Donnerstag, 10. März 2022

Lektüremonat Februar 2022.

  


Hans Traxler: Das Wunder von Anning.

Hans Traxler (geboren 1929) legendäres Mitglied der noch legendäreren Neuen Frankfurter Schule, berichtet uns hier zwar nicht die Wahrheit über Hänsel und Gretel, aber einen Fall von unwahrscheinlicher und wundersamer Geburt an einem 24. Dezember, der an ein ähnliches Ereignis vor gut 2000 Jahren erinnert. Allerdings findet dieses in der Gegenwart statt, beim ältlichen Ehepaar Maria und Josef Moser, wohnhaft in der entlegenen bayerischen Provinz. Kurti, der unverhofft und von einem Engel angekündigte Sohn, ist nicht nur ziemlich unerlöserhaft, sondern eigentlich nur seltsam. Aber er hat eine weitläufige und vor allem äußerst vermögende Verwandtschaft, die sich von ihm aufgrund seines Geburtsdatums und der schließlich etwas eigenartigen Umstände seiner Ankunft auf dieser Welt sehr viel erwartet und ihn deshalb regelmäßig mit überreichlich Geschenken versorgt. Die sind nicht nur jeweils nach dem aktuellen Trend des Jahres – Holzspielzeuge, Didaktisches, Elektronisches –, sondern leider, so zumindest die Sicht der gar nicht so glücklichen Eltern, so überreichlich und dienen zudem auch der Übertrumpfung des jeweils anderen, dass sich das Haus und die Werkstatt so füllen, dass Touristenströme nach Anning kommen, um das kaum noch bewohnbare Spielzeughaus zu sehen. Denn an ein Weiterverkaufen oder Wegwerfen ist nicht zu denken – es wird böse von der Verwandtschaft, die es ja nur gut meint, bestraft. Kurti wächst in dieser Spielzeughölle auf, ohne zu sprechen, was auf die Dauer die Onkels und Tanten enttäuscht, womit erst sie und dann ihre Präsente ausbleiben. Weg ist allerdings bald auch Maria, die bei einer gewonnenen Ballonfahrt gen Himmel entschwebt. Nachdem auch sein Vater von ihm gegangen ist, lebt Kurti allein und ungestört im leeren Haus weiter – er hat niemand Geringeren als den Heiligen Nikolaus gebeten, die Geschenke auszuräumen. Die kurze und vom Meister selbst illustrierte Satire ist natürlich ein hübscher Spaß, schade nur, dass Traxler die Parallelen nach den Ereignissen jeweils explizit noch einmal ausspricht, sozusagen nach der amerikanischen Methode, die den Leser:innen wenig zutraut und das Subtile selbst wieder konterkariert. Trotzdem sehr unterhaltsam.

 

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen.

Er ist als Tagebuch getarnt, jedoch ein Roman. Nur so war es Margarete Böhme (1869 bis 1939) überhaupt möglich, ihr Buch 1905 im wilhelminischen Deutschland veröffentlichen zu können – zumindest in einem seriösen Verlag. Skandal machte der Text natürlich trotzdem, schildert er doch den Abstieg eines jungen Mädchens aus einer norddeutschen Kleinstadt und gutbürgerlichem Hause ins Prostituiertendasein. Nach dem Tod der Mutter wird Thymian allein vom Vater erzogen, einem Apotheker, der sie vergöttert, aber andererseits mit Schulden, vor allem jedoch ständigen Affären mit seinen weiblichen Angestellten belastet ist. Als sich eines der Dienstmädchen, mit dem sich die Tochter eng befreundet hat, vom Vater geschwängert, ertränkt und Thymian die Hintergründe erfährt, ist sie so verzweifelt, dass sie nicht bemerkt, dass der langjährige Apothekergehilfe ihre Verwirrung ausnutzt, um ihr mehr als nur Trost zu spenden. Als auch sie schwanger wird und die erzwungene Liebschaft auffliegt, wird das Mädchen außer Haus geschafft, das Kind heimlich geboren und anschließend zur Adoption freigegeben. Thymian ist damit trotz aller Vertuschungsversuche nicht nur aus ihren Illusionen, sondern auch der Gesellschaft ausgestoßen. In Erziehungsanstalten und von strengen bigotten Pflegefamilien werden ihr ihre Vergehen stets vor Augen gehalten, bis sich durch die Vermittlung einer Bekannten ein Ausweg zu zeigen scheint. Ihre Schönheit nutzend, soll sich Thymian als Begleiterin gut zahlender Herrschaften verdingen. Sie lernt schnell und wird zu einer gefragten Person, was wiederum zu Streit mit ihrer Lehrmeisterin führt. Schließlich macht sie sich in der Großstadt selbständig. Ihr gelingt der Aufstieg im Milieu, der jedoch mit dem Verlust des Zugangs zu ihrer Tochter und dem kompletten Bruch mit der Familie bezahlt ist. Der Versuch, sich mit Hilfe des Verdienten und von Freunden ein seriöses Leben aufzubauen scheitert dagegen mehrfach an den Vorurteilen der Gesellschaft, aber auch einer gewissen Willensschwäche. Letztlich richtet sich Thymian in der bequemsten Form des Prostituiertendaseins ein: Sie lässt sich von einem alternden vermögenden Adligen aushalten, der ihr ein pseudo-bürgerliches Leben finanziert, dafür aber Zuneigung und Treue verlangt. Ein Arrangement, das verführerisch und schwierig einzuhalten zugleich ist. Schließlich zeigen sich erste Zeichen einer Krankheit bei Thymian. Die Aufregung, die Böhmes Tagebuchroman verursachte, lag weniger in irgendwelchen expliziten Stellen – die gibt es nämlich nicht – sondern in der Schilderung des Prostituiertenmilieus, die als Anklage an eine verknöcherte, heuchlerische Gesellschaft diente, die es unehelichen Frauen unmöglich machte, ihrem unverdienten Schicksal zu entkommen.

 

Brian Moore: Die Frau des Arztes.


