren, dass van der Post in Gestalt seines alter ego Mr. Lawrence ein eher seltsames Einfühlungsvermögen in die japanischen Offiziere entwickelt. Das liegt keinesfalls daran, dass er ihr Handeln in den Gefangenenlagern milde schildert, ganz im Gegenteil, er zeigt deutlich die überbordende Brutalität und Verachtung gegenüber denen der Willkür ausgelieferten Häftlinge – umso überraschender dann jedoch der (in den ersten beiden Geschichten) jeweilige Versuch, gerade das Vorgehen der ärgsten Schinder als innerhalb deren und des japanischen Volkes Wertesystem als durchaus gerechtfertigt und gewissermaßen ehrenhaft zu erklären, abgeleitet noch dazu aus einer reichlich esoterischen Psychologie. Dieses Denken innerhalb von Offizierskategorien, von vermeintlichen Ehrbegriffen und deren Zurückführung auf Ansehen in Hierarchien und des Handelnmüssens aufgrund eines Kodex stößt einem – insbesondere als deutschem Leser – irgendwann ziemlich sauer auf. Was ließe sich damit nicht alles rechtfertigen – und das wurde oft genug versucht. Manchmal scheint es, van der Post habe eine Form des Stockholm-Syndroms entwickelt. 

William Hope Hodgson: The Ghost-Finder. The Casebook of Carnacki.

Hodgson (1877-1918) ist bekannt für seine auch noch heute ziemlich unheimlichen Seegeschichten, schuf aber auch den Ghost-Finder Carnacki, der sich ähnlich seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes der Aufklärung seltsamer Begebenheiten widmete, allerdings übersinnlicher Natur. Die Geschichten sind in der äußeren und inneren Struktur zumeist ähnlich, ihr Reiz liegt aber vor allem darin, dass Carnacki kein abgeklärter Übermensch ist, sondern das Geschehen um ihn herum zumeist selbst nur schwer und unter großer Angst erträgt. Ein kluger Kniff des Autors ist zudem, die Erzählungen manchmal rational als Betrug aufzulösen, manchmal als tatsächliches übernatürliches Ereignis – oder beides, wie in der berühmtesten dieser Geschichten „The Horse of the Invisible“. Zwar sind die Seeabenteuer Hodgsons von größerer Wirkung, als gruselige Unterhaltung lesen sich Carnackis Erzählungen aber noch immer mit Gewinn. 

Friedrich Dürrenmatt: Romulus der Große. Ungeschichtliche historische Komödie.

Geschrieben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und mehrfach überarbeitet, ist Dürrenmatts (1921-1990) Komödie ein Vergnügen, aber ein sehr zweifelhaftes. Also ein zu Zweifeln anregendes Theaterstück, amüsant und wie versprochen recht ungeschichtlich – das Personal und die Zeit sind von realen Personen inspiriert, aber im dramatischen Sinn verändert und ergänzt – schildert es die letzten Stunden des Weströmischen Reiches. Die Germanen stehen bereits in Rom, die Legionen sind geschlagen, doch der Kaiser sitzt recht gelassen in seinem campanischen Landhaus und züchtet Hühner. Seine letzten Getreuen in Hofstaat und Familie verzweifeln schier über seine Untätigkeit, denn sie erkennen nicht Romulus‘ perfiden Plan: er selbst will durch sein Nichthandeln das Römische Reich endgültig zum Untergang zwingen und damit eine jahrhundertelang Geschichte der Gewalt und Unterdrückung beenden. Der Untergang gelingt – aber sind die übernehmenden Germanen tatsächlich eine bessere Wahl? Dürrenmatts Folgerungen bezweifeln auch das. Nur weil sie Hosen tragen, wird sich grundsätzlich nichts ändern. Sollte viel öfter gelesen und gespielt werden als die elende „alte Dame“…                    

 



Dienstag, 30. Januar 2018

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (5) - Julio Cortázar: Rayuela. Himmel-und-Hölle.


Julio Cortázar: Rayuela. Himmel-und-Hölle. st 2579

 

Nicht von ungefähr erschien Julio Cortázars (1914-1984) Roman Rayuela, dem man im Deutschen zur Erläuterung den hier geläufigeren Namen der argentinischen Variante dieses Hinterhof- und Straßenspiels Himmel und Hölle beigefügt hat (wer das Spiel nicht kennt, siehe 253f), als erster südamerikanischer Text in der Reihe der Romane des Jahrhunderts. Mit dem bahnbrechenden Werk Cortázars, berühmt geworden durch seine die Realität auflösenden Erzählungen, von 1963 begann die große Zeit der lateinamerikanischen Literatur, was ihre Rezeption in der übrigen Welt anging. Zwar blieb Cortázar neben der Anerkennung der Kritiker und Kollegen selbst eher ein Autor für eine überschaubarere Lesergemeinde, doch sind die berühmten Schriftsteller*innen von Marquez über Allende bis Llosa ohne ihn nicht denkbar – wie sie selbst auch freimütig zugeben. In kurioser Rückkopplung führte dies dann 1981 aufgrund ihrer Erfolge endlich auch zur Übersetzung von Rayuela ins Deutsche.

