Freitag, 24. Mai 2019

Das Zitat zur Europawahl am 26. Mai.

 
"Nous ne coalisons pas des États, nous unissons les hommes."
 
"Wir vereinen keine Staaten, wir bringen die Menschen zusammen."

Jean Monnet, 1952
 
 
 

Dienstag, 14. Mai 2019

Lektüremonat April 2019.


Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden Welten.

Dieses Buch war hierzulande Bestseller – die vorliegende Ausgabe von 1966 machte die Million verkaufter Exemplare voll – und ist heute zum Glück (und hoffentlich auch in Zukunft) kein Verkaufsschlager mehr, aber ein Dokument für das deutsche Denken bis weit in die 1960er Jahre. Walter Flex (1887-1917) sprach mit diesem schmalen Buch zahlreiche Menschen – Männer – an, verband er doch Jugendromantik, Kameradschaft und „Kriegserlebnis“ (so im Untertitel) mit seiner Schilderung eines mit ihm befreundeten Theologiestudenten und Anhängers des Wandervogels, der deutschen Jugendbewegung, der alles andere ist als ein stumpfer Krieger, sondern ein hochgebildeter Patriot, der Goethe, Nietzsche und die Bibel im Tornister führt und für jedes „innere Erlebnis“ den passenden Vers parat hat. In ihm verbindet sich die so seltsame Vermischung von Kultur- und Herrenmensch, wie sie noch viel bösere Früchte tragen sollte, doch war Flex, gerade weil er nicht plump daherkam, sondern eine in Phasen dem Zeitgeschmack entsprechende poetische Sprache nutzte, die das Grausame des Krieges gleichzeitig zu verdecken wie zu verklären half, ein nicht zu unterschätzender Vorbereiter und Katalysator gerade für junge Menschen, die glaubten, Goethe und Greuel durchaus vereinbaren zu können. Zu dem Erfolg und Mythos des Buches trug auch bei, dass der Autor wie sein Protagonist schließlich im Krieg fiel. Seine Hinterlassenschaft wirkte noch lange nach.


Ralph Herrmanns: …des andern Tod.

Ein Thriller, dessen Titel so unspezifisch ist wie sein Inhalt überladen. Der schwedische Geheimdienst, die UNO, äthiopische Innenpolitik, natürlich der Mossad, die CIA, die IRA, das FBI, Scotland Yard, afrikanische Terroristen, Esoterik, Entwicklungshilfe, atomare Gefahren – alles mit drin, dazu Sex and Crime, das ein oder andere Mal verliert sich der Faden etwas, was der Spannung leicht abträglich ist, insgesamt liest sich das Debüt des Schweden Ralph Hermans (geboren 1933) um den manchmal etwas zu coolen Agenten Jörgen Blom recht routiniert herunter. Und das ist ja schon mal ganz schön.


Hjalmar Söderberg: Doktor Glas.

Und noch ein Schwede – allerdings mit einem einstigen echten Skandalroman, der trotz seiner inzwischen weit über 100 Jahre – er erschien 1905 – von seiner moralischen Brisanz nichts verloren hat. Der Hausarzt und Junggeselle Doktor Glas erfährt vom Leid der jungen Pastorengattin, die zunehmend in ihrer Ehe aufgrund der ihr von ihrem wesentlich älteren Mann aufgezwungenen sexuellen Pflichterfüllung in die Depression abgleitet. Eine Trennung ist unmöglich, eine heimliche Liebschaft mit einem Regierungsbeamten nur ein Trost ohne Ausweg. Glas‘ Versuche, den Pfarrer mit medizinischen Argumenten – und falschen Diagnosen – zur Rücksicht zu mahnen, schlagen auf Dauer fehl. Dem Arzt kommt ein teuflischer Gedanke, den er schließlich in die Tat umsetzt: er ermordet den Pfarrer, dessen Herzschwäche er selbst vorher diagnostiziert hat, mit Zyankalipillen. Obwohl er nie unter Verdacht gerät, erfüllen sich seine Wünsche nicht: am Ende des Buches erfährt er von der Heirat des Regierungsbeamten mit einer anderen Frau, nicht der Witwe. Söderbergs (1869-1941) Roman in Tagebuchform sorgte naturgemäß für Aufruhr: die kalt geplante Tötung eines Geistlichen, die noch dazu ungesühnt bleibt, musste nicht nur im damaligen protestantischen Schweden für Empörung sorgen. Können edle Motive einen Mord rechtfertigen – und sind sie überhaupt so edel? Schließlich rechnet der Arzt durchaus mit einer gewissen Dankbarkeit der befreiten Frau, die schließlich ahnen muss, dass ihr Mann nicht zufällig in den Armen ihres Hausarztes gestorben ist. Noch immer ein packendes und zum Nachdenken anregendes Buch.


Edgar Allan Poe: Der Rabe.

Dieser fünfte und letzte Band der deutschsprachigen Edgar-Allan-Poe-Gesamtausgabe, teils übersetzt von arno Schmidt und Hans Wollschläger, versammelt die Gedichte und Essays des amerikanischen Großmeisters der schwarzen Romantik (1809-1849). Zur Lyrik gehören natürlich Klassiker wie der titelgebende „Rabe“, „Das Geisterschloß“ oder „Annabel Lee“ – vorbildlich in beiden Sprachen abgedruckt. Faszinierend sind aber insbesondere auch die Essays – es sind zwar nur drei, aber jeder von ihnen steht für sich und seinen Autor: In „Die Methode der Komposition“ berichtet Poe über sein Vorgehen beim Schreiben von Lyrik – und räumt dabei mit Illusionen von Genie und Inspiration auf; gleichzeitig liefert er dadurch, was auch selten der Fall ist, eine Eigeninterpretation eines Werkes durch den Autors selbst– und zwar vom „Raben“. „Heureka“ ist ein äußerst seltsamer Versuch, Physik, Metaphysik und Satire zu verbinden, Poe entfaltet eine Kosmogonie irgendwo zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und laienhaften Ideen. Berühmt ist sein Versuch, den angeblichen Schachautomaten des Baron von Kempelen zu entlarven, mit dem dessen Nachbesitzer durch Amerika tourte: „Maelzels Schach-Spieler“. Poe hatte ganz richtig erkannt, dass die Maschine keineswegs selbständig agierte, sondern…naja, lesen Sie selbst.       


