Montag, 30. April 2018

Das Zitat zum Montag.

 
"Some people say that their school days were the happiest of their lives. They may be right, but I always look with suspicion upon those whom I hear saying this. It is hard enough to know whether one is happy or unhappy now, and still harder to compare the relative happiness or unhappiness of different times of one's life; the utmost that can be said is that we are fairly happy so long as we are not distinctly aware of being miserable."
 
Samuel Butler, The Way of All Flesh.



      

Mittwoch, 11. April 2018

Mit Fräulein Annika unterwegs...zu den Goldbacher Heidenhöhlen.

 


Geheimnisvolle Höhlen, ungelöste Rätsel, ein tragisches Ende, das Ganze eingebettet in eine wunderschöne Landschaft am Seeufer. Was wie der Plot für einen guten Unterhaltungsroman klingt, ist die Geschichte der Heidenhöhlen, früher Heidenlöcher genannt, am Bodensee, genauer am Überlinger See zwischen eben dieser Stadt und dem Nachbarort Sipplingen. Grund genug für uns, sich dorthin aufzumachen, geleitet von der uns eigenen natürlichen Neugier. Wer jemals diesen kurzen Abschnitt mit dem Auto oder der Bahn gefahren ist – letzteres besonders hübsch, da man direkt am Wasser entlang, gewissermaßen über den Strand, gleitet, übrigens das einzige mal auf der den ganzen See umrundenden Bahntrassen – dem fallen die bizarren Felsformationen auf, die sich hier sehr steil hochschwingen, sehr schnell vom Wasserniveau auf gut 400 Metern sich teils bis auf über 600 Meter. Das hier zutage tretende Gestein ist die für den Bodensee typische Molasse, was ein bisschen nach Knetmasse klingt, womit man gar nicht so falsch liegt, handelt es sich doch um zusammengepressten Matsch des einst hier vor sich hin plätschernden Urmeers – lange vor dem Bodensee und etwas größer den gesamten heutigen Alpenraum bedeckend – der sich später verhärtet hat zu Sandstein. Allerdings ist verhärtet leicht übertrieben, manch andere Gestein könnte darüber nur lachen, wenn es lachen könnte, denn die Molasse ist vergleichsweise weich. Übrigens: im Gegensatz zum Ufer gegenüber – dem Bodanrück – setzt sich der Fels unter Wasser nicht in die Tiefe fort, so imposant die durchfurchten Steilwände oberhalb aussehen, so sanft gleiten sie unterhalb der Wellen hinein in den See – und verstecken dort zumeist die nicht sichtbaren Überreste von Pfahlbauten.

Die Molassefelsen zwischen Sipplingen und Überlingen - mit einem der Heidenlöcher.

In früheren Zeiten wirkten diese Felsen um einiges beeindruckender, denn sie reichten bis an das Wasser heran, eine Straße zwischen Sipplingen und Überlingen gab es nicht bis Mitte des 19. Jahrhunderts, wer von hier nach dort – so wie wir – und zurück wollte, musste sich mit einem schmalen und nicht ungefährlichen Trampelpfad auf einem Teilstück begnügen, der noch dazu bei Hochwasser unpassierbar wurde oder über das Hinterland den offiziellen Fahrweg nutzen, mitsamt Auf- und Abstieg. Das war natürlich ein Problem, insbesondere für die selbstbewusste Reichsstadt Überlingen, aber man hatte für Transporte immerhin auch den See direkt vor der Haustür. Gleichwohl wollte man sich später mit der umständlichen Situation nicht mehr abfinden – mit bösen Folgen, wie noch zu berichten sein wird. Wer heute auf dieser Strecke entlang läuft, kann sich dies kaum mehr vorstellen, zwar geht es hinter Sipplingen noch über Wiesen unterhalb der Molassefelsen vorbei, doch dann sehr lange und unangenehm direkt an der nun vorhandenen Uferstraße, der vielbefahrenen B31, mit der Garantie auf viel Auspuffgase für die Lungenzüge. Fräulein Annika ist da feinstaubmäßig mal wieder fein raus.

Enge Felsengänge in Goldbach
 enthalten die höhlenartigen Felsenkeller.
Selbst wer keinerlei Vorbildung hat, erkennt hier in den Felsen einige auffallende Löcher. Wären Fräulein Annika und ich hier vor gut 200 Jahren marschiert – auf dem Trampelpfad – wir hätten blind sein müssen, um sie zu übersehen. Und wir wären schon damals wahrscheinlich ohnehin nur wegen dieser Höhlen hierher gekommen. Was von diesen noch zu sehen ist, hat allerdings nichts mehr mit dem Glanz früherer Tage zu tun. Die sogenannten Heidenhöhlen oder Heidenlöcher auf dem Abschnitt zwischen Brünnensbach und Goldbach faszinierten die Besucher schon seit langem und gehörten zu den in jeglicher Hinsicht ersten und obersten Zielen des Bodenseetourismus seit der Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Molasse ist ein zu weiches Gestein, um natürliche Höhlenbildung zu erlauben, aber gerade deshalb bestens geeignet für künstliche Hohlräume. Die Heidenhöhlen und ihre um den See immer wieder auftauchenden Pendants sind somit von Menschen geschaffene Räume, deren genaues Alter und Zweck unbekannt sind – und teilweise sehr verschieden sein dürften. Daher auch ihr leicht irreführender Name, konnte sich unsere Vorfahren doch nicht erklären und erinnern, wer diese Höhlen hoch über dem Ufer – aus Sicherheitsgründen vor bösen Buben und dem Hochwasser – angelegt hatte. Also machte man die „Heiden“ verantwortlich, Menschen vor Einführung des Christentums, womit man hier vor allem die Römer meinte. Tatsächlich dürften die Goldbacher Heidenhöhlen aus dem Hochmittelalter stammen, kunstgeschichtliche Details verweisen auf die Zeit vom Übergang der Romanik zur Frühgotik, in etwa um 1200. Was natürlich nicht heißt, dass zu diesem Zeitpunkt nicht einfach nur Umgestaltungen oder Erweiterungen vorgenommen worden sein könnten. Ebenso unklar ist, wozu die schwer zugänglichen Behausungen gedient haben könnten. Vorzustellen hat manch sich keine globig unbeholfen in den Fels gehauenen Felsräume, sondern klar strukturierte Gebilde mit Zwischenwänden, die wiederum Fenster enthielten, mit Nischen, Bänken, Verzierungen, Türen und Fensterläden. Relativ eindeutig wurde einer der Räume als Kapelle genutzt, beigefügt vermutlich eine Eremitenwohnung, was buchstäblich nahe liegt – und per Definition liebt es so ein Einsiedler ja eher einsam. Noch dazu ist diese Kombination – entlegene Kapelle mit Eremit – um den Bodensee weit verbreitet gewesen (und in seltenen Fällen sogar noch immer existent). Wer jedoch in den anderen Höhlenwohnungen hauste und ob sie wirklich dauerhaft genutzt wurden, bleibt ein Rätsel und vermutlich eines der ewig ungelösten im Zusammenhang mit den Heidenhöhlen.

Unheimlich wirken die "Fenster"
der Höhlenkeller im Dorf Goldbach.
Die Bodenseenebel lichten sich etwas im späten 18. Jahrhundert. Damals lebten vor Ort nachweislich seit längerem noch immer Eremiten, hinzukommend hatte die Reichsstadt Überlingen dorthin – weit vor ihren festen Stadtmauern – ein Armenhaus ausgelagert, das wohl zusätzlich die Heidenhöhlen als Unterkünfte nutzte. Doch dies hatte sich wohl soweit verselbständigt, dass der Rat der Stadt auf zahlreiche Beschwerden über in den Höhlen hausendes Gesindel reagierte und diese räumen und teils zumauern ließ. Womit der Niedergang der Heidenhöhlen begann – trotz des zu dieser Zeit langsam einsetzenden Interesses durch die ersten romantisch veranlagten Touristen. Es gab ein weiteres Felsgebäude westlich vor den Heidenhöhlen, dem folglich Fräulein Annika und unsereins, da wir ja von Sipplingen herkommen, als erstes begegneten müssen: die Katharinenkapelle (nicht zu verwechseln mit der Felskapelle in den Heidenhöhlen selbst). Sie war ein in den Fels geschlagener Höhlendurchgang am Trampelpfad, der sich zu einem kleinen Wallfahrtsort entwickelte, innen geschmückt mit Bildern und Votivtafeln – von denen eine einzige im Überlinger Museum überlebt hat. Den Ort dieser einstigen Kapelle – auch sie einst ein absolutes Muss für die ersten Bodenseebesucher – erkennen wir auch heute noch leicht, obwohl von der Felskirche nichts übrig geblieben ist. Doch als erinnernden Ersatz hat man einen Hohlraum in den Felsen gebohrt. Mehr als die Bewunderung aus der kurzen Distanz haben Fräulein Annika und ich allerdings nicht gewagt, denn um bis zu dem Gitter der Höhle zu kommen, müsste man das davor wuchernde Gesträuch überwinden, was nicht ganz so gefährlich ist, wie die leider ebenfalls davor liegende Bundesstraße. Da es in der neuen Höhle laut Auskunft ohnehin nur Geröllbrocken zu sehen geben soll, haben wir uns entschlossen, dass der Preis einer dafür in Kauf genommenen möglichen Begegnung mit einem 24-Tonner etwas zu hoch ist.

