Die
Jahre 1629/30 am dänischen Königshof, wo der melancholische Träumer Christian
IV. regiert, der einerseits von Ideen beseelt ist, die er – wie seine
Schlossbauten – in die Tat umsetzt, andererseits politisch wie privat
unglücklich agiert, er verliert gegen die katholische Liga im Reich, er
ruiniert den Staatshaushalt, er deckt die Betrügereien seiner Gattin auf. Rose
Tremain (geboren 1943), Britin, verwebt persönliche Schicksale um Christians
Hof auf äußerst kunstvolle Weise in ihrem klugen historischen Roman, der seinem
Titel alle Ehre macht, denn er widmet sich den Ereignissen auf ruhige, trotzdem
spannende Art, in der die liebevoll geschilderten Personen – selbst die
bösartigeren – bei Leser und Leserin Sympathie erwecken. König Christian liebt
es, seine Gäste durch indirekte Musik zu verblüffen. Rose Tremain verblüfft durch
ihr stilles Schreiben, hinter dem großes Können nicht nur zu erahnen ist.
Marie
Hermanson: Muschelstrand.
Was
soll man über Marie Hermanson (geboren 1956) schon sagen? Marie Hermanson ist
Marie Hermanson ist Marie Hermanson. Oder anders: eine literarische Göttin. Die
Schwedin besitzt die Fähigkeit, unglaublich Spektakuläres im positiven Sinne
unglaublich unspektakulär zu erzählen. Schreckliche, groteske und bizarre
Ereignisse treten in den Alltag der Gegenwart, ständig kommt es zu
verblüffenden Wendungen, unerklärlichen Vorkommnissen, traurigen Ereignissen
und doch verfallen Hermansons Geschichten nie dem plump Sensationellen oder der
billigen Kolportage. Dies liegt an den zahlreichen Künsten der Autorin, die
eine äußerst genaue Beobachterin (und Beschreiberin) ist, in deren Texten
selbst die abseitigste Nebenbemerkung ihren genauen Platz hat, wo alles mit
allem verknüpft ist, aber nichts mit oberflächlichen Erklärungen abgehandelt
wird, wo die Figuren mit Sympathie geschildert werden, wie seltsam sie sich
auch verhalten mögen. Dies alles gilt naturgemäß auch für „Muschelstrand“,
Hermansons berühmtestem Roman. Ulrika, eine Ethnologin, reist mit ihren beiden
Kindern zu den Sommerhäusern, wo sie einst die Sommer ihrer Kindheit und Jugend
verbrachte. An besagtem Muschelstrand finden sie durch Zufall ein menschliches
Skelett. In Rückblenden erinnert sich Ulrika an die Ferien vor gut 25 Jahren,
als bei der Nachbarsfamilie ein Kind verschwand. Doch dieses ist nicht das
Skelett – denn das Kind kehrte auf mysteriöse Weise wieder. Als mit Hermanson
Vertrauter ist man etwas überrascht, dass die Parallelgeschichte, Kristinas
Biographie, die Erklärung für dieses Geschehen zu liefern scheint. Was
natürlich – es ist eben doch ein Hermanson – nicht der Fall ist. Aber die
Pointen sollen nicht verraten werden. Marie Hermanson gehört zu den
Schriftsteller*innen, zu denen man greift, wenn man verlässlich intelligent und
extrem spannend auf hohem Niveau unterhalten werden will. Suchtfaktor.
Arno
Geiger: Der alte König in seinem Exil.
Wie
schreibt man über die fortschreitende Alzheimerkrankheit des eigenen Vaters?
Zahlreiche Gefahren tun sich auf: weinerlich-sentimentale Betroffenheitsprosa,
ein Ratgebertonfall, der Bescheidwissen vorgaukelt, oder eine Distanzierung in
nüchternem, quasi-klinischem Ton. Hinzukommt bei solch einem persönlichen und
sehr intimen Thema (ähnlich wie in der Tagebuch- und Briefliteratur) ein
möglicher Voyeurismus – noch dazu, wenn man eine öffentliche Person ist wie
Arno Geiger (geboren 1968), immerhin der erste Träger des Deutschen
Buchpreises. Gerade weil Geiger ein reflektierter Schriftsteller ist, entgeht
er diesen Fallen, weder schreibt er einen dokumentarischen Bericht, noch ein
Tagebuch des Verfalls, keinen nostalgischen Rückblick auf das Leben des Vaters
– auch wenn sein Buch naturgemäß durchaus solche Elemente enthält, entzieht
sich die Schilderung der Wirkung der seit vielen Jahren voranschreitenden
Krankheit gängigen Mustern. Geiger beschönigt nichts, dramatisiert aber auch
nicht, er schreibt eine äußerst liebevolle Hommage an den Vater, ohne zu
verklären, weder die alten noch die krankheitsbedingten Konflikte werden
verschwiegen. Und auch ratgeberhaft ist das Buch nicht, da Geiger eine an und
für sich banale, aber oft übersehene Erkenntnis betont: da Alzheimer das Gehirn
und damit den Sitz unserer Persönlichkeit angreift, lassen sich – anders als
etwa bei Leberkrankheiten – keine allgemeinen Aussagen treffen. Auch bei Geiger
ist die immer umfassender werdende Betreuung des Vaters schwierig, doch die
ursprüngliche Persönlichkeit August Geigers, die durch die Reduktion teils
geradezu verstärkt wird, seine Selbstgenügsamkeit, seine fast buchstäbliche
Bodenständigkeit und seine mit Humor gepaarte Gelassenheit ermöglichen auch
eine neue Verbundenheit – ein tröstlicher Effekt, der die entfremdete Familie
wieder enger zusammenschweißt. Wie gesagt, die Verläufe sind verschieden, auch
Geigers Vater hat Momente des Verdämmerns, der Aggression, aber Geigers Buch
mahnt dazu, sich auf die neue Welt des Erkrankten einzulassen, zu begreifen,
dass hier etwas Neues, Unumkehrbares entsteht, dass in aller Unzugänglichkeit
und Fremdheit akzeptiert werden muss, um den zugegeben schwierig Umgang
miteinander zu ermöglichen. Und so wenig man es angesichts des Themas glauben
mag, das Buch besitzt auch einen – sicher etwas traurigen, aber deutlichen
vorhandenen – Humor. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein großes Werk, ein
wichtiges Buch, das jedem empfohlen sei zu lesen.
Carlos
Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes.
„Der
Schatten des Windes“ mutierte kurz nach seinem Erscheinen 2001 sehr schnell zu
einem internationalen Bestseller mit Millionenauflage. Kein Wunder, vereint der
Spanier Zafón (geboren 1964) doch gekonnt den klassischen Schauerroman mit
Kolportage und Thriller. Deswegen erleben wir hier alles, was man erwarten
darf: ein mysteriöses Buch im Buch mit geheimnisvollem Autor, skurrile Figuren,
verfallende Villen, Särge in versteckten Krypten, einen ultrabösen Schurken,
eine Liebesgeschichte, Kapitel, die mit der Ankündigung des eigenen Todes
enden, schöne Frauen, hässliche Intrigen, großstädtisches Flair – und was nicht
noch alles, was hier nicht verraten werden darf. Nun, wenn es so einfach wäre,
würden wir alle Beststeller nach diesem Rezept schreiben – natürlich gehört ein
ordentliches Talent dazu, diese Elemente zu verknüpfen und das Ganze auf einem
sprachlich lesbaren Niveau zu erzählen. Ohne Zweifel ist dies Zafón gelungen.
Sein Roman ist ein flüssiges, ungemein spannendes Buch mit vielen Wendungen,
Rätseln und Figuren zum Gernhaben (und Hassen). Das Frauenbild ist etwas
altbacken – sie sind nur Ergänzungsfiguren zu den handelnden Männern – und der
politische Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges bleibt reichlich diffus. Die
spanische Literatur wird das Buch nicht revolutionieren, aber ein
unterhaltsamer Lesespaß ist es allemal.
Jack
London: König Alkohol.
Es
steht Roman auf dem Umschlag, doch eigentlich ist „König Alkohol“ ein
autobiographischer Großessay. London (1876-1916) schildert seine Erlebnisse mit
dem Alkohol seit Kindertagen, als er – mit fünf Jahren – seinen ersten
versehentlichen Vollrausch hatte. Das Buch ist sein Plädoyer gegen den
verderblichen Einfluss des Alkohols, dem er sich selbst nie entziehen konnte –
nun war aber London keineswegs ein Schweralkoholiker, diesen Fall (hervorragend
geschildert in Hans Falladas „Der Trinker“) hält er nicht ganz zu Unrecht, weil
klinisch, auch für nicht repräsentativ, sondern London war ein
Gesellschaftstrinker, der oft sehr lange abstinente Phasen hatte, in denen er
nicht nur keinen Tropfen anrührte, sondern ihm das Verlangen danach völlig
abging. Die Gefahr und die Macht des Alkohols sah London also in dessen
Fähigkeit, sozial verbindend zu sein, vereinfacht gesagt: beim gemeinsamen
Gläschen sitzt es sich angenehmer, man kommt leichter ins Gespräch, man hat
etwas Verbindendes. Erst später tritt auch bei London der Spezialfall auf, dass
er glaubt, ohne das tägliche Pensum mangele es ihm an kreativer Kraft – er
bezieht das allerdings auch auf körperliche Kräfte, wenn etwa der Alkohol
schwere Arbeit erträglicher macht. London sah nur eine Hoffnung: die Frauen. Sie
allein hielt er für fähig, die Prohibition durchzusetzen. Dass diese letztlich
ebensowenig Erfolg haben würde, musste London nicht mehr erleben: er starb
vierzigjährig. Über die Todesursache bestehen bis heute Zweifel – dass der
Alkohol dabei eine Rolle gespielt haben könnte, wird man wohl kaum in Abrede stellen können.
Martina
Hefter: Zurück auf Los.
Man
sollte Klappentexten nicht allzu viel Vertrauen schenken, aber der Buchrücken
der Taschenbuchausgabe von Martina Hefters (geboren 1965) Roman ist doch recht
aufschlussreich. „Eine junge Frau durchlebt, an der Rezeption eines Hotels
sitzend, die Nacht, in der ihr Freund seine Sachen packt und sie verläßt.“ Dies
und nicht mehr steht dort – und dem ist inhaltlich auch nichts hinzuzufügen.
