"Some people say that their school days were the happiest of their lives. They may be right, but I always look with suspicion upon those whom I hear saying this. It is hard enough to know whether one is happy or unhappy now, and still harder to compare the relative happiness or unhappiness of different times of one's life; the utmost that can be said is that we are fairly happy so long as we are not distinctly aware of being miserable."
Montag, 30. April 2018
Mittwoch, 11. April 2018
Mit Fräulein Annika unterwegs...zu den Goldbacher Heidenhöhlen.
Geheimnisvolle
Höhlen, ungelöste Rätsel, ein tragisches Ende, das Ganze eingebettet in eine
wunderschöne Landschaft am Seeufer. Was wie der Plot für einen guten
Unterhaltungsroman klingt, ist die Geschichte der Heidenhöhlen, früher
Heidenlöcher genannt, am Bodensee, genauer am Überlinger See zwischen eben
dieser Stadt und dem Nachbarort Sipplingen. Grund genug für uns, sich dorthin
aufzumachen, geleitet von der uns eigenen natürlichen Neugier. Wer jemals
diesen kurzen Abschnitt mit dem Auto oder der Bahn gefahren ist – letzteres
besonders hübsch, da man direkt am Wasser entlang, gewissermaßen über den
Strand, gleitet, übrigens das einzige mal auf der den ganzen See umrundenden
Bahntrassen – dem fallen die bizarren Felsformationen auf, die sich hier sehr
steil hochschwingen, sehr schnell vom Wasserniveau auf gut 400 Metern sich
teils bis auf über 600 Meter. Das hier zutage tretende Gestein ist die für den
Bodensee typische Molasse, was ein bisschen nach Knetmasse klingt, womit man
gar nicht so falsch liegt, handelt es sich doch um zusammengepressten Matsch
des einst hier vor sich hin plätschernden Urmeers – lange vor dem Bodensee und
etwas größer den gesamten heutigen Alpenraum bedeckend – der sich später
verhärtet hat zu Sandstein. Allerdings ist verhärtet leicht übertrieben, manch
andere Gestein könnte darüber nur lachen, wenn es lachen könnte, denn die
Molasse ist vergleichsweise weich. Übrigens: im Gegensatz zum Ufer gegenüber –
dem Bodanrück – setzt sich der Fels unter Wasser nicht in die Tiefe fort, so
imposant die durchfurchten Steilwände oberhalb aussehen, so sanft gleiten sie
unterhalb der Wellen hinein in den See – und verstecken dort zumeist die nicht
sichtbaren Überreste von Pfahlbauten.
| Die Molassefelsen zwischen Sipplingen und Überlingen - mit einem der Heidenlöcher. |
In früheren Zeiten wirkten diese Felsen um einiges beeindruckender, denn sie reichten bis an das Wasser heran, eine Straße zwischen Sipplingen und Überlingen gab es nicht bis Mitte des 19. Jahrhunderts, wer von hier nach dort – so wie wir – und zurück wollte, musste sich mit einem schmalen und nicht ungefährlichen Trampelpfad auf einem Teilstück begnügen, der noch dazu bei Hochwasser unpassierbar wurde oder über das Hinterland den offiziellen Fahrweg nutzen, mitsamt Auf- und Abstieg. Das war natürlich ein Problem, insbesondere für die selbstbewusste Reichsstadt Überlingen, aber man hatte für Transporte immerhin auch den See direkt vor der Haustür. Gleichwohl wollte man sich später mit der umständlichen Situation nicht mehr abfinden – mit bösen Folgen, wie noch zu berichten sein wird. Wer heute auf dieser Strecke entlang läuft, kann sich dies kaum mehr vorstellen, zwar geht es hinter Sipplingen noch über Wiesen unterhalb der Molassefelsen vorbei, doch dann sehr lange und unangenehm direkt an der nun vorhandenen Uferstraße, der vielbefahrenen B31, mit der Garantie auf viel Auspuffgase für die Lungenzüge. Fräulein Annika ist da feinstaubmäßig mal wieder fein raus.
| Enge Felsengänge in Goldbach enthalten die höhlenartigen Felsenkeller. |
| Unheimlich wirken die "Fenster" der Höhlenkeller im Dorf Goldbach. |
Kurz darauf, auf
dem eigentlichen Abschnitt der Goldbacher Heidenhöhlen, müsste nun die erste –
westliche – Abteilung der Höhlen auftauchen, doch sind diese noch mehr
verschwunden als die Katharinenkapelle. Nur von einem Plan kennen wir ihre
etwas seltsamen Grundrisse. Beides, Kapelle und westliche Höhlen, wurde beim
Bau der Uferstraße anno 1846/47 komplett gesprengt, dazu gleich mehr. Was wir
anschließend noch sehr vereinzelt als Öffnungen oben im Fels sehen können, sind
die spärlichen Überreste der östlichen Abteilung. Diese Räume sind etwas besser
dokumentiert, sie waren auch strukturierter angelegt – hier fand sich unter
anderem die Felskapelle mit den frühgotischen Merkmalen, zum Beispiel
Relieffriesen – und hatten größtenteils Kreuzgratgewölbe. Schon die halb
legale, halb illegale Nutzung als Armenhäuser dürfte ihnen massiv geschadet
haben, wie gesagt, Molasse ist ein sehr weiches Gestein, man kann leicht darin
herumritzen. Dies taten dann zudem die Touristen, die sich einst auf gleiche
Art verewigten, wie es 200 Jahre später „Tobi & Luisa 2017“ noch immer zu
tun pflegen. Manch Bodenseeliebhaber von nah und fern protestierte zwar gegen
das Vorhaben des neuen badischen Staates, das enorm teure, weil aufwändige
Projekt einer Uferstraße von Ludwigshafen nach Überlingen nach langer
Diskussion endlich durchzuführen. Doch die ökonomischen Interessen überwogen und
so fielen 1846/47, wie erwähnt, die Katharinenkapelle und die westlichen Höhlen
völlig, die östlichen teilweise dem Straßenbau zum Opfer. Die böse Ironie der
Geschichte ist, dass die Fahrten nun zwar bequemer waren, dies wirtschaftlich
aber der Stadt Überlingen, die so sehr darauf gedrängt hatte, gar nichts
brachte, denn inzwischen hatte die Eisenbahn den Güterverkehr übernommen – und
an diese ließ sich Überlingen aufgrund seiner Lage noch schwerer schwer
anschließen. Man konzentrierte sich immer mehr auf den Tourismus – hatte nun
aber eine der Hauptattraktionen kurzerhand wegsprengen lassen. Daran änderte
auch der dann doch noch erfolgte Bahnbau nichts mehr – der störte zwar die
verbliebenen Heidenhöhlen nicht, da er, wie erwähnt, direkt am Rand des Sees verlief
– kam aber erst um 1900, viel zu spät für einen industriellen Aufschwung (zum
Glück, muss man sagen, so blieb Überlingen eine wunderschöne mittelalterliche
Stadt, nur halt leider ohne Heidenhöhlen
| Die Höhlen im Dorf Goldbach vermitteln noch einen Eindruck von den einstigen Heidenlöchern. |
Trotzdem machten
Straße und Bahntrasse den letzten Heidenhöhlen auf lange Sicht den Garaus. Eine
Besichtigung war weiterhin möglich, aber doch sehr beschwerlich. Treppchen und
Geländer mussten angelegt werden, das Interesse war noch immer groß, immerhin
war ja zum Beispiel die Felskapelle unbeschadet geblieben. Doch hatten diese
Besucher den unschönen Nebeneffekt, dass sie buchstäblich in der Molasse ihre
Spuren hinterließen. Umrisse und Innenausstattung der Heidenhöhlen litten und
verformten sich, Stützmaßnahmen der Felsen mussten unternommen werden. Auf der
anderen Seite waren Restaurierungsmaßnahmen sehr kostspielig und oft nur von
begrenzter Auswirkung. 1960 dann die Katastrophe: die Kapelle stürze nach einem
Sturmwetter in sich zusammen. Von den Behörden wurde beschlossen, die
restlichen Heidenhöhlen abzusprengen. Nach vielen Jahrhunderten waren die
einzigartigen Kulturdenkmäler bis auf spärlichste und nicht mehr zugängliche
Überreste für immer verschwunden. Schlimm und unverzeihlich genug, hatte man
sich vorher nicht einmal die Mühe gemacht, die Höhlen vor der Sprengung zu
dokumentieren. Noch 1846 war man schlauer gewesen als 1960, wo man nicht einmal
auf einen Photographen geschweige denn archäologische Expertise zurückgriff.