Auf seine Weise ist dieses Buch viele Bücher (7) warnt mit biblischem Anklang gleich der Wegweiser zu Beginn und gibt hilfreiche Tipps zur Lesegestaltung mitsamt einer Kapitelreihung in Zahlen, denn einfach von Kapitel 1 zu 2 und 3 voranschreiten kann man, muss – und sollte – man aber nicht, schließlich hüpft man auch beim Himmel und Hölle nicht einfach nur geradeaus. Doch dazu kommen wir noch. Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Horacio Oliveira, ein junger Argentinier, den es in die Kreise einer Clique internationaler Bohemiens in Paris verschlagen hat, lebt dort mit Gesprächen in der Runde und seiner Geliebten Maga – der Zauberin – sowie ihrem Kind aus einer früheren Beziehung dahin. Hinter Horacios versnobter Gefühlskälte, die ihn die neugierige und offene, ihm aber intellektuell unterlegene Maga mies behandeln lässt, obwohl er sie abgöttisch liebt, verbirgt sich eine tiefe Melancholie, die ihn nie zur Ruhe kommen lässt, das Glück musste etwas anderes sein, etwas, das vielleicht trauriger war als dieser Frieden und diese Lust, etwas Einhornartiges, Inselhaftes, ein unaufhörliches Fallen in der Bewegungslosigkeit (27). Die Beziehungen zu seinen Freunden in Paris bleiben lose, er vergrault die Maga mit Eifersüchteleien und seinem Unverständnis gegenüber ihrer Trauer um ihren plötzlich verstorbenen Sohn. Eines Tages ist sie verschwunden und Horacios Suche nach ihr – eine Suche mehr – vergeblich.

Die Maga wird seine Obsession bleiben, auch als er – zweiter Teil des Romans – nach Südamerika zurückkehrt, er war sich klar darüber, dass die Rückreise in mehr als einem Sinn die Hinfahrt war (269). Horacio kommt bei seinem Freund Traveler unter, doch bleibt er in Außenseitergesellschaften: erst Bohemien und Ausländer in Paris, hilft er hier bei einem Zirkus aus, der sich später auflöst und stattdessen zum Personal einer Irrenanstalt wird. Doch Horacio ist auf dem besten Weg, vom Betreuer zum Insassen zu werden, sein Verhältnis zu Traveler trübt sich, nicht zuletzt, weil er in dessen Freundin Talita mehr und mehr die Maga wiederzuerkennen glaubt. Symptomatisch ein Dialog zwischen Traveler und Horacio, der auch das Verhältnis Erzähler/Autor-Leser*in gut beschreibt:

-          Na und? sagte Traveler. Warum muss ich deine Spielchen mitspielen, Bruder?

-          Die Spiele spielen sich von selber, du bist es, der ein Stöckchen dazwischensteckt, um das Rad anzuhalten.

-          Das Rad, das du gebaut hast, wenn wir schon davon reden wollen.

-          Ich glaube nicht, sagte Oliveira. Ich habe lediglich die Umstände heraufbeschworen, wie die Eingeweihten sagen. Man hätte das Spiel ehrlich spielen müssen. (292f)

Der zweite Teil – und mit ihm die Romanhandlung – endet ohne Abschluss. Es folgt der Abschnitt Von anderen Ufern voller Kapitel, die man getrost beiseite lassen kann (409), der Ergänzungen, Zitate, Zeitungsausschnitte und die sogenannten Morelliana, Aussagen des Dichters Morelli, eines alter egos Cortázars, aneinander reiht, natürlich ungeordnet, ein plastisch sich veränderndes Universum voll des wunderbaren Zufalls (429) oder anders: Mein Buch kann man so lesen, wie man Lust hat (628), so Morelli – wozu man allerdings die Leseanleitung zu Beginn hätte ignorieren müssen, ganz so einfach ist es nämlich wiederum nicht.