Kurz darauf, auf dem eigentlichen Abschnitt der Goldbacher Heidenhöhlen, müsste nun die erste – westliche – Abteilung der Höhlen auftauchen, doch sind diese noch mehr verschwunden als die Katharinenkapelle. Nur von einem Plan kennen wir ihre etwas seltsamen Grundrisse. Beides, Kapelle und westliche Höhlen, wurde beim Bau der Uferstraße anno 1846/47 komplett gesprengt, dazu gleich mehr. Was wir anschließend noch sehr vereinzelt als Öffnungen oben im Fels sehen können, sind die spärlichen Überreste der östlichen Abteilung. Diese Räume sind etwas besser dokumentiert, sie waren auch strukturierter angelegt – hier fand sich unter anderem die Felskapelle mit den frühgotischen Merkmalen, zum Beispiel Relieffriesen – und hatten größtenteils Kreuzgratgewölbe. Schon die halb legale, halb illegale Nutzung als Armenhäuser dürfte ihnen massiv geschadet haben, wie gesagt, Molasse ist ein sehr weiches Gestein, man kann leicht darin herumritzen. Dies taten dann zudem die Touristen, die sich einst auf gleiche Art verewigten, wie es 200 Jahre später „Tobi & Luisa 2017“ noch immer zu tun pflegen. Manch Bodenseeliebhaber von nah und fern protestierte zwar gegen das Vorhaben des neuen badischen Staates, das enorm teure, weil aufwändige Projekt einer Uferstraße von Ludwigshafen nach Überlingen nach langer Diskussion endlich durchzuführen. Doch die ökonomischen Interessen überwogen und so fielen 1846/47, wie erwähnt, die Katharinenkapelle und die westlichen Höhlen völlig, die östlichen teilweise dem Straßenbau zum Opfer. Die böse Ironie der Geschichte ist, dass die Fahrten nun zwar bequemer waren, dies wirtschaftlich aber der Stadt Überlingen, die so sehr darauf gedrängt hatte, gar nichts brachte, denn inzwischen hatte die Eisenbahn den Güterverkehr übernommen – und an diese ließ sich Überlingen aufgrund seiner Lage noch schwerer schwer anschließen. Man konzentrierte sich immer mehr auf den Tourismus – hatte nun aber eine der Hauptattraktionen kurzerhand wegsprengen lassen. Daran änderte auch der dann doch noch erfolgte Bahnbau nichts mehr – der störte zwar die verbliebenen Heidenhöhlen nicht, da er, wie erwähnt, direkt am Rand des Sees verlief – kam aber erst um 1900, viel zu spät für einen industriellen Aufschwung (zum Glück, muss man sagen, so blieb Überlingen eine wunderschöne mittelalterliche Stadt, nur halt leider ohne Heidenhöhlen
 
Die Höhlen im Dorf Goldbach vermitteln
noch einen Eindruck von den einstigen Heidenlöchern.
Trotzdem machten Straße und Bahntrasse den letzten Heidenhöhlen auf lange Sicht den Garaus. Eine Besichtigung war weiterhin möglich, aber doch sehr beschwerlich. Treppchen und Geländer mussten angelegt werden, das Interesse war noch immer groß, immerhin war ja zum Beispiel die Felskapelle unbeschadet geblieben. Doch hatten diese Besucher den unschönen Nebeneffekt, dass sie buchstäblich in der Molasse ihre Spuren hinterließen. Umrisse und Innenausstattung der Heidenhöhlen litten und verformten sich, Stützmaßnahmen der Felsen mussten unternommen werden. Auf der anderen Seite waren Restaurierungsmaßnahmen sehr kostspielig und oft nur von begrenzter Auswirkung. 1960 dann die Katastrophe: die Kapelle stürze nach einem Sturmwetter in sich zusammen. Von den Behörden wurde beschlossen, die restlichen Heidenhöhlen abzusprengen. Nach vielen Jahrhunderten waren die einzigartigen Kulturdenkmäler bis auf spärlichste und nicht mehr zugängliche Überreste für immer verschwunden. Schlimm und unverzeihlich genug, hatte man sich vorher nicht einmal die Mühe gemacht, die Höhlen vor der Sprengung zu dokumentieren. Noch 1846 war man schlauer gewesen als 1960, wo man nicht einmal auf einen Photographen geschweige denn archäologische Expertise zurückgriff. Darin liegt vielleicht eine – deshalb trotzdem inakzeptable – Gedankenlosigkeit einer an Monumenten überreichlich gesegneten Kulturlandschaft.

An der Sylversterkapelle Goldbach.
Uns bleibt – buchstäblich – folglich nur, uns mit eben solchem Ersatz zu begnügen, der natürlich nicht als bloßer Trostpreis angesehen werden darf, an der Ignoranz gegenüber den Heidenhöhlen sind diese Denkmäler der Kulturgeschichte schließlich unschuldig und wir sind froh, das wenigstens sie erhalten geblieben sind. Wir laufen also noch die wenigen Meter weiter bis nach Goldbach, wo ein Kleinod auf uns wartet, das zwar ebenfalls unter der Uferstraße und der Bahn zu leiden hat – es wird vom Rest des Dorfes komplett abgeschnitten, aber diesen immerhin nicht weichen musste: gemeint ist die Sylvesterkapelle, eine der ältesten Kirchenbauten im gesamten Bodenseegebiet. Ignoriert man die quasi durch die linke Kirchenhälfte fahrenden Gleisen, die man vorher dank Mini-Bahnübergang zu übersteigen hat, liegt sie eigentlich ganz idyllisch am Ufer. Und dies seit über 1000 Jahren, im Kern ist sie noch romanisch, die Gotik hat leichte Veränderungen, etwa die Fenster mit Maßwerk hinzugefügt. Im Inneren finden sich Fresken, die man mit der Reichenauer Schule in Verbindung bringt, sie werden auf das 10. Jahrhundert datiert. Ob es da schon die Heidenhöhlen gab? – wir werden es vermutlich nie mehr erfahren. Aber ein ganz kleines bisschen Heidenhöhlenerfahrung können wir trotzdem dann noch machen, indem wir in das schmale, sich in einem Tal hinziehende Dorf Goldbach hineinlaufen. Rechts in der Ortsmitte tut sich zwischen den Häusern ein Felsspalt auf, in den man wie in eine Klamm hineingehen kann. Und hier finden sich zahlreiche in die weiche Molasse hineingegrabene Felsenkeller, die mit ihren Fenstern ein ganz klein wenig an die Heidenlöcher erinnern – auch es hier an Kunstfertigkeit im Inneren fehlt und man zudem bequem ebenerdig eintreten kann, beziehungsweise könnte, natürlich sind diese privaten Keller versperrt. Ganz enttäuscht ist Fräulein Annika von der gescheiterten Heidenhöhlenexpedition also am Ende – zum Glück – nicht. Und gar nicht allzu weit entfernt, im Dorf Zizenhausen bei Stockach, liegen ebenfalls sogenannte Heidenhöhlen. Deren Alter und Zweck ist nicht minder unbekannt. Aber sie sind intakt. Fräulein Annika ist für die nächste Forschungsreise schon bereit. 

Schmuckstück am Bodenseeufer: die Sylversterkapelle in Goldbach - eines der ältesten Kirchengebäude am See.
 

Mittwoch, 4. April 2018

Lektüremonat März 2018.

 

Fernand Pouillon: Singende Steine.

Pouillons (1912-1986) Roman ist ein ziemlich ungewöhnliches Buch. Der Autor, ein in Frankreich angesehener Architekt, schrieb es während einer langwierigen Untersuchungshaft aufgrund eines Finanzskandals, die letztlich mit seinem Freispruch endete. Diese Grundvoraussetzung ist unterschwellig im Text durchaus spürbar, auch wenn der Inhalt scheinbar ganz anderer Natur ist: in Tagebuchform berichtet der Zisterziensermönch und Baumeister Wilhelm von Balz von den schwierigen Anfängen der Errichtung einer neuen Abtei in einer unwirtlichen Gegend, wofür er zudem die sehr strengen Vorschriften der Zisterzienser mit den örtlichen Gegebenheiten, aber auch seiner künstlerischen Verwirklichung in Einklang bringen muss – abgesehen vom täglichen Kleinkram der Bauleitung. Pouillon schafft ein faszinierendes Buch, das weder an einer altertümelnden Sprache, noch zu vielen architektonischen Technizismen krankt, sondern einen klaren nüchternen Stil aufweist, der den Geist des Baues selbst gut charakterisiert. Sein Vorhaben, sich in einen Kollegen des 12. Jahrhunderts hineinzuversetzen, ist ihm gelungen – und wer das Ergebnis nicht nur lesen, sondern auch sehen möchte: das Kloster Thoronet in der Provence ist fast stilrein erhalten. 

Maarten ‘t Hart: Ein Schwarm Regenbrachvögel.

Und wieder mal ein Niederländer, der sich – zu Recht – auch bei uns großer Beliebtheit erfreut. Wie vermutlich schon mehrfach erwähnt, ist die zeitgenössische niederländische Literatur eine sehr facettenreiche mit vielen großartigen Autor*innen. Kein Wunder also, dass sie hier immer wieder auftauchen. ‘T Harts (geboren 1944) Roman ist eine ziemlich melancholische Rückschau – mit autobiographischen Elementen – eines einsamen jungen Mannes, der mit dreißig zwar bereits angesehener Biologieprofessor geworden ist, sich aber nie von den Vorgaben seiner isolierten Kindheit auf dem Land mit religiösen Eltern befreien kann, die ihn in Bruchstücken stets wieder einholt. Am sichtbarsten und schmerzlichsten zeigt sich dies in seiner Sehnsucht nach Frauen, denen er sich nie offenbart, weshalb sie ihm schließlich entschwinden. Zurück bleibt ein immer mehr vereinsamender Mensch. Traurige Geschichte, glänzend geschrieben – dank ‘T Harts freundlich-ironischer Erzählhaltung verfällt man deshalb zum Glück beim Lesen nicht gleich vollends der Depression. 

Isabel Allende: Fortunas Tochter.