Seit langem sind einmal wieder Ferien geplant, in Südfrankreich, wo einst schon die Hochzeitsreise stattfand. Sheila Redden reist voraus, mit einem kurzen Zwischenstopp in Paris, um eine Freundin aufzusuchen, während ihr Mann, ein erfolgreicher Arzt im Bürgerkriegsnordirland, wegen Terminen erst ein paar Tage später nachkommen soll. Denn so richtig Lust hat er ohnehin nicht, ihm genügt sein Leben in ruhiger Ehe, mit dem Ansehen des geschätzten Mediziners und in vertrauter heimischer Umgebung. Dass er seinen Abflug wegen eines weiteren Notfalls erneut verschieben muss, ist ihm gar nicht so unangenehm. Derweil verbringt seine Frau ihre Zeit in Paris, das sie noch aus ihrer Jugend kennt, und wird dabei dem neuesten Lover ihrer Freundin und dessen Mitbewohner, einem Amerikaner, vorgestellt. Dieser ist sichtlich fasziniert von der Irin, die sich zwar freundlich auf ihn einlässt, aber ihre vorgesehenen Pläne – Weiterflug nach Südfrankreich – nicht aufgibt. Doch kurz nachdem sie dort angekommen und im Hotel eingetroffen ist, wird ihr ein Herr gemeldet, der sie zu sprechen wünscht: Tom, der junge Amerikaner ist ihr spontan nachgereist. Eine erst vorsichtige, dann immer offenere Affäre beginnt, die immer intensiver wird, nachdem der Arzt seine Reise noch einmal verschoben hat und Sheila ihn letztlich überredet, zuhause zu bleiben. Aber hat die Beziehung zu Tom Zukunft? Ist sie nur ein flüchtiges Ausbrechen aus dem drögen Ehedasein im kriegsversehrten Belfast oder doch mehr? Tom bietet Sheila an, ihm in die USA zu folgen, mit der Option jederzeit zurückkehren zu können. Doch die Affäre fliegt vorher auf, der Arzt setzt nun alle Mittel ein, um seine Frau zurückzugewinnen, von der sanften Tour bis hin zum erpresserischen Einsatz des pubertierenden Sohnes, von der Vermittlung durch ihren Bruder bis zur überraschenden Reise ins Hotel zum Gespräch Auge in Auge. Doch es nutzt nichts: Sheila kehrt mit Tom nach Paris zurück und bereitet sich mit ihm auf den Flug nach Amerika vor. Brian Moore (1921 bis 1999) bietet thematisch und von der Konstellation alles andere als Neues, wobei er – leider – zumindest eine Falle nicht vermeidet, die Schilderung des Ehegatten als unflexiblen, cholerischen und letztlich unsympathischen Zeitgenossen. Zwar trägt er auch hin und wieder nettere Züge und sein Ärger über die Situation ist natürlich durchaus nachvollziehbar, aber im Großen und Ganzen ist er ein Charakter, der nur zu verständlich macht, warum seine Frau ihn zu verlassen droht. Gleichwohl ist es so einfach nicht. Dafür ist Moore dann doch ein zu gewiefter Schriftsteller und Menschenkenner. Denn obwohl die Geschichte aus Sicht Sheilas erzählt und unsere Sympathien eindeutig auf sie hingelenkt werden, bleibt ihr Handeln in vielem – wie ihr selbst auch – zweifelhaft. Selbst ihre in Liebesangelegenheiten nicht pingelige Freundin scheint überzeugt, dass es sich um eine momentane Gefühlswallung, jedenfalls nicht dauerhaft Tragendes handelt. Und was ist mit der Theorie des Bruders, ebenfalls Arzt, der vermutet, hinter dem so überraschenden Bruch könnte ein tiefergehendes psychologisches Problem liegen, wie es in der Familie nicht unbekannt ist, ein Art Versuch, der Depression des Alltags zu entkommen, der in der Katastrophe enden könnte, wenn die Liebesgeschichte plötzlich enden sollte. Und ist das eigene Wohl, die lustvolle Affäre eine Rechtfertigung dafür, auch den Sohn von heute auf morgen – ohne ihn wiederzusehen – im Stich zulassen? Der Roman lässt diese Fragen offen – und ist deshalb ein sehr guter Roman.  

 

Josephine Tey: Die verfolgte Unschuld.

Robert Blair, Junggeselle in mittleren Jahren und Anwalt in einer verschlafen Provinzstadt Englands, wird eines Tages in einer Angelegenheit um Hilfe gebeten, die an sich überhaupt nicht in seine Zuständigkeit fällt. Da es sich aber um einen Notfall und die Bitte einer Dame handelt, sagt er zu und wird mit einer bizarren Geschichte konfrontiert. Im Franchise, einem einzelnen Häuschen weitab der Stadt an der Landstraße warten bereits die Anruferin mit ihrer Mutter, der örtliche Inspektor und ein Beamter von Scotland Yard auf ihn. Und ein junges Mädchen, 15 Jahre alt, unauffällig aussehend, die nun berichtet, sie sei hier im Haus mehrere Wochen festgehalten, gedemütigt und geschlagen worden, nachdem die beiden Damen sie hierher entführt hatten und sie nicht gewillt war, ihnen als Dienstmädchen zu dienen. Was unglaubwürdig klingt, kann das vermutliche Opfer durch teils detailreiche Beschreibungen untermauern. Zwar kommt es vorerst nicht zu einer Anklage, da Scotland Yard keine weiteren Beweise finden kann, doch als sich die Presse des Falles annimmt, beginnt eine Treibjagd auf die beiden Hausbewohnerinnen, aber auch die Ermittlungen der Polizei werden intensiviert. Robert Blair, der sich den verdächtigten Frauen verbunden fühlt, stellt eigene Ermittlungen an, die jedoch kaum vorankommen, während sich auf Seiten des Mädchens neue Zeuginnen finden. Die Sache steht schlecht, nachdem auch ein engagierter Privatdetektiv auf der Stelle tritt, umgekehrt aber die Angriffe auf das einsame Haus zunehmen. Als sich erste Lichtblicke im Sinne der Frauen auftun, taucht der Beamte von Scotland Yard wieder auf: Mit einem Haftbefehl. Anfangs liest sich Josephine Tays (alias Elizabeth Mackintosh, 1897 bis 1952) Roman noch sehr angenehm, very british, mit dem etwas unbeholfenen Provinzanwalt Blair als unvermutetem Gentlemandetektiv, doch verliert sich der Reiz bald, was einerseits an der Konstellation liegt, dass bald klar ist, wie die Sympathierollen verteilt sind, die Spannung also nicht mehr darin gründet, ob die beiden Damen lügen – was eine sehr hübsche Pointe gewesen wäre –, sondern nur noch, wie dem vermeintlichen Opfer nachzuweisen ist, dass seine Geschichte erfunden ist. Auch dies wäre natürlich akzeptabel, jedoch malt hierfür Tey das Mädchen zur bösartigen Schlampe, die Franchise-Bewohnerinnen zu übernetten Ladies aus, dass man sich fast wünscht, in der Gerichtsverhandlung, würden doch letztere als Lügnerinnen überführt statt des Kindes. Wirklich unerträglich wird mit der Zeit allerdings die stockkonservative Grundhaltung des Textes, mit seinen Invektiven gegen Engagement für Benachteiligte aller Art und vor allem die Presse, die – für Krimis bis hin zum Fernseh-„Tatort“ typisch – pauschal als Hort sensationsgeiler wetterwendischer Schreiberlinge dargestellt wird, was sowohl für den Boulevard als auch die seriöse Zeitungen gilt. Da erweist sich der Roman dann als tatsächlich provinziell im schlechtesten Sinne. 

 


Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.

Die Auseinandersetzung mit der RAF und dem Linksterrorismus vor allem der 1970er Jahre in der deutschsprachigen Literatur ist insgesamt nicht sonderlich gelungen, oft herrscht ein seltsamer apologetischer Unterton vor, der unangebracht relativierend wirkt, manches Mal ging man auch den üblichen Manipulationen der RAF auf den Leim – Foltervorwürfe etc. – in jedem Fall fehlt oftmals eine klare Distanzierung aus falsch verstandener Solidarität mit den Bewegungen um 1968, wobei man mit dieser mehr Schaden anrichtet, als würde man deutlich und klar den Irrweg, den diese – ja nur sehr wenigen – in die Gewalt gegangen sind, benennen. Ulrike Edschmid (geboren 1940) gehört zu den ganz wenigen, denen es gelungen ist, sehr klug und ohne eigene Scheuklappen über jene Zeit und den Terrorismus zu schreiben, gerade weil sie mit einigen Akteuren eng verbunden war, ihnen aber nicht folgte. Dies hatte sie schon in „Frau mit Waffe“ bewiesen und sie tut es erneut mit dem Roman über das „Verschwinden des Philip S.“, wobei sich die Genrebezeichnung nur auf das Stilistische bezieht, inhaltlich handelt es sich um einen autobiographischen Bericht. Edschmids Kunst besteht in der Beleuchtung persönlicher Lebensläufe, die sie in einer an sich schwierig zu handhabenden Form der distanzierten Einfühlung wiedergibt: Philip S., Aussteiger aus einer strengen, schwerreichen Schweizer Familie, studiert in Berlin an der Filmhochschule, dreht dort einen schwermütig asketischen Streifen, stark ästhetisierend, der bei den Kommilitonen überwiegend auf Unverständnis stößt. Die Politisierung greift um sich, statt eskapistischer intellektueller Reflektion ist Handeln gefragt, Aufbegehren, sowohl an der Hochschule selbst als auch auf den Straßen. Auch Ulrike engagiert sich, doch Philip, mit dem sie zusammen ist – und gemeinsam eine Art Groß-WG bewohnt – sucht nach neuen Wegen, die radikaler sind, immer mehr entfernt er sich von seiner Freundin und deren Kind. Irgendwann verlieren sich die Kontakte, Philip S. ist verschwunden, in einem langen Prozess des Ab- und Wegtauchens. Mitte der 1970er gerät er wieder in die Schlagzeilen. Ulrike liest von seinem Tod bei einer Polizeiaktion. Kein sentimentaler Kitsch, kein Aufrechnen mit den – nicht verschwiegenen – Fehlern der Anderen, keine entschuldigenden Erklärungsansätze, einfach das trotz allem Unverständnis mitfühlende Portrait eines Menschen, von dem man glaubte, ihn etwas zu kennen. Eine absolute Empfehlung.  