Darin liegt vielleicht eine – deshalb trotzdem inakzeptable – Gedankenlosigkeit
einer an Monumenten überreichlich gesegneten Kulturlandschaft.
| An der Sylversterkapelle Goldbach. |
| Schmuckstück am Bodenseeufer: die Sylversterkapelle in Goldbach - eines der ältesten Kirchengebäude am See. |
Mittwoch, 4. April 2018
Lektüremonat März 2018.
Fernand
Pouillon: Singende Steine.
Pouillons
(1912-1986) Roman ist ein ziemlich ungewöhnliches Buch. Der Autor, ein in
Frankreich angesehener Architekt, schrieb es während einer langwierigen
Untersuchungshaft aufgrund eines Finanzskandals, die letztlich mit seinem
Freispruch endete. Diese Grundvoraussetzung ist unterschwellig im Text durchaus
spürbar, auch wenn der Inhalt scheinbar ganz anderer Natur ist: in Tagebuchform
berichtet der Zisterziensermönch und Baumeister Wilhelm von Balz von den
schwierigen Anfängen der Errichtung einer neuen Abtei in einer unwirtlichen
Gegend, wofür er zudem die sehr strengen Vorschriften der Zisterzienser mit den
örtlichen Gegebenheiten, aber auch seiner künstlerischen Verwirklichung in
Einklang bringen muss – abgesehen vom täglichen Kleinkram der Bauleitung.
Pouillon schafft ein faszinierendes Buch, das weder an einer altertümelnden
Sprache, noch zu vielen architektonischen Technizismen krankt, sondern einen
klaren nüchternen Stil aufweist, der den Geist des Baues selbst gut
charakterisiert. Sein Vorhaben, sich in einen Kollegen des 12. Jahrhunderts
hineinzuversetzen, ist ihm gelungen – und wer das Ergebnis nicht nur lesen,
sondern auch sehen möchte: das Kloster Thoronet in der Provence ist fast
stilrein erhalten.
Maarten
‘t Hart: Ein Schwarm Regenbrachvögel.
Und
wieder mal ein Niederländer, der sich – zu Recht – auch bei uns großer
Beliebtheit erfreut. Wie vermutlich schon mehrfach erwähnt, ist die
zeitgenössische niederländische Literatur eine sehr facettenreiche mit vielen
großartigen Autor*innen. Kein Wunder also, dass sie hier immer wieder
auftauchen. ‘T Harts (geboren 1944) Roman ist eine ziemlich melancholische
Rückschau – mit autobiographischen Elementen – eines einsamen jungen Mannes,
der mit dreißig zwar bereits angesehener Biologieprofessor geworden ist, sich
aber nie von den Vorgaben seiner isolierten Kindheit auf dem Land mit
religiösen Eltern befreien kann, die ihn in Bruchstücken stets wieder einholt.
Am sichtbarsten und schmerzlichsten zeigt sich dies in seiner Sehnsucht nach
Frauen, denen er sich nie offenbart, weshalb sie ihm schließlich entschwinden. Zurück
bleibt ein immer mehr vereinsamender Mensch. Traurige Geschichte, glänzend
geschrieben – dank ‘T Harts freundlich-ironischer Erzählhaltung verfällt man
deshalb zum Glück beim Lesen nicht gleich vollends der Depression.
Isabel
Allende: Fortunas Tochter.
Mit
Fortunas Tochter wollte Isabel Allende (geboren 1942) nach langer Zwischenzeit
an „Das Geisterhaus“, ihr fulminantes Debut, anknüpfen, der Roman versteht sich
als Teil einer Trilogie über chilenische Frauen. Was hier nicht gänzlich
zutrifft, ist die Protagonistin Eliza doch ein Waisenkind, das in der
englischen Kolonie von Valparaíso aufwächst, auch spielt ein Großteil des
Romans im Kalifornien des Goldrausches um 1849. Auch wenn Fortunas Tochter nicht
an „Das Geisterhaus“ heranreicht – trotz der selbstbewussten weiblichen
Hauptfigur Eliza ist diese sehr stark von den männlichen Charakteren abhängig,
ganz anders noch als ihre Nachfahrinnen bzw. Vorgängerinnen aus dem Debut – hat
Isabel Allende all ihre erzählerischen Fähigkeiten aufgeboten, um wieder
allerlei skurrile Figuren, seltsame Bräuche und Spleens, überraschende
Wendungen und umkämpfte Liebesgeschichten in spannender Manier
aneinanderzureihen. Und so ist erneut ein literarischer Reißer entstanden, den
man mit viel Freude verschlingt.
Herbert
Rosendorfer: Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa.
Der
Altmeister der literarischen Satire Rosendorfer (1934-2012) nimmt sich in seinem
Roman aus den 1990er Jahren die New-Age-Welle vor, in gewohnt brillanter und
sehr lustiger Manier. Doch das Buch hat viele unterschwellige Strömungen
dystopischer Natur – denn die 1992 bei Paderborn landenden Außerirdischen sind
keineswegs die von den Esoterikjünger*innen erhofften Erlöser, sondern nichts
anderes als um das Heil der Menschen reichlich unbesorgte Besatzer. Sich die
Erde untertan zu machen fällt ihnen allerdings nicht schwer, denn diese ist
nach dem Zusammenbruch ohnehin quasi einfach nur am immer weiter
zusammenbrechen, Religion und Rechtsstaat sind längst Esoterik und der
Drogenmafia gewichen. Nach dem typischen rosendorferschen ersten Teil des
Romans hat man manchmal den Eindruck, dass der Autor im Folgenden etwas über
die Stränge schlägt, dahinter verbirgt sich jedoch – darauf macht der Titel nur
zu deutlich aufmerksam – eine böse Kritik am Kolonialismus, aber auch am
menschlichen Opportunismus, denn natürlich gibt es auch Personen, die mit den
Besatzern kollaborieren und noch jede Untat verklären. Rosendorfer trägt, wie
gesagt, manchmal dick auf, aber man verzeiht es ihm schnell angesichts der für
ihn so charakteristischen Schilderungen der Alltagsabsurditäten und seiner skurrilen
Einfälle – welchen Tribut fordern die Außerirdischen von den Menschen?
Holländische Holzschuhe. Warum? Wir werden es nie erfahren.
Marguerite
Duras: Emily L.
Erneut
ein kurzes Buch der französischen Schriftstellerin (1914-1996) und wie gewohnt
ist es geprägt von hoher sprachlicher Kunst und nicht einfacher Zugänglichkeit.
Die Szenerie ist einfach: in der Hafenkneipe eines kleinen französischen Ortes
am Meer treffen ein sich trennendes Paar aufeinander, das zufällig Ohrenzeige
eines anderen Paares wird – drei sehr unterschiedlich verlaufende
Liebesgeschichten sind ineinander verschachtelt, alle von der Tragik menschlicher
Beziehungen bestimmt. Duras‘ Romane und Erzählungen mit ihrer eigenwillige
Umsetzung sind wahrscheinlich nicht jedermanns liebste Lektüre, aber auch in
„Emily L.“ zeigt sie sich in Höchstform.
Peter
Shaffer: Five Finger Exercise/Shrivings/Equus.
Und
gleich noch ein bereits Bekannter: Der Band versammelt – etwas willkürlich –
drei Stücke des britischen Dramatiker Peter Shaffer (1926-2016), von denen
„Equus“ schon besprochen wurde. „Five Finger Exercise“ (von 1958) ist ein
typisches Familiendrama, in der ein aus Deutschland eingeladener Tutor, ein
junger Mann, der vor seinen Nazieltern geflohen ist, Trost und Geborgenheit bei
einer englischen Familie sucht, die alles andere zu bieten hat als genau dies.
Der Hausherr ist ein Kaufmann und Materialist, seine Frau trauert ihrer
Herkunft aus gebildetem französischem Milieu nach, die Tochter ist eine
pubertäre Träumerin und der Sohn ein perspektivloser Student, der mit seinen
künstlerischen Ambitionen, die vom Vater verachtet werden, nichts anzufangen
weiß. Die Ankunft des Tutors bringt die Konflikte erst recht an die Oberfläche.