Mit Fortunas Tochter wollte Isabel Allende (geboren 1942) nach langer Zwischenzeit an „Das Geisterhaus“, ihr fulminantes Debut, anknüpfen, der Roman versteht sich als Teil einer Trilogie über chilenische Frauen. Was hier nicht gänzlich zutrifft, ist die Protagonistin Eliza doch ein Waisenkind, das in der englischen Kolonie von Valparaíso aufwächst, auch spielt ein Großteil des Romans im Kalifornien des Goldrausches um 1849. Auch wenn Fortunas Tochter nicht an „Das Geisterhaus“ heranreicht – trotz der selbstbewussten weiblichen Hauptfigur Eliza ist diese sehr stark von den männlichen Charakteren abhängig, ganz anders noch als ihre Nachfahrinnen bzw. Vorgängerinnen aus dem Debut – hat Isabel Allende all ihre erzählerischen Fähigkeiten aufgeboten, um wieder allerlei skurrile Figuren, seltsame Bräuche und Spleens, überraschende Wendungen und umkämpfte Liebesgeschichten in spannender Manier aneinanderzureihen. Und so ist erneut ein literarischer Reißer entstanden, den man mit viel Freude verschlingt. 

Herbert Rosendorfer: Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa.

Der Altmeister der literarischen Satire Rosendorfer (1934-2012) nimmt sich in seinem Roman aus den 1990er Jahren die New-Age-Welle vor, in gewohnt brillanter und sehr lustiger Manier. Doch das Buch hat viele unterschwellige Strömungen dystopischer Natur – denn die 1992 bei Paderborn landenden Außerirdischen sind keineswegs die von den Esoterikjünger*innen erhofften Erlöser, sondern nichts anderes als um das Heil der Menschen reichlich unbesorgte Besatzer. Sich die Erde untertan zu machen fällt ihnen allerdings nicht schwer, denn diese ist nach dem Zusammenbruch ohnehin quasi einfach nur am immer weiter zusammenbrechen, Religion und Rechtsstaat sind längst Esoterik und der Drogenmafia gewichen. Nach dem typischen rosendorferschen ersten Teil des Romans hat man manchmal den Eindruck, dass der Autor im Folgenden etwas über die Stränge schlägt, dahinter verbirgt sich jedoch – darauf macht der Titel nur zu deutlich aufmerksam – eine böse Kritik am Kolonialismus, aber auch am menschlichen Opportunismus, denn natürlich gibt es auch Personen, die mit den Besatzern kollaborieren und noch jede Untat verklären. Rosendorfer trägt, wie gesagt, manchmal dick auf, aber man verzeiht es ihm schnell angesichts der für ihn so charakteristischen Schilderungen der Alltagsabsurditäten und seiner skurrilen Einfälle – welchen Tribut fordern die Außerirdischen von den Menschen? Holländische Holzschuhe. Warum? Wir werden es nie erfahren. 

Marguerite Duras: Emily L.

Erneut ein kurzes Buch der französischen Schriftstellerin (1914-1996) und wie gewohnt ist es geprägt von hoher sprachlicher Kunst und nicht einfacher Zugänglichkeit. Die Szenerie ist einfach: in der Hafenkneipe eines kleinen französischen Ortes am Meer treffen ein sich trennendes Paar aufeinander, das zufällig Ohrenzeige eines anderen Paares wird – drei sehr unterschiedlich verlaufende Liebesgeschichten sind ineinander verschachtelt, alle von der Tragik menschlicher Beziehungen bestimmt. Duras‘ Romane und Erzählungen mit ihrer eigenwillige Umsetzung sind wahrscheinlich nicht jedermanns liebste Lektüre, aber auch in „Emily L.“ zeigt sie sich in Höchstform.  

Peter Shaffer: Five Finger Exercise/Shrivings/Equus.

Und gleich noch ein bereits Bekannter: Der Band versammelt – etwas willkürlich – drei Stücke des britischen Dramatiker Peter Shaffer (1926-2016), von denen „Equus“ schon besprochen wurde. „Five Finger Exercise“ (von 1958) ist ein typisches Familiendrama, in der ein aus Deutschland eingeladener Tutor, ein junger Mann, der vor seinen Nazieltern geflohen ist, Trost und Geborgenheit bei einer englischen Familie sucht, die alles andere zu bieten hat als genau dies. Der Hausherr ist ein Kaufmann und Materialist, seine Frau trauert ihrer Herkunft aus gebildetem französischem Milieu nach, die Tochter ist eine pubertäre Träumerin und der Sohn ein perspektivloser Student, der mit seinen künstlerischen Ambitionen, die vom Vater verachtet werden, nichts anzufangen weiß. Die Ankunft des Tutors bringt die Konflikte erst recht an die Oberfläche. Immer noch tolles Stück mit geschliffenen Dialogen. Mit „Shrivings“ war Shaffer selbst unzufrieden, weshalb er es später noch einmal umschrieb – diese Version von 1970 atmet noch mehr den Geist der Zeit. Ein zynischer Dichter, dessen Erfolge längst zurückliegen, besucht seinen Mentor in dessen zurückgezogenem Refugium, wo dieser sich für den radikalen Pazifismus engagiert. Vor Ort wohnen noch die Sekretärin der Organisation, eine junge Amerikanerin, und der von ihm entfremdete Sohn des Dichters. Letzterer versucht durch eine Wette den Philosophen davon zu überzeugen, dass sein Vorhaben einer friedlichen Existenz, der Nachsicht und Vergebung eine Lebenslüge ist, in dem er seinen Hinauswurf provozieren möchte. Somit setzt er alles daran, seine Wette zu gewinnen und beginnt sein Zerstörungswerk… Man könnte nicht behaupten, dass Shaffer in „Shrivings“ (überarbeitet oder nicht) auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft ist, zum Glück enthält der Band ja die beiden anderen Stücke.


Will Berthold: Der Krieg, der nie zu Ende ging.

Mal was ganz anderes: Der gebürtige Bamberger Will Berthold (1924-2000) war einer der auflagenstärksten Autoren der Bundesrepublik, sowohl als Sachbuchautor – hauptsächlich zu Themen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit – als auch für seine populären Romane, die sich zwischen Fiction und Faction ansiedelten. Ein typischer Bahnhofsbuchhandlungsautor. „Der Krieg, der nie zu Ende ging“ ist ein deutsch-deutscher Agententhriller aus dem Mauerbaujahr 1961, der im Titel genannte nie endenwollende Krieg ist dabei einerseits der Kalte, anderseits jedoch derjenige der alten Naziseilschaften, die in Ost und West noch immer ihre ganz eigene Zusammenarbeit pflegen. Kann man mal lesen… 

Judith Hermann: Alice.

Das sympathische an Judith Hermanns (geboren 1970) Schreiben ist, dass sie im Durchschnitt nur alle fünf Jahre ein neues Werk veröffentlicht, was kein vergiftetes Lob sein soll, sondern Bewunderung dafür, dass sie sich dem Druck nach ihrem über alle Maßen erfolgreichen ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später“ entzogen und sich die Zeit genommen hat, ein neues eigenständiges Buch zu veröffentlichen – und dies seitdem beibehalten hat. Ihr prägnanter Kurzsatzstil und ihre Vorliebe für Kurzgeschichten prägt auch „Alice“, obwohl es hier eine verbindende – die titelgebende – Protagonistin gibt, die alle Geschichten miteinander verknüpft; erst in der letzten Erzählung führen weitere denn auch weitere Stränge zusammen. Mutig auch das übergreifende Thema: das Sterben. In Variationen widmet sich Hermann diesem äußerst schwierigen Motiv, ohne in die Untiefen der Betroffenheit zu geraten. Schließlich handelt es sich um ein Thema, dass die Generation von Alice eigentlich nur peripher betrifft, beziehungsweise zu betreffen scheint, in ihrem Alter liegt es vermeintlich, was den Umgang mit dem langsam, plötzlich, nah oder fern eintretenden Tod keinesfalls leichter macht. Absolut lesenswert! 

Cees Nooteboom: Roter Regen. Leichte Geschichten.

Ein Band mit zahlreichen kurzen (fast immer) autobiographischen Erzählungen aus der Feder des niederländischen – schon wieder! – Großmeisters Cees Nooteboom (geboren 1933). Leichte Geschichten sind es, weil Nooteboom hier sozusagen unbeschwert Episoden aus seinen Erfahrungen als Reiseschriftsteller als Ergänzungen zu seinen eigentlichen Reportagen – aber auch zu seinen Romanen – berichtet, über seine Nachbarn auf Menorca, über seine Kochversuche, über Krankheiten, Haustiere und Gartenkunst. Und leichte Geschichten sind es auch, weil sie sich wunderbar lesen lassen. Nooteboom eben.  


V.S. Naipaul: The Mimic Men.

Und noch ein Autor von Reisereportagen und Romanen, nur ein Jahr jünger als Nooteboom: der Literaturnobelpreisträger (2001) V.S. Naipaul, geboren 1932 auf Trinidad und Tobago. „The Mimic Men“ lässt einen bereits mit vierzig Jahren gescheiterten Politiker eines karibischen Inselstaates auf seine Londoner Studienzeit in ärmlichen Verhältnissen, seine Rückkehr auf die heimatliche Insel und die dortigen Konflikte der Familie – sein Vater verlässt diese, um eine Sekte zu gründen – seine kurze Karriere als Politiker und seine unglückliche, mit Scheidung endende Ehe zurückblicken, Umstände, die ihn wieder nach London zurückzwingen, nun als Exil. Klingt interessant? Ist es aber nicht. Unglaublich dröger Roman, quälend zäh zu lesen. 

Otto Knopf: An geheimnisvollen Orten.

Band mit Erzählungen des oberfränkischen Heimatforschers Otto Knopf (1926-2005) in erwartbar traditionellem Stil, mehr oder minder geschickt das zeitgenössische Leben im Frankenwald mit Sagenmotiven der Region verbindend. Durchaus mit eigenem Reiz, sind die Geschichten im Großen und Ganzen eher etwas für Liebhaber*innen der ostoberfränkischen Heimat. Zu lesen am besten bei Kachelofenfeuer in langen Winternächten. 