 

Giorgio Manganelli: Amore.

Der Text gliedert sich in einen sehr langen Monolog, dem noch ein Zwiegespräch und mehrere kurze Episoden von Menschen in typischen Berufen – Beamter, Mesner, Soldat, etc. – folgen, Hauptthema ist die titelgebende Liebe. Die zum Buch entfaltet sich leider nicht, da Giorgio Manganelli (1922 bis 1990) sich eines äußerst gekünstelten Stils bedient, der einem das Vergnügen am Text sehr bald austreibt, sofern man nicht versessen ist auf eine neubarocke, extrem prätentiöse und ihre Kunstfertigkeit ausstellende Schreibweise, die in kaum erträglicher Weise Schwulst und Gesuchtheit kombiniert. Nach der Lektüre hat man große Lust, ein Buch namens „Hass“ zu schreiben, sollte es aber ebenso lassen, wie man sich das Lesen hätte sparen können. Eine Qual.

 

Alain Robbe-Grillet: Projekt für eine Verschwörung in New York.

Wie man literarische Kunstfertigkeit gekonnt einsetzt, beweist dagegen – einmal mehr – der Großmeister des nouveau romans Alain Robbe-Grillet (1922 bis 2008). Dessen Text ist tatsächlich wie gewohnt extrem komplex, aber im klassisch nüchternen, stark auf Beschreibungen setzenden Stil, denen naturgemäß aber nie zu trauen ist. Das Verwirrspiel treibt Robbe-Grillet in diesem Roman ziemlich weit. Inhaltlich lässt sich nicht einmal ein exakter Satz zur Handlung angeben, eine Frau ist in einer Wohnung – aber ist sie freiwillig dort? Ist sie Gefangene? Verstecktes Opfer von Gewalt? Oder ist es der Fluchtort einer skrupellosen Täterin? Ist sie Teil oder Ziel einer Verschwörung, verzogenes Flittchen, Verbrecherin oder Objekt von Spionage? Und alles ist noch viel komplizierter. Lesen wir hier nur Bruchstücke eines Films, eines billigen Kriminalromans, einer Tonbandaufnahme oder eines Verhörs – oder alles zugleich? Unerwartet tauchen immer wieder Szenen auf, die wir schon kannten, die aber völlig anders geschildert oder interpretiert werden. Ebenso brechen Handlunge plötzlich ab, die nicht, später oder ganz anders fortgesetzt werden. Soweit, so typisch. Nicht vor der Komplexität des Textes – das ist es eben, was man bekommt, wenn man zu einem Robbe-Grillet greift – muss gewarnt werden, sondern vor den sich häufenden und oft extrem brutalen Gewaltschilderungen. Die sind zwar sozusagen Zitate der Schundliteratur, aber dadurch nicht gefiltert und deshalb eher nichts für schwache Nerven. Vielleicht nicht unbedingt als Einstieg in den nouveau roman tauglich, für dessen Liebhaber:innen jedoch ein Genuss.  

 

Marcel Pagnol: Le Temps des Amours.

Als sehr beliebte kleine Fortsetzungsserie hatte Marcel Pagnol (1895 bis 1974) seine „Kindheitserinnerungen“ – so der Untertitel – teils veröffentlicht, bevor sie unter genanntem Titel später postum zusammengefasst aus dem Nachlass noch einmal herausgegeben wurden, wobei manches Manuskript noch nicht fertig ausgearbeitet war. Die einzelnen Episoden, überwiegend Schulgeschichten, leiden natürlich an der generellen Krux solcher Erzählungen, nämlich einer gewissen Verklärung. Der oft keineswegs so amüsante Alltag im französischen Süden scheint zwar mehrfach durch, insgesamt aber lebt das Buch vorwiegend von der Lausbubenmentalität der Protagonisten mit ihren Schulstreichen, Versetzungsängsten und ersten Liebesabenteuern. Zu lesen ist das wunderbar, unterhaltsam und mit Humor, der, wie gesagt, unter der Oberfläche die oft schwierigen Familienverhältnisse nicht völlig ignoriert. Interessantestes Stück der Sammlung ist allerdings eine Geschichte, die nur ganz locker und etwas unbeholfen durch eine Rahmengeschichte eingereiht wurde, eine historische Erzählung über einen späten Pestausbruch in Marseille. Die Bewohner eines Stadtviertels, angeführt von einem frühzeitig informierten Arzt, versuchen, sich der Seuche durch völlige Abkapselung zu entziehen. Einfach ist das nicht, Gefahren drohen von Innen – moralischer Verfall, Todesangst, Klaustrophobie – als auch von Außen durch Rückkehrer oder die Behörden. Der Plan droht zu scheitern, als die Stadtoberen beschließen, die einzelnen betroffenen Viertel niederzubrennen. Die – leider unvollendete – Geschichte erinnert an ähnliche Szenarien bei Camus und Edgar Allan Poe.

 

Jack Vance: Verlorene Monde.


Unter Kennern ist Jack Vance (1916 bis 2013) ein Klassiker des Genres, verdient hätte er Aufmerksamkeit weit über die Science-Fiction hinaus. Der Erzählungsband wäre zum Beispiel ein hervorragender Einstieg, versammelt er doch Geschichten aus dem Entstehungszeitraum kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Angenehm macht die Lektüre allein schon, dass Vance generell eher wenig Wert legt auf die Präsentation überraschender ausgefeilter Zukunftstechniken, zwar werden natürlich die ein oder andere als damals absolut futuristisch angesehenen Gerätschaften genannt, aber diese dienen an sich lediglich als Markierer von „Zukunft“ und sind aus unserer heutigen Sicht zumeist ohnehin liebenswert altbacken – etwa Bildschirmkommunikation. Das stört keineswegs, geht es Vance doch ohnehin um die psychologischen Komponenten, ihn interessieren auf die Charaktere einwirkende ungewöhnliche Umstände. Seien das nun die Jagd nach diversen Weltraumverbrechern, die Ausrichtung einer intergalaktischen Miss-Wahl oder die Überlistung eines weltenerschaffenden, aber offensichtlich geistig nicht mehr zurechnungsfähigen Wesens. Es geht unterhalb der Ebene der spannenden Geschichten also um grundsätzliche Fragen: Immer wieder um Schuld, um Handlungsmöglichkeiten, aber auch um die Wertung von Schönheit, die viel über unsere eingeschränkten Sichtweisen und Vorurteile verrät. Wie erwähnt, eine Aufforderung, den kalifornischen Schriftseller zu entdecken!              

                                                                                                                                                   

                                                                   

Donnerstag, 10. Februar 2022

Lektüremonat Januar 2022.

 


Adam Langer: Crossing California.