Natürlich ist es ein – siehe das Streitgespräch – extrem spielerischer Roman. Dies weniger in einem streng experimentellen Sinn, wie er nur gelegentlich, etwa in Kapitel 34 auftaucht, wo sich Horacios innerer Monolog zwischen die Zeilen eines Schundromans schiebt, sondern im Umgang mit der Form: Provozieren, sich einen Text zur Aufgabe machen, der schlampig gemacht ist, unverbunden, inkongruent, der bis ins letzte gegen die Kunst des Romans (obgleich nicht gegen den Roman) verstößt (455), ein Geheimnis bieten, das der Leser-Komplize suchen muss (457), so kommentiert sich das Verfahren ständig selbst im Text. Und dies nicht ohne Ironie, wie das wunderbare Schlüsselkapitel 23 belegt, indem Oliveira mehr oder weniger versehentlich das Klavierkonzert einer avantgardistischen Pianistin besucht, die mit ihren verfremdeten synkretistischen Dodekaphonikstücken alle ihre anfangs gut 200 Zuhörer nach und nach in die Flucht schlägt. Auch Horacio will gehen, bleibt aber aus Mitleid, begleitet die enttäuschte Künstlerin sogar nach Hause – gedankt wird es ihm nicht. Wir sind hoffentlich mehr als ein Leser oder eine Leserin, die aus Zufall zu einem Roman gegriffen haben, der höchste Ansprüche an uns stellt und den wir nur aus Mitleid mit dem Autor, der sich doch immerhin die Mühe gemacht hat, fast 650 Seiten zu Papier zu bringen, ratlos zu Ende liest – dafür könnten auch wir sicher keinen Dank erwarten. Doch Rayuela ist eben ein Spiel, dessen Regeln man akzeptieren oder während des Lesens neu ordnen muss, das aber vielleicht auch den Ehrgeiz herausfordert, den Drang, hinter das erwähnte Geheimnis zu kommen, das in dem Sog liegt, den der Roman recht schnell entfaltet – und der nicht wenig von seiner brillanten Sprache ausgeht. Es ist eben ein Text im Sinne Morellis: Was ihn zum Beispiel auf die Palme bringt, ist der Roman nach Art eines chinesischen Rollbilds. Ein Buch, das man von Anfang bis Ende liest, ein gehorsames Kind (506) oder mit den Worten Horacios, wer feste Verabredungen traf, gehört zu denen, die liniertes Papier verwenden, wenn sie einander schreiben, und die Zahnpastatube von unten drücken (15).    

Vorgänger: Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel.    
 

Freitag, 26. Januar 2018

Grenzüberschreitungen.

 
Als ein mögliches Beispiel für "Original und Fälschung" - oder für Inspiration des Künstlers: der Grenzübergang nicht zwischen Helvetien und Gallien, aber Helvetien und Germanien, sozusagen.
 
 
Der Radweg zwischen den Klosterorten Stein am Rhein (CH, Kanton Schaffhausen) und Öhningen (D, Landkreis Konstanz) erinnert doch sehr an "Asterix bei den Schweizern". Trotz des Frühnebels am Seeufer gut erkennbar:

Auf eidgenössischerr Seite ein gepflegter Teerweg mit edlem und sauberem historischen Grenzschild, auf der deutschen ein vermatschter Kiesweg und ein Blechschild mit liebevollen Rostflecken...


Aus: Asterix bei den Schweizern.

An der grünen Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland bei Stein am Rhein und Öhningen.

Montag, 8. Januar 2018

Lektüremonat Dezember 2017.


 
Erich Maria Remarque: Der Feind. Erzählungen.

Remarque: Der Feind.

Das schmale Bändchen versammelt mehrere teils vorher unveröffentlichte Erzählungen Remarques (1898-1970) zur Thematik des 1.Weltkriegs. Hervorgehoben ist zumeist nicht die Konzentration auf das Frontgeschehen, sondern die zerstörerische Wirkung der traumatischen Erlebnisse für den Einzelnen und damit für die Gesellschaft insgesamt in der Zeit nach dem Krieg – die warnende Wirkung Remarques betont er in den Geschichten oft deutlich, sein Anliegen war das „Nie wieder!“. Gehör fand er damit in seinem Heimatland nicht, wo er zur Hassfigur der nationalistischen Rechten wurde, die längst den nächsten Krieg vorbereitete. Es bleibt den folgenden Generationen überlassen, Remarques Erbe und Haltung zu bewahren. 

The Mammoth Book of Vampire Stories by Women.