Henry Mackenzie: The Man of Feeling.

In der Einleitung des Romans wird eine Aussage von 1788 zitiert: „A Rousseau will ever be esteemed in France – a Goethe in Germany – and a Fielding and a Mackenzie will be admired whilst the English language is understood.“ Der Autor des Vorworts, Brian Vickers, nennt diese Prophezeiung mit freundlichem britischen Understatement „unlucky“. Gleichwohl war das Buch des Schotten Mackenzie (1745-1831) ein von Leser*innen und Kolleg*innen gleichermaßen geschätzter seinerzeitiger Bestseller und ist unzweifelhaft ein Klassiker der englischsprachigen Literatur. Dass er sich heute – und schon einige Jahrzehnte nach Erscheinen – anders als Rousseau, Goethe und Fielding nicht mehr der großen Gunst des Publikums erfreute, lag eher an der allgemeinen Abwendung vom Genre des sogenannten „sentimentalen Romans“, dessen Hauptexponenten Samuel Richardsons „Pamela“ und eben Mackenzie darstellten – und das schon bald zur Parodie herausforderte, unter anderem der genannte Fielding veröffentlichte einen Roman namens „Shamela“. Warum, wird jedem heutigen Leser und jeder heutigen Leserin schnell klar: es wird unendlich viel geweint auf diesen Seiten, kein Wunder, erfährt der Protagonist Harley seine „sentimentale Erziehung“ doch durch die Begegnung mit allerlei Personen, denen unschuldig übelst mitgespielt wurde. Und so können er und seine Leidensgenoss*innen sich menschlich bewähren und wir die Taschentücher auspacken.                                        

  
 

Donnerstag, 29. März 2018

Das Zitat zum Donnerstag.


"Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen."

 
Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Große
(1949, Fassung 1980)


 
Mehr zum Buch findet sich hier!
 

Dienstag, 20. März 2018

Wanderererfahrung.

 
Auch wenn es etwas holprig formuliert ist, was womöglich ebenfalls der Wanderererfahrung geschuldet ist, dürfte es nicht nur denen so gehen, die (ganz allein) an dieser Tafel im Dichterwald zwischen Kalter Küche und Schildwiese an der thüringisch-bayerischen Grenze auf dem Rennsteig vorbeilaufen...   
 
 
 


Mehr Wanderererfahrungen vom Rennsteig und anderswo demnächst in gedruckter Form!

Dienstag, 13. März 2018

Lektüremonat Februar 2018.

 
Rose Tremain: Melodie der Stille.


Die Jahre 1629/30 am dänischen Königshof, wo der melancholische Träumer Christian IV. regiert, der einerseits von Ideen beseelt ist, die er – wie seine Schlossbauten – in die Tat umsetzt, andererseits politisch wie privat unglücklich agiert, er verliert gegen die katholische Liga im Reich, er ruiniert den Staatshaushalt, er deckt die Betrügereien seiner Gattin auf. Rose Tremain (geboren 1943), Britin, verwebt persönliche Schicksale um Christians Hof auf äußerst kunstvolle Weise in ihrem klugen historischen Roman, der seinem Titel alle Ehre macht, denn er widmet sich den Ereignissen auf ruhige, trotzdem spannende Art, in der die liebevoll geschilderten Personen – selbst die bösartigeren – bei Leser und Leserin Sympathie erwecken. König Christian liebt es, seine Gäste durch indirekte Musik zu verblüffen. Rose Tremain verblüfft durch ihr stilles Schreiben, hinter dem großes Können nicht nur zu erahnen ist.  

Marie Hermanson: Muschelstrand.

Was soll man über Marie Hermanson (geboren 1956) schon sagen? Marie Hermanson ist Marie Hermanson ist Marie Hermanson. Oder anders: eine literarische Göttin. Die Schwedin besitzt die Fähigkeit, unglaublich Spektakuläres im positiven Sinne unglaublich unspektakulär zu erzählen. Schreckliche, groteske und bizarre Ereignisse treten in den Alltag der Gegenwart, ständig kommt es zu verblüffenden Wendungen, unerklärlichen Vorkommnissen, traurigen Ereignissen und doch verfallen Hermansons Geschichten nie dem plump Sensationellen oder der billigen Kolportage. Dies liegt an den zahlreichen Künsten der Autorin, die eine äußerst genaue Beobachterin (und Beschreiberin) ist, in deren Texten selbst die abseitigste Nebenbemerkung ihren genauen Platz hat, wo alles mit allem verknüpft ist, aber nichts mit oberflächlichen Erklärungen abgehandelt wird, wo die Figuren mit Sympathie geschildert werden, wie seltsam sie sich auch verhalten mögen. Dies alles gilt naturgemäß auch für „Muschelstrand“, Hermansons berühmtestem Roman. Ulrika, eine Ethnologin, reist mit ihren beiden Kindern zu den Sommerhäusern, wo sie einst die Sommer ihrer Kindheit und Jugend verbrachte. An besagtem Muschelstrand finden sie durch Zufall ein menschliches Skelett. In Rückblenden erinnert sich Ulrika an die Ferien vor gut 25 Jahren, als bei der Nachbarsfamilie ein Kind verschwand. Doch dieses ist nicht das Skelett – denn das Kind kehrte auf mysteriöse Weise wieder. Als mit Hermanson Vertrauter ist man etwas überrascht, dass die Parallelgeschichte, Kristinas Biographie, die Erklärung für dieses Geschehen zu liefern scheint. Was natürlich – es ist eben doch ein Hermanson – nicht der Fall ist. Aber die Pointen sollen nicht verraten werden. Marie Hermanson gehört zu den Schriftsteller*innen, zu denen man greift, wenn man verlässlich intelligent und extrem spannend auf hohem Niveau unterhalten werden will. Suchtfaktor.

 
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil.

Wie schreibt man über die fortschreitende Alzheimerkrankheit des eigenen Vaters? Zahlreiche Gefahren tun sich auf: weinerlich-sentimentale Betroffenheitsprosa, ein Ratgebertonfall, der Bescheidwissen vorgaukelt, oder eine Distanzierung in nüchternem, quasi-klinischem Ton. Hinzukommt bei solch einem persönlichen und sehr intimen Thema (ähnlich wie in der Tagebuch- und Briefliteratur) ein möglicher Voyeurismus – noch dazu, wenn man eine öffentliche Person ist wie Arno Geiger (geboren 1968), immerhin der erste Träger des Deutschen Buchpreises. Gerade weil Geiger ein reflektierter Schriftsteller ist, entgeht er diesen Fallen, weder schreibt er einen dokumentarischen Bericht, noch ein Tagebuch des Verfalls, keinen nostalgischen Rückblick auf das Leben des Vaters – auch wenn sein Buch naturgemäß durchaus solche Elemente enthält, entzieht sich die Schilderung der Wirkung der seit vielen Jahren voranschreitenden Krankheit gängigen Mustern. Geiger beschönigt nichts, dramatisiert aber auch nicht, er schreibt eine äußerst liebevolle Hommage an den Vater, ohne zu verklären, weder die alten noch die krankheitsbedingten Konflikte werden verschwiegen. Und auch ratgeberhaft ist das Buch nicht, da Geiger eine an und für sich banale, aber oft übersehene Erkenntnis betont: da Alzheimer das Gehirn und damit den Sitz unserer Persönlichkeit angreift, lassen sich – anders als etwa bei Leberkrankheiten – keine allgemeinen Aussagen treffen. Auch bei Geiger ist die immer umfassender werdende Betreuung des Vaters schwierig, doch die ursprüngliche Persönlichkeit August Geigers, die durch die Reduktion teils geradezu verstärkt wird, seine Selbstgenügsamkeit, seine fast buchstäbliche Bodenständigkeit und seine mit Humor gepaarte Gelassenheit ermöglichen auch eine neue Verbundenheit – ein tröstlicher Effekt, der die entfremdete Familie wieder enger zusammenschweißt. Wie gesagt, die Verläufe sind verschieden, auch Geigers Vater hat Momente des Verdämmerns, der Aggression, aber Geigers Buch mahnt dazu, sich auf die neue Welt des Erkrankten einzulassen, zu begreifen, dass hier etwas Neues, Unumkehrbares entsteht, dass in aller Unzugänglichkeit und Fremdheit akzeptiert werden muss, um den zugegeben schwierig Umgang miteinander zu ermöglichen. Und so wenig man es angesichts des Themas glauben mag, das Buch besitzt auch einen – sicher etwas traurigen, aber deutlichen vorhandenen – Humor. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein großes Werk, ein wichtiges Buch, das jedem empfohlen sei zu lesen.

 
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes.

„Der Schatten des Windes“ mutierte kurz nach seinem Erscheinen 2001 sehr schnell zu einem internationalen Bestseller mit Millionenauflage. Kein Wunder, vereint der Spanier Zafón (geboren 1964) doch gekonnt den klassischen Schauerroman mit Kolportage und Thriller. Deswegen erleben wir hier alles, was man erwarten darf: ein mysteriöses Buch im Buch mit geheimnisvollem Autor, skurrile Figuren, verfallende Villen, Särge in versteckten Krypten, einen ultrabösen Schurken, eine Liebesgeschichte, Kapitel, die mit der Ankündigung des eigenen Todes enden, schöne Frauen, hässliche Intrigen, großstädtisches Flair – und was nicht noch alles, was hier nicht verraten werden darf. Nun, wenn es so einfach wäre, würden wir alle Beststeller nach diesem Rezept schreiben – natürlich gehört ein ordentliches Talent dazu, diese Elemente zu verknüpfen und das Ganze auf einem sprachlich lesbaren Niveau zu erzählen. Ohne Zweifel ist dies Zafón gelungen. Sein Roman ist ein flüssiges, ungemein spannendes Buch mit vielen Wendungen, Rätseln und Figuren zum Gernhaben (und Hassen). Das Frauenbild ist etwas altbacken – sie sind nur Ergänzungsfiguren zu den handelnden Männern – und der politische Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges bleibt reichlich diffus. Die spanische Literatur wird das Buch nicht revolutionieren, aber ein unterhaltsamer Lesespaß ist es allemal.