Nun, beigefügt ist dem ganzen noch ein Halbsatz aus der NZZ, verkündend, das
dieses Buch „brillant mit der Sprache operiert“, was man von eben jenem
Halbsatz nicht behaupten kann. Erfahrene Klappentextleser*innen wissen, dass
eine lobende Kritik der NZZ ähnlich wie eine enthusiastische Rezension der FAZ
für gewöhnlich ein Buch charakterisiert, das solides Handwerk mit zäher
Langeweile vereint. Quod erat demonstrandum.
F.
Scott Fitzgerald: Der letzte Taikun.
Die
etwas befremdliche Form des Titels – im Original: "The Last Tycoon" – geht auf
die frühe und auch an anderer Stelle oft mehr als fragwürdige Übersetzung
zurück; allen Ernstes wird dort beispielsweise „grandfather clock“ mit
„Großväteruhr“ übersetzt. Fitzgeralds (1986-1940) Roman blieb Fragment, nur der
Beginn ist ausgearbeitet, der weitere Verlauf anhand von Entwürfen und
Konzepten halbwegs rekonstruierbar. Und das ist ein Verlust. Zwar klingt es
nach gar nicht wenig, wenn man weiß, dass immerhin gut 180 Seiten vollendeter
Text vorhanden sind, doch auf diesen hat die Handlung erst einigermaßen Fahrt
aufgenommen, um die späteren teils sehr spektakulären Ereignisse vorzubereiten.
Monroe Stahr ist der letzte Tycoon, eine Art Wunderkind im untergehenden
Hollywood der großen Studiofilme, Produzent mit intuitivem Gespür, mit Übersicht
und Respekt vor dem was er tut und den zahlreichen Mitarbeitern, die ihn
vielleicht nicht unbedingt lieben, aber achten. Doch auch der Herrscher
über seine Firma hat nicht die Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten wie einen
Film, wo er geradezu allmächtig ist. Er ist – mit 35 – bereits todkrank und
Witwer, seine neue Liebe entgleitet ihm. Und wo Erfolg ist, sind Neider.
Fitzgeralds geradezu genialer Coup ist es, dass Leben Stahrs aus der Sicht der
Tochter seines Erzfeindes schildern zu lassen, die unglücklich in ihn verliebt
ist. Leider werden wir nie mehr erfahren, wie die Geschichte weitergeht…
Katherine of Alexandria / Decline of
an Empire GB 2014
110 min.
Regie: Michael
Redwood
Buch: Michael
Redwood
DarstellerInnen:
Nicole Keniheart (Katharina), Peter O’Toole (Gallus), Joss
Ackland (Rufus), Steven Berkoff (Liberius), Edward Fox (Kaiser
Constantius), Jack Goddard (Constantin), Dudley Sutton (Marcellus),
Samantha Beckinsale (Vita), Jean Marlow (Helena), Julien Valon (Maxentius)
u.v.m.
Ziemlich am Ende
des Abspanns des Films Katharina von Alexandrien wird folgender Hinweis
eingeblendet: This story is based on historical events. In certain cases/incidents,
characters and timelines have been changed for dramatic purposes. Certain
characters may be composites, or entirely fictitious.An und für sich wird hiermit
nur die Grundlage jeden historischen Erzählens, sei es im Film, sei es in der
Literatur, definiert, eine Selbstverständlichkeit, die jedem Zuschauer eines
Sandalenfilmes – hoffentlich – bewusst sein dürfte. Womöglich kann es trotzdem
nicht schaden, darauf noch einmal aufmerksam zu machen, auch wenn die Stelle,
an der dies geschieht, der Aufmerksamkeit des überwiegenden Teils des Publikums
sicher entgehen dürfte. Und doch irritiert der Vermerk, gerade weil er an den
beliebten Satz Based on a true story erinnert, der gerne verwendet wird,
um besondere Authentizität zu suggerieren. Hinzukommt, dass die Sätze am Ende
des Filmes auftauchen, selbst dem historischen Laien dürfte zu diesem Zeitpunkt
einiges doch recht fragwürdig vorgekommen sein und der mit der Geschichte näher
Vertraute wird sie selbst als reichlich fictitious abtun.
Nun könnte die Crux daran liegen,
dass hier eine Heiligenlegende verfilmt wurde. Dies ist immerhin schon ein
mutiges, eher ungewöhnliches Unterfangen, das man so allenfalls von amerikanischen
religiösen Filmproduzenten kennt, die für ihren eigenen kleinen Markt solche Biopics
drehen, die darüber hinaus wenig Aufmerksamkeit erregen. Zwar erfolgte auch die
Veröffentlichung Katharinas von Alexandrien sogleich auf DVD und kam
nicht in die Kinos, die Gründe hierfür und überhaupt der Hintergrund des
Projekts dürften jedoch anders gelegen haben, hier hat kein Orden mit großem
Aufwand das Leben seines Stifters verfilmt. Auch der alternative Titel des
Filmes, Decline of an Empire, der von der christlichen Thematik nichts
erkennen lässt, weist darauf hin, dass hier an ein weit größeres Publikum
gedacht war. Eine Heiligenlegende für alle im Jahr 2014 also. Nun gilt das
Genre der Legenden, eine eigenständige Erzählkategorie darstellend, per se als notorisch
historisch unzuverlässig, dies, könnte man durchaus sagen, ist sogar eines
seiner Definitionsmerkmale. Zwar existiert ein grober historischer Rahmen, doch
die Geschehnisse und Handlungen unterliegen eigenen Gesetzen, denen, je
nachdem, ein biographischer Kern zugrunde liegt, Sinn und Zweck einer Legende
liegen jedoch gänzlich woanders als in einer exakten Lebensbeschreibung. Gerade
die heilige Katharina ist hierfür ein exemplarischer Fall, worauf der Film am
Ende – noch vor dem Abspann – ebenfalls kurz eingeht. Während der großen
Reformprozesse innerhalb der katholischen Kirche in den 1960er Jahren ging man
auch daran, den Heiligenkalender zu durchforsten, wobei die historische
Existenz einiger Personen besonders aus der Antike plötzlich als äußerst
fragwürdig erschien. Darunter auch die volkstümlich seit Jahrhunderten sehr
beliebte Katharina. Die wenigen konkreten historischen Überlieferungen ließen
sich nicht zweifelsfrei verifizieren, 1969 wurde Katharina aus dem römischen
Verzeichnis entfernt – eine reichlich kuriose Situation, bedenkt man die
zahlreichen Kirchen, die nach ihr benannt sind, dazu die Abertausenden von
Katharinenbildnisse in den Gotteshäusern und anderswo. Anfang der 2000er Jahre
wurde die harsche Entscheidung aufgehoben, Katharina kehrte sozusagen offiziell
rehabilitiert zurück. Eine der Begründungen klingt fast wie der eingangs
angeführte Satz: man geht bei einigen der berühmtesten Heiligen der Antike
davon aus, dass es sich um kompositorische Personen handelt, das heißt, die Biographien
mehrerer Personen – womöglich auch gleichen Namens – sind im Laufe der
Überlieferung zusammengefallen. Denkbar ist folglich, dass eine gebildete Frau
während der Christenverfolgungen ihren Glauben vor Gelehrten zu verteidigen
hatte, eine andere am Hof Christin war und wiederum eine andere hingerichtet
wurde, und dies im Nachhinein alles vermengt wurde zu einer Figur.
Getrost könnte man folglich
einräumen und dem Film zugute halten, sein doch äußerst laxer Umgang mit
historischen Fakten sei in der Vorlage begründet, was stichhaltig wäre, würde
sich der Film an der Vorlage orientieren. Was er nur in einem ähnlich groben
Maße tut wie mit der Historie. Was letztere angeht, so sei es von vorneherein
angemerkt, dass abgesehen von einem sehr rudimentären Zeitrahmen, der auch nur
für Zuschauer nachvollziehbar ist, die mit den Ereignissen selbst schon
vertraut sind, und der die Jahre zwischen 305 und 310 umfassen dürfte,
lediglich einige Orts- und Personennamen noch authentisch sind. Doch selbst
hier werden nicht einmal grundlegende Kenntnisse beachtet: Maxentius wird zum
oströmischen Kaiser – er war jedoch tatsächlich stets im Westen zugange; und
nebenbei nie Kaiser, sondern ein Usurpator, auch war er kein Christenverfolger.
Constantius kämpft richtigerweise in Britannien, Constantin wird aber als eine
Art Söldner von fremder Herkunft geschildert, ein Jugendfreund Katharinas aus
Ägypten, er nennt sich selbst einmal im Film Jabaleaner, mehrfach betont
er sogar I owe Rome nothing! und das er schon in mehreren Armeen gedient
habe. Dem echten Konstantin dürfte dies nicht gefallen haben, es hätte ich ihn
jeglicher Legitimität beraubt. Die er jedoch weniger nötig hatte, da er
schlicht der Sohn des Constantius (Chlorus) war, der ihn zu seinem Nachfolger
bestimmte. Mit anderen Worten, selbst einfachste Grundgegebenheiten werden hier
verändert, teils ohne erkennbare Notwendigkeit. Dies gilt, umso
bemerkenswerter, wie erwähnt, auch für die legendarische Vorlage – erwähnt sei
nur, dass in ihr Constantin keinerlei Rolle spielt und Katharina keine arme
Nomadentochter, sondern eine hochgebildete und vor ihrem Übertritt zum
Christentum eitle und versnobte zypriotische Prinzessin aus reichem Königshause
war.
Doch zum Film selbst. Der Einstieg
ist klassisch: zwar gibt es keine Karte – die wird später einmal auf der
Ägyptenreise kurz nachgereicht – und keine Stimme aus dem Off, aber immerhin
doch den einführenden Text. Dieser birgt gleich eine handfeste Überraschung.