Bodo Kirchhoff: Der Sandmann.

Quint, Radiosprecher um die 50, entflieht seiner Ehekrise in Richtung Tunis mitsamt seinem vierjährigen Sohn Julian. Der Grund: ihr Kindermädchen Helen ist dorthin spontan aufgebrochen und seitdem spurlos verschwunden, Quint hatte eine Affäre mit ihr, die jedoch (noch) nicht sexueller, sondern rein sprachlicher Natur war. In Tunis kann er zwar ihren letzten Aufenthaltsort ausfindig machen, eine kleine Pension, doch gerät er zwischen deren Bewohnern – der verführerischen Besitzerin, ihrem degenerierten Sohn und dem geheimnisvollen deutschen „Exilanten Dr. Branzger – zunehmend in ein Verwirrspiel, insbesondere als er Helens Aufzeichnungen zugespielt bekommt, die suggerieren, diese sei noch in der Stadt und beobachte Quint und dessen Sohn. Doch ist diesen Heften überhaupt zu trauen? Und wem überhaupt? Quint verliert zunehmend die Kontrolle über das Geschehen. Nicht unbedingt einer der besten Romane Kirchhoffs (geboren 1948), vielleicht muss man(n) dazu erst in die Midlife Crisis kommen, um ihn mehr würdigen zu können.    


Marie von Ebner-Eschenbach: Bozena.

Früher waren die Erzählungen Ebner-Eschenbachs (1830-1916) noch präsenter, heute findet man hin und wieder noch einen ihren Aphorismen zitiert. Insgesamt dürfte dies allerdings daran liegen, dass der Realismus des 19. Jahrhunderts keine allzugroße Reichweite unter den Leser*innen mehr hat – leider. Denn gerade die Österreicherin Ebner-Eschenbach, ohnehin die einzig nennenswerte Vertreterin jener Epoche, steht für die große Menschlichkeit und Menschenkenntnis, die sich in den besten Werken dieser Richtung manifestiert. Zwar war auch sie beeinflusst vom Pessimismus Schopenhauers, aber gerade ihr, der Hocharistokratin,  gelang es unter den ungeschönten Eigenschaften wie Neid, Gier und Eitelkeit einen Kern an Gewissen herauszufiltern, der noch am Leben erhalten wird – insbesondere unter den sogenannten „einfachen“ Menschen. So ist es auch hier die Dienstmagd Bozena, die schlussendlich für eine Versöhnung sorgen kann in den durch Zufälle, aber vor allem auch Bösartigkeiten bedingten Intrigen innerhalb Familien des aufstrebenden Bürgertums und des absteigenden Adels im Böhmen der verfallenden Habsburgermonarchie. Wer also einen Wiedereinstieg in den Realismus wagen möchte, ist mit Ebner-Eschenbach bestens betaten. Wer ein gutes Buch mit menschlichem Kern lesen will, sowieso.          


Gwendoline Riley: cold water.

Bei Erscheinen 2002 sorgte das Debut der Britin Gwendoline Riley für allgemeine Lobeshymnen. Zurecht? Zurecht. Der sehr kurze Roman über eine junge Barfrau in Manchester, die neben ihrer eigenen Arbeitsstelle auch zahlreiche der KollegInnen aufsucht, erfreut durch seinen unaufgeregten lakonischen Stil, hinter dessen sanfter Ironie sich ein melancholischer Grundton versteckt. Carmels Leben schwankt zwischen der Freiheit der jungen Jahre und deren gleichzeitiger Perspektivlosigkeit. Wie alle ihre Bekannten hat sie sehnsüchtige Träume – von der glücklichen Beziehung bis zum Landleben in Cornwall – und wenig Aussicht auf deren baldige Verwirklichung. Was wie ein Bohèmeleben erscheinen mag ist vor allem eine stets bedrohte Existenz, über die man sich besser keine allzugroßen Gedanken macht. Und so dominieren leicht verkorkste, aber zumeist liebenswerte Gestalten das Nachtleben Manchesters – der Roman dürfte von der stadt kaum zu werbezwecken missbraucht werden. Dass es ständig nieselig-grau zu sein scheint, mag man noch als englische Wetterfolklore hinnehmen, aber der überall herumliegende Müll, wabernde Gestank und schmutzige Verfall ist nicht nur der Hintergrund, sondern auch der Grund für das Sichwegsehnen. Die lockere Erzählhaltung versucht schließlich auch gar nicht, über das Unentrinnbare hinwegzutäuschen, in dem sich Carmel und ihre Generation befinden. Der Ausbruch wird am Ende vertagt, alte Muster kehren zurück. Starker Erstling.          

                 

Willi Fährmann: Unter der Asche die Glut.

Vor zwei Jahren verstarb mit Willi Fährmann (1929-2017) einer der erfolgreichsten deutschen Jugendschriftsteller, dessen großes Thema nicht nur, aber vor allem, die Zeit vor, im und nach dem ‚Dritten Reich‘, am bekanntesten und eindrücklichsten sicher in „Es geschah im Nachbarhaus“. Auch mit „unter der Asche die Glut“ beweist Fährmann einmal mehr seine Fähigkeit, nah an den Fakten mit lebensechten Charakteren, die weder Helden noch Typen sind, unaufgeregt, aber spannend Geschichte zu erzählen. Im Mittelpunkt stehen einige Jugendliche der katholischen Jungschar, denen nach der sogenannten „Machtergreifung“ schnell klar wird, dass sie fortan unter beständiger Drohung stehen: dies gilt für ihre Organisation allgemein, aber auch für jedes einzelne Mitglied. Es sind weniger die vereinzelten Schlägereien mit der HJ, die nach und nach erfolgenden Verbote, die letztlich jegliches Vereinsleben außerhalb der Hitlerjugend unterbinden sollen, sondern die Eingriffe in das Leben und die Familien. Das Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der katholischen Jugend zerstört Lebenswege, Freundschaften und Zukunftsaussichten. Eine Romfahrt setzt noch einmal ein großes Zeichen, doch ein Happy End erfolgt nicht: der scheinbar glückliche Ausgang bleibt nicht nur ambivalent – eine Auswanderung nach Südamerika, die man auch als Kapitulation verstehen kann –, sondern offen. Dank Fährmanns Erzählkunst ein lebendiges Panorama über ein selten dargestelltes Thema, dass ein Licht auf die ‚kleinen‘ Verfolgungen wirft – ohne die brutaleren gegen Kommunisten und Juden auszusparen –, über das Eingreifen von Diktaturen in die privatesten Bereiche und in die Lebensverhältnisse, in der plötzlich nicht mehr jedem zu trauen ist. Wie eigentlich immer bei Fährmann auch ein großer Lesegewinn für Erwachsene.   