Immer noch tolles Stück mit geschliffenen Dialogen. Mit „Shrivings“ war Shaffer
selbst unzufrieden, weshalb er es später noch einmal umschrieb – diese Version
von 1970 atmet noch mehr den Geist der Zeit. Ein zynischer Dichter, dessen
Erfolge längst zurückliegen, besucht seinen Mentor in dessen zurückgezogenem
Refugium, wo dieser sich für den radikalen Pazifismus engagiert. Vor Ort wohnen
noch die Sekretärin der Organisation, eine junge Amerikanerin, und der von ihm
entfremdete Sohn des Dichters. Letzterer versucht durch eine Wette den
Philosophen davon zu überzeugen, dass sein Vorhaben einer friedlichen
Existenz, der Nachsicht und Vergebung eine Lebenslüge ist, in dem er seinen
Hinauswurf provozieren möchte. Somit setzt er alles daran, seine Wette zu
gewinnen und beginnt sein Zerstörungswerk… Man könnte nicht behaupten, dass
Shaffer in „Shrivings“ (überarbeitet oder nicht) auf dem Höhepunkt seiner
Schaffenskraft ist, zum Glück enthält der Band ja die beiden anderen Stücke.
Will
Berthold: Der Krieg, der nie zu Ende ging.
Mal
was ganz anderes: Der gebürtige Bamberger Will Berthold (1924-2000) war einer
der auflagenstärksten Autoren der Bundesrepublik, sowohl als Sachbuchautor –
hauptsächlich zu Themen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit – als auch für
seine populären Romane, die sich zwischen Fiction und Faction ansiedelten. Ein
typischer Bahnhofsbuchhandlungsautor. „Der Krieg, der nie zu Ende ging“ ist ein
deutsch-deutscher Agententhriller aus dem Mauerbaujahr 1961, der im Titel
genannte nie endenwollende Krieg ist dabei einerseits der Kalte, anderseits
jedoch derjenige der alten Naziseilschaften, die in Ost und West noch immer
ihre ganz eigene Zusammenarbeit pflegen. Kann man mal lesen…
Judith
Hermann: Alice.
Das
sympathische an Judith Hermanns (geboren 1970) Schreiben ist, dass sie im
Durchschnitt nur alle fünf Jahre ein neues Werk veröffentlicht, was kein
vergiftetes Lob sein soll, sondern Bewunderung dafür, dass sie sich dem Druck nach
ihrem über alle Maßen erfolgreichen ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später“
entzogen und sich die Zeit genommen hat, ein neues eigenständiges Buch zu
veröffentlichen – und dies seitdem beibehalten hat. Ihr prägnanter Kurzsatzstil
und ihre Vorliebe für Kurzgeschichten prägt auch „Alice“, obwohl es hier eine
verbindende – die titelgebende – Protagonistin gibt, die alle Geschichten
miteinander verknüpft; erst in der letzten Erzählung führen weitere denn auch
weitere Stränge zusammen. Mutig auch das übergreifende Thema: das Sterben. In
Variationen widmet sich Hermann diesem äußerst schwierigen Motiv, ohne in die
Untiefen der Betroffenheit zu geraten. Schließlich handelt es sich um ein
Thema, dass die Generation von Alice eigentlich nur peripher betrifft, beziehungsweise
zu betreffen scheint, in ihrem Alter liegt es vermeintlich, was den Umgang
mit dem langsam, plötzlich, nah oder fern eintretenden Tod keinesfalls leichter
macht. Absolut lesenswert!
Cees
Nooteboom: Roter Regen. Leichte Geschichten.
Ein
Band mit zahlreichen kurzen (fast immer) autobiographischen Erzählungen aus der
Feder des niederländischen – schon wieder! – Großmeisters Cees Nooteboom
(geboren 1933). Leichte Geschichten sind es, weil Nooteboom hier sozusagen
unbeschwert Episoden aus seinen Erfahrungen als Reiseschriftsteller als
Ergänzungen zu seinen eigentlichen Reportagen – aber auch zu seinen Romanen –
berichtet, über seine Nachbarn auf Menorca, über seine Kochversuche, über
Krankheiten, Haustiere und Gartenkunst. Und leichte Geschichten sind es auch,
weil sie sich wunderbar lesen lassen. Nooteboom eben.
V.S. Naipaul: The Mimic Men.
Und
noch ein Autor von Reisereportagen und Romanen, nur ein Jahr jünger als
Nooteboom: der Literaturnobelpreisträger (2001) V.S. Naipaul, geboren 1932 auf
Trinidad und Tobago. „The Mimic Men“ lässt einen bereits mit vierzig Jahren
gescheiterten Politiker eines karibischen Inselstaates auf seine Londoner
Studienzeit in ärmlichen Verhältnissen, seine Rückkehr auf die heimatliche
Insel und die dortigen Konflikte der Familie – sein Vater verlässt diese, um
eine Sekte zu gründen – seine kurze Karriere als Politiker und seine
unglückliche, mit Scheidung endende Ehe zurückblicken, Umstände, die ihn wieder
nach London zurückzwingen, nun als Exil. Klingt interessant? Ist es aber
nicht. Unglaublich dröger Roman, quälend zäh zu lesen.
Otto
Knopf: An geheimnisvollen Orten.
Band
mit Erzählungen des oberfränkischen Heimatforschers Otto Knopf (1926-2005) in
erwartbar traditionellem Stil, mehr oder minder geschickt das zeitgenössische
Leben im Frankenwald mit Sagenmotiven der Region verbindend. Durchaus mit
eigenem Reiz, sind die Geschichten im Großen und Ganzen eher etwas für
Liebhaber*innen der ostoberfränkischen Heimat. Zu lesen am besten bei
Kachelofenfeuer in langen Winternächten.
Henry
Mackenzie: The Man of Feeling.
In
der Einleitung des Romans wird eine Aussage von 1788 zitiert: „A Rousseau will
ever be esteemed in France – a Goethe in Germany – and a Fielding and a
Mackenzie will be admired whilst the English language is understood.“ Der Autor
des Vorworts, Brian Vickers, nennt diese Prophezeiung mit freundlichem
britischen Understatement „unlucky“. Gleichwohl war das Buch des Schotten
Mackenzie (1745-1831) ein von Leser*innen und Kolleg*innen gleichermaßen geschätzter
seinerzeitiger Bestseller und ist unzweifelhaft ein Klassiker der
englischsprachigen Literatur. Dass er sich heute – und schon einige Jahrzehnte
nach Erscheinen – anders als Rousseau, Goethe und Fielding nicht mehr der
großen Gunst des Publikums erfreute, lag eher an der allgemeinen Abwendung vom
Genre des sogenannten „sentimentalen Romans“, dessen Hauptexponenten Samuel
Richardsons „Pamela“ und eben Mackenzie darstellten – und das schon bald zur
Parodie herausforderte, unter anderem der genannte Fielding veröffentlichte einen Roman namens
„Shamela“. Warum, wird jedem heutigen Leser und jeder heutigen Leserin schnell
klar: es wird unendlich viel geweint auf diesen Seiten, kein Wunder, erfährt
der Protagonist Harley seine „sentimentale Erziehung“ doch durch die Begegnung
mit allerlei Personen, denen unschuldig übelst mitgespielt wurde. Und so können
er und seine Leidensgenoss*innen sich menschlich bewähren und wir die
Taschentücher auspacken.
Donnerstag, 29. März 2018
Das Zitat zum Donnerstag.
"Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen."
Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Große
Dienstag, 20. März 2018
Wanderererfahrung.
Auch wenn es etwas holprig formuliert ist, was womöglich ebenfalls der Wanderererfahrung geschuldet ist, dürfte es nicht nur denen so gehen, die (ganz allein) an dieser Tafel im Dichterwald zwischen Kalter Küche und Schildwiese an der thüringisch-bayerischen Grenze auf dem Rennsteig vorbeilaufen...
Mehr Wanderererfahrungen vom Rennsteig und anderswo demnächst in gedruckter Form!
Dienstag, 13. März 2018
Lektüremonat Februar 2018.
Rose
Tremain: Melodie der Stille.
Die
Jahre 1629/30 am dänischen Königshof, wo der melancholische Träumer Christian
IV. regiert, der einerseits von Ideen beseelt ist, die er – wie seine
Schlossbauten – in die Tat umsetzt, andererseits politisch wie privat
unglücklich agiert, er verliert gegen die katholische Liga im Reich, er
ruiniert den Staatshaushalt, er deckt die Betrügereien seiner Gattin auf. Rose
Tremain (geboren 1943), Britin, verwebt persönliche Schicksale um Christians
Hof auf äußerst kunstvolle Weise in ihrem klugen historischen Roman, der seinem
Titel alle Ehre macht, denn er widmet sich den Ereignissen auf ruhige, trotzdem
spannende Art, in der die liebevoll geschilderten Personen – selbst die
bösartigeren – bei Leser und Leserin Sympathie erwecken. König Christian liebt
es, seine Gäste durch indirekte Musik zu verblüffen. Rose Tremain verblüfft durch
ihr stilles Schreiben, hinter dem großes Können nicht nur zu erahnen ist.