Eine Gruppe fast ausschließlich weiblicher Rebellen im Norden Britanniens took
up the fight against Rome’s enforced pagan worship, inspiriert durch von
Sklavinnen in das Land geschmuggelte Schriften einer ägyptischen Prophetin –
Katharina, wie sich herausstellen wird. Diese Art von weiblicher Solidarität
ist ein wiederkehrendes Motiv im Film, über dessen Absurdität vorerst noch kein
Wort verloren werden soll. Das Abstruse der Interpretation dieser
Auseinandersetzung zwischen Rom und den Pikten – um die es wohl gehen dürfte,
auch wenn sie so nie benannt werden – kann man nur hinnehmen. Tatsächlich
führte Constantius zu Beginn des 4. Jahrhunderts einen Piktenfeldzug, religiöse
Gründe lagen hierfür jedoch unter Garantie nicht vor. Die Verknüpfung der
Katharinenlegende mit einem angeblichen Konflikt Heiden versus Christentum,
der, wohl von der Tatsache ausgehend, dass bei den Pikten auch weibliche
Krieger existiert haben sollen – siehe Centurion – zusätzlich zu einem
Geschlechterkampf stilisiert wird, ist denn doch mehr als gewagt, schon recht
nah am Grotesken. Es fällt sehr schwer, da die rebellischen Kriegerinnen denn
auch noch erfolgreich agieren, dahinter nicht den schon mehrfach eher ungut
erkennbaren britischen Nationalismus zu übersehen. Die Katharina-Geschichte
wäre auch sehr gut ohne diesen Seitenaspekt ausgekommen – selbst im Film gibt
es von ihr aus nie einen Hinweis auf die britischen Frauenkrieger vom ziemlich
ganz anderen Ende des Römischen Reiches. Diese sehen, nebenbei bemerkt, eher
wie eine Mischung aus Steinzeitmenschen und indianischen Schamaninnen aus – positiv
anzumerken ist, dass sie als einzige so etwas wie Humor zu besitzen scheinen,
erholsam in einem Film, der sich sonst so sehr getragen gibt.
Der eigentliche Beginn des Filmes –
nach dem Texteinschub – ist jedoch ein Idyll. Kinder spielen im Sonnenlicht am
Meer, Wellen brausen sanft heran. Kitschmotive kehren mehrfach wieder, stets in
Verbindung mit Katharina. Diese, noch ein junges Mädchen, lebt als Nomadin mit
ihrer Familie am Strand, sie schreibt in weißem Gewand Texte auf Papyrus.
Offenkundig beschäftigt sie sich mit christlicher Philosophie, sie spricht,
erfahren wir bald, mehrere Sprachen. Der Inhalt des Geschriebenen ist zugleich
ihr eigener Auftrag der Verkündigung – einen Zuhörer hat sie bereits, einen
Jungen, erst später wird klar, dass es sich um Constantin handelt. Ein
römischer Reitertrupp stört das beschauliche Lagerleben, aggressiv fordert
dessen Anführer, dunkel eingehüllt und durch eine Art schwarzen Normannenhelm
unkenntlich, Geld für die Nutzung des Landes, in einem anschließenden Massaker
lässt er die dort wohnenden Familien umbringen. Die junge Katharina, deren
frühreife Gelehrtheit ihn offenbar fasziniert, lässt er allerdings mitnehmen.
Und es gibt einen weiteren Überlebenden, der in der Folge wiederkehren wird.
Katharina aber wird an den Hof gebracht, der Anführer war niemand anderes als
der römische Imperator des Ostens, Maxentius, der sie nun von seinen Gelehrten
erziehen lässt, durch den Unterricht erhofft er sich eine Zuwendung des
Mädchens hin zum Heidentum – und naturgemäß zu ihm selbst. Er betrachtet sie
als seine persönliche Gespielin, angezogen von ihrer Schönheit, aber auch ihrem
Verstand.
Dargestellt wird Maxentius durchwegs
als völlig unberechenbarer Geisteskranker, der stets gehörig die Augen zu
rollen und in grober Lautstärke zu sprechen hat. Es wird nicht klar, warum
gerade er, der dafür wenig Vorrausetzungen außer Neid mitbringt, über
Katharinas körperliche Vorzüge hinaus an ihrer Bildung und ihrer Weisheit
interessiert sein sollte. Zurecht ist dies auch für seine Gattin kaum
nachvollziehbar; dass er sich eine weitere, wie sie selbst sagt, arabische
Mätresse hält, sei so natürlich wie verschmerzbar, doch was ihn an Katharina so
sehr anzieht, erschließe sich ihr nicht. Sie unternimmt weit mehr, um Katharina
ihr Geheimnis zu entlocken, auch als Gegnerin, die zwischen Eifersucht und dem
Erkennen der Gefahren, die in den Reden und Texten der jungen Frau liegen,
erweist sie sich als die interessiertere und gewieftere. Sie nimmt sich die
Texte vor, und versucht sie als Poesie abzuwerten, letztlich initiiert sie auch
die Auseinandersetzung mit den Gelehrten, von denen sie sich jedoch enttäuscht
zeigt. Obwohl die Mehrheit der Erzieher und Höflinge Katharina misstrauen, sie
eine Zensur ihrer Schriften erwägen, erweist sich Maxentius’ Vorgehen als
zweischneidig: zumindest der offensichtlich einflussreiche Gallus – Peter
O’Toole in seiner letzten Rolle, womit der Film auch wirbt – sieht in ihren
Reden mehr und gerät unter ihren Einfluss.
Derweil am Hadrianswall. Der Kaiser
des Westens, Constantius, ein älterer Herr, lebt im Feldlager während eines
Feldzugs, der wenig Fortschritte zeigt dank der Guerillataktiken des im Grunde
unterlegenen Gegners – und der Schwäche der eigentlich weit überlegenen eigenen
römischen Armee. Der Film führt diese, auch in Gesprächen, als degenerierte
Söldnertruppe vor, zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen des Reiches,
Legionäre, die wenig gemeinsam haben außer einem Drang zur Brutalität, groben
Scherzen und wenig Erfahrung, da viele der Soldaten zu jung sind. Es mutet
reichlich seltsam an, dass gerade Constantin, der ja arabischstämmig sein soll,
jedenfalls dezidierter Nicht-Römer, und sein bester Freund Marinus, ein
Farbiger, sich über die Defizite solch einer Multi-Kulti-Truppe unterhalten –
und dies für die Probleme des Krieges verantwortlich gemacht wird. Abgesehen
von der Unzeitgemässheit der Diskussion, die in einem Vielvölkerreich ohnehin
unpassender kaum sein könnte, schwingt hier erneut ein unguter Ton von
Nationalismus mit, da die Gegner ja schließlich eine homogene, um ihren
Heimatboden erfolgreich kämpfende Gruppe sind. Hinzukommend müsste sich
Constantin, der die römische Armee gegen die Einwände seines Freundes nur
schwach zu verteidigen sucht, damit durchaus selbst anklagen: erwiesenermaßen ist
er ja geradezu der Prototyp des Söldners und die Motive für seinen Dienst für
Rom sind rein egoistisch: er sucht die vermeintlichen Mörder seiner
Jugendfreundin Katharina. Constantius wirft ihm dies explizit vor – was ihn
nicht hindert, ihn später trotz dieser offenkundigen Illoyalität zum
Nachfolger, wohlgemerkt als Herrscher des Römischen Reiches, vorzuschlagen.
Vorerst ist man aber noch mit den raffinierten Kriegerinnen beschäftigt, die
der römischen Vorhut in einem Hinterhalt eine empfindliche Niederlage
beibringen – die Schlachtenszene ist eine der gelungeneren Episoden des Films,
hier wird nichts beschönigt, die Brutalität antiker Kampfführung und Waffen
nicht gemildert. Womöglich ist dies als Kontrast zu sehen zu Katharinas
friedlichem Weltbild, die eher düstere Geographie des Westens gegenüber dem
sonnigen Osten unterstreicht dies auch bildlich. Nicht ganz in Einklang zu
bringen ist damit allerdings, dass die angeblich ja von Katharinas Schriften
direkt inspirierten Rebellinnen an Gewaltbereitschaft den Römern in nichts
nachstehen.
Katharina genießt derweil am Hofe
ein etwas freieres Leben, dank den Unterhaltungen mit Gallus, dem Zugang zu
zahlreicher Lektüre und der Möglichkeit, den Palast zu verlassen. Ihren Gegnern
erweist sie sich als überlegen – zum Beispiel in der Frage nach den römischen
Göttern, die sie zwar ablehnt, aber alle kennt, im Gegensatz zu den heidnischen
Gelehrten. Als sie mehrfach zum Volk predigt – Anlass für weitere Kitschbilder,
zu der natürlich um sie herumsitzende und zu streichelnde Kinder gehören – wird
die Gangart ihr gegenüber wieder verschärft. Um das Klischee, das „einfache
Volk“ versteht, während die hochgebildeten Gelehrten versagen und mit Arroganz
reagieren, kommt der Film ebenfalls nicht herum. Letzteren obliegt es nun
jedoch, Katharina in aller Öffentlichkeit zu widerlegen. Sie wird wieder ins
Gefängnis geworfen, während Senatoren und die herbeigerufenen weisesten Köpfe
des Landes sie in einer Mischung aus Debatte und Gerichtsverfahren durch ihr
Wissen blamieren sollen. Um eine eventuelle Flucht Katharinas zu verhindern,
werden ihr im Kerker zusätzlich die Beine gebrochen. Gallus, der Katharina
besucht und nicht Teil des unwürdigen Schauspieles sein möchte, und der das
festgesetzte Todesurteil bereits kennt, wird auf ihre Bitte hin trotzdem daran
teilnehmen. Das eigentliche Tribunal überrascht dann wenig, die selbstsicheren
Akademiker und Senatoren geraten bald ins Hintertreffen, Katharinas Gegenrede
entlarvt ihren Glauben eher als literarische Vorliebe gegenüber ihrem festen
Vertrauen auf einen einzigen Gott. Kurios ist allerdings eines ihrer
Hauptargumente: die von ihnen, den Heiden, Angebeteten seien nicht römisch wie
etwa Sol Invictus, selbst die als römisch geltenden Götter wären aus
Griechenland übernommen. Das ist nicht verkehrt, nur was genau soll es besagen?