Obwohl der Titel eine Art Road-Roman durch den sonnigen Bundesstaat im Südwesten suggeriert, spielt Adam Langers Debut (geboren 1967) mitten in Chicago. Passend ist der Titel trotzdem, denn es geht darum, den Wechsel auf die andere Straßenseite der California Road zu schaffen, ins andere, besser gestellte Stadtviertel. Langer breitet das Panorama dreier reichlich durchschnittlicher jüdischer Familien aus, die den Sprung auf die andere Seite vor sich oder längst geschafft haben, die nur davon träumen oder dabei sind, ihren Status zu verspielen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der jüngsten Generation, dem pubertierenden Nachwuchs, wobei sich die Erwachsenen am Rande der Midlife Crisis kaum weniger hormongesteuert, verwirrter und verirrter oder umgekehrt erfahrener oder vernünftiger verhalten, im Gegenteil, ihre Missverständnisse, ein Hauptthema des Romans, sind teils wesentlich gravierender, wobei als böse Ironie ausgerechnet die ausgebildete Psychologin und Beziehungsberaterin Ellen Rovner nicht nur die größte Zynikerin, sondern auch die mit der wenigsten Menschenkenntnis ist, die selbst ihre an sich eher harmlos-brave strebsame Tochter falsch einschätzt. Über 500 Seiten lang folgen wir in wechselnder Perspektive den insgesamt nicht sonderlich spektakulären Alltäglichkeiten zwischen Ehe- und Pubertätsproblemen, die Wirkung des Romans liegt darin, dass wir uns an die verschiedenen Charaktere gewöhnen, vom zu gutmütigen alleinerziehenden Charlie Wasserstrom, der jüngeren politisierten Tochter Jill und der promiskuitiven, stets rebellischen Michelle – die interessanteste Figur des Buches – bis zu den vor der Scheidung stehenden Rovners und der schwarzen Deirde mit ihrem Sohn Muley. Dem Ganzen ist die erlernte Schreibarbeit manchmal anzumerken, was bei einem Debut naturgemäß in Ordnung geht, man bemerkt die Kunstfertigkeit, aber dafür liest es sich dann eben auch kunstfertig: gut ausgearbeitete Charaktere, an den richtigen Stellen gesetzte Pointen, manchmal schnell gestrafftes, manchmal breiteres Erzählen, dies alles miteinander verwoben. Ein unterhaltsamer, angenehmer Lesebegleiter.

 

Denise Bombardier: Herzflattern.


Francoise ist eine erfolgreiche Managerin, die sich durch den Anschein von kalter Härte Ansehen erarbeitet und in der Männerwelt ihres Berufes durchgesetzt hat. Dazu gehört auch, dass sie nach ihrer Trennung ein selbstbewusstes Sexualleben führt, dass auf die Gefühle ihrer zeitweiligen Gespielen keinerlei Rücksicht nimmt, spätestens nach dreimal Sex serviert sie ihre Liebhaber ab, nicht nur aus Kalkül, sondern auch, weil sie das Interesse an ihnen verloren hat, sich sogar vor ihnen ekelt. Hinter der unterkühlten, scheinbar alles berechnenden Fassade steckt allerdings eine zerbrechliche Frau, die das plötzliche Verlassenwerden durch ihren Mann nie verwunden hat und mit ihrer Mutterrolle nicht zurechtkommt, die von einem schlechten Gewissen gegenüber ihren Töchtern geprägt ist, denen sie zwar ein bequemes, materiell reiches Leben, aber keine echte innere Zuneigung bieten kann. Ihr geordnetes Dasein gerät ins Wanken, als sich einer ihrer abgelegten Liebhaber als hartnäckig erweist und sie gegen ihre Grundsätze verstößt. Bombardiers (geboren 1941) scheinemanzipierte Protagonistin ist ein typisches Zeitgeistphänomen der frühen 1990er Jahre, wirtschaftlich und sexuell äußerst erfolgreich, aber doch letztlich nur eine bestens an die Männer angepasste Frau, die deren Riten annimmt beziehungsweise noch weiter ins Extreme steigert, aber gleichzeitig darunter leidet und sich letztlich doch nur an der Unterwerfung erfreut. Am Ende ist sie nur ähnlich unsympathisch wie die sie umgebenden Typen. Dazu werden noch etwas schlimme Kindheit und Mutterschaftszweifel untergemischt, dass alles in Stakkatosätzen, fertig ist der Roman. Immerhin, der schreckliche Titel ist ausnahmsweise kein Übersetzungsverbrechen, sondern geht tatsächlich auf das Original zurück. Das passt ins Bild.   

 

Hans Rauschning (Hg.): Französische Gespenstergeschichten.

Mitte der 1960er Jahre hatte der Fischer-Verlag eine Reihe von Anthologien mit Gespenstergeschichten verschiedener Länder begonnen, die über ein Jahrzehnt ziemlich erfolgreich lief. Darunter fand sich auch Exotischeres, Frankreich dagegen darf naturgemäß eher als klassisches Land für dieses Genre gelten. Versammelt sind deshalb in diesem Band die erwartbaren Meister Merimée, Maupassant oder Nerval, aber auch unbekanntere Vertreter:innen wie Pierre Mille oder Gabrielle Ménardau, der Zeitraum der Entstehung der Erzählungen erstreckt sich somit vom frühen 19. Jh. bis in die (damalige) Gegenwart. Hans Rauschning berücksichtigt dabei explizit die Vorgabe, Gespenster- und nicht Gruselgeschichten zu präsentieren, also fantastische Erzählungen, in denen sich etwas konkret Figürliches manifestiert, für gewöhnlich eine Verstorbene oder Verstorbener. Wobei die Manifestation durchaus eine – mögliche? – Einbildung oder auch mal ein ganzes Totenschiff sein kann. Mal geht es äußerst bösartig und rettungslos zu, mal dagegen auch amüsant oder mit aufgeklärtem Ausgang. Sinn und Zweck der Anthologie sind also erfüllt.  

 


Esther Vilar: Rositas Haut.

Der Ruhm Esther Vilars (geboren 1935) ist zwischenzeitlich etwas verblasst, beruhte allerdings mehr auf ihren kontroversen Streitschriften über die angebliche Unterdrückung des Mannes, mit denen sie in den 1970er Jahren als eine Art Anti-Feministin für Furore sorgte. Dieses Engagement hat sie auch weitergeführt, ein breiteres Gehör blieb aber in späteren Zeiten aus. Nun könnte man in ihren literarischen Werken, die sich dem Erotischen widmen, eine Umsetzung ihrer Thesen vermuten, wovon zumindest in „Rositas Haut“ jedoch nur wenig zu verspüren ist. Im Gegenteil, die Kombination ist eher klassisch: Ein vermögender, bereits leicht in die Jahre gekommener Kühlschrankfabrikant hat ein Verhältnis mit einer neuen, nur halb so alten Angestellten. Gemeinsam begeht man seinen Geburtstag im Sommerhaus der Familie, doch Rosita hat eine Intrige eingefädelt, die den Verlauf anders gestaltet, als wohl von ihrem Chef erhofft: Sie lenkt die Aufmerksamkeit seiner Ehefrau auf ihr Verhältnis, dass somit auffliegt. Der Liebhaber ist gezwungen, sich zu entscheiden. Tatsächlich scheint er nachzugeben, beichtet seiner Frau und den Kindern und kündigt die Scheidung an. Doch als aufzufliegen droht, dass er von seiner Geliebten indirekt genötigt wurde, kommt es zur Katastrophe. Dieser an sich banalen Grundkonstellation fügt Vilar zwei literarische Kniffe hinzu: Einerseits lässt sie stets offen, wie ernst es der Chef mit seinen Versprechungen meint. Ist Rosita tatsächlich nur eine von vielen Vorgängerinnen, die er später durch die nächste ersetzen wird? Oder ist sie die Besondere, die ihn endlich dazu bringt, die lähmende Ehe aufzugeben? Das eigentlich Außergewöhnliche des Romans ist allerdings seine Perspektive: Es ist die eines Moskitos, der sich im Haus aufhält und sich ebenfalls in Rosita, ihre Haut und ihr Blut verliebt. Die parallele sexuelle Symbolik ist natürlich nicht überraschend, aber doch recht raffiniert eingesetzt. Die Zusatzkonstruktion über die Wiedergeburt – die erklärt, warum der Moskito in der Lage ist, uns diese Geschichte zu erzählen – ist zwar fast etwas viel, sorgt aber für einige humoristische Möglichkeiten. Die Erkenntnisse über Beziehungen, die hin und wieder zum Besten gegeben werden, sind nicht gerade das Tiefgründigste, die ungewohnte, ironisch durchsetzte Sichtweise des Moskitos tröstet hierüber aber hinweg und macht das Buch zum Lesevergnügen. 