Eingeleitet von niemand Geringeren als der legendären Ingrid Pitt, versammelt dieser Band der niemals dünnen Mammoth-Reihe englischsprachige Vampirerzählungen überwiegend des 20. Jahrhunderts aus weiblicher Sicht und Feder. Wie das bei Anthologien nun mal so ist, schwankt die Qualität: neben Perlen liegt manches zum Überblättern, insgesamt aber ein sehr guter Überblick zwischen Splatter und Avantgarde, amüsantem Trash, gehaltvoller und erzählerisch gekonnt umgesetzter Idee. Gute-Nacht-Lektüre für Schlaflose. 

Hans Herbert Grimm: Schlump.

Ein Roman, der unter dem Erfolg von Remarques „Im Westen nichts Neues“ gelitten hat und infolgedessen völlig in Vergessenheit geriet. Hans Herbert Grimms (1896-1950) Antikriegsbuch kommt, wie schon der Titel suggeriert, anfangs wie ein Schelmenroman daher, doch der junge Schlump hat diesen Namen ohne sein Zutun von einem Polizisten erhalten und ebenso ergeht es ihm im Folgenden, als er – freiwillig – aus Naivität in die absurden Strudel des Weltkriegs hineingerät, die sich jedoch als zunehmend brutaler und bedrohlicher herausstellen. Schlump bleibt seltsam außen vor, während die Welt um ihn herum zerbricht, er rettet sich in Frauengeschichten und kleinere Gaunereien, so dass es ihm gelingt, auch mehrere Fronteinsätze und Verletzungen zu überleben, Hass auf den Feind ist ihm komplett fremd. Das in lakonischer Sprache verfasste Buch wurde nun nach über achtzig Jahren wieder aufgelegt und fügt der Antikriegsliteratur zum Ersten Weltkrieg ein außergewöhnliches Zeugnis hinzu – mitsamt dem originalen graphisch genialen Buchumschlag. 

Brian Moore: Katholiken.

Bücher, die in einer inzwischen vergangenen Zukunft spielen, wirken immer etwas seltsam. Brian Moores (1921-1999) kurzer Roman erschien im Jahr 1972 und handelt von einem amerikanischen Priester des Jahres 2000, der im Auftrag Roms in ein abgelegenes irisches Kloster reist, das sich gegen die Reformen der Kirche wehrt und auf Wunsch der Bevölkerung an alten Riten und Traditionen festhält. Moore verhandelt folglich keine Science-Fiction und es fällt auch gar nicht recht auf, dass es keine Computer und Handys gibt, weil es irrelevant ist. Stattdessen wird ein zeitloser und schon gar nicht rein religiöser Konflikt präsentiert, zwischen vermeintlichem Fortschritt und angeblichem Konservatismus. Moores Kirche ist zwar noch katholisch, aber sehr ökumenisch, zahlreiche trennende Traditionen wurden im Sinne der Versöhnung abgeschafft. Die Mönche, keineswegs religiöse Fanatiker, sind überaltert, teils starr, teils tief im Glauben verankert und verbunden mit den Gläubigen des Umlandes. Sie verkörpern ein einfaches, bescheidenes Leben. Doch das neue Rom setzt sich mit subtiler Drohung durch, auch das Kloster wird sich den Zeitläuften nicht verschließen können. Moores Roman nimmt nicht Partei – der Priester ist sympathisch, aber setzt er nicht das entkernte Neue selbst doktrinär durch? Und hat sich das Modell der Mönche nicht tatsächlich überholt? Novizen gibt es schon lange nicht mehr. Aber liegen sie deshalb mit ihrem Festhalten am Überlieferten falsch? Sehr nachdenklich machender, kontroverser Text über ein ständiges Dilemma.  

Thomas Lehr: 42.

Eine Besuchergruppe überlebt einen Unfall im Genfer CERN – per Zufall sind 70 Menschen in individuelle Zeitblasen eingeschlossen, während die Welt um sie herum um 12h 47min 42s stehengeblieben ist, das Ausmaß der Katastrophe und ihre Dauer sind ihnen unbekannt. Doch nach fünf Jahren gibt es eine kurze Bewegung – für drei Sekunden – und damit Hoffnung auf Befreiung. Thomas Lehr (geb. 1957) weiß seine erzählerischen Pointen gut zu setzen, seine sprachlichen dagegen eher nicht. Offenbar aus Angst davor, er käme in Verdacht, reine Science-Fiction geschrieben zu haben – als ob das verwerflich wäre – erzählt er in einer angestrengten „literarischen“ Sprache, die das Vergnügen an der spannenden Geschichte bald abflauen lässt, bis hin zu grotesk plumpen Wortspielen. Auch inhaltlich wird man der vielen Redundanzen und zweifelhaften Männerphantasien irgendwann überdrüssig. Fazit: verschenkter Plot, der das erzählerische und philosophische Potential nicht ausschöpft, man greife besser zu einem Roman von  J.G. Ballard. 