Dass es für Götter einen biologischen Konnex der Anbetenden geben muss? Und was
wäre dann mit Katharina, die als Ägypterin – oder Araberin, Zypriotin, wie auch
immer – schließlich einen jüdischen Gott bevorzugt? Ambivalent auch das Zeichen
ihrer Genesung: anfangs an einem Stab angelehnt sitzend, steht sie trotz
gebrochener Beine schließlich auf; auf Worte allein wird folglich nicht
vertraut – natürlich ein typisches Element von Legenden – sondern ein Wunder
bekräftigt das Gesagte. Ihren Gegner jedoch liefert sie damit eine leicht gegen
sie verwenbare Vorlage: es könne sich nur um Zauberei handeln, eine Ketzerei
mehr auf der Liste. Gallus, der sich zu ihr bekennt und vor ihr um Verzeihung
bittet, wird dabei von einem römischen Pfeilschuss getötet. Es ist nicht ganz
klar, warum man zu diesem extremen Mittel noch dazu vor versammelten Publikum
greift, aber wenn man es mit einem wahnsinnigen Kaiser zu tun hat, kann
natürlich alles passieren. Der nimmt an der Debatte übrigens gar nicht teil.
Apropos: in der legendarischen Überlieferung ist Gallus keineswegs allein. Dort
treten alle Gelehrten, von Katharina ebenso beeindruckt wie überzeugt,
ausnahmslos zum Christentum über. So auch die Kaiserin und der für die Gefangene
zuständige Hauptmann. Allesamt blüht ihnen das gleiche Schicksal wie Katharina,
sie werden zum Tode verurteilt.
Katharinas Genesung scheint
jedenfalls nicht von langer Dauer, zur Hinrichtung wird sie wieder, deutlich
hinkend, gestützt von Wachen geführt. Ihr Martyrium nimmt sich wiederum dieses
Mal grob der Vorlage an: in der Ikonographie ist Katharina stets an ihrem Rad
erkennbar. Die filmische Umsetzung ist dann aber doch wieder etwas bizarr, wenn
auch nicht ohne Hintergedanken. Statt gerädert zu werden, also auf ein Rad
geflochten, wofür die Gelenke entsprechend gebrochen werden mussten, oder mit
Rädern erschlagen, beides noch weit bis in die Neuzeit übliche
Hinrichtungsmethoden auch hierzulande, wird sie auch nicht wie in der Legende
an vier Räder gebunden quasi gevierteilt, sondern an einem sehr großen Rad –
eher ein Mühlrad – befestigt und an einer Wand hochgezogen. Kurioserweise hat
dieses Rad Stacheln, die jedoch auf der Fläche nach innen, Richtung Nabe
zeigen, also Katharina nicht berühren können und auch so ziemlich unsinnig
erscheinen, außer, dass die dem Gerät ein martialisches Aussehen verleihen.
Dass in einer deutlich sichtbaren Einstellung einer dieser Stacheln auch noch
aus Katharina linkem Oberarm ragt, wobei nicht klar ist, wie er dort hinkommt
und auch die Anordnung des Winkels nicht übereinstimmt, sei nur am Rande
erwähnt. Sinn und Zweck der Anordnung, von einem der Römer vor Ort noch
bestätigend kommentiert, ist allzu deutlich: Katharinas Haltung entspricht
naturgemäß der Christus’ am Kreuz, auch ihr setzen römische Soldaten – mit dem
expliziten Hinweis, sie ihrem Vorbild ähnlich zu machen – eine Dornenkrone auf
und da das Rad an der Wand nicht hält, werden ihre Hände zusätzlich an das Holz
genagelt. Wiederum leidet diese eigentlich klassische Ikonographie für einen
Heiligen, insbesondere einen Märtyrer beziehungsweise eine Märtyrerin, die ein
durchaus beeindruckendes Bild ergibt, an der mangelnden Umsetzung des Films.
Dass die gesamte Konstruktion zu Boden stürzt, scheint eine Anspielung auf die
Legende zu sein – in der zerstören herbeeilende Engel die Räder, weshalb
Katharinendarstellungen immer ein zerbrochenes Rad zeigen– die für den Uneingeweihten jedoch nicht
erkennbar ist. Nun könnte man sie als Motivierung für das Festnageln Katharinas
durch die Soldaten sehen, doch diese Durchschlagen ihre Handgelenke – die davon
nicht betroffene Aufhängung des Rades kann hierdurch sicher nicht stabilisiert
werden. Ungewollt bestätigt sich dies, da das Rad später ein weiteres Mal
abstürzt und Katharina durch den Aufschlag am Boden tötet – in der Legende wird
Katharina nach dem gescheiterten Versuch der Vierteilung schlicht enthauptet.
Vor dem Tod hatte die Gefolterte noch eine Vision, für gewöhnlich empfängt der
christliche Märtyrer Zuspruch und Trost durch Christus oder Gott, hier ist es
etwas überraschend nicht einmal Maria, sondern Katharinas eigene Mutter.
Das Rad auf dem Katharina
festgebunden ist, ist auch identisch mit dem Zeichen, mit dem sich ihre
Anhänger identifizieren, womöglich eine zusätzliche Form der Verhöhnung des
Opfers. Dieser Kreis, der zwar ein Kreuz beinhaltet, insgesamt jedoch durch
weitere Diagonalen eher an eine Sonnendarstellung erinnert – womöglich zu
Tarnzwecken – ist auch Constantin und den Rebellinnen bekannt, wie er erstaunt
feststellen muss. Nachdem er ihre Verbindung mit Katharina erkannt hat, setzt
er bei Constantius einen Friedensschluss durch. Die Kriegerinnen verraten ihm
auch, dass der Kaiser sehr wohl über das Schicksal Katharinas Bescheid wisse –
erstaunlich, welches Wissen die Frauen des abgelegenen Stammes besitzen, ein
Wissen, dass sich Constantin in jahrelanger Suche nicht hat aneignen können,
obwohl er sein ganzes Leben nur diesem Zweck gewidmet hatte. Als er Constantius
zur Rede stellt, gesteht dieser seine Lügen ein, da er Constantin als
Nachfolger ausersehen hatte und ihn nicht abgelenkt wissen wollte. Ob dies
Constantin überzeugt? In jedem Fall erfährt er nun auch, dass Maxentius der
damalige Mörder war – aber auch, dass er zu spät kommt. Der oströmische Kaiser
habe Katharina ermorden lassen und sammle nun eine Armee vor den Toren Roms, um
sich allein auf den Thron zu setzen. Constantins Freund Marinus verkündet im
Anschluss ein Toleranzgebot für alle Religionen, während Constantin selbst
Maxentius entgegenreitet. Statt der historischen Schlacht an der Milvischen
Brücke kommt es zu einem Duell Mann gegen Mann, das Constantin problemlos
gewinnt. Man hat sich keinen langwierigen Schwertkampf vorzustellen, reichlich
brutal und, sofern man dieses Wort in diesem Zusammenhang benutzen möchte,
unehrenhaft erschlägt er den am Boden liegenden Gegner mit einem Stein. Dass
die Schlacht an der Milvischen Brücke – eines der entscheidenden Ereignisse der
Spätantike – nicht dargestellt wird, womöglich aus Budgetgründen, wäre an und
für sich weniger auffallend, wäre nicht kurz zuvor erwähnt worden, dass
Maxentius an genau dieser Stelle Armeen versammelt hat. Constantin, nun
designierter Alleinherrscher, aber durch den Tod Katharinas deprimiert, lässt
sich zu einer Reise nach Ägypten überreden, wo er wenigstens der Toten noch die
letzte Ehre erweisen möchte. Ihre dortigen Anhänger sind ihm gegenüber zurecht
skeptisch, ihre Erfahrungen mit römischen Imperatoren nehmen sie nicht gerade
für ihn ein. Als sie ihm den Leichnam trotzdem nach einigem Zögern bringen,
belohnt er sie mit einer mehr als seltsamen Rede. Er verkündet er sei no
king, ruft set the people free und Rome’s gods are lies.
Letzteres schien diesen durchaus schon bewusst, ersteres dürfte nicht ganz
richtig sein und ziemlich unklar ist, wovon diese Menschen denn nun eigentlich
frei sein sollten? Immerhin verständlich ist, dass Constantin im Anschluss
Katharinas Begräbnisort zur toleranten Gebetsstätte für alle Glaubensrichtungen
erklärt. Während die Menschen ihm lauschen, läuft die wieder jugendliche
Katharina unerkannt durch die Menge, die Menschen dabei sanft an der Schulter
berührend, was einen leichten Goldglanz auslöst. Zum Glück endet der Film nicht
mit dieser letzten Kitschreminiszenz. Es ist genaugenommen auch nicht ganz die
letzte, denn während er aus dem Off spricht, sieht man den sterbenden Gallus in
Großaufnahme, in seinem letzten Atemzügen ein angedeutetes Lächeln, im
Anschluss überblendet von Katharina, predigend in der Arena mit Kindern
drumherum. Die eigentliche Schlussaufnahme ist schließlich mit einem Text
unterlegt, der auf das Schicksal von Katharinas Reliquien und ihre erwähnte
zwischenzeitliche Streichung aus der Heiligenliste eingeht, ein Bild des
Katharinenklosters am Sinai, Gründung Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert, das
bis heute die Toleranztradition fortsetzt und Pilgern aller Konfessionen offen
steht.
Toleranz ist ein gutes Stichwort,
was den Umgang mit Katharina von Alexandrien, angeht – vielleicht schon
mit dem deutschen Titel beginnend, Alexandrien gibt es schließlich
nicht, sondern nur Alexandria. Doch der hiesige Verleih scheint sich ohnehin
nicht sonderlich mit Genauigkeiten abzugeben, ziert das Titelbild –
gleichzeitig der Hintergrund für das Hauptmenü der DVD – doch ein Schlachtenbild,
das im Film nicht vorkommt, genauer eindeutig aus einem anderen Werk zu stammen
scheint. Doch womöglich ist dies nur konsequent, führt man sich den schon
mehrfach erwähnten sehr freimütigen Umgang des Films mit der Historie, der
Legende, aber auch der Logik und der Erzählkunst vor Augen. Überprüfbar ist
dies allein schon an einem für Sandalenfilm typischen und noch recht
oberflächlichen Kriterium, der Gestaltung der Kleidung. Diese spiegelt bestens
die These wieder, dass Katharina von Alexandrien stets dazu neigt, sich
selbst ständig in Widersprüche zu verwickeln, selbst in solch einem doch eher
banalen Aspekt. Sicher, die Klage über phantasiereiche Rüstungen kehrt fast in
jedem Sandalenfilm wieder, auch wenn hier seit dem klassischen Zeitalter des
Genres geradezu Quantensprünge stattgefunden haben. In Katharina von
Alexandrien tragen die römischen Soldaten fast ausnahmslos authentische
Helme – diese würden zwar eher einer Armee um 100 nach Christus entsprechen,
aber hier darf man tatsächlich mal sehr tolerant sein. Der Rest der Uniformen,
sieht man vielleicht von den Schwertern ab, entspringt völlig der Phantasie des
Ausstatters. Selbst das alte Lederklischee wird wieder aufgegriffen.