 
Jack London: König Alkohol.

Es steht Roman auf dem Umschlag, doch eigentlich ist „König Alkohol“ ein autobiographischer Großessay. London (1876-1916) schildert seine Erlebnisse mit dem Alkohol seit Kindertagen, als er – mit fünf Jahren – seinen ersten versehentlichen Vollrausch hatte. Das Buch ist sein Plädoyer gegen den verderblichen Einfluss des Alkohols, dem er sich selbst nie entziehen konnte – nun war aber London keineswegs ein Schweralkoholiker, diesen Fall (hervorragend geschildert in Hans Falladas „Der Trinker“) hält er nicht ganz zu Unrecht, weil klinisch, auch für nicht repräsentativ, sondern London war ein Gesellschaftstrinker, der oft sehr lange abstinente Phasen hatte, in denen er nicht nur keinen Tropfen anrührte, sondern ihm das Verlangen danach völlig abging. Die Gefahr und die Macht des Alkohols sah London also in dessen Fähigkeit, sozial verbindend zu sein, vereinfacht gesagt: beim gemeinsamen Gläschen sitzt es sich angenehmer, man kommt leichter ins Gespräch, man hat etwas Verbindendes. Erst später tritt auch bei London der Spezialfall auf, dass er glaubt, ohne das tägliche Pensum mangele es ihm an kreativer Kraft – er bezieht das allerdings auch auf körperliche Kräfte, wenn etwa der Alkohol schwere Arbeit erträglicher macht. London sah nur eine Hoffnung: die Frauen. Sie allein hielt er für fähig, die Prohibition durchzusetzen. Dass diese letztlich ebensowenig Erfolg haben würde, musste London nicht mehr erleben: er starb vierzigjährig. Über die Todesursache bestehen bis heute Zweifel – dass der Alkohol dabei eine Rolle gespielt haben könnte, wird man wohl kaum in Abrede stellen können.

 
Martina Hefter: Zurück auf Los.

Man sollte Klappentexten nicht allzu viel Vertrauen schenken, aber der Buchrücken der Taschenbuchausgabe von Martina Hefters (geboren 1965) Roman ist doch recht aufschlussreich. „Eine junge Frau durchlebt, an der Rezeption eines Hotels sitzend, die Nacht, in der ihr Freund seine Sachen packt und sie verläßt.“ Dies und nicht mehr steht dort – und dem ist inhaltlich auch nichts hinzuzufügen. Nun, beigefügt ist dem ganzen noch ein Halbsatz aus der NZZ, verkündend, das dieses Buch „brillant mit der Sprache operiert“, was man von eben jenem Halbsatz nicht behaupten kann. Erfahrene Klappentextleser*innen wissen, dass eine lobende Kritik der NZZ ähnlich wie eine enthusiastische Rezension der FAZ für gewöhnlich ein Buch charakterisiert, das solides Handwerk mit zäher Langeweile vereint. Quod erat demonstrandum.

 
F. Scott Fitzgerald: Der letzte Taikun.

Die etwas befremdliche Form des Titels – im Original: "The Last Tycoon" – geht auf die frühe und auch an anderer Stelle oft mehr als fragwürdige Übersetzung zurück; allen Ernstes wird dort beispielsweise „grandfather clock“ mit „Großväteruhr“ übersetzt. Fitzgeralds (1986-1940) Roman blieb Fragment, nur der Beginn ist ausgearbeitet, der weitere Verlauf anhand von Entwürfen und Konzepten halbwegs rekonstruierbar. Und das ist ein Verlust. Zwar klingt es nach gar nicht wenig, wenn man weiß, dass immerhin gut 180 Seiten vollendeter Text vorhanden sind, doch auf diesen hat die Handlung erst einigermaßen Fahrt aufgenommen, um die späteren teils sehr spektakulären Ereignisse vorzubereiten. Monroe Stahr ist der letzte Tycoon, eine Art Wunderkind im untergehenden Hollywood der großen Studiofilme, Produzent mit intuitivem Gespür, mit Übersicht und Respekt vor dem was er tut und den zahlreichen Mitarbeitern, die ihn vielleicht nicht unbedingt lieben, aber achten. Doch auch der Herrscher über seine Firma hat nicht die Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten wie einen Film, wo er geradezu allmächtig ist. Er ist – mit 35 – bereits todkrank und Witwer, seine neue Liebe entgleitet ihm. Und wo Erfolg ist, sind Neider. Fitzgeralds geradezu genialer Coup ist es, dass Leben Stahrs aus der Sicht der Tochter seines Erzfeindes schildern zu lassen, die unglücklich in ihn verliebt ist. Leider werden wir nie mehr erfahren, wie die Geschichte weitergeht…        

Januar 2018
   

Mittwoch, 28. Februar 2018

Sandalenfilme nach der Jahrtausendwende (IV): Katharina von Alexandrien.


Katharina von Alexandrien

Katherine of Alexandria / Decline of an Empire GB 2014 110 min.

Regie: Michael Redwood

Buch: Michael Redwood

DarstellerInnen: Nicole Keniheart (Katharina), Peter O’Toole (Gallus), Joss Ackland (Rufus), Steven Berkoff (Liberius), Edward Fox (Kaiser Constantius), Jack Goddard (Constantin), Dudley Sutton (Marcellus), Samantha Beckinsale (Vita), Jean Marlow (Helena), Julien Valon (Maxentius) u.v.m.

 

Ziemlich am Ende des Abspanns des Films Katharina von Alexandrien wird folgender Hinweis eingeblendet: This story is based on historical events. In certain cases/incidents, characters and timelines have been changed for dramatic purposes. Certain characters may be composites, or entirely fictitious. An und für sich wird hiermit nur die Grundlage jeden historischen Erzählens, sei es im Film, sei es in der Literatur, definiert, eine Selbstverständlichkeit, die jedem Zuschauer eines Sandalenfilmes – hoffentlich – bewusst sein dürfte. Womöglich kann es trotzdem nicht schaden, darauf noch einmal aufmerksam zu machen, auch wenn die Stelle, an der dies geschieht, der Aufmerksamkeit des überwiegenden Teils des Publikums sicher entgehen dürfte. Und doch irritiert der Vermerk, gerade weil er an den beliebten Satz Based on a true story erinnert, der gerne verwendet wird, um besondere Authentizität zu suggerieren. Hinzukommt, dass die Sätze am Ende des Filmes auftauchen, selbst dem historischen Laien dürfte zu diesem Zeitpunkt einiges doch recht fragwürdig vorgekommen sein und der mit der Geschichte näher Vertraute wird sie selbst als reichlich fictitious abtun.

            Nun könnte die Crux daran liegen, dass hier eine Heiligenlegende verfilmt wurde. Dies ist immerhin schon ein mutiges, eher ungewöhnliches Unterfangen, das man so allenfalls von amerikanischen religiösen Filmproduzenten kennt, die für ihren eigenen kleinen Markt solche Biopics drehen, die darüber hinaus wenig Aufmerksamkeit erregen. Zwar erfolgte auch die Veröffentlichung Katharinas von Alexandrien sogleich auf DVD und kam nicht in die Kinos, die Gründe hierfür und überhaupt der Hintergrund des Projekts dürften jedoch anders gelegen haben, hier hat kein Orden mit großem Aufwand das Leben seines Stifters verfilmt. Auch der alternative Titel des Filmes, Decline of an Empire, der von der christlichen Thematik nichts erkennen lässt, weist darauf hin, dass hier an ein weit größeres Publikum gedacht war. Eine Heiligenlegende für alle im Jahr 2014 also. Nun gilt das Genre der Legenden, eine eigenständige Erzählkategorie darstellend, per se als notorisch historisch unzuverlässig, dies, könnte man durchaus sagen, ist sogar eines seiner Definitionsmerkmale. Zwar existiert ein grober historischer Rahmen, doch die Geschehnisse und Handlungen unterliegen eigenen Gesetzen, denen, je nachdem, ein biographischer Kern zugrunde liegt, Sinn und Zweck einer Legende liegen jedoch gänzlich woanders als in einer exakten Lebensbeschreibung. Gerade die heilige Katharina ist hierfür ein exemplarischer Fall, worauf der Film am Ende – noch vor dem Abspann – ebenfalls kurz eingeht. Während der großen Reformprozesse innerhalb der katholischen Kirche in den 1960er Jahren ging man auch daran, den Heiligenkalender zu durchforsten, wobei die historische Existenz einiger Personen besonders aus der Antike plötzlich als äußerst fragwürdig erschien. Darunter auch die volkstümlich seit Jahrhunderten sehr beliebte Katharina. Die wenigen konkreten historischen Überlieferungen ließen sich nicht zweifelsfrei verifizieren, 1969 wurde Katharina aus dem römischen Verzeichnis entfernt – eine reichlich kuriose Situation, bedenkt man die zahlreichen Kirchen, die nach ihr benannt sind, dazu die Abertausenden von Katharinenbildnisse in den Gotteshäusern und anderswo. Anfang der 2000er Jahre wurde die harsche Entscheidung aufgehoben, Katharina kehrte sozusagen offiziell rehabilitiert zurück. Eine der Begründungen klingt fast wie der eingangs angeführte Satz: man geht bei einigen der berühmtesten Heiligen der Antike davon aus, dass es sich um kompositorische Personen handelt, das heißt, die Biographien mehrerer Personen – womöglich auch gleichen Namens – sind im Laufe der Überlieferung zusammengefallen. Denkbar ist folglich, dass eine gebildete Frau während der Christenverfolgungen ihren Glauben vor Gelehrten zu verteidigen hatte, eine andere am Hof Christin war und wiederum eine andere hingerichtet wurde, und dies im Nachhinein alles vermengt wurde zu einer Figur.