Junichiro Tanizaki: Naomi oder Eine unersättliche Liebe.

Wieder einer der kurzen frühen Romane Tanizakis (1896-1965), die sich noch stark am europäischen Vorbild orientierten. Und es verwundert den westlichen Leser und die westliche Leserin, wie unterwürfig und demütig im Buch selbst die Japaner*innen – die japanische Gesellschaft insgesamt – gegenüber jeglichem europäischem oder amerikanischem Einfluss geschildert wird, sowohl was die Personen angeht, als auch die kulturelle Orientierung. Der Umgang mit den Ausländern ist ehrerbietig bewundernd, was aus dem Westen kommt, wird geradezu bedürftig aufgenommen und kopiert. Dies wirkt angesichts der stolzen eigenen Kultur und dem damit verbundenen Selbstbewusstsein, das wir mit ihr verbinden, reichlich befremdlich – wie sehr es tatsächlich das Denken zumindest bestimmter japanischer Schichten der Vorkriegszeit oder doch eher den Wunschvorstellungen des Autors entspricht, müsste man genauer untersuchen. Auch das Hauptthema des Romans kommt uns heute kurios bis fragwürdig vor: der Joji möchte ein minderjähriges Mädchen, das in einem Café arbeiten muss, unter seine Fittiche nehmen, um sie in seinem Sinne zu einer für ihn angenehmen Ehefrau zu erziehen – äußerlich betrachtet gelingt sein Vorhaben: er nimmt Naomi zur Frau und setzt sich für ihre Bildung ein. Doch sein Geschöpf entwickelt sich zur Frau, was Joji zwar sexuell anzieht, sie aber auch nutzt, um ihn nicht nur auszunehmen und zu betrügen, sondern auch schlussendlich zu unterwerfen. Ein nicht immer leicht zu verstehendes Werk, da trotz der Westorientierung viel japanischer Hintergrund notwendig ist – und es, anders als in anderen Übersetzung Tanizakis, hier keine Erläuterungen gibt, aufgrund des Inhalts nicht ganz unkontrovers, aber da Naomi sich revanchiert…

Arthur Schnitzler: Therese. Chronik eines Frauenlebens.

Eine Naomi ist Therese, Tochter eines k.u.k-Offiziers in Salzburg, nicht, obwohl auch sie den Männern verfallen und nicht ohne Selbstbewusstsein ist. Doch Schnitzlers (1862-1931) Protagonistin kann sich nicht befreien, sie steigt auch nicht auf, sondern ab, als ihr Vater dem Wahnsinn verfällt, und sie von einer unglücklichen Affäre in die nächste stolpert, es dazu als Hauslehrerin selten länger als ein paar Monate in einem Dienst aushält. Schnitzler häuft nicht wenig Unglück über seine Therese, vom Tod des Vaters, einem unehelichen Kind, das sich zum Dieb und schließlich ihrem Mörder entwickelt, doch ist seine Figur, wie man es von ihm erwartet, vor allem eine Gefangene ihrer eigenen Psychologie und des Desinteresses der Menschen aneinander. Geplagt von Gefühlswechseln, von falschen Hoffnungen und zu schnellem Gekränktsein, von Unleidlichkeit und Unbeständigkeit in ihren Beziehungen, vor allem aber vom Glauben an die eigene Schuld dem vernachlässigten Kind gegenüber, dass sie einst abtreiben und noch in der Nacht der Geburt sterben lassen wollte, gelingt ihr nie der Ausbruch aus einer Abfolge von Enttäuschungen. Das Ende ist keineswegs zwangsläufig, gleichwohl scheint es letztlich nur auf tragische Weise ein Leben zu beenden, das sich ausweglos weiter dahin langsam absteigend dahingeschleppt hätte. „Grausam nüchtern“ nannte Stefan Zweig das Buch, wie wahr.

Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns.

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Autor gut zwanzig Jahre nach Erscheinen seines Romans ein Nachwort zu seinem eigenen Werk verfasst und dieses dann auch noch für inzwischen obsolet erklärt. Allerdings hat Heinrich Böll (1917-1985) auch fünfzig Jahre später immer noch recht: inhaltlich hat der Roman ziemlich viel Staub angesetzt, die Probleme der konfessionellen Mischehen, der enorm einflussreichen katholischen Verbände, eines bis tief in die Familien gehenden geistlichen Einflusses waren bald überholt – dass Böll Anfang der Sechziger Jahre damit noch einen Skandal auslösen konnte, unterstreicht diese Entwicklung nur. Warum also das Buch überhaupt noch lesen? Nun, erstens ist es einfach gut erzählt, Hans Schnier ist trotz allem eine ambivalente, manchmal querulante, aber doch durch sein Aufbegehren sympathische Außenseiterfigur; eine traurige Liebesgeschichte sind die „Ansichten“ zudem, ein Thema, das nie veraltet. Und dann kann man den Roman inzwischen als Dokument einer Zeit lesen, die zum Glück überwunden, aber so lange doch noch nicht her ist – und vor allem eine, in deren Muffigkeit, Enge und Kontrollwut man ganz, ganz sicher nicht zurückmöchte.         