Constantins Aufzug hat mit römischer Kleidung nicht annähernd zu tun, und
Maxentius trägt zum Duell doch tatsächlich zu seinem gewagt schiefsitzenden
goldenen Brustpanzer einen Lederhelm nach dem Pickelhaubenmodell aus Leder, wie
man ihn aus den B-Film-Varianten der 60er Jahre kennt. Fast schon grotesk auch
die lächerlich kleinen Rechteckschilde, die Constantin und Marinus in Ägypten
mit sich herumtragen.
Vielleicht würde man über solche
Dinge hinwegsehen, wäre man von der Schauspielkunst der Akteure oder der
Handlung gefesselt. Doch dies fällt unendlich schwer. Noch einmal spiegelt die
Doppelung des Titels die im Film ständig spürbare Unentschlossenheit wider:
wollte man eher die Geschichte einer Heiligen erzählen, einer starken
weiblichen Hauptfigur oder doch einen klassischen Sandalenfilm? Dies mündet in
die beiden durch den hanebüchenen Kniff der christlichen Rebellinnen
verbundenen Stränge Constantins und Katharinas. Die genretypische Action
verschwindet zugunsten zahlreicher Dialoge – was an und für sich natürlich
nicht verkehrt sein muss, in diesem Fall sogar Sinn ergibt, da Katharina ja mit
Worten streitet, doch die Umsetzung ist teilweise recht nah am unfreiwillig
Komischen. Zahlreiche der Schauspieler und Schauspielerinnen, allen voran
Katharina selbst, sprechen mit einem gewollt hörbaren Akzent. Dies könnte man
durchaus als gelungene Illustrierung des Vielvölkerstaates Rom deuten. Dass die
Nomaden, die Ägypter, die Rebellinnen ein unreines „Latein“ – vielleicht,
gerade im Osten, „Griechisch“ – sprechen, auch Katharina, selbst wenn dies
nicht ganz zu ihrer Gelehrsamkeit passt, sei akzeptiert. Dass dies auch
Maxentius tut – verkörpert von einem französischen Schauspieler – mutet dagegen
wiederum reichlich seltsam an. Wie immer ist nichts konsequent.
Überhaupt das Sprechen. Offenkundig
der Idee geschuldet, eine Legende müsse ein gewisses Pathos, eine
Bedeutungsschwere haben, wird dies mit den einfachsten Mitteln umgesetzt, die
jedwedem Laientheater Unehre machen würden. Katharina sieht ihre Gegenüber –
geradezu exemplarisch im Gespräch mit der oströmischen Kaiserin – so gut wie
nie direkt an, ihr Blick geht an ihrem Dialogpartner vorbei in die Ferne. Das
könnte man schon mal für sehr unhöflich halten – sie ist jedoch nicht die
einzige, die dies praktiziert – ist jedoch in jedem Fall eine am Rande der
Lächerlichkeit changierende Maßnahme zur Darstellung eines vergeistigten
Blicks. Fast alle und wiederum prominent vor allem Katharina betonen fast jedes
Wort, das sie zu sprechen haben, einzeln. Schnelle, spontan wirkende Dialoge
haben Seltenheitswert, jeder Satz wird oft von Pausen begleitet, die ihn
nachklingen lassen sollen, so banal er auch gewesen sein mag. Pausen zur Hebung
des Gesagten oder Gezeigten sind ohnehin eines der ständig wiederkehrenden
Stilmittel des Films. Lange Einstellungen ohne Handlung, ohne Sprechen,
möglichst mit getragener Musik unterlegt, konzentrierte, nachdenkliche Blicke
der Protagonisten, all das führt plakativ Bedeutungsschwere vor, gedankliche
Tiefe und Wichtigkeit. Mit solch plumpen Mitteln wird dem Zuschauer nicht
vertraut, selbst zu entscheiden, was er für bedeutend hält und was nicht.
Deshalb muss Gallus bereits nach fünf Minuten Laufzeit des Filmes als Katharina
als Heilige bezeichnen – es wäre sehr interessant zu wissen, was er – der
heidnische Gelehrte des frühen 4. Jahrhunderts – darunter versteht.
Das hölzerne Agieren der
Schauspieler ist sicher nicht ihren mangelnden Fähigkeiten zuzuschreiben,
zumindest, was die größeren Rollen angeht. Edward Fox als Constantius lässt
noch am ehesten seine Brillanz durchblicken, doch die meisten anderen
verkümmern unter dem Diktat der Regie und dürften ihr Niveau um einiges
unterbieten. Regisseur Michael Redwood, gleichzeitig Drehbuchautor und
Produzent, schafft es nicht, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, wie
schon mehrfach erwähnt strotzt der Film von logischen Brüchen, historischem
Nonsens und einer unklaren inkonsequenten Linie. All das verzeiht der
hartgesottene Sandalenfilmzuschauer für gewöhnlich, wenn die Umsetzung stimmt,
wenn Spannung, Charaktere und Bilder solche Defizite gnädig überdecken. Man
möchte mit Redwood, der früher bei Filmen Tony Scotts mitgearbeitet hat, nicht
zu hart ins Gericht gehen, da es sich um seinen Erstling handelt. Allerdings
hat er angeblich eine Fortsetzung des Films angekündigt – diese steht bislang
aus. Soll man hoffen, dass es bei der Ankündigung bleibt oder ihm eine zweite
Chance gerade anhand derselben Thematik einräumen? Peter O’Toole hat die
Veröffentlichung von Katharina von Alexandrien nicht mehr erlebt – man
hätte dem Tiberius des legendären Skandalfilmes Caligula (1979)einen
gelungeneren Abschied von der Leinwand gewünscht.
Reinhard Abeln: Die
heilige Katharina. Leben – Legenden – Bedeutung. Kevelaer: 2012.
Ingemar König: Der
römische Staat, Teil II. Die Kaiserzeit. Stuttgart:1997.
"Le barbare, c'est d'abord celui qui croit à la barbarie."
Claude Lévi-Strauss
zitiert nach: Max Annas, Marie-Hélène Gutberlet (Hg.): absolute Claude Lévi-Strauss. Freiburg: 2004 - einem Band aus der (von Klaus Theweleit herausgegebenen) hervorragenden und nur zu empfehlenden Reihe der orange press.
Natürlich
hat es keine tiefere Bedeutung, aber trotzdem möchte man das neue Jahr nicht
mit einem miesen Buch beginnen. Um dem zu entgehen, könnte man auf die
Wiederlektüre eines geliebten Schmökers setzen oder zumindest zum Werk eines
verehrten Autors oder einer verehrten Autorin greifen, um das Risiko etwas zu
minimieren. Aber das wäre auch ein bisschen feig – und schließlich weiß man
auch nicht, was das neue Jahr bringt. Und so folgt der Griff zum nächsten
Buch im Stapel.
Buch Eins des Jahres 2018:
Thommie Bayer - Das Herz ist eine miese Gegend.
Thommie
Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend.
Glück
gehabt. Thommie Bayer (geb. 1957) ist bekannt als Liedermacher – und sein Roman
ist trotz grammatikalisch fragwürdigen Titels ein hervorragender Einstieg ins
neue Jahr. Die charmant unterhaltsame Geschichte einer Langzeitbeziehung von
der Jugend der 1960er bis in die späten 1980er ist witzig, gleichzeitig ein
bisschen traurig, nostalgisch verklärend ohne Wehmut und hat ein offenes Ende –
und, trotz ihrer Widersprüchlichkeiten, sehr sympathische Charaktere. Jedem zu
empfehlen, auch wenn er oder sie nicht in jenen Tagen gelebt hat.
P.G.
Wodehouse: Mulliner Nights.
Seit
einiger Zeit erfreut sich P.G. Wodehouse (1881-1975) gerade im
deutschsprachigen Raum, erkennbar an zahlreichen Neuauflagen, wiederkehrender Beliebtheit.
Der trockene Sprachwitz in Verbund mit grotesken Geschichten angesiedelt in der
Upper Class und Aristokratie entspricht ziemlich exakt unserem Bild von
britischem Humor – hier stark beeinflusst von den Komödien Oscar Wildes. Im
vorliegenden Fall sind es die kuriosen Erlebnisse der Neffen des Herrn
Mulliner, die er im Gesellschaftsgespräch zum Bestengibt. Gehobene Unterhaltungslektüre, man
liest und lacht und legt es amüsiert beiseite. Die Lektüre des englischen
Originals erweitert den Wortschatz ungemein, doch sollte man die das erworbene
Vokabular im täglichen Umgang dann doch vielleicht besser nicht anwenden.
Christa
Wolf: Sommerstück.
Die
deutschsprachige Literatur in Ost und West gab sich nach den politisch
aufregenden Zeiten der 1970er Jahre der resignierten „Neuen Subjektivität“ hin,
einer oft wehleidigen Nabelschau, in dem die Protagonist*innen, zumeist Mittelschichtler
mit Aussteigergelüsten, sich akribisch selbst analysierten und jeden ihrer
Gedanken hundertfach hinterfragten – keine Glanzzeit der Literatur. Christa
Wolfs (1929-2011) "Sommerstück", die Schilderung eines Freundeskreises, der an
der Ostsee in alten Häusern Befreiung vom Stadtleben sucht, changiert am Rande
dieses Phänomens, wie das Buch auch zwischen der Schilderung von Idylle und
Nostalgie und einer von vorneherein eingestandenen Resignation und
Illusionslosigkeit, die vor allem Anfang und Ende des Werkes bestimmen, hin und
her wechselt. Gleichwohl krankt "Sommerstück" nicht an dem ausufernden
Selbstmitleid der Neuen Subjektivität, was nicht zuletzt an Christa Wolfs
Sprachmöglichkeiten und ihrer Distanz liegt, die sie trotz allem immer wieder
anklingen lässt – und unter der ihr alter ego Ellen im Buch selbst bisweilen
durchaus leidet. In das Buch wurde, da es am Ende der 1980er Jahre erschien,
allerhand Prophetisches hineininterpretiert, das mag sein, wie es will, in
jedem Fall ein äußerst lesenwertes Sommerstück der Literatur von einer großen
Autorin.