Marie
Hermanson: Muschelstrand.
Was
soll man über Marie Hermanson (geboren 1956) schon sagen? Marie Hermanson ist
Marie Hermanson ist Marie Hermanson. Oder anders: eine literarische Göttin. Die
Schwedin besitzt die Fähigkeit, unglaublich Spektakuläres im positiven Sinne
unglaublich unspektakulär zu erzählen. Schreckliche, groteske und bizarre
Ereignisse treten in den Alltag der Gegenwart, ständig kommt es zu
verblüffenden Wendungen, unerklärlichen Vorkommnissen, traurigen Ereignissen
und doch verfallen Hermansons Geschichten nie dem plump Sensationellen oder der
billigen Kolportage. Dies liegt an den zahlreichen Künsten der Autorin, die
eine äußerst genaue Beobachterin (und Beschreiberin) ist, in deren Texten
selbst die abseitigste Nebenbemerkung ihren genauen Platz hat, wo alles mit
allem verknüpft ist, aber nichts mit oberflächlichen Erklärungen abgehandelt
wird, wo die Figuren mit Sympathie geschildert werden, wie seltsam sie sich
auch verhalten mögen. Dies alles gilt naturgemäß auch für „Muschelstrand“,
Hermansons berühmtestem Roman. Ulrika, eine Ethnologin, reist mit ihren beiden
Kindern zu den Sommerhäusern, wo sie einst die Sommer ihrer Kindheit und Jugend
verbrachte. An besagtem Muschelstrand finden sie durch Zufall ein menschliches
Skelett. In Rückblenden erinnert sich Ulrika an die Ferien vor gut 25 Jahren,
als bei der Nachbarsfamilie ein Kind verschwand. Doch dieses ist nicht das
Skelett – denn das Kind kehrte auf mysteriöse Weise wieder. Als mit Hermanson
Vertrauter ist man etwas überrascht, dass die Parallelgeschichte, Kristinas
Biographie, die Erklärung für dieses Geschehen zu liefern scheint. Was
natürlich – es ist eben doch ein Hermanson – nicht der Fall ist. Aber die
Pointen sollen nicht verraten werden. Marie Hermanson gehört zu den
Schriftsteller*innen, zu denen man greift, wenn man verlässlich intelligent und
extrem spannend auf hohem Niveau unterhalten werden will. Suchtfaktor.
Wie
schreibt man über die fortschreitende Alzheimerkrankheit des eigenen Vaters?
Zahlreiche Gefahren tun sich auf: weinerlich-sentimentale Betroffenheitsprosa,
ein Ratgebertonfall, der Bescheidwissen vorgaukelt, oder eine Distanzierung in
nüchternem, quasi-klinischem Ton. Hinzukommt bei solch einem persönlichen und
sehr intimen Thema (ähnlich wie in der Tagebuch- und Briefliteratur) ein
möglicher Voyeurismus – noch dazu, wenn man eine öffentliche Person ist wie
Arno Geiger (geboren 1968), immerhin der erste Träger des Deutschen
Buchpreises. Gerade weil Geiger ein reflektierter Schriftsteller ist, entgeht
er diesen Fallen, weder schreibt er einen dokumentarischen Bericht, noch ein
Tagebuch des Verfalls, keinen nostalgischen Rückblick auf das Leben des Vaters
– auch wenn sein Buch naturgemäß durchaus solche Elemente enthält, entzieht
sich die Schilderung der Wirkung der seit vielen Jahren voranschreitenden
Krankheit gängigen Mustern. Geiger beschönigt nichts, dramatisiert aber auch
nicht, er schreibt eine äußerst liebevolle Hommage an den Vater, ohne zu
verklären, weder die alten noch die krankheitsbedingten Konflikte werden
verschwiegen. Und auch ratgeberhaft ist das Buch nicht, da Geiger eine an und
für sich banale, aber oft übersehene Erkenntnis betont: da Alzheimer das Gehirn
und damit den Sitz unserer Persönlichkeit angreift, lassen sich – anders als
etwa bei Leberkrankheiten – keine allgemeinen Aussagen treffen. Auch bei Geiger
ist die immer umfassender werdende Betreuung des Vaters schwierig, doch die
ursprüngliche Persönlichkeit August Geigers, die durch die Reduktion teils
geradezu verstärkt wird, seine Selbstgenügsamkeit, seine fast buchstäbliche
Bodenständigkeit und seine mit Humor gepaarte Gelassenheit ermöglichen auch
eine neue Verbundenheit – ein tröstlicher Effekt, der die entfremdete Familie
wieder enger zusammenschweißt. Wie gesagt, die Verläufe sind verschieden, auch
Geigers Vater hat Momente des Verdämmerns, der Aggression, aber Geigers Buch
mahnt dazu, sich auf die neue Welt des Erkrankten einzulassen, zu begreifen,
dass hier etwas Neues, Unumkehrbares entsteht, dass in aller Unzugänglichkeit
und Fremdheit akzeptiert werden muss, um den zugegeben schwierig Umgang
miteinander zu ermöglichen. Und so wenig man es angesichts des Themas glauben
mag, das Buch besitzt auch einen – sicher etwas traurigen, aber deutlichen
vorhandenen – Humor. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein großes Werk, ein
wichtiges Buch, das jedem empfohlen sei zu lesen.
„Der
Schatten des Windes“ mutierte kurz nach seinem Erscheinen 2001 sehr schnell zu
einem internationalen Bestseller mit Millionenauflage. Kein Wunder, vereint der
Spanier Zafón (geboren 1964) doch gekonnt den klassischen Schauerroman mit
Kolportage und Thriller. Deswegen erleben wir hier alles, was man erwarten
darf: ein mysteriöses Buch im Buch mit geheimnisvollem Autor, skurrile Figuren,
verfallende Villen, Särge in versteckten Krypten, einen ultrabösen Schurken,
eine Liebesgeschichte, Kapitel, die mit der Ankündigung des eigenen Todes
enden, schöne Frauen, hässliche Intrigen, großstädtisches Flair – und was nicht
noch alles, was hier nicht verraten werden darf. Nun, wenn es so einfach wäre,
würden wir alle Beststeller nach diesem Rezept schreiben – natürlich gehört ein
ordentliches Talent dazu, diese Elemente zu verknüpfen und das Ganze auf einem
sprachlich lesbaren Niveau zu erzählen. Ohne Zweifel ist dies Zafón gelungen.
Sein Roman ist ein flüssiges, ungemein spannendes Buch mit vielen Wendungen,
Rätseln und Figuren zum Gernhaben (und Hassen). Das Frauenbild ist etwas
altbacken – sie sind nur Ergänzungsfiguren zu den handelnden Männern – und der
politische Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges bleibt reichlich diffus. Die
spanische Literatur wird das Buch nicht revolutionieren, aber ein
unterhaltsamer Lesespaß ist es allemal.
Es
steht Roman auf dem Umschlag, doch eigentlich ist „König Alkohol“ ein
autobiographischer Großessay. London (1876-1916) schildert seine Erlebnisse mit
dem Alkohol seit Kindertagen, als er – mit fünf Jahren – seinen ersten
versehentlichen Vollrausch hatte. Das Buch ist sein Plädoyer gegen den
verderblichen Einfluss des Alkohols, dem er sich selbst nie entziehen konnte –
nun war aber London keineswegs ein Schweralkoholiker, diesen Fall (hervorragend
geschildert in Hans Falladas „Der Trinker“) hält er nicht ganz zu Unrecht, weil
klinisch, auch für nicht repräsentativ, sondern London war ein
Gesellschaftstrinker, der oft sehr lange abstinente Phasen hatte, in denen er
nicht nur keinen Tropfen anrührte, sondern ihm das Verlangen danach völlig
abging. Die Gefahr und die Macht des Alkohols sah London also in dessen
Fähigkeit, sozial verbindend zu sein, vereinfacht gesagt: beim gemeinsamen
Gläschen sitzt es sich angenehmer, man kommt leichter ins Gespräch, man hat
etwas Verbindendes. Erst später tritt auch bei London der Spezialfall auf, dass
er glaubt, ohne das tägliche Pensum mangele es ihm an kreativer Kraft – er
bezieht das allerdings auch auf körperliche Kräfte, wenn etwa der Alkohol
schwere Arbeit erträglicher macht. London sah nur eine Hoffnung: die Frauen. Sie
allein hielt er für fähig, die Prohibition durchzusetzen. Dass diese letztlich
ebensowenig Erfolg haben würde, musste London nicht mehr erleben: er starb
vierzigjährig. Über die Todesursache bestehen bis heute Zweifel – dass der
Alkohol dabei eine Rolle gespielt haben könnte, wird man wohl kaum in Abrede stellen können.