Per Olof Sundman: Die Untersuchung.

Nordschweden in den 1950er Jahren. Der Gemeinderat und örtliche Vorsitzende des Temperenzausschusses muss die gesetzlich geforderte Untersuchung wegen möglichen Alkoholmissbrauches gegen den Bauleiter des neuen Kraftwerkes durchführen. Obwohl es ihm nicht an Selbstbewusstsein und Indizien fehlt, ist sich Erik Olofsson unsicher, wie er sich dem Mann nähern soll, der aus einem ganz anderen Milieu stammt als er: Südschwede, Städter, Akademiker. Soll, muss oder darf er ihn gerade nicht anders behandeln als die ihm vertrauten Dorfbewohner? Mit kargen Mitteln erzählte Studie Sundmans (1922-1992), spannend und atmosphärisch. 

Anna Seghers: Die Hochzeit von Haiti. Karibische Geschichten.

Natürlich erinnert der Band nicht von ungefähr an Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“, deren Hintergrund Anna Seghers (1900-1983) hier gewissermaßen aus mehreren anderen Perspektiven schildert. In nüchterner Diktion berichtet sie aus der Sicht einiger Beteiligter vom Scheitern der Sklavenrevolten auf Haiti – unter dem berühmten Toussaint Louverture – in Guadeloupe und Jamaika und damit über das Ende der Französischen Revolution in den Kolonien mit ihren Ideen von der Gleichheit der Menschen. Eine Geschichte des Verrats von Idealen in Geschichten, die einen leicht resignativen Zug erkennen lassen. 

Pavel Kohout: Die Einfälle der heiligen Klara.

Eine böhmische Kleinstadt 1966. An der Schule gibt es einen Skandal: Alle SchülerInnen der 8. Klasse haben bei der Mathearbeit hervorragend abgeschnitten. Doch dahinter verbirgt sich ein noch größeres Mysterium. Die naive Mitschülerin Klara hat vorher die Aufgaben gekannt – weil sie ihr „eingefallen“ waren. Es stellt sich bald heraus, dass Klara noch viele Dinge „einfallen“, die kurz darauf tatsächlich eintreten. Was ihr ziemlich egal ist, beschäftigt bald alle Einwohner, die Lottospieler, die Gläubigen und vor allem die staatlichen Behörden. Dann sagt Klara auch noch ein Erdbeben voraus… Bitterböse und sehr lustige Satire des tschechischen Autors Pavel Kohout (geb. 1928) – man ahnt, warum er das Land verlassen musste. 

Una Troy: Ein Sack voll Gold.

Die hochangesehene Industriellenfamilie und die ortsfremden Außenseiter einer Kleinbürgerfamilie in einem irischen Dorf sind auf ungute Weise enger miteinander verbandelt, ohne es zu wissen. Komplikationen, Komplikationen. Unterhaltungsroman von Una Troy (1910-1993), nicht einmal eine gute Bahnlektüre, da die vorbeiziehende Landschaft meist spannender ist. Wer bis zuletzt durchhält, darf noch ein bisschen zusätzlich unmotivierten Kitsch miterleben. 

Mario Giordano: Karakum. Abenteuer in der Salzwüste.

Jugendroman von Mario Giordano (geb. 1963) nach dem Drehbuch des gleichnamigen Films von Arend Agthe. Robert soll seinen Vater auf dessen Baustelle in Turkmenistan besuchen. Doch der kann ihn nicht am Flughafen abholen, sondern schickt den LKW-Fahrer Pjotr. Gemeinsam mit dessen Neffen geht es durch die Wüste – eine gefährliche Fahrt. Dann gibt auch noch der LKW den Geist auf und der zwielichtige Pjotr verschwindet… Spannend, das grundlegende Element der Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden Kindern (und deren Überwindung) geht im Buch allerdings etwas verloren. 

Das letzte Buch des Jahres 2017:
Renate Welsh - Einmal sechzehn und nie wieder.
Renate Welsh: Einmal sechzehn und nie wieder.

Zum Glück, möchte man sagen. Was nicht am Buch der österreichischen Autorin (geb. 1937) liegt, sondern an dem Alter, in dem alles so kompliziert und tragisch überhöht erscheint. Dass wir uns hier im Österreich der 1970er Jahre befinden, bemerkt man lediglich an einigen politischen Äußerungen und an den Röcken, die die Mädchen tragen. Ansonsten war die Pubertät damals auch nicht schöner. Coming-of-Age-Roman für die Jugend.            

Lektüremonat November 2017