Hans
Magnus Enzensberger: L’histoire des nuages. 99 méditations.
Man
könnte es für eine exzentrische Verstiegenheit halten, den Gedichtband eines
deutschen Autors auf französisch zu lesen, doch handelt es sich einerseits um
das gut gewählte Geschenk eines französischen Freundes und zweitens weiß die
Kulturnation Frankreich ohnehin, dass man Lyrik – das wohl am schwersten zu
übersetzende Genre überhaupt – stets in zweisprachigen Ausgaben veröffentlicht.
Und so hat man das doppelte Vergnügen, Enzensbergers (geb. 1929) späte Gedichte
in zwei Sprachen vergleichen zu können. Schon immer frei von Esoterik und
Hermetismus widmet sich der Altmeister für ihn klassischer Themen wie
naturwissenschaftlichen Beobachtungen, Erfindern und ihren Erfindungen und
natürlich den alltäglichen Dingen, Diskussionen und Betrachtungen. Erstaunlich
sanft geht es dabei zu, gerade die gesellschaftskritischen Gedichte der ersten
Kapitel sind geprägt von einer gewissen Gelassenheit und positiven
Gleichgültigkeit, ein Zug, der sich durch den gesamten Band zieht und letztlich
im Gedichtzyklus am Ende, der titelgebenden Geschichte der Wolken, an deren
Existenz man sich orientieren soll, ihren zusammenfassenden konsequenten
Höhepunkt findet. Gleichwohl schimmert durch diese Distanzierung insbesondere
durch Enzensbergers ironischen Stil Wachheit durch, die nicht bereit ist, sich
mit den Zuständen einfach nur abzufinden. Vielmehr geht es darum, eigene – alte
und erste – Reaktionen zu überdenken und zu überprüfen. Unbedingt lesenswert,
gerade weil man sich selten dazu aufrafft, Lyrik zu lesen. Das Überflüssige, hüte es. Viel nämlich/ bleibt nicht von dir, wenn du
es wegwirfst (Überflüssige Elegie).
Leon
de Winter: Supertex.
Ein
junger niederländischer Jude versucht sich von seinem Elternhaus, insbesondere
vom Vater, einem KZ-Überlebenden aus armen Verhältnissen, der sich bis zum
erfolgreichen Textilunternehmer hochgearbeitet hat, zu emanzipieren. Doch das
Rebellentum ist nur scheinbar erfolgreich: zwar löst er sich von der Religion,
wird angesehener und vermögender Anwalt und hat Wirkung auf Frauen. Doch nach
und nach gerät er zurück in den alten Bannkreis und wird zum symbolischen und letztlich echten Erbe
seines Vaters: er tritt in dessen Konzern ein, übernimmt nach dem Tod des
Gründers die Leitung – und schließlich sogar dessen Geliebte. Ohne Krise geht
dies nicht – wie ihm an einem Tag bewusst wird, als er einen jüdischen Jungen
auf der Straße anfährt. Komplexer, aber sehr unterhaltsamer Roman des ebenso
populären wie streitbaren niederländischen Autors (geb. 1954), der in jüngeren
Jahren allerdings eher als polemischer Islamkritiker auffällt, auch in
Deutschland durch zahlreiche Kolumnen aktiv. Nebenbei wird einem beim Lesen
zudem bewusst, dass de Winter die Methoden der Billigtextilketten mit all der
dazugehörigen Ausbeutung damals bereits deutlich thematisierte und sich seit
1991 daran rein gar nichts geändert hat - und schon gar nicht gebessert.
Peter
Shaffer: Equus.
Theaterstück
aus den großen Glanzzeiten des britischen Dramas. Shaffer (1926-2016) wurde dem
breiten Publikum bekannt durch die oscarprämierte Verfilmung seines Stücks
"Amadeus". Auch "Equus" wurde (1977) mit Spitzenbesetzung, u.a. Richard
Burton, verfilmt – für beide Filme lieferte Shaffer das Drehbuch selbst ab. Die Nachricht von einem tatsächlichen Vorfall
– ein Jugendlicher hatte sechs Pferden die Augen ausgestochen – inspirierte ihn
zu einem Psycho-Drama im Wortsinne, einem Dialog zwischen dem Arzt Martin
Dysart und dem eingelieferten Übeltäter Alan Strang. Dysart gelingt es zwar die
Hintergründe von Strangs schwer nachvollziehbarer Schändung der Tiere zu
beleuchten, wo sich Mystisches mit Sexuellem verbindet, doch gerät er hierbei
selbst an seine Grenzen – oder sogar über diese hinaus. Spannend und intensiv,
egal, ob man den psychologischen Erklärungsversuchen folgen möchte oder nicht.
Gabriele
d’Annunzio: Das Feuer.
Gabriele
d’Annunzio (1863-1938): Literarisches Wunderkind, das mit 16 Jahren seinen
ersten Lyrikband herausbrachte, Erneuerer der italienischen Literatur fast im
Alleingang, internationaler Star der europäischen Dekadenz gleichauf mit einem
Hofmannsthal, Wilde, Maeterlinck, Huysmans, Liebhaber der Musik Wagners und der
Philosophie Nietzsches, Hasardeur und Kriegstreiber, Errichter des ersten
proto-faschistischen und illegalen Staates in Fiume, Freund und Kritiker
Mussolinis, von den Faschisten als wenig widerspenstiges Aushängeschild
genutzt. Unbestreitbar eine erstaunliche, kontroverse und im Positiven wie
Negativen irritierende Biographie eines zugeben genialen Schriftstellers. Zu
den vielen Attributen des in allen literarischen Genres reüssierenden
d’Annunzio gehört natürlich auch das des Skandalautors. Zu diesem Ruf trug
nicht wenig der Roman „Das Feuer“ (1900) bei, in dem d’Annunzio kaum
verschlüsselt seine Beziehung zur Schauspielgröße Eleonora Duse aufarbeitete,
ohnehin ein beliebtes Thema der Klatschspalten. Wer nun allerdings allerlei
Pikantes erwartet, wird enttäuscht sein: symbolistische Dichtung zu lesen
gehört nicht gerade zu den schnellen Vergnügungen insbesondere für heutige
Leser*innen. Wenig Handlung, viel Symbolik des Verfalls, viel Kunstgespräche –
d’Annunzio kreierte mit seinem Buch auch den Venedigmythos neu, von dem die
Stadt noch heute profitiert (oder unter welchem sie noch immer leidet). Die
Psychologie der Beziehung – das Feuer steht für Leidenschaft und Eifersucht, an
der sie auch zugrunde zu gehen scheint – liegt darunter tief verborgen. Der
Roman ist also etwas für Liebhaber*innen der Jugendstilepoche.
Laurens
van der Post: Das Schwert und die Puppe. Trennender Schatten. Die Saat und der
Säer.
Der
Band versammelt als „Weihnachts-Trilogie“ unterschiedlich lange Erzählungen von
Laurens van der Post (1906-1996), in denen der südafrikanisch-britische
Schriftsteller seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg verarbeitete, wo er
hauptsächlich in Afrika und Asien diente. An und für sich sehr begrüßenswert
widmen sich seine Werke der Versöhnung der ehemaligen Gegner, doch kann man
sich bei der Lektüre schon bald nicht des Eindrucks erwehren, dass van der Post
in Gestalt seines alter ego Mr. Lawrence ein eher seltsames Einfühlungsvermögen
in die japanischen Offiziere entwickelt. Das liegt keinesfalls daran, dass er
ihr Handeln in den Gefangenenlagern milde schildert, ganz im Gegenteil, er
zeigt deutlich die überbordende Brutalität und Verachtung gegenüber denen der
Willkür ausgelieferten Häftlinge – umso überraschender dann jedoch der
(in den ersten beiden Geschichten) jeweilige Versuch, gerade das Vorgehen der
ärgsten Schinder als innerhalb deren und des japanischen Volkes Wertesystem als
durchaus gerechtfertigt und gewissermaßen ehrenhaft zu erklären, abgeleitet noch
dazu aus einer reichlich esoterischen Psychologie. Dieses Denken innerhalb von
Offizierskategorien, von vermeintlichen Ehrbegriffen und deren Zurückführung
auf Ansehen in Hierarchien und des Handelnmüssens aufgrund eines Kodex stößt
einem – insbesondere als deutschem Leser – irgendwann ziemlich sauer auf. Was
ließe sich damit nicht alles rechtfertigen – und das wurde oft genug versucht. Manchmal
scheint es, van der Post habe eine Form des Stockholm-Syndroms entwickelt.
William
Hope Hodgson: The Ghost-Finder. The Casebook of Carnacki.
Hodgson
(1877-1918) ist bekannt für seine auch noch heute ziemlich unheimlichen
Seegeschichten, schuf aber auch den Ghost-Finder Carnacki, der sich ähnlich
seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes der Aufklärung seltsamer Begebenheiten
widmete, allerdings übersinnlicher Natur. Die Geschichten sind in der äußeren
und inneren Struktur zumeist ähnlich, ihr Reiz liegt aber vor allem darin, dass
Carnacki kein abgeklärter Übermensch ist, sondern das Geschehen um ihn herum
zumeist selbst nur schwer und unter großer Angst erträgt. Ein kluger Kniff des
Autors ist zudem, die Erzählungen manchmal rational als Betrug aufzulösen,
manchmal als tatsächliches übernatürliches Ereignis – oder beides, wie in der
berühmtesten dieser Geschichten „The Horse of the Invisible“. Zwar sind die
Seeabenteuer Hodgsons von größerer Wirkung, als gruselige Unterhaltung lesen
sich Carnackis Erzählungen aber noch immer mit Gewinn.