Man
sollte Klappentexten nicht allzu viel Vertrauen schenken, aber der Buchrücken
der Taschenbuchausgabe von Martina Hefters (geboren 1965) Roman ist doch recht
aufschlussreich. „Eine junge Frau durchlebt, an der Rezeption eines Hotels
sitzend, die Nacht, in der ihr Freund seine Sachen packt und sie verläßt.“ Dies
und nicht mehr steht dort – und dem ist inhaltlich auch nichts hinzuzufügen.
Nun, beigefügt ist dem ganzen noch ein Halbsatz aus der NZZ, verkündend, das
dieses Buch „brillant mit der Sprache operiert“, was man von eben jenem
Halbsatz nicht behaupten kann. Erfahrene Klappentextleser*innen wissen, dass
eine lobende Kritik der NZZ ähnlich wie eine enthusiastische Rezension der FAZ
für gewöhnlich ein Buch charakterisiert, das solides Handwerk mit zäher
Langeweile vereint. Quod erat demonstrandum.
Die
etwas befremdliche Form des Titels – im Original: "The Last Tycoon" – geht auf
die frühe und auch an anderer Stelle oft mehr als fragwürdige Übersetzung
zurück; allen Ernstes wird dort beispielsweise „grandfather clock“ mit
„Großväteruhr“ übersetzt. Fitzgeralds (1986-1940) Roman blieb Fragment, nur der
Beginn ist ausgearbeitet, der weitere Verlauf anhand von Entwürfen und
Konzepten halbwegs rekonstruierbar. Und das ist ein Verlust. Zwar klingt es
nach gar nicht wenig, wenn man weiß, dass immerhin gut 180 Seiten vollendeter
Text vorhanden sind, doch auf diesen hat die Handlung erst einigermaßen Fahrt
aufgenommen, um die späteren teils sehr spektakulären Ereignisse vorzubereiten.
Monroe Stahr ist der letzte Tycoon, eine Art Wunderkind im untergehenden
Hollywood der großen Studiofilme, Produzent mit intuitivem Gespür, mit Übersicht
und Respekt vor dem was er tut und den zahlreichen Mitarbeitern, die ihn
vielleicht nicht unbedingt lieben, aber achten. Doch auch der Herrscher
über seine Firma hat nicht die Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten wie einen
Film, wo er geradezu allmächtig ist. Er ist – mit 35 – bereits todkrank und
Witwer, seine neue Liebe entgleitet ihm. Und wo Erfolg ist, sind Neider.
Fitzgeralds geradezu genialer Coup ist es, dass Leben Stahrs aus der Sicht der
Tochter seines Erzfeindes schildern zu lassen, die unglücklich in ihn verliebt
ist. Leider werden wir nie mehr erfahren, wie die Geschichte weitergeht…
Januar 2018
Mittwoch, 28. Februar 2018
Sandalenfilme nach der Jahrtausendwende (IV): Katharina von Alexandrien.
Katharina von Alexandrien
Katherine of Alexandria / Decline of
an Empire GB 2014
110 min.
Regie: Michael
Redwood
Buch: Michael
Redwood
DarstellerInnen:
Nicole Keniheart (Katharina), Peter O’Toole (Gallus), Joss
Ackland (Rufus), Steven Berkoff (Liberius), Edward Fox (Kaiser
Constantius), Jack Goddard (Constantin), Dudley Sutton (Marcellus),
Samantha Beckinsale (Vita), Jean Marlow (Helena), Julien Valon (Maxentius)
u.v.m.
Ziemlich am Ende
des Abspanns des Films Katharina von Alexandrien wird folgender Hinweis
eingeblendet: This story is based on historical events. In certain cases/incidents,
characters and timelines have been changed for dramatic purposes. Certain
characters may be composites, or entirely fictitious. An und für sich wird hiermit
nur die Grundlage jeden historischen Erzählens, sei es im Film, sei es in der
Literatur, definiert, eine Selbstverständlichkeit, die jedem Zuschauer eines
Sandalenfilmes – hoffentlich – bewusst sein dürfte. Womöglich kann es trotzdem
nicht schaden, darauf noch einmal aufmerksam zu machen, auch wenn die Stelle,
an der dies geschieht, der Aufmerksamkeit des überwiegenden Teils des Publikums
sicher entgehen dürfte. Und doch irritiert der Vermerk, gerade weil er an den
beliebten Satz Based on a true story erinnert, der gerne verwendet wird,
um besondere Authentizität zu suggerieren. Hinzukommt, dass die Sätze am Ende
des Filmes auftauchen, selbst dem historischen Laien dürfte zu diesem Zeitpunkt
einiges doch recht fragwürdig vorgekommen sein und der mit der Geschichte näher
Vertraute wird sie selbst als reichlich fictitious abtun.
Nun könnte die Crux daran liegen,
dass hier eine Heiligenlegende verfilmt wurde. Dies ist immerhin schon ein
mutiges, eher ungewöhnliches Unterfangen, das man so allenfalls von amerikanischen
religiösen Filmproduzenten kennt, die für ihren eigenen kleinen Markt solche Biopics
drehen, die darüber hinaus wenig Aufmerksamkeit erregen. Zwar erfolgte auch die
Veröffentlichung Katharinas von Alexandrien sogleich auf DVD und kam
nicht in die Kinos, die Gründe hierfür und überhaupt der Hintergrund des
Projekts dürften jedoch anders gelegen haben, hier hat kein Orden mit großem
Aufwand das Leben seines Stifters verfilmt. Auch der alternative Titel des
Filmes, Decline of an Empire, der von der christlichen Thematik nichts
erkennen lässt, weist darauf hin, dass hier an ein weit größeres Publikum
gedacht war. Eine Heiligenlegende für alle im Jahr 2014 also. Nun gilt das
Genre der Legenden, eine eigenständige Erzählkategorie darstellend, per se als notorisch
historisch unzuverlässig, dies, könnte man durchaus sagen, ist sogar eines
seiner Definitionsmerkmale. Zwar existiert ein grober historischer Rahmen, doch
die Geschehnisse und Handlungen unterliegen eigenen Gesetzen, denen, je
nachdem, ein biographischer Kern zugrunde liegt, Sinn und Zweck einer Legende
liegen jedoch gänzlich woanders als in einer exakten Lebensbeschreibung. Gerade
die heilige Katharina ist hierfür ein exemplarischer Fall, worauf der Film am
Ende – noch vor dem Abspann – ebenfalls kurz eingeht. Während der großen
Reformprozesse innerhalb der katholischen Kirche in den 1960er Jahren ging man
auch daran, den Heiligenkalender zu durchforsten, wobei die historische
Existenz einiger Personen besonders aus der Antike plötzlich als äußerst
fragwürdig erschien. Darunter auch die volkstümlich seit Jahrhunderten sehr
beliebte Katharina. Die wenigen konkreten historischen Überlieferungen ließen
sich nicht zweifelsfrei verifizieren, 1969 wurde Katharina aus dem römischen
Verzeichnis entfernt – eine reichlich kuriose Situation, bedenkt man die
zahlreichen Kirchen, die nach ihr benannt sind, dazu die Abertausenden von
Katharinenbildnisse in den Gotteshäusern und anderswo. Anfang der 2000er Jahre
wurde die harsche Entscheidung aufgehoben, Katharina kehrte sozusagen offiziell
rehabilitiert zurück. Eine der Begründungen klingt fast wie der eingangs
angeführte Satz: man geht bei einigen der berühmtesten Heiligen der Antike
davon aus, dass es sich um kompositorische Personen handelt, das heißt, die Biographien
mehrerer Personen – womöglich auch gleichen Namens – sind im Laufe der
Überlieferung zusammengefallen. Denkbar ist folglich, dass eine gebildete Frau
während der Christenverfolgungen ihren Glauben vor Gelehrten zu verteidigen
hatte, eine andere am Hof Christin war und wiederum eine andere hingerichtet
wurde, und dies im Nachhinein alles vermengt wurde zu einer Figur.