            Getrost könnte man folglich einräumen und dem Film zugute halten, sein doch äußerst laxer Umgang mit historischen Fakten sei in der Vorlage begründet, was stichhaltig wäre, würde sich der Film an der Vorlage orientieren. Was er nur in einem ähnlich groben Maße tut wie mit der Historie. Was letztere angeht, so sei es von vorneherein angemerkt, dass abgesehen von einem sehr rudimentären Zeitrahmen, der auch nur für Zuschauer nachvollziehbar ist, die mit den Ereignissen selbst schon vertraut sind, und der die Jahre zwischen 305 und 310 umfassen dürfte, lediglich einige Orts- und Personennamen noch authentisch sind. Doch selbst hier werden nicht einmal grundlegende Kenntnisse beachtet: Maxentius wird zum oströmischen Kaiser – er war jedoch tatsächlich stets im Westen zugange; und nebenbei nie Kaiser, sondern ein Usurpator, auch war er kein Christenverfolger. Constantius kämpft richtigerweise in Britannien, Constantin wird aber als eine Art Söldner von fremder Herkunft geschildert, ein Jugendfreund Katharinas aus Ägypten, er nennt sich selbst einmal im Film Jabaleaner, mehrfach betont er sogar I owe Rome nothing! und das er schon in mehreren Armeen gedient habe. Dem echten Konstantin dürfte dies nicht gefallen haben, es hätte ich ihn jeglicher Legitimität beraubt. Die er jedoch weniger nötig hatte, da er schlicht der Sohn des Constantius (Chlorus) war, der ihn zu seinem Nachfolger bestimmte. Mit anderen Worten, selbst einfachste Grundgegebenheiten werden hier verändert, teils ohne erkennbare Notwendigkeit. Dies gilt, umso bemerkenswerter, wie erwähnt, auch für die legendarische Vorlage – erwähnt sei nur, dass in ihr Constantin keinerlei Rolle spielt und Katharina keine arme Nomadentochter, sondern eine hochgebildete und vor ihrem Übertritt zum Christentum eitle und versnobte zypriotische Prinzessin aus reichem Königshause war.

            Doch zum Film selbst. Der Einstieg ist klassisch: zwar gibt es keine Karte – die wird später einmal auf der Ägyptenreise kurz nachgereicht – und keine Stimme aus dem Off, aber immerhin doch den einführenden Text. Dieser birgt gleich eine handfeste Überraschung. Eine Gruppe fast ausschließlich weiblicher Rebellen im Norden Britanniens took up the fight against Rome’s enforced pagan worship, inspiriert durch von Sklavinnen in das Land geschmuggelte Schriften einer ägyptischen Prophetin – Katharina, wie sich herausstellen wird. Diese Art von weiblicher Solidarität ist ein wiederkehrendes Motiv im Film, über dessen Absurdität vorerst noch kein Wort verloren werden soll. Das Abstruse der Interpretation dieser Auseinandersetzung zwischen Rom und den Pikten – um die es wohl gehen dürfte, auch wenn sie so nie benannt werden – kann man nur hinnehmen. Tatsächlich führte Constantius zu Beginn des 4. Jahrhunderts einen Piktenfeldzug, religiöse Gründe lagen hierfür jedoch unter Garantie nicht vor. Die Verknüpfung der Katharinenlegende mit einem angeblichen Konflikt Heiden versus Christentum, der, wohl von der Tatsache ausgehend, dass bei den Pikten auch weibliche Krieger existiert haben sollen – siehe Centurion – zusätzlich zu einem Geschlechterkampf stilisiert wird, ist denn doch mehr als gewagt, schon recht nah am Grotesken. Es fällt sehr schwer, da die rebellischen Kriegerinnen denn auch noch erfolgreich agieren, dahinter nicht den schon mehrfach eher ungut erkennbaren britischen Nationalismus zu übersehen. Die Katharina-Geschichte wäre auch sehr gut ohne diesen Seitenaspekt ausgekommen – selbst im Film gibt es von ihr aus nie einen Hinweis auf die britischen Frauenkrieger vom ziemlich ganz anderen Ende des Römischen Reiches. Diese sehen, nebenbei bemerkt, eher wie eine Mischung aus Steinzeitmenschen und indianischen Schamaninnen aus – positiv anzumerken ist, dass sie als einzige so etwas wie Humor zu besitzen scheinen, erholsam in einem Film, der sich sonst so sehr getragen gibt.

            Der eigentliche Beginn des Filmes – nach dem Texteinschub – ist jedoch ein Idyll. Kinder spielen im Sonnenlicht am Meer, Wellen brausen sanft heran. Kitschmotive kehren mehrfach wieder, stets in Verbindung mit Katharina. Diese, noch ein junges Mädchen, lebt als Nomadin mit ihrer Familie am Strand, sie schreibt in weißem Gewand Texte auf Papyrus. Offenkundig beschäftigt sie sich mit christlicher Philosophie, sie spricht, erfahren wir bald, mehrere Sprachen. Der Inhalt des Geschriebenen ist zugleich ihr eigener Auftrag der Verkündigung – einen Zuhörer hat sie bereits, einen Jungen, erst später wird klar, dass es sich um Constantin handelt. Ein römischer Reitertrupp stört das beschauliche Lagerleben, aggressiv fordert dessen Anführer, dunkel eingehüllt und durch eine Art schwarzen Normannenhelm unkenntlich, Geld für die Nutzung des Landes, in einem anschließenden Massaker lässt er die dort wohnenden Familien umbringen. Die junge Katharina, deren frühreife Gelehrtheit ihn offenbar fasziniert, lässt er allerdings mitnehmen. Und es gibt einen weiteren Überlebenden, der in der Folge wiederkehren wird. Katharina aber wird an den Hof gebracht, der Anführer war niemand anderes als der römische Imperator des Ostens, Maxentius, der sie nun von seinen Gelehrten erziehen lässt, durch den Unterricht erhofft er sich eine Zuwendung des Mädchens hin zum Heidentum – und naturgemäß zu ihm selbst. Er betrachtet sie als seine persönliche Gespielin, angezogen von ihrer Schönheit, aber auch ihrem Verstand.

            Dargestellt wird Maxentius durchwegs als völlig unberechenbarer Geisteskranker, der stets gehörig die Augen zu rollen und in grober Lautstärke zu sprechen hat. Es wird nicht klar, warum gerade er, der dafür wenig Vorrausetzungen außer Neid mitbringt, über Katharinas körperliche Vorzüge hinaus an ihrer Bildung und ihrer Weisheit interessiert sein sollte. Zurecht ist dies auch für seine Gattin kaum nachvollziehbar; dass er sich eine weitere, wie sie selbst sagt, arabische Mätresse hält, sei so natürlich wie verschmerzbar, doch was ihn an Katharina so sehr anzieht, erschließe sich ihr nicht. Sie unternimmt weit mehr, um Katharina ihr Geheimnis zu entlocken, auch als Gegnerin, die zwischen Eifersucht und dem Erkennen der Gefahren, die in den Reden und Texten der jungen Frau liegen, erweist sie sich als die interessiertere und gewieftere. Sie nimmt sich die Texte vor, und versucht sie als Poesie abzuwerten, letztlich initiiert sie auch die Auseinandersetzung mit den Gelehrten, von denen sie sich jedoch enttäuscht zeigt. Obwohl die Mehrheit der Erzieher und Höflinge Katharina misstrauen, sie eine Zensur ihrer Schriften erwägen, erweist sich Maxentius’ Vorgehen als zweischneidig: zumindest der offensichtlich einflussreiche Gallus – Peter O’Toole in seiner letzten Rolle, womit der Film auch wirbt – sieht in ihren Reden mehr und gerät unter ihren Einfluss.

            Derweil am Hadrianswall. Der Kaiser des Westens, Constantius, ein älterer Herr, lebt im Feldlager während eines Feldzugs, der wenig Fortschritte zeigt dank der Guerillataktiken des im Grunde unterlegenen Gegners – und der Schwäche der eigentlich weit überlegenen eigenen römischen Armee. Der Film führt diese, auch in Gesprächen, als degenerierte Söldnertruppe vor, zusammengesetzt aus zahlreichen Elementen des Reiches, Legionäre, die wenig gemeinsam haben außer einem Drang zur Brutalität, groben Scherzen und wenig Erfahrung, da viele der Soldaten zu jung sind. Es mutet reichlich seltsam an, dass gerade Constantin, der ja arabischstämmig sein soll, jedenfalls dezidierter Nicht-Römer, und sein bester Freund Marinus, ein Farbiger, sich über die Defizite solch einer Multi-Kulti-Truppe unterhalten – und dies für die Probleme des Krieges verantwortlich gemacht wird. Abgesehen von der Unzeitgemässheit der Diskussion, die in einem Vielvölkerreich ohnehin unpassender kaum sein könnte, schwingt hier erneut ein unguter Ton von Nationalismus mit, da die Gegner ja schließlich eine homogene, um ihren Heimatboden erfolgreich kämpfende Gruppe sind. Hinzukommend müsste sich Constantin, der die römische Armee gegen die Einwände seines Freundes nur schwach zu verteidigen sucht, damit durchaus selbst anklagen: erwiesenermaßen ist er ja geradezu der Prototyp des Söldners und die Motive für seinen Dienst für Rom sind rein egoistisch: er sucht die vermeintlichen Mörder seiner Jugendfreundin Katharina. Constantius wirft ihm dies explizit vor – was ihn nicht hindert, ihn später trotz dieser offenkundigen Illoyalität zum Nachfolger, wohlgemerkt als Herrscher des Römischen Reiches, vorzuschlagen. Vorerst ist man aber noch mit den raffinierten Kriegerinnen beschäftigt, die der römischen Vorhut in einem Hinterhalt eine empfindliche Niederlage beibringen – die Schlachtenszene ist eine der gelungeneren Episoden des Films, hier wird nichts beschönigt, die Brutalität antiker Kampfführung und Waffen nicht gemildert. Womöglich ist dies als Kontrast zu sehen zu Katharinas friedlichem Weltbild, die eher düstere Geographie des Westens gegenüber dem sonnigen Osten unterstreicht dies auch bildlich. Nicht ganz in Einklang zu bringen ist damit allerdings, dass die angeblich ja von Katharinas Schriften direkt inspirierten Rebellinnen an Gewaltbereitschaft den Römern in nichts nachstehen.