Isabel Allende: Von Liebe und Schatten.

Die jüngeren Romane Isabel Allendes (geboren 1942) stehen ja zunehmend unter Kitschverdacht und bei solch einem Titel – kein Übersetzungslapsus – befürchtet man Schlimmes. Falsch. Erstens handelt es sich um ein Frühwerk – den direkten Nachfolger des „Geisterhauses“ – und der Titel mag zwar etwas plump sein, trifft aber den Inhalt. Allende verknüpft in ihrer eigenen Art zu erzählen die Schicksale dreier Familien aus den unterschiedlichsten Milieus unter der Diktatur Pinochets in Chile. Dem liegt eine Liebesgeschichte zugrunde, doch fallen auf alle Personen die Schatten des Unterdrückungsapparates - tödliche Schatten zumeist, wer „Glück“ hat, kommt mit dem Exil davon, aber keiner ohne traumatische Erfahrung. Die skurrilen Einfälle Allendes fehlen naturgemäß auch in diesem Roman nicht, doch entwickelt sich dieser schneller zu einer gerafften, stringenten Erzählung eines politischen Skandals, dessen Aufklärung zahlreiche Opfer kostet. Hat alles, was man von Isabel Allende in Bestform erwartet.


Wolfgang Herrndorf: Tschick.

„Tschick“, ein enormer Bucherfolg Anfang der 2010er Jahre, gehört in die junge Tradition seit Tommie Bayer und Sven Regener, mit dem Unterschied, dass Wolfgang Herrndorf (1965-2013) keine Rückblende mit autobiographischen Zügen verfasste, sondern aus der Sicht eines Achtklässlers der Gegenwart berichtete. Dementsprechend der Stil seines Buches, weniger erwartbar die äußerst komisch-kuriose Geschichte einer Sommerferienfahrt im gestohlenen Lada mit dem anfangs wenig geliebten neuen Mitschüler russischer Herkunft Tschick, laut eigener Auskunft jüdischer Zigeuner mit Verwandtschaft in der Walachei, also warum da nicht mal hinfahren? Auch wenn man nicht einmal so genau weiß, wo die überhaupt liegt und wo genau Süden ist, irgendwelche Straßen werden schon von Berlin aus dorthin führen. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, da den beiden bald die Polizei auf den Fersen ist, das Benzin ausgeht, sie auf einem Müllplatz ein Mädchen aufgabeln und die eigene Schrottkarre zuguterletzt auf der Autobahn in einen Schweinelaster hineinkracht. Herrndorfs Buch wurde allseitig gelobt und daran gibt es auch nichts zu meckern. Man steigt mit den beiden in den alten Lada ein und ist am Ende ähnlich traurig, dass die Fahrt zu Ende ist. Gemeinsam man ihnen war man aus dem tristen Alltag geflüchtet und nun ist es vorbei – aber der schöne Moment bleibt als Erinnerung. „Tschick“ ist inzwischen Schullektüre. Genau die Schullektüre, die man sich seinerzeit gewünscht hätte.        
     

Samstag, 27. April 2019

Mit Fräulein Annika unterwegs...zur Ruine Neuburg im Thurgau.

 


Marketingtechnisch ist der Name Neuburg für eine Burg ein absolutes Desaster. Zu Recht würde man den unkreativen Designer, der sich dies ausgedacht hat, sofort feuern. Und was Feuern im Hochmittelalter bedeutet, sei der Phantasie eines jeden überlassen. Wenig verwunderlich gibt es die Bezeichnung Neuburg für zahlreiche Burgen und Ruinen, auch die gelegentliche Bezeichnung Neuenburg für unser heutiges Ziel macht es keineswegs besser, heißt so schließlich sogar ein ganzer Kanton mitsamt Hauptstadt. Wie klangvoll ein Name sein kann, beweisen die unmittelbaren Nachbarn der Neuburg über Mammern, die Steiner Burg Hohenklingen scheint direkt einem Artusroman entsprungen, gut, die Schrozburg auf dem Schiener Berg erinnert eher an einen üblen Keuchhusten, aber immerhin ist diese Bezeichnung definitiv einmalig und könnte man sich anheimelndere Orte als Liebenfels und Freudenfels ausdenken? Nun, all das hätte sein können, ist aber nicht. Wir müssen mit der Bezeichnung Neuburg vorlieb nehmen – und das ist nicht das einzige, was im Laufe ihrer Geschichte für Verwirrung sorgen wird.

Noch sind wir auch gar nicht da. Fräulein Annika und ihr Begleiter haben sich des frühmorgens von der Thurgauer Kantonshauptstadt Frauenfeld aufgemacht, um den Seerücken zu überqueren. Dieser Höhenzug begleitet den Untersee von kurz hinter Kreuzlingen – in etwa ab Tägerwilen – bis Stein am Rhein, mit anderen Worten, ziemlich komplett. Dabei reicht er teils bis hart an das Ufer heran, nur die Straße und die Bahntrasse trennen ihn vom Wasser. Von der Seehöhe auf gut 400 Metern geht es teils recht steil hinauf auf bis zu knapp unter 700 Metern. Die Bezeichnung Thurgauer Seerücken schien uns anfangs etwas seltsam, da ein Rücken ja bekanntlich nur eine Seite – die RÜCKseite – besitzt, in diesem Falle offenbar die dem See zugewandte, während unser Höhenzug auch auf der anderen Richtung Thurtal abfällt. Beim Überwinden dieser Barriere ist uns dann aber eingefallen, dass wohl eher gemeint sein dürfte, die Hügelkette als einen nach oben zeigenden Rücken anzusehen, was ein stimmiges Bild ergibt – wäre der Thurgauer Seerücken also ein riesiger Mensch, dann läge er dahingestreckt auf dem Bauch von Stein bis Tägerwilen.