Getrost könnte man folglich
einräumen und dem Film zugute halten, sein doch äußerst laxer Umgang mit
historischen Fakten sei in der Vorlage begründet, was stichhaltig wäre, würde
sich der Film an der Vorlage orientieren. Was er nur in einem ähnlich groben
Maße tut wie mit der Historie. Was letztere angeht, so sei es von vorneherein
angemerkt, dass abgesehen von einem sehr rudimentären Zeitrahmen, der auch nur
für Zuschauer nachvollziehbar ist, die mit den Ereignissen selbst schon
vertraut sind, und der die Jahre zwischen 305 und 310 umfassen dürfte,
lediglich einige Orts- und Personennamen noch authentisch sind. Doch selbst
hier werden nicht einmal grundlegende Kenntnisse beachtet: Maxentius wird zum
oströmischen Kaiser – er war jedoch tatsächlich stets im Westen zugange; und
nebenbei nie Kaiser, sondern ein Usurpator, auch war er kein Christenverfolger.
Constantius kämpft richtigerweise in Britannien, Constantin wird aber als eine
Art Söldner von fremder Herkunft geschildert, ein Jugendfreund Katharinas aus
Ägypten, er nennt sich selbst einmal im Film Jabaleaner, mehrfach betont
er sogar I owe Rome nothing! und das er schon in mehreren Armeen gedient
habe. Dem echten Konstantin dürfte dies nicht gefallen haben, es hätte ich ihn
jeglicher Legitimität beraubt. Die er jedoch weniger nötig hatte, da er
schlicht der Sohn des Constantius (Chlorus) war, der ihn zu seinem Nachfolger
bestimmte. Mit anderen Worten, selbst einfachste Grundgegebenheiten werden hier
verändert, teils ohne erkennbare Notwendigkeit. Dies gilt, umso
bemerkenswerter, wie erwähnt, auch für die legendarische Vorlage – erwähnt sei
nur, dass in ihr Constantin keinerlei Rolle spielt und Katharina keine arme
Nomadentochter, sondern eine hochgebildete und vor ihrem Übertritt zum
Christentum eitle und versnobte zypriotische Prinzessin aus reichem Königshause
war.
Doch zum Film selbst. Der Einstieg
ist klassisch: zwar gibt es keine Karte – die wird später einmal auf der
Ägyptenreise kurz nachgereicht – und keine Stimme aus dem Off, aber immerhin
doch den einführenden Text. Dieser birgt gleich eine handfeste Überraschung.
Eine Gruppe fast ausschließlich weiblicher Rebellen im Norden Britanniens took
up the fight against Rome’s enforced pagan worship, inspiriert durch von
Sklavinnen in das Land geschmuggelte Schriften einer ägyptischen Prophetin –
Katharina, wie sich herausstellen wird. Diese Art von weiblicher Solidarität
ist ein wiederkehrendes Motiv im Film, über dessen Absurdität vorerst noch kein
Wort verloren werden soll. Das Abstruse der Interpretation dieser
Auseinandersetzung zwischen Rom und den Pikten – um die es wohl gehen dürfte,
auch wenn sie so nie benannt werden – kann man nur hinnehmen. Tatsächlich
führte Constantius zu Beginn des 4. Jahrhunderts einen Piktenfeldzug, religiöse
Gründe lagen hierfür jedoch unter Garantie nicht vor. Die Verknüpfung der
Katharinenlegende mit einem angeblichen Konflikt Heiden versus Christentum,
der, wohl von der Tatsache ausgehend, dass bei den Pikten auch weibliche
Krieger existiert haben sollen – siehe Centurion – zusätzlich zu einem
Geschlechterkampf stilisiert wird, ist denn doch mehr als gewagt, schon recht
nah am Grotesken. Es fällt sehr schwer, da die rebellischen Kriegerinnen denn
auch noch erfolgreich agieren, dahinter nicht den schon mehrfach eher ungut
erkennbaren britischen Nationalismus zu übersehen. Die Katharina-Geschichte
wäre auch sehr gut ohne diesen Seitenaspekt ausgekommen – selbst im Film gibt
es von ihr aus nie einen Hinweis auf die britischen Frauenkrieger vom ziemlich
ganz anderen Ende des Römischen Reiches. Diese sehen, nebenbei bemerkt, eher
wie eine Mischung aus Steinzeitmenschen und indianischen Schamaninnen aus – positiv
anzumerken ist, dass sie als einzige so etwas wie Humor zu besitzen scheinen,
erholsam in einem Film, der sich sonst so sehr getragen gibt.

Der eigentliche Beginn des Filmes –
nach dem Texteinschub – ist jedoch ein Idyll. Kinder spielen im Sonnenlicht am
Meer, Wellen brausen sanft heran. Kitschmotive kehren mehrfach wieder, stets in
Verbindung mit Katharina. Diese, noch ein junges Mädchen, lebt als Nomadin mit
ihrer Familie am Strand, sie schreibt in weißem Gewand Texte auf Papyrus.
Offenkundig beschäftigt sie sich mit christlicher Philosophie, sie spricht,
erfahren wir bald, mehrere Sprachen. Der Inhalt des Geschriebenen ist zugleich
ihr eigener Auftrag der Verkündigung – einen Zuhörer hat sie bereits, einen
Jungen, erst später wird klar, dass es sich um Constantin handelt. Ein
römischer Reitertrupp stört das beschauliche Lagerleben, aggressiv fordert
dessen Anführer, dunkel eingehüllt und durch eine Art schwarzen Normannenhelm
unkenntlich, Geld für die Nutzung des Landes, in einem anschließenden Massaker
lässt er die dort wohnenden Familien umbringen. Die junge Katharina, deren
frühreife Gelehrtheit ihn offenbar fasziniert, lässt er allerdings mitnehmen.
Und es gibt einen weiteren Überlebenden, der in der Folge wiederkehren wird.
Katharina aber wird an den Hof gebracht, der Anführer war niemand anderes als
der römische Imperator des Ostens, Maxentius, der sie nun von seinen Gelehrten
erziehen lässt, durch den Unterricht erhofft er sich eine Zuwendung des
Mädchens hin zum Heidentum – und naturgemäß zu ihm selbst. Er betrachtet sie
als seine persönliche Gespielin, angezogen von ihrer Schönheit, aber auch ihrem
Verstand.
Dargestellt wird Maxentius durchwegs
als völlig unberechenbarer Geisteskranker, der stets gehörig die Augen zu
rollen und in grober Lautstärke zu sprechen hat. Es wird nicht klar, warum
gerade er, der dafür wenig Vorrausetzungen außer Neid mitbringt, über
Katharinas körperliche Vorzüge hinaus an ihrer Bildung und ihrer Weisheit
interessiert sein sollte. Zurecht ist dies auch für seine Gattin kaum
nachvollziehbar; dass er sich eine weitere, wie sie selbst sagt, arabische
Mätresse hält, sei so natürlich wie verschmerzbar, doch was ihn an Katharina so
sehr anzieht, erschließe sich ihr nicht. Sie unternimmt weit mehr, um Katharina
ihr Geheimnis zu entlocken, auch als Gegnerin, die zwischen Eifersucht und dem
Erkennen der Gefahren, die in den Reden und Texten der jungen Frau liegen,
erweist sie sich als die interessiertere und gewieftere. Sie nimmt sich die
Texte vor, und versucht sie als Poesie abzuwerten, letztlich initiiert sie auch
die Auseinandersetzung mit den Gelehrten, von denen sie sich jedoch enttäuscht
zeigt. Obwohl die Mehrheit der Erzieher und Höflinge Katharina misstrauen, sie
eine Zensur ihrer Schriften erwägen, erweist sich Maxentius’ Vorgehen als
zweischneidig: zumindest der offensichtlich einflussreiche Gallus – Peter
O’Toole in seiner letzten Rolle, womit der Film auch wirbt – sieht in ihren
Reden mehr und gerät unter ihren Einfluss.
Derweil am Hadrianswall. Der Kaiser
des Westens, Constantius, ein älterer Herr, lebt im Feldlager während eines
Feldzugs, der wenig Fortschritte zeigt dank der Guerillataktiken des im Grunde
unterlegenen Gegners – und der Schwäche der eigentlich weit überlegenen eigenen
römischen Armee. Der Film führt diese, auch in Gesprächen, als degenerierte
Söldnertruppe vor, zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen des Reiches,
Legionäre, die wenig gemeinsam haben außer einem Drang zur Brutalität, groben
Scherzen und wenig Erfahrung, da viele der Soldaten zu jung sind. Es mutet
reichlich seltsam an, dass gerade Constantin, der ja arabischstämmig sein soll,
jedenfalls dezidierter Nicht-Römer, und sein bester Freund Marinus, ein
Farbiger, sich über die Defizite solch einer Multi-Kulti-Truppe unterhalten –
und dies für die Probleme des Krieges verantwortlich gemacht wird. Abgesehen
von der Unzeitgemässheit der Diskussion, die in einem Vielvölkerreich ohnehin
unpassender kaum sein könnte, schwingt hier erneut ein unguter Ton von
Nationalismus mit, da die Gegner ja schließlich eine homogene, um ihren
Heimatboden erfolgreich kämpfende Gruppe sind. Hinzukommend müsste sich
Constantin, der die römische Armee gegen die Einwände seines Freundes nur
schwach zu verteidigen sucht, damit durchaus selbst anklagen: erwiesenermaßen ist
er ja geradezu der Prototyp des Söldners und die Motive für seinen Dienst für
Rom sind rein egoistisch: er sucht die vermeintlichen Mörder seiner
Jugendfreundin Katharina. Constantius wirft ihm dies explizit vor – was ihn
nicht hindert, ihn später trotz dieser offenkundigen Illoyalität zum
Nachfolger, wohlgemerkt als Herrscher des Römischen Reiches, vorzuschlagen.