 

Matthias Martin: Das Moor der kriechenden Schatten.

Unter dem Pseudonym Matthias Martin veröffentlichte der Schriftsteller Klaus Fröba (geboren 1935) einige Abenteuer- und Kriminalromane, die sich an ein jugendliches Publikum richteten. In die erstere Kategorie fällt „Das Moor der kriechenden Schatten“, das der Verlag etwas überraschend als bereits ab 11 Jahren (und noch überraschender, nur bis 14 Jahre) einordnete. Spätabends erhält der Arzt Dr. Thomas Hay einen Anruf. Ein alter Freund, Charles Fraser, Biologe und Forscher, meldet sich überraschend, aber mit wenig erfreulichen Nachrichten: Er bittet Hay, schnell auf die kleine Insel Glenfinn vor der schottischen Küste zu kommen, es sei ein dringender Notfall, noch kann er etwas von einer Vergiftung erwähnen, da bricht die Leitung zusammen. Als Hay am nächsten Morgen an der Küste eintrifft, sieht er den Grund: In dem schmalen Meerestreifen zwischen Festland und Insel herrscht ein gewaltiger Sturm, der zudem die Überfahrt unmöglich macht. Da Hay somit ohnehin nur warten kann, klärt ihn der örtliche Fischer über die Gegebenheiten auf dem kaum noch bewohnten Eiland auf, vor allem aber über die vielen unheimlichen Sagen und Geschichten, die sich dort vor allem um das Moor ranken. Als er endlich dort eintrifft, ist es bereits später Nachmittag, doch trotz der Warnungen des Wirtes des einzigen und halbverlassenen Dorfes begibt er sich noch zu dem heruntergekommenen Gutshaus auf der anderen Seite durch das Moor, wo das Forschungsteam seines Freundes residiert. Nach dem beängstigenden Weg durch das Moor erfährt er endlich, warum ihn sein Freund um Hilfe gebeten hat. Nachdem ein Militärflugzeug eine Kiste über der Insel verloren hatte, verhalten sich die von den Biologen beobachteten kleinen Molche merkwürdig. Nachdem einer von ihnen mit einem Schwanzschlag die Kollegin getroffen hatte, verfiel diese kurz darauf dem Wahnsinn. Doch als Hay sich ihr widmen will, ist sie nicht mehr da: Sie ist durch ein Fenster entkommen und irrt nun in der Nacht durch das Moor. Hay und die beiden verbliebenen Forscher stehen bald vor einer ganzen Mauer von Problemen: Der Suche nach der Kollegin im Moor, wo nicht nur die natürlichen Gefahren lauern, sondern sich auch bald herausstellt, dass die Molche nicht nur aggressiver geworden sind, sondern auch größer – und beides nimmt zu. Dazukommt, dass sie scheinbar immer planmäßiger vorgehen. Neben der Suche müssen folglich auch die Dorfbewohner gewarnt und Hilfe geholt werden. Doch die Reptilien versperren den Weg zu den Häusern. Martin fährt also das volle Repertoire auf, die man aus den seinerzeit beliebten Ökohorrorfilmen kennt. Erstaunlich ist, dass ihm dies ziemlich gut gelingt, auch weil er den Leser:innen kaum Zeit lässt, sondern dramatische Aktion an dramatische Aktion reiht und weil er zudem einige Klischees auslässt – etwa den typischen ungläubigen Leugner oder das negative Abzählschema, bei der eine Gruppe nach und nach dezimiert wird. Selbst dass er gewissermaßen dick aufträgt und Gespenstergeschichten, Naturhorror und Einsame-Insel-Motive zusammenmischt, funktioniert ziemlich gut. Ein echter Page-Turner, beileibe nicht nur für Jugendliche – das einzige Merkmal eines Jugendromans ist, dass es in dem Buch keine Toten gibt. 

 

Dave Eggers: Bis an die Grenze.


Josie hat sich zur Flucht entschieden. Vor ihrem Ex, der heiraten und deshalb die beiden Kinder seiner Zukünftigen vorstellen möchte, vor dem Verlust ihrer Zahnarztpraxis durch eine unzufriedene Patientin, die sie verklagt hat, und überhaupt vor ihrem derzeitigen Kleinstadtleben, aber auch ihrer Vergangenheit als Tochter drogensüchtiger Krankenpfleger, die sie schließlich in Obhut geben mussten. Das grobe Ziel: Alaska. Das genaue Ziel: unbekannt. Beides charakterisiert Josie: Einerseits wagt sie tatsächlich den Ausbruch, hinterlässt auch keinerlei Hinweise auf ihr Verschwinden, andererseits reicht der Mut nicht für das völlig Fremde, Alaska ist weit weg, außerhalb der Grenze, aber dann doch wieder Teil der USA, also vertraut. Dave Eggers (geboren 1970) präsentiert einen klassischen Roadtrip, der Josie und ihre beiden Kinder, die destruktive kleine Ana (5) und den nüchternen, braven Paul (8) in einem gemieteten Wohnwagen durch das ihnen unbekannte Alaska immer weiter in den Norden führt. Nun, was erwartet man von diesem Genre? Es gibt zwei Stränge: Entweder liegt der Reiz in der Begegnung mit außergewöhnlichen Menschen oder faszinierenden Orten, der Ablauf ist eher reportagenhaft. Oder das Hauptmotiv liegt in der Flucht, setzt also auf Spannung durch den Verfolgungsdruck, die Angst vor der Entdeckung oder dem Eingeholtwerden. Beides lässt sich in Eggers Roman nur schwer festmachen. Die Personen und Orte, auf die Josie trifft, sind wenig spektakulär, Durchschnittstypen, außerdem sind sie schon im nächsten Kapitel meist wieder komplett verschwunden. Zwar fühlt sich die Familie verfolgt, aber einerseits gelingt es Eggers nicht, diese Bedrohung am Köcheln zu halten, andererseits stellt sie sich ohnehin als größtenteils imaginiert heraus. Was auch an der Protagonistin, der unsicheren Josie liegen mag, die manchmal himmelhochjauchzend, manchmal zu Tode betrübt ist, in ihren Einschätzungen jedenfalls oft falsch liegt, dies sogar selbst ständig reflektiert, ohne es zu ändern, beziehungsweise ändern zu können. Schließlich hat Eggers ihr allerhand schreckliche Vorgeschichten und noch dazu psychische Defekte aufgebürdet, so dass die Figur überfrachtet wirkt. Als Roadtrip funktioniert der Text auch deshalb nicht, weil er zu stark episodisch angelegt ist, ohne dass die Episoden in sich groß überraschen – man übernachtet heimlich in einer einsamen, perfekt eingerichteten Hütte, wird da wohl bald der Besitzer auftauchen? – noch sich zu einer fortlaufenden Erzählung reihen. Zwar geht die Reise in den Norden einher mit einer immer größeren Verringerung der Möglichkeiten durch die erlittenen Verluste – der Wohnwagen, das Geld – und zum Schluss landen sie gemeinsam zu Fuß abseits in den Bergen in einem Unterstand, auch das kein sonderlich innovatives Motiv, aber an sich könnte man, ähnlich ziellos wie die Protagonistin, weiterhin Episode an Episode aneinanderreihen und den Roman ins Unendliche verlängern. So gesehen darf man froh sein, dass nach fast 500 Seiten Schluss ist.