Im Pfyner Städtli: einer der interessantesten Orte im Thurgau,
 errichtet auf einem Römerkastell, mit Schloss und paritätischer Kirche,
 Museum in der Trotte und einer alten Steinzeitkultur.   
Fräulein Annika und ich steigen also vom Thurtal, genauer in Pfyn – davon ein andernmal – auf den Seerücken hoch, der aufgrund seiner Höhe erst einmal sehr lange vom See nicht einmal etwas erahnen lässt. Sehr wildromantisch laufen wir im Tal eines kleinen Bächleins entlang, das, wie gehabt, teils tief in die Molasse eingeschnitten ist, gleichzeitig sieht das Bachbett oft wie künstlich mit kleinen Treppenstufen angelegt aus, die das Wasser über die Jahrtausende schön abgeschliffen hat. In der Nähe von Hörstetten geht es auf einen einzelnen Bauernhof zu, wo kurz vor unserem Auftauchen ein Mensch im Blaumann mit ebenso blauer Schlafmütze – so ein Klopapierwärmer mit Schnurzipfel, dazu etwas Spitzwegs „Armer Poet“, wie ihn Skifahrer in den 1980er Jahren gelegentlich getragen haben – rechts aus dem Stallgebäude. Er trägt in der rechten Hand einen stattlichen Vorschlaghammer, in der linken einen Holzpflock. Wir könnten nun ziemlich beunruhigt sein, würde der Mann nicht laut vor sich hinsingen. Obwohl...vielleicht sollte uns gerade das noch viel mehr beunruhigen? In jedem Fall ist die peinliche Situation entstanden, dass der gute Mann uns nicht bemerkt hat und sich allein glaubt. Manchem ist das ja egal, andere füllen sich dadurch ertappt. Auch wenn wir uns nicht unbedingt davor fürchten, dass der Mann, sobald er uns bemerkt, von Pflock und Vorschlaghammer Gebrauch macht – schon einzeln unangenehm, in der Kombination nicht minder – hoffen wir, dass er vielleicht ohne uns wahrzunehmen ins Bauernhaus eintritt, da er allerdings passend zu seinem sonstigen Verhalten äußerst gemütlich schlendernd unterwegs ist, zeichnet sich ab, dass uns nur noch Sekunden davor trennen, ihn passieren zu müssen. Tatsächlich bleibt er neben seinem – hübsch geschmückten – Briefkasten stehen, wo er uns nun bemerkt und leicht überrascht mit einem „Grüezi wohl!“ herübergrüßt, das wir erleichtert erwidern.

Nachdem wir diese erste Gefahrensituation glimpflich überstanden haben, gibt es vom weiteren Verlauf der Wanderung nur noch wenig zu berichten. Hinter Hörhausen ergab es sich, dass der Wanderweg wiederum auf ein Einzel zuführte, erkennbar ein älteres Ensemble, erkennbar aber auch, dass die Route schnurstracks direkt in den einsamen Bauernhof hineinführte. Man weiß, was das zu bedeuten hat – und man kann niemanden verdenken, dass er sich als Besitzer solch eines abgelegenen Idylls einen Hund anschafft. Für Fußgänger ohne Ausweichmöglichkeit nicht unbedingt eine glückverheißende Aussicht, aber wir gingen einmal optimistisch davon aus, dass die sonst in allen Belangen so vertrauenswürdigen Planer der Schweizer Wanderwege auch hier bedacht haben, dass man Wanderfreunde nicht aggressiven Hofhunden zum Nachtisch ausliefert. Wir haben kaum den Hof des Hofes betreten, schon kommt aus irgendeiner Ecke eine Art kniehoher braungefleckter Dalmatiner dahergeschossen, ohne Kette, laut bellend. Es dürfte weniger mein freundliches Zureden gewesen sein, als das Selbstbewusstsein des Hundes, der weiß, was er seinem Job schuldig ist, nämlich klarzustellen, dass er hier den Chef in der Runde darstellt, was wir in diesem Moment kaum abstreiten, weshalb er einen halben Meter vor uns stehenbleibt, noch einmal eine Ansage in Form lauten Gebells macht und dann unser weiteres Vorgehen abwartet. Das mit dem buchstäblichen Vorgehen ist gar nicht so einfach, denn hier, inmitten des Bauernhofes, müssen wir uns erst einmal orientieren, wo der Weg den weiterführt. Unser Bewacher nimmt das aber gelassen hin – wahrscheinlich ist er es gewohnt – und aus seiner Sicht lohnt es nicht einmal, uns verschwindenden Störenfrieden, noch ein verabschiedendes Gekläff hinterherzuschicken. Für ihn geht’s zurück an sein stilles Plätzchen – bis zum nächsten Wanderer – für uns in Richtung Gündelhart. Dort am Ortsrand angekommen, sehen wir den ersten Wegweiser zur Neuburg.

In der größten Ruine des Untersees.
 
Hier, auf der Hochfläche des Seerückens, ahnt man zwar bereits die Nähe des Gewässers, aber zu sehen ist er noch immer nicht, gegenüber liegen die Höhen der Höri und wüsste man es nicht, niemand würde dazwischen den Untersee vermuten. Unser Weg nimmt einen für Schweizer Verhältnisse geradezu typischen Verlauf, indem er urplötzlich vom breiten Teerweg mitten auf die Wiesen abzweigt, wo nicht mal ein Trampelpfad, aber in der Ferne die nächsten Wegweiser erkennbar sind, weshalb wir natürlich, oberstes Gebot, diese scheinbar irrationale Variante einschlagen, die uns ebenso natürlich durch den anschließenden Wald sicher zum Ziel bringt. Es geht bereits kräftig bergab, doch durch den Bewuchs ist nichts sichtbar, bis plötzlich der Bergfried der Neuburg vor uns auftaucht.