Vorerst ist man aber noch mit den raffinierten Kriegerinnen beschäftigt, die
der römischen Vorhut in einem Hinterhalt eine empfindliche Niederlage
beibringen – die Schlachtenszene ist eine der gelungeneren Episoden des Films,
hier wird nichts beschönigt, die Brutalität antiker Kampfführung und Waffen
nicht gemildert. Womöglich ist dies als Kontrast zu sehen zu Katharinas
friedlichem Weltbild, die eher düstere Geographie des Westens gegenüber dem
sonnigen Osten unterstreicht dies auch bildlich. Nicht ganz in Einklang zu
bringen ist damit allerdings, dass die angeblich ja von Katharinas Schriften
direkt inspirierten Rebellinnen an Gewaltbereitschaft den Römern in nichts
nachstehen.
Katharinas Genesung scheint
jedenfalls nicht von langer Dauer, zur Hinrichtung wird sie wieder, deutlich
hinkend, gestützt von Wachen geführt. Ihr Martyrium nimmt sich wiederum dieses
Mal grob der Vorlage an: in der Ikonographie ist Katharina stets an ihrem Rad
erkennbar. Die filmische Umsetzung ist dann aber doch wieder etwas bizarr, wenn
auch nicht ohne Hintergedanken. Statt gerädert zu werden, also auf ein Rad
geflochten, wofür die Gelenke entsprechend gebrochen werden mussten, oder mit
Rädern erschlagen, beides noch weit bis in die Neuzeit übliche
Hinrichtungsmethoden auch hierzulande, wird sie auch nicht wie in der Legende
an vier Räder gebunden quasi gevierteilt, sondern an einem sehr großen Rad –
eher ein Mühlrad – befestigt und an einer Wand hochgezogen. Kurioserweise hat
dieses Rad Stacheln, die jedoch auf der Fläche nach innen, Richtung Nabe
zeigen, also Katharina nicht berühren können und auch so ziemlich unsinnig
erscheinen, außer, dass die dem Gerät ein martialisches Aussehen verleihen.
Dass in einer deutlich sichtbaren Einstellung einer dieser Stacheln auch noch
aus Katharina linkem Oberarm ragt, wobei nicht klar ist, wie er dort hinkommt
und auch die Anordnung des Winkels nicht übereinstimmt, sei nur am Rande
erwähnt. Sinn und Zweck der Anordnung, von einem der Römer vor Ort noch
bestätigend kommentiert, ist allzu deutlich: Katharinas Haltung entspricht
naturgemäß der Christus’ am Kreuz, auch ihr setzen römische Soldaten – mit dem
expliziten Hinweis, sie ihrem Vorbild ähnlich zu machen – eine Dornenkrone auf
und da das Rad an der Wand nicht hält, werden ihre Hände zusätzlich an das Holz
genagelt. Wiederum leidet diese eigentlich klassische Ikonographie für einen
Heiligen, insbesondere einen Märtyrer beziehungsweise eine Märtyrerin, die ein
durchaus beeindruckendes Bild ergibt, an der mangelnden Umsetzung des Films.
Dass die gesamte Konstruktion zu Boden stürzt, scheint eine Anspielung auf die
Legende zu sein – in der zerstören herbeeilende Engel die Räder, weshalb
Katharinendarstellungen immer ein zerbrochenes Rad zeigen – die für den Uneingeweihten jedoch nicht
erkennbar ist. Nun könnte man sie als Motivierung für das Festnageln Katharinas
durch die Soldaten sehen, doch diese Durchschlagen ihre Handgelenke – die davon
nicht betroffene Aufhängung des Rades kann hierdurch sicher nicht stabilisiert
werden. Ungewollt bestätigt sich dies, da das Rad später ein weiteres Mal
abstürzt und Katharina durch den Aufschlag am Boden tötet – in der Legende wird
Katharina nach dem gescheiterten Versuch der Vierteilung schlicht enthauptet.
Vor dem Tod hatte die Gefolterte noch eine Vision, für gewöhnlich empfängt der
christliche Märtyrer Zuspruch und Trost durch Christus oder Gott, hier ist es
etwas überraschend nicht einmal Maria, sondern Katharinas eigene Mutter.
Das Rad auf dem Katharina
festgebunden ist, ist auch identisch mit dem Zeichen, mit dem sich ihre
Anhänger identifizieren, womöglich eine zusätzliche Form der Verhöhnung des
Opfers. Dieser Kreis, der zwar ein Kreuz beinhaltet, insgesamt jedoch durch
weitere Diagonalen eher an eine Sonnendarstellung erinnert – womöglich zu
Tarnzwecken – ist auch Constantin und den Rebellinnen bekannt, wie er erstaunt
feststellen muss. Nachdem er ihre Verbindung mit Katharina erkannt hat, setzt
er bei Constantius einen Friedensschluss durch. Die Kriegerinnen verraten ihm
auch, dass der Kaiser sehr wohl über das Schicksal Katharinas Bescheid wisse –
erstaunlich, welches Wissen die Frauen des abgelegenen Stammes besitzen, ein
Wissen, dass sich Constantin in jahrelanger Suche nicht hat aneignen können,
obwohl er sein ganzes Leben nur diesem Zweck gewidmet hatte. Als er Constantius
zur Rede stellt, gesteht dieser seine Lügen ein, da er Constantin als
Nachfolger ausersehen hatte und ihn nicht abgelenkt wissen wollte. Ob dies
Constantin überzeugt? In jedem Fall erfährt er nun auch, dass Maxentius der
damalige Mörder war – aber auch, dass er zu spät kommt. Der oströmische Kaiser
habe Katharina ermorden lassen und sammle nun eine Armee vor den Toren Roms, um
sich allein auf den Thron zu setzen. Constantins Freund Marinus verkündet im
Anschluss ein Toleranzgebot für alle Religionen, während Constantin selbst
Maxentius entgegenreitet. Statt der historischen Schlacht an der Milvischen
Brücke kommt es zu einem Duell Mann gegen Mann, das Constantin problemlos
gewinnt. Man hat sich keinen langwierigen Schwertkampf vorzustellen, reichlich
brutal und, sofern man dieses Wort in diesem Zusammenhang benutzen möchte,
unehrenhaft erschlägt er den am Boden liegenden Gegner mit einem Stein. Dass
die Schlacht an der Milvischen Brücke – eines der entscheidenden Ereignisse der
Spätantike – nicht dargestellt wird, womöglich aus Budgetgründen, wäre an und
für sich weniger auffallend, wäre nicht kurz zuvor erwähnt worden, dass
Maxentius an genau dieser Stelle Armeen versammelt hat. Constantin, nun
designierter Alleinherrscher, aber durch den Tod Katharinas deprimiert, lässt
sich zu einer Reise nach Ägypten überreden, wo er wenigstens der Toten noch die
letzte Ehre erweisen möchte. Ihre dortigen Anhänger sind ihm gegenüber zurecht
skeptisch, ihre Erfahrungen mit römischen Imperatoren nehmen sie nicht gerade
für ihn ein. Als sie ihm den Leichnam trotzdem nach einigem Zögern bringen,
belohnt er sie mit einer mehr als seltsamen Rede. Er verkündet er sei no
king, ruft set the people free und Rome’s gods are lies.