 


Yasunari Kawabata: Die schlafenden Schönen.

Ob Yasunari Kawabata (1899 bis 1972), immerhin Nobelpreisträger, für dieses ursprünglich 1960 erschienene Buch heute noch einen Verleger fände? Eine spannende, aber nur hypothetische Frage, zum Glück. Der sehr kurze Roman ist buchstäblich ein Kammerspiel, doch die Kombination der Figuren ist außergewöhnlich: Der alternde Herr Eguchi, etwas über sechzig Jahre, sucht ein ihn empfohlenes, sehr diskretes Haus auf. Dessen Service: Dem Besucher ist es erlaubt, die Nacht an der Seite eines sehr jungen nackten Mädchens zu verbringen. Doch das Mädchen ist in Tiefschlaf versetzt und sexuelle Handlungen sind verboten. Anfangs nur durch Neugier getrieben und sich unsicher und auch etwas unwohl fühlend, verfällt Eguchi bald dem Reiz dieser Konstellation. Der Anblick und auch die – nicht verbotenen Berührungen – der Mädchen rufen in ihm zwiespältige Gedanken hervor, über das Alter(n), seine früheren Beziehungen, seine Kinder – er ist verheiratet – über die Grenzen des Erlaubten, über die Mädchen. Mehrfach ist er versucht, die starren Regeln des Hauses zu brechen, für Skandal zu sorgen. Doch schreckt er auch immer wieder davor zurück, provoziert zwar die Hüterin des Hauses, eine abgeklärte Dame um die Vierzig, aber dabei geht es ihm zumeist nur darum, sich selbst zu versichern, dass er anders sei als die anderen Gäste. Eguchi – und damit der Text selbst – reflektiert stets das Unangemessene, das Anrüchige des eigenen Tuns. Wie jeder, der etwas an sich Verbotenes oder doch zumindest äußerst Fragwürdiges tut, entlastet er sich mit dem Gedanken, seine Gründe und sein Handeln seien ganz anders, besser als die Motive der weiteren Besucher, die er nicht kennt, aber stets „die Greise“ nennt, die er mehr oder weniger bemitleidet, wodurch ein bequemes Mittel entsteht, das eigene Tun von sich abzuspalten. Letztlich tritt ein, was Eguchi als Bedrohung des gesamten Arrangements gefürchtet, vielleicht aber auch herbeigesehnt hat, da es ihn gewissermaßen erlösen würde von dem Drang, das Haus weiterhin aufzusuchen: Einer der alten Männer stirbt in einer der Nächte. Doch der Vorfall kann vertuscht werden und Eguchi kehrt wieder – bis es zu einer weiteren Katastrophe kommt. Die Kombination älterer Herr und ihm ausgeliefertes blutjunges Mädchen ruft in uns wahrscheinlich noch deutlich mehr zwiespältige Gefühle hervor – die der Roman, wie erwähnt, jedoch selbst bereits diskutiert – als einst beim Erscheinen, sprachlich und in seiner gedankentiefen Art ist er gleichwohl ein Meisterwerk.                                                                    

                                                            

                                                                                                        

Dienstag, 25. Januar 2022

Das Zitat zum Dienstag.

"My mother didn't care, as long as I was clothed and fed. By this I don't mean to imply we didn't love each other and wouldn't have died for each other. We certainly wouldn't."  

 

Alan Sillitoe, A Start in Life (p. 52) 




Donnerstag, 13. Januar 2022

Lektüremonat Dezember 2021.

 


Jeanine Cummins: American Dirt.

Familienfeier in Acapulco. Alle sind versammelt, von der Großmutter bis zu den Cousins, Nichten und Neffen, überleben werden den Tag nur zwei: Lydia und Luca, Mutter und Sohn, die sich im Bad versteckt haben, während ein Streifkommando des örtlichen Drogenkartells ihre Familie auslöscht. Grund sind die Artikel von Lydias Mann, eines investigativen Journalisten, der über die Machenschaften der Organisation geschrieben hatte. Es ist klar, dass die Narcos ihr Versehen, zwei Personen übriggelassen zu haben, schnellstmöglich werden ausbügeln wollen. Einen Schutz gibt es nicht: Behörden und Polizei sind korrupt, schon vom Tatort aus werden durch Beamte Hinweise an das Kartell über die beiden Überlebenden geschickt. Eine Flucht beginnt, erst aus der Stadt, dann aus dem Land. Mit Hilfe der Güterzüge, die nach Norden fahren, möchte Lydia die USA erreichen, wo Verwandtschaft wohnt. Sie räumt ihr Konto und das ihrer toten Mutter leer und will die Geschehnisse nicht an sich heranlassen, da sie nur noch eine Aufgabe kennt: ihren Sohn zu retten. Denn ihre Verfolgung ist nicht nur eine Frage der Logik des Verbrechens, sondern auch eine persönliche. Lydia, die einen Buchladen führte, befreundete sich mit ihrem besten Kunden an, der sich als das Kartelloberhaupt herausstellte, der Mann, der Acapulco zur Hölle gemacht hatte und über den ihr Mann seine Artikel schrieb. Auf der Flucht erst mit dem Bus, dann dem Zug trifft sie nun auf andere Migranten, auf Helfer und auf die Grenzpatrouillen, die nicht minder korrupt und gewalttätig sind, die ihr das Restgeld rauben und die mit ihnen flüchtenden Mädchen vergewaltigen. Zwar gibt es so etwas wie eine Solidarität der Flüchtenden, zugleich ist aber nie eindeutig, wem zu trauen ist und wem nicht. An der Grenze angekommen, hat Lydia zu wenig Geld übrig, um den Schlepper zu bezahlen. All die Gefahren schienen umsonst gewesen. Und die Verbindungen der heimischen Narcos reichen weit, sehr weit. Sogar bis über die scheinbar rettende Grenze. Jeanine Cummins‘ (geboren 1974) Roman wurde zum Bestseller, da er nah am Zeitgeschehen war und zugleich übliche Lesegewohnheiten bediente. Darin liegt wohl auch das Manko des Buches, das schon in der Aufmachung an einen Thriller erinnert und eben auch wie ein solcher angelegt ist. Dazu gehört auch die enge persönliche Verknüpfung der Hauptpersonen durch die enttäuschte Freundschaft als verstärkendes melodramatisches Motiv, beides tut dem Gesamtanliegen des Romans eher nicht gut. Die Gewaltmotive werden zum Teil des Genres statt wirklich betroffen zu machen, das Migrantendasein verliert sich hinter dem Dr.-Kimble-haften der Flucht, die Spannung drängt das Schicksal der Menschen, die für ein besseres Dasein oder aus Zwang ihr Leben riskieren, in den Hintergrund. Und so legt man das Buch nach der Lektüre beiseite und greift dann zum nächsten Thriller, ohne noch groß darüber nachzudenken.    

 

Ernst Weiß: Der Fall Vukobrankovics.