Die Geschichte der Neuburg ist zu Beginn klar, wird recht wirr, dann wieder übersichtlicher. Gegründet haben die Burg einst die Herren von Hohenklingen im benachbarten Stein – deren Stammsitz dürfte sie einst auch ziemlich ähnlich gesehen haben, wer also eine bessere Vorstellung der Gebäude haben möchte, muss die paar Kilometer nach Stein weiterlaufen (oder mit der Bahn fahren), was sich naturgemäß ohnehin lohnt. Die Neuburg entstand als typische stauferzeitliche Festung vor 1250, der Grund ist allein vom Standpunkt noch heute für jeden leicht ersichtlich und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie erwähnt, drängt der Seerücken hier fast bis ans Ufer, nichts klüger also, als über der Engstelle einen trotzigen Wächter hinzustellen, der als Bonus noch eine Position mit Übersicht über den gesamten Untersee von Stein bis über die Reichenau hinaus mitbringt, gleichzeitig mit Blickkontakt zur Stammburg Hohenklingen. Wenig verwunderlich, dass die Neuburg zur größten Festung am Unteresse heranwuchs.

Jetzt kommt der verwirrende Teil: die von Hohenklingen verscherbelten ihren Besitz Neuburg und Mammern Ende des 13. Jahrhunderts an die von Castell – bei Kreuzlingen, die dortige Ruine ist ebenfalls noch vorhanden – die wiederum ihn kurz darauf an das Kloster St. Gallen übergeben, welches die kleine Herrschaft in der Folge mehrfach verschiedenen Lehensträgern abgibt, meist kleineren Adligen oder Patriziern der Region. Das geht so die nächsten zweihundert Jahre, bis 1540 Ursula von Hutten den Besitz erwirbt, die Witwe des vom württembergischen Herzog Ulrich ermordeten Hans von Hutten, eine Geschichte, die man durch die Texte Ulrich von Huttens gut kennt. Dieser erneute Wechsel hat einen kuriosen Nebeneffekt, den Frau von Hutten ist eine geborene Thumb von – richtig – Neuburg. Diese Neuburg hat – oder jetzt: hatte – mit unserer natürlich nichts zu tun, sie liegt im Rheintal beim vorarlbergischen Götzis, eine weitere Ruine. Ursula von Hutten hat die Burg noch einmal ordentlich renoviert, wohl die letzte echte Glanzzeit des Baues, nach dem Tod der Witwe erbt die männliche Nachkommenschaft aus ihrem Zweig, womit die Neuburg nun tatsächlich in den Händen der Neuburg ist, auch nach einer Teilung der Herrschaft um 1600. Das Wohnen auf Burgen verliert allerdings rasant an Attraktivität, und die neuen Besitzer ab 1621, die Roll aus Uri, haben nur noch wenig Interesse an der Bergfeste. Die Roll, mehrere Brüder aus dem katholischen Urkanton, bauen lieber ein italienisches Schlösschen unten am See in Mammern anstelle des dortigen Amtshauses. Die ohnehin schon recht angeramschte Neuburg wird nur noch um 1690 kurz einmal bewohnt, von – Überraschung, Überraschung – mal wieder einem neuen Besitzer, im gleichen Jahr dann endgültig ein letztes Mal mitsamt der Herrschaft Mammern verkauft. Nun gehört der Besitz mit allem Drum und Dran dem Kloster Rheinau bei Schaffhausen, dass sich lieber dem Schloss am See als der Halbruine dort oben am Hang widmet. Zum Bau des noch heute bemerkenswertesten Schmuckstücks in Mammern, der Schlosskapelle, nutzt man 1749 schon Steine der Neuburg.

Dieses Ende ist ein bisschen unrühmlich, bedenkt man, dass es nie jemandem gelungen ist, die Neuburg einzunehmen und zu erobern. In unserer Vorstellung ist es ja oft so, dass wir eine Burgruine mit einem Kriegsereignis in Verbindung bringen, bei dem die Burg zerstört und anschließend nicht wieder aufgebaut wurde. Das ist zwar auch oft der Fall, doch gilt es nicht für die Neuburg. Über die Jahrhunderte unbedrängt und unzerstört, darum auch baulich kaum verändert, ist sie einfach durch nicht mehr vorhandene Nutzung verfallen. Man kann es auch anders ausdrücken – und der Beispiele sind viele: einen Schlossbau im Tal hat kaum eine Höhenburg überlebt. Und so ist die Neuburg heute eine beachtliche Ruinenlandschaft über dem See, deren hervorstechendestes Merkmal der hohe Bergfried ist, dessen Mauerinnenseite inzwischen komplett fehlt. An ihm kann man allerhand „Gesteinsproben“ miteinander vergleichen, von Buckelquadern über riesige Kiesel, Wacken und ganz oben, zur Bekrönung, Zinnen aus Ziegelsteinen, auf denen einst das Dach auflag, siehe Hohenklingen. Neue Bewohner hat die Neuburg auch, Turmfalken genießen jetzt die schöne Aussicht auf den See. Aber nicht nur: zwar weniger dauerhaft, scheint die einstige Vorburg gerne für Grillabende genutzt zu werden, ganz ordentlich schweizerisch in einer dafür vorgesehenen angenehm gestalteten Anlage. Überhaupt scheint man sich nach langen Jahren des bis vor kurzem andauernden Verfalls nun dem Erhalt und der sinnvollen Nutzung der Ruine gewidmet zu haben.