Letzteres schien diesen durchaus schon bewusst, ersteres dürfte nicht ganz
richtig sein und ziemlich unklar ist, wovon diese Menschen denn nun eigentlich
frei sein sollten? Immerhin verständlich ist, dass Constantin im Anschluss
Katharinas Begräbnisort zur toleranten Gebetsstätte für alle Glaubensrichtungen
erklärt. Während die Menschen ihm lauschen, läuft die wieder jugendliche
Katharina unerkannt durch die Menge, die Menschen dabei sanft an der Schulter
berührend, was einen leichten Goldglanz auslöst. Zum Glück endet der Film nicht
mit dieser letzten Kitschreminiszenz. Es ist genaugenommen auch nicht ganz die
letzte, denn während er aus dem Off spricht, sieht man den sterbenden Gallus in
Großaufnahme, in seinem letzten Atemzügen ein angedeutetes Lächeln, im
Anschluss überblendet von Katharina, predigend in der Arena mit Kindern
drumherum. Die eigentliche Schlussaufnahme ist schließlich mit einem Text
unterlegt, der auf das Schicksal von Katharinas Reliquien und ihre erwähnte
zwischenzeitliche Streichung aus der Heiligenliste eingeht, ein Bild des
Katharinenklosters am Sinai, Gründung Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert, das
bis heute die Toleranztradition fortsetzt und Pilgern aller Konfessionen offen
steht.
Toleranz ist ein gutes Stichwort,
was den Umgang mit Katharina von Alexandrien, angeht – vielleicht schon
mit dem deutschen Titel beginnend, Alexandrien gibt es schließlich
nicht, sondern nur Alexandria. Doch der hiesige Verleih scheint sich ohnehin
nicht sonderlich mit Genauigkeiten abzugeben, ziert das Titelbild –
gleichzeitig der Hintergrund für das Hauptmenü der DVD – doch ein Schlachtenbild,
das im Film nicht vorkommt, genauer eindeutig aus einem anderen Werk zu stammen
scheint. Doch womöglich ist dies nur konsequent, führt man sich den schon
mehrfach erwähnten sehr freimütigen Umgang des Films mit der Historie, der
Legende, aber auch der Logik und der Erzählkunst vor Augen. Überprüfbar ist
dies allein schon an einem für Sandalenfilm typischen und noch recht
oberflächlichen Kriterium, der Gestaltung der Kleidung. Diese spiegelt bestens
die These wieder, dass Katharina von Alexandrien stets dazu neigt, sich
selbst ständig in Widersprüche zu verwickeln, selbst in solch einem doch eher
banalen Aspekt. Sicher, die Klage über phantasiereiche Rüstungen kehrt fast in
jedem Sandalenfilm wieder, auch wenn hier seit dem klassischen Zeitalter des
Genres geradezu Quantensprünge stattgefunden haben. In Katharina von
Alexandrien tragen die römischen Soldaten fast ausnahmslos authentische
Helme – diese würden zwar eher einer Armee um 100 nach Christus entsprechen,
aber hier darf man tatsächlich mal sehr tolerant sein. Der Rest der Uniformen,
sieht man vielleicht von den Schwertern ab, entspringt völlig der Phantasie des
Ausstatters. Selbst das alte Lederklischee wird wieder aufgegriffen.
Constantins Aufzug hat mit römischer Kleidung nicht annähernd zu tun, und
Maxentius trägt zum Duell doch tatsächlich zu seinem gewagt schiefsitzenden
goldenen Brustpanzer einen Lederhelm nach dem Pickelhaubenmodell aus Leder, wie
man ihn aus den B-Film-Varianten der 60er Jahre kennt. Fast schon grotesk auch
die lächerlich kleinen Rechteckschilde, die Constantin und Marinus in Ägypten
mit sich herumtragen.
Vielleicht würde man über solche
Dinge hinwegsehen, wäre man von der Schauspielkunst der Akteure oder der
Handlung gefesselt. Doch dies fällt unendlich schwer. Noch einmal spiegelt die
Doppelung des Titels die im Film ständig spürbare Unentschlossenheit wider:
wollte man eher die Geschichte einer Heiligen erzählen, einer starken
weiblichen Hauptfigur oder doch einen klassischen Sandalenfilm? Dies mündet in
die beiden durch den hanebüchenen Kniff der christlichen Rebellinnen
verbundenen Stränge Constantins und Katharinas. Die genretypische Action
verschwindet zugunsten zahlreicher Dialoge – was an und für sich natürlich
nicht verkehrt sein muss, in diesem Fall sogar Sinn ergibt, da Katharina ja mit
Worten streitet, doch die Umsetzung ist teilweise recht nah am unfreiwillig
Komischen. Zahlreiche der Schauspieler und Schauspielerinnen, allen voran
Katharina selbst, sprechen mit einem gewollt hörbaren Akzent. Dies könnte man
durchaus als gelungene Illustrierung des Vielvölkerstaates Rom deuten. Dass die
Nomaden, die Ägypter, die Rebellinnen ein unreines „Latein“ – vielleicht,
gerade im Osten, „Griechisch“ – sprechen, auch Katharina, selbst wenn dies
nicht ganz zu ihrer Gelehrsamkeit passt, sei akzeptiert. Dass dies auch
Maxentius tut – verkörpert von einem französischen Schauspieler – mutet dagegen
wiederum reichlich seltsam an. Wie immer ist nichts konsequent.
Überhaupt das Sprechen. Offenkundig
der Idee geschuldet, eine Legende müsse ein gewisses Pathos, eine
Bedeutungsschwere haben, wird dies mit den einfachsten Mitteln umgesetzt, die
jedwedem Laientheater Unehre machen würden. Katharina sieht ihre Gegenüber –
geradezu exemplarisch im Gespräch mit der oströmischen Kaiserin – so gut wie
nie direkt an, ihr Blick geht an ihrem Dialogpartner vorbei in die Ferne. Das
könnte man schon mal für sehr unhöflich halten – sie ist jedoch nicht die
einzige, die dies praktiziert – ist jedoch in jedem Fall eine am Rande der
Lächerlichkeit changierende Maßnahme zur Darstellung eines vergeistigten
Blicks. Fast alle und wiederum prominent vor allem Katharina betonen fast jedes
Wort, das sie zu sprechen haben, einzeln. Schnelle, spontan wirkende Dialoge
haben Seltenheitswert, jeder Satz wird oft von Pausen begleitet, die ihn
nachklingen lassen sollen, so banal er auch gewesen sein mag. Pausen zur Hebung
des Gesagten oder Gezeigten sind ohnehin eines der ständig wiederkehrenden
Stilmittel des Films. Lange Einstellungen ohne Handlung, ohne Sprechen,
möglichst mit getragener Musik unterlegt, konzentrierte, nachdenkliche Blicke
der Protagonisten, all das führt plakativ Bedeutungsschwere vor, gedankliche
Tiefe und Wichtigkeit. Mit solch plumpen Mitteln wird dem Zuschauer nicht
vertraut, selbst zu entscheiden, was er für bedeutend hält und was nicht.
Deshalb muss Gallus bereits nach fünf Minuten Laufzeit des Filmes als Katharina
als Heilige bezeichnen – es wäre sehr interessant zu wissen, was er – der
heidnische Gelehrte des frühen 4. Jahrhunderts – darunter versteht.
Das hölzerne Agieren der
Schauspieler ist sicher nicht ihren mangelnden Fähigkeiten zuzuschreiben,
zumindest, was die größeren Rollen angeht. Edward Fox als Constantius lässt
noch am ehesten seine Brillanz durchblicken, doch die meisten anderen
verkümmern unter dem Diktat der Regie und dürften ihr Niveau um einiges
unterbieten. Regisseur Michael Redwood, gleichzeitig Drehbuchautor und
Produzent, schafft es nicht, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, wie
schon mehrfach erwähnt strotzt der Film von logischen Brüchen, historischem
Nonsens und einer unklaren inkonsequenten Linie. All das verzeiht der
hartgesottene Sandalenfilmzuschauer für gewöhnlich, wenn die Umsetzung stimmt,
wenn Spannung, Charaktere und Bilder solche Defizite gnädig überdecken. Man
möchte mit Redwood, der früher bei Filmen Tony Scotts mitgearbeitet hat, nicht
zu hart ins Gericht gehen, da es sich um seinen Erstling handelt. Allerdings
hat er angeblich eine Fortsetzung des Films angekündigt – diese steht bislang
aus. Soll man hoffen, dass es bei der Ankündigung bleibt oder ihm eine zweite
Chance gerade anhand derselben Thematik einräumen? Peter O’Toole hat die
Veröffentlichung von Katharina von Alexandrien nicht mehr erlebt – man
hätte dem Tiberius des legendären Skandalfilmes Caligula (1979) einen
gelungeneren Abschied von der Leinwand gewünscht.
Reinhard Abeln: Die
heilige Katharina. Leben – Legenden – Bedeutung. Kevelaer: 2012.
Ingemar König: Der
römische Staat, Teil II. Die Kaiserzeit. Stuttgart:1997.
Vorgänger in dieser Reihe: Centurion.
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