Der Schriftsteller Rudolf Leonhard setzte in den 1920er Jahren bei dem Verlag, für den er unter anderem selbst arbeitete, eine Reihe durch, die heute unter dem beliebten Etikett „True crime“ fungieren würde. „Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart“, so der Name der Serie, für die namhafteste Schriftsteller:innen der Zeit um Beiträge gebeten wurden, darunter Alfred Döblin, Egon Erwin Kisch und eben auch Ernst Weiß (1882 bis 1940), die ihre Bücher im Gegensatz zu den ebenfalls engagierten Thomas Mann, Joseph Roth oder Jakob Wassermann auch noch schreiben konnten, bevor das Projekt nach vierzehn erschienen Texten aufgegeben werden musste. Weiß, der meisterliche psychologische Autor, nahm sich die Analyse zweier Gerichtsverhandlungen vor: In der ersten war die Lehrerin Milica Vukobrankovics Ende Oktober 1918, in den letzten Wochen der k.u.k. Monarchie, des Giftmordversuches angeklagt. Die Beschuldigte, die sich selbst als aus hohem balkanischem Adel stammend bezeichnete, hatte bei einer befreundeten Familie Arsen ins Essen gemischt, einen weiteren Versuch mit Hilfe einer Tablette unternommen und nach Aufkommen des Verdachtes den Sohn des Hauses beschuldigt, verantwortlich zu sein. In der Gerichtsverhandlung verteidigte sie sich geschickt, die Geschworenen konnten sich nicht zur Verurteilung durchringen, lediglich wegen der Verleumdung des Jungen wurde sie mit einer Haftstrafe belegt. Fünf Jahre später, 1923, Österreich war inzwischen Republik, stand die Vukobrankovics erneut vor Gericht. Anklagepunkt: Versuchter Giftmord. Das Opfer war diesmal ein Verlagsleiter, für den sie im Büro arbeitete, und dessen Familie, wobei sie diesmal so vorging, dass sie selbst teils von dem vergifteten Essen probierte und dadurch leichte Vergiftungserscheinungen zeigte. Der Prozess war nun, anders als noch 1918, eine Sensation, und wiederum trug die Angeklagte ein Selbstbewusstsein zur Schau, das auf die Presse, aber auch das Gericht Eindruck machte. Wiederum mit einigem Erfolg. Die härtesten Anklagepunkte – tückischer Meuchelmord – wurden fallengelassen, die Täterin zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Weiß seziert die Persönlichkeit der Frau, die in der Haft auch eine kaum verbrämte Geschichte ihres Prozesses zu Papier gebracht hat, aber auch die Mängel des Justizsystems, das ihrem Vorgehen in beiden Fällen nicht Herr wird – und dadurch das zweite Verbrechen erst ermöglicht. Eine spannende Studie und ein für das Werk Weiß‘ außergewöhnliches Seitenstück. 

 


Richard Bachman: Der Fluch.

Der erfolgreiche Anwalt Billy Haleck hat zwar im Beruf keine Probleme – dafür ist er skrupellos genug –, aber mit seinem Gewicht. Er hat einiges an Kilo zuviel, doch ändert sich dies eines Tages nach einer Gerichtsverhandlung, bei der er selbst der Angeklagte war. Bei einem Verkehrsunfall, bei dem er – wie wir im Laufe der Geschichte erfahren – durch Oralverkehr seiner Frau, abgelenkt war, hat er eine ältere Roma-Frau überfahren, die plötzlich die Straße gequert hatte. Doch Haleck ist in seiner Heimatstadt gut vernetzt und die Roma haben ohnehin keine Lobby. Die Polizei sah schon bei der Unfallaufnahme nicht so genau hin, der Richter zeigt sich milde gegenüber seinem Bekannten, Haleck kommt ungeschoren davon. Zumindest juristisch. Am Ausgang erwartet ihn ein greiser Roma, der ihn jedoch nur kurz berührt und das Wort „Dünner“ zuflüstert. Und in der Folge nimmt er ab, rapide. Die Pfunde purzeln, aber was anfangs vielleicht noch angenehm sein mochte, drängt bald den Verdacht einer Krankheit auf. Dass dieser sich nicht bestätigt, ist kaum beruhigend, abgesehen davon, dass die Gewichtsabnahme unweigerlich fortschreitet. Als Billy sowohl den Richter aufsucht, der aber nicht da ist, da er von einer schuppenartigen Hautkrankheit befallen wurde, und schließlich den damals verantwortlichen Polizeichef, der ebenfalls nicht mehr zum Dienst erscheint, da ihn hässliche Eiterbeulen im Gesicht zieren, ist ihm klar: Er wurde mit einem Fluch belegt. Nur der alte Roma kann ihn noch retten. Billy macht sich auf die Suche – inzwischen verfolgt von seiner Frau und seinem Arzt, die ihn für übergeschnappt halten und entmündigt haben. Nach längerer Reise findet Haleck die Roma, doch der Alte, ihr Oberhaupt, weigert sich, den Fluch zurückzunehmen. Nun bleibt dem bereits völlig abgemagerten nur noch ein einziger Verbündeter, ein Mafiosi aus der Großstadt, dem er einst einen Prozess gewonnen hat. Mit dessen Methoden soll der Roma überzeugt werden, den Fluch aufzuheben. Bachman alias Stephen King – der im Buch übrigens selbst namentlich erwähnt, aber falsch geschrieben wird, was entweder ein netter Gag ist oder einfach an der ohnehin holprigen Übersetzung liegt – würde diesen Roman so vermutlich nicht mehr schreiben. Zumindest hofft man das. Natürlich ist das Ganze recht spannend, aber leider strotzt es auch von Klischees, sei es nun über italienische Mafiosi oder schmierige amerikanische Anwälte oder noch viel mehr, über die herumziehenden Roma. Zwar werden diese als von Vorurteilen ins Abseits gedrängte Außenseiter beschrieben, doch dieselben Vorurteile gleichzeitig wieder bedient. Von den zwielichtigen Geschäften bis zur archaischen Hierarchie und Fluchkunst, dazu sind der Alte von enormer Hässlichkeit, die Jüngeren extrem gewalttätig und die Frauen feurige Schönheiten. Umgekehrt kann Haleck unser Herz kaum erwärmen, erst recht nicht, als er schließlich immer mehr seine Frau für sein Unglück verantwortlich macht. Sicher kein Glanzpunkt in Bachmans (geboren 1947) alias Kings Schaffen und dazu noch sehr schlecht gealtert. 

 

Peter Huth: Infarkt.

Nach einer Nacht mit einer Zufallsbekanntschaft fühlt sich Peter Huth (geboren 1969), ein bereits in vergleichsweise jungen Jahren enorm erfolgreicher Boulevardjournalist, ziemlich mies, nicht moralisch, sondern körperlich. Irgendetwas stimmt nicht, er ist nicht einmal mehr selbst in der Lage, Hilfe zu holen, was seine Bettgenossin für ihn erledigt und womit sie ihm das Leben rettet. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass er gerade einen Herzinfarkt durchmacht, nur durch das schnelle Eingreifen wird Schlimmeres verhindert. Huth kommt in die Reha und hat nun die Möglichkeit, über die Gründe für das für sein Alter doch reichlich ungewöhnliche und lebensbedrohliche Ereignis nachzudenken. Diese sind letztlich offensichtlich: Ein gehetztes Arbeitsleben, ausgeglichen durch ein ähnlich rücksichtloses Freizeitverhalten mit viel Alkohol und Drogen. Wären da nicht Konsequenzen zu ziehen, ein Infarkt mit nicht einmal vierzig Jahren der berühmte Warnschuss? In schnoddrigem Ton liefert Huth seinen Bericht ab, was hin und wieder amüsant zu lesen ist, aber schlussendlich über die tiefliegende Arroganz des gesamten Textes nicht hinwegtäuscht. Nun könnte man es einerseits begrüßen, dass hier nicht der typische vermeintlich hilfreiche Erfahrungsbericht mit Mein-Leben-hat-sich-total-geändert-Pathos abgeliefert wird und die Ehrlichkeit des Buches loben, andererseits verschwindet der schale Beigeschmack des sich selbst einfach nur zu geil findenden Partyhelden, der sein Jetsetleben aufrecht erhalten möchte, egal was es – in jeder Hinsicht – kostet, nie und so verliert sich das Interesse und der Aussagewert des Textes, es sei denn, man interessiert sich aus irgendwelchen Gründen für das ohnehin wenig überraschende Denken und Schnöselleben von Bild-Reportern.

 

Alan Sillitoe: A Start in Life.