Für uns geht’s von nun an bergab. Beziehungsweise weiter bergab aus dem Wald hinaus durch die Obstplantagen, über die Straße und auf den Radweg entlang der Bahnlinie parallel zum Seeufer bis hinein nach Mammern. Dort steht schließlich das Schloss, dass unserer guten Neuburg das Genick gebrochen hat – wenn man es so sagen kann. Sie war übrigens nicht das einzige Opfer dieses Neubaus – auch die etwas weiter unten, direkt am Ufer bei der Schiffslände gelegene, heute völlig verschwundene Wasserburg, verlor ihre Funktion angesichts des doch wesentlich schmuckeren und vor allem angenehmer bewohnbaren Ansitzes aus der Zeit um 1620. Dessen Prunkstück ist die bereits erwähnte, auf Kosten der Neuburg errichtete Rokokokapelle von 1749, innen und außen ein Juwel eines Vorarlberger Baumeisters aus der berühmten Beerfamilie, in diesem Falle Johann Michael. Bemerkenswert im Inneren die nur aufgemalten Altäre – ein eher seltenes Exempel der in jenen Tagen recht beliebten Scheinarchitektur, im Gegensatz zur ebenfalls vorhandenen nur perspektivischen  Kuppel. Leider konnten Fräulein Annika und ich das Gelände des Schlosses nicht betreten. Trotz des über dem Eingangstor freundlich grüßenden Salus Intrantibus ist uns der Zugang verwehrt, denn innerhalb der Schlossgebäude ist seit dem 19. Jahrhundert eine Privatklinik untergebracht. Die Kapelle ist allerdings auch das markanteste Überbleibsel des Schlosses, das zwar im Kern noch immer vorhanden ist, aber einerseits nach einem Brand schon im 18. Jahrhundert alle seine Türmchen und Erker verloren hat, andererseits durch die zahlreichen Zubauten seit der Nutzung als Klinik nicht mehr so recht in seinem ursprünglichen Charakter zu erkennen ist. Zumindest von unserem Standpunkt außerhalb. Den großzügigen Schlosspark nutzen nun die Patienten und Patientinnen (hoffentlich) ausgiebig zur Erholung – auch er birgt eine Besonderheit, eine Statue des heiligen Nepomuk vom Ende des 17. Jahrhundert, was an und für sich noch nicht sonderlich bemerkenswert wäre. Doch ist dieser sonst typische Nepomuk im barocken Priestergewand, mit Kreuz und einem sein Haupt umgebenden Sternenkranz, sowohl von der Park- als auch von der Seeseite komplett: er ist eine recht raffinierte Doppelfigur mit Vorder- und Rückansicht. Nach einem kurzen Schwenk in die rundum außen und innen einheitlich neugotische Pfarrkirche, ein insgesamt sehr gutes, stimmiges Exemplar der Epoche, notwendig geworden nach einem Brand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, geht es für Annika und ihren Begleiter zum Bahnhof, wo auf dem benachbarten Sportplatz, noch ein Zeichen dafür, dass wir in der Schweiz sind, einige Kinder in ihrer Freizeit Hockey spielen. Dann kommt die Seelinie herbeigefahren und nimmt uns mit...

Donnerstag, 25. April 2019

Das Zitat zum Donnerstag.

 
 "Wer zu lehren hat, ist zu lernen gezwungen."
 
Franz von Sales (1567-1622), Philothea
 
 
 

Donnerstag, 11. April 2019

Banned Books 2018 - Liste der zensierten Bücher in den USA.

Die übliche Liste für die Lektüren des Monats März ist leider durch einen technischen Fehler verlorengegangen, schlimm genug, aber als Ersatz gibt es eine Aufstellung an Büchern, denen noch ein schlimmeres Verschwinden zuteil geworden ist: sie wurden von staatlichen Aufsichtsbehörden der USA aus Bibliotheken genommen, als Schullektüre verboten oder in sonstiger Form der Zensur unterzogen.
Nicht selten handelt es sich hierbei, wie die Liste der elf am meisten unter dieses Verdikt gefallenen Bücher des Jahres 2018 zeigt, die von der American Library Association erstellt wurde, um Jugendbücher. Es mag durchaus nachvollziehbare Gründe geben, gewisse Bücher nicht jedem zugänglich zu machen - ein Urteil, das man sich jedoch sehr schwer machen sollte - doch die mitgenannten Begründungen belegen zugleich, welche Art von Denken hier am Werk ist - es ist vor allem ein Denken, dass anderen das Denken nicht überlassen möchte. Es verwundert demnach auch nicht, dass immer wieder, wenn auch nicht in den höchsten Rängen, Werke der Zensur zum Opfer fallen, die andernorts zu Klassikern zählen - "To Kill a Mockingbird" von Harper Lee wäre so ein typischer Fall.  
Die Aufforderung ist folglich, genau diese Bücher zu kaufen, um sich selbst ein Bild zu machen.   
 
 
 
(c) Graphik: Banned Books Week.

Mittwoch, 27. März 2019

Suhrkamps Romane des Jahrhunderts (9) - Franz Kafka: Amerika.