Friedrich
Dürrenmatt: Romulus der Große. Ungeschichtliche historische Komödie.
Geschrieben
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und mehrfach überarbeitet, ist Dürrenmatts
(1921-1990) Komödie ein Vergnügen, aber ein sehr zweifelhaftes. Also ein zu
Zweifeln anregendes Theaterstück, amüsant und wie versprochen recht
ungeschichtlich – das Personal und die Zeit sind von realen Personen
inspiriert, aber im dramatischen Sinn verändert und ergänzt – schildert es die
letzten Stunden des Weströmischen Reiches. Die Germanen stehen bereits in Rom,
die Legionen sind geschlagen, doch der Kaiser sitzt recht gelassen in seinem
campanischen Landhaus und züchtet Hühner. Seine letzten Getreuen in Hofstaat
und Familie verzweifeln schier über seine Untätigkeit, denn sie erkennen nicht
Romulus‘ perfiden Plan: er selbst will durch sein Nichthandeln das Römische
Reich endgültig zum Untergang zwingen und damit eine jahrhundertelang
Geschichte der Gewalt und Unterdrückung beenden. Der Untergang gelingt – aber
sind die übernehmenden Germanen tatsächlich eine bessere Wahl? Dürrenmatts
Folgerungen bezweifeln auch das. Nur weil sie Hosen tragen, wird sich grundsätzlich
nichts ändern. Sollte viel öfter gelesen und gespielt werden als die elende
„alte Dame“…
Julio Cortázar: Rayuela. Himmel-und-Hölle. st 2579
Nicht von
ungefähr erschien Julio Cortázars (1914-1984) Roman Rayuela, dem man im
Deutschen zur Erläuterung den hier geläufigeren Namen der argentinischen
Variante dieses Hinterhof- und Straßenspiels Himmel und Hölle beigefügt
hat (wer das Spiel nicht kennt, siehe 253f), als erster südamerikanischer Text
in der Reihe der Romane des Jahrhunderts. Mit dem bahnbrechenden Werk
Cortázars, berühmt geworden durch seine die Realität auflösenden Erzählungen,
von 1963 begann die große Zeit der lateinamerikanischen Literatur, was ihre
Rezeption in der übrigen Welt anging. Zwar blieb Cortázar neben der Anerkennung
der Kritiker und Kollegen selbst eher ein Autor für eine überschaubarere
Lesergemeinde, doch sind die berühmten Schriftsteller*innen von Marquez über
Allende bis Llosa ohne ihn nicht denkbar – wie sie selbst auch freimütig
zugeben. In kurioser Rückkopplung führte dies dann 1981 aufgrund ihrer Erfolge
endlich auch zur Übersetzung von Rayuela ins Deutsche.
Auf seine
Weise ist dieses Buch viele Bücher (7) warnt mit biblischem Anklang gleich
der Wegweiser zu Beginn und gibt hilfreiche Tipps zur Lesegestaltung
mitsamt einer Kapitelreihung in Zahlen, denn einfach von Kapitel 1 zu 2 und 3
voranschreiten kann man, muss – und sollte – man aber nicht, schließlich hüpft
man auch beim Himmel und Hölle nicht einfach nur geradeaus. Doch dazu kommen
wir noch. Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Horacio Oliveira, ein
junger Argentinier, den es in die Kreise einer Clique internationaler Bohemiens
in Paris verschlagen hat, lebt dort mit Gesprächen in der Runde und seiner
Geliebten Maga – der Zauberin – sowie ihrem Kind aus einer früheren Beziehung
dahin. Hinter Horacios versnobter Gefühlskälte, die ihn die neugierige und
offene, ihm aber intellektuell unterlegene Maga mies behandeln lässt, obwohl er
sie abgöttisch liebt, verbirgt sich eine tiefe Melancholie, die ihn nie zur
Ruhe kommen lässt, das Glück musste etwas anderes sein, etwas, das
vielleicht trauriger war als dieser Frieden und diese Lust, etwas
Einhornartiges, Inselhaftes, ein unaufhörliches Fallen in der
Bewegungslosigkeit (27). Die Beziehungen zu seinen Freunden in Paris
bleiben lose, er vergrault die Maga mit Eifersüchteleien und seinem
Unverständnis gegenüber ihrer Trauer um ihren plötzlich verstorbenen Sohn.
Eines Tages ist sie verschwunden und Horacios Suche nach ihr – eine Suche mehr
– vergeblich.
Die Maga wird
seine Obsession bleiben, auch als er – zweiter Teil des Romans – nach
Südamerika zurückkehrt, er war sich klar darüber, dass die Rückreise in mehr
als einem Sinn die Hinfahrt war (269). Horacio kommt bei seinem Freund
Traveler unter, doch bleibt er in Außenseitergesellschaften: erst Bohemien und
Ausländer in Paris, hilft er hier bei einem Zirkus aus, der sich später auflöst
und stattdessen zum Personal einer Irrenanstalt wird. Doch Horacio ist auf dem
besten Weg, vom Betreuer zum Insassen zu werden, sein Verhältnis zu Traveler
trübt sich, nicht zuletzt, weil er in dessen Freundin Talita mehr und mehr die
Maga wiederzuerkennen glaubt. Symptomatisch ein Dialog zwischen Traveler und
Horacio, der auch das Verhältnis Erzähler/Autor-Leser*in gut beschreibt:
-Na und? sagte Traveler. Warum muss ich deine
Spielchen mitspielen, Bruder?
-Die Spiele spielen sich von selber, du bist
es, der ein Stöckchen dazwischensteckt, um das Rad anzuhalten.
-Das Rad, das du gebaut hast, wenn wir schon
davon reden wollen.
-Ich glaube nicht, sagte Oliveira. Ich habe lediglich
die Umstände heraufbeschworen, wie die Eingeweihten sagen. Man hätte das Spiel
ehrlich spielen müssen. (292f)
Der zweite Teil
– und mit ihm die Romanhandlung – endet ohne Abschluss. Es folgt der Abschnitt Von
anderen Ufern voller Kapitel, die man getrost beiseite lassen kann
(409), der Ergänzungen, Zitate, Zeitungsausschnitte und die sogenannten
Morelliana, Aussagen des Dichters Morelli, eines alter egos Cortázars,
aneinander reiht, natürlich ungeordnet, ein plastisch sich veränderndes
Universum voll des wunderbaren Zufalls (429) oder anders: Mein Buch kann
man so lesen, wie man Lust hat (628), so Morelli – wozu man allerdings die
Leseanleitung zu Beginn hätte ignorieren müssen, ganz so einfach ist es nämlich
wiederum nicht.
Natürlich ist es
ein – siehe das Streitgespräch – extrem spielerischer Roman. Dies weniger in
einem streng experimentellen Sinn, wie er nur gelegentlich, etwa in Kapitel 34
auftaucht, wo sich Horacios innerer Monolog zwischen die Zeilen eines
Schundromans schiebt, sondern im Umgang mit der Form: Provozieren, sich
einen Text zur Aufgabe machen, der schlampig gemacht ist, unverbunden,
inkongruent, der bis ins letzte gegen die Kunst des Romans (obgleich nicht
gegen den Roman) verstößt (455), ein Geheimnis bieten, das der
Leser-Komplize suchen muss (457), so kommentiert sich das Verfahren ständig
selbst im Text. Und dies nicht ohne Ironie, wie das wunderbare Schlüsselkapitel
23 belegt, indem Oliveira mehr oder weniger versehentlich das Klavierkonzert
einer avantgardistischen Pianistin besucht, die mit ihren verfremdeten
synkretistischen Dodekaphonikstücken alle ihre anfangs gut 200 Zuhörer nach und
nach in die Flucht schlägt. Auch Horacio will gehen, bleibt aber aus Mitleid,
begleitet die enttäuschte Künstlerin sogar nach Hause – gedankt wird es ihm
nicht. Wir sind hoffentlich mehr als ein Leser oder eine Leserin, die aus
Zufall zu einem Roman gegriffen haben, der höchste Ansprüche an uns stellt und
den wir nur aus Mitleid mit dem Autor, der sich doch immerhin die Mühe gemacht
hat, fast 650 Seiten zu Papier zu bringen, ratlos zu Ende liest – dafür könnten
auch wir sicher keinen Dank erwarten. Doch Rayuela ist eben ein Spiel,
dessen Regeln man akzeptieren oder während des Lesens neu ordnen muss, das
aber vielleicht auch den Ehrgeiz herausfordert, den Drang, hinter das erwähnte Geheimnis
zu kommen, das in dem Sog liegt, den der Roman recht schnell entfaltet –
und der nicht wenig von seiner brillanten Sprache ausgeht. Es ist eben ein Text
im Sinne Morellis: Was ihn zum Beispiel auf die Palme bringt, ist der Roman
nach Art eines chinesischen Rollbilds. Ein Buch, das man von Anfang bis Ende
liest, ein gehorsames Kind (506) oder mit den Worten Horacios, wer feste
Verabredungen traf, gehört zu denen, die liniertes Papier verwenden,
wenn sie einander schreiben, und die Zahnpastatube von unten drücken (15).
Als ein mögliches Beispiel für "Original und Fälschung" - oder für Inspiration des Künstlers: der Grenzübergang nicht zwischen Helvetien und Gallien, aber Helvetien und Germanien, sozusagen.
Der Radweg zwischen den Klosterorten Stein am Rhein (CH, Kanton Schaffhausen) und Öhningen (D, Landkreis Konstanz) erinnert doch sehr an "Asterix bei den Schweizern". Trotz des Frühnebels am Seeufer gut erkennbar:
Auf eidgenössischerr Seite ein gepflegter Teerweg mit edlem und sauberem historischen Grenzschild, auf der deutschen ein vermatschter Kiesweg und ein Blechschild mit liebevollen Rostflecken...
Aus: Asterix bei den Schweizern.
An der grünen Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland bei Stein am Rhein und Öhningen.