Einmal mehr präsentiert uns Alan Sillitoe (1928 bis 2010) in seinem Roman von 1970 einen für seine frühen Werke typischen Helden: Michael Cullen, aufgezogen von seiner alleinerziehenden Mutter, nachdem sein Vater, ein Soldat kurz vor Einrücken in den Weltkrieg, nie mehr aufgetaucht ist, kann nicht anders, als zu konfabulieren, also nicht nur sehr flexibel mit der Wahrheit umgehen, sondern auch anlasslos seiner Fantasie freien Lauf lassen. Dahinter steckt nicht einmal immer irgendeine, geschweige denn eine böse Absicht, es ist einfach Teil von Michaels Naturell. Die Konsequenzen sind zwiespältig, auch wenn diese Eigenschaft ihm hilft, Mädchen zu beeindrucken und Jobs zu ergattern, muss er sie letztlich anschließend ständig einsetzen, um die Probleme, die er sich mit seinen Geschichten einfängt, wieder auszubügeln, seien es nun parallele Liebschaften oder Geschäftspraktiken, die im Allgemeinen als Betrug angesehenen werden. Der Ausweg scheint ihm, für junge Menschen nicht unüblich, die Großstadt, weg aus Nottingham und ab nach London. Doch schon der Weg dorthin im ersten eigenen Auto ist beschwerlich, weniger wegen der beiden Anhalter, die er mitnimmt, sondern weil sich das Gefährt auf der Fahrt nach und nach auflöst. Es ist erstaunlich, wie Sillitoe es schafft, diesen an sich abgehalfterten Slapstick – und zwar über etliche Seiten – amüsant aufzubereiten, so wie man es ihm dank seiner Erzählkunst nicht übelnimmt, dass er Michael in dessen Londoner Zeit ständig die gleichen Personen per Zufall über den Weg führt. Denn in der City geht es holprig weiter, zweifelhafte und zwielichtige Jobs reihen sich aneinander, neue parallele Liebschaften kommen hinzu, plus familiäre Verwicklungen und schließlich die Auseinandersetzung zweier Unterweltgrößen, die für Michael bedrohliche Ausmaße annimmt, steht er doch am Ende zwischen den beiden. Natürlich ist Michael ein Zeitgenosse, dem man nicht gerne begegnen würde, ein unzuverlässiges Großmaul, doch steckt dahinter ein gutmütiger Junge, der sich trotz allem an gewisse Maßstäbe hält, die er sich selbst gesetzt hat. Moralische Flexibilität hat viele und weitaus scheußlichere Seiten, wie viele der Figuren zeigen, denen Michael begegnet. Unbedingt lesenswert.                  

 

Elke Kahlert: Vorsicht, Gespenster!   

Endlich mal wieder ein Band aus der „Rotfuchs“-Serie und er hält, was man sich von der Jugendreihe verspricht: Vorgestellt werden uns zu Beginn eine Art WG an Spukgestalten, die in einer alten unterfränkischen Burg hausen. Jede der Figuren hat nicht nur ihren epochenspezifischen Hintergrund – eine gut genutzte Möglichkeit, um unaufdringlich historisches Wissen einfließen zu lassen – vom Bauernkrieg über Hexenverfolgungen bis zum Dienst im preußischen Heer, sondern auch ihre Eigenheiten, der eine schnuppert gern an Essen, die andere trägt ihren Kopf lieber im Arm, der nächste liebt es, zu befehlen oder Sport zu treiben. Allen aber ist daran gelegen, ihre Künste zu verfeinern, mit anderen Worten, sich auf dem Gebiet des Spukens fortzubilden, varietas delectat eben auch auf dem schwierigen Feld des gediegenen Erschreckens. Tagsüber, so verpflichtet der Ehrenkodex, hält man sich jedoch zurück, dann gehört die Burg den Besuchern und Fremdenführern. Zu ersteren gehört auch Steffi. Gezwungenermaßen, da ihre Eltern mal wieder Gäste haben und sich mit ihnen auf die Sehenswürdigkeit des Ortes begeben. Nicht gerade der Traum eines jungen Mädchens, auch wenn es dieses Mal zu einigen Zwischenfällen kommt – nicht durch Gespenster, sondern zwei männliche Besucher verursacht, die sich nicht in die Regeln halten. Interessant wird das Gemäuer für Steffi erst, als sie eines Nachts im Lager ihres Vaters – er vertickt allerlei Gebrauchtwaren – Geräusche hört und sich prompt mit Schlag Mitternacht eine Horde Geister manifestiert, die ausgerechnet einen alten Fernseher klauen, Ergebnis einer heißen Diskussionsrunde der unsichtbaren Schlossbewohner, die den Anschluss an die Moderne nicht komplett verpassen wollen. So freundet sich Steffi mit den Untoten an, denen sie großzügig das alte TV-Gerät überlässt. Fortan ist sie nicht nur gern Gast auf der und um die Burg, wo sie auf ihre einige Jahrhunderte ältere neue Freundin Melanie trifft, sondern sie engagiert sich zudem für den Erhalt des Ansitzes. Durchsetzen kann sie sich allerdings erst, als die beiden Männer von neulich auftauchen, um sie zu entführen. Hierfür verstecken sie Steffi ausgerechnet im alten Burgverlies. An sich keine schlechte Wahl, nur hat die Entführte dort ein paar illustre Verbündete mit ganz eigenen Möglichkeiten. Die Krimihandlung ist angesichts der liebevollen, aber auch sehr klugen Gestaltung der Gespenstertruppe mit ihren vielen subtilen Seitenhieben fast schon überflüssig, werden wir doch zudem ohnehin schon mit den Zeichnungen einer der besten Jugendbuchillustratorinnen ihrer Generation verwöhnt: Amelie Glienke. Das Buch ist ab Neun, danach ist die Altersgrenze offen.

                                                                                                                                                                                                                                                                               

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Der Höhepunkt im "Hohlspiegel" 2021.

 

Der "Schwarzwälder Bote" hat ganz richtig erkannt, "Unvorhersehbares ist schwer vorherzusehen", etwa wenn man in Tutzingen gerne zum "Frühstückstreffen für Frauen" gehen möchte, dieses dann aber doch etwas unerwartet "am Abend" stattfindet. Eher schon in der Natur der Sache scheint zu liegen, was die "Celler Zeitung" verkündet: "Gericht hofft auf Deal mit Rauschgiftbande". Die ING-DiBa klärt dagegen Großeltern darüber auf, wie diese "ihren Ekeln" den Umgang mit Geld beibringen können.  

Gewonnen aber hat diese wenig schmeichelhafte Meldung aus der "Märkischen Allgemeinen", abgedruckt im "Spiegel" Nr.8 vom 20.02.2021: 

"Nutzer erfahren, dass Feuerwehrmann Norbert Pietsch für die Kollegen kocht, Reinigungskraft Roswitha Billig die gute Seele der Feuerwehr ist und wie ein alter Löscheimer aus dem 19.Jahrhundert aussieht."

 


 

 

 

 

 

Dienstag, 21. Dezember 2021

Das neue Buch: Unheimliche Orte in Baden-Württemberg.

 

Wieder einmal geht es zu den Orten, die nichts für schwache Nerven sind: Überall in Baden-Württemberg sind sie zu finden, vom fränkischen oder badischen Norden über die Schwäbische Alb und den Schwarzwald bis zum Bodensee und im Allgäu. Spuk- und Sagengestalten, schaurigen Ruinen, verlassenen Klöstern, Tatorten spektakulärer Verbrechen, all dem kann man in dem neuen Buch begegnen und sich dann, wen man sich traut, selbst an die Schauplätze begeben. Denn "Unheimliche Orte in Baden-Württemberg" kann nicht nur einfach gelesen, sondern zugleich wie ein Reiseführer verwendet werden. 

 


 

 

In jeder guten Buchhandlung oder direkt beim Verlag unter:

https://verlagshaus24.de/das-buch-der-unheimlichen-orte-in-baden-wuerttemberg