Franz Kafka: Amerika. st 2654
 
Lange Zeit wurde Franz Kafkas (1883-1924) Erstlingsroman Amerika – von dem nur das erste Kapitel Der Heizer jemals gedruckt wurde, er blieb Fragment wie die anderen Romane auch – unter dem Titel Der Verschollene publiziert, wie ihn der Autor zwischenzeitlich in seinen Aufzeichnungen selbst genannt hatte. Beides ist nicht verkehrt, der leicht reißerisch-publikumswirksamere Arbeitstitel passt nicht minder gut zu dem Text, handelt es sich doch um Kolportage reinsten Wassers: Karl Roßmann muss aufgrund eines Sex-Skandals aus der Heimat im alten Europa per Schiff nach Amerika flüchten, dort stößt er per Zufall auf seinen sprichwörtlichen reichen Onkel, verliert dessen Gunst aber abrupt aufgrund dessen autoritären Verhaltens, steht auf der Straße, gerät an falsche Freunde, die ihn bestehlen, dann, nachdem  er eine Anstellung in einem mondänen Hotel gefunden hat, zurückkehren, wodurch er nicht nur seinen Job verliert, sondern durch Intrigen in Konflikt mit der Polizei gerät. Infolgedessen abhängig von seinen zwielichtigen Freunden, degradieren ihn diese zu ihrem Haussklaven. Nachdem er sich irgendwie aus deren Fängen befreien hat können, lässt er sich unter falschem Namen von einem obskuren Großzirkus in Oklahoma anwerben. Das Ende ist, wie erwähnt – und durch das Fragmentarische wie immer bei Kafka – offen.
Naturgemäß wäre, wer sich nur auf diese verkürzte und überspitzte – eben aber trotzdem auch mögliche – Lesart verließe und nun zu Amerika als spannender Strandlektüre griffe, eher schlecht beraten. Doch zugleich ist es das Merkmal Kafkascher Kunstfertigkeit, Lesarten herauszufordern, Festlegungen zu vermeiden und Interpretationen zu vervielfachen – nicht umsonst ist sein Schaffen eines der markantesten Beispiel für das von Umberto Eco gerade an ihm festgemachte offene Kunstwerk. Endgültiges über einen Roman von Kafka zu sagen ist nicht möglich. Deshalb seien auch hier nur Bruchstücke genannt, Aspekte, herausgepickt aus dem Ganzen des Textes.
Amerika – das Land – ist Verheißung und Bedrohung zugleich; die Ambivalenz zeigt sich wie angedeutet bereits im Romaneinstieg darin, dass Karl Roßmann keineswegs freiwillig in das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten einreist. Vieles ist an diesem Beginn charakteristisch, insbesondere Karls Passivität als Spielball äußerer Einflüsse – die, wie meist bei Kafka, urplötzlich für uns als Leser*innen ins Licht treten. Die erotische Affäre, die ihn zum Aufbruch zwingt, geht von dem Dienstmädchen aus, womit der Reigen an von ihm unverschuldeter Handlungen einsetzt – an denen er durch seine geradezu schmerzhafte Naivität und seiner Fähigkeit, seine eigene Lage und Gefühle in andere zu projizieren, was ihn nicht selten völlig in die Irre bei der Beurteilung seiner Mitmenschen führt, wiederum keineswegs unschuldig ist. Diese Empathie mag man durchaus – wie Max Brod – liebenswert finden, doch ist sie auf ihre Weise eine typisch Kafkasche Übertreibung, die die Überlebensfähigkeit Karls in Frage stellt. Weshalb der Roman ganz sicher nicht – vermeintlich anders als Der Prozeß und Das Schloß – etwas Verheißungsvolles hat, wie der Klappentext behauptet. Auch wenn er nur das nominelle ist und nicht als das eigentliche Ende des Romans vorgesehen war, nehme man nur die Häufung negativer Formulierungen des allerletzten Abschnittes – der Fahrt nach Oklahoma – als Beispiel: Bläulich schwarze Steinmassen  gingen in spitzen Keilen bis an den Zug heran [...] vergebens [...] dunkle, schmale, zerrissene Täler [...] in der sie sich verloren [...] sie stürzten sich unter die Brücken [...], so nahe, dass der Hauch der Kühle das Gesicht erschauern machte (285).
Schon der Beginn ist, wie erwähnt, mehrdeutig. Karl erblickte die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.
‚So hoch!’ sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben (7). Karl ist wieder passiv, wird gedrängt und geschoben, aber der erstarrte Blick auf die übermächtige Freiheitsstatue ist weniger Verheißung als Drohung – statt der Fackel trägt sie ein Schwert. Was auf den ersten Blick erlösend erscheint – der reiche Onkel, die scheinbar hilfsbereiten Freunde Robinson und Delamarche – wird nicht selten zur Enttäuschung. Ebenfalls gleich am Anfang taucht ein in Amerika – und allen Folgeromanen – immer wiederkehrendes Motiv auf: das der labyrinthartigen Irrgänge in Piranesischer Manier. Das Schiffsinnere voller fortwährend abbiegende[r] Korridore (7), das Haus des Onkels, wo Karl nicht einmal nach längerer Zeit die Lage von dessen Schlafzimmer kennt (vgl. 62f), die Villa des Herrn Pollunder mit ihren Türen und Treppen (vgl. S.71), das Stadtviertel und das Wohnhaus, wo Delamarche und Robinson hausen (vgl. S 214f), überall unzugängliche Räume, versperrte Möglichkeiten, Abzweigungen ins Nichts, überdimensionierte Räumlichkeiten, in denen man sich verliert. Auch dies naturgemäß eine Metapher für Amerika.  „Ja, frei bin ich“, sagte sich Karl, und nichts schien ihm wertloser (127). Freiheit, die, wenn man mit ihr nicht umgehen kann, auch Angst macht und bedrohlich wirkt.
Amerika ist für den jungen Karl Roßmann – wie wohl auch für seinen Erfinder Kafka, der das Land nie besucht hat – fascinosum und tremendum zugleich. Das Labyrinthische der Villen, Häuser und Städte ist schließlich auch eine Folge der Größe und Großartigkeit, auf die Karl allerorten trifft, sei es im Reichtum seines Onkels, der Schnelligkeit des Handels (vgl. S.49f), im Hotel, im weltgrößten Zirkus, in der technologischen Überlegenheit, im demokratischen Straßenwahlkampf, alles erregt und fasziniert, aber es ist auch schwer greifbar, unfassbar, undurchschaubar für den Fremden, Gefahr durch Aufgehen und Verschwinden in der Masse. Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja einer Geburt vergleichbar (41), einer Chance auf Neuanfang, aber auch Ausdruck der Hilflosigkeit und des Angewiesenseins. Ein zweites großes Hauptmotiv in Amerika ist Karls Getriebensein, dass zu einer ständigen Unterbrechung des Schlafes führt. „Ja, schlafen!“ sagte der Student, mit dem er sich unterhält. „Schlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium fertig bin. Vorläufig trinke ich schwarzen Kaffee.“ (257) Dieser Satz mit klassisch Kafkascher Ironie gilt für Karl – ohne Kaffee – mehr denn je und er könnte ihn gleich zigfach äußern. Ich bin schrecklich müde. Ich weiß gar nicht recht, wo ich bin (218), im Land des amerikanischen Traumes herrscht Schlaflosigkeit, die durch die wenigen ruhigen, erholsamen Stunden, in denen er schließlich erschöpft tatsächlich Schlaf findet, nur umso stärker hervorgehoben werden. So ist New York, bekanntlich laut Sinatra the city that never sleeps, ein Satz der in den Ohren Karl Roßmanns äußerst zweideutig nachhallen dürfte, amerikanischer Traum und Alptraum gleichermaßen.
 
Vorgänger Teil (8): Max Frisch - Stiller.

Donnerstag, 21. März 2019