 
            Katharina genießt derweil am Hofe ein etwas freieres Leben, dank den Unterhaltungen mit Gallus, dem Zugang zu zahlreicher Lektüre und der Möglichkeit, den Palast zu verlassen. Ihren Gegnern erweist sie sich als überlegen – zum Beispiel in der Frage nach den römischen Göttern, die sie zwar ablehnt, aber alle kennt, im Gegensatz zu den heidnischen Gelehrten. Als sie mehrfach zum Volk predigt – Anlass für weitere Kitschbilder, zu der natürlich um sie herumsitzende und zu streichelnde Kinder gehören – wird die Gangart ihr gegenüber wieder verschärft. Um das Klischee, das „einfache Volk“ versteht, während die hochgebildeten Gelehrten versagen und mit Arroganz reagieren, kommt der Film ebenfalls nicht herum. Letzteren obliegt es nun jedoch, Katharina in aller Öffentlichkeit zu widerlegen. Sie wird wieder ins Gefängnis geworfen, während Senatoren und die herbeigerufenen weisesten Köpfe des Landes sie in einer Mischung aus Debatte und Gerichtsverfahren durch ihr Wissen blamieren sollen. Um eine eventuelle Flucht Katharinas zu verhindern, werden ihr im Kerker zusätzlich die Beine gebrochen. Gallus, der Katharina besucht und nicht Teil des unwürdigen Schauspieles sein möchte, und der das festgesetzte Todesurteil bereits kennt, wird auf ihre Bitte hin trotzdem daran teilnehmen. Das eigentliche Tribunal überrascht dann wenig, die selbstsicheren Akademiker und Senatoren geraten bald ins Hintertreffen, Katharinas Gegenrede entlarvt ihren Glauben eher als literarische Vorliebe gegenüber ihrem festen Vertrauen auf einen einzigen Gott. Kurios ist allerdings eines ihrer Hauptargumente: die von ihnen, den Heiden, Angebeteten seien nicht römisch wie etwa Sol Invictus, selbst die als römisch geltenden Götter wären aus Griechenland übernommen. Das ist nicht verkehrt, nur was genau soll es besagen? Dass es für Götter einen biologischen Konnex der Anbetenden geben muss? Und was wäre dann mit Katharina, die als Ägypterin – oder Araberin, Zypriotin, wie auch immer – schließlich einen jüdischen Gott bevorzugt? Ambivalent auch das Zeichen ihrer Genesung: anfangs an einem Stab angelehnt sitzend, steht sie trotz gebrochener Beine schließlich auf; auf Worte allein wird folglich nicht vertraut – natürlich ein typisches Element von Legenden – sondern ein Wunder bekräftigt das Gesagte. Ihren Gegner jedoch liefert sie damit eine leicht gegen sie verwenbare Vorlage: es könne sich nur um Zauberei handeln, eine Ketzerei mehr auf der Liste. Gallus, der sich zu ihr bekennt und vor ihr um Verzeihung bittet, wird dabei von einem römischen Pfeilschuss getötet. Es ist nicht ganz klar, warum man zu diesem extremen Mittel noch dazu vor versammelten Publikum greift, aber wenn man es mit einem wahnsinnigen Kaiser zu tun hat, kann natürlich alles passieren. Der nimmt an der Debatte übrigens gar nicht teil. Apropos: in der legendarischen Überlieferung ist Gallus keineswegs allein. Dort treten alle Gelehrten, von Katharina ebenso beeindruckt wie überzeugt, ausnahmslos zum Christentum über. So auch die Kaiserin und der für die Gefangene zuständige Hauptmann. Allesamt blüht ihnen das gleiche Schicksal wie Katharina, sie werden zum Tode verurteilt.  

            Katharinas Genesung scheint jedenfalls nicht von langer Dauer, zur Hinrichtung wird sie wieder, deutlich hinkend, gestützt von Wachen geführt. Ihr Martyrium nimmt sich wiederum dieses Mal grob der Vorlage an: in der Ikonographie ist Katharina stets an ihrem Rad erkennbar. Die filmische Umsetzung ist dann aber doch wieder etwas bizarr, wenn auch nicht ohne Hintergedanken. Statt gerädert zu werden, also auf ein Rad geflochten, wofür die Gelenke entsprechend gebrochen werden mussten, oder mit Rädern erschlagen, beides noch weit bis in die Neuzeit übliche Hinrichtungsmethoden auch hierzulande, wird sie auch nicht wie in der Legende an vier Räder gebunden quasi gevierteilt, sondern an einem sehr großen Rad – eher ein Mühlrad – befestigt und an einer Wand hochgezogen. Kurioserweise hat dieses Rad Stacheln, die jedoch auf der Fläche nach innen, Richtung Nabe zeigen, also Katharina nicht berühren können und auch so ziemlich unsinnig erscheinen, außer, dass die dem Gerät ein martialisches Aussehen verleihen. Dass in einer deutlich sichtbaren Einstellung einer dieser Stacheln auch noch aus Katharina linkem Oberarm ragt, wobei nicht klar ist, wie er dort hinkommt und auch die Anordnung des Winkels nicht übereinstimmt, sei nur am Rande erwähnt. Sinn und Zweck der Anordnung, von einem der Römer vor Ort noch bestätigend kommentiert, ist allzu deutlich: Katharinas Haltung entspricht naturgemäß der Christus’ am Kreuz, auch ihr setzen römische Soldaten – mit dem expliziten Hinweis, sie ihrem Vorbild ähnlich zu machen – eine Dornenkrone auf und da das Rad an der Wand nicht hält, werden ihre Hände zusätzlich an das Holz genagelt. Wiederum leidet diese eigentlich klassische Ikonographie für einen Heiligen, insbesondere einen Märtyrer beziehungsweise eine Märtyrerin, die ein durchaus beeindruckendes Bild ergibt, an der mangelnden Umsetzung des Films. Dass die gesamte Konstruktion zu Boden stürzt, scheint eine Anspielung auf die Legende zu sein – in der zerstören herbeeilende Engel die Räder, weshalb Katharinendarstellungen immer ein zerbrochenes Rad zeigen  – die für den Uneingeweihten jedoch nicht erkennbar ist. Nun könnte man sie als Motivierung für das Festnageln Katharinas durch die Soldaten sehen, doch diese Durchschlagen ihre Handgelenke – die davon nicht betroffene Aufhängung des Rades kann hierdurch sicher nicht stabilisiert werden. Ungewollt bestätigt sich dies, da das Rad später ein weiteres Mal abstürzt und Katharina durch den Aufschlag am Boden tötet – in der Legende wird Katharina nach dem gescheiterten Versuch der Vierteilung schlicht enthauptet. Vor dem Tod hatte die Gefolterte noch eine Vision, für gewöhnlich empfängt der christliche Märtyrer Zuspruch und Trost durch Christus oder Gott, hier ist es etwas überraschend nicht einmal Maria, sondern Katharinas eigene Mutter.