Das
schmale Bändchen versammelt mehrere teils vorher unveröffentlichte Erzählungen
Remarques (1898-1970) zur Thematik des 1.Weltkriegs. Hervorgehoben ist zumeist
nicht die Konzentration auf das Frontgeschehen, sondern die zerstörerische
Wirkung der traumatischen Erlebnisse für den Einzelnen und damit für die
Gesellschaft insgesamt in der Zeit nach dem Krieg – die warnende Wirkung
Remarques betont er in den Geschichten oft deutlich, sein Anliegen war das „Nie
wieder!“. Gehör fand er damit in seinem Heimatland nicht, wo er zur Hassfigur
der nationalistischen Rechten wurde, die längst den nächsten Krieg
vorbereitete. Es bleibt den folgenden Generationen überlassen, Remarques Erbe
und Haltung zu bewahren.
The
Mammoth Book of Vampire Stories by Women.
Eingeleitet
von niemand Geringeren als der legendären Ingrid Pitt, versammelt dieser Band
der niemals dünnen Mammoth-Reihe englischsprachige Vampirerzählungen
überwiegend des 20. Jahrhunderts aus weiblicher Sicht und Feder. Wie das bei
Anthologien nun mal so ist, schwankt die Qualität: neben Perlen liegt manches
zum Überblättern, insgesamt aber ein sehr guter Überblick zwischen Splatter und
Avantgarde, amüsantem Trash, gehaltvoller und erzählerisch gekonnt umgesetzter
Idee. Gute-Nacht-Lektüre für Schlaflose.
Hans
Herbert Grimm: Schlump.
Ein
Roman, der unter dem Erfolg von Remarques „Im Westen nichts Neues“ gelitten hat
und infolgedessen völlig in Vergessenheit geriet. Hans Herbert Grimms
(1896-1950) Antikriegsbuch kommt, wie schon der Titel suggeriert, anfangs wie
ein Schelmenroman daher, doch der junge Schlump hat diesen Namen ohne sein
Zutun von einem Polizisten erhalten und ebenso ergeht es ihm im Folgenden, als
er – freiwillig – aus Naivität in die absurden Strudel des Weltkriegs
hineingerät, die sich jedoch als zunehmend brutaler und bedrohlicher herausstellen.
Schlump bleibt seltsam außen vor, während die Welt um ihn herum zerbricht, er
rettet sich in Frauengeschichten und kleinere Gaunereien, so dass es ihm
gelingt, auch mehrere Fronteinsätze und Verletzungen zu überleben, Hass auf den
Feind ist ihm komplett fremd. Das in lakonischer Sprache verfasste Buch wurde
nun nach über achtzig Jahren wieder aufgelegt und fügt der Antikriegsliteratur
zum Ersten Weltkrieg ein außergewöhnliches Zeugnis hinzu – mitsamt dem
originalen graphisch genialen Buchumschlag.
Brian
Moore: Katholiken.
Bücher,
die in einer inzwischen vergangenen Zukunft spielen, wirken immer etwas
seltsam. Brian Moores (1921-1999) kurzer Roman erschien im Jahr 1972 und
handelt von einem amerikanischen Priester des Jahres 2000, der im Auftrag Roms
in ein abgelegenes irisches Kloster reist, das sich gegen die Reformen der
Kirche wehrt und auf Wunsch der Bevölkerung an alten Riten und Traditionen
festhält. Moore verhandelt folglich keine Science-Fiction und es fällt auch gar
nicht recht auf, dass es keine Computer und Handys gibt, weil es irrelevant
ist. Stattdessen wird ein zeitloser und schon gar nicht rein religiöser
Konflikt präsentiert, zwischen vermeintlichem Fortschritt und angeblichem
Konservatismus. Moores Kirche ist zwar noch katholisch, aber sehr ökumenisch,
zahlreiche trennende Traditionen wurden im Sinne der Versöhnung abgeschafft.
Die Mönche, keineswegs religiöse Fanatiker, sind überaltert, teils starr, teils
tief im Glauben verankert und verbunden mit den Gläubigen des Umlandes. Sie
verkörpern ein einfaches, bescheidenes Leben. Doch das neue Rom setzt sich mit
subtiler Drohung durch, auch das Kloster wird sich den Zeitläuften nicht
verschließen können. Moores Roman nimmt nicht Partei – der Priester ist
sympathisch, aber setzt er nicht das entkernte Neue selbst doktrinär durch? Und
hat sich das Modell der Mönche nicht tatsächlich überholt? Novizen gibt es
schon lange nicht mehr. Aber liegen sie deshalb mit ihrem Festhalten am
Überlieferten falsch? Sehr nachdenklich machender, kontroverser Text über ein
ständiges Dilemma.
Thomas
Lehr: 42.
Eine
Besuchergruppe überlebt einen Unfall im Genfer CERN – per Zufall sind 70
Menschen in individuelle Zeitblasen eingeschlossen, während die Welt um sie
herum um 12h 47min 42s stehengeblieben ist, das Ausmaß der Katastrophe und ihre
Dauer sind ihnen unbekannt. Doch nach fünf Jahren gibt es eine kurze Bewegung –
für drei Sekunden – und damit Hoffnung auf Befreiung. Thomas Lehr (geb. 1957)
weiß seine erzählerischen Pointen gut zu setzen, seine sprachlichen dagegen
eher nicht. Offenbar aus Angst davor, er käme in Verdacht, reine
Science-Fiction geschrieben zu haben – als ob das verwerflich wäre – erzählt er
in einer angestrengten „literarischen“ Sprache, die das Vergnügen an der
spannenden Geschichte bald abflauen lässt, bis hin zu grotesk plumpen
Wortspielen. Auch inhaltlich wird man der vielen Redundanzen und zweifelhaften
Männerphantasien irgendwann überdrüssig. Fazit: verschenkter Plot, der das
erzählerische und philosophische Potential nicht ausschöpft, man greife besser
zu einem Roman vonJ.G. Ballard.
Per
Olof Sundman: Die Untersuchung.
Nordschweden
in den 1950er Jahren. Der Gemeinderat und örtliche Vorsitzende des
Temperenzausschusses muss die gesetzlich geforderte Untersuchung wegen
möglichen Alkoholmissbrauches gegen den Bauleiter des neuen Kraftwerkes
durchführen. Obwohl es ihm nicht an Selbstbewusstsein und Indizien fehlt, ist
sich Erik Olofsson unsicher, wie er sich dem Mann nähern soll, der aus einem
ganz anderen Milieu stammt als er: Südschwede, Städter, Akademiker. Soll, muss
oder darf er ihn gerade nicht anders behandeln als die ihm vertrauten
Dorfbewohner? Mit kargen Mitteln erzählte Studie Sundmans (1922-1992), spannend
und atmosphärisch.
Anna
Seghers: Die Hochzeit von Haiti. Karibische Geschichten.
Natürlich
erinnert der Band nicht von ungefähr an Kleists Erzählung „Die Verlobung in St.
Domingo“, deren Hintergrund Anna Seghers (1900-1983) hier gewissermaßen aus
mehreren anderen Perspektiven schildert. In nüchterner Diktion berichtet sie
aus der Sicht einiger Beteiligter vom Scheitern der Sklavenrevolten auf Haiti –
unter dem berühmten Toussaint Louverture – in Guadeloupe und Jamaika und damit
über das Ende der Französischen Revolution in den Kolonien mit ihren Ideen von
der Gleichheit der Menschen. Eine Geschichte des Verrats von Idealen in
Geschichten, die einen leicht resignativen Zug erkennen lassen.
Pavel
Kohout: Die Einfälle der heiligen Klara.
Eine
böhmische Kleinstadt 1966. An der Schule gibt es einen Skandal: Alle
SchülerInnen der 8. Klasse haben bei der Mathearbeit hervorragend
abgeschnitten. Doch dahinter verbirgt sich ein noch größeres Mysterium. Die
naive Mitschülerin Klara hat vorher die Aufgaben gekannt – weil sie ihr
„eingefallen“ waren. Es stellt sich bald heraus, dass Klara noch viele Dinge
„einfallen“, die kurz darauf tatsächlich eintreten. Was ihr ziemlich egal ist,
beschäftigt bald alle Einwohner, die Lottospieler, die Gläubigen und vor allem
die staatlichen Behörden. Dann sagt Klara auch noch ein Erdbeben voraus…
Bitterböse und sehr lustige Satire des tschechischen Autors Pavel Kohout (geb.
1928) – man ahnt, warum er das Land verlassen musste.
Una
Troy: Ein Sack voll Gold.
Die
hochangesehene Industriellenfamilie und die ortsfremden Außenseiter einer
Kleinbürgerfamilie in einem irischen Dorf sind auf ungute Weise enger
miteinander verbandelt, ohne es zu wissen. Komplikationen, Komplikationen.
Unterhaltungsroman von Una Troy (1910-1993), nicht einmal eine gute
Bahnlektüre, da die vorbeiziehende Landschaft meist spannender ist. Wer bis
zuletzt durchhält, darf noch ein bisschen zusätzlich unmotivierten Kitsch
miterleben.
Mario
Giordano: Karakum. Abenteuer in der Salzwüste.
Jugendroman
von Mario Giordano (geb. 1963) nach dem Drehbuch des gleichnamigen Films von
Arend Agthe. Robert soll seinen Vater auf dessen Baustelle in Turkmenistan
besuchen. Doch der kann ihn nicht am Flughafen abholen, sondern schickt den
LKW-Fahrer Pjotr. Gemeinsam mit dessen Neffen geht es durch die Wüste – eine
gefährliche Fahrt. Dann gibt auch noch der LKW den Geist auf und der
zwielichtige Pjotr verschwindet… Spannend, das grundlegende Element der
Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden Kindern (und deren
Überwindung) geht im Buch allerdings etwas verloren.
Das letzte Buch des Jahres 2017:
Renate Welsh - Einmal sechzehn und nie wieder.
Renate
Welsh: Einmal sechzehn und nie wieder.
Zum
Glück, möchte man sagen. Was nicht am Buch der österreichischen Autorin (geb.
1937) liegt, sondern an dem Alter, in dem alles so kompliziert und tragisch
überhöht erscheint. Dass wir uns hier im Österreich der 1970er Jahre befinden,
bemerkt man lediglich an einigen politischen Äußerungen und an den Röcken, die
die Mädchen tragen. Ansonsten war die Pubertät damals auch nicht schöner.
Coming-of-Age-Roman für die Jugend.