            Das Rad auf dem Katharina festgebunden ist, ist auch identisch mit dem Zeichen, mit dem sich ihre Anhänger identifizieren, womöglich eine zusätzliche Form der Verhöhnung des Opfers. Dieser Kreis, der zwar ein Kreuz beinhaltet, insgesamt jedoch durch weitere Diagonalen eher an eine Sonnendarstellung erinnert – womöglich zu Tarnzwecken – ist auch Constantin und den Rebellinnen bekannt, wie er erstaunt feststellen muss. Nachdem er ihre Verbindung mit Katharina erkannt hat, setzt er bei Constantius einen Friedensschluss durch. Die Kriegerinnen verraten ihm auch, dass der Kaiser sehr wohl über das Schicksal Katharinas Bescheid wisse – erstaunlich, welches Wissen die Frauen des abgelegenen Stammes besitzen, ein Wissen, dass sich Constantin in jahrelanger Suche nicht hat aneignen können, obwohl er sein ganzes Leben nur diesem Zweck gewidmet hatte. Als er Constantius zur Rede stellt, gesteht dieser seine Lügen ein, da er Constantin als Nachfolger ausersehen hatte und ihn nicht abgelenkt wissen wollte. Ob dies Constantin überzeugt? In jedem Fall erfährt er nun auch, dass Maxentius der damalige Mörder war – aber auch, dass er zu spät kommt. Der oströmische Kaiser habe Katharina ermorden lassen und sammle nun eine Armee vor den Toren Roms, um sich allein auf den Thron zu setzen. Constantins Freund Marinus verkündet im Anschluss ein Toleranzgebot für alle Religionen, während Constantin selbst Maxentius entgegenreitet. Statt der historischen Schlacht an der Milvischen Brücke kommt es zu einem Duell Mann gegen Mann, das Constantin problemlos gewinnt. Man hat sich keinen langwierigen Schwertkampf vorzustellen, reichlich brutal und, sofern man dieses Wort in diesem Zusammenhang benutzen möchte, unehrenhaft erschlägt er den am Boden liegenden Gegner mit einem Stein. Dass die Schlacht an der Milvischen Brücke – eines der entscheidenden Ereignisse der Spätantike – nicht dargestellt wird, womöglich aus Budgetgründen, wäre an und für sich weniger auffallend, wäre nicht kurz zuvor erwähnt worden, dass Maxentius an genau dieser Stelle Armeen versammelt hat. Constantin, nun designierter Alleinherrscher, aber durch den Tod Katharinas deprimiert, lässt sich zu einer Reise nach Ägypten überreden, wo er wenigstens der Toten noch die letzte Ehre erweisen möchte. Ihre dortigen Anhänger sind ihm gegenüber zurecht skeptisch, ihre Erfahrungen mit römischen Imperatoren nehmen sie nicht gerade für ihn ein. Als sie ihm den Leichnam trotzdem nach einigem Zögern bringen, belohnt er sie mit einer mehr als seltsamen Rede. Er verkündet er sei no king, ruft set the people free und Rome’s gods are lies. Letzteres schien diesen durchaus schon bewusst, ersteres dürfte nicht ganz richtig sein und ziemlich unklar ist, wovon diese Menschen denn nun eigentlich frei sein sollten? Immerhin verständlich ist, dass Constantin im Anschluss Katharinas Begräbnisort zur toleranten Gebetsstätte für alle Glaubensrichtungen erklärt. Während die Menschen ihm lauschen, läuft die wieder jugendliche Katharina unerkannt durch die Menge, die Menschen dabei sanft an der Schulter berührend, was einen leichten Goldglanz auslöst. Zum Glück endet der Film nicht mit dieser letzten Kitschreminiszenz. Es ist genaugenommen auch nicht ganz die letzte, denn während er aus dem Off spricht, sieht man den sterbenden Gallus in Großaufnahme, in seinem letzten Atemzügen ein angedeutetes Lächeln, im Anschluss überblendet von Katharina, predigend in der Arena mit Kindern drumherum. Die eigentliche Schlussaufnahme ist schließlich mit einem Text unterlegt, der auf das Schicksal von Katharinas Reliquien und ihre erwähnte zwischenzeitliche Streichung aus der Heiligenliste eingeht, ein Bild des Katharinenklosters am Sinai, Gründung Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert, das bis heute die Toleranztradition fortsetzt und Pilgern aller Konfessionen offen steht.


           

            Toleranz ist ein gutes Stichwort, was den Umgang mit Katharina von Alexandrien, angeht – vielleicht schon mit dem deutschen Titel beginnend, Alexandrien gibt es schließlich nicht, sondern nur Alexandria. Doch der hiesige Verleih scheint sich ohnehin nicht sonderlich mit Genauigkeiten abzugeben, ziert das Titelbild – gleichzeitig der Hintergrund für das Hauptmenü der DVD – doch ein Schlachtenbild, das im Film nicht vorkommt, genauer eindeutig aus einem anderen Werk zu stammen scheint. Doch womöglich ist dies nur konsequent, führt man sich den schon mehrfach erwähnten sehr freimütigen Umgang des Films mit der Historie, der Legende, aber auch der Logik und der Erzählkunst vor Augen. Überprüfbar ist dies allein schon an einem für Sandalenfilm typischen und noch recht oberflächlichen Kriterium, der Gestaltung der Kleidung. Diese spiegelt bestens die These wieder, dass Katharina von Alexandrien stets dazu neigt, sich selbst ständig in Widersprüche zu verwickeln, selbst in solch einem doch eher banalen Aspekt. Sicher, die Klage über phantasiereiche Rüstungen kehrt fast in jedem Sandalenfilm wieder, auch wenn hier seit dem klassischen Zeitalter des Genres geradezu Quantensprünge stattgefunden haben. In Katharina von Alexandrien tragen die römischen Soldaten fast ausnahmslos authentische Helme – diese würden zwar eher einer Armee um 100 nach Christus entsprechen, aber hier darf man tatsächlich mal sehr tolerant sein. Der Rest der Uniformen, sieht man vielleicht von den Schwertern ab, entspringt völlig der Phantasie des Ausstatters. Selbst das alte Lederklischee wird wieder aufgegriffen. Constantins Aufzug hat mit römischer Kleidung nicht annähernd zu tun, und Maxentius trägt zum Duell doch tatsächlich zu seinem gewagt schiefsitzenden goldenen Brustpanzer einen Lederhelm nach dem Pickelhaubenmodell aus Leder, wie man ihn aus den B-Film-Varianten der 60er Jahre kennt. Fast schon grotesk auch die lächerlich kleinen Rechteckschilde, die Constantin und Marinus in Ägypten mit sich herumtragen.

            Vielleicht würde man über solche Dinge hinwegsehen, wäre man von der Schauspielkunst der Akteure oder der Handlung gefesselt. Doch dies fällt unendlich schwer. Noch einmal spiegelt die Doppelung des Titels die im Film ständig spürbare Unentschlossenheit wider: wollte man eher die Geschichte einer Heiligen erzählen, einer starken weiblichen Hauptfigur oder doch einen klassischen Sandalenfilm? Dies mündet in die beiden durch den hanebüchenen Kniff der christlichen Rebellinnen verbundenen Stränge Constantins und Katharinas. Die genretypische Action verschwindet zugunsten zahlreicher Dialoge – was an und für sich natürlich nicht verkehrt sein muss, in diesem Fall sogar Sinn ergibt, da Katharina ja mit Worten streitet, doch die Umsetzung ist teilweise recht nah am unfreiwillig Komischen. Zahlreiche der Schauspieler und Schauspielerinnen, allen voran Katharina selbst, sprechen mit einem gewollt hörbaren Akzent. Dies könnte man durchaus als gelungene Illustrierung des Vielvölkerstaates Rom deuten. Dass die Nomaden, die Ägypter, die Rebellinnen ein unreines „Latein“ – vielleicht, gerade im Osten, „Griechisch“ – sprechen, auch Katharina, selbst wenn dies nicht ganz zu ihrer Gelehrsamkeit passt, sei akzeptiert. Dass dies auch Maxentius tut – verkörpert von einem französischen Schauspieler – mutet dagegen wiederum reichlich seltsam an. Wie immer ist nichts konsequent.

            Überhaupt das Sprechen. Offenkundig der Idee geschuldet, eine Legende müsse ein gewisses Pathos, eine Bedeutungsschwere haben, wird dies mit den einfachsten Mitteln umgesetzt, die jedwedem Laientheater Unehre machen würden. Katharina sieht ihre Gegenüber – geradezu exemplarisch im Gespräch mit der oströmischen Kaiserin – so gut wie nie direkt an, ihr Blick geht an ihrem Dialogpartner vorbei in die Ferne. Das könnte man schon mal für sehr unhöflich halten – sie ist jedoch nicht die einzige, die dies praktiziert – ist jedoch in jedem Fall eine am Rande der Lächerlichkeit changierende Maßnahme zur Darstellung eines vergeistigten Blicks. Fast alle und wiederum prominent vor allem Katharina betonen fast jedes Wort, das sie zu sprechen haben, einzeln. Schnelle, spontan wirkende Dialoge haben Seltenheitswert, jeder Satz wird oft von Pausen begleitet, die ihn nachklingen lassen sollen, so banal er auch gewesen sein mag. Pausen zur Hebung des Gesagten oder Gezeigten sind ohnehin eines der ständig wiederkehrenden Stilmittel des Films. Lange Einstellungen ohne Handlung, ohne Sprechen, möglichst mit getragener Musik unterlegt, konzentrierte, nachdenkliche Blicke der Protagonisten, all das führt plakativ Bedeutungsschwere vor, gedankliche Tiefe und Wichtigkeit. Mit solch plumpen Mitteln wird dem Zuschauer nicht vertraut, selbst zu entscheiden, was er für bedeutend hält und was nicht. Deshalb muss Gallus bereits nach fünf Minuten Laufzeit des Filmes als Katharina als Heilige bezeichnen – es wäre sehr interessant zu wissen, was er – der heidnische Gelehrte des frühen 4. Jahrhunderts – darunter versteht.

            Das hölzerne Agieren der Schauspieler ist sicher nicht ihren mangelnden Fähigkeiten zuzuschreiben, zumindest, was die größeren Rollen angeht. Edward Fox als Constantius lässt noch am ehesten seine Brillanz durchblicken, doch die meisten anderen verkümmern unter dem Diktat der Regie und dürften ihr Niveau um einiges unterbieten. Regisseur Michael Redwood, gleichzeitig Drehbuchautor und Produzent, schafft es nicht, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, wie schon mehrfach erwähnt strotzt der Film von logischen Brüchen, historischem Nonsens und einer unklaren inkonsequenten Linie. All das verzeiht der hartgesottene Sandalenfilmzuschauer für gewöhnlich, wenn die Umsetzung stimmt, wenn Spannung, Charaktere und Bilder solche Defizite gnädig überdecken. Man möchte mit Redwood, der früher bei Filmen Tony Scotts mitgearbeitet hat, nicht zu hart ins Gericht gehen, da es sich um seinen Erstling handelt. Allerdings hat er angeblich eine Fortsetzung des Films angekündigt – diese steht bislang aus. Soll man hoffen, dass es bei der Ankündigung bleibt oder ihm eine zweite Chance gerade anhand derselben Thematik einräumen? Peter O’Toole hat die Veröffentlichung von Katharina von Alexandrien nicht mehr erlebt – man hätte dem Tiberius des legendären Skandalfilmes Caligula (1979) einen gelungeneren Abschied von der Leinwand gewünscht.

 

Reinhard Abeln: Die heilige Katharina. Leben – Legenden – Bedeutung. Kevelaer: 2012.
Ingemar König: Der römische Staat, Teil II. Die Kaiserzeit. Stuttgart:1997.
 
Vorgänger in dieser Reihe: Centurion.